Afrikaans
Akan
Albanian
Amharic
Arabic
Armenian
Azerbaijani
Basque
Belarusian
Bemba
Bengali
Bihari
Bosnian
Breton
Bulgarian
Cambodian
Catalan
Cebuano
Cherokee
Chichewa
Chinese (Simplified)
Chinese (Traditional)
Corsican
Croatian
Czech
Danish
Dutch
Esperanto
Estonian
Ewe
Faroese
Filipino
Finnish
French
Frisian
Ga
Galician
Georgian
German
Greek
Guarani
Gujarati
Haitian Creole
Hausa
Hawaiian
Hebrew
Hindi
Hmong
Hungarian
Icelandic
Igbo
Indonesian
Interlingua
Irish
Italian
Japanese
Javanese
Kannada
Kazakh
Kinyarwanda
Kirundi
Kongo
Korean
Krio (Sierra Leone)
Kurdish
Kurdish (Soranî)
Kyrgyz
Laothian
Latin
Latvian
Lingala
Lithuanian
Lozi
Luganda
Luo
Luxembourgish
Macedonian
Malagasy
Malay
Malayalam
Maltese
Maori
Marathi
Mauritian Creole
Moldavian
Mongolian
Myanmar (Burmese)
Montenegrin
Nepali
Nigerian Pidgin
Northern Sotho
Norwegian
Norwegian (Nynorsk)
Occitan
Oriya
Oromo
Pashto
Persian
Polish
Portuguese (Brazil)
Portuguese (Portugal)
Punjabi
Quechua
Romanian
Romansh
Runyakitara
Russian
Samoan
Scots Gaelic
Serbian
Serbo-Croatian
Sesotho
Setswana
Seychellois Creole
Shona
Sindhi
Sinhalese
Slovak
Slovenian
Somali
Spanish
Spanish (Latin American)
Sundanese
Swahili
Swedish
Tajik
Tamil
Tatar
Telugu
Thai
Tigrinya
Tonga
Tshiluba
Tumbuka
Turkish
Turkmen
Twi
Uighur
Ukrainian
Urdu
Uzbek
Vietnamese
Welsh
Wolof
Xhosa
Yiddish
Yoruba
Zulu
(Off): Als Präsident Putin im Februar 2022
in die Ukraine einmarschiert ist, dachte ich:
"Die Geschichte wiederholt sich.
Will er Stalin nachahmen,
der die Länder Mitteleuropas nach dem Zweiten Weltkrieg
zu fügsamen Verbündeten Russlands gemacht hat?
Sowjetischer Propaganda zufolge waren es Bruderländer,
die unsere Armee 45 Jahre lang besetzt hat.
Unsere Staatsführung behauptet,
sie hätten sich freiwillig für unsere Lebensweise
und Ideale entschieden.
In der UdSSR war fast nichts über ihr Leben bekannt:
Reisen dorthin waren verboten.
Ich wollte immer wissen,
wie Zehntausende Europäer in Ostdeutschland, Polen,
der Tschechoslowakei und Ungarn
die erzwungene Bindung an die sowjetische Welt erlebten hatten.
Sie hatten sich ja nicht selbst für den Kommunismus entschieden.
Nach dem Fall der Mauer habe ich Jahre gebraucht,
um hinzufahren und sie kennenzulernen.
Ich bin Russin und in der UdSSR aufgewachsen,
die so lange über diese Menschen bestimmt hat.
Schließlich habe ich mich auf die Suche jener gemacht,
die bei der Ankunft der Roten Armee noch Kinder waren
und als Teenager den Alltag des neuen Regimes erlebt hatten.
Sie erzählten mir von ihrem Leben hinter dem Eisernen Vorhang.
(Piroska): An der Wand hing ein Porträt von Stalin.
Man hat uns gelehrt, dass er - unser Vater -
ein guter und sanfter Mensch war.
(Zsolt): Ich lüge, du lügst.
Man sagte uns, was wir sagen sollten,
wir wussten, dass es nicht stimmt.
(Jochen) Im Parterre stand ein russischer Oberst.
Der guckte mich einen Moment an und sagte:
"Du Spion". Ich sagte: "Wie bitte? Ich Spion?"
*Ruhige Orchestermusik*
(Off): Polen einen Teil von Deutschland,
Bulgarien - all diese Länder Mitteleuropas
unter die Kontrolle der UdSSR zu bringen -
das ist Stalins großes Projekt.
Es gelingt durch ein Manöver,
das in den Geschichtsbüchern des Sowjetblocks nicht vorkommt.
Im Februar 1945, wenige Monate vor Kriegsende,
laden die Sowjets britische und amerikanische Staats-
und Regierungschefs nach Jalta ein,
um sich über die Zukunft Europas zu einigen.
Churchill und Roosevelt müssen in die UdSSR kommen.
Stalin besteht darauf, das Treffen in seinem Land abzuhalten.
Dank der Erfolge seiner Armee ist er in einer starken Position.
Der Westen akzeptiert,
dass sich die Rote Armee nicht aus den von ihr befreiten Gebieten
zurückziehen wird. Im Gegenzug verspricht Stalin,
dort freie Wahlen abzuhalten.
Churchill und Roosevelt sind erleichtert.
Die demokratische Zukunft Mitteleuropas scheint gesichert.
Doch Stalin hat anderes im Sinn und erklärt seinem Umfeld:
"Jeder werde sein System dort durchsetzen,
wo die eigene Armee steht."
Der Krieg neigt sich dem Ende zu,
die UdSSR ist bereits befreit.
Stalin weist seine Truppen an, so weit wie möglich vorzurücken,
um seinen Einflussbereich auszuweiten.
Schnell befreit die Rote Armee Bulgarien,
Rumänien und Polen und marschiert in Ungarn ein.
Das Land war ein Verbündeter der Nazis.
Die Menschen fürchten den Befreier.
Piroska Zsakai ist damals 4 Jahre alt
und kann sich noch genau an die letzten Kriegstage erinnern.
(Piroska): Zuerst haben uns die Deutschen besetzt, dann die Roten:
"Mein Gott".
Auf Plakaten wurden sie als eindringende Monster dargestellt.
Meine Großmutter bekreuzigte sich und sagte: "Es ist aus."
(Off): Wie soll man sich retten? Die Rote Armee rückt schnell vor.
Die deutsche Grenze hat sie schon überschritten.
(Lutz): Es war die Frage, ob man flüchtet, aber wohin?
Das wurde lange diskutiert,
aber keiner kannte eine vernünftige Idee.
(Rudolf): Mein Vater fragte meine Mutter, die in der Küche war,
auf Deutsch: "Was tun, wenn die Barbaren kommen?"
Meine Mutter sagte und das habe ich nie vergessen:
"Wir gehen nirgendwo hin. Auch die Russen sind Menschen."
Aber alle hatten Angst vor ihnen.
(Off): Nach mehr als drei Jahren mörderischer Feldzüge
erreichen fast 7 Millionen Soldaten
und Offiziere der Roten Armee das Herz Europas.
Sie sind erschöpft,
viele wurden bei den Kämpfen verletzt
und haben ihre Kameraden verloren.
In meiner Kindheit in der UdSSR
haben Veteranen noch lange nach dem Krieg vom Wohlstand erzählt,
den sie jenseits der Grenze gesehen haben -
weit über dem Lebensstandard in ihrem Land, der großen UdSSR.
Das war ein brutaler Schock.
Man hatte ihnen gesagt,
der kapitalistische Westen verkümmere
und dann sahen sie, wie er gedeiht.
(Joachim): Ein junger Russe kommt rein,
wir sitzen am Tisch im Wohnzimmer
und das erste Wort: "Uhri, Uhri."
Also, das war beliebt,
dass man den Deutschen die Armbanduhren wegnahm,
oder alles, was es an Uhren gab.
Und es gab Soldaten, die hatten den ganzen Arm voller Uhren.
Und meine Mutter hat schnell ihre Armbanduhr
in der Sesselritze verschwinden lassen.
Sie hat also ihre Uhr gerettet und hatte sehr angstvolle Augen.
Als Kind weiß man nicht, warum.
(Off): Bei uns in der UdSSR
stand dieses auf dem Dach des Reichstags aufgenommene Foto
für unseren Sieg über die Nazis.
Erst später habe ich entdeckt, dass es retuschiert worden ist.
Der Arm eines Soldaten wurde samt einer zweiten Uhr entfernt,
die er wohl gestohlen hat.
In Russland wird der gesamte Feldzug
der Roten Armee beschönigt.
Über Diebstähle oder andere Verbrechen spricht man nicht -
weder in meiner Kindheit noch heute.
(Soldat): Hallo Mädel! Komm her!
Komm her! Schnell!
(Off): In den befreiten Ländern ist man entsetzt
über die Gewalt der Roten Armee.
(Bella): Die Rote Armee, hat Polen durchquert
und alles vergewaltigt, was sich bewegt.
Das ist so, Frauen waren Opfer der Soldaten.
Und die haben sich dann schwarz angemalt oft,
oder sich ins Bett gelegt und krank gespielt,
um nicht vergewaltigt zu werden.
(Off): Die Vergewaltigungen
traumatisieren die Bevölkerung so sehr,
dass selbst der prosowjetische ostdeutsche Film
sie nicht ignorieren kann.
- Was wollen Sie? - Kann ich hier schlafen?
Hier ist keine Wohnung. Hier ist die Kommandantur.
- Lieber mit einem als mit jedem. - Hier ist die Kommandantur.
Was will sie?
(Mann): Sie will hier schlafen.
Sie hat Angst. - Aber vor dir nicht?
Vor uns Russen.
Dann haben wir die Russen auch erlebt, auch die Soldaten.
So grausam sie gegenüber Frauen sein konnten,
so rührend waren sie oft mit Kindern.
Sie haben uns Brot gegeben oder irgendetwas, was sie hatten.
(Rudolf): Ich rannte auf den ersten russischen Soldaten zu,
den ich sah, und rief: "Brot!"
Er gab mir Schwarzbrot, ich rannte zu meiner Mutter und sagte:
"Hier, ich hab' was."
Dann bin ich mit einem Topf
zu einer mobilen Küche der Russen gegangen,
in der sie Gulasch gemacht hatten.
Sie füllten ihn und ich brachte ihn meiner Mutter in den Keller,
damit die Familie was zu essen hat. Es gab kein Problem.
Wir haben uns mit den russischen Soldaten unterhalten.
War alles ok!
(Off): Anfang Mai 1945 - kurz vor Kriegsende -
besetzt die Rote Armee Berlin.
Damit fällt die letzte Bastion der Nazis.
Und dann war plötzlich Waffenstillstand.
Und wir genossen diese unheimliche Ruhe und Stille,
die über dieser Stadt lag.
Und die Bevölkerung kam aus ihren Kellern und aus ihren Löchern,
wie wir sagten,
und wollten natürlich sehen, was los war.
Und sie wollten versuchen, Nahrung zu bekommen.
(Off): Für die Bewohner Mitteleuropas
beginnt die Nachkriegszeit im Chaos.
Die in Jalta beschlossene Grenzänderung
löst gewaltige Bevölkerungsbewegungen aus -
wohl die größten in der gesamten Geschichte Europas.
Deutschstämmige Familien werden aus Rache ausgewiesen.
Sie bezahlen für die Verbrechen der Nazis.
(Durchsage): Auf die Länge des Bahnsteiges bitte aussteigen.
Als erstes Familien mit Kleinkindern und Kinderwagen.
(Off): Mehr als 10 Millionen Menschen werden aus Polen,
der Tschechoslowakei und Ungarn vertrieben -
wo ihre Familien seit Jahrhunderten gelebt haben.
Jetzt sind sie dort unerwünscht.
(Durchsage): In das Lager dürfen nur Handgepäck, Decken,
Waschzeug und Essbesteck genommen werden.
(Off): Die Ungarn Sandor und Lenke Bella
leben auf dem Land und sehen als Teenager,
wie viele ihrer Nachbarn gehen.
(Lenke): Deutsche machten den Großteil der Bevölkerung aus.
Wer sich zu deutscher Abstammung bekannte, wurde ausgewiesen.
(Sandor): Sie mussten alles zurücklassen:
Tiere, landwirtschaftliches Gerät,
Haus, Land, alles.
(Barbara): Ein bisschen Besteck hat meine Oma zusammengesucht
und Bettwäsche und Decken.
Aber sie fuhren alle gegen Westen,
weil es klar war,
die russische Seite ist nicht gut,
wenn, versucht, in den Westen zu kommen.
(Off): Stalin fördert den Exodus der Deutschen
und die Alliierten lassen ihn zu.
Der Russe hofft, dass er die Länder in seinem Einflussbereich
dadurch gefügiger machen kann.
Mehr als 30 Millionen Europäer sind unterwegs -
Veteranen, Kriegsgefangene und kürzlich entlassene Deportierte,
die nach Hause zurückkehren wollen.
Die meisten sind einfache Zivilisten.
Sie fliehen vor der Verfolgung
durch die neuen sowjetischen Herren.
(Barbara): Dann gingen sie auf diesem langen Treck,
wo die ganzen Ortschaften zu Fuß oder mit dem Pferd gingen, zogen.
Viele der Leute blieben
entkräftet am Weg liegen.
Man musste sie liegenlassen.
(Off): In der Sowjetzone in Deutschland
werden Tausende auf der Straße aufgefundene Kinder
in Aufnahmezentren gebracht.
Verzweifelt sucht man ihre Eltern.
(Frau): Waldemar Schön, 11 Jahre alt,
floh im Januar 45 aus der Heilstätte in Ketsch in Posen.
Die sechsjährige Gisela Schwabe stammt vermutlich aus Ludwalde.
Von diesem zweijährigen Kind aus Pommern
kennen wir nicht einmal den Namen.
Hans Dieter, Nachname unbekannt,
wurde mit Kopf- und Armverletzung
im Krankenhaus Pyritz abgegeben.
Christel, Helda und Edmund Schultz aus Kolmar aus Preußen
suchen den Vater. Die Mutter ist auf der Flucht gestorben.
(Off): In ganz Mitteleuropa kehren Überlebende aus Nazi-Lagern
nach Hause zurück -
wie jüdische Familien, die im Krieg in die Sowjetunion
verbannt worden sind.
Es sind nur wenige, aber sie kommen heim.
(Tamas): Meine Mutter kam aus Auschwitz zurück. Mein Vater auch.
Er hatte in Deutschland Zwangsarbeit geleistet.
Die Überlebenden kamen in eine neue Welt.
Die alte Welt war mit der Ankunft der Roten Armee verschwunden.
Die Juden hatten zwei Möglichkeiten;
Entweder sich dem neuen Regime anzupassen
oder nach Israel oder Amerika auszuwandern.
Meine Eltern sind als Linke
sofort in die Kommunistische Partei eingetreten.
Sie waren einfache Leute,
empfanden das aber als große Befreiung.
Jetzt hatten sie ein Ziel und die Hoffnung,
etwas aufbauen zu können.
(Bella): Leute im Umfeld meiner Eltern glaubten wirklich,
man könne nach dem Krieg einen Staat aufbauen,
in dem es keinen Antisemitismus
und keine soziale Ungerechtigkeit mehr gibt.
In dem ein besseres Leben möglich ist.
(Off): Die Wünsche der Menschen interessieren Stalin nicht.
Ihm geht es um die Machtergreifung in allen Ländern,
die die Rote Armee besetzt.
Unter dem Schutz Moskaus
kommen lokale Kommunisten aus dem Versteck hervor
und besetzen Schlüsselpositionen in den neuen Verwaltungen.
Den meisten Bürgern entgeht das.
Sie sind damit beschäftigt, in diesem Teil Europas zu überleben,
wo es an allem fehlt.
(Lutz): Es war reine Daseinssicherung.
Die politischen Dinge, die wurden hingenommen,
aber eigentlich gar nicht diskutiert.
Das, was das Wichtigste war damals:
Dach über dem Kopf, Heizung und zu essen,
sodass man einigermaßen satt wird.
(Off): Im Stadtzentrum von Berlin gibt es jetzt Gemüsegärten -
im ehemals beliebten Tiergarten, der abgeholzt ist.
Die Läden sind leer.
Man verkauft, was man noch hat,
damit man mit dem Geld etwas zum Überleben beschaffen kann.
Der Schwarzmarkt floriert.
Die besten Kunden sind Offiziere und Soldaten der Roten Armee.
In der Sowjetzone ist die Ernährungslage besonders kritisch.
Stalin fordert, dass seine Millionen starke Armee
auf Kosten der von ihr befreiten Länder
untergebracht und ernährt wird.
Die sowjetischen Soldaten beziehen ihre Quartiere
und genießen das gute Leben der Besatzungsmächte.
Die Bevölkerung erträgt es und erzählt sich folgenden Witz.
"Warum nehmen Soldaten der sowjetischen Armee
nie an der örtlichen Lotterie teil?
Sie haben Angst, dass sie eine Reise in die UdSSR gewinnen.
Das erzählt man sich in Deutschland
und im gesamten Sowjetblock.
Politische Witze verbinden über Grenzen hinweg.
Wir flüstern sie unter vier Augen, fernab von neugierigen Ohren.
Dies sind die einzigen Momente,
in denen wir wirklich frei reden können.
In der UdSSR helfen sie uns,
die kommunistische Diktatur zu ertragen.
In Mitteleuropa machen sie das Überleben
in der Besatzungszeit leichter.
Dass sie länger als 45 Jahre dauern wird, ahnt damals niemand.
Jeder denkt, die Russen seien nur für ein paar Monate da,
höchstens für ein paar Jahre,
bis die vom Krieg zerstörten Länder wieder aufgebaut sind.
In Polen ist alles zerstört.
Ganze Städte sind dem Erdboden gleichgemacht.
Warschau gibt es nicht mehr.
(TV): Die letzten Filme, vor dem Krieg in Warschau entstanden.
Das alles ist nun weg.
Der alte Marktplatz, umgeben von 300 Jahre alten Gebäuden.
Fahren wir mit der Straßenbahn durch das alte Warschau.
(Barbara): Vor dem Krieg hatte Warschau eine Million Einwohner.
Das war ein Schock, als wir durch die Innenstadt fuhren:
Außer Trümmerhaufen gab es da gar nichts mehr.
(Andrzej): Die Stadt lag in Trümmern.
Ich ging mit meinem Vater spazieren
und er machte Fotos von der Altstadt, der Piwna-Straße.
Wir gingen zwischen Trümmern hindurch.
Heute kann man sich das kaum vorstellen:
Ein einziges Trümmermeer.
(Off): Die Einwohner Warschaus
leben auf einer gigantischen Baustelle.
Vor allem das historische Zentrum mit Marktplatz,
Palästen und Kirchen soll wiederaufgebaut werden.
(Longin): Das Motto hieß:
"Das ganze Volk baut seine Hauptstadt auf."
Diese Arbeit galt als sogenannte gesellschaftliche Leistung.
Jeden Sonntag haben wir Warschau vom Schutt befreit.
(Off): Ob Pfarrer oder Balletttänzer:
Jeder arbeitet ehrenamtlich zum Wohl des Landes.
Diese aus der UdSSR übernommene Praxis
präsentieren die polnischen Kommunisten
als Engagement der Bevölkerung.
Krzysztof Zanussi ist damals noch ein Kind.
Die Nachkriegsjahre haben ihn geprägt.
Später erzählt er in seinen Filmen davon.
(Krzysztof): In den ersten drei Jahren nach dem Krieg
schien ein normales Leben noch möglich.
Viele hofften, wir wären nur formell von der Sowjetunion
abhängig und könnten uns selbst regieren.
Und man hoffte auf ein halb demokratisches System
mit freier Marktwirtschaft.
(Off): Da die Polen mit dem Wiederaufbau beschäftigt sind,
empören sie sich nicht,
als Stalin seinen treuen Schüler Bolesław Bierut aus Moskau
zum Regierungschef macht.
1947 beseitigt er die politische Opposition.
An der Spitze des Landes bleiben nur noch Kommunisten.
Die Polen werden vor vollendete Tatsachen gestellt.
Ihnen bleiben nur noch die Witze.
(Andrzej): Was ist der Unterschied zwischen der Volksrepublik Polen
und einem Schiff auf hoher See?
Es gibt keinen.
Der Horizont ist weit,
man kann nicht aussteigen und will sich übergeben.
(Off): Schon bald gleicht Stalins Reich einem solchen Schiff.
Er muss die Massen mobilisieren
und nutzt dazu, wie in der UdSSR, das Kino.
Für die Ideologen Moskaus
ist es das Propagandainstrument schlechthin.
Bereits wenige Monate nach Ende der Kämpfe
werden in Ostberlin die ersten Filme
unter sowjetischer Aufsicht gedreht.
Alles wird in natürlicher Umgebung mit klarer Botschaft gefilmt:
Der Wiederaufbau ist für jeden Pflicht.
Stalin interessiert vor allem der Wiederaufbau der Wirtschaft
in den von seiner Armee besetzten Ländern.
Nach vier Jahren Krieg liegt die sowjetische Industrie am Boden.
Die Alliierten vereinbaren,
dass Deutschland der UdSSR
Reparationen in Höhe von 10 Milliarden Reichsmark zahlen wird.
Doch der Kreml wartet nicht und bedient sich, wo er kann.
In weniger als drei Jahren
verlagert er fast die Hälfte der ostdeutschen Industrie
in die UdSSR.
(Ernst): 45 wurden die Betriebe,
solange sie noch vorhanden waren, demontiert.
Die Arbeiter mussten alle Maschinen abbauen,
das ging alles nach Russland.
(Off): Deutschland wurde bestraft.
Aber auch andere Länder leiden unter der Demontage
durch die Sowjets, obwohl sie Opfer der Nazis gewesen sind.
Ein Teil ihrer Produktion wird beschlagnahmt.
Weizen, Maschinen und Kohle gehen in die UdSSR.
Der empörten Bevölkerung bleibt nur,
sich über die Besatzer lustig zu machen.
"Was sind die Russen? Sie sind Befreier!
Sie haben uns von allem befreit:
von Nazis, Uhren, Autos, Schienen und Fabriken.
In Deutschland übernimmt die UdSSR die Uran-Förderung
in den Minen der sächsischen Wismut-Betriebe.
Dieser Spielfilm wird Mitte der 1950er Jahre
bei den Minen gedreht und sofort vom Kreml verboten.
Die Russen wollen die Vorgänge hier unbedingt geheim halten.
Tausende deutscher Bergleute
fördern hier unter Kontrolle der Besatzer
die Hauptressource für die Entwicklung
einer sowjetischen Atombombe.
(Günter): Für die Atombombe gedacht
und deshalb haben wir die Wismut gebaut.
Mich hat das nicht interessiert.
Für mich war wichtig ...
(Wolfgang): Für mich, für uns war es wichtig,
Geld zu verdienen
und das Geld hat gestimmt.
(Off): Für einen höheren Lohn als in anderen Minen
arbeiten die Bergleute hier viele Stunden ohne Strahlenschutz.
(Vera): Glück auf. (Männer): Glück auf.
*Ticken*
(Off): Moskau braucht jedes Gramm
dieses kostbaren Materials zum Bau seiner Bombe.
Für den Kreml ist die Wismut ein wichtiges strategisches Objekt -
ein "sowjetisches Militärobjekt", wie es in der UdSSR heißt.
Das Gebiet um die Mine ist komplett abgesperrt.
Die Bergleute werden streng überwacht.
*Klingel*
(Wolfgang): Das war die normale Staatssicherheit
und einmal die Wismut, das war eine andere Staatssicherheit.
Die war innerbetrieblich.
Die hatten ihren roten Draht nach Moskau.
Setzen Sie sich, Hauptmann.
(Off): Die Botschaft der Sowjets ist klar: Die UdSSR hat das Recht,
Rohstoffe aus deutschem Boden zu entnehmen.
Ihr Faschismus. 10 Millionen tot.
(Off): Die Bergleute, Mitglieder der Kommunistischen Partei,
sollen die gute Botschaft verbreiten.
Er sagt wir brauchen Uranium.
Das ist sehr wichtig, Genosse Beier. Wir müssen weiter fördern.
Sie verstehen, Beier?
Die Sowjetunion baut den Kommunismus auf.
Die Sowjetunion hilft der ganzen Welt im Kampf um den Frieden.
Die sowjetischen Genossen helfen uns beim Aufbau des Sozialismus.
Wir und sie. Alle.
Die Arbeitermacht.
Siehst du, das ist proletarischer Internationalismus.
(Off): Die Sowjetunion zwingt die besetzten Länder
zur Bereitstellung ihrer Arbeitskräfte
und zur Einführung der kommunistischen Ideologie.
Der Marxismus-Leninismus wird Pflicht
und muss von jedem Bürger des Sowjetblocks befolgt
und vertreten werden.
Lehrpläne und Schulbücher werden entsprechend angepasst.
Ich lerne in dieser Zeit in der Schule,
was für ein Glück ich habe, im Osten aufzuwachsen.
Wir schön das ist, dass wir keine Kapitalisten haben.
Und wie schlimm die Arbeiter es im Westdeutschland haben,
die haben noch Kapitalisten.
Und die ganzen Nazis sind ja im Westdeutschland.
Und wir aber sind auf der Seite der Sieger der Geschichte.
(TV): Kinder freuen sich über neue Schulbücher.
Sie erziehen zu Demokratie und Menschlichkeit
und ermöglichen die Entwicklung einer demokratischen Zukunft.
Alle Studenten müssen, egal was sie studieren,
ein marxistisches leninistisches Grundstudium durchführen.
Egal ob du Zahnarzt, Apotheker, Biologe oder Theologe wirst,
jeder studiert Marxismus-Leninismus.
Erst zwei Jahre, dann drei Jahre
und in vielen Fächern fünf Jahre.
Wenn du das nicht positiv abschließt,
kriegst du kein Staatsexamen.
Also, es ist eine so unglaubliche weitgehende Indoktrinierung,
die im Kindergarten anfängt und in der Uni aufhört.
(Off): Ohne Marxismus-Leninismus geht gar nichts mehr.
Die kommunistische Ideologie wird zur Grundlage allen Wissens:
Sie erklärt die Welt - Wirtschaft, Finanzen, Geographie
und Geschichte.
Andrzej Olszewski geht als junger Student damals
naiv mit dem Anspruch des marxistischen Wissens um.
70 Jahre später erinnert er sich an einen Fauxpas
in diesem Zusammenhang.
(Andrzej): In einem Referat über ein amerikanisches Buch
zur Stätte Amarna und der Herrschaft von Amenophis IV.
habe ich so angefangen:
"Das Referat handelt von einer Zeit,
über die die Wissenschaft sehr wenig weiß
und die marxistische Wissenschaft noch weniger."
Oh Gott, was hatte ich da gesagt!
Höllenblitze wurden mir entgegen geschleudert.
Man wollte mich von der Uni werfen.
Bei Treffen hieß es:
"Wir müssen Klassenfeinde wie Olszewski bekämpfen."
(Off): Es scheint mir, als hörte ich einen meiner Freunde.
Zu Hause in Moskau,
an der Fakultät für Mathematik und Physik,
muss damals jede Publikation mit einem Zitat von Lenin beginnen -
auch wenn es um Geometrie oder Halbleiter geht.
Die sowjetische Welt hat eine Ideologie
und muss dieselbe Sprache sprechen.
In allen Ländern werden Tausende russischer Bücher gedruckt.
Ab Klasse fünf müssen alle Schüler Russisch lernen
und tun das mit Unlust.
Weil die schöne Russische Sprache
ist halt die Sprache der Besatzer.
Es sind keine guten Gefühle, die uns mit dieser Sprache verbinden.
Auch die Lehrbücher in der russischen Sprache,
da haben wir alles über Parteien, Gewerkschaften,
und Krieg gelernt. Aber nicht "ich liebe dich"
und "Was kostet die Butter?" oder sowas.
Also das war auch so ein merkwürdiger Sowjetsprech,
der da vermittelt wurde.
Das löste keine Begeisterung aus.
Fremdsprachen zu lernen,
wurde uns an der Schule vorenthalten.
Ende der 1940er Jahre gab es nur Russisch- und Latein-Unterricht.
Ich habe ein Parteimitglied gefragt,
warum der Lateinunterricht erlaubt sei.
Er dachte kurz nach und sagte:
"Weil man sich auf lateinisch nicht verschwören kann.
Das spricht ja niemand."
(Off): Aus Angst vor einer Verschwörung
baut Stalin über seine Geheimdienste zuerst in der UdSSR
und dann in Mitteleuropa
ein System zur Überwachung der Bürger auf.
Unter den ersten Opfern sind die Eltern von Barbara Kirchner.
(Barbara): Meine Eltern hatten Weihnachten 1945 geheiratet.
Und Ostern wollten die zwei
in einem Zug nach Breslau fahren,
um dort für ihren Haushalt Gegenstände zu kaufen.
Aber sie kamen nicht weit.
Auf jeden Fall wurden sie von dem sowjetischen Militär verhaftet.
Das sind meine Eltern
zu ihrer Hochzeit.
Und das war das glückliche Paar,
die jetzt auf ein neues Leben hofften.
(Off): Der Vater ist Journalist,
hat bei einer Zeitung im sowjetischen Sektor gekündigt
und sucht Arbeit im amerikanischen Sektor.
(Barbara): Er wurde da wochenlang verhört.
Meine Mutter hörte, dass er Schläge bekam,
um ein Geständnis zu erpressen.
Mein Vater wurde nach drei Monaten, glaube ich,
verurteilt zu 20 Jahren Gefängnis,
wegen antikommunistischer Propaganda und Spionage.
Das war damals der normale Vorwurf.
(Arpad): Plötzlich hieß es,
man sei ein amerikanischer Spion und dort dazu ausgebildet worden.
Man wurde einfach zum Kriminellen gemacht.
(Barbara): Mein Vater kam nach Bautzen
und meine Mutter kam nach Sachsenhausen.
Ja und da war sie dann und sie hat nie ein Urteil erfahren,
sie hat nie einen Richter gesehen.
Sie wurde einfach weggesperrt.
Und das hier ist das Tor zu Sachsenhausen.
Und ein Monat später, das war im November, wurde ich geboren.
Das war im Lazarett.
Man wickelte mich, suchte eine Holzkiste,
in Sträflingskleidung wurde ich eingewickelt.
Meine Mutter, nach sieben Monaten Gefangenschaft, hatte keine Milch.
Und dann haben sie ihre eigene Nahrung ganz klein zerbröselt,
haben sie mit dieser dünnen Suppe zusammengemischt und uns Kindern,
den Babys, eingeflößt.
Die Kinder, die geboren wurden, wurden nicht verzeichnet,
es kümmerte sich keiner drum. Wir waren nicht existent.
Und wer nicht existiert, der kriegte keine Nahrung,
keine Kleidung. Das war ein Regime, das selber,
das Stalinregime, es gab kaum in Russland eine Familie,
die nicht einen im Gulag hatte.
Und was machen dann ein paar Deutsche aus,
was machen dann ein paar Kinder aus?
Der Kommandant hatte ja geschrieben, nach Moskau:
"Ich habe hier mindestens 80% der Insassen,
die selbst unter sowjetischen Vorstellungen ...
Was soll ich mit den Leuten machen?"
Es kam überhaupt keine Antwort aus Moskau.
(Off): Ein paar tausend weitere Gefangene kümmern Stalin nicht.
Er will die Länder Mitteleuropas in Staaten verwandeln,
die dem Befehl Moskaus unterstellt sind.
Doch es muss Wahlen gegen.
Das hat er in Jalta zugesagt.
In der Tschechoslowakei verläuft im März 1946 alles wie geplant.
Die Kommunistische Partei,
die größte in Mitteleuropa,
gewinnt die Parlamentswahlen deutlich.
In Bulgarien gewinnt sie auch, dank einer Koalition
mit anderen linken Parteien.
In der Sowjetzone Deutschlands ist es nicht ganz so leicht.
Die Kommunistische Partei wird von den Besatzern massiv unterstützt,
von der Bevölkerung jedoch nicht.
Doch Stalin und die Parteiführer lassen sich was einfallen:
Sie zwingen die Sozialdemokraten zur Fusion mit den Kommunisten.
Natürlich wird dies als freiwillig dargestellt.
Die neue Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
wird von Kommunisten dominiert und ist moskautreu.
Viele Ostdeutsche wollen ihrer Vormachtstellung entkommen
und schließen sich anderen
noch erlaubten politischen Gruppierungen an.
Da die SPD verschwunden war, innerhalb eben der SED,
blieben für mich nur noch CDU und LDP, liberaldemokratische Partei.
Und bei der CDU, ich hatte so,
sagen wir da so christliche Elemente als Grundlage hatte,
hatte ich so nicht meine Einstellung.
Also, ich fand mich zurecht in der Liberaldemokratischen Partei
und erklärte das meinem Dozenten:
"Herr Doktor Roch,
ich habe es geschafft und bin einer Partei beigetreten."
"Ja, aber welcher denn?"
Ich sagte: "LDP."
Ich habe eine Gesichtsveränderung in meinem Leben
nie wieder so erlebt, wie in dem Augenblick. Bei ihm.
Vom strahlenden Gesicht,
das erhoffte, ich würde sagen SED,
zur Ernüchterung und Enttäuschung,
als ich LDP aussprach.
(Off): Diese Abtrünnigen,
die sich nicht der prosowjetischen SED anschließen,
verdächtigt man rasch der antikommunistischen Spionage.
Jochen Stern ist älter als 90 Jahre und mehrere Stunden gereist,
um uns seine Geschichte zu erzählen.
Sie beginnt an einem Morgen im Oktober 1947.
Sehr früh, so um halb fünf, fünf,
ich hörte plötzlich, wie jemand sprang.
Der drang in die Laube ein,
kam natürlich dann auch in mein Schlafzimmer rein
und brüllte ...
auf Russisch: "Hände hoch", "Rouki Verkh!"
(Off): Jochen Stern wird verhaftet
und ins ehemalige Nazi-Gefängnis Bautzen gebracht,
das die Sowjets weiter genutzt haben.
Er ist da erst 19 Jahre alt.
Tagelang muss er in einer Einzelzelle warten.
Dann wird er einem sowjetischen Oberst vorgeführt.
Er saß an seinem Schreibtisch und las die Pravda,
das war die berühmte russische Zeitung.
Dann stand er plötzlich auf,
faltete schön gewissenhaft die Zeitung zusammen,
der guckte mich einen Moment an und sagte:
"Du Spion!"
Ich sagte: "Wie bitte? Ich Spion?
Nein, nein." "Du lugen!"
"Oh, Ich lüge. Nein, ich lüge nicht."
Er holte eine, weil unten Holz lag,
eine Holz - sah aus, wie eine Keule -
und kam damit auf mich zu.
Und ich sagte: "Ich weiß gar nicht, warum ich hier bin."
Angeklagt als jemand,
die entsprechenden Spionagezentralen aufbauten.
Aber wir waren diejenigen, die nach Westberlin fuhren,
um jede Menge Informationen
den dortigen Spionagezentralen
der westlichen Mächte abzugeben.
Wochen vergehen, Stern beteuert seine Unschuld.
Ich kam in einen Karzer.
Karzer ist so das aller letzte,
was man sich überhaupt vorstellen kann.
War ich so fertig, ...
dass ich wirklich glaubte,
es wird mit mir nicht mehr lange dauern.
Also seelisch war ich sowieso kaputt.
Dann hab ich da gesagt: "Also Kinder, was solls?
Wenn ihr meint ich war ein Spion, also schön."
Ich kam kräftemäßig nicht mehr dagegen an.
(Off): Die Sowjets bedienen sich der Methoden
der großen Säuberung aus den 1930er Jahren in der UdSSR.
Damit hat man Hunderttausende dazu gebracht,
erfundene Verbrechen zu gestehen.
Wir bekamen 25 Jahre Zwangsarbeit
und Besserungslager.
(Off): In der UdSSR lautet der Standardvorwurf,
ein Volksfeind zu sein.
Im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands
ist man dann amerikanischer Spion.
Denn im beginnenden Kalten Krieg
macht Stalin die USA zu seinem Hauptgegner.
Die erste Schlacht spielt in Berlin.
Die in westliche
und einen sowjetischen Sektor unterteilte Hauptstadt
liegt mitten in dem von der UdSSR kontrollierten Gebiet.
Im Juni 1948 führen die westlichen Alliierten
in ihren Zonen mit der Deutschen Mark eine neue Währung ein.
Daraufhin bricht die sowjetische Währung ein.
(Mann): Da lebt man nun in einer Stadt
und hat das Gefühl,
in zwei Weltteilen zu leben.
(Frau): Die Spannungen in Berlin verschärften sich immer mehr.
(Off): Stalin ist außer sich
und blockiert jeglichen Zugang nach West-Berlin.
Die Berlin-Blockade beginnt.
Doch die Alliierten geben Westberlin nicht auf
und organisieren eine gigantische Luftbrücke,
über die sie täglich zwei Millionen Berliner versorgen.
Bei so viel westlicher Entschlossenheit,
muss Stalin nachgeben: Nach elf Monaten hebt er die Blockade auf.
Diese Krise führt zur Teilung Deutschlands:
Im Mai 1949 beschließen die Alliierten,
die Gründung der Bundesrepublik Deutschland.
Die Sowjets reagieren
und rufen am 7. Oktober im Osten
die Deutsche Demokratische Republik aus.
(Wilhelm Pieck): ... für Frieden
Aufbau und nationale Freiheit
in der einigen Deutschen Demokratischen Republik.
Es lebe die Nationale Front des demokratischen Deutschlands!
(Off): Dieses neue Deutschland ist nur dem Namen nach demokratisch;
vor allem aber kommunistisch.
Bei der Volkskammerwahl gibt es nur linke Kandidaten
auf der von der SED dominierten Einheitsliste.
Sie erhält 99% der Stimmen.
Die sowjetische Indoktrinations-
und Einschüchterungspolitik ist am Ziel.
Die Wahl lautet jetzt: Kommunismus oder Exil.
"Fährt ein Ostdeutscher mit dem Zug in den Westen.
Zollbeamte öffnen seinen Koffer,
finden ein großes Porträt des Staatschefs der DDR,
Walter Ulbricht und fragen:
"Warum haben Sie das Porträt dabei?"
"Damit ich nicht nostalgisch werde."
In nur vier Jahren gelingt es Stalin,
den von ihm besetzten Ländern
das kommunistische System aufzuzwingen.
In Ungarn ist die Machtübernahme der Sowjets ein Paradebeispiel.
(Tamaz): Man muss klar und offen sagen:
Ohne die Rote Armee
hätte es in Ungarn keinen Sozialismus gegeben.
Zwischen den beiden Weltkriegen
gab es in Ungarn nur 2000 registrierte Mitglieder
der Kommunistischen Partei. Und sie war illegal!
(Off): 2000 Kommunisten etablieren,
mit Unterstützung von Hunderttausenden
sowjetischen Soldaten und Beratern ein neues Regime.
Als Staatschef setzt Moskau seinen Mann Mátyás Rákosi ein.
Im Krieg war er Flüchtling in der UdSSR
und bezeichnet sich als
"Stalins besten ungarischen Schüler".
Dann beginnt die große Propagandaschlacht:
Im ganzen Land organisieren Rákosi und seine Leute
Massendemonstrationen und skandieren Parolen
zum Ruhm der Partei und ihres Generalsekretärs.
Zur Wahrung eurer Freiheit gründeten die Kommunisten
die Partei der ungarischen Werktätigen:
Für die Gesundheit und das Wohlergehen der Arbeitenden.
*Sie rufen Parolen im Chor*
(Tamaz): Die UdSSR und die sowjetischen Berater
haben in Ungarn ein Netzwerk
zur Errichtung eines neuen Systems aufgebaut.
Die Entwicklung des Landes ging in die sowjetische Richtung
und die Diktatur von Rákosi entsprach dem,
was man in der Sowjetunion sah.
(Sandor): Rákosi hat von Anfang für Personenkult gesorgt.
Wenn er irgendwo hinkam, mussten wir applaudieren und rufen:
"Lang lebe Rákosi,
lang lebe die Partei!"
(Off): Genau wie in der UdSSR gelten alle als Feinde,
die keine Unterstützung für die Kommunisten
und Rákosi erkennen lassen.
Für besonders gefährlich hält man die Anhänger
von Zoltán Tildys beliebter Unabhängigen Partei
der Kleinlandwirte.
Unterstützer dieser Partei erfinden eine Doppelsprache -
im Ostblock eine typische Überlebensstrategie.
Auf die Frage, wen er wählen würde, sagte mein Vater:
"Ich bin der Sozialdemokratischen Partei beigetreten,
aber deine Mutter und ich
wählen die Unabhängige Partei der Kleinlandwirte."
*Er spricht Ungarisch*
Die Sozialdemokratische Partei war eine linke Partei,
der er aus Sicherheitsgründen beigetreten ist.
Aber er wählte eine rechte bürgerlich-demokratische Partei.
(Off): Am Wahltag, dem 31. August 1947,
müssen alle Bürger nach dem Vorbild der UdSSR
an den Kameras vorbeiziehen.
In meiner Kindheit wurden Wahlurnen
sogar in die Häuser gebracht, damit auch die wählen,
die nicht ins Wahllokal gehen können.
Die Wahlbeteiligung ist seit jeher der wichtigste Indikator
für den Erfolg einer Wahl.
Diesmal liegt sie bei rund 90 %.
Für das gewünschte Ergebnis wird gesorgt.
Dazu wendet man Methoden an,
die sich in anderen Ländern Mitteleuropas bewährt haben:
Druck ausüben, Überwachen,
Wahlurnen mit Stimmzetteln füllen oder schlicht die Zahlen fälschen.
(Sandor): Der einzig mögliche Weg war Sieg durch Betrug.
Die Befehle der Sowjetunion dienten dazu,
Andersdenkende und alle Gegner der Kommunisten zu unterdrücken.
Da wurde mir klar,
dass die Kommunisten die Wahlergebnisse gefälscht hatten.
Ich war fassungslos.
Ich war 12 und hatte - so unglaublich das klingen mag -
das Gefühl, ein politischer Paria zu sein.
Mit 12 Jahren!
(Off): Trotz des Drucks erhalten die Kommunisten
nur 22% der Stimmen.
Wie in Ostdeutschland zwingt man andere linke Parteien zur Fusion.
Die Opposition wird aus dem Parlament ausgeschlossen.
Mátyás Rákosi gibt sich als Diktator -
ganz nach Stalinmanier.
(Sandor): Die Leute wussten, was los ist,
aber sie konnten nichts tun.
(Off): Die Menschen müssen so tun, als ob sie sich freuen.
Die Feiern gleichen denen,
die ich als Kind in der Sowjetunion erlebte.
Alles läuft nach demselben Schema ab:
Man muss sich über unsere Feinde lustig machen -
die westlichen Imperialisten.
(Sprecher): Das ungarische Volk entschied sich
gegen imperialistische Knechtschaft und für Freiheit.
(Off): Es soll so aussehen,
als ob sich die Menschen über den Wahlsieg der Kommunisten freuen
und die Reden ihrer Anführer gerne hören.
(Rakosi): Genossen! Ich grüße Sie anlässlich
des überwältigenden Wahlsieges
der Volksfront für die Ungarische Unabhängigkeit.
(Off): Uns blieb nur noch,
sich mit Freunden im Geheimen über das eigene Leben lustig zu machen.
(Arpad): Rákosi, unser aller Vater,
hat sich wie König Matthias gerne unter die Leute gemischt,
um zu hören, was sie über ihn denken.
Eines Tages sitzt er im Kino,
wo vor dem Film die Nachrichten gezeigt werden.
Man sieht Genosse Rákosi beim Besuch
einer landwirtschaftlichen Genossenschaft.
Sofort steht das gesamte Kinopublikum auf
und beginnt lautstark zu applaudieren.
Plötzlich tippt jemand, der Rákosi nicht erkannt hat,
von hinten auf seinen Kopf und sagt: "Hey, Glatzkopf, steh auf!
Sonst kommt die Geheimpolizei und verhaftet dich!"
Also klatscht Rákosi wie alle anderen,
damit ihn die Geheimpolizei nicht mitnimmt.
(Off): Die neue Realität ist absurd,
aber wie soll man ihr entkommen?
(Zsolt): Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel
für die Naivität meiner Eltern: Sie sagten:
"Nächstes Jahr kommen die Amerikaner und befreien uns."
Das glich der "Ankunft des Messias" bei den Christen.
Wenn der Messias kommt, folgt die Auferstehung.
(Off): Um die Ankunft der Amerikaner zu verhindern
und damit niemand fliehen kann,
werden über Tausende von Kilometern Zäune gebaut
und Minenfelder angelegt.
(Arpad): Da war ein Minenfeld.
Es gab einen Zaun und dahinter ein 10 bis 12 Meter breites Minenfeld.
An der österreichisch-ungarischen Grenze
wurden mehr als eine Million Minen verlegt.
Sobald man den Stolperdraht berührte,
wurde die Mine ausgelöst.
Sie ist explodiert
und hat jeden im Umkreis von 50 Metern tödlich verletzt.
Das war eine der großen politischen Errungenschaften
der damaligen Zeit.
(Off): Der Eiserne Vorhang senkt sich auf europäischen Boden herab
und trennt Stalins Reich vom Rest der Welt.
Nur Jugoslawien, obwohl kommunistisch,
kann sich dem Einfluss entziehen.
Jahrelang habe ich mich gefragt,
warum der Westen nichts unternommen hat,
als Stalin Europa in zwei Teile geteilt hat.
Die Erklärung ist wahrscheinlich ganz einfach.
Im August 1949 testet die UdSSR erfolgreich
ihre erste Atombombe und wird damit zur Atommacht.
Fortan ist sie unantastbar.
Stalin hat freie Hand, mehr als 85 Millionen Europäer,
ob es ihnen gefällt oder nicht, zu "guten Kommunisten" zu machen.
Die Geschichte des Ostblocks beginnt.
Kommentar: Birgitta Assheuer
Sprecher*innen: Uwe Büschken, Susanne Grawe, Ruth Köppler,
Jochen Nix, Frank Röth, Thomas Wenke, Pat Zwingmann
Übersetzung & Adaption: Christiane Schmieger
Sprachregie: Stephanie Pillmann
Deutsche Bearbeitung: MD Productions GmbH
Redaktion: Thorge Thomsen
UNTERTITELUNG: Globe tv GmbH, Saarbrücken, 2024
Can't find what you're looking for?
Get subtitles in any language from opensubtitles.com, and translate them here.