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ANNE (Schluchzen)
(Zittrig, spricht ihren Tagebucheintrag) "Oh Kitty..."
"Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird."
(Schluchzen)
(Zittrig) "Ich hör' den anrollenden Donner immer lauter,"
(Explosion in der Ferne) "der uns töten wird."
(Schluchzen) "Ich fühl' das Leid von Millionen Menschen mit."
(Seufzer) "Und doch,"
"wenn ich zum Himmel schaue,"
"denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird,"
(Schluchzen) "dass auch diese Härte aufhören wird,"
"und wieder Ruhe und Frieden in die Welt kommen werden."
(Röhrendes Flugzeug in der Ferne)
(Schluchzen) "Die Juden warten,"
(Traurige, getragene Musik) "die Christen warten,"
"der ganze Erdball wartet,"
"und viele warten auf ihren Tod."
(Traurige Geige)
"Und wir, wir haben es gut,"
(Kampfgeräusche in der Ferne)
"so viel besser als Millionen anderer Menschen."
(Husten) "Wir sitzen sicher und ruhig"
"und essen hier sozusagen unser Geld auf."
(Traurige, getragene Musik) "Wir sind so egoistisch,"
"dass wir über 'nach dem Krieg' sprechen,"
"uns über neue Kleider und Schuhe freuen,"
"während wir eigentlich jeden Cent sparen müssten,"
"um nach dem Krieg anderen Menschen zu helfen,"
"zu retten, was noch zu retten ist."
(Röhrendes Flugzeug)
(Kinderlachen) Dann fang mich doch!
Du kriegst mich nicht! -Ich krieg dich, gleich hab' ich dich!
Mathilda is'! (Kinderlachen)
OTTO: Anne! -Mathilda is'.
ANNE: Ja, was ist?
OTTO: Anne, komm! -ANNE: Hallo, Pim.
OTTO: Tante "O" gibt ein Picknick
für die Familie, mit Kuchen und Eis. -Juhu!
MÄDCHEN: Du bist jetzt dran! -Tut uns leid. Sag auf Wiedersehen!
Tschüss! (Kinderlachen)
Dein Hut. -Ja.
Pim, komm! -ALICE BETTY FRANK: Quecksilber ist da,
wir können also anfangen.
Tante Großmutter. -(Französischer Akzent) Danke, sehr gnädig.
EDITH: Möchte sich das Fräulein Frank jetzt vielleicht
auf seine fünf Buchstaben setzen?
Du bist ja ganz schmutzig. -Ja, Madame.
Soll ich den Waschfuchs holen? -Das heißt "Wasch-Lapon".
(Lachen)
ALICE BETTY FRANK: Frauenzimmerehen,
Frauenzimmerehen, Frauenzimmerehen. (Kuss, Lachen)
Otto? -Ja?
Warum geht ihr nicht auch nach Basel?
So wie deine Mutter...und deine Schwester.
Olga, wir werden auch in Zukunft sehr gerne hier in den Ferien sein,
wenn du es erlaubst. Holland ist genauso sicher wie die Schweiz,
Mutter, du weißt das. Nur eben näher an Aachen und Frankfurt.
Ich will wieder heim nach Frankfurt.
Anne hat sich besser eingewöhnt als Margot.
Aber wir mögen Amsterdam.
Wir bekommen viel Besuch von meiner Familie aus Aachen.
OTTO: Und ich bin jetzt dabei, mit der
Opekta mir eine ganz neue Existenz aufzubauen.
Ja, ich hoffe, es geht aufwärts mit dir.
ALICE BETTY FRANK: Mit euch. -Ich kann dich immer besuchen.
ALICE BETTY FRANK (lacht)
Hast du nicht erzählt, dieses Zeug aus deiner Firma,
es sei revolutionär für Frauen? -OTTO: Revolutionär für Frauen -
hurra, jetzt können wir Einkochen! (Lachen)
Also, auf die Frauen! -Auf die Holländer!
Auf Amsterdam.
(Gläserklirren)
FRAU: Wie geht's denn der Kleinen? -ZWEITE FRAU: Ach, ganz gut.
Na ja, wir arrangieren uns.
(Harmonische Orchestermusik)
MANN: Das geht vorbei. Die meisten...
VERKÄUFER: Hey, frischer Fisch!
Frischer Fisch für die junge Dame! Besser wird's nicht mehr. Oh, schade...
(Kindergeräusche)
(In der Ferne Kindergeräusche)
OTTO (gedämpft): Edith, glaub mir bitte.
EDITH: Van Daan sagt, wer erfasst wird, kommt in ein Sammellager
und von dort aus in den Osten in eines von den Arbeitslagern.
Glaubst du wirklich, dass die Deutschen mitten im Krieg
Juden eigens zur Zwangsarbeit nach Russland schicken?
EDITH: Van Daan hat es aus sicherer Quelle. -OTTO: Ja...
(Straßenbahn fährt vorbei, Straßengeräusche)
Ich glaube es ist alles noch viel schlimmer, Edith.
Das sind keine Arbeitslager.
Was sollen wir dann machen?
Amsterdam soll für Juden abgeriegelt werden.
OTTO: Ja, ich weiß.
OTTO: Bitte. Vertrau mir.
Ich habe so Angst, dass sie dich als ersten holen. Otto...
(Schluchzen)
Komm, reiß dich zusammen.
Schon gehört? Kann sein, wir kommen nicht mehr aus Amsterdam raus.
Was? -Hat Mansa gesagt.
Zum Glück hat sie keine Ahnung.
Und was sagt Pim dazu? -Ich glaube, er hat einen Plan.
Was ist?
Ich blute. -Hä‚ was?
Ja, da unten.
Zeig mal her! -Spinnst du?
ANNE (keck): So richtig oder nur so Geschmier?
ANNE (lacht) -Du kleiner Teufel, du!
Was ist jetzt? Hast du deine Regel oder nicht?
Ja, ich glaube schon.
ANNE (erfreut): Jippie, jippie hey, jippie hey!
Mann, das ist eklig!
Mansa findet's auch widerlich. Es ist auch widerlich.
Mansa hat noch nicht mal davon eine Ahnung.
(Leise Klaviertöne)
(Langsam anschwellende Klaviermusik)
(Meeresrauschen)
(Möwenlaute)
MÄDCHEN (durcheinander): Ich freue mich so! -Welchen Badeanzug hast du dabei?
Welchen Badeanzug... -Schaut mal!
MÄDCHEN: Breiten wir die Decke aus... -FÄHNLEINFÜHRER: Schaut mal.
FÄHNLEINFÜHRER: Wow, 10 Jüdinnen. -MÄDCHEN (kreischen, lachen)
Oh, wie elegant! (Lachen)
MÄDCHEN (kreischen, lachen)
FÄHNLEINFÜHRER (bestimmt): Hey, Juden! Raus aus dem Wasser!
(Durcheinander) Was will der denn? -Idioten. -Das sind einfach blöde Nazis.
FÄHNLEINFÜHRER: Die holen wir raus! -ANDERE JUNGS: Ja, genau ihr da!
(Brüllen durcheinander) Raus aus dem Meer! -Sofort raus, schnell! -Los, macht schon!
Einfach nicht hinsehen. -(Brüllen geht weiter)
Was wollt ihr da, hey? -Los, raus aus dem Wasser!
Wenigstens hier sind wir wie alle anderen Menschen. Verstanden?
(Schreien) Juden aus dem Wasser! (Alle zusammen) Juden aus dem Wasser!
Juden aus dem Wasser! Juden aus dem Wasser!
Hey, ihr kommt mal raus aus dem Wasser da! -ANNE: Wir müssen hierbleiben.
Nein, das ist doch... -MÄDCHEN: Los, raus!
Mir egal, ich bleibe hier.
Kommt raus!
Los jetzt! Ihr da, euch meine ich! Kommt raus aus dem Wasser!
Raus aus dem Wasser jetzt, los. Kommt...kommt.
Mädels, ohne Judenstern und im Wasser.
Alles verboten. Kommt, ne!
Fühlst du dich jetzt gut? -Halt's Maul, kleine Judenschlampe.
Ich halte nicht mein Maul.
Kapierst du eigentlich, was du da redest?
Wie würdest du das finden, wenn man dir alles verbietet,
nur weil du zufällig Jude bist?
Straßenbahn, Radfahren, Schwimmen, Kino.
Findest du das richtig? -Ich finde es richtig.
Sehr richtig sogar.
Und du? Gehst ab heute zum Judenfriseur.
Und du? Zum Judenarzt. Und ihr beide in die Judenschule.
Zur Judenschule. -Und danach...ab ins Arbeitslager.
Dreckiges Judenpack. -HOLLÄNDER: Hey!
Arbeiten sollt ihr nämlich, arbeiten.
Hey!
HOLLÄNDER: Schluss jetzt.
Ihr geht zu euren Sachen.
Und ihr lasst die Mädchen in Ruhe.
Sie haben euch nichts getan. Na los!
(Gedämpft) Kommt, Jungs.
Ab!
(Glockenläuten)
(Singen) Viel Glück und viel Segen
auf all deinen Wegen
Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei.
Augen auf. -Alles Gute zum Geburtstag!
(Amüsiert) Nein...
Danke, Pim. -OTTO (lacht)
Darf ich das auspacken? -Ja, fang mal damit an.
MARGOT: Gleich das Größte.
(Kreischen) -Überraschung!
(Kichern, Stimmengewirr) Hallo! -Hi Anne, alles Liebe!
Danke. -Alles Liebe.
(Stimmengewirr) ANNE: Zieht eure Jacken aus,
ich will heute keine gelben Sterne sehen!
MÄDCHEN (Kichern): Los, mach endlich auf! -ZWEITES MÄDCHEN: Ja, los!
Oh, Lakritze! -MÄDCHEN: Magst du doch.
ANNE: Danke. -(Durcheinander) Oh, süß! -Wie toll!
Von dir? -Ja. Gefällt's dir?
Ja, sehr. Danke!
(Macht Kuscheltier nach) Bei Anne Frank zu Hause, mäp mäp, mäp.
(Sanfte Klaviermusik)
(Spricht ihren Tagebucheintrag) "Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, ”
"wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe,"
"und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein."
"Es ist für jemanden wie mich ein eigenartiges Gefühl,"
"Tagebuch zu schreiben. Nicht nur, dass ich noch nie geschrieben habe,"
"sondern ich denke auch, dass sich später keiner,"
"weder ich noch irgendein anderer,"
"für die Herzensergüsse eines 13-jährigen Schulmädchens interessieren wird."
"Nun bin ich bei dem Punkt angelangt,"
"an dem die ganze Tagebuch-Idee angefangen hat."
"Ich habe keine Freundin."
"Ich habe zwar liebe Eltern und eine Schwester von 16,"
"ich habe, alle zusammengezählt, mindestens 30 Bekannte"
"oder was man so Freundinnen nennt."
"Ich habe einen Haufen Anbeter, die mir alles von den Augen ablesen"
"und sogar, wenn's sein muss, versuchen,"
"mit Hilfe eines zerbrochenen Taschenspiegels"
"einen Schimmer von mir aufzufangen."
"Aber ich kann mit keinem von meinen Bekannten"
"etwas anderes tun als Spaß machen."
"Ich kann nur über alltägliche Dinge sprechen"
"und werde nie intimer mit ihnen."
"Das ist der Haken."
"Vielleicht liegt dieser Mangel an Vertraulichkeit auch an mir."
"Jedenfalls ist es so, leider, und nicht zu ändern."
"Darum dieses Tagebuch."
"Um nun die Vorstellung der ersehnten Freundin"
"in meiner Fantasie noch zu steigern,"
"will ich dieses Tagebuch die Freundin selbst sein lassen."
"Und diese Freundin heißt: Kitty."
(Straßenbahn bimmelt und fährt ab)
Anne, so früh.
(Tür fällt zu)
Pim, wo bringst du das hin? -Das sind Unterlagen fürs Büro.
Auch die Schuhe? -Auch die Schuhe.
(Koffer schließt)
Pim?
Kannst du das für mich einschließen?
Hast du keine Angst, dass ich darin lese?
Nie.
ANNE: Ich hab' keine Angst.
OTTO: Ich weiß, Frauenzimmerehen,
ich weiß...
Pim? -Ja?
Warum kriegen wir eigentlich keinen Hund?
Juden dürfen keine Hunde halten.
Machst du immer alles, was die Nazis dir vorschreiben?
Anne, was soll ich tun?
JUGENDLICHE (lachen): Ich muss euch was erzählen, Jungs.
Kennt ihr die aus der 35? -Na klar.
(Auto hupt)
Die ist hässlich wie die Nacht! -Ja und dann?
Ich hab' bald die Augen zugemacht. Schaut mal, wer da kommt!
Hey! -Hallo Anne, alles gut? -Komm her!
(Lachen) Komm her Süße, komm her, komm!
(Stöhngeräusche) Auf geht's Anne, komm!
Komm schon rüber, na los! -Ganz toll, so sieht das aus,
so machen's die Hunde! -Weißt du, was das ist?
Und dann wieder hoch damit!
(Übermütig, lachen, reden durcheinander)
EDITH (aufgebracht): Anne, Anne!
Geh rauf, sofort! Bleib in der Wohnung bis ich wieder da bin
und lass niemanden rein! Hast du mich verstanden?
Tu so, als wärst du nicht da!
JUGENDLICHER: Vorsicht! Husch, husch, Mama! (Alle lachen)
(Tür fällt zu, Schritte)
ZEITUNGSVERKÄUFER (von draußen): Neuestes vom Tagblatt!
Es ist ein Anruf gekommen, für Pim.
Von der SS. -Wo ist Pim?
(Aufgebracht) Wo ist Pim, Margot?
Ich weiß es nicht. Mutter sucht ihn.
(Enttäuscht) Sie hat's mir nicht gesagt.
(Tür fällt zu)
(Leise) Nein, warte.
Vater ist auf dem Weg hierher.
Anne, geh in dein Zimmer. -Warum?
Ich muss mit Margot alleine sprechen.
(Wütend) Und wieso darf ich das nicht wissen?
Geh jetzt.
(Tür fällt ins Schloss)
Margot. -(Gehaucht) Ja?
(Leise) Komm her zu mir.
EDITH (tiefe Seufzer)
Anne.
(Zittrig) Es geht nicht um Pim.
Sie holen mich.
Aber...
so junge Mädchen. Aber wieso denn?
(Aufgewühlt) Anne, nein...nein.
ANNE (tränenerstickt): Aber...nein, du gehst nicht.
Ich geh' nicht weg.
(Leise) Wir verstecken uns.
Verstecken? -Du weißt es nur noch nicht.
(Beide schluchzen)
EDITH (gedämpft): Otto?
Otto.
OTTO (sehr leise): Uns ist nicht zu helfen.
(Kühl, gefasst) Wir müssen untertauchen, und zwar sofort.
Wir packen. -(Zaghaft) Jetzt?
Auf der Stelle. Wir gehen morgen weg.
Aber wohin? -EDITH (ruhig): Nicht jetzt.
Kommt, los. Wir müssen packen.
(Klingeln)
(Geflüstert) Anne, wir sind nicht da. (Erneutes Klingeln)
(Geflüstert) Es sind Miep und Henk.
(Geflüstert) Lass sie rein.
HENK (zögerlich): Wir...haben gedacht, Sie könnten jetzt jede Hilfe gebrauchen.
Nein, das können wir nicht annehmen. -Sie begeben sich selbst in Lebensgefahr.
Herr Frank, sollen wir zusehen, wie sie erst Margot abholen
und dann die ganze Familie?
(Straßengeräusche, Hupen)
Lassen Sie sich helfen. -Ja.
MIEP: Bitte. -Bitte.
(Getragene Orchestermusik)
EDITH (geflüstert): Bitte komm jetzt.
ANNE: Ach Moortje, liebe Moortje...
OTTO: Anne.
(Emotionale Orchestermusik)
(Tür fällt zu, Koffer werden abgestellt)
(Vorsichtig) Wo ist Margot? -Die ist schon im Versteck.
OTTO: Ich komme wieder runter, wenn die Arbeiter im Lager gegangen sind.
(Gedämpft) Was ist mit den Arbeitern?
Die Arbeiter sind nicht eingeweiht. -Was? Wie soll das gehen?
EDITH (leise): Otto... -KUGLER: Hartog und van Maaren
sind zwei Mitarbeiter, die hinten im Lager beschäftigt sind.
Das ist direkt unter dem Versteck. Sie kommen jeden Tag genau um halb acht.
Das ist gleich. Sie müssen vorher im Versteck sein, es ist zu gefährlich.
Warum sind die Arbeiter nicht eingeweiht? -Frau Frank, jeder Mitwisser mehr
ist ein großes Risiko, auch für uns. -Und van Maaren ist bei den
holländischen Nazis im NSB. -KUGLER: Aber der ist harmlos,
glauben Sie mir. Der ist ein anständiger Kerl.
OTTO: Ja, gut. -MIEP: Kommen Sie,
ich bringe Sie nach oben. -Bitte machen Sie weiter.
MIEP: Gib mir den Koffer, Beeilung. -OTTO: Weiter, komm.
Wohin? -Nach oben.
Komm, geradeaus. Schnell!
ANNE (stöhnen)
Miep? Bis später. -Ja, Herr Frank.
Bis gleich. -Ja.
(Klopfen wird erwidert)
Morgen. -Morgen. Scheißwetter, hä?
ANNE: Margot?
EDITH (leise): Oh Gott.
Wirst sehen, die Deutschen werden den Krieg gewinnen.
Dann werden sie allen den Arsch aufreißen,
die nicht mitgemacht haben, so wie den Juden.
Ist gleich halb.
ZWEI FUßGÄNGER (leise): Also wenn das so weiter regnet...
Also pass besser auf.
Pim, wie hast du das alles gemacht?
(Gedämpft) Wir arbeiten seit Monaten an dem Versteck.
Wir haben fast jeden Tag was hergeschafft.
(Angespannt) Anne, geh vom Fenster weg. Weg!
(Leise) Die Fenster bleiben zu. -Papa, es ist so stickig hier drin.
Wir müssen die Fenster öffnen. -OTTO: Das geht nicht. Tut mir leid.
Wann können wir die Fenster denn aufmachen?
Nie. Die Nachbarn dürfen nicht wissen, dass hier jemand lebt.
(Kraftlos) Nie?
Nie.
Können wir uns hier frei bewegen?
Abends,
wenn die Arbeiter ihre Mittagspause machen und am Wochenende.
Und wenn man aufs Klo muss?
Wir können die Toiletten tagsüber nicht benutzen.
Darf man nicht ziehen? -Ich wiederhole:
Wir können die Toiletten tagsüber nicht benutzen.
(Gong einer Uhr)
(Leise) Ab jetzt kein Laut. (Nochmal Gong der Uhr)
(Maschinengeräusche) An die Arbeit.
(Leise Klaviertöne)
(Gedämpfte Maschinengeräusche)
(Türquietschen)
(Spricht ihren Tagebucheintrag) ”Liebe Kitty, Es beklemmt mich”
"doch mehr als ich sagen kann, dass wir niemals hinausgehen dürfen."
"Und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden."
"Das ist natürlich eine weniger angenehme Aussicht."
"Wir Juden dürfen nicht unseren Gefühlen folgen,"
"müssen mutig und stark sein, müssen alle Beschwerlichkeiten auf uns nehmen"
"und nicht murren, müssen tun, was in unserer Macht liegt,"
"und auf Gott vertrauen."
"Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen."
"Wer hat uns das auferlegt?"
"Wer hat uns Juden zu einer Ausnahme unter allen Völkern gemacht?"
"Wer hat uns bis jetzt so leiden lassen?"
"Es ist Gott, der uns so gemacht hat,"
"aber es wird auch Gott sein, der uns wieder aufrichtet."
"Wenn wir all dieses Leid ertragen und noch immer Juden übrig bleiben,"
"werden sie einmal von Verdammten zu Vorbildern werden."
”Wir können niemals nur Niederländer oder Engländer oder was auch immer sein, "
"wir müssen daneben immer Juden bleiben."
"Aber wir wollen es auch."
"Seid mutig."
"Wir wollen uns unserer Aufgabe bewusst bleiben und nicht murren."
"Es wird einen Ausweg geben. Die Schwachen fallen,"
"aber die Starken bleiben übrig und werden nicht untergehen."
"Wer weiß, vielleicht wird es noch unser Glaube sein, der die Welt"
"und damit allen Völkern das Gute lehrt."
(Schritte, Tür geht auf)
OTTO: Komm herein.
EDITH: Willkommen, Peter.
Guten Tag. -OTTO: So...
EDITH (leise): Sagt ihr guten Tag? -ANNE UND MARGOT: Guten Tag.
HANS (ungehalten): Los, beweg deinen Hintern!
(Derb): Nicht jetzt, Finger weg!
Nicht jetzt, oh Gott. (Schnaufen)
PETRONELLA: Ist das hier ein Baumhaus oder was?
HANS (ungehalten): Mach jetzt keine Witze, Kerli!
OTTO: Geben Sie mir doch den Koffer. -HANS: Danke...danke.
(In der Ferne Glockenläuten) (Leise) Ich will nicht.
OTTO: Frau van Daan,
Herr van Daan, Peter.
Willkommen im Hinterhaus. -Ja, das ist unsere Rettung.
(Räuspern) Das war ganz schön knapp, was, Putti?
Ja. Jeden Moment hat man gedacht, die Gestapo steht vor der Tür.
(Kleiner Lacher) Hier nicht, Herr van Daan, hier nicht.
HANS: Apropos, Ihr Trick, der hat geklappt.
Das Gerücht geht um, dass sich die Franks über Belgien
in die Schweiz abgesetzt haben, zu ihrer reichen Verwandtschaft.
(Schnauft) Ja, das ist zwar etwas beengt, aber...in Sicherheit.
(Fröhlich) Ich hab' was mitgebracht! (Lachen)
PETRONELLA: Ohne ihn... -HANS: Ja, Epoche machend, Kerli.
OTTO (lacht) -...fühl' ich mich nirgends daheim.
PETRONELLA (lacht weiter) -Wie originell.
PETRONELLA: Ja, Entschuldigung. Mädels, habt ihr euch denn schon
schön eingelebt, hä?
MARGOT: Ja, Frau van Daan, -PETRONELLA: Anne, hm?
MARGOT: das haben wir.
PETRONELLA: Na ja...
Ihr habt ja jetzt deutlich bessere Bedingungen für eure Bedürfnisse, hm?
Und jetzt, Putti, jetzt kommt das da endlich und feierlich weg.
Schere? (Schnaufen)
PETRONELLA: Und zwar ein für alle mal.
(Singen) Mir geht's gut, ich bin froh und ich sag' dir auch wieso.
Weil du mich gut verstehst.
Und mit Rat und mit Tat als mein treuer Kamerad mit mir durchs Leben gehst.
Ich will Freud und Leid mit dir teilen, ohne dich fang' ich gar nichts mehr an.
Mir geht's gut, ich bin froh und ich sag' dir auch wieso.
Weil ich dein Freund sein kann. (Bade buchen)
Anne, dieses unsittliche Nachthemd! (Kichern)
Wie findest du Peter eigentlich?
Jungs interessieren mich nicht. -Sag's doch: Er ist langweilig.
Und er durfte seine Katze mitnehmen.
Wenn ich mal einen Freund habe, dann bestimmt nicht so einen.
(Ausatmer) Anne, du und ein Freund...
Du bist doch noch grün hinter den Ohren!
Komm mal her.
Was denn? -Warte...
Was ich sage: Grün.
Schau dich doch mal an.
Woher willst du das eigentlich wissen,
wenn dich Jungs doch gar nicht interessieren?
Gut, lieb und klug sein ist nicht alles auf der Welt, Schwesterlein.
(Neckisch) Ich nehm' mir mal das da. -Anne, hör auf!
ANNE (kleiner Lacher)
MARGOT: Die Träger sind zu lang.
Ich weiß, hol' mir mal Socken zum Ausstopfen.
Was? 'Los!
(Schublade wird aufgezogen)
MARGOT (kleiner Lacher): Du bist schlimm.
Und du bist ein Mäuschen.
ANNE (kleiner Lacher)
Margot? -Hm?
Wie lange wird's bei mir noch dauern, bis er mir richtig passt?
Mindestens ein Jahr.
Findest du mich eigentlich sehr hässlich?
Ich finde, du siehst wirklich witzig aus, Anne.
Und du hast sehr hübsche Augen.
FRAU". Ah, Frau van der Bussen, Sie sind schon da.
MANN: Hallo.
(Im Hintergrund trommelnde Maschinengeräusche)
(Gongschläge der Uhr)
MANN (durch Wand): Mahlzeit.
PETRONELLA (Räuspern)
Anne!
PETRONELLA: Wem gehören denn die Handtücher hier?
Uns. -Aha.
PETRONELLA (leicht genervt): Frau Frank, kommen Sie doch bitte mal kurz, ja?
(Teller und Besteck klappern)
Ja, bitte?
Ich denke, das hier ist mein Wäscheschrank.
Er steht ja auch in unserem Zimmer, nicht wahr?
EDITH (kleiner Lacher): Das ist ein Missverständnis,
Frau van Daan. Das Zimmer ist für alle, genau wie der Schrank.
Ich wüsste sonst gar nicht, wohin mit meiner Wäsche.
Aha. (Klopfen an der Tür)
Miep kommt.
OTTO: Miep! -Miep, wie geht es Ihnen?
Was ist draußen los?
Haben Sie alles von der Bestellung bekommen?
Ihre Lebensmittelkarten sind gesperrt, Herr Frank.
Was? -Sie gelten als verschwunden.
Ja, das war absehbar.
Nimmt der Gemüsehändler keine Gulden mehr?
Immer weniger. Ich hab' deswegen auch nur 15 Pfund Kartoffeln bekommen.
(Enttäuscht) Ach... -Miep‚ hast du fragen können,
wo Moortje jetzt ist? -EDITH: Anne...
Lassen Sie nur. Anne, ich weiß es nicht.
Sie haben alle Telefonanschlüsse von Juden gesperrt.
(Motorengeräusche von draußen)
Moortje...
OTTO: Miep, was ist?
Miep, bitte. Die Mädchen sollen wissen, was draußen passiert.
Es gibt ein Gerücht, dass die Deutschen einen neuen Erlass herausbringen.
OTTO: Ja?
MIEP: Die verbleibenden Juden können sich melden und dann wählen...
Wählen zwischen was?
Zwischen Deportation und Sterilisation.
Wer sich sterilisieren lässt, darf hier bleiben
und bekommt ein rotes "J" in den Pass.
Statt dem schwarzen
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): "Der Abschaum regiert über Jung und Alt, ”
"Arm und Reich."
OTTO (tiefer Ausatmer) - ANNE: ”Ein schönes Volk, die Deutschen."
"Und da gehöre ich eigentlich auch noch mit dazu."
"Aber nein, Hitler hat uns längst staatenlos gemacht."
"Und im Übrigen gibt es keine größere Feindschaft auf dieser Welt"
"als zwischen Deutschen und Juden."
(Klopfen)
Guten Abend, Herr Frank.
(Tiefer Atmer, leise) Guten Abend, Herr Kugler.
Wie geht es Ihnen? -Sehr gut, vielen Dank.
Undlhnen? -Gut.
Im Büro ist alles vorbereitet.
(Tür geht zu, Schritte)
Anne?
Ja? -Willst du sie auch mal streicheln?
Nö, ich habe selbst eine.
Und wo ist sie? -Sie ist Jüdin. Im Untergrund.
Äh... -Gute Nacht.
Gute Nacht.
Sehen Sie mal, das sind die aktuellen Zahlen vom Gewürzhandel.
OTTO (gedämpft): Das ist beeindruckend.
Mit dem was die Opekta abwirft,
sollte das doch reichen, uns alle durchzubringen.
Wenn der Krieg noch länger dauert...
Das wird schon.
Ich habe da noch eine Frage, Herr Frank.
Ja? -Ein jüdischer Zahnarzt,
ursprünglich aus Berlin. Er ist wie Sie nach Amsterdam emigriert
und sitzt jetzt hier fest.
Und?
Die Deportationen nehmen gerade rapide zu.
Der Mann bittet um Hilfe.
Wie heißt der Mann? -Fritz Pfeffer.
Wir kennen ihn, Kugler.
Wo sieben Leute satt werden, reicht es auch allemal für einen Achten.
Pim?
(Würgelaute)
Wie tief war der Arm - so tief? Oder so...so?
MARGOT (lacht): Oh Gott... -Also ich habe doch gleich gesagt,
dass die Erdbeerrezepte nicht als Klopapier taugen.
Oh, iiih, du bist widerlich! -Wieso?
Manche hätte man glatt wiederverwenden können.
(Alle lachen)
PETRONELLA (genervt): Anne!
Warum bist du denn nur so ungeschickt?
Mein schönes Porzellan...
(Weinerlich) Wir haben sowieso schon nichts mehr, was uns bleibt.
Es tut mir leid.
(Aufgebracht) Peter, wenn du sie nicht immer so anglotzen würdest,
dann wäre das vielleicht gar nicht passiert!
Glotz nicht so. -Das ist jetzt schon die dritte Tasse,
die du dieses Jahr zerbrichst! -Hm.
ANNE UND MARGOT (prusten und kichern)
Wer sagt dir denn eigentlich, dass du immer mein Geschirr nehmen sollst,
wenn du den Tisch deckst? (Uhr läutet)
Niemand. Aber Ihres gefällt mir.
(Zickig) So, jetzt gib's zu. Du sollst das von deiner Mutter schonen!
(Ruhig) Frau von Daan, das stimmt doch nicht.
PETRONELLA (entrüstet): Na was fällt dir denn ein, hä?
Ich kenne Mädchen, die sind besser erzogen als Anne. Ja!
Da Iob ich mir Margot! -ALLE KINDER (kichern)
OTTO (reserviert): Wir finden, Anne ist gut erzogen, Frau von Daan.
(Aggressiv) Jetzt nehmen Sie Anne auch noch in Schutz!
Ich denke, sie hat wenigstens gelernt,
auf Ihre endlosen Predigten keine Antwort mehr zu geben.
PETRONELLA: Das ist jetzt aber die Höhe! Putti?
Aber Kerli, sie ist ja noch ein Kind.
(Wütend) Kind? Haha, schön wär's!
Ja, jetzt ist aber gut, setz dich. Setz dich.
Setz dich! Du sollst dich setzen!
KINDER (fangen wieder an zu kichern)
(Aufgebracht) Sie haben ja wirklich eine seltsame Auffassung von Erziehung.
In meiner Jugend war das ganz anders.
Und ich bin mir sicher, das ist auch heute noch ganz anders, ja.
(Sarkastisch) Außer natürlich in Ihrer modernen Familie.
(Verärgert) Jetzt lass aber mal gut sein, ja?
EDITH: Lassen Sie nur.
Ich glaube, wir alle brauchen mehr Bescheidenheit.
Ich bin bescheiden.
PETRONELLA: Also ich bin sogar sehr bescheiden!
(Zickig) Ich bin viel bescheidener als mein Mann beispielsweise.
Ja, jetzt haben wir den Salat.
PETRONELLA (aufgebracht): Anne,
ich sage dir, lass dieses Grinsen. Das beleidigt mich!
Deine Mutter, die hat vollkommen Recht: Du musst viel bescheidener werden!
(Ausatmen Anne'.!
Sie ist vollkommen falsch erzogen.
(Schluchzen, ringt mit Tränen)
(Wütend) Nichts, aber auch einfach gar nichts lassen Sie an mir gelten,
Frau van Daan. Mein Auftreten, mein Charakter, meine Manieren,
alles wird Stück für Stück von vorne bis hinten und von hinten bis vorne
bequatscht und betratscht. (Schniefer)
Und eins, an das ich gar nicht gewöhnt war,
nämlich harte Worte und Geschrei an meine Adresse,
soll ich jetzt laut befugter Seite einfach schlucken?
(Schniefer, entschlossen) Das kann ich nicht.
Und ich denke auch gar nicht daran, diese Beleidigungen einfach hinzunehmen.
Aber ich werde Ihnen schon zeigen, dass Anne Frank nicht von gestern ist.
Sie werden sich noch wundern und Ihre dumme Klappe halten,
wenn ich Ihnen klar mache, dass Sie nicht mit meiner Erziehung,
sondern Ihrer Eigenen beginnen müssen.
EDITH (wütend): Anne, du entschuldigst dich sofort bei Frau van Daan!
(Ruhige Klaviermusik)
(Wasserhahn läuft)
(Klopfen an der Tür)
(Tränenunterdrückt) Bin ich wirklich so ungezogen,
eigenwillig, störrisch, unbescheiden, dumm und faul,
wie sie es da oben alle behaupten?
(Zögerlich) N-Nein.
(Schluchzer)
OTTO: Morgen. -Morgen.
Pim?
Ich muss es dir einfach mal sagen. -Was denn?
Ich habe dich viel lieber als Mutter.
Ja, und endlich ist es raus.
Das geht vorüber.
Das glaube ich nicht. -Ach, wirst sehen.
Komm her.
OTTO: Hm.
(Lächeln)
Papa arbeitet noch.
Wollen wir zusammen beten?
Nein, Mansa.
Ich will nicht böse auf dich sein.
Liebe kann man nicht erzwingen.
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): ”Tränen liefen über Mansas Gesicht,"
"als sie zur Tür hinausging."
"Ich blieb still liegen und fand es sofort gemein von mir,"
"dass ich sie so rüde von mir gestoßen hatte."
"Aber ich wusste auch, dass ich nichts anderes antworten konnte."
"Ich konnte nicht so heucheln und gegen meinen Willen mit ihr beten."
"Es ging einfach nicht."
"Ich hatte Mitleid mit ihr, sehr viel Mitleid."
"Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gemerkt,"
"dass meine kühle Haltung sie nicht gleichgültig lässt."
"Ich habe den Kummer auf ihrem Gesicht gesehen,"
"als sie sagte, dass Liebe sich nicht zwingen lässt."
"Es ist hart, die Wahrheit zu sagen,"
"und doch ist es die Wahrheit, dass sie mich selbst von sich gestoßen hat,"
"dass sie mich selbst durch ihre taktlosen Bemerkungen"
”für jede Liebe von ihrer Seite abgestumpft hat,"
"durch ihre rohen Scherze über Dinge, die ich nicht witzig finde."
"So wie sich in mir jedes Mal alles zusammenkrampft, ”
"wenn sie mir harte Worte sagt, so krampfte sich ihr Herz zusammen,"
"als sie merkte, dass die Liebe zwischen uns wirklich verschwunden ist."
Anne.
Du musst dich bei Mansa entschuldigen.
Das tue ich nicht. Weil ich sie nicht liebe.
So was darf man nicht sagen,
und es stimmt auch nicht.
Es stimmt aber doch.
Ich muss mich mit Gewalt zwingen,
sie nicht immer anzuschnauzen und ruhig zu bleiben.
Ich könnt' ihr glatt ins Gesicht schlagen.
(Empört) Schlagen? -Ja, schlagen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass Mutter mal stirbt.
Aber dass Pim mal stirbt, das könnt' ich nicht aushalten.
(Leise) Dass Mansa stirbt!?
(Aufgebracht) Das ist sehr gemein von dir, Anna.
Aber so fühle ich es.
Und du?
(Aufgebracht) Ich wäre völlig verzweifelt, wenn einer von uns sterben müsste.
Du verstehst mich nicht.
Keiner versteht dich. Wirklich Anne, keiner versteht dich.
(Kühl) Geh.
(Dezente Klavierklänge)
(Elegische Streicher kommen hinzu)
(Verhalltes Lachen)
(Schnaufen)
Wo sind wir denn überhaupt?
(Lautes Knarzen)
Treten Sie ein.
Kommen Sie.
DUSSEL: Hier hinauf? -Ja.
(Lautes Knarzen)
OTTO: Das wird er wohl sein.
(Knarzende Schritte)
DUSSEL: Das verstehe ich jetzt aber nicht.
Herr Doktor... -OTTO: Kommen Sie,
kommen Sie, Herr Pfeffer. -(Vorsichtig) Frau Frank...
OTTO: Setzen Sie sich.
(Stuhl wird gerückt)
(Leise) Herr Frank.
(Vorsichtig) Ja, Sie... Sie sind ja gar nicht in Belgien.
Nein. -Nein...
Und...das Auto... -Wir erklären Ihnen alles später.
Bitte! -Und die Flucht,
ist die nicht gelungen, die...
Anne hat etwas vorbereitet.
Zur Verlesung kommt nun ein von der "Versteckskommission" verfasster Prospekt
und Leitfaden vom Hinterhaus.
"Spezielle Einrichtungen für die vorübergehende Unterkunft"
"von Juden und ihresgleichen."
"Während des ganzen Jahres geöffnet, schöne, ruhige, waldfreie Umgebung"
"im Herzen von Amsterdam."
"Keine privaten Nachbarn. Miete ist gratis und Diätküche fettfrei."
Wenigstens das, ja. -"Und fließendes Wasser"
"im Badezimmer und an diversen Innen- und Außenwänden."
"Eigene Radiozentrale mit direkter Verbindung"
"nach London, New York, Tel-Aviv und anderen Städten."
"Es ist strengstens verboten, deutsche Nachrichten zu hören."
"Freizeit fällt bis auf Weiteres aus." -HANS: Ohh.
"Gymnastik ist täglich, und starke Getränke nur gegen ärztliches Attest."
DUSSEL: Das können wir ändern.
Wäre das Ihre Aufgabe?
"Gebrauch von der Sprache: Es wird zu allen Zeiten gefordert,"
"leise zu sprechen. Erlaubt sind alle Kultursprachen."
Also dann kein Deutsch.
HANS (lachen): Bravo!
DUSSEL: Danke, Anne.
Kein Deutsch...
(Glockenläuten) Sagen Sie,
wie viele Leute wissen eigentlich von dem Versteck?
Außer uns nur die vier Angestellten vorne im Büro.
HANS: Aber...
die sind absolut vertrauenswürdig.
Was glauben Sie denn?
Kerli, hm? -Ja, was glauben Sie denn?
(Leise, kichern) Ja was glauben Sie denn?
Und bei den anderen sind Sie völlig sicher? -OTTO: Wir leben hier jetzt
vier Monate.
Und wenn wir jemanden retten können,
dann ist doch alles andere Nebensache.
(Zögerlich) Ich frage nur, weil...in den letzten Wochen
jeder Jude in Amsterdam verzweifelt versucht hat,
eine "sichere Adresse" zu finden.
Und...ja, das kann nicht in allen Fällen gut gehen.
(Explodiert) Wir leben hier auf einem Pulverfass!
HANS (schwere Atmer): Nicht wahr, Kerli? -Ja, Putti, du sagst es.
Ja...
HANS (um Fassung bemüht): Auf...dass niemand uns findet.
OTTO: Herr Pfeffer, wir müssen vertrauen.
EDITH: Richtig. -HANS: Ja. (Tiefer Ausatmer)
Und wir können vertrauen. -EDITH: Ja.
(Klospülung, Schritte)
Na?
Ich stelle das Glas mit der Zahnbürste hierhin. Ist dir das Recht?
Nein.
(Versöhnlich) Na, wir werden uns schon vertragen.
Wie ist das eigentlich,
so allein...eingesperrt mit zwei Familien?
Ich habe eine Frau,
draußen.
ANNE: Draußen.
Weil sie Christin ist, darf sie frei rumlaufen.
Und Sie sind Jude.
Und alleine hier.
Das ist noch nichts für dich.
(Gelächter, Straßengeräusche, Stimmengewirr)
(Tuckernde Maschine im Hintergrund)
DUSSEL: Anne, dünner die Schalen. Anne? Sieh mal.
(Belehrend, langsam) Ich nehme das Messer so in die Hand
und schäle dann von oben nach unten.
Von oben nach unten.
Nein...nicht so.
ANNE: So geht es aber nicht.
Aber das ist die beste Art. Das kannst du mir glauben.
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): "Kitty, bitte stell dir vor: "
"Dussel der Zahnarzt."
"Die Hose bis zur Brust hochgezogen, schwarze Lackpantoffeln und Hornbrille."
"Ewig arbeitend, ohne Fortschritte."
(Murmelnd) Du nimmst das Messer so in die Hand...
"Die gnädige Frau van Daan: Immer hat sie es mit Dussel wichtig."
"Aber er kann sie nicht ausstehen. Hauptsache, ihr hört jemand zu."
"Ob es denjenigen interessiert oder nicht,"
"darauf kommt es nicht an."
HANS: Kinder,
ich habe Radio Oranje gehört.
Wenn die Alliierten ihre Invasion vom Norden her führen,
ich schwöre euch, dann sind sie in drei Tagen hier in Amsterdam.
Ist das wahr? -Ja.
Und wenn sie vom Süden kommen, dauert es allerhöchstens drei Wochen.
Wenn die Invasion kommt...
(Genervt) Warum setzt du dich nicht hin? -Ich stehe gut so. Ich stehe lieber.
Du spritzt. -Ich passe auf, das siehst du doch.
EDITH: Herr van Daan,
warum bombardieren denn die Engländer nicht jetzt?
Weil das Wetter zu schlecht ist.
PETRONELLA: Ja aber gestern war das Wetter doch gut,
und da sie sind auch nicht geflogen. -Reden wir nicht darüber.
Warum denn nicht? Man kann doch hier seine Meinung mal sagen.
(Bestimmt) Nein. -(Wütend) Mutter!
PETRONELLA: Der Doktor hat recht.
Die Invasion kommt nie. Gell, Herr Doktor?
Alle wären sehr glücklich, wenn Sie Ihre Meinung auch mal für sich behalten könnten.
(Getragene Orchestermusik)
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): "Manchmal ist die Stimmung im Haus"
"drückend und bleiern."
"Draußen hört man keinen Vogel singen,"
"eine tödliche und bedrückende Stille liegt über allem."
"Ich fühle mich dann wie ein Singvogel,"
"dem die Flügel mit harter Hand ausgerissen worden sind"
"und der in vollkommener Dunkelheit gegen die Stäbe seines engen Käfigs fliegt."
(Orchestermusik schwillt an, Naturgeräusche)
(Orchestermusik ebbt wieder ab)
(Stellt Maschine ab)
(Maschine läuft aus)
Hast du's gehört?
(Angespanntes Atmen)
(Angespanntes Atmen)
Weiter.
(Stellt Maschine wieder an)
(Tuckern der Maschine)
MARGOT: Je ris,
il/elle rit, nous rions, vous riez, ils/elles rient. Jetzt du.
Ich bekomme bald meine Periode.
Du? -Ja.
Ich hab' so klebriges Zeug in der Hose
und Mansa hat's mir sowieso vorausgesagt.
Wie kannst du dich darüber freuen, Anna?
Ich kann's kaum erwarten.
Blöd ist nur, dass ich keine Damenbinden tragen kann.
Meinst du, die gibt's nach dem Krieg wieder?
Keine Ahnung.
Und diese Stäbchen von Mama, die sind nur was für Frauen,
die schon mal ein Kind hatten.
Oder was sagst du dazu?
Je riais, tu riais, il/elle riait, nous riions...
Denkst du eigentlich an nichts anderes?
(Leise Klaviertöne)
(Gefühlvolle Orchestermusik)
(Tür geht auf)
PETER (kleiner Lacher): Anne.
ANNE: Er ist einfach wieder abgehauen.
ANNE: Los, Mieze, geh.
Neues Foto? Aus der Cinema, Buster Crabbe.
Ja, Tarzan.
Ist aber schon etwas älter, der Film.
Wann warst du das letzte Mal im Kino?
Soll ich mal probieren?
(Kleiner Lacher) Ja, hier. Englischer Königsmörder
mit C am Anfang und W in der Mitte. Acht Buchstaben.
Versuch's mal mit Cromwell.
Das passt. -(Kleiner Lacher) Hab' ich doch gesagt.
Warte mal.
Probier mal selbst, ich schau dir zu.
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): "Ich würde Peter gern fragen, ob er weiß, ”
"wie eine Frau eigentlich von unten aussieht."
"Er hat doch vermutlich noch nie ein Mädchen von so nahe gesehen."
"Ehrlich gesagt ich auch nicht. Ein Junge ist von unten,"
"glaube ich, nicht so kompliziert gestaltet wie ein Mädchen."
"Auf Fotos und Abbildungen von nackten Männern"
"kann man doch sehr gut sehen wie die aussehen,"
"aber bei Frauen nicht."
"Also los. Zwischen den Beinen sind eine Art Kissen,"
"weiche Dinger, auch mit Haaren, die beim Stehen aneinander liegen. "
"Wenn du dich setzt, spalten sie sich auseinander,"
"und innen sieht es sehr rot und hässlich fleischig aus."
"So entsetzlich klein ist das Loch darunter,"
”dass ich mir fast nicht vorstellen kann, wie dort ein Mann hinein soll, "
"geschweige denn ein ganzes Kind heraus."
"In dieses Loch kannst du noch nicht mal so leicht mit deinem Zeigefinger."
"Das ist alles, und es spielt doch so eine große Rolle."
(Genervt) Ich habe dir schon hundert Mal gesagt,
dass Papier nicht in den Abfall gehört!
Ja und? -Das hier ist dein Gekritzel.
Steno. Und wo liegt es? Im Müll!
Es gehört in den Ofen zum Heizen!
(Schnippisch) Hab's vergessen. -Du merkst dir doch sonst jeden Mist.
Wenn's wichtig ist schon.
(Aufgebracht) Lass mich einfach in Ruhe!
Weg von allem. Am liebsten weg von der Welt.
Und weg von deiner Beschränktheit.
Ich kann mir nicht vorstellen, so zu leben wie du oder Frau van Daan
oder all die anderen Frauen, die später vergessen sind.
(Geflüstert) Anne...
(Tür knallt ins Schloss)
(Dussel schnarcht)
PETRONELLA (durch die Wand, schreit): Gar nichts wird besser!
(Geschrei geht weiter)
(Wird zu Weinen, Husten)
(Leise Klaviertöne)
(Tiefer Einatmer) Anne...
Bist du das?
Bist du das wirklich?
Dieser Hass...
EDITH (verbittert): Und du verteidigst sie, immer noch.
Anne ist 14 Jahre alt. Sie macht eine...
Siehst du eigentlich gar nicht, wie's mir geht?
Doch, das sehe ich durchaus.
Margot ist ein völlig anderer Mensch.
Sie ist ruhig, höflich, bescheiden.
Welche Fehler habe ich bei Annes Erziehung gemacht?
Keine. Anne ist wie sie ist. -Ja, sie ist wie sie ist
und sie macht was sie will. Und alle müssen sich danach richten.
Sieh es doch einfach so: Anne hat überschüssiges Temperament
und sie hat keinen Raum, um es auszutoben.
(Aufgebracht) Sie treibt sich überall herum!
Ja, überall - das ist nicht sehr viel Platz.
(Getragene Orchestermusik)
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): ”lch möchte alle anschreienf'
”Lasst mich in Ruhe. Alle!"
"Jeder findet mich übertrieben, wenn ich etwas sage,"
"lächerlich, wenn ich schweige, frech, wenn ich eine Antwort gebe, "
"gerissen, wenn ich eine gute Idee habe, faul, wenn ich müde bin,"
"egoistisch, wenn ich einen Bissen zu viel esse,"
"dumm, feige, berechnend. Ich möchte alle anschreien."
"Lasst mich endlich eine Nacht schlafen,"
"ohne dass mein Kissen nass von Tränen ist,"
"meine Augen brennen und Schmerzen in meinem Kopf hämmern!"
"Lasst mich einfach weg von allem."
"Aber ich kann es nicht. Ich kann Ihnen meine Verzweiflung nicht zeigen."
Lächel mal.
Warum soll ich lächeln?
Weil das hübsch ist.
Du kriegst dann immer so Grübchen in den Wangen.
Wie kommt das eigentlich?
Damit bin ich geboren.
Das ist auch das einzig Hübsche an mir
Nein, das ist nicht wahr. -Doch.
Ich weiß, dass ich kein hübsches Mädchen bin.
Das bin ich nie gewesen und das werde ich auch nie sein.
Das finde ich überhaupt nicht.
Ich finde dich hübsch.
Das ist nicht wahr.
Anne, ich muss dir was Wichtiges erzählen.
Die holländische Exilregierung hat bekanntgegeben,
dass sie nach dem Krieg eine Reihe von Tagebüchern und Briefen herausgeben.
Alles aus dieser Zeit.
Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt jemanden interessieren wird,
wie wir Juden hier gelebt, gegessen, gesprochen haben.
Wie viel Angst wir haben, wenn bombardiert wird
und die Häuser zittern wie Grashalme im Wind.
Einmal wirst du sehr berühmt sein, Anne.
(Röhrender Flugzeugmotor)
(Bombeneinschläge, Flugzeuggeräusche) (Schluchzen)
(Großer Einschlag) (Angstschreie)
ANNE (panisch): Ich kann nicht mehr! (Alle schluchzen)
(Weitere Bombenagriffe)
ANNE (angsterfüllt): Ich habe ein brandneues Anti-Schieß-Rezept.
(Außer Atem) Du musst so lange die Treppe hoch- und runterlaufen,
bis du richtig... (Keuchen, Panik)
...böse hinfällst.
Mit den Schrammen und dem Lärm hast du genug zu tun,
um das Schießen und alles andere... (Keuchen, Weinen)
zu vergessen! Siehst du, siehst du?
(Außer sich) Lass das!
ANNE (schreit) -EDITH (laut): Hör auf, Anne!
(Alle keuchen)
EDITH (verzweifelt): Die Engländer sollen uns retten, nicht umbringen!
MARGOT (zittriges Singen): ...der Vater hüt' die Schaf
Die Mutter schüttelt's Bäumelein
Da fällt herab ein Träumelein... - EDITH: Otto...
OTTO: Sie versuchen, die deutsche Kriegsindustrie zu treffen.
MARGOT (singt weiter): Schlaf, Kindchen, Schlaf.
(Bombengrummeln, Weinen)
Schlaf, Kindchen, Schlaf -Die Deutschen haben kein einziges
Flugzeug mehr am Himmel. - Der Vater hüt' die Schaf
(Flugzeugröhren, Einschläge) Die Mutter schüttelt's Bäumelein
Fällt herab ein Träumelein -(Leise) Es kann nicht mehr lange dauern.
Schlaf, Kind/ein, Schlaf (Röhrender Flugzeugmotor)
(Bombeneinschläge)
(Schluchzen)
(Angsterfüllt) Heiliger Vater im Himmel, warum tust du uns das an?
Heiliger Vater im Himmel, warum lässt du das zu?
(Schluchzen)
ANNE (angsterfüllt) Licht... Licht!
(Wieder Ruhe)
(Klopfen, Tür geht auf und zu)
MARGOT: Jetzt schreibst du ja schon auf fliegende Blätter.
Ich habe mich weiterentwickelt.
Das meiste muss ich besser formulieren.
Warum denn?
Ich will eine berühmte Schriftstellerin werden.
Du bist größenwahnsinnig.
Ist das ein Roman oder was? -Gib das her.
Nach dem Krieg wird das ein Buch.
Willst du wissen, wie's heißt?
"Das Hinterhaus", von Annelies Marie Frank.
Du schreibst wegen ihm.
Weiß er, dass du schreibst?
Ich muss gleich nach oben. -Wird das wieder so ein Techtelmechtel?
Komm doch einfach mit.
Als fünftes Rad am Wagen oder was?
Wenn das so weitergeht...
Was weitergeht? -Der Krieg und das mit Peter.
Dann? -Gibt's hier bald eine Hochzeit
mit Kartoffeln und Steckrüben
und allem drum und dran. -Du redest Quatsch, Quatsch, Quatsch,
Quatsch, Quatsch. (Lachen) Nein, Quatsch, Quatsch, Quatsch.
Liebst du ihn?
RADIOSTIMME (feierlich): Verehrte Hörer, heute
vor eineinviertel Stunden,
gerade als ich mit den Meldungen des Tages fertig war,
kam die herrliche Nachricht von der
bedingungslosen Kapitulation Italiens.
Ich kann Ihnen sagen, dass ich noch nie "neueste" Nachrichten
mit so viel Befriedigung in den Papierkorb geworfen
und damit zu alten gemacht habe.
HANS: Das ist der Anfang vom Ende.
Der Engländer ist in Neapel. Aber ich hab's gesagt, immer!
Ja, ich hab's immer gesagt, immer! -Dabei war der Waffenstillstand
schon letzten Freitag... -Jetzt seien Sie einfach still.
Die Deutschen, die werden fluchen. Verrat des italienischen Königs, hm.
Kerli. -PETRONELLA (Kusslaute): Putti...
OTTO (Sah-Laute)
RADIO (spielt britische Nationalhymne) (Singt) God save our gracious king
(Alle singen mit) Long live our noble king
God save the...
(Maschine wird ausgeschaltet)
RADIO (immer noch britische Nationalhymne) HANS (setzt wieder zum Singen an)
(Musik dringt schwach durch die Decke)
(Alle singen) Happy and glorious
...over us, God... -Die Mühlen sind aus.
Sa... (abrupte Stille)
KUGLER: Warum steht das Mahlwerk?
Geräusche, von oben. -Kommen Sie da runter, los.
Aber da ist was.
Das sind Ratten.
(Energisch) Kümmern Sie sich um Ihre Arbeit!
Kommen Sie jetzt runter!
Machen Sie die Maschine an!
(Maschine wird wieder angeschaltet)
HANS (summt immer noch die britische Hymne)
PETER: Herr Frank, würden Sie kurz kommen?
(Leise) Geh doch schnell, hm?
Ja.
(Leise) Da sind Geräusche im Büro.
OTTO (durch die Tür): Geräusche? -PETER (durch die Tür): Ich glaube,
da ist jemand. -Gut, dass du es gesagt hast.
(Lauter Krach)
(Leise) Einbruch. Kein Laut!
Herr Van Daan. Macht die Lichter aus!
PETRONELLA (aufgeregt): Putti, pass auf dich auf!
(Völlige Stille)
OTTO (gedämpft): Da ist ein Loch in der Tür.
Die Lampen aus!
Wir müssen das Loch sofort verschließen, Herr van Daan.
(Schritte des Paares hallen nach oben)
Wart mal. Da ist ein Loch in der Tür.
MANN (hallt nach oben): Wo? -FRAU (hallt nach oben): Du, das ist das
Lager von der Opekta. Wir beliefern die.
Bist du wahnsinnig? Es ist Verdunklung!
Es ist kein einziger Bomber am Himmel. Erst mal schauen...
FRAU: Hol lieber die Polizei.
Hörst du? Ich sag, hol die Polizei!
(Schweres Atmen)
MANN: Und wenn sie Fragen stellen?
FRAU: Warum sollen Sie keine Fragen stellen?
MANN: Komm.
Wir müssen das Loch so lassen. Sie rufen die Polizei!
Los!
(Lauter Krach) PETRONELLA (erschrickt)
(Schritte nähern sich) (Tür geht auf)
(Tiefer Ausatmer) -Wo sind denn Peter und Hans?
Es waren Einbrecher im Lager,
vielleicht sogar im Büro.
Es sind Leute vorbeigekommen. Die haben den Einbruch gemerkt.
Und? -Ich weiß nicht,
ob sie zur Polizei gehen. -Was heißt das?
(Knarzer, Tür wird geschlossen)
(Leise) Was heißt das? -Das heißt, wir müssen warten.
Kann Miep uns vielleicht helfen? -Aber es ist Freitag!
(Schwere Atmer) Bis Hilfe von Außen kommt, das...das kann bis Montag dauern!
(Rumpeln) MANN (von außen): Hallo?
Hallo? Ist da jemand? -ZWEITER MANN: Da ist gar nichts.
(Lautes Rumpeln)
OTTO: Kinder! -MARGOT (panisch): Gestapo!
(Leise) Ruhig! -(Panisches Atmen)
MANN (von außen): Da ist nichts. ZWEITER MANN: Sieh doch mal genau hin!
MANN: Hallo? -(Panisches Zittern)
MANN: Hallo? -ZWEITER MANN: Ist da jemand?
MANN: Nein, hier ist nichts.
(Leise) Wenn sie wiederkommen... und Posten aufstellen.
(Leise) Wir müssen warten.
Vielleicht bis Montag früh.
(Rumpler) MANN (von außen): Habt ihr was gesehen?
ZWEITER MANN (von außen): Da ist nichts. -(Leise) Keine Bewegung!
MANN: Soll ich noch einen Posten schicken?
(Völlige Stille)
(Geräusche kommen wieder auf)
(Wasser lassen, Papier reißt)
(Schnarchen)
(Schnarchen)
(Leise) Das Radio, das Radio draußen.
Wenn da Radio Oranje eingeschaltet ist und die finden das,
dann sind wir hier alle tot.
Das muss in den Ofen! -Kerli‚ bist du hirnverbrannt?
Wenn sie uns finden, dann dürfen sie auch das Radio finden.
Wenn sie uns finden, dann finden sie auch ihr Tagebuch.
Wir müssen das verbrennen!
EDITH: Wir sind in Gefahr, weil wir Juden sind,
und nicht weil ein Mädchen Tagebuch schreibt.
PETRONELLA (Ausatmen
PETRONELLA (Wimmern)
(Leise) Ist nicht schlimm. -(Zittrig) Doch.
(Laute Rumpler)
(Aufgelöst) Miep!
(Zittrig) Miep, Miep, Miep, Miep! (Schwere Atmer)
MIEP: Die Polizei war bis zur Drehtür,
aber...aber nicht weiter.
Ja, jemand hat den Einbruch von draußen entdeckt.
Der Gemüsehändler und seine Frau, aber er hat die Polizei nicht verständigt.
Wir müssen vertrauen. Nicht alle Menschen sind schlecht.
(Große Erleichterung)
MIEP: Frau Frank, ich bin so froh!
(Sanfte Klaviermusik)
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): "Taumelnd drückten wir uns aneinander,"
"noch einmal und noch einmal, um nie mehr aufzuhören."
"Liebste Kitty, behalte den Tag,"
"er ist sehr wichtig für mein ganzes Leben."
"Ist es nicht für jedes Mädchen wichtig, wenn sie den ersten Kuss bekommt?"
Baruch atah Adonai
elohaynu melech ha'olam
asher kidshanu bemitzvotav vetzivanu
I'hadlik ner shel
ALLE: Chanukka.
(Sanfte Orchestermusik)
ANNE (kleiner Lacher)
Na du?
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): ”Peter hat mich berührt,"
"tiefer als ich je in meinem Leben berührt wurde."
"Peter hat mich angefasst, mein Inneres nach außen gekehrt."
"Ich habe jetzt mehr Erfahrung als die anderen,"
"ich habe etwas erlebt, was fast niemand in meinem Alter kennt."
"Ich habe Angst vor mir selbst,"
"habe Angst, dass ich mich in meinem Verlangen zu schnell wegschenke."
OTTO (vor der Tür): Anne?
ANNE (kleiner Lacher)
Ja?
Kommst du bitte?
Anne, jetzt bitte. -Okay.
OTTO: Anne, ich will die Knutscherei nicht haben.
Nicht hier im Haus
und nicht in deinem Alter.
0KG'! -
Du bist enttäuscht.
Du hast mehr Zurückhaltung von mir erwartet.
Ich möchte einfach, dass du dich verhältst wie eine 14-jährige.
Aber ich bin halt wie ich bin.
Als ich Schwierigkeiten gehabt habe, da habt ihr, auch du,
die Augen zugemacht und die Ohren verstopft.
Du hast mir nicht geholfen, im Gegenteil.
Nur Ermahnungen habe ich bekommen,
dass ich nicht so sein soll.
Ich war nur laut, um nicht immer traurig zu sein.
Ich habe Komödie gespielt, anderthalb Jahre lang, tagein, tagaus.
Seit wir hier sind, also seit knapp zwei Jahren,
hatte ich es nicht einfach, selbstständig zu werden.
Ich habe das nicht von einem auf den anderen Tag geschafft, so weit zu kommen,
dass ich ohne Mutter und ohne die Unterstützung
von irgendjemand anderem leben kann.
Ich hab mich durchgekämpft, ich habe gesiegt.
Ich bin selbstständig an Leib und Geist.
Kein Mensch
ist selbstständig letzten Endes, Anne.
Ich auch nicht.
Und schon gar nicht eine 14-jährige.
Oh doch.
(Tür wird geöffnet und geschlossen)
Pim will die Knutscherei nicht haben.
Er behandelt mich wie ein Kind, und ich werde ihm einen Brief dazu schreiben.
Ich hab' ihm auch gesagt, dass ich dir vertraue.
Und trotzdem,
wenn wir hier herauskommen, dann
wirst du dich nicht mehr um mich kümmern.
Das weiß ich.
Das ist nicht wahr, Anne.
Gib mir einen Kuss
oder schick' mich aus dem Zimmer.
(Ruhige Gitarrenmusik)
Du bist wunderschön, Anne.
(Leise) Bin ich gar nicht.
Ich hab' dich lieb, Anne.
(Geflüstert) Ich dich auch.
ANNE (spricht den Brief an ihren Vater): ”Nun da ich es geschafft habe, ”
"da darfst du mich nicht als 14-jährige behandeln."
"ich bin durch all die Schwierigkeiten älter geworden."
"Du kannst mich nicht sanft von oben fern halten."
"Entweder du verbietest mir alles"
"oder du vertraust mir durch dick und dünn."
"Nur lass' mich dann auch in Ruhe."
"Ich weiß, dass ich ein eigenständiger Mensch bin,"
"und ich fühle mich euch gegenüber absolut nicht verantwortlich."
(Tür geht auf)
"Ich habe keine Mutter mehr nötig,"
(Tür geht zu) ”ich bin durch alle Kämpfe stark geworden.”
Pim?
Vater?
Warum sagst du nichts?
Wie kommst du eigentlich dazu?
Nach all der Zuwendung und Liebe, die du von uns erfahren hast.
Nach all dem, was wir hier durchgemacht haben.
Wie kommst du dazu, dich aus der Verantwortung stehlen zu wollen?
Du fühlst dich zurückgesetzt,
allein gelassen?
Nein, Anne,
das ist ein großes Unrecht, das du uns angetan hast.
So einen Vorwurf haben wir nicht verdient.
I... -Nein.
(Tür geht auf und wieder zu)
(Ruhige Klaviermusik)
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): "Ich hab' dir ja schon öfter erzählt,"
"dass meine Seele sozusagen zweigeteilt ist."
"Die eine Seite beherbergt meine ausgelassene Fröhlichkeit,"
"die Spöttereien über alles,"
"Lebenslustigkeit"
"und vor allem meine Art, alles von der leichten Seite zu nehmen."
"Darunter verstehe ich, an einem Flirt nichts zu finden,"
"einem Kuss, einer Umarmung, einem unanständigen Witz."
"Diese Seite liegt meistens auf der Lauer"
"und verdrängt die andere, die viel schöner, reiner und tiefer ist."
"Nicht wahr? Die schöne Seite von Anne,"
"die kennt niemand, und darum können mich auch so wenige Menschen leiden."
"Sicher, ich bin ein amüsanter Clown für einen Nachmittag,"
"dann haben alle wieder genug von mir."
(Hafer Ausatmen
"Es ist mir unangenehm, dir das zu erzählen,"
"aber warum sollte ich es nicht tun,"
"wenn ich doch weiß, dass es die Wahrheit ist?"
"Meine leichtere, oberflächlichere Seite"
"wird der tieferen immer zuvorkommen"
"und darum immer gewinnen."
"Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich dir bekennen,"
"dass es mich trifft,"
"dass ich mir unsagbar viel Mühe gebe, anders zu werden,"
"aber dass ich immer wieder gegen stärkere Mächte kämpfe."
"Meine eigene Familie glaubt bestimmt, dass ich krank bin."
"Sie gibt mir Kopfwehpillen zu schlucken,"
"Beruhigungspillen."
"Sie fühlt mir an Hals und Stirn, ob ich Fieber habe,"
"und fragt mich nach meinem Stuhlgang,"
"kritisiert meine schlechte Laune."
Weißt du was? Wenn der Krieg vorbei ist, dann werde ich Verbrecher.
Oder Spekulant.
Das ist nicht klug. Und nicht romantisch.
Das ist eine Charakterschwäche.
Nicht jeder kann halt so stark sein wie Anne.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man sagen kann: "Ich bin schwach."
Wenn man so was schon weiß, wieso nicht dagegen angehen?
Wieso den Charakter nicht trainieren?
Weil's bequemer ist.
Ein faules oder betrügerisches Leben findest du also bequemer.
Ja.
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): ”Früher meinte ich, wie toll es doch wäre, "
"wenn mir jemand sein Vertrauen schenkt,"
"aber nun, da es soweit ist, sehe ich erst,"
"wie schwierig es ist, mit den Gedanken des anderen zu denken"
"und dann die richtige Antwort zu finden."
(Gelächter der Frauen)
(Übertrieben) Die Invasion, die Invasion,
die Invasion! Karli!
(Überschwenglich) Sie sind gelandet.
Amerikaner, Franzosen, Kanadier!
Alle, ich weiß nicht wer.
Sie sind gelandet! Sie kämpfen für unsere Freiheit!
Ich kann es nicht glauben!
(Allgemeine Freude, Durcheinander) HANS: Na kommt, kommt!
EISENHOWER (spricht im Radio): You will bring about the destruction of the
German war machine, the elimination of Nazi tyranny
over the oppressed peoples of Europe and security for ourselves in a free world.
Your task will not be an easy one. Your enemy is weil trained,
weil equipped and battle-hardened. He will fight savagely.
The tide has turned. The free men of the world are marching together to victory.
I have full confidence in your Courage, devotion to duty and skill in battle.
We will accept nothing Iess than full victory.
Good Luck! And Iet us all beseech the blessings
of Almighty God upon this great and noble undertaking.
Vielleicht kann ich im September oder Oktober schon wieder zur Schule.
Ja, und ich zur Tanzstunde.
HANS: Auf die Freiheit, meine Herren!
Ab jetzt nicht mehr "Herr Frank" - Otto.
Hans.
Fritz, sehr erfreut.
OTTO: Auf die Freiheit!
(Leise) auf die Freiheit.
ANNE: Pim? -Hm?
AN N E (tiefer Ausatmer)
Das Tagebuch hat mir damals so geholfen.
EDITH (im Hintergrund): Das glaube ich auch nicht...
Ich kenn' meine Fehler besser als jeder andere,
nur mit dem Unterschied, dass ich mich bessern will.
(Leise) Dass du dich gebessert hast.
Aber jetzt...
(Singen) Viel Glück und viel Segen
auf all deinen Wegen
(Alle singen) Gesundheit und Wohlstand
sei auch mit dabei.
Eins, zwei, drei. Ah, Irrtum, Irrtum!
(Leise) Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.
ANNE: So viel, Danke.
EDITH: Alles Gute, mein Schatz. OTTO: Der Käse ist aber doch für mich.
MARGOT: Ach Quatsch! (Alle lachen)
ANNE: Meiner! Danke, Margot.
ANNE: Tadaaa!
OTTO: Leute, seid doch bitte leise! -MIEP: 18 Pfund Erdbeeren!
Ohne Karten, geschenkt! So viele gab es seit Jahren nicht mehr!
Das sind Erdbeeren!
HANS (kleiner Lacher): So muss das Paradies aussehen, hä?
(Mit vollem Mund) Die Maschinen... die Maschinen stoppen.
Mir egal. -OTTO: Anne, bitte...
(Beschwingte Orchestermusik)
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): "Das Hinterhaus ist in Aufruhr.”
"Sollte dann nun wirklich die lang ersehnte Befreiung nahen?"
"Die Befreiung, über die so viel gesprochen wurde?"
"Die aber zu schön, zu märchenhaft ist, um je wirklich werden zu können?"
"Sollte dieses Jahr, dieses 1944, uns den Sieg schenken?"
"Wir wissen es noch nicht, aber die Hoffnung belebt uns,"
"gibt uns wieder Mut, macht uns wieder stark."
"Nun kommt es darauf an, ruhig und standhaft zu bleiben."
"Lieber die Nägel ins Fleisch zu drücken als laut zu schreien."
"Schreien vor Elend können Frankreich, Russland, Italien und auch Deutschland."
"Aber wir haben nicht das Recht dazu."
Wenn du dich nur mal mit etwas Wichtigem beschäftigen würdest.
Nicht immer mit diesem Backfischkram.
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): ”Kitty, das schönste an der Invasion ist, ”
"dass ich das Gefühl habe, dass Freunde im Anzug sind."
"Die schrecklichen Deutschen haben uns so lange unterdrückt"
"und das Messer an die Kehle gesetzt."
"Dass Freunde und Rettung alles für uns sind."
(Tippen einer Schreibmaschine)
(Schwere Schritte nähern sich)
(Tür wird geschlossen)
Wem gehört dieses Gebäude? -Herrn Wessels.
Wir sind hier nur zur Miete.
Und wer ist der Chef? -Das bin ich.
In diesem Haus sind Juden versteckt. Wo?
Mitkommen.
Los, bewegt euch.
Machen Sie auf!
Gestapo.
(Schritte auf Treppe)
Hände hoch!
Du da, raus! Hände über den Kopf!
Über den Kopf sag ich, schnell schnell! -Geh rüber. Weiter, weiter.
An die Wand! -Waffen!
Also,
wo ist Ihr Geld? Wo sind Ihre Wertsachen?
Im Tresor, hinter der Tür.
SILBERBAUER: Durchsucht alles,
auch den Dachboden!
Sie können die Hände wieder runternehmen.
SILBERBAUER: Na los, na los.
(Zögerlich) Ich kann Ihnen Geld anbieten. -SD-SOLDAT: Halt den Mund, Jude!
Wem gehört diese Offizierskiste?
OTTO: Mir.
Ich war Offizier im ersten Weltkrieg.
Warum haben Sie sich nicht gemeldet?
Wir hätten Sie doch nach Theresienstadt gebracht.
Ein Vorzugslager, für Juden wie Sie.
Wie lange sind Sie hier schon versteckt?
Zwei Jahre und einen Monat. -Unmöglich.
Das kann nicht sein. Also,
fertigmachen. In fünf Minuten sind alle abmarschbereit, ja?
SD-SOLDAT: Fünf Minuten, jawohl!
SD-SOLDAT: Weiter...weiter!
DUSSEL (stöhnt) -Komm, komm, komm! Raus!
Lassen Sie uns noch in unserem Zimmer.
SD-SOLDAT: Sie haben fünf Minuten, Ihre Sachen zu packen. Los!
(Triste, ruhige Klavierklänge und Streicher)
(Türen schließen mit lautem Knall)
ANNE (verzweifelt): Licht? Licht!
ANNE (schreit): Licht! Licht!
ANNE (panisch): Pim! Pim!
ANNE: 8. August.
Ich habe kein Tagebuch mehr. Nur noch meine Gedanken.
Von Amsterdam nach Westerbork mit dem Zug.
Draußen ist Sommer.
Da gibt es Wiesen und abgeerntete Felder.
Dörfer fliegen vorbei.
Die Telefondrähte am Bahndamm wischen an den Fenstern auf und ab.
Es ist wie Freiheit.
Doch wir wissen, dass dies keine Ferienreise sein wird.
Ich habe wieder zu Mansa gefunden. Wir sind uns nah.
Ein Güterzug rollt ins Lager.
Viehwaggons aneinandergereiht.
Wir sind auf der Liste.
Wie die anderen tausend Juden,
die wie Vieh mit uns in die Waggons gestopft werden.
Ein dunkler Ort mit grauenerregendem Gestank.
Wir sind zusammen mit den Toten, die den Transport nicht überleben.
7. September. Zum letzten Mal Familie.
Margot, Mansa, Pim und Ich.
Am Abend des dritten Tages hält der Zug.
Gewehrkolben donnern gegen die Türen.
Das grelle Licht blendet unsere Augen.
Das Gebell der Hunde dröhnt in den Ohren.
"Juden raus, schnell raus."
Neben den Koffern aus dem Zug, die Leichen der Menschen.
Von Männern aus den Waggons gezerrt.
Pim und ich.
An der Rampe wird er von mir gerissen.
Jetzt sind wir allein.
(Schrittgeräusche)
(Ruhige, düstere Streicher)
KZ-ARBEITER: Platz! -ZWEITER KZ-ARBEITER: Weiter vorwärts!
(Ruhige, düstere Streicher)
(Rattern des Haarschneiders)
(Völlige Stille)
(Schritte)
(Ruhige Klavierklänge)
ANNE (spricht ihren Tagebucheintrag): ”Mit Schreiben werde ich alles los.”
"Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf."
"Ich will fortleben. Auch nach meinem Tod."
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