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(Off): Dezember 1949.
Die Sowjetunion feiert den 70. Geburtstag
ihres allmächtigen Diktators.
Meine Eltern erinnern sich noch genau
an die grandiosen Feierlichkeiten.
die überfüllten Straßen Moskaus
und die aufrichtige oder vorgetäuschte Freude.
Kein anderer unserer Staatschefs wurde zuvor derart verherrlicht.
zumindest bis heute.
Die Feier kann nicht groß genug sein für Josef Stalin,
der unangefochten auch über einen großen Teil Osteuropas
und dessen 85 Millionen Einwohner herrscht.
*Spannungsvolle Orchestermusik*
(Off): Die Chefs der Bruderländer sind geladene Ehrengäste.
Jeder will Stalin seine Bewunderung
und Ergebenheit persönlich zum Ausdruck bringen.
Der Diktator ist damals auf dem Höhepunkt seiner Macht
und der Personenkult für alle Pflicht.
(Piroska): Ich brauchte damals einen Helden, ein Vorbild.
Es hieß, Stalin sei das, und so habe ich es geglaubt.
Es hieß auch, Stalin - unser Vater - sei gut und sanft.
Er hat ein bisschen meinen Vater ersetzt.
Ich habe sogar ein Gedicht für ihn verfasst.
(Off): In allen Ländern des Ostblocks
von Ungarn bis Ostdeutschland wird ein Mann gefeiert,
den man dort "Väterchen Stalin" und "Vater der Völker" nennt.
(Joachim): Und wir haben einen wunderbaren Führer.
Der heißt Joseph Stalin. Und der sorgt sich für unsere Kinder,
dass die im Kindergarten Brot kriegen.
Auch unsere Dichter schreiben Hymnen über diesen Menschen.
(Off): Stalin ist überall, niemand kann ihm entgehen.
Und wer es nicht mehr aushält,
reagiert, wie üblich, mit einem Witz:
"Erster Tag: Ich schalte das Radio ein - Stalin.
Zweiter Tag: Ich schlage eine Zeitung auf - Stalin.
Dritter Tag: Ich öffne das Fenster - ein Plakat von Stalin.
Vierter Tag: Ich wage nicht, eine Dose zu öffnen."
(Frau): Stalinallee von Kuba -
Auf dieser Straße ist der Frieden in die Stadt gekommen.
Die Stadt war Staub.
Wir waren Staub und Scherben.
Wir waren sterbensmüde.
Aber sagt, wie soll man sterben?
Hat uns doch Stalin selber an der Hand genommen
und ließ uns unsere Köpfe stolz erheben.
Sagt, wie soll man Stalin danken?
Wir gaben dieser Straße seinen Namen.
(Off): Ob Stalinallee in Ostberlin
oder Platz der Verfassung in Warschau -
vermittelt werden soll das Gefühl,
in Moskau oder einer anderen großen russischen Stadt zu sein.
Stalin lässt Hunderte von Alleen
und fast identische Gebäude erbauen -
zunächst in der Sowjetunion und später in seinem ganzen Imperium.
Sie sind noch immer da,
wie Überreste seiner Herrschaft über diesen Teil der Welt.
Die perfekte Verkörperung des sogenannten
"sozialistischen Realismus" -
dem einzigen hinter dem Eisernen Vorhang erlaubten Stil.
(Andrzej): Der sozialistische Realismus wurde verspottet.
Nicht wegen der Art von Architektur,
sondern weil er sowjetisch war und uns aufgezwungen wurde.
(Off): Worin unterscheiden sich Künstler des Naturalismus,
Impressionismus und Sozialistischen Realismus?
Naturalisten malen, was sie sehen,
Impressionisten, was sie fühlen,
und Künstler des Sozialistischen Realismus,
was man von ihnen verlangt.
Stalin bestimmt, was die Künstler tun.
In Warschau bauen seine Architekten einen Kultur-
und Wissenschaftspalast - komplett umgesetzt von der Sowjetunion.
Jede Phase
wird von den aus Moskau entsandten Filmemachern festgehalten.
Die gigantische Baustelle wird gezeigt als ein Ort,
an dem heldenhafte Arbeiter tätig sind - allesamt aus der UdSSR.
In Warschau nennt man es Stalins Geschenk,
dabei ist es offiziell das Geschenk
des sowjetischen Volkes an seine polnischen Brüder.
Doch zur Feier des sowjetischen Führers
reicht ein grandioser Kulturpalast nicht aus.
Wie in der UdSSR werden im ganzen Ostblock
auch Städte nach ihm benannt:
in der DDR "Stalinstadt",
in Polen "Stalinógrod",
in Rumänien "Orasul Stalin"
und in Bulgarien "Stalin".
In Ungarn entsteht mit "Sztálinváros"
eine ganz neue Stadt -
ein in der UdSSR entworfenes Projekt.
Auf der Großbaustelle im sowjetischen Stil
wird ein Stahlwerk inklusive Arbeitersiedlungen erbaut.
Miklos Nyiri arbeitet sein ganzes Leben dort.
Mit 15 fängt er eine Ausbildung als Schweißer an
und bringt es schließlich bis zum Ingenieur.
(Miklos): Zehntausend Arbeiter
waren schon am Bau des prächtigen Eingangs beteiligt.
Das Gemälde dort symbolisiert die Eisenproduktion
und die Landwirtschaft im Dienst der Arbeiter.
Deshalb sind Brot und Weizen dargestellt.
Man wollte das Leben in Dörfern und Städten verbinden
und so eine Freundschaft zwischen Arbeitern und Bauern stiften.
(Off): Ein typischer Werkseingang im Ostblock:
Arbeiter, die als Erbauer des Kommunismus gepriesen werden.
Auf diesen Bildern sieht man,
dass es in Dunaújváros früher Maisfelder und Weinberge gab.
Das ursprüngliche Dunapentele war eine Marktstadt.
(Off): Hier lebt Miklos Nyiri mit seiner Mutter und Großmutter,
als der Bau beginnt.
Sie haben Hunderte von Menschen zu den Baustellen gebracht
und in der Nähe riesige Zeltlager für sie gebaut.
Die meisten dieser Leute
hatten einen problematischen Hintergrund.
Es war sehr gefährlich, nachts dorthin zu gehen.
Da hingen seltsame Typen rum.
(Off): Strafgefangene und Kriminelle
auf Baustellen einzusetzen,
ist ein in der Sowjetunion erprobtes Modell.
Das gesamte Werk wurde nach sowjetischen Plänen gebaut.
Maschinen und anderes Gerät hat man aus der UdSSR importiert.
Die Inschrift an der Stütze des Zylinders
ist in kyrillischer Schrift.
Das Material kam also von den Russen.
(Off): Tag und Nacht wird gearbeitet.
In nur vier Jahren sind Fabrik und Stadt fertiggestellt.
Man sieht, wie hart die Maurer gearbeitet haben.
Sie trugen oft ihre eigene, zerschlissene Kleidung,
weil man ihnen keine Arbeitskleidung gegeben hat.
Aber sie waren begeistert bei der Sache.
Es gab auch viele Arbeiterinnen -
manchmal waren es drei bis vier Frauen,
manchmal aber auch zehn pro Kolonne.
Vielleicht sieht man auf diesen Bildern meine Mutter.
In dieser Stadt kam man sich auch schnell näher.
Viele Paare haben sich hier kennengelernt und geheiratet
und ihre Kinder haben dieselbe Schule besucht wie ich.
Meine Mutter hat hier meinen Adoptivvater kennengelernt.
(Off): Solche Aufnahmen von stolzen Arbeiterinnen
konnten auch bei uns entstanden sein.
In der UdSSR hieß es,
die Revolution von 1917 habe die Frauen befreit
und zur Gleichberechtigung mit den Männern geführt.
Die Arbeiterin und kommunistische Frau
wird zur Verkörperung
des vermeintlich erfolgreichen Sozialismus.
Und wie in allen anderen Bereichen folgen die Satellitenstaaten
dem Beispiel des großen russischen Bruders.
Bereits 1952 kommt in der DDR
der Film "Frauenschicksale" in die Kinos.
Mit mehr als fünf Millionen Besuchern ein großer Erfolg.
(Frau): Nicht weniger als die Hälfte aller Werte der Welt
werden von Frauenhänden produziert werden.
Gewiss hat sich bei uns, seit 1945,
im Gegensatz zu Westdeutschland, Entscheidendes geändert.
Wir bauen uns eine neue Gesellschaftsordnung.
Doch es gibt noch viele wichtige Probleme,
die gelöst werden müssen.
Und wenn wir aus dem Elend,
in dem die deutsche Frau heute steckt, herauskommen wollen,
muss ein Gesetz geschaffen werden für die Rechte der Frau.
Ein Gesetz zum Schutze der Mütter und Kinder.
Wie leben im Zeitalter einer großen sozialen Umwälzung,
die mit jedem Tag weitere Fortschritte macht.
August Bebel schreibt in seinem Buch
"Die Frau und der Sozialismus":
"Es gibt keine Befreiung der Menschheit
ohne die soziale Unabhängigkeit der Frau."
(Gisela): Aber wir wurden als Arbeitskraft gebraucht.
Ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung
war für Staatssicherheit da und Dienst und Organe,
ein aufgeblasener Verwaltungsapparat.
(Off): Mit 14 beginnt Gisela eine Ausbildung zur Lokführerin.
Nach dem Abschluss wird sie am Berliner Ostbahnhof eingestellt.
Also, man hat als Frau, wenn man allein war,
relativ schnell einen Arbeitsplatz gefunden
und wurde auch unterstützt.
Und die Kinder haben Betreuung erfahren.
Kindergarten, für die kleinen Kinder Krippe, für Leute,
die alleinstehend waren, die Muttis ledig,
da gab es die so genannten Wochenkrippen.
Da hast du das Kind montags hingebracht
und am Wochenende abgeholt.
Es brauchte keiner sagen: "Ich konnte ja nicht arbeiten."
Mit 18 Jahren konnte man heiraten,
habe ich auch gleich gemacht.
Ich bin im Dezember 18 geworden und habe im Mai geheiratet.
Und wenn man nach ein paar Jahren merkte,
irgendwas kommt immer wieder vor,
man hat sich in der DDR, leicht vom Partner getrennt.
Ganz besonders als Frau.
Und die Scheidungen waren auch nicht so teuer.
Das ging nach dem Arbeitsverdienst,
da wurde die Summe festgelegt.
Dann war man ein freier Mann oder eine freie Frau.
(Off): Im öffentlichen Raum
sind Frauen den Männern gleichgestellt.
Zu Hause ist jedoch alles wie zuvor.
Hier gibt es keine Revolution.
Die tägliche Belastung von Einkaufen,
zur Arbeit Putzen und Kochen kommt noch dazu.
Doch viele Frauen sind froh, dass sie wieder in Frieden leben,
feiern und ein bisschen Spaß haben.
Zuversicht bei manchen auch in Berlin.
1949 wird aus der sowjetischen Besatzungszone
die neue Deutsche Demokratische Republik.
Die Ostdeutschen haben jetzt eine eigene Regierung,
eigene Ministerien und eine eigene Kommunalverwaltung.
Moskau erlaubt dem neuen Staat den Aufbau einer Armee,
dazu Geheimdienste und Polizei.
Auch Lager und Gefängnisse darf er selbst kontrollieren.
(Barbara): Das war dann kurz nach der Entlassung.
Ein bisschen später, weil wir da nicht mehr so verhungert aussahen.
(Off): Nach vier Jahren Haft ohne Gerichtsverfahren
werden Barbara Kirchner und ihre Mutter freigelassen.
(Barbara): Die Entlassung hieß: ich bekam plötzlich Kleidung.
Ich kriegte ein paar Schuhe.
Ich hatte ein Paar russische Filzstiefelchen
und bekam einen Mantel. Und dann gings weiter,
wir hatten eine Fahrkarte nach Berlin-Schöneberg mit der S-Bahn.
Ich hatte noch nie eine Treppe gesehen.
Dort war eine Riesentreppe.
Alles, was jetzt kam war neu, natürlich.
Aber es war eine Treppe und ich sollte laufen.
Und ich mit meinen kleinen rachitischen Beinchen,
die noch nie gelaufen sind,
außer vor ihren Baracken im Sommer waren. Ich war das nicht gewöhnt.
Sie schleppte mich also von Haus zu Haus.
Ich hatte noch nie Häuser gesehen.
Ich hatte Angst vor den vielen Menschen, vor Autos.
Aber sie kam an und die Großeltern lebten noch,
öffneten die Tür und sahen plötzlich die Schwiegertochter
mit einem Enkelkind.
(Off): Wie Barbara Kirchner und ihre Mutter
werden auch andere willkürlich Inhaftierte freigelassen,
als die Gefängnisverwaltung
in ostdeutsche Verantwortung übergeht.
Auch von den Sowjets verurteilte Gefangene
hoffen auf ihre Freilassung.
Wie Jochen Stern, der damals eine 20-jährige Haftstrafe verbüßt.
(Jochen): Wir jedenfalls, waren voller Hoffnung.
Wir können jetzt den Volkspolizisten erzählen,
was Sache war, dass wir alle im Prinzip ja unschuldig waren.
Es war leider ein Fehldenken unsererseits.
Denn für sie waren wir die schlimmsten Verbrecher
der jungen DDR.
Wir hingen alle in den Fenstern und brüllten:
"Wir sind unschuldig, wir rufen die UNO."
Und es war sagenhaft, ein Chor.
Aber die Volkspolizisten hatten sich wohl vorbereitet
auf Eventualitäten.
Und plötzlich kamen Hundertschaften von den Einheiten.
Und die stürmten in die Säle rein.
Es gab viele Verletzungen.
Blut floss.
Zwei, drei Tage später öffnete sich die Saaltür
und herein kam ein russischer Oberst.
Und der, in etwas angeschlagenen Deutsch, sagte:
"Du? Habt ihr Beschwerden? Dann erzählt davon."
Auf Deutsch gesagt:
"Bei euch in Russland haben wir zum Schluss viel besser gelebt."
Da strahlte der Russe:
"Na klar, bei uns Russen ist immer alles gut."
Sagenhaft. Das ist typisch russisch gewesen.
Aber wir haben das natürlich sehr gut genutzt.
(Off): So bestimmt die UdSSR fortan über ihre Bruderländer.
Offiziell ziehen sich die Sowjets zurück,
doch tatsächlich überwachen ihre Berater
auch weiterhin jeden Bereich der Verwaltung.
In Ungarn organisiert der kommunistische Staatschef
Mátyás Rákosi - Stalins treuester Schüler -
die Säuberungen selbst.
Jeder ist verdächtig,
der seiner politischen Agenda nicht wortwörtlich folgt.
In Ungarn, so heißt es, gibt es in dieser Zeit
drei Arten von Menschen:
Entweder man war im Gefängnis,
ist im Gefängnis oder kommt noch ins Gefängnis.
Stalin soll Mátyás Rákosi gesagt haben,
Ungarn sei ein religiöses Land und es gebe nichts,
worauf man stolz sein könne.
Die Religion sei zu präsent.
Nach seiner Rückkehr aus Moskau wollte Rákosi das radikal ändern.
(Off): Jedes Wort Stalins ist ihm ein Befehl.
Rákosis erstes Opfer wird Kardinal Mindszenty,
der beliebte Primas von Ungarn.
Er wird wegen angeblichen Hochverrats,
Verschwörung und anderer Straftaten angeklagt,
gefoltert und zu lebenslanger Haft verurteilt.
Doch das ist erst der Anfang der großen Säuberung,
die den Klerus wie auch einfache Gläubige betrifft.
Am Morgen des 25. Juni 1950
drang die Geheimpolizei in das Franziskanerkloster
in Újhatvan ein -
ganz bewusst erst am Ende der Messe.
Die Gläubigen hatten gesagt, sie würden das nicht zulassen.
Es gab eine Liste mit Personen, die verhaftet werden sollten.
Der Name meines Vaters stand auch darauf,
obwohl er an dem Tag im Außendienst war.
Am 27. Juni,
dem Tag des Heiligen Ladislaus und Hochzeitstag meiner Eltern,
war der Tisch gedeckt,
als die Geheimdienstler an der Tür klingelten.
Sie kamen rein, einer zog die Tischdecke runter und sagte:
"Die Bourgeoisie liegt in Trümmern."
Meinem Vater sagten sie, er soll zum Verhör mitkommen.
Von dem Moment an hat sich alles in mein Gedächtnis eingebrannt.
Mein Vater nahm seine Jacke und sagte: "Ich bin bald zurück".
Drei Jahre später haben wir ihn wiedergesehen.
Ich blieb als Achtjährige, zusammen mit meiner Mutter
und meinem dreijährigen Bruder zurück.
(Off): Der Vater kommt in ein Arbeitslager,
kurz darauf werden auch die Mutter und die beiden Kinder eingesperrt.
Es gab keine Unterkunft.
Wir mussten Stroh in den Schafstall bringen
und hätten geschlafen,
wenn uns nicht all die Ratten angegriffen hätten,
weil wir ihnen das Revier nahmen.
Als meine Mutter mal abends zur Arbeit gebracht wurde, sagte sie:
"Versuch, wach zu bleiben,
damit die Ratten deinem Bruder nicht in die Ohren beißen."
(Off): Die Kirche reagiert
angesichts der Repressionen der Machthaber.
Der Sozialismus ist eng verbunden mit dem Evangelium
und sogar identisch damit.
Er ist uns viel näher als der untergehende Kapitalismus.
Er basiert auf sozialer Gerechtigkeit,
und sein größter Wert ist der Mensch.
(Off): Doch den Sozialismus zu loben, reicht nicht.
Wenige Monate nach Beginn der Säuberungen
wird die Kirchenführung ins Parlament einbestellt.
Sie soll dem Regime öffentlich die Treue schwören.
(Mann): Ich werde alle Anstrengungen unternehmen,
um zur Stärkung und Entwicklung
der Ungarischen Volksrepublik beizutragen.
*Sie wiederholen den Text*
(Off): Trotz aller Bemühungen des Klerus
bleibt die katholische Kirche
unter strenger staatlicher Überwachung -
wie alle Religionen im Ostblock.
(Sandor): Als ein Beamter mal gesehen wurde,
wie er aus einer Kirche kam,
haben Informanten den Parteisekretär benachrichtigt.
Das gab gleich eine Disziplinarstrafe.
(Lenke): Als die Frau eines Staatsbediensteten
kirchlich beigesetzt wurde, hat man den Mann gefeuert.
(Off): Sogar die Trauung in der Kirche ist verpönt.
Man sieht sie lieber im Standesamt.
Wer von einem Priester getraut werden will,
muss eine Pfarrei finden,
in der niemand das zukünftige Brautpaar kennt.
(Lenke): Eines Morgens sind wir mit der Bahn gefahren
und für die standesamtliche Trauung ins Rathaus gegangen.
Danach gings in die Kirche
und dort hat uns mein Schwager getraut.
Dann sind wir mit dem Zug wieder nach Hause gefahren.
(Sandor): Das war eine einfache Zeremonie ohne Restaurant
und Fotograf. Nichts.
Wir hatten eine bescheidene Hochzeit,
aber unsere Ehe war umso schöner.
(Off): In Polen,
traditionell eines der katholischsten Länder Europas,
erleidet die Kirche das gleiche Schicksal.
Die Regierung schließt kirchlich geführte Krankenhäuser,
verbietet christlichen Religionsunterricht
in den Schulen und verhaftet Priester.
(Krzysztof): 1948 gab es noch Religionsunterricht an der Schule
durch einen Geistlichen.
Dann wurde er verhaftet
und wir durften vor dem Unterricht nicht mehr beten.
Aus Protest sind wir aufgestanden und haben stumm die Lippen bewegt.
Die Lehrer riefen wütend, wir sollten uns setzen.
Wir haben uns geweigert und das Gebet beendet.
Das war natürlich kein echtes Gebet,
sondern eher ein Ausdruck von Trotz,
weil wir den Priester mochten.
(Off): Der Kirchenbesuch wird in allen Ländern des Ostblocks
zu einer Form des Widerstands gegen das Regime.
Der Klerus existiert nur noch am Rande des Systems.
Doch Joachim Gauck,
später Bundespräsident des wiedervereinten Deutschlands,
will trotzdem Pfarrer werden.
Wenn du in der Opposition bist zum Regime ...
du brauchst was, was dir innerlich Halt gibt.
Menschen brauchen einen Kern, wenn sie bei sich sein wollen.
Die Entscheidung dann,
ich konnte mir als junger Bengel nicht vorstellen,
Pfarrer zu sein. Ich fühle mich ja nicht heilig.
Ich liebte den Sport, die Mädchen und die heiße Musik.
Ich dachte, ...
also als Pfarrer sehe ich mich nicht.
Aber erst mal wollte ich was studieren,
was anders ist als das,
was die Leninisten mir da angeboten haben.
(Off): Die Machthaber wollen die Gesellschaft
unbedingt säkularisieren.
Sogar Weihnachten wird eine simple Feier zum Jahresende.
Bei uns in der Sowjetunion war Weihnachten verboten.
Neujahr hat man uns gelassen,
aber der Weihnachtsmann wurde durch Väterchen Frost ersetzt.
Immerhin durfte er uns Geschenke bringen.
Auch die Pfadfinderorganisationen nehmen die Kommunisten ins Visier.
Wie nach einer Revolution übernimmt man sie einfach
und ändert ihren Namen und die Ideologie.
(Rudolf): Ich war Mitglied in einem alten Pfadfinderverband
aus dem Norden von Budapest.
Den gab es 1947 noch.
Dann wurde alles in den Pionierverband integriert
und wir wurden automatisch Pioniere.
(Off): Der revolutionären Ideologie zufolge
muss die Jugend geformt werden,
um eine neue "Menschenrasse" zu erschaffen -
die "Erbauer des Kommunismus".
Als ich 9 Jahre alt war,
wurde uns in der Schule feierlich
das rote Halstuch der Pioniere überreicht.
Ob wir zu dieser Bewegung gehören wollten, hat niemand gefragt.
Wir hatten keine Wahl.
Aber wir waren auch zu jung, um die kommunistischen Parolen,
die wir ständig wiederholen mussten, ernst zu nehmen.
Für uns war das eine Art Spiel.
(Rudolf): Ich bin zu den Eisenbahnpionieren gegangen,
weil man dort ein Butterbrot und Kakao zum Frühstück bekam.
Keine Sekunde habe ich gezögert,
obwohl ich die Anführer für die Inkarnation des Bösen hielt.
(Tamas): Ich erinnere mich an Pionierlager am Plattensee.
Wir waren jeden Sommer da, das war echt gut -
eine richtige Gemeinschaft.
Da wurde viel auf die Beine gestellt.
*Chorgesang*
(Arpad): In der Schule haben wir jungen Pioniere gesungen
und auch an Paraden teilgenommen - genau wie die Erwachsenen.
Das fanden wir toll.
Zu jedem erdenklichen Anlass gab es eine Feier.
Es herrschte eine fröhliche Atmosphäre -
ganz anders als im Alltag.
Diese Zeit hatte einen ganz eigenen Charme.
(Sandor): Sie war Gruppenleiterin.
Ja, ich war lange Anführerin einer Pioniergruppe.
Die Kinder und Erwachsenen liebten diese Organisation.
Wir haben das alle gern gemacht.
Ohne Politik!
Politik hatte dort keinen Platz.
"Pioniere, vorwärts!"
(Off): Keine Politik bei den Pionieren?
Bei uns in Russland gab es keinen Verein,
keine öffentliche Initiative, die nicht politisch war.
Man brachte die Kinder zusammen, um sie zu kontrollieren
und hat sie auf spielerische Weise indoktriniert.
(Sandor): Wir mussten den Text des Eides aufsagen
und der Heimat Treue schwören.
(Lenke): Wir mussten sagen: "Ich werde die Wahrheit sagen.
Ich werde meine Eltern respektieren.
Ich werde meine Pflicht tun. Und ich werde meinem Land treu sein."
(Off): Jeder Pionier schwört den Respekt
vor den sozialistischen Werten und die Verteidigung des Heimatlandes.
(Tamasz): Im Kalten Krieg gab es zwei Lager:
das des Imperialismus und das des Friedens.
Das waren wir.
In diesem ideologischen Kontext bin ich zur Welt gekommen.
Allen Kindern war klar,
dass es auf der Welt zwei Lager gibt
und wir für den sowjetischen Sozialismus
und damit gegen den Imperialismus kämpfen mussten.
Das haben die Pioniere schon in jungen Jahren gelernt.
(Arpad): Es gab auch Militärspiele -
Wettkämpfe zwischen den Einheiten.
Wir haben Krieg gespielt
und es gab auch Orientierungsspiele im Wald.
Man hat uns gezeigt, wie man einen Kompass benutzt.
Dazu kamen körperliche Übungen:
Wir mussten Granaten werfen.
Für viele war es schwierig,
dieses zweieinhalb Kilo schwere Teil hochzuheben.
Aber am Ende hat es geklappt.
Im Kriegsfall musste man ja wissen, wie es geht.
(Off): Als Pionier hat man den ersten Schritt getan.
Mit 14 geht es zur Kommunistischen Jugend.
Sie ist die große Hoffnung und das Aushängeschild des Regimes.
Laut Propaganda sind es die besten Vertreter des Volkes.
Doch die Realität sieht anders aus.
(Rudolf): Als ich aufs Gymnasium kam,
wurde ich automatisch Mitglied der Kommunistischen Jugend.
Das ging allen Gymnasiasten so -
egal, ob man aus einer Bauern-, Arbeiter-
oder Intellektuellen-Familie kam.
Das war alles eine große Lüge.
Und so beschreibe ich das einfach mal,
dass eben nicht die Leute aus Begeisterung
für den Kommunismus im Jugendverband waren,
sondern sie wollten Karriere machen, sie wollten studieren.
Ich erzähl mal von der Klassenbesten.
Eine junge Frau, die mit 18 Jahren ein Abitur machte,
mit nur Einsen. Also super prima.
Die Frau beantragt, Medizin zu studieren.
Sie wird abgelehnt.
Sie ist nicht Mitglied der Freien Deutschen Jugend.
Das steht nicht in der Ablehnung, sondern das wird verklausuliert.
(Off): Das Regime benutzt die Kommunistische Jugend.
Sie wird zur Speerspitze aller großen politischen Kampagnen.
Zu den ersten gehört die Kollektivierung.
Nach Kriegsende wurde die Industrie verstaatlicht,
jetzt ist die Landwirtschaft dran.
Die Regierung schafft Kollektivwirtschaften,
so genannte Kolchosen.
(Sandor): Auf dem Land mussten wir Bauern dazu bringen,
dass sie sich landwirtschaftlichen Genossenschaften anschließen.
Das war ein erzwungener Anschluss.
(Off): Eine Propagandamaschinerie wird in Gang gesetzt.
Jedes Dorf erhält Besuch von Regierungsvertretern.
Die Bauern sollen überzeugt werden,
ihr Land und ihre Geräte
für die gemeinsame Produktion zusammenzulegen.
(Henryk): Die damalige Politik wollte alles kollektivieren.
(Off): Henryk Dabkowski lebt seit jeher hier.
Seit fast 200 Jahren ist der Bauernhof in Familienbesitz.
Während der Kollektivierungskampagne
weigert sich die Familie, trotz des Drucks,
der Genossenschaft beizutreten.
(Henryk): Es gab Kampagnen, damit sich Kleinbauern
in Produktionsgenossenschaften zusammenschließen.
Es sollte gemeinsame Bauernhöfe geben -
so wie in einem Dorf mit 20 Einwohnern.
(Off): Wer einwilligt,
glaubt an die Versprechen der Modernisierung,
weniger harte Arbeit,
reiche Ernten und ein besseres Leben.
(Janina): Es herrschte Aufregung.
In den 1950er Jahren, als ich noch Kind war,
wurde gegen diese Kolchosen protestiert.
In Polen ist dieses System ungeeignet
und die Bauern im Dorf waren schlichtweg dagegen.
(Off): Viele verstehen nicht, warum sie sich von ihrem Land,
ihren Tieren und allem trennen sollen,
was ihren Familien seit Generationen gehört.
Polen und Ungarn, direkte Nachbarn der UdSSR,
fürchten eine Kollektivierung nach sowjetischem Vorbild.
Denn dadurch könnte es zu einer großen Hungersnot kommen,
wie jenseits der Grenze in der Ukraine,
wo sie vor dem Krieg ganze Dörfer dezimiert hat.
(Sandor): Ein Bauer hat sich geweigert,
der Genossenschaft beizutreten.
Aber dadurch riskierte man, eingesperrt zu werden.
Entweder man unterschrieb oder ging ins Gefängnis.
Am Ende hat er unterschrieben.
Es waren auch Kulaken da.
(Off): Der aus der UdSSR stammende Begriff "Kulake"
bezeichnet reiche Bauern und Volksfeinde
und findet auch Eingang in die Sprachen Osteuropas.
(Sandor): Als Kulaken galten alle,
die zwischen 15 und 20 Hektar Ackerland besaßen.
Man hat ihnen die gesamte Ernte genommen,
ihre Getreidespeicher geleert und den Weizen beschlagnahmt.
So blieb kaum genug zum Überleben.
Manche wurden auch eingesperrt.
(Off): Doch die Kulaken geben nicht nach.
In Polen halten sie sich fern von Genossenschaften.
Dafür schickt der Staat Beamte,
denen sie mindestens ein Drittel ihrer Ernte abtreten müssen.
(Janina): Diese Verpflichtungen waren so restriktiv,
dass die Bauern sie unmöglich erfüllen konnten.
Mobile Gruppen, so genannte "Ekipy",
fuhren mit Lastwagen in die Dörfer.
Dort sprach sich die Nachricht schnell herum
und die Dorfbewohner flohen, wohin sie konnten.
In der Nähe meines Elternhauses
gab es noch Krater von Bombenexplosionen.
In denen haben sich die Bewohner mit ihrem Hab und Gut versteckt.
Denn alles, was nicht versteckt war, wurde beschlagnahmt.
(Sandor): Sie wurden gezwungen, den Mund zu halten
und der kommunistischen Partei ohne Wenn und Aber zu gehorchen.
Die Leute haben sich damit abgefunden.
Sie haben geschwiegen
und ansonsten ihr Ding gemacht.
(Off): Die Bauern sehen, dass ein friedliches Leben
außerhalb der kommunistischen Partei unmöglich ist.
Man wird besser Mitglied,
auch wenn man keinerlei Interesse für den Marxismus hegt.
Ein Bauer will der Kommunistischen Partei beitreten und wird gefragt:
"Was ist Ihre politische Meinung?"
"Dieselbe wie auf der Titelseite der Parteizeitung."
(Off): Immer? - Absolut immer.
Haben Sie jemals eine eigene Meinung?
Manchmal, aber ich bin nicht einverstanden damit ...
(Henryk): In den Dörfern fanden Generalversammlungen
und politische Treffen statt.
Die Leute kamen oft freiwillig.
Manche hofften, sie könnten davon profitieren.
Sie kamen nicht wegen der Ideologie
oder weil sie es für gut und gerecht hielten.
Sie dachten, als Parteimitglied
bekämen sie leichter eine Stelle
oder der Sohn könnte dann auf eine bessere Schule gehen.
(Off): Alle spielen mit.
Es gibt das echte Leben
und das von der Propaganda vermittelte Bild,
das sich immer weiter von der Realität entfernt.
Das sozialistische Wirtschaften und die erfolgreiche Ernte
im ersten Jahr des Fünfjahresplans
machen den Beginn der Ernte zum Fest für unsere Dörfer.
Traktorfahrer und Traktoren stehen für das neue, glückliche Leben
der Bauern und die Mechanisierung.
(Off): In ganz Osteuropa, wie bei uns in der UdSSR,
werden die Nachrichten damals nach demselben Schema
mit derselben Botschaft und denselben Phrasen formuliert.
Unsere fleißige Bauernschaft stärkt durch die schnelle Ernte
den Friedenskampf unserer Partei und unserer Arbeiterklasse.
(Off): So werden die Wochenschauen zu Werbespots,
in denen es nur um ein Thema geht: Parteipolitik.
In Ungarn starten die Medien eine neue,
von Rákosi initiierte Kampagne zu einer Zwangssteuer,
die man "freiwillige Anleihe für den Frieden" nennt.
(Sandor): Ich habe ab 1950 unterrichtet.
Jeder, der Arbeit hatte,
musste eine drei Jahr laufende Staatsanleihe aufnehmen.
Der Betrag wurde vom Gehalt abgezogen und es hieß,
das Geld würde erstattet.
Rund 10 Jahre später war das tatsächlich der Fall -
aber zu dem Wert, den die Anleihe hatte,
als man sie aufgenommen hat.
Die Verantwortlichen - also Parteimitglieder -
fragten, wie viel man geben wollte.
Ich musste nichts sagen, denn sie hatten den Betrag,
den ich zahlen musste, bereits aufgeschrieben.
Am Anfang sollte mein Monatsgehalt 500 Forint betragen
und 100 musste ich davon abgeben.
Als ich später 1000 Forint bekam,
musste ich ein Viertel davon für Staatsanleihen abgeben.
Das war Pflicht.
Wie dieses aus mageren Gehältern abgezweigte Geld
den Weltfrieden schützen soll, weiß niemand.
Doch täglich hämmern die Medien den Leuten ein,
dass der kommunistische Ostblock bedroht wird.
(Tamasz): Kapitalistische Länder im Westen
stehen der Sowjetunion gegenüber.
Sie wollen die von der Roten Armee befreiten Länder
kontrollieren und gegen die UdSSR aufhetzen.
Das wurde damals verbreitet.
Es hieß, westliche Imperialisten wollten den Sozialismus stürzen.
(Off): Die UdSSR stellt sich dagegen
als Vorkämpfer für den Frieden dar.
Jedes Jahr organisiert der von Kommunisten dominierte
Weltfriedensrat Kongresse in verschiedenen Städten
und versammelt dort Gleichgesinnte aus aller Welt.
Die Teilnehmer sollen der internationalen Öffentlichkeit
vor Augen führen, dass die UdSSR in diesem pazifistischen Kampf
an vorderster Front steht.
Stalin schlägt diese Schlacht im Kampf für den Frieden.
Stalin ist immer siegreich.
Stalin ist der Stärkste.
Stalin liegt dem Volk am Herzen. Überall hat er Soldaten!
(Off): Stalin, der den Krieg gewonnen hat,
wird nun den Frieden garantieren.
Diesen Frieden, den alle Europäer brauchen,
damit sie zum normalen Leben zurückkehren
und den Tod, die Zerstörung
und Vernichtungslager vergessen können.
Umso wichtiger ist dies für die heimgekehrten Juden.
Auch die Familie von Bella Szwarcman kehrt zurück
und lässt sich in Schlesien, im Südwesten Polens nieder.
Ihre Mutter leitet eine Jiddisch-Schule,
an der auch der Vater lehrt.
Sie gehört zu den jüdischen Institutionen,
die nach dem Krieg wiederbelebt wurden.
(Bella): In Polen gab es eine Sozial-
und Kulturgesellschaft der Juden.
Sie wurde zwar von den Behörden - also den Kommunisten -
kontrolliert,
aber dort herrschte ein reges soziales und kulturelles Leben.
(Off): Die Überlebenden tun alles,
um ihre Gemeinschaft nach der Shoah wieder aufzubauen.
Seit Kriegsende gedenken Juden und Nichtjuden
jedes Jahr des Aufstands gegen die Nazis im Warschauer Ghetto.
(Bella): An dem Denkmal kamen unzählige Menschen zusammen.
Eine größere Menge kann man sich kaum vorstellen.
Sie trauerten um die Verstorbenen und hofften,
dass ihnen ihre Anwesenheit in so großer Zahl,
trotz der Massaker,
irgendwie ein Leben in Sicherheit ermöglichen würde.
(Off): Die kommunistische Macht will zeigen,
dass Verbrechen gegen die Juden,
wie alle Verbrechen der Nazis bestraft werden.
Im November 1947
beginnt im polnischen Krakau mit Zustimmung Stalins
ein öffentlicher Prozess gegen Beteiligte
am Grauen von Auschwitz.
Erstmals stehen nicht nur Befehlsgeber,
sondern auch Wachleute vor Gericht.
Unter den Angeklagten
sind die Leiterin des Frauenlagers Birkenau, Maria Mandl,
und einer der letzten Lagerkommandanten von Auschwitz,
Arthur Liebe-Henschel.
Das Gericht verhängt 23 Todesurteile
und 16 Gefängnisstrafen.
Auch in der UdSSR fühlen sich die Juden
zunächst vom Staat geschützt.
Im Krieg haben sie in der Roten Armee an allen Fronten gekämpft.
Schon in den ersten Tagen der Nazi-Invasion
im Jahr 1941
gründet Stalin das Jüdische Antifaschistische Komitee,
um die westliche Welt um Hilfe zu bitten.
Zu den Mitgliedern gehören Intellektuelle,
wie der Regisseur Sergeij Eisenstein
oder der Schriftsteller Ilja Ehrenburg.
Vorsitzender ist der Schauspieler Solomon Michoels.
Aus der freien Sowjetunion wende ich mich an Sie, Juden der Welt.
Ich glaube, Sie werden in diesem Kampf an vorderster Front stehen.
Es lebe die Befreiung aller fleißigen Völker.
Kampf dem Faschismus!
(Off): Als der Nationalsozialismus besiegt ist,
empfindet Stalin das Komitee als zu unabhängig.
Im beginnenden Kalten Krieg fürchtet er,
die Mitglieder könnten mehr jüdisch als sowjetisch sein.
Im Januar 1948
wird Michoels vom Geheimdienst ermordet.
Die meisten Mitglieder des Komitees werden verhaftet,
13 erschießt man in einer Nacht.
Damit beginnt die Kampagne des Kremls gegen Juden,
denen man vorwirft, Kosmopoliten ohne Wurzeln zu sein.
(Bella): Unter dem Druck der Sowjetunion
wurden Einrichtungen geschlossen,
an denen Jiddisch unterrichtet wurde.
Sie galten als Ausdruck eines ungesunden Nationalismus,
während man offiziell ja für den Internationalismus war.
(off): Jetzt beginnt die große Säuberung
und die Bruderländer sollen sich beteiligen.
Man sucht Verräter auf höchster Ebene der Macht.
Die Jagd auf Volksfeinde ist eröffnet.
Auch in Ungarn, Bulgarien und Polen.
Der symbolträchtigste Prozess
findet jedoch in der Tschechoslowakei statt.
Im November 1952 werden in Prag
14 Anführer der Kommunistischen Partei vor Gericht gestellt -
der Generalsekretär Rudolf Slánský,
der Außenminister Vladimir Clementis
sowie sieben stellvertretende Minister.
Der Generalstaatsanwalt klagt gegen das staatsfeindliche
Unternehmen und die Verschwörer unter Führung von Rudolf Slánský.
Als sich die Stimmen des Volkes gegen die Zionisten erhoben,
begannen sie von den Gefahren des Antisemitismus zu schreien,
um zu verbergen,
dass sie die Interessen der jüdischen Bourgeoisie vertreten
und sich vereinen.
Sie sind verbunden mit dem Weltzionismus
(Off): Es ist ein großer Prozess, wie der zuvor in Moskau.
Vor laufenden Kameras gestehen die Angeklagten Verbrechen,
die frei erfunden sind.
und dem amerikanischen Imperialismus.
Ich habe schwer gesündigt
gegen das Interesse des tschechoslowakischen Volkes.
Deshalb stehe ich heute zu Recht hier vor diesem Gericht,
dem demokratischen tschechoslowakischen Volksgericht.
Als Weggefährte von Rudolf Slánský
und jüdischer bürgerlicher Nationalist
war ich an Feindseligkeiten beteiligt, die von den
amerikanisch-englischen Imperialisten und ihren Vertretern
in Israel unter Führung von Ben Gurion organisiert worden sind.
(Off): Ende November 1952
werden Slánský und zehn weitere Angeklagte
zum Tode und drei zu lebenslanger Haft verurteilt.
Die meisten sind jüdischer Herkunft.
Meine Großmutter hat mir oft vom Winter 1953 erzählt
und nannte ihn den dramatischsten Moment
der gesamten Nachkriegszeit.
Die sowjetische Intelligenz hielt den Atem an.
Man dachte, Stalin würde die schlimmsten Säuberungen anweisen,
die es je gegeben hat.
*Kirchenglocken läuten*
Hier spricht Moskau.
Liebe Genossen und Freunde,
am 5. März
um 21 Uhr 50
verstarb nach schwerer Krankheit
Josef Wissarionowitsch Stalin.
*Dramatische Orchestermusik*
(Arpad): Es gab gemischte Gefühle.
Alle taten so, als ob sie trauerten oder weinten,
um nicht aufzufallen.
(Rudolf): "Er ist tot."
Das war meine Reaktion.
(Krzysztof): Als ich das Haus verließ,
um zur Schule zu gehen, sagte meine Mutter:
"Lach' nicht. Du darfst heute auf keinen Fall lachen."
(Rudolf): Der Sekretär der kommunistischen Jugendorganisation
der Schule weinte.
Wie eine Herde hat man uns zum Heldenplatz geführt,
wo wir die Stalin-Statue anbeten mussten.
Ich bin danach sofort gegangen,
aber ich hätte ihm lieber ein Messer in den Leib gerammt.
Ich war in einem Internierungslager,
als Stalin starb.
Der Kommandant forderte uns mit einem Megafon auf, zu weinen,
weil unser Vater gestorben sei.
Ich weinte mir die Augen aus.
Ich war der einzige Trottel im Lager, der geweint hat.
Als ich meiner Freundin sagte:
"Seine Nerven haben wohl versagt", meinte sie:
"Und deine auch, du Idiotin!"
(Arpad): Alle haben auf ein Wunder gewartet.
Die Menschen waren sich sicher, dass sich etwas ändern wird.
Wieso, weiß ich nicht.
Eins war jedoch klar:
Wir waren politisch und sozial so tief gefallen,
dass es nicht schlimmer kommen konnte.
Es konnte nur noch besser werden.
(Off): Hinter dem Eisernen Vorhang
löst der Tod des Diktators eine Welle der Hoffnung aus -
Hoffnung, dass Stalin das von ihm eingeführte System
mit ins Grab nehmen wird.
So wie es im Gulag hieß:
Die Hoffnung stirbt zuletzt ...
Kommentar: Birgitta Assheuer
Sprecher/-innen: Uwe Büschken, Susanne Grawe, Ruth Köppler,
Jochen Nix, Frank Röth, Thomas Wenke, Pat Zwingmann
Übersetzung & Adaption: Christiane Schmieger
Sprachregie: Anna Mönnich
Deutsche Bearbeitung: MD Productions GmbH
Redaktion: Thorge Thomsen
UNTERTITELUNG: Globe tv GmbH, Saarbrücken, 2024
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