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.
Live-Untertitel: ARD Text im Auftrag des SWR
Willkommen zum Europamagazin.
Prächtige Villen, dekadente Partys, obszöne Shoppingtouren:
Jahrelang mehr oder weniger gern gesehen bei Russen in London.
Die britische Hauptstadt hat schließlich gut verdient
an den superreichen Migranten.
Doch seit dem Giftanschlag auf den ehem. Doppelagenten Sergej Skripal
und seine Tochter auf britischem Boden soll ein anderer Wind wehen:
Die Luxus-Villen reicher Russen
in der Hauptstadt z.B. sollen u.U. beschlagnahmt werden können.
Nein, es bedarf nicht viel Phantasie,
wo und wie man in London sein Geld schnellsten loswerden kann.
An den feinsten Adressen trifft man gerne auch auf Exil-Russen:
Londongrad nennt mancher deshalb schon die Metropole an der Themse.
Spielplatz der reichen Oligarchen.
Bezeichnenderweise nennt sich dieser russische Weinladen
im schicken Mayfair "Hedonismus".
Und er, Roman Grigoriev, hat für seine Kunden eine Karte designt
mit den Hotspots für reiche Russen.
Er hilft Neuankömmlingen, sich auf der Insel zurechtzufinden
und berät bei Investitionen.
Es gibt viele Gründe, warum Russen London lieben, z.B. die Bildung:
Großbritannien hat die besten Privatschulen der Welt.
Und viele wollen hier eben auch investieren.
Es geht darum, Geld zu sichern.
Denn das ist in London deutlich besser aufgehoben als in Russland.
Denn keiner kann dir hier das Geld einfach wieder wegnehmen,
wenn es erstmal in Beton gegossen ist.
Zig Milliarden wurden deshalb in den vergangenen Jahren
in London investiert.
Doch woher kommt das ganze Geld?
Die Anti-Geldwäsche-Organisationen ClampK
recherchiert das seit langem.
Und kommt zu dem Schluss, nicht wenig wurde schlichtweg gestohlen.
Deshalb hat sie die Kleptotour ins Leben gerufen.
Eine Sightseeing Tour durch London,
vorbei an Immobilien, die zur Geldwäsche genutzt wurden.
In diesen Tagen können sie sich vor Journalistenanfragen kaum retten.
Deshalb gibt's eine Sondertour.
Hier auf der linken Seite kommen wir an Whitehall Court vorbei.
Die zwei Wohnung 138 A und 138 B kosten 11,4 Mio.
Sie gehören mehreren Offshore-Unternehmen.
Hinter denen steckt Igor Schuwalow, Vize-Premier unter Putin.
Er hat ein Jahresgehalt von 112.000 Euro.
Wie er sich so eine Wohnung leisten kann?
Veschleierung. Korruption.
Eine verdächtige Immobilie reiht sich an die nächsten
in Londons Toplocation.
Was alle russische Oligarchen in London gemein haben, ist,
dass sie ihr Geld
dank Transaktionen mit der russischen Regierung erworben haben.
Entweder haben sie etwas dem Staat teuer verkauft
oder für Pennies gekauft im Zuge von Privatisierungen.
Das schmutzige Geld wird nach London geschoben.
Sowohl von Putin-Freunden, die lieber ihr Geld außer Landen bringen
und dem eigenen Rubel nicht trauen.
Aber auch von Putin-Gegnern,
die bereits beim Zerfall der Sowjetunion Geld gescheffelt haben
und dann in Ungnade fielen.
Beide Seite waren in London immer herzlich willkomen.
Woher das Geld kam, interessierte nie so wirklich.
Das ärgert Valery Morozov. Er floh aus Russland,
weil er die Korruption des russischen Staats aufdeckte.
Und auch alte Konflikte aus Russland findet er auf der Insel wieder.
Da kommen die, die nie wirklich gearbeitet haben,
und haben plötzlich Milliarden.
Und die Briten lassen die hier einfach wohnen.
Das begründen sie dann meinetwegen damit,dass das ein Putin-Gegner ist.
Dagegen gibt's erstmal nichts zu sagen, aber sie kommen trotzdem
häufig aus einer kriminellen Welt.
Und sie bringen ihre kriminelle Welt hierher,
mit ihren kriminellen Werten und Einstellung.
Auch er selbst kann die Vergangenheit hier nicht abstreifen.
Erst kürzlich bekam Morozow eine anonyme Todesdrohung.
Die Geschichten, die in dieser Zeit auf der Insel zirkulieren,
klingen nach haarsträubenden Agententhrillern.
Mordversuche. Und ungeklärte Tode.
Um das einzudämmen, müsste die britische Regierung
jetzt wirklich das umsetzen, was sie angedroht hat, meint Morozov:
Jenen soll das Geld eingefroren werden,
denen Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden.
Sie müssen auch alte Fälle wieder aufrollen.
Denn die Tatsache, dass so lange nicht kontrolliert wurde,
welche Gelder ins Land kommen,
hat die mächtigen Kriminellen nicht nur in London gestärkt,
sondern letztlich auch ihre Verbindungen nach Russland.
Auch auf der Bustour wird diskutiert, was jetzt geschehen soll.
Bereits seit 2017 gibt ein Gesetz, das ausländische Anleger verpflichtet
ihre Geldquellen offenzulegen.
Diesen legalen Hebel müssten v.a. umgesetzt werden,
fordert Transparency. Und hat nicht alzu große Hoffnung.
Am Ende kann nur die britische Gesellschaft das Ganze verändern.
Vielleicht sagt sie ja wirklich:
"Genug, wir wollen keine Gift- anschläge mehr wie in Salisbury."
Doch das hieße eben auch,
auf eine lukrative Einnahmequelle zu verzichten.
Bislang hat nicht nur die Regierung beide Augen zugedrückt.
Sondern auch genügend britische Immobilienmakler und Geschäftsmänner.
Sie haben gerne davon mitprofitiert,
wenn die Russen mit Bargeldbündeln durch Londongrad zogen.
Warum und von wem genau
das gefährliche Gift gegen Skripal und seine Tochter eingesetzt wurde,
liegt noch im Dunkeln.
Bekannt ist dagegen, dass das Gift während des Kalten Krieges
im Rahmen eines russischen Geheimprogramms entwickelt wurde.
Einer der Entwickler lebt heute in den USA.
Die Kollegen vom Weltspiegel haben ihn getroffen.
Dazu mehr heute Abend ab 19.20 Uhr hier im Ersten.
Menschen, die "aus dem Weg geräumt werden", mitten in Europa.
Im Fall Skripal war es vielleicht eine Warnung.
Im Fall des slowakischen Journalisten Jan Kuciak waren es wohl
seine umfangreichen Recherchen zu Regierungs-Beziehungen mit der Mafia,
die dazu führten, dass er und seine Verlobte erschossen wurden.
Als Konsequenz trat Regierungschef Fico zurück.
Doch viele Slowaken glauben:
Da ist doch immer noch die gleiche korrupte Mischpoke an der Macht.
Jürgen Osterhage berichtet.
Miro Kern kann es immer noch nicht fassen.
Dass sein Freund und journalistischer Kollege Jan Kuciak
zusammen mit seiner Verlobten in diesem Haus
nahe der slowakischen Hauptstadt Bratislava ermordet wurden.
Durch Schüsse in Brust und Hinterkopf.
Geradezu hingerichtet, wie die Polizei es nennt.
Das Werk eines Profikillers.
Jan Kuciak und seine Verlobte waren beide 27 Jahre alt.
Im Mai wollten sie heiraten.
Der Freund ist immer noch tief erschüttert über den Doppelmord.
Hier wurden zwei junge Leute erschossen, die kaum etwas besaßen.
Ganz bescheiden haben sie gelebt.
Aber so wie es aussieht,
hat Jan Kuciak als Journalist wohl gut gearbeitet.
Zu gut offenbar für manche Betroffene.
Für Miro Kern ist klar:
Trotz seiner jungen Jahre habe der Ermordete
zu den besten slowakischen Enthüllungsjournalisten gezählt.
Jan Kuciak berichtete über Steuerbetrug und Korruption.
Überdies habe er das komplette Geschäftsmodell
der italienischen Mafia in der Slowakei aufgedeckt.
Und die Verbindungen zur Regierung Fico.
Z.B. wie Antonino Vadala, wohl Mitglied der 'Ndrangheta,
vom Osten der Slowakei aus die Fäden gezogen habe.
Oder wie das frühere Model Maria Troskova
plötzlich vom Ministerpräsidenten Fico zur persönlichen Assistentin
und später sogar zur Staatsrätin gemacht wurde, obwohl sie offenbar
persönliche Verbindungen zu Mitgliedern der 'Ndrangehta hatte.
Der jetzt zurückgetretene Ministerpräsident Fico
ist in hohem Maße verantwortlich für diesen Zustand.
12 Jahre lang hat er die slowakische Politik bestimmt.
Es gab kaum Transparenz.
Skandale, die völlig klar auf der Hand lagen, wurden einfach
unter den Teppich gekehrt.
Stattdessen beschimpfte Fico investigative Journalisten
wie Jan Kuciak immer wieder auf übelste Weise.
Z.B. als "schleimige Schlangen" oder als
Dreckige antislowakische Prostituierte.
Kurz nach dem Journalisten-Mord bot Regierungschef Fico 1 Mio. Euro
in dicken Geldbündeln für Hinweise zur Tat.
Eine Szene wie aus einem Mafiafilm.
Slowakische Journalisten arbeiten jetzt mit Hochdruck
an der Aufarbeitung des Mordfalles.
Besuch in der Redaktion von Jan Kuciak,
dem Online-Portal "aktuality.sk".
Sein Kollege Martin Turcek führt uns an den Arbeitsplatz des Ermordeten.
Jan Kuciak hat einen großen Berg
von Aufzeichnungen und Recherchen hinterlassen.
Ein Investigativ-Team wurde gegründet,
in dem fast alle slowakischen Medien mitarbeiten.
Sogar Journalisten aus dem Ausland.
Das Ergebnis dieser schrecklichen Tat ist,
dass wir noch entschlossener sind, den Themen nachzugehen,
mit denen sich Jan Kuciak beschäftigt hat.
Der Rücktritt von Regierungschef Fico und zwei seiner Minister
nach Dauerprotesten im Land sei, so Beobachter,
nur ein taktischer Schachzug gewesen.
Fico bleibe Parteichef und der mächtigste Mann im Land.
Wohl nicht ohne Grund.
In diesem und im nächsten Halbjahr 2019
müssen die Eurofonds noch ausgeschöpft werden.
Da geht es um eine massive Verteilung von Geldern.
Dass da signifikante Beiträge versickern, weiß doch jeder.
Was also die jetzigen Regierenden an der Macht festhalten lässt,
ist die Aussicht auf das Geld, das noch zur Verteilung ansteht.
Auch die EU zeigte sich alarmiert und schockiert über die Vorfälle.
Das Europaparlament schickte eine Delegation in die Slowakei.
Die EU-Politiker fordern Aufklärung.
Zweifeln aber gleichzeitig daran, ob das überhaupt gelingen kann.
Es gibt ein großes Misstrauen gegenüber der Regierung,
gegenüber staatlichen Stellen, gegenüber der Polizei,
der Staatsanwaltschaft, denen in weiten Teilen
das Vertrauen abgesprochen wird, diese Untersuchung zu führen.
Auch deshalb gehen die Demonstrationen
im ganzen Land weiter.
Der grausame Mord an Jan Kuciak und seiner Verlobten stürzte das Land
in eine tiefe politische Krise.
Nie seit der Gründung des Landes 1993
gingen so viele Menschen auf die Straßen.
Der Rücktritt des Regierungschefs ist lächerlich.
Das ist eine arrogante Geste der Macht an die Öffentlichkeit.
Das ist nur ein Pflaster,
das den Leuten über den Mund geklebt werden soll .
Auch Miro Kern, der journalistische Kollege und Freund des Ermordeten,
nimmt an jeder Demonstration teil.
Dabei gehe es ihm nicht nur um die Aufklärung des Doppelmordes.
Sondern auch darum,
dass sich sein Land jetzt vielleicht zum Besseren verändere.
Die Gesellschaft zum Besseren verändern,
da sind viele ja grundsätzlich pessimistisch.
Und in der belgischen Stadt Mechelen, da sah es besonders schlecht aus.
Die Stadt galt als Schandfleck Belgiens, dreckig,
mit der höchsten Kriminalitätsrate. Und schwierigen Rahmenbedingungen:
Hochburg der Rechten, viele Bürger mit Migrationshintergrund.
Umso erstaunlicher, was aus Mechelen geworden ist:
eine Vorzeigestadt.
Dank ihm: Bürgermeister Bart Somers.
Judith Wedel zeigt, wie der Mann das hinbekommen hat.
"Sind Sie der Bürgermeister", will dieser Junge wissen.
"Ja, und du? Willst du auch mal Bürgermeister werden?"
Auch die Kinder kennen ihn. Bart Somers.
Seit 18 Jahren ist er Bürgermeister der belgischen Stadt Mechelen
mit ihren 87.000 Einwohnern. Sein Mechelen.
Das in seiner Kindheit noch ganz anders war.
Das ist meine alte Grundschule.
Und als ich hier war, fast 45 Jahre ist das jetzt her,
war das noch eine sehr monokulturelle Schule.
Da gab es ein paar Migrantenkinder,
aber die meisten Kinder waren weiße Kinder.
Jetzt hat eines von zwei Neugeborenen in Mechelen
einen Migrationshintergrund.
20% der Mecheler sind Muslime.
Und wir haben 135 verschiedene Nationalitäten.
Eigentlich ein perfekter Zündstoff für das Zusammenleben.
Wie in vielen Städten Belgiens. Aber in Mechelen ist einiges anders.
Aus Belgien sind sehr viele Menschen zum IS nach Syrien gegangen.
Im Verhältnis gesehen die meisten in Europa.
25 km nördlich liegt Antwerpen, da waren es 100;
25 km südlich Brüssel mit 200 Syrienkämpfern.
Nur 10 km von hier Vilvoorde, da waren es 27.
Und aus Mechelen, wo auch viele Leute wohnen,
die da vielleicht für anfällig sein könnten, ging niemand nach Syrien.
Was ist das Geheimrezept von Mechelen?
Eine Zutat: intensive Jugendarbeit.
Die Sozialarbeiter kennen in ihren Vierteln quasi jeden.
Und sie unternehmen alles,
um die Kinder zu verantwortungsvollen Bürgern zu erziehen.
Heute organisieren wir hier eine Art Wettkampf.
Die verschiedenen Stadtviertel spielen gegeneinander.
Da geht es um den Sport an sich, aber auch darum, pünktlich zu sein,
Verabredungen zu respektieren, Regeln zu beachten.
Wenn sich junge Menschen als Bürger einer Gesellschaft fühlen,
sich durch die Gesellschaft anerkannt fühlen,
auch als Bürger gesehen werden,
dann wird die Schwelle sehr hoch, etwas gegen die Gesellschaft zu tun,
sie anzugreifen, aggressiv gegen andere zu werden.
Die andere Säule des Mecheler Konzepts:
eine strenge Sicherheitspolitik.
Obwohl ein Lineraler, gehören für Bart Somers dazu
viele Überwachungskameras, mehr Polizisten und "Overlast-Teams".
Die kümmern sich um Belästigung im öffentlichen Raum
und besonders um Jugendliche.
Micha Smulders gehört zu so einem Team.
Wir sind dazu da, engen Kontakt zu Jugendlichen
und den Bürgern aufzubauen.
Dadurch können wir v.a. präventiv arbeiten.
Und die Menschen davon abhalten, sich ordnungswidrig zu verhalten.
Wie das geht? Z.B. so.
Wenn in einer Schule was passiert, dann kommt nicht irgendein Polizist.
Sondern immer das gleiche Team. Hier wird ein Schüler angehört.
Ein anderer Junge habe ihn mit der Gabel angegriffen
und ihm sein Handy abgenommen.
Der mutmaßliche Täter muss noch abends vor den Jugendrichter.
Null Toleranz gehört auch zur Strategie.
Und die Stimmung in Mechelen hat sich dramatisch gewandelt.
Im Jahr 2000 fühlten sich die Menschen nirgends so unsicher
in Flandern wie in Mechelen. Die Kriminalitätsrate war sehr hoch.
Das sorgte auch für viel Misstrauen gegenüber den Mitbürgern,
oft den ausländischen Mitbürgern gegenüber.
Und die Leute waren enttäuscht von der Stadtverwaltung.
Und als die dreckigste Stadt Belgiens galt Mechelen damals auch.
Mit Bart Somers hat sich all das zum Positiven geändert,
sagen die Mecheler auf dem Wochenmarkt.
Luc Marien, von allen nur "Luc Vis" also "Luc Fisch" genannt,
fasst das Stimmungsbild so zusammen.
Unser Bürgermeister lebt für Mechelen, ich lebe für Mechelen.
Mechelen kommt immer an erster Stelle.
Bart Somers kümmert sich um jeden,
er denkt langfristig, er denkt an die Zukunft.
Er hat aus dem Dreckloch Mechelen ein Paradies gemacht.
Auch der rechtsextreme "Vlaams Belang" wurde zurückgedrängt.
Von über 30% sind sie auf knapp 7% runter.
Da hilft es auch nicht, das Büro am schönen Mecheler Marktplatz zu haben
Die Geschlagenen versuchen es trotzdem einmal mit Kritik.
Ja, er hat eine schöne Stadt geschaffen.
Aber wir haben viele schöne Städte in Flandern.
Und Bart Somers hat v.a. die Muslime hier gepampert,
die immer mehr werden.
Und am Ende werden sie diese schöne Stadt wohl übernehmen.
Es sitzt aber Bart Somers am Ruder.
Und er setzt ganz klar auf Integration.
Jeder, der an das westliche Gesellschaftsmodell glaubt,
muss als erstes gegen Rassismus und Diskriminierung kämpfen.
Weil das den Kern unserer Gesellschaft kaputt macht.
Was macht denn uns als Gesellschaft so stark?
Dass jeder, egal wo er herkommt, wenn er nur hart arbeitet,
eine bessere Zukunft erreichen kann. Und seine Kinder auch.
In Mechelen scheint man dieser besseren Zukunft
schon ziemlich nahe gekommen zu sein.
In Ungarn wird in 2 Wochen gewählt.
Eigentlich führt kein Weg vorbei
an Viktor Orban und seiner regierenden Fidesz-Partei.
Korruptionsskandale haben Orban bisher nicht viel anhaben können.
Und das Wahlrecht wurde von Orbans Partei so verändert,
dass es die zersplitterte Opposition extrem schwer hat.
Doch kurz vor der Parlamentswahl
macht sich die Oppositon plötzlich Hoffnung,
das Blatt wenden zu können.
Und zwar mit einer neuen Strategie. Till Rüger berichtet.
Es sei ein kleiner Schritt für ihn, aber ein großer Schritt für Ungarn,
sagt Peter Magy-Seu.
Er ist der Hoffnungsträger der Orban-Gegner.
Bei einer Nachwahl für das Bürgermeisteramt in Hódmezővásárhely
knapp 200 km südlich von Budapest siegte der unabhängige Magy-Seu
überraschend gegen den Kandidaten der übermächtigen Orban-Partei.
Plötzlich gab es die Hoffnung,
dass Orban und seine Fidesz-Partei besiegbar sind.
Das hat die Wähler mobilisiert.
Deshalb haben sie in viel größerer Zahl als je zuvor teilgenommen,
das gab dann den Ausschlag.
Eigentlich war die Kleinstadt Hódmezővásárhely,
zu Deutsch Neumarkt an der Theiß, viele Jahrzehnte fest in Fidesz-Hand.
Peter Magy-Seu machte das Rennen, weil alle anderen Parteien,
von linksliberaler Demokratischer Koalition
bis rechtsextremer Jobbik-Partei, eine Allianz formten
und auf einen eigenen Kandidaten verzichteten.
Orban-Gegner im ganzen Land jubelten.
Das sei auch ein Modell für die landesweite Parlamentswahl, hieß es:
Ein überparteilicher Kandidat pro Wahlkreis.
Fidesz und Orban wurden von dieser neuen Allianz völlig überrascht.
Könnte es trotz umfassender Kontrolle von Justiz, Verwaltung und Medien
zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung kommen?
Ist Viktor Orban doch nicht unbesiegbar?
Der präsentiert sich im Wahlkampf gerne als der Retter des Abendlandes
vor der Islamisierung durch Flüchtlinge.
Zum Nationalfeiertag ließ er 25 Husaren in historischen Uniformen
vor dem Parlament in Budapest aufmarschieren.
Europa steht unter Invasion.
Wenn wir es zulassen, werden in den folgenden Jahrzehnten
weitere 10 Mio. Menschen von Afrika und dem Nahen Osten nach Europa
und Ungarn kommen und West-Europa schaut bei all dem nur hilflos zu.
Von dieser Mission will er sich durch Wahlallianzen nicht aufhalten lassen.
Er droht:
Nach den Wahlen wird die Opposition die Verantwortung spüren,
es wird moralische, politische und juristische Konsequenzen geben.
Doch seine Gegner lassen sich nicht so leicht abschrecken.
Oppositionspolitikern wie z.B. Erzsebet Nemeth,
aus dem Wahlkreis 02 in Budapest, wollen das Modell anwenden.
Nur der umfragenstärkste Oppositionskandidat soll antreten,
die anderen verzichten.
Die Verhandlung zwischen den Parteien laufen bis kurz vor der Wahl,
die Stimmung könnte kippen - zu Ungunsten von Fidesz.
Es gibt sehr viele Einschüchterungsversuche.
Viele Wähler fragen mich schon,
ob sie ihren eigenen Kugelschreiber mitbringen sollen zur Wahl.
Sie fürchten, dass Fidesz in den Wahllokalen Kugelschreiber auslegt,
deren Tinte nach kurzer Zeit verschwindet.
Sogar die rechtsextreme Jobbik-Partei - laut Umfragen zweitstärkste Kraft -
will bei der neuen Allianz gegen Orban mitmachen.
Gemeinsam schwört man der Parteiführung treue Gefolgschaft:
auf eine Replik der Krone des Heiligen Stephan.
Der Jobbik-Vorsitzende Vona versuchte Orbans Fidesz bisher
beim Nationalismus rechts zu überholen,
präsentiert sich jetzt im Wahlkampf aber eher gemäßigt.
Seine Kritik richtet sich fast ausschließlich gegen Orban.
Er hat uns gedroht, Orban hat Ungarn gedroht. Aber wir haben keine Angst.
Er sollte vor uns Angst haben.
Doch gerade bei den Absprachen mit Jobbik-Kandidaten
zeigen sich auch die Grenzen der Zusammenarbeit: Es geht ums Geld.
Tritt ein Kandidat freiwillig zurück,
muss er die bisherigen Wahlkampfkosten selber tragen,
bekommt keine Wahlkampfkostenerstattung.
Und das wollen viele Kandidaten dann doch nicht.
Die Allianz gegen Orban werde am Ende
nur in einigen wenigen Wahlkreisen funktionieren,
sagt der Orban-nahe Politologe Zoltán Kiszelly.
Es gibt 106 Einzelwahlkreise.
Die Opposition spricht in 15 bis 20 Wahlkreisen über ein Koordination.
Aber nicht mal dort klappt das.
Zudem sehen die kleinen, jungen Parteien wie z.B. Momentum
von András Fekete-Győr in dem Bündnis keine Chance
für echte Veränderung in Ungarn.
Sie wollen die etablierten Oppositionsparteien
nicht weiter stützen.
Man muss integrative Personen dafür finden.
Das ist schwer für uns, denn bei Momentum sind eben
nur komplett neue Figuren und Politiker tätig.
So wird am Ende wohl doch die allmächtige Fidez-Partei siegen?
Auch weil Orban das Wahlsystem so umgebaut hat,
dass die stimmenstärkste Partei zusätzlich Mandate geschenkt bekommt.
Trotz aller Allianzen zweifelt kaum jemand daran,
dass Fidesz landesweit die meisten Stimmen erhält.
Zurück ins süd-ungarische Hódmezővásárhely.
Der neue unabhängige Bürgermeister Peter Magy-Seu
sieht in der Parlamentswahl die letzte Möglichkeit, Viktor Orban
mit demokratischen Mitteln abzulösen.
Wenn der Opposition diese Allianz nicht gelingt,
werden sie nicht in der Lage sein, Viktor Orbán abzuwählen.
Damit erfüllt die Opposition ihre Funktion nicht mehr.
Sie verraten die Erwartungen der Menschen.
Der 8. April wird in jeden Fall ein entscheidender Tag, sagt er.
Entweder wird die Regierung fallen
- oder die derzeitigen Oppositionsparteien
werden für neue Platz machen müssen.
Ein Restaurant, in dem der Kellner ein Strafgefangener ist.
Der Koch auch.
Handschellen haben sie natürlich keine an,
sonst könnten sie ihren Job ja nicht machen.
Aber nach Dienstschluss müssen sie zurück in die Zelle.
Das hört sich skurril an, ist aber ein Erfolgsmodell.
In Italien, in der Nähe von Mailand. Dort gibt es dieses Restaurant.
Und profitieren tun im Grunde alle.
Auch die zahlreichen Gäste, die zum Dinner ins Gefängnis kommen.
Die Speisen: vortrefflich. Der Service: exzellent.
Und die Gäste: gut betucht.
Das "InGalera" ist eines der besten Restaurants von Mailand.
Doch es liegt im Gefängnis Bollate, im Nordwesten der Stadt.
8 Uhr morgens.
Die beiden Häftlinge Elson und Said auf dem Weg zur Arbeit.
Beide sind Kellner im InGalera. Beide sitzen seit Jahren im Gefängnis.
Wofür, das dürfen die beiden uns nicht sagen.
Anordnung der Gefängnisdirektion.
Trotzdem genießen Elson und Said eine Bewegungsfreiheit fast wie im Hotel.
Auf ihrem Arbeitsweg sind die meisten Türen offen
und der Umgang mit den Wärtern und Mitinsassen ist freundlich.
Seit zwei Jahren genießt Elson diesen Grad der Freiheit.
Dank seiner Arbeit im Restaurant.
Sie gibt der Zeit im Gefängnis einen Sinn.
Das Schönste und Wichtigste für einen Mann ist es,
einen Nutzen zu haben.
Wenn ich morgens aufstehe, weiß ich,
dass ich nützlich bin für meine Familie.
Und dass ich ihr helfe.
Seine Familie vermisst der gebürtige Albaner im Gefängnis am meisten.
Doch wenn er heute Tische deckt, Gläser poliert und Gäste bedient,
dann hat Elson das Gefühl, wieder etwas wert zu sein.
Das war in seinem altem Gefängnis nicht so.
Deshalb bewarb er sich dreimal, ins Bollate versetzt zu werden.
Denn hier werden sinnvolle Beschäftigung
und sogar Kunst großgeschrieben.
Die Bilder hier entstanden im Fotografiekurs des Bollate.
Das alles ist Teil der Strategie von Massimo Parisi, Direktor des Bollate.
Für ihn muss Haft mehr sein als nur Strafe.
Ich glaube wir müssen den Freiheitsentzug damit verbinden,
den Insassen einen Nutzen für ihr Leben nach dem Gefängnis zu geben.
Sie sollen sich wieder in die Gesellschaft einbringen können.
Denn eine niedrigere Rückfallrate
erhöht natürlich die Sicherheit der Gesellschaft.
Der Erfolg scheint ihm rechtzugeben.
Nur 20% der Exhäftlinge aus Bollate werden rückfällig.
Der italienische Durchschnitt liegt bei fast 70%.
Gute Perspektiven also auch für Elson und Said.
Mittlerweile haben sie Gesellschaft von Chefin Silvia Polleri bekommen.
Sie überprüft die Reservierungen für den Abend.
40 Leute werden erwartet. Und alles soll perfekt sein.
Wir wollen der Gesellschaft da draußen sagen:
"Diesesmal kommt ihr zu uns ins Gefängnis.
Macht es euch bequem und seht, wie menschlich es hier zugeht,
was wir hier zu bieten haben und was wir drauf haben."
In der Küche zeigt heute Federico, was er drauf hat.
Seit einem Jahr ist er im Bollate, fünf weitere hat er vor sich.
Bis dahin zaubert er Lammkarree mit Schokolade,
Schnitzel Milanese vom Seeteufel oder Gnocchi aus lila Karotten.
Eine neue Interpretation italienischer Klassiker.
Das brachte dem Restaurant Lob ein vom Guide Michelin
und der New York Times.
Sowas geht nur, wenn die Mitarbeiter lieben, was sie tun.
Und man ihnen große Messer anvertrauen kann.
Die Arbeit gefällt mir sehr. Ich wollte schon immer kochen.
Schon als ich klein war.
Bevor ich eingesperrt wurde, habe ich auch schon als Koch gearbeitet.
Ob er weitermachen wolle, wenn er raus sei?
Ja. Ich denke sogar daran, genau hier weiterzuarbeiten,
wenn ich wieder frei bin.
Für ihre Arbeit im InGalera bekommen die Häftlinge 1000 bis 1500 Euro.
Davon geht ein Großteil an ihre Familien.
Aber ein bisschen was lege ich auch für mich zur Seite.
Und wenn ich dann rauskomme,
baue ich mir von meinen Ersparnissen etwas kleines Eigenes auf.
Dann kann ich draußen meine ersten eigenen Schritte machen.
Es ist Abend geworden und Managerin Silvia Polleri
macht ihre Runde bei den Gästen.
Auch Said und Elson haben alle Hände voll zu tun.
Die Gäste sind mit dem Service zufrieden.
Und Berührungsängste vor den Häftlingen haben sie auch keine.
Eines Tages müssen sich diese Leute wieder der Welt da draußen stellen.
Und wenn sie jetzt hier arbeiten,
können sie sich später vllt. wieder in die Gesellschaft integrieren.
Ein Spagat zwischen Resozialisierung und Spitzenküche:
Das InGalera hat sich Großes vorgenommen.
Und das bedeutet vor allem eines: Harte Arbeit.
Wie in jedem anderen Restaurant auch. Meist bis spät in die Nacht.
Man muss übrigens rechtzeitig reservieren,
um einen Tisch zu bekommen im InGalera.
Nur falls Sie Lust bekommen haben,
dort mal einzukehren im nächsten Italien-Urlaub.
Danke für Ihr Interesse am Europamagazin.
Tschüss. Schönen Sonntag.
Live-Untertitel: ARD Text im Auftrag des SWR
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