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(fröhliche Kinderstimmen)
(Tröte)
(Stimmengewirr wird lauter)
(Kindergesang)
Und dieses Malheur habe ich stets
Und stülp mir So 'n doofes Ding auf'n Deetz
Und sag: Jute Frau Sie sehen aus, janz charmant
Dann werd ich rebellisch Dann wackelt die Wand
(Rufe) Bravo!
Ich gehe Bälle werfen.
Ich schnappe Würstchen.
(Frau) Lass den Schmuck an.
Zieh mal den nassen Mantel aus.
(schwungvolle Musik)
(lebhaftes Stimmengewirr)
Prima. Ja, toll.
Das kannst du, was?
Einer Handvoll winziger Chinesinnen Angst einjagen.
(Kind) Ich krieg' dich, du lahme Ente.
-Was machst du da unterm Tisch? -Pst. Die Nazis sind hinter mir her.
Die Nazis?
Na, Max. Bist du nicht ein bisschen zu alt für Zorro?
Das ist wenigstens eine Verkleidung. Was bist du?
-Sieh das, wie du willst. -(Junge) Was soll das?
(Mädchen) Gib mir mein Kaninchen wieder.
-Fang. -Ihr schmeißt alles um.
Max, gib's ihm. Mach ihn alle.
Max, gib's ihm. Mach ihn alle. Los!
(Junge) Jungs, lasst doch den Quatsch.
(beide juchzen)
-Wir geben nichts. -Sie garstige Person.
Haben Sie nicht Mitleid mit einem armen Bettelkind?
-Und dem hungrigen Zorro. -Nicht ins Wohnzimmer.
-Zieh den nassen Mantel aus. -Max hat alle platt gemacht.
Die Cowboys, die Inder...
Und die Nazis.
-Ja. -Das war toll, Max.
(Frau) Das freut mich, dass es euch Spaß gemacht hat.
So.
Isst die Mama noch mit uns mit?
Wie kommt's, dass ihr so pitschepatschenass seid?
Wir waren noch auf dem Schlittenberg.
Zieh dir was Warmes an, ich habe alles aufs Bett gelegt.
-Du hast Lefzen wie ein Bernhardiner. -Na, danke schön.
War der Arzt noch mal da?
Ja. Er sagt, euer Vater muss noch drei Tage im Bett bleiben.
Aber er muss sich schonen und auf keinen Fall arbeiten.
Oder ins Theater gehen.
Was machst du denn da?
Die Würstchen kriegen keine Luft mehr.
Die leben eh nicht mehr lange.
Erich und Otto waren gar nicht verkleidet.
Die kamen einfach als Nazis.
Die sind so dumm und dämlich wie ihre Eltern.
Anna, sei nicht so frech.
-Wie war's beim Fasching? -Gut.
Warum esst ihr nicht drüben?
-Hier bei Heimpi ist's gemütlich. -(Mutter) Das stimmt.
-Gehst du schon wieder ins Konzert? -Mhm.
Fräulein Fischer singt Lieder von Franz Schubert.
Sie holt mich gleich ab.
Max, dein Vokabelheft liegt unberührt auf dem Schreibtisch.
Nach dem Essen lernst du, ja?
Annuntio vobis gaudium: Habemus Papam.
Was bedeutet das?
-"Wir haben endlich einen Papst." -Du spinnst.
(Telefon klingelt) (Mutter) Dorothea Kemper.
Ja, am Apparat.
-Mama? -(Mutter) Mit wem spreche ich?
(Heimpi) Seid still, und du isst deinen Kartoffelberg auf.
Silentium. Favete linguis.
Den Juden bekämpfen heißt den Juden entfernen.
Hast du sie nicht mehr alle? Wir sind Sozis.
Und außerdem selber Juden.
Dann musst du jetzt dringend entfernt werden.
Verschwinde, ich muss lernen.
Du... Spielverderber.
Heimpi?
(leises Schluchzen)
(leise Männerstimme)
-Mama, du bist ja noch gar nicht... -Raus! Tür zu.
-Aber ich... -Raus, sagte ich!
(Vater) Komm später wieder, Liebes.
Das sah nicht gut aus. Ich glaube, die Mama hat geweint.
Sie weint nie. Vielleicht hat sie Zwiebeln geschält.
Genau. Zwiebeln geschält.
Die Mama. Im Abendkleid.
Anna, komm raus. Das Wasser ist bestimmt schon kalt.
(Mann im Radio) In der Literatur ist das Böse vielgesichtig.
-Papa, schläfst du? -Goethes Teufel entstammt...
Komm her, mein Mädchen.
Er erwies sich als dienstbarer Geist der Ahnungslosen...
Nicht zu nah, ich will dich nicht anstecken.
Mephisto war wenigstens ein Gentleman.
Er kam selbst, um höflich um Faustens Seele zu bitten.
Heute schickt der Teufel seinen Diener.
Verdorben und korrupt, mit blutbefleckten Händen,
brüllend fordert er die Seele von Deutschland.
Bist du das im Radio?
Ja, aber du musst nicht leise sein.
Ich weiß noch, was ich sagte.
Ich stimme mit "Nein" gegen das Böse.
-Wie war's beim Fasching? -Tun Sie dasselbe.
Große Klasse.
Ich war Bettelkind.
-Das war sehr aufregend. -Mhm.
Ist man arm, schmecken die Krapfen umso besser.
Das ist wohl richtig. Und was hast du da?
Ein Schiffsunglück.
Ein Schiffsunglück?
Aha.
Frau Funk sagte, ich soll mal was Schönes malen.
Möchtest du denn was Schönes malen?
Es ist verflixt. Mir fallen nur Katastrophen ein.
(Vater) Für mich ist es das beste Schiffsunglück.
Es ist dir besonders gut gelungen.
Ist es nicht schlimm, so finstere Sachen zu malen?
Willst du ein Unglück malen, musst du das tun.
Es ist sinnlos, zu malen, was andere erwarten.
Dann wird das nichts.
Den hat Max beim Fasching erbeutet.
Im Altertum war die Swastika mal ein Glückssymbol.
Sie verkommt zu einem Symbol der Dummheit.
Schmeiß das schnell weg.
(sentimentale Musik)
Anna, du wirst doch krank.
-Ich habe so Angst manchmal gerade. -Ja?
Wovor denn?
Vor dem Nebel und vor dem Anstecker.
Und jetzt hat die Mama auch noch geweint.
Ich steck dich doch an, mein Liebes.
Nee, ich werde doch nie krank.
Heimpi passt doch auf mich auf.
Wenn man krank ist, braucht man doch viel Liebe.
Liebe ist die allerallerbeste Medizin.
Hallelujah.
Du bist eine sehr dramatische kleine Person.
-Mist, der Schnee ist wieder weg. -Papa.
Papa!
Heimpi!
-Wo ist Papa? -(Mutter) Anna.
-Ist der Papa doch gestorben? -Aber nein.
Max, hör auch zu.
Was ich jetzt sage, ist ganz wichtig.
Wir bekamen gestern einen Anruf.
Ein Mann von der Polizei hat euren Vater gewarnt.
-Deshalb warst du nicht im Konzert. -Genau.
Es gibt viele Nazis bei der Polizei, aber dieser Mann ist kein Nazi.
Er kennt Papa, und er schätzt ihn.
Für seine Artikel in der Zeitung und für seine Bücher.
Er rief an, um uns zu sagen, dass Papa auf einer Liste steht.
Was für eine Liste?
Gewinnt Hitler die Wahl in zehn Tagen,
wird er seine Gegner zum Schweigen bringen wollen.
Der Mann sagte, man wird Papa den Pass abnehmen.
Er soll jetzt, solange er noch kann, Deutschland verlassen.
Verlassen? Wir wohnen doch hier.
-Papa hat doch die Grippe. -Es ging ihm besser heute Morgen.
Papa nimmt die Bedenken von diesem Mann sehr ernst.
Deshalb fuhr er heute früh nach Prag.
In die Tschechoslowakei.
Woher weiß Hitler, dass Papa ihn nicht mag?
Jeder weiß das.
Papa schreibt darüber deutlich in der Zeitung.
Und er sagt sie im Radio.
-Und jetzt? -Jetzt warten wir die Wahlen ab.
Wenn Hitler gewinnt, dann...
fahren wir zu Papa nach Prag.
Wenn er verliert, kommt Papa wieder heim.
Ich will hier aber nicht weg.
Das will ich auch nicht.
Aber hör zu.
Niemand, absolut niemand darf wissen,
dass Papa Deutschland verlassen hat.
Das ist ganz wichtig.
Ihr dürft es keinem Menschen verraten.
-Auch nicht Gunther und Olli? -Und Elsbeth?
Um Gottes Willen. Keinem.
Ich bin auch Jude.
-Seit wann das denn? -Seit schon immer.
Tatsache? Das wusste ich gar nicht.
Ich auch nicht.
Deine Nase ist aber gar nicht so...
-Ach, Elsbeth, nich jeder... -Anna?
Sag mal... Ist denn dein Vater immer noch krank?
Ja, er hat die Grippe.
Kind, wie lange dauert das denn noch?
Das ist doch seltsam, hm?
Wie hoch genau ist sein Fieber?
Ich muss jetzt heim, meine Mutter wartet auf mich.
-Grüß ihn schön von mir, hörst du? -Ja.
Ich vermisse seine Texte in der Zeitung, seine bösen.
Anna.
-Mama. -Ja.
-Frau Lambeck wollte wissen... -Grüß dich, Schatz.
-Onkel Julius. -Anna.
Was tust du hier, musst du nicht arbeiten?
-Nein, heute nicht. -Isst du mit uns mit?
Das geht leider nicht.
Ich kam nur kurz vorbei, um mit deiner Mutter zu sprechen.
Schau, den habe ich dir mitgebracht.
Der ist aber schön, danke.
Wie geht es den Elefanten im Zoo?
Bestens, denen ist Hitler egal.
Sie freuen sich auf den Frühling, dann können sie wieder raus.
Anna, dein Mantel.
Es wird Zeit, das Junge mal wieder zu besuchen.
Er ist bestimmt schon gehörig gewachsen.
Puste mal.
Danke.
(Türklingel)
Darf Gunther mitessen? Er weiß, dass Papa krank ist.
Nein, der Vater braucht absolute Ruhe.
Tut mir leid, Gunther.
In Ordnung.
-Bis morgen, Max. -Bis morgen.
Papa ist gut in Prag angekommen. Onkel Julius hat ihn getroffen.
Er möchte, dass wir auch nicht mehr hierbleiben.
Wir treffen Papa morgen in der Schweiz.
Morgen?
Heimpi, können Sie den gebrauchen?
-Aber... -Ich kann gar nicht alles mitnehmen.
-Aber das geht doch nicht. -Natürlich geht das.
Er hat Angst, dass sie uns die Pässe wegnehmen.
Wir sind Papas Familie und Juden.
-Aber doch keine richtigen. -Na eben.
-Und die Schule? -Und Heimpi?
Ich passe auf das Haus auf, bis alle wissen, wie es weitergeht.
Wenn die Nazis gewinnen, kommst du schnell zu uns.
Ihr werdet sehen, ihr packt umsonst.
In zwei Wochen gehen wir wieder alle zusammen in den Zoo.
Julius, das sind die Erstausgaben.
Zum Teil signiert. Nimmst du die?
-Ich hüte sie wie einen Goldschatz. -Danke.
Wie lange bleiben wir, wenn Hitler gewinnt?
Das weiß niemand. Einen Monat, zwei, drei...
Drei? Wir gehen drei Monate nicht in die Schule?
Das weiß ich alles nicht.
Das Wichtigste ist erst mal: nicht streiten.
Zweitens: Packen, zwei Bücher, ein Spielzeug.
Nicht mehr.
Drittens: nicht krank werden.
Und noch mal: Wir erzählen niemandem, was wir vorhaben.
Ihr seid jetzt Geheimnisträger, das ist sehr erwachsen.
Das ist ja schwierig.
Ich liebe euch doch alle.
Wenn ich Terri mitnehme, ist das Kaninchen traurig.
Wenn ich das Kaninchen mitnehme, ist Terri traurig.
Das sind Stofftiere, die haben keine Gefühle.
Schade, dass wir die Spielesammlung hierlassen müssen.
Die habe ich erst zu Weihnachten bekommen.
Terri habe ich auch erst zu Weihnachten bekommen.
Dann nimm ihn halt mit.
Aber das Kaninchen habe ich so lange.
Du bist schon zu alt für Stofftiere.
Lass deine Malstifte da, dann passen beide in die Tasche.
Das geht ja überhaupt nicht.
(schwermütige Klaviermusik)
So, Anna, Kind. Jetzt wird aber Licht ausgemacht.
Ich kann mich nicht entscheiden.
Die sind doch beide so lieb.
Die verstehen nicht, wenn ich einen zurücklasse.
Ich sage dir was.
Ich packe morgen, wenn du weg bist,
noch einen Koffer, einen Extrakoffer.
Da tu ich dann dein Kaninchen rein
und schöne Bücher
und die Spielesammlung.
Wenn ich weiß, wo ihr bleibt, schicke ich ihn euch. In Ordnung?
Oder du bringst ihn uns einfach, wenn du kommst.
Sag's, Heimpi.
Gute Nacht, liebe Anna. Gute Nacht, lieber Max.
Schlaft gut und schlaft schön
und auf Wiedersehen bis morgen früh.
Auf Wiedersehen, Heimpi.
Auf Wiedersehen, Heimpi.
(traurige Klaviermusik)
Das ist ungerecht, dass du deine ganze Oper mitnehmen darfst
und wir nur ein Spielzeug.
Nichts ist ungerecht. An der Oper habe ich zwei Jahre gearbeitet.
Geh dich mal anziehen.
Wiedersehen, Arbeitszimmer.
Wiedersehen, runder Esstisch.
Auf Wiedersehen, dicker Flügel.
Auf Wiedersehen, liebe Heimpi-Küche.
-Auf Wiedersehen, gutes altes Haus. -(Mutter) Max! Max!
Wo steckt er denn?
Heimpi, schauen Sie bitte noch mal im Haus?
Danke.
Guten Morgen!
Sie verreisen, so früh am Morgen?
Mein Mann ist leider so krank,
ich muss die Kinder zu Verwandten schicken.
Ach je.
Dann kann er am Sonntag nicht zur Wahl gehen.
Nein, ich glaube nicht.
-Guten Morgen, Frau Lambeck. -Morgen, Max.
Wo kommst du her?
-Ich musste mich verabschieden. -Wie bitte?
(leise) Ich fasse es nicht. Los jetzt, rein.
Bis gleich, Fräulein Heimpel.
Bis gleich, Frau Kemper.
(Heimpi) Mach's gut.
Komm, steig ein.
Zum Einschlafen.
Heimpi.
Anna. Max.
(dramatische Musik)
(Musik läuft weiter)
143, 144...
145, 146, 147...
-Was zählst du denn da? -Die Strompfosten.
149...
Seit Leipzig sind es 150, 151...
Was Blöderes fällt dir nicht ein?
Ich habe nichts mehr zum Lesen. Alles schon aus.
"Berühmte Persönlichkeiten".
An der Schweizer Grenze müsst ihr ganz still sein.
-Warum? -Versprochen?
Fragt jemand, fahren wir nur ein paar Tage in die Schweiz, zur Erholung.
-Aber wir fahren doch... -Nichts aber.
Mir ist komisch.
Keine Angst, halt die Klappe, und es passiert nichts.
(Anna) Hm, also, wie es aussieht,
hatten alle berühmten Menschen eine schwere Kindheit.
Ich befürchte, aus uns wird nichts.
Na, warten wir's mal ab.
(Mann) In wenigen Minuten erreichen wir Stuttgart Hauptbahnhof.
Papa.
Pst. Mein Schatz, alles gut. Wir sind gleich an der Grenze.
Guten Morgen. Die Pässe, bitte.
Max.
-Morgen. -Wohin soll's denn gehen?
Nach Zürich.
Wir besuchen Verwandte.
Mitten in der Schulzeit?
Ein Todesfall.
Kemper.
Kemper.
Der Name sagt mir doch irgendwas.
Helfen Sie mir mal auf die Sprünge.
Ich weiß nicht, der Name ist nicht selten.
Doch, doch. Das beschäftigt mich jetzt den ganzen Tag.
Eine gute Reise, gnädige Frau.
(Max) Wiedersehen.
Gib mir doch bitte ein Handtuch aus dem Koffer.
(Mann, entfernt) Pässe, bitte.
Danke.
-Morgen. -Guten Morgen.
Danke schön.
Junges Fräulein. Kann ich mal ihr Gesicht sehen?
Bisschen fieberig siehst du aus.
Ich habe Schnupfen.
Bei uns sagt man "Pfnüsel".
-Willkommen in der Schweiz. -Danke.
(dichte, bewegende Musik)
Danke.
Papa. Papa.
-Du bist ja ganz heiß. -(Mutter) Arthur.
Ich hatte solche Angst.
Ich weiß.
Max.
(Mann) Hotel Goldener Schwan, guten Tag.
-Guten Tag. -(Mann) Guten Tag.
-Das ist meine Frau. -Willkommen.
(Mutter) Danke schön.
Schau, die können wir Heimpi schicken.
Mama?
-Ich habe so Durst. -Schatz.
(Frau) Jesses, das Kind.
-(Mutter) Anna. -(Vater) Was ist? Anna?
(zarte Klaviermusik)
(Mann) Anna?
Anna.
Fräulein. Kannst du mich hören?
Das gefällt mir gar nicht. Über 40 Grad Fieber ist gefährlich.
Das kann eine Gehirnentzündung geben.
Anna.
(Arzt) Die Apotheke hat bis Mitternacht offen.
-Ist es weit? -Nein.
Arthur.
(weinerlich) Heimpi soll kommen.
Ja, Anna, Kind?
Was ist denn mit dir?
Heimpi.
(trompetet)
(Julius) Puste mal, Anna.
Hey, kleiner Mann. Bist du wach?
Mein Hals tut weh.
(Vater) Die Nationalsozialisten, 288 Mandate.
Ich hab's doch gesagt, 43,9 Prozent.
Hitler wird ein Bündnis schließen.
Die Deutschen haben den Verstand verloren.
Was machen wir denn jetzt?
Gehen wir nicht zurück?
Das ist doch viel zu kalt.
Anna.
Du bist wieder da.
Ich habe Hunger.
Mama.
Du kriegst alles. Alles, was du willst. Alles.
Meine Süße.
(Max) Ich bin doch froh, dass du nicht tot bist.
War in den letzten Tagen ein Elefant im Zimmer?
Ja, der saß im Sessel und hat dir vorgelesen.
Weißt du das nicht mehr?
Komisch, der war so echt.
Bist du denn wieder stark genug für eine kleine Reise?
Wohin fahren wir denn schon wieder?
Wir müssen umziehen, das Hotel ist zu teuer.
Wir fahren noch nicht heim?
Nein.
Hitler hat zwar nicht gewonnen,
aber er hat sich eine Mehrheit verschafft.
-Wir können noch nicht zurück. -(Max) Wir ziehen aufs Land.
(dramatische Musik)
(Musik läuft weiter)
(Mädchen) Mami, sie kommen! Sie kommen!
(auf Schweizerdeutsch) Willkommen im Gasthaus Zwirn.
Grüezi.
Grüezi, ich bin Franz.
Grüezi, ich bin Vreneli. Das ist meine Schwester Trudi.
Noch ist es leer, aber im Sommer sitzen die Gäste meistens draußen.
Dann ist das Licht abends immer an.
-(Trudi) Dann kann ich schwimmen. -Hoffentlich lernst du es endlich.
Und morgen kommst du mit mir in eine Klasse, ja?
Mhm.
Und Max geht mit Franz in die Oberschule nach Sils.
(Mädchen kichern)
(fröhliches Stimmengewirr)
(Mann) Achtung, heiß.
(Mutter) Fein.
(Mann) So, haben Sie alles?
-Erdäpfel, Bier? -(Mann) Ja, danke.
-Gurken? -(Mutter) Danke.
Ich wünsche euch einen Guten.
Es riecht nach alten Socken.
Meckere nicht und iss, was auf den Tisch kommt.
-Heimpi würde... -Heimpi ist nicht hier.
Das hier ist die Schweiz.
Wenn ihr nur von Deutschland träumt,
verpasst ihr wundervolle Sachen.
-(genüsslich) Hm. -Schau, der Mama schmeckt's.
Und wie es der Mama schmeckt.
Blöd, dass ich den Hund mitgenommen habe.
Ich vermisse mein Kaninchen.
Hör auf mit deinen Stofftieren, wir haben andere Probleme.
Ja? Was denn für welche?
Manchmal bist du noch sehr jung.
In Berlin war ich in der Schule besser wie du.
"Als du". Deine Krankheit hat uns ganz schön was gekostet.
Wegen dir waren wir drei Wochen in dem teuren Hotel.
Ich war drei Wochen krank?
Ja, klar. Und der Arzt war auch teuer.
Welcher Tag ist denn heute?
-Was soll das werden? -Ein Kalender.
Ich kreuze täglich ein Kästchen ab, bis wir heimfahren.
Dann kreuze mal schön.
Drei Monate, sagt Mama, dann fahren wir...
Findet Papa keine Arbeit, geht's ins Kinderheim.
Du lügst.
Hoffentlich gibt's mal keinen geschmolzenen Käse.
(Kinder singen auf Schweizerdeutsch)
(sie jodeln)
Das ist Anna aus Deutschland, der Flüchtling.
-Sie kommt in unsere Klasse. -Herzlich willkommen, Anna.
(auf Schweizerdeutsch) Hört mal zu.
Anna ist aus Deutschland und spricht unsere Sprache nicht.
(betont deutlich) Wir müssen alle ganz langsam und deutlich sprechen.
Ich bin der Herr Graupe.
Ich komme aus Rapperswil.
Woher kommst du?
-Guten Tag. Berlin. -(alle lachen)
Anna, du kannst hinten sitzen, neben dem Rösli.
(alle lachen)
(Lehrer) Ruhe, sie kann es nicht wissen.
Achtung, wir machen einmal den Jodel.
Was habe ich denn falsch gemacht?
(schweizerdeutsch) Mädchen gehen nicht durch die Mitte.
Nur die Buben! Die Mädchen gehen am Rand.
(Kinder singen auf Schweizerdeutsch)
(Mutter) Arthur.
-(Vater) Pass auf. -(Mutter lacht)
-Nicht so schnell. -Das ist doch kinderleicht.
Chinesisch auch, wenn man's kann.
(Anna) In Deutschland konnte Papa alles.
(Max) Die Zeiten sind jetzt vorbei.
(Eltern lachen)
(Mann ruft) Anna!
Onkel Julius?
Onkel Julius!
Julius.
(Mutter) Julius! Wo kommst du denn her?
Ich war in Bozen auf einem Kongress.
Ich dachte, ich besuche euch mal.
Die kamen einen Tag nach der Wahl, wie du es vermutet hast.
Die wollten eure Pässe einziehen.
Heimpi war tapfer, sagte den finsteren Herren,
sie wüsste nicht, wo ihr seid, und jagte sie davon.
Die gute Heimpi.
-Geht's Heimpi gut? -(Julius) Ja.
Sie bat mich, ihr zur Seite zu stehen.
Bei was denn?
Letzten Dienstag kamen sie mit Lkw und holten eure Sachen ab.
Was?
Etwa auch den Flügel?
Sie haben alles konfisziert.
Auch den großen braunen Koffer?
Davon weiß ich nichts, aber sie nahmen alles mit.
Angeblich in ein Lager, bis Ihr zurück seid.
Das Einzige, was ich bei mir habe, sind die Erstausgaben.
Wenigstens das. Das ist gut.
-Soll ich sie verkaufen? -Auf keinen Fall.
Niemals.
Kannst du den braunen Koffer in diesem Lager holen?
-Wir brauchen Spielsachen daraus. -Anna, darum geht es jetzt nicht.
In dem Koffer war mein Kaninchen.
(Julius) Auch deine Bücher haben sie verbrannt.
Es ist eine Auszeichnung, von der Saubande verbrannt zu werden.
-(Mutter) Magst du ein Stück? -(Julius) Mhm. Danke.
Ich mag Terri.
Der ist viel schöner als das olle Karnickel.
Vielleicht spielt Hitler gerade Mühle mit der Spielesammlung.
Hoffentlich ist er lieb zu meinem Kaninchen.
(Vater) Tucholsky ist seit der Bücherverbrennung stumm.
Ich glaube, er wurde im Exil depressiv.
(Julius) Man nahm ihm die deutsche Staatsangehörigkeit, er bleibt weg.
Kannst du hier schreiben?
(Vater) Schreiben schon, das ist kein Problem.
Es ist schwierig, meine Arbeit zu veröffentlichen.
Wieso das denn?
Schweizer bewahren ängstlich Neutralität
und veröffentlichen nichts von Nazigegnern.
Ich denke, sie haben auch selber Angst.
Sie finden, zu viele Juden betätigen sich hier geistig.
Kommt ihr denn zurecht, finanziell?
(Vater) Ich versuche, die Verleger umzustimmen.
-Kann ich sie anfassen? -Sie hat Angst vor Fremden.
Ganz vorsichtig.
(Anna) Die ist ganz schön fett. Mag die das nicht?
(Julius) Ihr seid in Sicherheit.
-Das ist alles, was zählt. -Ich weiß nicht.
Hätte ich bleiben sollen? Deutschland braucht uns.
Machst du Witze?
Erinnerst du dich an Professor Teitelbaum?
Man brachte ihn von der Uni ins Konzentrationslager.
Die Schweine sperrten ihn in einen Hundezwinger
und legten ihm eine Eisenkette an.
Er musste auf allen Vieren kriechen
und sein Futter aus einem Napf fressen.
Er schlief angekettet in einer Holzhütte auf dem Boden.
Ging jemand ins Lager hinein oder hinaus, musste er bellen,
sonst schlugen sie ihn mit einem Stock.
Die Kette war so kurz, dass er nie aufstehen konnte.
Nach zwei Monaten nahm er sich das Leben.
(schweres Atmen)
Anna!
(Schritte)
Ein warmes, kleines Licht brennt in deinem Herz.
Schütze es.
Lasse es nicht von jemandem oder etwas löschen.
Wir müssen an das Gute glauben, das ist wichtig.
Das Gute wird am Ende immer siegen.
Würdest du sie mir noch mal aufpusten?
Ich glaube es nicht mehr.
Du drückst ja da auf den Knopf.
Oh. Ich muss los.
(Mutter) Julius, pass auf dich auf.
(Mutter) Anna. Hopp, ins Bett mit dir.
Danke.
Schlaft gut und schlaft schön
und auf Wiedersehen bis morgen früh.
(Max) Gute Nacht.
-Anna? -Nacht.
(aufgeregte Kinderrufe)
(Mann) Michel, was sagte ich?
(Er spricht Schweizerdeutsch)
-Was schaust du denn immer da hin? -Nichts, nur so.
Nimm du die Kleinen.
Schau mal, der Reto kann's ja gar nicht.
-Was denn? -Das Radschlagen. Ich kann es besser.
-Egal. -Die Jungs sind eh Bluffsäcke.
Du brauchst mehr Schwung.
Du musst deine Beine strecken. So.
(Gelächter)
-Kapiert? -Ja.
Es ist leicht, du kannst das. Denk an deine Beine.
(Gelächter)
(hänselnd) "Du brauchst mehr Schwung."
(Gelächter)
(Mädchen) Was macht die?
Na also.
-(Anna) Vreni, was ist? -Das weißt du ganz genau.
Nee, ehrlich. Sag, bitte.
Jedenfalls...
Jedenfalls haben hier alle deinen Schlüpfer gesehen.
Ihr seid hier die Bluffsäcke.
Sie kommen!
(aufgeregtes Geflüster)
Hey, was war denn das?
Komm einfach weiter.
Autsch, was soll denn der Quatsch?
(Vreni) Anna. Hört auf.
Komm, Anna.
Ich warne dich. Wenn du die alle wirfst...
(Anna) Hilfe!
(Jungs im Chor) Anna! Anna! Anna!
(beide Mädchen) Hilfe!
(Anna) Mama, Hilfe!
Was ist denn los?
Was soll denn das? Reto! Was macht ihr denn?
Nein! Reto!
Du bleibst hier, bis du sagst, was das soll.
Los, sag's mir!
-Wir machen das halt so! -Was macht ihr so?
Ihr werft Leuten Steine an den Kopf?
Weil wir sie lieben! Wir haben es gemacht, weil wir sie lieben!
Was?
Weil sie dich lieben.
Wenn sie jemanden besonders mögen, werfen sie Sachen.
-Sie kann sich geehrt fühlen. -Aha.
-Na dann. -(Mutter) Wenn ihr das so macht.
Pass auf, hier kommt was geflogen!
(Mutter quietscht amüsiert)
-Danke, Vreni. -Für was?
Weil du meine Freundin bist.
Wir freuen uns Dass du geboren bist
Und hast Geburtstag heut'
Man hat dich lieb Und schenkt dir viel
Zum Essen Und zum frohen Spiel
Wir freuen uns Dass du geboren bist
Und hast Geburtstag heut'
Danke.
(Vater) Bravo.
"Liebe Anna, mein dicker Freund Theodor und ich
wünschen dir einen fröhlichen Tag voller Sonne.
Das Elefantenbaby ist gar kein Baby mehr,
sondern in etwa ein Grundschüler wie du.
Grüße auch an Tante Alice, von Onkel Julius."
-Wer ist Tante Alice? -Er meint wohl mich.
Er schreibt meinen Namen nicht wegen der Nazis.
Danke, die ist schön. Die stelle ich zu dem Elefanten von Onkel Julius.
(Max) Ich bekam zum Zehnten ein Fahrrad.
Es kommen wieder bessere Zeiten.
Aber wir machen heute eine Dampferfahrt auf dem Zürichsee.
-Wirklich? -Ja.
Die Literarische Gesellschaft veranstaltet das.
-Ach so. -(Telefonklingeln)
-Sind da andere Kinder dabei? -Wohl kaum.
Da kommen Redakteure und Verleger, das könnte wichtig sein.
Anna, komm schnell, Telefon für dich aus Deutschland!
-Für mich? -Ja.
Ja?
-(Heimpi) Anna, bist du das? -Heimpi!
Anna, ich gratuliere dir ganz herzlich zu deinem Geburtstag.
Heimpi, ich bin jetzt zehn!
Ich weiß, Mädchen. Das ist ganz kolossal unglaublich.
Aber du muss nicht schreien.
Ich bin nicht mehr deine kleine Anna.
Nein. Jetzt bist du zehn.
Seid ihr alle wohlauf?
Verschwindet. Husch.
Ja, wir essen Kuchen.
Frag sie, woher sie die Nummer hat.
-Papa hat mir eine Gemse geschenkt. -Habt ihr denn eine im Garten?
Woher du die Nummer hast, soll ich fragen.
Von Herrn Julius.
Der hat sie mir gegeben.
Die Schweiz ist schön. Du musst schnell kommen.
Ich kann nicht, mein liebes Kind.
Ich habe eine neue Arbeit gefunden, bei einer Familie.
Ihr passt schön auf euch auf, ja?
Heimpi, sag noch etwas.
Die 20 Pfennig sind gleich durch.
-Wir gehen heute Dampfer fahren. -Ja?
-Wir grüßen Sie. -(Mutter) Wir grüßen Sie.
-Lasst mich mit Heimpi reden. -Kann Mama jetzt kochen?
In der Klasse sind Buben und Mädchen getrennt.
Es ist alles anders als in Berlin.
Anna.
Auch wenn du jetzt zehn bist, du bleibst mein kleines Mädchen.
-Ich werde dich und den Max nie... -(Klicken, Besetztton)
Jetzt ist sie weg.
Sie hat eine neue Familie gefunden.
(ruhige Gitarrenmusik)
Schatz.
(Vater) Ich sollte als Schriftsteller und Theaterkritiker hier sprechen.
Doch ich kann nicht umhin,
politische Gedanken mit Ihnen zu teilen.
Man geht nicht zum Vergnügen ins Exil.
Du liebst das Land, in dem du Kind warst,
du liebst die Menschen und die Sprache.
Mir schien der Beruf des Kritikers als ein dummer,
wenn man nichts darüber hinaus ist.
Vor einem Jahr herrschte im deutschen Theater Blüte und Reichtum.
Heute eine Dürftigkeit, ein Zerrbild, ein Nichts.
Meine Aufgabe ist, diesen Zustand zu benennen.
Auch von hier aus dem Exil.
Meine Funkreden und neuen Texte
erregen Hass in Deutschland.
Aber wissen Sie, ich kann nicht aufhören zu denken.
(tiefes Schiffshorn)
Das ist der langweiligste Geburtstag, was?
In Berlin hätte ich jetzt meine Freunde zu Besuch.
Und Heimpi hätte Erdbeerkuchen gemacht.
Hast du wenigstens einen Artikel verkauft?
So schnell geht das auch wieder nicht.
Aber ich hatte gute Gespräche.
Weißt du was?
-Eigentlich bist du noch nicht zehn. -Wieso?
Du bist am 14. Juni 1923 um 18:05 Uhr
im Charlottenburger Krankenhaus geboren.
Ich teilte mir gerade mit Max im Wirtshaus "Nasser Sack" eine Bulette.
Wir waren beide sehr nervös.
(lachend) "Nasser Sack". Da war der Max ja erst drei.
Nun verbringen wir deinen zehnten Geburtstag
als Flüchtlinge in der Schweiz.
Ist es nicht gefährlich, weiter auf Hitler zu schimpfen?
Die Nazis können uns doch auch hier finden.
Ich will nicht ängstlich sein.
Nun sind wir sowieso auf der Flucht, hm?
(sentimentale Klaviermusik)
Macht es dir nichts aus, Flüchtling zu sein?
Doch.
Aber ich finde es auch interessant.
Wer weiß, wo wir an deinem elften oder zwölften Geburtstag sind?
Zu Hause?
(nachdenkliche Musik)
Ich verdiene hier kein Geld, man gibt mir keine Arbeit.
Ich befürchte, wir müssen weiterziehen.
-Und wohin? -Vielleicht nach Paris.
Ich könnte für eine jüdische Zeitung schreiben.
Paris? Dann müssen Max und ich Französisch lernen.
Na und? Da sitzt ein kluger Kopf auf deinen Schultern.
Ich glaube, ich habe mich noch nicht ans Flüchtling sein gewöhnt.
Bin ich jetzt zehn?
Ja. Ganz genau 18:05 Uhr.
(Anna) Das Gute ist, Max und ich können doch berühmt werden.
Ach so?
Jetzt haben wir eine schwere Kindheit.
Na schau, so hat alles im Leben etwas Gutes.
-Schafft ihr das, zehn Tage alleine? -Klar.
-Nicht wahr, kleiner Mann? -Hm.
Wenn uns Paris gefällt und wir eine Wohnung finden,
kommen wir vielleicht früher zurück.
Heute Abend gibt's Rösti mit Würsten.
Ihr macht, was Frau Zwirn sagt.
Abends macht sie in eurem Zimmer das Licht aus.
Und da gibt's kein Theater, verstanden?
Ich schreibe euch jeden Tag eine Postkarte.
Danke schön.
Denkt dran, wenn wir in Paris sind,
vertretet nur ihr unsere Familie in der Schweiz.
-Das ist eine große Verantwortung. -Warum?
(Frau Zwirn) Keine Sorge, wir schaffen das.
Weil wir Juden in der ganzen Welt leben,
und die Nazis verbreiten schreckliche Lügen über uns.
Es ist daher wichtig für Menschen wie uns,
zu beweisen, dass sie Unrecht haben.
Wie sollen wir das anstellen?
Wir müssen ehrlicher sein als andere,
fleißiger, großzügiger, höflicher.
Wir müssen allen zeigen, dass es gut ist, Jude zu sein.
Ich weiß, wenn wir zurückkommen,
sind wir stolz darauf, wie gut ihr uns vertreten habt.
-Pass gut auf den Hut auf. -Mache ich.
Und du, Max. Pass mir gut auf Anna auf.
Auf Wiedersehen.
(Mutter) Bis bald, mein Schatz.
-Mama, kommt ihr auch sicher wieder? -Aber natürlich.
Vergesst uns nicht zu holen! Vergesst uns nicht!
Aber Anna, bist du verrückt?
Ich vergesse doch meine Kinder nicht.
(munteres Stimmengewirr)
(hoher Ruf)
Du darfst nicht so viel essen, Vali. Du wirst immer schwerer.
Esse ich nicht, wird mir schwindelig. Ist mir jetzt schon.
-Komm, Vali, du schaffst das. -Noch ein kleines Stück.
Hört auf zu kämpfen.
Du, Anna.
Heute steht dein Vater in der Zeitung.
Ja? Hat er endlich einen Artikel verkauft.
Nein, das nicht. Da steht, dass er gesucht wird.
Adolf Hitler hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.
1000 Reichsmark.
Nein, mach dir keine Sorgen.
Hier kann ihm Hitler nichts anhaben. In der Schweiz ist er sicher.
Hast du keine Angst vor der neuen Schule?
Vielleicht vor der Sprache. Aber dich verstehe ich ja auch.
-Ich spreche auch deutsch. -Na ja.
Die beiden dort kommen auch aus Deutschland.
Ich weiß, aber die spielen nicht mit mir.
Das sind Nazis.
(unverständlicher Dialog)
Ist es schlimm, wenn ich mit denen spiele?
Nein.
Schlimm ist, dass die bald wieder nach Berlin fahren dürfen, ich nicht.
(zarte Klaviermusik)
(panisch) Max.
-Wach auf. -Was denn?
Jetzt ist es leer.
Jetzt riecht es nach nichts mehr.
(Max grummelt)
Nein, es tut mir leid. Auch heute kam keine Postkarte.
-Nichts. -Wahrscheinlich kommen morgen drei.
Schreib du etwas von dem Wandertag. Das freut sie.
(Frau) Hier, Schatz. Esst schön, es gibt erst abends wieder was.
-Was ist Kopfgeld, Max? -Wieso?
Herr Graupe sagte,
Hitler will Papa mit Kopfgeld bestrafen.
Kopfgeld ist eine Belohnung für jemanden,
der jemand anderen findet.
Aber wir wissen ja, dass Hitler Papa sucht.
Ach so. Ich wünschte, Papa wäre hier.
Guten Morgen, ich wünsche Ihnen einen formidablen Tag.
(Mann) Danke schön.
Komm.
Das war sehr mutig von dir. Ob sie merkten, dass du sie verkohlst?
Habe ich nicht. Ich habe nur versucht, höflich zu sein.
Jaja.
(Anna) Umkreist ihn, umkreist ihn.
Die kriegen mich nicht. Ich halte mich schon, keine Angst.
Helft mir, der Dieb ist zu schnell für mich.
Los.
Papa!
Papa, ich hatte so Angst um deinen Kopf!
-Um meinen Kopf? -Wegen dem Kopfgeld von Hitler.
Darüber habe ich mir auch Sorgen gemacht.
-Wirklich? -Ja.
1000 Mark sind wenig für so einen klugen Kopf wie meinen.
Ich würde mich gerne beim Herrn Hitler beschweren.
Wo ist denn Mama?
Die richtet in Paris unsere Wohnung ein.
-Unsere Wohnung? -Ja.
Mit Balkon und Küche.
(Vater) Das mache ich, das ist schwer.
Da ist ein ganzer Käse drinnen.
-Und Wurst und Brot und harte Eier. -Danke schön.
-(Vater) Max. -Und etwas zu trinken für unterwegs.
-Ach, danke. -Kinder, kommt runter.
Passt gut auf euch auf.
Ihr seid hier immer willkommen.
Vielen Dank, Frau Zwirn. Für alles.
-Adieu. -Adieu.
-Franz. Adieu. -Adieu.
Wo ist Anna? Anna!
Anna!
(schweizerdeutsch) Ich bin traurig.
Du bist doch meine beste Freundin.
Bist du nicht auch traurig?
Doch, aber als Flüchtling muss man oft Abschied nehmen.
Das gehört zu meiner schweren Kindheit.
(Vater) Anna, komm, wir müssen los!
Guck mal, das habe ich geübt.
Bravo, Vreni.
(Anna) Uf Wiederluege, ihr engen Gassen.
Uf Wiederluege, du dicker Stein.
(lebhafte Musik)
Uf Wiederluege, alte Tränke.
Wiederluege, du Bluffsack. Du Schnodderi.
Ade, Anna.
(Musik läuft weiter)
Schau mal. Max.
Da ist der Eiffelturm.
Der Erbauer hieß gar nicht Eiffel, sondern Bönickhausen.
Wegen der leichteren Aussprache nannte man ihn Eiffel.
Weil er aus der Eiffel kam.
Das können die aber auch nicht aussprechen.
(dichte, beschwingte Musik)
(Musik läuft weiter)
Ich dachte, es wäre gelb.
Wieso das denn?
-Papa sagte etwas von Balkon. -Das heißt doch nicht gelb.
Aber in einer anderen hübschen Farbe.
(Vater) Drück mal auf den Knopf.
(sprechen Französisch)
Guten Abend, Herr Professor.
Guten Abend.
Und... sind das Ihre Kinder?
Ja, das ist Max und das ist Anna.
Wie süß. Guten Abend, meine Häschen.
Ich hab' euch Bonbons gekauft.
Komm her, Fifi.
(deutsch) Danke.
-(Frau spricht deutsch) Bitte. -Danke.
(französisch) Warten Sie einen Moment.
Unterschreiben Sie hier bitte.
-Was ist das? -Die Genehmigung.
-Welche Genehmigung? -Meine natürlich.
Damit alles seine Ordnung hat.
Perfekt.
Haben wir jetzt einen Aufzug?
-(Anna) Weil wir jetzt reich sind? -So, kommt.
-Meine Liebsten. -(Anna) Mama!
Ja! Da seid ihr endlich.
-(Anna) Ich habe dich so vermisst. -(Max) Hallo.
(Anna) Frau Zwirn gab uns einen ganzen Schokokuchen.
-Bonjour. -(Mutter) Bonjour, Monsieur.
(Mutter) Hereinspaziert.
(Anna) Was bin ich gespannt.
Das ist euer Zimmer, das ist das gelbe Zimmer.
Gelb ist wirklich schön, Mama. Und auch so fröhlich.
-Warum ist es hier so dunkel? -Ihr habt doch die schöne Lampe.
-Ist nicht so schlimm. -Kommt weiter, ins Wohnzimmer.
-Und das ist auch die Küche. -Schön.
(entfernt Lärm und Stimmengewirr)
Meinst du das mit Balkon?
Das ist doch einer. Für mich ist das ein Balkon.
-Wer hat denn früher hier gewohnt? -Die Dienstboten.
Ich finde es gemütlich.
Ist das dein Zimmer, Papa?
Ja.
Das ist mein Arbeitszimmer.
Wo ist das Bad?
Die Toilette ist im Treppenhaus.
Die teilen wir uns mit der Nachbarin.
Zum Waschen gebe ich euch warmes Wasser.
-(Anna) Wer ist die Nachbarin? -Das ist die Grete.
Ein junges Mädchen aus Österreich.
Sie ist hier, um Französisch zu lernen.
Sie ist etwas sonderbar, aber sie spricht Deutsch.
-Ist sie auch Jüdin? -Meine Kartoffeln.
Wohl eher nicht.
-Ach, nein. -Und wo schlaft ihr?
Kommt mit, ich zeige euch etwas.
Max, hilf mir mal. Zieh mal mit.
-Na, komm. -Schwuppdiwupps.
-Ein Zaubersofa. -(Vater) Mhm.
(Vater) Tada. Achtung, so.
-(Mutter) Es ist verbrannt. -(Vater) Nicht so schlimm.
Immerhin haben wir ein Zimmer mehr als bei den Zwirns.
Ich habe es mir schöner vorgestellt.
Ich mir auch.
Also, ich habe mich bemüht.
Aber die Flamme ist schwer zu regulieren.
Das Rührei ist lecker.
-Die Kartoffeln sind etwas dunkel. -Die sind verbrannt.
Das macht nichts.
(Mutter) Probier mal.
Von Käse, Baguette und Wein kann man wunderbar leben.
-Baguette? -(Vater) Mhm.
Das ist Französisch und heißt "Stock".
Gib mal her.
(Mutter) Nicht so viel.
(Anna) Ich glaube, der ist schlecht.
-Der schimmelt. -(Vater) Mhm.
Das ist ein Sainte-Maure. Aus Ziegenmilch in Asche gerollt.
Immer wenn wir irgendwo ankommen, gibt es alten Käse.
Tja.
(französisch) Ich trinke auf unsere Familie
und auf unsere Zukunft in dieser Stadt.
-Zum Wohl. -Zum Wohl.
Das klingt ja sehr fließend.
(Anna imitiert Französisch des Vaters)
-Santé. -(Mutter) Santé.
-Kann man in dem Fluss baden? -Ja, aber nicht hier.
Der Fluss heißt übrigens Seine.
(Verkäufer spricht Französisch)
-Komm. -(Verkäufer) Au revoir, Monsieur.
(Anna murmelt) Seine, bonjour, santé...
Die drei Wörter kann ich schon.
(Frau) Pariser Blatt, bonjour.
(Gemurmel, Schreibmaschinenanschläge)
(Mann) Unsere Bewertung des hiesigen Kulturbetriebs
darf wir nicht den emigrierten Künstlern schaden.
Unsere Kritik muss ernst, aber nicht vernichtend sein.
Ich appelliere an Ihre Sensibilität.
Ihr Urteil war in Berlin gefürchtet.
Gerade möchte ich nicht meinen Landsleuten das Leben schwer machen.
Ich habe mehr Freude am Lob als am Vernichten.
Tatsächlich?
Würden Sie einmal wöchentlich für uns schreiben?
Über das aktuelle Pariser Theater.
Sehr gerne auch mehr.
Mehr können wir uns leider nicht leisten.
Kultur ist Luxus geworden.
(Stimmengewirr, Verkehrslärm)
Da seid ihr endlich. Wie war's?
-Gut. Papa hat Arbeit. -(Mutter) Aha.
-Wirklich? -Hey, das ist meine Limo.
Bekomme ich auch eine?
Und essen wir auch hier? Ich habe Hunger.
Eine Kritik pro Woche für 15 Francs. Sind 60 Francs im Monat.
(Kellner spricht Französisch) Was darf ich bringen?
Wie sollen wir davon leben?
(französisch) Nichts, danke. Wir gehen.
Max, lass deine Schwester mal trinken.
-(Mutter) Zu Hause gibt's Brot und... -(Max) ...Käse.
Wir kaufen auf dem Heimweg noch Butter und Eier.
-(Anna) Schon wieder Eier? -Ja, schon wieder Eier.
On y va.
(sprechen Französisch)
Hier, habe ich dir übrig gelassen.
-Max? -Ich brauche eine französische Mappe.
-Und lange Hosen. -Aha, verstehe.
Und sonst? Wie war's mit den anderen?
Keine Ahnung, ich habe kein Wort verstanden.
(Max) Wie soll ich Freunde finden, ohne die Sprache zu verstehen?
(Mutter) Am besten lernt man eine Sprache mit Musik.
(Mutter singt Kinderlied "Il était une bergère")
Mama, hör auf. Du bist peinlich.
(sie singt weiter)
-Komm jetzt. -(Anna summt Lied der Mutter)
(Mutter) Komm, Anna.
Kannst du auf deiner Seite bleiben?
Wieso brauchst du so viel Platz?
Dein Gekritzel stört meine Konzentration.
Dann geh doch woanders hin.
Ich muss lernen.
-Mal die blöden Bilder auf dem Boden. -Max.
Es ist unfair, dass Max in die Schule darf.
Eine Privatschule ist teuer genug.
Dann gehe ich auf eine Nicht-Privatschule.
Dahin schicken nur sehr einfache Leute ihre Kinder.
Wir sind doch jetzt einfache Leute.
Ja, aber da unterrichten sie nicht mal Latein.
Wir sind vielleicht arm, aber eure Ausbildung hat Priorität.
Und jetzt? Ich muss mich konzentrieren.
Ich wünschte, ich hätte eine Schwester.
Ich wünschte, ich hätte keine.
(Schreibmaschinenanschläge)
-Bin ich auch zu laut? -Geht schon.
Darf ich ein bisschen bei dir sein?
Habt ihr euch wieder gestritten?
Was machen deine Katastrophen?
Und die werden alle unter der Lawine sterben?
-Ich befürchte schon. -Hm.
Wenn es deine Zeit erlaubt, fragst du die Concierge nach der Post?
-Anna, hast du mich gehört? -Oui, oui. Schon.
(flüsternd) Ich habe Angst vor dem Treppenhaus.
Ach so.
Gut, einmal komme ich noch mit.
Aber morgen schaffst du es alleine, ja?
Gut. Komm.
-Guten Tag, Fräulein Grete. -Grüß Gott.
Warum ist die immer so komisch?
Ich weiß es nicht, und ich will darüber nicht nachdenken.
(sprechen Französisch)
Und? Haben Sie endlich Arbeit nach Ihrem Geschmack gefunden,
Herr Professor Kemper?
Jawohl, Madame Prune. Ich arbeite für das "Pariser Blatt'.
Sie müssen sich also keine Sorgen um die Miete machen.
Umso besser!
Das ist eine von diesen Emigranten-Zeitungen, nicht wahr?
Möchten Sie eine Olive?
-Viele Juden finden da Arbeit. -Das will ich hoffen.
Und vergessen Sie nicht:
Die Miete wird jede Woche bezahlt!
Pünktlich! Freitags!
Ja!
"Liebe Anna, dieser hübsche Hase erinnert mich an dein rosa Kaninchen.
Wie geht es euch wohl in der schönen Stadt Paris?
Hast du schon Schnecken in Knoblauchbutter probiert?
Tante Alice gab mir vor einiger Zeit einen klugen Rat.
Manchmal denke ich, ich hätte ihn befolgen sollen.
Es grüßt euch herzlich Onkel Julius.
Welchen Rat meint er?
Kann man Schnecken wirklich essen?
Er hätte nicht zurückgehen sollen nach Deutschland.
Ich habe es immer wieder gesagt.
Ich sehe ja furchtbar aus.
Meine Haare.
Wo gehst du denn hin?
Arthur, nein!
Das ist doch viel zu teuer!
(Mutter flüsternd) Nein!
Nein, ich will keine. Nein.
Arthur, komm raus. Komm.
Nein.
(freudige Kinderstimmen)
(Mutter) Mmh.
-Fertig. -Wirklich? Alle Aufgaben fertig?
-Oui, oui. -Ich komme gleich.
-(singt "Il était une bergère") -(Mutter singt mit)
(sie singen zusammen)
Formidable.
(französisch) Guten Tag! Wie kann ich euch helfen?
(französisch) Guten Tag, gnädige Frau.
Bleistift.
(deutsch) 'Madame' heißt 'Frau', glaube ich.
(Max) Stimmt.
(französisch) Danke!
Bleistift!
-Danke! -Bitte!
Zwei Francs!
Vielen Dank.
Und auf Wiedersehen!
Auf Wiedersehen!
Gibt's nichts raus? Wir dürfen doch den Rest behalten.
-Ist doch egal. Komm. -Gar nicht egal. "Billig"...
(französisch) Billig!
Haben Sie einen "bonne marché crayon"?
Danke!
Ja ja. Ich hab' verstanden.
Danke!
Nichts zu danken.
Wir haben jeder 20 Centimes. Was wir dafür alles kaufen können.
Ich glaube, nicht viel.
(französisch) Auf Wiedersehen, gnädige Frau!
Max, schau mal, der Nussknacker.
Es riecht wie im Grunewald.
Hoffentlich haben wir einen Tannenbaum.
Klar.
(Vater) Mein lieber Freund.
Deine Postkarten sind Lichtstreifen am finsteren Horizont.
Außer dir meldet sich keiner mehr von zu Hause.
All die Hauptmanns, Einsteins, Oldens...
Wo sind sie jetzt?
Mich fesselt die Frage:
Hätten sie vor einigen Jahren meinen Brief unbeantwortet gelassen?
Sicher nicht.
Ich dachte nicht, dass ich das je schreibe,
aber ich befürchte, du musst ein paar Erstausgaben verkaufen.
Man hat mir die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.
Nun bin ich vor allem noch eines: ein Jude.
Gut ist: Man gehört weder zur misgeführten Masse noch zum Nazipack.
Und Juden sind geübte Emigranten.
Auch wenn es schmerzt,
es ist beglückend, ein Teil dieses Fabelvolkes zu sein.
(leises Gemurmel)
Papa, ich glaube, ich muss da hoch.
Nein, du kannst auch hier unten sitzen.
(leises Gemurmel)
Herr Kemper?
Herr Kemper? Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken.
Erinnern Sie sich?
Nein, ich bedaure.
Robert Stein.
-Ach, der vom Theater. -Ja, genau der.
(beide) Guten Tag.
-Sie sind auch in Paris? -Meine Frau hat Familie hier.
Ich hatte keine Arbeit mehr in Berlin, wir kamen vor einem Jahr.
Das ist meine Tochter Anna.
-Guten Tag, Anna. -Guten Tag.
Wir wohnen im siebten Arrondissement.
Besuchen Sie und Ihre Familie uns doch mal zum Tee.
Was in Berlin war, ist lange her.
Ich würde mich gerne mit Ihnen austauschen.
Danke.
Ich melde mich bei Ihnen.
-Auf Wiedersehen. -Auf Wiedersehen.
-Wiedersehen, Anna. -Wiedersehen.
Papa, magst du den Mann nicht?
Dazu habe ich gar keinen Grund.
Ich dachte eher, der mag mich nicht.
Stell dir vor, dieser Robert Stein war in der Synagoge.
Robert Stein?
-Den hast du mehrmals zerrissen. -Sehr richtig.
Ein außergewöhnlich talentloser Regisseur.
Seine Inszenierungen waren nicht zum Aushalten.
Ich fand ihn nett.
Mir war egal, ob ein Regisseur nett ist.
Schlecht war er, so einfach ist das.
Und wenn du das sagst, gibt es keinen Zweifel.
-So ist das. -Deine Arroganz ist unerträglich.
Auf jeden Fall ist er nicht nachtragend.
War seine Frau nicht auch Pianistin?
Er hat uns zum Tee eingeladen, er wohnt sehr schick.
Keine zehn Pferde bringen mich zu diesem Dilettanten.
(Mutter seufzt)
Nein auch im Winter Wenn es schneit
Oh Tannenbaum Oh Tannenbaum
Wie treu sind deine Blätter
-Danke, Mama. -Bitte.
Der ist so schön.
-Das sind ja Pullover geworden. -Ja.
Hat daran jemand gezweifelt?
Komm her, Mama, das schenke ich euch.
(tragende Klaviermusik)
Das ist wunderschön.
-Schön, Anna. -Zeig mal.
Du musst es über den Daumen laufen lassen.
Unglaublich, wie hast du das gemacht? Max, schau mal.
Hey, kleiner Mann.
Ich wollte euch keine Katastrophen mehr schenken.
Ist das eine Schulmappe?
Ja, deine Mutter hat eine Ecole Communale für dich gefunden.
Ich dachte, das ist zu schlecht für unsereins.
Wer redet denn so einen Unsinn?
Das glaube ich nicht.
Die ist aber schön.
-Wie hast du die... -Pst.
Gestohlen habe ich sie jedenfalls nicht.
(Vater) Dorothea?
Ich habe noch etwas für dich.
Damit du nicht vergisst, was dich ausmacht.
(Klaviermusik läuft weiter)
Frohe Weihnachten.
Danke.
Ein Ballon.
"Liebe Anna,
von Herzen wünsche ich euch ein frohes Weihnachtsfest.
Lass diesen Ballon vom Eiffelturm steigen
und der Westwind weht ihn sicher nach Berlin vor meine Haustür.
Das würde mich freuen. Ich schaue auf volle Hoffnung in das neue Jahr.
Es kann und muss besser werden. In diesem Sinne, euer Julius."
-Frohe Weihnachten, Fräulein Grete. -(Grete) Abend.
Warum feiern wir denn Weihnachten als Juden?
Für mich war Weihnachten kein christliches,
sondern ein deutsches Fest.
Es erinnert mich an viele schöne Familienfeiern,
als Ich so alt war wie du.
Glaubst du denn an Gott?
Ich befürchte nein.
Ich glaube nur an Dankbarkeit.
Wer keine Dankbarkeit empfindet, ist ein Verlierer.
Ich bin dankbar, vor allem für meine Schultasche.
Das ist gut.
-(sprechen Französisch) -Wo kommst du her?
Anna, wie lange bleibst du in Paris?
-Du verstehst wirklich nichts? -Dein Rock ist zu kurz.
Hast du eine kleine Schwester? Warum trägst du ihren Mantel?
Du brauchst einen Kittel. Komm, ich zeig' dir wo du ihn bekommst.
(vergnügtes Stimmengewirr)
(französisch) Die napoleonischen Siege:
1800 Marengo,
1805 Austerlitz,
1806 Jena.
1807 Friedland,
1809 Wagram.
Sehr gut. Du kannst dich wieder setzen.
In Waterloo verlor er dann zum letzten Mal, das war 1815.
Stimmt. Sonst sagte die Lehrerin nichts über Napoleon?
Außer Zahlen, es gibt viel Interessantes.
-Nein, sie übten nur Zahlen. -Hallo, Papa.
-Bonjour, Max. -Kleiner Mann, wie war's?
Gut, ich habe jetzt meinen Schulkkittel.
Kapierst du schon was?
-Nee, aber Rechnen ist leicht. -Trés bon.
-Wenigstens etwas. -(Anna) Du siehst französisch aus.
-Ist das gut oder schlecht? -Keine Ahnung.
-Hallo. -(Mutter) Hallo.
Schon wieder Kartoffelsuppe? Ist da wenigstens Fleisch drin?
Frag nicht immer das Gleiche.
Kino brauche ich auch nicht zu fragen, oder?
Alle gehen und zum ersten Mal wollten sie mich mitnehmen.
Aber das geht nicht, stimmt's?
(Knall) Gut, entscheide du.
Entweder wir haben eine warme Mahlzeit oder du gehst ins Kino.
Es geht nur das eine oder das andere. Also, was machen wir?
Bleibt das so, oder wird das wieder anders?
Jetzt haben sie uns.
-Die Nazis. -Du Knalltüte.
Das ist nur eine Birne.
Max, wir gehen noch mal spazieren, ja?
Schon wieder ein Franc.
-Du hast also noch Hunger? -Ich habe immer Hunger.
Warte mal hier.
Hätten wir nicht eine Glühbirne kaufen sollen?
Probier mal, die sind gut.
-Voilà, Monsieur. -Merci.
(entferntes Stimmengewirr)
(französisch) Sagt eurem Vater,
die Miete war vorgestern fällig!
Also, am Freitag!
War er ein berühmter Mann in Deutschland,
euer Herr Papa?
-Seid ihr Juden? -Ja ja, Juden.
Wir sind hier aber nicht in Deutschland,
wir sind in Paris. Verstanden?
War ja klar.
Das sind komische Leute, die kommen und gehen wie Diebe.
Nicht wahr, Fifi Jude?
Tief ist es nicht.
(Max) Aber saukalt.
-Was machst du da? -Ich gehe da jetzt rein.
Das ist verboten.
Die meisten sind doch eh schon grün.
Das ist doch krank, Anna.
Glotz nicht so blöd. Hilf mir lieber.
(Lehrerin diktiert auf Französisch)
(Lehrerin diktiert weiter)
-Bonjour, Madame Batier. -Bonjour.
(alle) Bonjour, Madame.
-(Vater) Napoleon war auch emotional. -Licht!
-(Vater) Niemand ahnte, was er wird. -Ihr seid wunderbar.
-Seine Mutter hieß Laetitia. -(Mutter) Woher kommt das Geld?
(Vater) Er wollte ihren Respekt...
-(Anna) Eine eisige Sache. -(Vater)...sie nahm ihn nie ernst.
Er war brillant in der Schule,
kommandierte in irrwitzig jungen Jahren ein Heer,
errang Sieg um Sieg,
wurde zum Kaiser gekrönt und machte seine Geschwister zu Königen.
Seine Mutter sagte nur: "Warten wir, wie lange das gutgeht."
Es ist ja auch nicht gut gegangen.
Wäre es anders gekommen wäre, wäre sie einmal stolz auf ihn gewesen?
Es gibt so viel Interessantes über Napoleon zu erzählen.
Er verliebte sich immer in Frauen, die seiner Mutter ähnlich sahen.
Aber seine Mutter mochte die Frauen alle nicht, natürlich.
Woher weißt du da alles?
Viel habe ich noch mal nachgelesen.
Ich will ein Drehbuch schreiben über ihn.
Für einen richtigen Film?
Wenn es einer kauft, wird vielleicht ein richtiger Film draus, ja.
Gute Nacht.
Gute Nacht.
Nacht.
Weißt du auch was über Napoleon?
Ja. Er war durch und durch unmusikalisch.
Er mochte nur Trommeln und Trompeten.
Aber es gab ein korsisches Kinderlied,
das er nie vergessen konnte.
(singt auf Korsisch)
(Anna kichert)
(Vater atmet schwer)
(Vater stöhnt unruhig, schreit auf)
Max, Papa hat wieder Alpträume.
-Lass mich schlafen. -Ich habe aber Angst.
(Vater stöhnt unruhig)
(leise, beunruhigende Musik)
Mama?
-Kannst du nicht schlafen? -Nein.
(Musik läuft weiter)
Ist Grete ein Nazi?
Kann sein.
Vielleicht mag sie auch einfach nur keine Juden.
Wie Madame Prune.
-Gibt's was zu essen? -Bestimmt, aber nicht zu laut sein.
Und ihr müsst euch benehmen, ja?
-Gut. -(Türklingel)
Frau Kemper, wie schön.
Frau Stein, vielen Dank für die Einladung.
Sehr gerne, kommen Sie rein.
Ich habe mich so gefreut, als Sie anriefen.
Mir ist den ganzen Tag so entsetzlich langweilig.
-Kommt. -Hannah, Gustav, die Gäste sind da!
(Max) Mmh.
Wir müssen doch nicht so kindisch wie unsere Männer sein.
-(Hannah) Ihr habt ja Hunger. -Stimmt.
Ich freue mich aufrichtig über Besuch aus Berlin.
Meinem Mann ging es nie um Persönliches.
Er liebt das Theater so sehr.
-Er vergisst oft... -Frau Kemper.
Robert rang mit den Texten Ihres Mannes, sie schmerzten ihn
und am Ende weitergebracht.
(Hannah) Von meiner Oma aus Österreich.
Woran arbeitet Ihr Mann im Moment?
Er schreibt gerade ein Drehbuch über Napoleon.
Er hat ja im Moment genügend Zeit.
Napoleon? Interessant.
-Steht gerne auf. -(Hannah) Nimm dir noch was.
(Anna) Danke schön.
(Hannah) Kommt, ich zeige euch mein Zimmer.
-Wie wäre es mit einem Likör? -Gerne.
Steht mir das? Das trage ich auf dem Golfplatz.
Eine hübsche Idee, du siehst aus wie eine Butterblume.
Schmetterlinge werden dir scharenweise folgen.
(Max) Und du, Teuerste, siehst aus wie ein Lampenschirm.
Nehmt, was ihr wollt, wir haben eh zu viel.
Sonst kommt es in einen Sack für Bedürftige.
Aber wir sind doch bedürftig.
Wir haben 150 000 deutsche Bücher, alle schon durch.
-Ihr könnt doch lesen, oder? -Lesen?
Wo denkst du hin? Unsere Eltern halten nichts von Bildung.
(nebenan temperamentvolles Klavierspiel)
(Lied: "Ungarischer Tanz Nr. 5" von Brahms)
(Kinder applaudieren)
Das geht alles morgen zurück.
Keine Almosen, schon gar nicht von dem Regiekasper!
Wir sind doch keine Bettler.
Weißt du, was deine Kinder brauchen?
Die brauchen Essen und Kleidung
und alles Mögliche.
Das ist mir jetzt völlig egal, woher das kommt.
Wir wohnen nicht mehr im Grunewald.
Du bist kein berühmter Kritiker mehr, die Zeiten sind vorbei.
Diese Kleider waren für notleidende Kinder gedacht.
Warum also nicht für unsere?
-Ich ziehe die Hose nicht mehr aus. -Musst du auch nicht.
Sind wir notleidend?
(sprechen Französisch)
-Sehr gut, Manon. -Danke, Madame.
Anna. 147 Fehler.
Du musst dich noch mehr anstrengen.
Sonst wirst du im Herbst nicht in die nächste Klasse vorrücken.
Verstehst du?
Rosalie, gut.
Anna, du hast schöne Schuhe.
Danke.
Den Posten im Naturkundemuseum verlor er vor einem Jahr.
-(Tür wird geöffnet) -Das wusste ich nicht.
Hallo.
Das ist Anna, unsere Tochter. Julius war ihr Patenonkel.
Das ist Heinz Rosenfeld, ein Freund von Julius.
-Aus Berlin. -Guten Tag.
-Du bist also die Anna. -Mhm.
Julius wollte Ihnen keine Sorgen machen.
Erzählen Sie doch weiter.
Lange Zeit ging es ihm gar nicht so schlecht.
Er ging weiter jeden Tag in den Zoo, besuchte seine Tiere...
Er arbeitete als Handlanger in einer Zigarrenfabrik.
Julius wusste, ich würde nach Paris gehen.
Ich habe Familie hier.
Ist er tot?
Als sie ihm dann den Zutritt zum Zoo verboten, wurde er schwermütig.
-Er verließ sein Zimmer nicht mehr. -(Max) War Julius Jude?
Seine Großmutter.
Aber das reichte denen offenbar.
Er war müde.
Er wollte nicht mehr leben.
Aber es lag ihm sehr am Herzen, dass ihr das hier bekommt.
(traurige Klaviermusik)
(Musik läuft weiter)
(französisch) Ihr könnt zwischen zwei Themen wählen:
"Eine Reise"
und "Ein Tag am Strand".
Ihr dürft anfangen.
Arthur, das macht doch keinen Sinn.
Wenn sie uns heute nicht antrifft, kommt sie morgen wieder.
Morgen habe ich vielleicht Geld. Ich habe jetzt keine Lust auf sie.
Wir sind nicht da, das Licht bleibt aus.
-Wo sollen wir denn sein? -Pst.
(entfernte Schritte)
(Schritte nähern sich)
Vielleicht ist es nur Grete.
-(laut) Nur Grete, die ist ja noch... -(Vater) Pst.
(Klopfen)
(Prune spricht Französisch) Herr Kemper!
Hören Sie mit dem Unsinn auf,
öffnen Sie die Tür!
-Ich weiß genau, dass Sie da sind! -Wenn wir morgen...
(Prune) Das hat man davon, wenn man Leute wie euch ins Land lässt.
Allesamt unehrlich.
Ich habe Sie im Auge, Herr Kemper!
Sie gehen nicht an meiner Tür vorbei, ohne zu bezahlen!
-Verdammte Juden. -Das ist entwürdigend.
(Schritte entfernen sich)
(französisch) 14, 15, 16, 17, 18...
Merci, Madame.
(sprechen Französisch)
Madame, warum hängt Geld an meinem Test?
Aber ja, das habe ich ja ganz vergessen!
Kinder, hört mal alle her!
Anna ist erst vor einem Jahr zu uns gekommen
und konnte kein Wort Französisch.
Ihre Rechtschreibung ist zwar noch immer mangelhaft,
trotzdem hat sie mit ihrem Aufsatz den Schulwettbewerb gewonnen!
Ihre "Reise" wurde von Monsieur Moulin mit zehn Francs ausgezeichnet.
Was sagt ihr dazu?
Anna, komm bitte nach vorne und lies uns deine Geschichte vor.
"Eine Reise." Von Anna Kemper.
"Es war eine kalte Nacht im Februar.
Arthur war stark erkältet.
Eigentlich hätte er im Bett bleiben sollen,
aber plötzlich klingelte das Telefon.
'Ich bin ein Freund',
sagte eine fremde Stimme.
'Und ich muss Sie warnen.'"
In Handarbeit bin ich durchgefallen.
Ich konnte es mit Turnen gutmachen.
Zwei Minuten auf einem Bein stehen, das war leicht.
Weil du gut auf einem Bein stehst, ist es egal, wie du nähst?
So etwas gibt's nur auf einer Mädchenschule.
Wer denn wohl Papa aus England schreibt?
(Aufzug quietscht)
-(Max) Bonjour, Grete. -(Grete) Grüß Gott.
(Mutter) Und? Ist es gut?
-(Max) Allerdings. -(Mutter) Ja.
-(Max) Ich bin Klassenbester. -(Mutter) Toll.
Anna kann medaillenreif auf einem Bein stehen.
Quatsch. Ich habe sogar Geld gewonnen.
Für was?
-Für den Aufsatz über deine Reise. -Zeig.
Ihr Juden müsst überall die Besten sein, oder?
(Tür knallt zu)
-Du hast Post aus England. -Danke.
-Soll ich meine Geschichte vorlesen? -Ja, gerne.
Mathe war nicht leicht, aber am Ende bekam ich auch 18 Punkte.
Das schaffte nur noch ein Junge aus der Siebten.
Wirklich? Ich habe die klügsten Kinder.
"Bon Voyage de Anna Kemper."
-Sie wollen es kaufen. -Wer will was kaufen?
Die Engländer kaufen mein Drehbuch über Napoleon.
-Was? -Die zahlen richtiges Geld dafür.
(Anna) Oh, ist das schön!
(Max) Da wird's einem ganz schwindelig.
(Mutter) Vorsicht.
Lieber Ballon, fliege nach Berlin. Viel Glück.
Meinst du, er schafft es bis nach Berlin.
Vielleicht muss er das gar nicht.
Ich glaube, Julius ist ganz in unserer Nähe. Hier.
Schaut, er ist schon über den Invalidendom, Napoleons Grab.
(zarte Musik)
Auf Julius, mein Freund.
(Mutter) Jetzt, Ja?
(Anna) Guck mal, die Autos sind wie Spielzeuge.
Wir überlegen, es in London zu versuchen.
Hier in Paris gibt es einfach zu wenig Arbeit.
Das ist nicht euer Ernst.
Gerade gefiel es mir hier.
Und jetzt mit dem Drehbuchauftrag...
Wir fahren erst mal vor und schauen uns London an.
Ihr könntet solange im Internat sein.
Nein, das können wir nicht.
Max und ich bleiben nicht einen Tag alleine hier.
Aber Anna.
Eltern müssen ihre Kinder immer mal für eine kurze Zeit alleine lassen.
In England gehen viele Kinder ins Internat.
Die haben ein Zuhause, wir nicht.
Ohne Zuhause muss man immer zusammenbleiben.
Sonst verliert man sich.
Das finde ich auch, kleiner Mann.
Nenn mich nicht so. Ich bin weder klein, noch ein Mann.
(Mutter) Ach, Mensch.
Papa.
Können wir denn nie wieder nach Hause gehen?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht irgendwann mal.
Aber nicht jetzt.
(melancholische Geigenmusik)
Ich weiß nicht, ob wir je wieder an einem Ort zu Hause sind.
Vielleicht eher an vielen Orten etwas.
Das kann auch schön sein, oder?
(Max) Na ja.
(dramatische Streichermusik)
(Musik verklingt langsam)
(Vater) Pardon.
(französisch) Auf Wiedersehen, graues Haus.
Auf Wiedersehen, rue de la Victoire.
(Mutter) Gib mal her, das tue ich hinten mit rein.
-(Mann grüßt) -Salut, Arthur.
(französisch) Ich möchte Ihnen noch etwas sagen, Madame Prune.
(Vater murmelt leise)
Au revoir.
Was hast du zu Madame Prune gesagt?
Das geht nur sie und mich etwas an.
(leise, vergnügte Klaviermusik)
Emily, come over here.
(Frau spricht englisch)
-Das ist Englisch. Verstehst du was? -Kein Wort.
Jetzt fängt das alles von vorne an.
Wir kennen keinen, wir verstehen nichts.
Wer weiß, was Engländer für komische Sitten haben.
Ich freue mich auf ein gutes Stück alten Käse heute Abend in London.
(Max lacht)
(Gespräche auf Englisch)
(Anna) Ich verstehe kein Wort, aber das macht ja nichts.
Weil bald... Bald verstehe ich wieder alles.
(dramatische Streichermusik)
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