All language subtitles for 2019_Zwischen uns die Mauer.deu

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Original subtitles

(Ulbricht) Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht,

da sich die Bauarbeiter der Hauptstadt mit Wohnungsbau ...

* Stimme verklingt, sanfte Klaviermusik *

Anna Philipp

Leon Blaschke: Lorenz

(Mädchen) Die Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland

und der DDR hat es schon immer gegeben.

Na ja, nicht wirklich immer, aber viele Jahre vor meiner Geburt.

Wollte man von uns aus nach West-Berlin,

musste man ohne Zwischenstopp durch das Gebiet der DDR.

Ich war nie in der DDR gewesen, aber ganz ehrlich,

das Land hinter dem Eisernen Vorhang interessierte mich nicht wirklich.

Anders West-Berlin - es hieß, die Stadt sei wild und punkig,

eine ummauerte Insel der Hausbesetzer und Freaks.

Ich hätte alles getan, um dort mal hinzukommen,

raus aus unserer Kleinstadt. Dann kam die Gelegenheit.

Die Einladung zu einer deutsch-deutschen Jugendbegegnung.

Unsere Kirche hatte das angeleiert. Das Programm klang super:

Treffen mit ostdeutschen Jugendlichen

auf der anderen Seite der Mauer und endlich nach West-Berlin.

Bringst du mir was mit? Klar, 'ne Tüte Berliner Luft?

Darf ich in dein Zimmer?

Tu, was du nicht lassen kannst. Aber nicht schnüffeln.

Mhm. Okay, gut.

(Mutter) Passt das noch rein? Weiß nicht.

Anna? Hier, Stadtplan.

Wie sieht der denn aus, Papa? Der zerfällt ja gleich.

Deiner Mutter und mir hat er gute Dienste erwiesen.

Und das war wann? Los, der Zug fährt in 20 Minuten.

Hast du den Reisepass? Zeig her. Ja. Boah, Papa.

(Mutter) Stopp! Stopp.

Pass auf dich auf. Ja, danke, Mama.

(Vater) Der Zug! Tschüss, Nina.

* Rattern und Pfeifen *

Hey! Seid ihr die von ... Holsteinische Begegnungen.

Guten Morgen. Du bist Anna? Maik. Ja. Angenehm.

Hey, Christine. - Hans.

Anna.

Zum Glück. Ich dachte, ich kenn hier kein Schwein.

(flüstert) Da sind sonst nur so Kirchennasen hier.

Ich bin auch nur über die Warteliste reingerutscht.

Da wir vollzählig sind: Das Treffen mit der ostdeutschen Gruppe

ist auf morgen verlegt worden. Müssen wir da jeden Tag mit?

Noch mal zum Mitschreiben:

Es geht um den Austausch mit der Kirchengruppe in Ost-Berlin.

Halligalli könnt ihr auch zu Hause machen.

Tag. Passkontrolle Deutsche Demokratische Republik.

* Bremsen quietschen laut. *

Reiseziel? - West-Berlin. Wir gehören zusammen.

(Maik) Vielleicht in deiner Jacke? * angespannte Klänge *

Ja, wird's jetzt bald? Ja, gleich.

Müssen wir den Zug extra aufhalten? Nein.

Ich hab ihn.

Warum zittern Sie? Etwa nervös?

Nee, ich hab nur schlecht geschlafen.

Schöne Weiterreise.

(Christina) Was die alles hingeschrieben haben. Irre.

Das ist überall.

Genau hier verläuft die Grenze.

Ihr steht schon in der DDR.

Stell dir vor, du müsstest da drüben leben.

Ich würd das gar nicht aushalten.

Aber wenn du da geboren wärst, bleibt dir nichts anderes übrig.

Dann würd ich abhauen.

* angespannte Klänge *

Habt ihr alle eure Reisepässe griffbereit?

Und Geld für den Zwangsumtausch? - (alle) Ja.

Stellt euch schon mal an, ich geh als Letzter durch.

* angespannte Klänge *

Abstand halten!

Lachen Sie mich aus?

Nein. Dann hören Sie auf, zu grinsen.

Machen Sie Ihr linkes Ohr frei.

* Stempel *

Weitergehen. Nächste.

Hast du dir das so vorgestellt?

Ich freu mich auch schon wieder auf West-Berlin.

* Türklingel *

Ah, da seid ihr ja. Willkommen.

Maik. - Ich bin Andreas.

Bitte, kommt rein. Kommt mir nach, immer mir nach.

So, da sind unsere Gäste. Kommt rein.

(mehrere) Hallo. - Rein. Setzt euch, nehmt Platz.

(mehrere) Hallo.

Wir wären die nächsten Tage genug Gelegenheit haben,

um uns näher kennenzulernen.

Aber bevor wir loslegen, dachte ich ... ja.

Greift zu. Ich hoffe, ihr habt Appetit mitgebracht.

- (Mädchen) Mag jemand 'nen Tee?

Hallo. * Mehrere grüßen zurück. *

Ich bin Philipp.

Herr Vati. Hallo, Philipp.

Im Sommer war ich in Südfrankreich. Croissants, Sonne, Strand.

Da würd ich auch gern mal hin. Ihr könnt aber auch verreisen, oder?

Ja, klar, in die Bruderstaaten halt. Also Ungarn, Tschechoslowakei ...

Die Hohe Tatra zum Beispiel ist schön zum Wandern.

Wanderst du gern? Ja.

Du? Ja.

Also, kommt darauf an, mit wem und wo.

Lass mich raten: mit 'nem Franzosen in den Pyrenäen?

Im Ernst, Prag zum Beispiel hat eine urst schöne Altstadt.

(Mädchen) Urst? - 'ne tolle Altstadt.

Was sollte das mit dem Franzosen vorhin?

Alle Frauen stehen doch auf Franzosen, oder?

Dachte ich jedenfalls. Denken ist nicht deine Stärke dann.

Du hast wohl immer das letzte Wort? Wenn jemand Unsinn redet, ja.

Ach so, ich rede Unsinn? Ja.

So. Das ist meine Gabel.

Ey, entspann dich, ne? Ich pieks die dir in den Rücken!

Das wagst du nicht. Natürlich wag ich das.

Seid ihr bald fertig? Wir wollen los, Stadtführung.

Hey! Guckt mal, ihr Stasi-Blödmänner!

Wir sind mit dem kapitalistischen, Westjeans tragenden Feind unterwegs.

Philipp, lass doch den Quatsch, hm?

Dass du dich so was traust.

Eh egal. Die hören doch sowieso alles mit.

Big brother is watching you.

Du kennst Orwell? Ja.

* Er ächzt. * Philipp?

Hast du dir wehgetan? * Er fängt an zu kichern. *

Nö. Ah, bist du ...

Bist du doof!

* ruhiges Gitarrenspiel *

Du kannst zwar etwas zickig sein, aber du bist trotzdem ganz nett.

Eben wollte ich dir sagen, dass du gut spielst.

Hat sich jetzt erledigt.

Schade.

Na gut. Du spielt ganz okay Gitarre.

Du willst wahrscheinlich auch ein Kompliment.

Auf, wir müssen um zwölf am Grenzübergang sein,

sonst gibt's Ärger. Sag ich dir morgen.

Warum heißt der eigentlich Tränenpalast?

Wir weinen, weil wir nicht rein dürfen.

Ihr weint, weil wir uns verlassen müsst.

Aber, also ... Wir sehen uns ja morgen wieder, ne?

* verlegenes Gelächter * Schönen Abend noch.

(durcheinander) Bis morgen. Tschau.

* rockige Musik *

Gib's zu, du hast dich verknallt. Ich? Nee, Quatsch.

Wieso nicht? Der ist doch süß. * Sie lacht. *

Übrigens, du bist nicht die Einzige.

Echt? Du auch? Also gibst du's doch zu.

(lacht) Nein! In wen? Ina?

(lauter) In Ina?

Wer dann?

Du darfst es aber keinem sagen. Ehrenwort.

In Steffen.

Das ist der mit den blonden Locken.

Du bist schwul?

Wär das schlimm?

Nee.

* Kirchenglocken *

Zu Hause geh ich nie in die Kirche. Ich auch nicht.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserem Herrn Jesus Christus. - (alle) Amen.

Amen.

(Andreas) Die Liebe wird oft als ein Feuer beschrieben.

Die Flammen der Liebe lodern in den Herzen der Verliebten.

Wenn einen die Liebe erwischt, ist das ein alles verzehrendes Feuer.

"Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig",

schreibt dagegen Paulus in seinem Korintherbrief.

Hallo. Hallo.

Sie ereifert sich nicht. Sie bläht sich nicht auf.

* Kirchenglocken *

Hast du Lust, noch rumzulaufen und ich zeig dir die Gegend oder so?

Was ist mit den anderen? Die schaffen das ohne uns, oder?

Okay.

Was wolltest du mir noch sagen?

Hm?

Was? Jetzt tu nicht so.

Ach so, das meinst du.

Deine Westjeans stehen dir ganz gut.

Echt? Ja.

Du hast die blausten Augen der Welt.

Ey, hör auf. Kein Foto jetzt.

Nein, nein, warte, warte.

* zarte Klänge *

Ist klasse. Ah.

Woher hast du die?

Keine Ahnung, halt 'ne Tasche.

Hast du Angst vorm Tod?

Ähm, ja ... ich weiß gar nicht so genau. Du?

Hm. Kannst du eh nichts machen.

Was soll man sich da vorher darüber aufregen?

Ich hätte höchstens Angst, dass ich, also, falls ich wiedergeboren würde,

als jemand ganz Schreckliches auf die Erde komme.

So, als Hitler oder so.

Was, wenn du als Mutter Teresa zurückkommst?

Dafür hab ich zu oft "Scheiße" gesagt.

Das bringt Minuspunkte.

Scheiße! * Sie kichert. *

Glaubst du an Gott?

Ja, schon.

Aber ich hab's jetzt nicht so mit der Institution Kirche. Und du?

Das ist 'ne dumme Frage, ne? Wieso?

Weil mein Vater Pfarrer ist?

Komm mal mit.

Ich bin als Kind ziemlich oft hierhergekommen.

Ich hab das Grab zufällig mit meinen Eltern entdeckt.

Habt ihr sie gekannt? Nee.

Aber sie ist genau mein Jahrgang.

Hat mich damals ganz schön umgehauen.

Damals hab ich noch an Gott geglaubt, aber das,

das hab ich ihm ziemlich übel genommen.

Ja ... * Sie lachen. *

Guck mal.

"Fantasie kennt keine Grenzen"? Stark.

Schenke ich dir, wenn du magst. Ja, vielen Dank.

Steht schon was drauf, aber ...

Darf ich's lesen? Okay.

"Lorenz". Ist das dein Freund? Kindergartenfreund.

Und du? Hast du eine Freundin?

Wenn du magst, also ... Gibst du mir deine Adresse?

* nachdenkliche Musik *

Ähm, gibst du mir dann noch deine? Okay.

Mach's gut. Ja. Schreib mal.

Mach ich. (lacht verlegen) Okay.

* melancholische Musik *

* Schulglocke *

Hey. Hey.

Na? Na?

Wie war's in Berlin? Super. Hättest mitkommen sollen.

Hast du mich vermisst?

Erzähl mal, wie war's? Was habt ihr gemacht?

Wart ihr auch im finsteren Osten? Klar.

Und, wie war's da? Finster, wie du schon sagst.

Zum Glück haben sie dich nicht behalten.

Was ist hier so passiert? Nicht viel.

Ziemlich öde, wenn du weg bist, hab ich festgestellt.

Nette Leute kennengelernt? Zum Teil.

Wie, zum Teil? Na, zum Teil halt.

Manche nett, manche weniger nett, manche doof.

Hast du hast sonst noch Fragen?

* melancholische Musik *

Du hast Post! Gib her.

Was krieg ich dafür? Gib her jetzt.

Du hast noch gar nichts erzählt.

Mitgebracht hast du auch nichts. Nächstes Mal. Jetzt gib her.

Und, von wem ist der? - Wir essen in einer halben Stunde.

Anna, deckst du den Tisch? Gleich.

Nina, wollte da nicht jemand sein Zimmer aufräumen?

* Umschlag reißt, ruhige Klaviermusik. *

"Liebe Anna, jetzt bist du weg und ich sitze hier

und ärgere mich über die Mauer.

Ich würde diesen Scheißbeton am liebsten einreißen.

Ich hoffe, du schreibst mir mal oder du rufst mal an.

Oder noch besser: Komm mich noch mal besuchen.

Aber eins sollst du noch wissen: Ich mag dich.

Ich mag dich sehr."

* Musik klingt aus. *

(Vater) Keinen Appetit?

Nö.

Aber nicht, dass du das Hungern anfängst.

Quatsch. Man kann ja mal keinen Hunger haben.

Das find ich auch.

(Mutter) Bis später dann! * Tür fällt zu. *

* Freiton *

"Philipp Rieger." Hallo Philipp, hier ist Anna.

"Hallo?

"Hallo, ist da wer?" Hier ist Anna.

"Hallo? Ich kann nichts hören."

"Ich hör nichts." Philipp, hier ist Anna. Anna!

Ihr Stümper!

Philipp! Hör auf.

Und wenn das für mich war? Die hören unser Telefon ab

und sind zu dumm dafür. Wer dich liebt, schreibt dir.

Und du findest das gar nicht ätzend?

Ich versuche, mich an "Liebe deinen Nächsten" zu halten.

Dass das seit dem Austausch schlimmer ist, findest du nicht?

Wir haben nichts besprochen, was niemand hören dürfte.

Denk nach, bevor du solche Aktionen startest.

Kann ich mir das ausborgen?

Äh ... nein.

Du kannst es hier lesen.

Ich zeig's keinem.

Nein.

Kann ich dann noch 'ne Stunde bleiben?

Ja, so lange du möchtest.

Dein Vater hat 'ne urst gute Bibliothek.

Bei uns zu Hause gibt's bloß "Das Kapital", das Manifest

und die Geschichte der Arbeiterbewegung.

Was ist los?

* Er seufzt. *

* melancholische Musik *

Du kannst immer nach Berlin fahren, aber nein, es muss sofort sein.

Wär ja nur für 'n Wochenende.

Du schreibst grade lauter Klausuren. Ich kann genauso gut im Auto lernen.

Was für 'n Auto hat deine Freundin? Den alten VW Käfer von ihrer Oma.

(Mutter) Seit wann hat sie den Führerschein?

Ist ja egal, oder? Vier Jahre bestimmt.

Dürfen wir fernsehen? - Ja.

Wo wollt ihr übernachten?

Ullis Tante hockt alleine in 'ner großen Altbauwohnung.

Die freut sich auf Besuch.

Also gut, wenn du deinen Schlafsack mitnimmst.

Heißt das, ich darf?

Hier wohnt deine Tante? Mhm.

In 'nem besetzten Haus? Das ist 'ne Grunewalder Villa.

Wenn das meine Eltern wüssten. Wissen sie aber nicht.

Hi.

Hey! Na? - Hi!

Meine Tante Michaela, Anna. - Hi. Na, kommt rein.

* laute Pieptöne *

(beide) Guten Morgen.

* Sie wählt. *

* Freiton *

Morgen.

Stört's euch, wenn ich schon mal dusche?

M-m. Das machen wir hier immer so.

Morgen. - (beide) Morgen.

Na, gut geschlafen? * Freiton *

* Freiton *

Ich würd einfach hinfahren, auf gut Glück.

* beklemmende Klänge *

* Tür quietscht. *

* Schritte *

* erneutes Klingeln *

Wollen Sie zu Riegers? Nicht da, sind auf ihre Datsche gefahren.

Wissen Sie, wann sie wiederkommen?

Sonntag steht der Herr Pastor bestimmt auf der Kanzel.

* beklemmende Klänge *

Hey. Mach dir mal keinen Kopf. Morgen wird er schon da sein.

Ist halt einfach ein ganzer Tag flöten gegangen.

So ein Scheiß, echt.

Hm?

Komm mal her.

* herannähernde Schritte *

Hey. * aufgeregtes Atmen *

Wollen wir zusammen rausfahren?

An meinen Lieblingssee? Ja.

* Anna lacht. *

Hast du denn oft versucht, anzurufen?

Ja, so 1000-mal. Die müssen immer was umstöpseln,

wenn sie mithören wollen. Das klappt halt manchmal nicht.

Aber das ist auch schon öfter passiert.

Wer denn? Na, die Stasi.

Ihr werdet abgehört. Also mein Vater.

Es ist schon verdächtig, Pfarrer zu sein.

Lass uns von was Wichtigerem reden. Aber das ist wichtig.

Nicht wichtig genug. Wichtig ist, dass du jetzt hier bist.

Und dass du so blaue Augen hast.

Hast echt schöne Augen.

Du aber auch.

* Ein Specht klopft. * Hörst du das?

Du darfst dir was wünschen. Was denn?

Das darfst du nicht verraten, sonst geht's nicht in Erfüllung.

* sanfte Musik *

Warte, die stört.

Ich lass dich einfach nicht mehr gehen.

Ich muss aber.

Falt mich doch zusammen und pack mich in deinen Rucksack.

Und dann trampen wir zusammen bis nach Paris, okay?

Aber weißt du was? Hm?

Ich glaub, du bist ein bisschen sperrig dafür.

Zu sperrig? Du bist zu groß.

(lacht) In den Koffer passt du so nicht rein.

Hast du schon mal ernsthaft über Flucht nachgedacht?

Ja und nein.

Also ja, weil ich auch mal Croissants

in einem Straßencafé essen will und Michelangelo sehen will.

Aber auch nein, weil ich nicht scharf drauf bin,

erschossen zu werden oder im Knast zu landen.

Und was ist mit so 'nem Ausreiseantrag?

Na klar, wenn man masochistisch veranlagt ist.

Freunde von meinen Eltern haben das versucht.

Der Sohn konnte kein Abitur mehr machen,

der hilft jetzt auf dem Bau.

Und die Eltern werden immer noch schikaniert.

War schön mit dir. Find ich auch.

Nee, stimmt gar nicht.

Viel, viel mehr.

(tränenerstickt) Du musst langsam. Okay, kurz und schmerzlos?

Ich schreib dir, ja? Sobald ich zu Hause bin, versprochen.

* traurige Musik *

* Sie schluchzt. *

* Tür fällt zu. *

* traurige Musik *

* Musik wird hoffnungsvoller. *

* Musik klingt aus. *

* Türklingel *

Hallo, Frau Mayer. Ich hab hier die Noten für den Kirchenchor.

Das ist aber nett. Geh schon mal ins Wohnzimmer, vorne links.

Möchtest du was trinken?

Nee, ich muss ja eh gleich wieder los. Danke.

* düstere Klänge *

Wobei, ein Glas Wasser würd ich doch nehmen, wenn's geht.

Gerne. Danke.

* Auslöser *

So, hier.

Geh lieber weg da.

Die haben's nicht gern, wenn man aus dem Fenster guckt.

Im Treppenhaus haben sie schon Milchglas eingesetzt.

Wie ist das denn so? So nah dran zu wohnen?

Ich gucke niemals, niemals raus.

* beklemmende Klänge *

* anschwellendes Pfeifen *

Anna, probierst du mal, ob die noch passen?

Ich hab doch gesagt, ich komme nicht mit.

Das war tatsächlich ernst gemeint? Ja, natürlich war das ernst gemeint.

Ich mein's noch immer ernst, akzeptiert ihr das mal?

(Vater) Sag mal, wo sind denn diese grünen Handschuhe?

Sie will nicht mit. - Wie?

(Mutter) Du würdest doch nicht alleine hierbleiben?

Nee, ich würde zu Oma fahren

und an Silvester mit ein paar Freunden feiern.

Mit wem zum Beispiel?

Mit Ulli. Lorenz und Ralph machen auch noch nichts.

Also gut, wie du meinst.

Damit eins klar ist: Du fährst nicht nach Berlin.

Wie kommst du denn jetzt auf Berlin? Also ...

Anna, für wie blöd hältst du uns eigentlich?

Du kriegst Post von diesem Philipp.

Ist es schlimm, mit Leuten aus der DDR zu schreiben?

Nein. Wir wollen nur nicht, dass du dich in etwas reinsteigerst.

Du machst dich nur unglücklich. Das ist ja meine Sache.

Du fährst nicht nach Berlin. Haben wir uns verstanden?

Ja! Gut, dann wär das geklärt.

Kannst du rausgehen?

Mama, geh raus jetzt!

Hey.

Schön, dass du da bist.

(Kellnerin) Hi. Was möchtest du trinken?

Ein Leitungswasser, für meine Magentablette?

Bist du krank?

Nee, Quatsch. Muss für Berlin sparen.

Deine Eltern geben dir nichts dazu? Nee, ich muss doch heimlich fahren.

Die machen total den Aufstand. Du Arme.

Und was hast du denen jetzt gesagt?

Erst für ein paar Tage zu meiner Oma,

dann feier ich Silvester mit Freunden, unter anderem mit dir.

Okay, und deine Oma zieht da mit? Ich hoffe.

Deine arme Oma. Muss in dem Alter lügen.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie verliebt bist du ein Steffen?

Neun?

...einhalb? Ich weiß nicht.

Ich hab ihn ja seitdem nicht mehr gesehen,

aber er schreibt süß und ich hab schon zwei Pakete hingeschickt.

Das Wasser. Danke schön.

Können wir einen Tee noch haben?

Nee. Nee, ich mach das.

Ja. Danke.

Gut, dann auf einen wunderschönen

"East Berlin, love is in the air"-Silvestertrip.

Darauf.

Fällt es an mir auf? Die müssten dich schon betatschen.

Werden die hoffentlich nicht machen.

* Tür wird geöffnet. *

Na, Philipp? Wo geht's denn hin?

Zur Altpapiersammlung.

Oder wissen Sie es besser?

(lacht) Schönen Tag noch.

* beklemmende Klänge *

Warum gucken Sie denn so böse?

Schon besser.

Guten Tag. Haben Sie etwas zu verzollen?

Also was jetzt? Ja oder nein?

Nein.

Ihre Erklärung, bitte.

Führen Sie Druckerzeugnisse mit? Zeitschriften, Romane,

Prospekte, Kalender? Nein.

Schallplatten oder Bandkassetten? Nein.

Devisen?

Nein. Also, das Geld für den Zwangsumtausch aber.

Sie meinen den Mindestumtausch. Klar.

Öffnen Sie bitte mal Ihre Tasche.

Würden Sie die Gegenstände bitte herausnehmen?

Was ist das? Äh, 'n Notizbuch.

Die Jackentaschen, bitte.

Sie können die Gegenstände wieder einpacken.

Was haben Sie da?

Würden Sie das bitte mal rausnehmen?

Würden Sie das bitte mal herausnehmen!

Kommen Sie bitte mal mit.

Warum denn? Ich hab nur vergessen, das anzugeben.

Zur Klärung eines Sachverhalts. Kommen Sie bitte.

Na? Hallo.

Alles gut? (verwirrt) Ja.

Wo ist denn Anna?

Die müsste schon längst hier sein, ich war hinter ihr gestanden.

Ist denn irgendwas passiert in der Kontrolle?

* unheilvolle Musik *

So, Sie können sich wieder anziehen.

* Sie verlässt den Raum. *

* Schritte nähern sich. *

Setzen Sie sich.

So, erklären Sie sich mal.

Was ist das?

Und für wen?

Wieso glauben Sie, Sie müssten so was

in die Deutsche Demokratische Republik mitbringen?

Ich wusste nicht, dass das verboten ist.

Das ist diese Punkmusik, nicht wahr?

Also, für mich persönlich ist das keine Musik, sondern Lärm.

Gefällt Ihnen das etwa? Ganz mein Geschmack ist es nicht.

Und Sie wollten dennoch das illegal

in die Deutsche Demokratische Republik einführen.

Also.

Für wen?

(flüstert) 'nen Freund.

(lacht) Name?

* beklemmender Klang *

Philipp Rieger.

Muss ich denn jetzt wieder zurück nach Hause?

Wir sind doch nicht nachtragend.

Nur Ihre dekadente Musik, die lassen Sie nächstes Mal drüben.

Kaufen Sie doch mal bei uns eine Langspielplatte.

Puhdys, Karat, wir haben gute Musik.

Gut,

Fräulein Wagner.

Dann haben wir uns also verstanden?

Endlich!

Alles gut?

Kann ich erst mal reinkommen? Ja, ja.

(Frau) Hallo. Hallo.

Du bist Anna? Ja.

Es freut mich, dich kennenzulernen, endlich. Hast du Hunger?

Es gibt Matjes und Kartoffeln.

Und deine Eltern haben kein Problem damit,

dass du so ganz allein in den Osten reist?

Na, ich bin ja jetzt nicht ganz allein.

Na ja, es hätte auch ins Auge gehen können.

Ist ja zum Glück alles gut gegangen.

Ich war ja auch mal jung und verliebt.

Mutti. Überlass das Predigen besser mir.

Hm?

* sanfte Klaviermusik *

* Anna lacht ausgelassen. *

* Streicher setzen ein. *

* Sie lacht. *

* laute Rockmusik *

Na?

Alles gut? Ja.

Brauchst du irgendwas?

Nö.

* Synthmusik *

Ja!

(flüstert) Alles klar?

Hey, was ist denn los?

Du bist schon den ganzen Abend so. Wie bin ich denn?

Keine Ahnung. Komisch halt.

War 'ne spitzenmäßige Party, Philipp.

Wenn ich abgehauen wäre, hättest du's gemerkt?

Was denkst du? Aber was soll ich sagen, wenn Freunde mich ansprechen?

"Ich darf nicht sprechen, meine Freundin aus dem Westen ist da"?

Du bist so blöd. Was hast du erwartet?

Dass du mich miteinbeziehst, wenigstens das.

Weißt du, wie ich mich fühle? Wir haben nur die paar Stunden.

Ja, ich weiß.

* Knallkörper im Hintergrund *

Aber wir müssen doch auch irgendwie normal weiterleben.

Okay.

Leb du normal weiter. Schönen Abend.

* Knallkörper im Hintergrund *

Hey. Hey.

Magst du auch ein Glas? Ja, bitte.

Hast du geheult? Nee, Quatsch.

Kannst du mir ruhig sagen.

Philipp und ich haben uns gestritten.

Warum?

Hat mich auf der Party links liegen lassen, aber ... Egal.

Auf ein wunderschönes 1987.

Auf ein wunderschönes 1987.

Bei mir lief es auch nicht so prickelnd.

Warum?

Ja, ich dachte, wir schlafen heut zusammen,

aber der wollte mich nicht mal küssen.

Der war nur so

distanziert.

Entweder der ist nicht schwul oder der hat's auf meine Pakete abgesehen.

Dann hat er dich auch echt nicht verdient.

Noch einer, der saß schief.

Ich hatte so eine Angst, dass du nicht kommst.

Die sind ja toll,

die sind mir gestern noch gar nicht aufgefallen.

Wo kriegt man die? Bei mir. Die hab ich gemacht.

Die sind echt schön.

Weißt du, was ich mir wünschen würde? Aber nicht lachen.

Einen Pulli mit Micky Maus drauf. Echt?

* Gelächter * Im Ernst.

Ich steh irgendwie auf Micky Maus.

Wir haben da so 'ne Geschichte, Micky und ich.

Ina musste in der dritten Klasse zum Verhör,

weil sie gesagt hat, sie kann sich nicht vorstellen,

dass Kapitalismus so schlimm ist, wenn die Leute Micky-Pullis haben.

Die erzählen, dass bei euch Armut herrscht,

Menschen auf der Straße leben.

Die haben ein Video gezeigt, da sagt ein Mädchen aus der BRD,

ihr geht es schlecht, weil der Vater arbeitslos ist.

Aber die hatte einen Pulli mit Micky Maus an.

Dann hat die kleine Ina gesagt, sie glaubt nicht,

dass es den Leuten im Westen viel schlechter geht,

weil die haben Micky-Maus-Pullis und wir nicht.

Ich musste offiziell erklären,

dass Micky-Maus-Pullis kein erstrebenswertes Ziel sind.

* Gelächter *

* beklemmende Klänge *

(flüstert) Guckt er noch?

(flüstert) Nee, aber warum hat er so geguckt?

Wir sind hier im Grenzgebiet.

Man darf ohne Passierschein eigentlich nicht rein.

Theoretisch bist du von hier aus in drei Minuten im Westen.

Man müsste 'ne Armbrust bauen, wie im Mittelalter.

Und dann von da oben mit 'nem Pfeil

'n Drahtseil rüber auf die andere Seite schießen.

Wie 'ne Seilbahn. Dann wär man in Sekunden auf der anderen Seite.

Ganz tolle Idee. Was ist, wenn die auf dich schießen?

Oder das Seil in der Mitte durch

und du landest auf dem Mauerstreifen?

Ja, ganz ohne Risiko geht es nicht.

Es ist trotzdem 'ne abenteuerliche Idee.

Ja, aber das ist doch der Witz. Es ist so bescheuert,

dass da bestimmt keiner drauf kommt. Du bist so ein Spinner.

* beklemmende Klänge *

Komm. Echt wie bei Orwell.

* melancholische Klaviermusik *

Schenk ich dir.

Ehrlich?

Okay. Bis bald.

Lass "bald" nicht zu lange dauern, ja?

* Anna schluchzt, traurige Klaviermusik. *

Wo kommst du jetzt her?

Anna, wir haben uns Sorgen gemacht.

Ich war verrückt vor Angst.

Sag nicht, du warst in Berlin.

Warum lügst du uns an? Mama ...

* Stimmen und Geräusche von unten *

* Auslöser *

Wo kommst du denn her?

Ich war spazieren.

Was ist denn los?

Hast du ein schlechtes Buch erwischt?

Dein Vater hat so viele tolle Bücher.

Schätzt du das überhaupt genug?

(verlegen) Ja. Ja, ja.

Ich meine, überhaupt. Das alles hier.

Mein Vater hat erfahren, dass sie mich in der FDJ-Leitung

zum Agitator machen wollten und ich abgelehnt habe.

Er ist ausgerastet.

So was lehnt man ja auch eigentlich nicht ab.

Da muss man Leute verpetzen. Ja, ich weiß.

Du hast's gut.

Musstest kein Pionier sein.

Bist kein FDJler.

Und dein Vater würde dich nie in so 'nen Scheißposten drängen.

Ja.

Dafür darf ich auch nicht studieren. Und ich soll ein Funktionär werden.

Dein Vater ist Offizier. Was hast du denn gedacht?

Ich will das nicht.

Am liebsten würde ich nie wieder nach Hause.

* ruhige Musik *

* Musik klingt aus. *

Mutti, Vati? (Vater) Hm?

Ich würd Ostern gern nach Berlin.

Und wie stellst du dir das vor?

Ich würd so vier, fünf Tage fahren und schlafen kann ich bei Philipp.

Das kommt nicht infrage. - Denk mal an seine Eltern.

Die würden sich bedanken. Pastorenfamilie.

Die sind total aufgeschlossen.

Ohne Visum darfst du da gar nicht übernachten.

Ja, aber ich dachte, das könntet ihr für mich beantragen.

Das geht zu weit. Was soll denn "das" jetzt sein?

Muss ich's dir noch erklären?

Ihr habt doch keine ernsten Absichten.

Nee. Wir schreiben nur aus Langeweile

und weil ich die DDR-Briefmarken schön finde.

Das hat doch keinen Sinn. Ihr macht euch nur unglücklich.

Ich bin doch schon unglücklich.

Wie's in mir drinnen aussieht, das ist euch scheißegal, oder?

Ich liebe Philipp und ich fahre, ob ihr wollt oder nicht.

Ihr könnt mir nichts verbieten.

Pass auf, dass wir deinen Reisepass nicht wegnehmen!

Das ist echt fies, dass ihr Anna nicht nach Berlin fahren lässt!

Ja, Moment.

Von mir aus darfst du fahren. Unter zwei Bedingungen:

Du schläfst in West-Berlin in einer Jugendherberge,

das zahlen wir dir. - Und du nimmst die Pille.

Danke schön.

* verträumte Musik *

(lacht) Ts.

* Musik klingt aus, beide lachen. *

Was?

Ich weiß nicht, aber ...

Wie wär's denn, wenn ich in die DDR kommen würde?

Also nach dem Abi, aber ...

Wie fändest du das?

Quatschig.

Warum?

Na ja, weil du hier wahrscheinlich nie wieder raus darfst.

Also nie, nie wieder.

Außerdem müsstest du dann vielleicht für die Stasi arbeiten.

Können mich ja nicht zwingen.

Was glaubst du, was die alles können?

(flüstert) Warte, ich zeig dir was. Okay.

Guck mal.

Versprich mir, dass du das niemandem erzählst.

Man darf die Mauer aber nicht fotografieren, oder?

Nee.

Guck mal, die da oben

interessieren sich nicht dafür, was unten passiert.

Wenn man genau in dem Moment hier unten vorbeiläuft,

kriegen die das überhaupt nicht mit.

Philipp.

Ich hätt echt 'ne Scheißangst um dich.

Ja. * Papierknäulen *

In ein paar Stunden bist du wieder weg.

Wenn ich wenigstens aus Stein wär, wie diese Scheißmauer.

(zittrig) Bin ich aber nicht.

* Er schluchzt leise. *

(weint) Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll, verstehst du?

Soll ich hierbleiben oder soll ich fliehen?

Ich will dich nicht verlieren.

Ich dich auch nicht.

Wir lassen uns nicht unterkriegen, oder?

Ganz bestimmt nicht.

* melancholische Musik *

* Türklingel *

* energisches Klingeln * Es ist schon nach Mitternacht.

* Klopfen * Steh auf, es ist nach Mitternacht.

Ja?

Kriminalpolizei.

Befindet sich eine Frau Anna Wagner bei Ihnen?

Ja, das bin ich.

Ziehen Sie sich mal was an

und begleiten uns zur Dienststelle zwecks Klärung eines Sachverhalts.

Alle beide. Ja. Einen Moment.

* lautes Motorendröhnen *

* Schreibmaschine *

(Polizist) So.

Fräulein Wagner.

Sie können sich denken, warum Sie hier sitzen?

Ich glaub, schon.

(ungeduldig) Ja oder nein? Ja.

* Schreibmaschine * Also, ich höre.

Wir haben irgendwie die Zeit verschlafen.

Wir wollten überhaupt nicht einschlafen,

deswegen haben wir den Wecker nicht gestellt.

Sie stehen in einer intimen Beziehung zu Herrn Philipp Rieger?

Warum muss ich das jetzt hier sagen?

Warum ... Weil ich Sie das frage.

Ja, Herr Rieger und ich sind zusammen.

Halt auch eher unverbindlich.

Fräulein Wagner,

als Bürgerin der BRD mit einem Tagesvisum sind Sie verpflichtet,

die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik

bis spätestens 24 Uhr zu verlassen!

Ist Ihnen das nicht klar? Ja, doch.

Also?

Ich hab doch gesagt, dass wir eingeschlafen sind.

Es war ganz bestimmt nicht unser Plan.

Ach so. Na, dann geht's ja.

Kann ich bitte meine Eltern anrufen?

So weit kommt's noch, dass wir hier in den Westen telefonieren.

* Lichtschalter knallt. *

Gehen Sie hoch.

* melancholische Musik *

Stehen bleiben.

Gehen Sie rein.

* Lichtschalter knallt. *

* Sie weint leise. *

* Lichtschalter knallt, elektrisches Surren. *

* Lichtschalter knallt. *

* Lichtschalter knallt, elektrisches Surren. *

* Lichtschalter knallt. *

* Lichtschalter knallt, elektrisches Surren. *

* Lichtschalter knallt. *

* Türschloss *

(Frau) Aufstehen!

Danke, Mama.

Ist es so schwer, sich 'nen Wecker zu stellen?

Dein Vater muss das ausbaden.

* melancholische Musik *

(Eltern) "Happy birthday to you

Happy birthday to you

Happy birthday, liebe Anna

Happy birthday to you."

Danke schön.

Alles Gute zum Geburtstag.

Danke.

* Johanna lacht. * (Thomas) Bravo.

(Thomas) Wir haben noch was für dich.

Wir haben ein einwöchiges Visum für dich beantragt, nach dem Abi.

Ja! Danke schön. * Johanna lacht. *

* bedrohliche Musik, leises Atmen *

* Auslöser *

* Auslöser *

* Auslöser *

* Türklingel *

(Mann) Guten Tag, ein Einschreiben.

Einmal quittieren.

Danke. - Wiedersehen.

Anna?

Anna?

* schnelle Schritte *

Das Visum? Oh!

"... ist Ihnen eine Einreise in das Staatsgebiet

der Deutschen Demokratischen Republik

auf unbegrenzte Zeit

nicht gestattet." * verstörende Klänge *

* Klänge spielen weiter. *

* Schulglocke *

Hey.

Tada. Ist für dich.

Wenn du mich brauchst, bin ich für dich da. Das weißt du.

Warum denn, Philipp?

Warum sind wir dann noch hier?

Ich hab da so 'ne Idee.

(flüstert) Hey.

* bedrohliche Musik *

(flüstert) Siehst du's?

Die rauchen immer erst mal eine und reden dann kurz.

Und die Wachablösung ist immer um 17.25 Uhr.

Also man hätte so drei Minuten.

* bedrohliche Musik *

* Sie kichert. * Was?

(flüstert) Nichts.

Ich musste nur gerade an den Witz denken.

Geht ein DDR-Bürger mit einer Leiter an der Mauer vorbei.

* Beide kichern. *

* bedrohliche Musik *

Gib mir mal den Schraubenschlüssel, bitte.

* Tür fällt zu, Schritte. *

* spannungsvolle Musik *

Danke.

(flüstert) Sie ist groß genug.

Aber wir müssen damit 100 Meter durch den Streifen robben.

(flüstert) Wir sehen aus wie Schweine, wenn wir drüben ankommen.

Ich hol dir als Erstes 'nen Micky-Maus-Pulli.

Du weißt, dass ich es nicht wegen deren schönen Klamotten mach.

Ich will die Bücher lesen, die dein Vater versteckt.

(laut) Ich will mit anderen darüber reden können, ohne Angst.

Und ich will nicht werden wie meine Eltern.

Bei jedem Anlass Fahne schwenken. Psst!

Aber wenn du einen hättest, würdest du ihn schon anziehen, oder?

Na, logo.

Jeden Tag.

* undeutliches Stimmgewirr *

Vielleicht solltest du mal wieder verreisen,

bisschen auf andere Gedanken kommen.

Und wohin?

Nach Prag! Mit der urst schönen Altstadt.

Ausgerechnet Philipps Lieblingsstadt.

Nein, verstehst du nicht?

Das Einreiseverbot für die DDR gilt nicht für die Tschechoslowakei.

Meinst du, die lassen mich rein? Das musst du versuchen!

Anna, du hast wirklich keine Lust auf Pizza?

Nee, muss noch fürs Abi lernen.

Dann bis später. * Sie verlässt das Haus. *

* hektisches Wählen *

* Freizeichen *

"Rieger?" Philipp?

"Anna."

Du hältst mich vielleicht für total verrückt,

aber wollen wir uns treffen?

In der urst schönen Altstadt? * Philipp lacht. *

Wir haben uns alles Mögliche ausgemalt.

Eine Armbrust und Pfeile.

* Sie kichern. *

Aber das ist alles völlig bescheuert.

Man hat nur 'ne Chance, wenn man's ganz simpel macht.

Bis zum letzten Moment

ist man einfach nur ein Typ mit 'ner Leiter.

Bis du sie an die Mauer stellst und rüberkletterst.

Ich überrasch sie auf ihrer Prag-Reise.

Ich steig in Österreich zu ihr ins Abteil.

Ich steig in Wien aus, guck mir das Kunsthistorische Museum an.

* Er schmunzelt, sie lacht. *

Schatz, was wird das? Ich fahr nach Prag.

Wie bitte?

Ich fahr nach Prag. Und wann?

Morgen. Anna, du hast morgen Schule.

Ich hab 'ne Entschuldigung geschrieben.

Das ist jetzt nicht dein Ernst, so kurz vor dem Abi.

Doch, Mama. Und ich bin volljährig, schon vergessen?

Du triffst Philipp, oder?

Und wenn?

Und was, wenn die dich dabehalten?

Stell dir vor, morgen gucken wir von der anderen Seite.

Das kannst du gern machen.

Aber ich sitz in 'nem Zug nach Österreich.

Gib mal.

Warte mal, was ist das denn jetzt?

Haben die die beiden Raucher aussortiert?

Oder haben die 'ne neue Schicht oder so? Scheiße.

Scheiße. Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße, scheiße, scheiße.

Der Plan ist geplatzt, kapierst du's nicht?

Ich kann nicht noch ein halbes Jahr warten, Philipp.

Ich kann nicht mehr. Was willst du denn machen?

Das sind ganz andere Typen.

Die schießen, wenn du nur auf die Mauer guckst.

Ich fahr einfach nach Prag, als wär nichts gewesen.

Und du?

Willst du ein paar Tage auf die Datsche fahren?

* Dampflok knattert. *

* Kirchenglocke *

* jazzige Klaviermusik *

* Kellner fragt auf Tschechisch. *

Ähm, Chai?

(Mann) Passkontrolle der Deutschen Demokratischen Republik.

Passkontrolle der Deutschen Demokratischen Republik.

Ihr Reiseziel? Ich fahr wandern. Hohe Tatra.

Sie kommen bitte mal mit, wir haben ein paar Fragen.

Kann ich die hier beantworten?

Es geht um die Feststellung eines Sachverhaltes, Sie kommen bitte mit.

* jazzige Musik *

* Musik endet abrupt. *

* Kellner redet Tschechisch. *

Äh, m-m. Aber Telefon?

* Freizeichen *

* Freizeichen *

(Philipps Mutter) "Rieger?" Hallo?

Frau Rieger?

Hallo, hier ist Anna. * Sie legt auf. *

Frau Rieger?

Hallo?

* Schwere Metalltür wird geöffnet. *

Stehen bleiben! Gehen Sie. * lautes Warnsignal *

* lautes Warnsignal * Stehen bleiben, Gesicht zur Wand.

(anderer Wärter) Kommen Sie.

Kommen Sie!

Stehen bleiben. Gesicht zur Wand. * Tür fällt zu, wird abgeschlossen. *

* lautes Warnsignal *

Stehen bleiben.

* Klopfen * Herein.

Kommen Sie.

Hinsetzen. Aufrecht.

Die Hände unter die Oberschenkel, Handflächen nach unten.

Danke.

* Tür schließt sich. *

Gut geschlafen?

* Uhr tickt. *

So. Wollen Sie mir jetzt immer noch weismachen, dass Sie nichts wissen?

Kennen Sie den Witz?

Geht ein DDR-Bürger mit einer Leiter an der Mauer vorbei.

Den hab ich nie verstanden.

Dass er vorbeigeht, das ist der Witz.

Das soll der Witz sein? Ja.

Finde ich nicht komisch. Sie?

Gleich nicht mehr.

Ja, kommen Sie ruhig näher.

* traurige Musik *

(Ina) Ich kann nicht warten, Philipp. Ich kann nicht mehr.

Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie nichts davon wissen.

* Philipp schluchzt leise. *

Du hast Post. Danke.

Kannst du rausgehen?

Okay.

"Liebe Anna, bitte schreib mir nicht mehr.

Unsere Beziehung hat keine Zukunft.

Es ist besser so.

Philipp."

* sanfte Streichermusik *

* verhaltenes Klopfen *

Anna?

Darf ich reinkommen?

* sanfte Streichermusik *

* leises Klopfen *

Hunger?

* sanfte Streichermusik *

* sanfte Streichermusik *

* stumme Szene *

* ausgelassenes Stimmgewirr, Rockmusik *

Leute!

Leute! Leute, kommt mal.

Wir haben's geschafft! * Sie jubeln. *

Wir haben uns 13 Jahre mit den Paukern durchgeschlagen,

aber wir sind fertig. Jetzt geht's in die Welt.

Und ich sag euch, wir werden die verändern.

Auf den Jahrgang 1987! - (alle) Auf den Jahrgang 1987!

* Sie jubeln. *

* Rockmusik *

Hey. Hey.

Guck mal. Glückwunsch.

Lach mal wieder bisschen mehr. Das steht dir viel besser.

Hm?

Glückwunsch! Hey! Na, du?

Darf ich dir jemanden vorstellen? Das ist Paul. Das ist mein Freund.

Hi. Anna. Hi.

Glückwunsch. Danke schön.

Prost, aufs Abi. Hast du auch gemacht?

Toller Typ.

Anna, bitte. Darf ich dir mal was sagen, so unter Erwachsenen?

Stürz dich ins Leben und lass richtig krachen.

Das ist nicht so einfach. Natürlich.

Das kannst du beschließen, einfach so. Jetzt. Jetzt.

Anna, in zehn Jahren bist du alt und schrumpelig.

Dann tut's dir um jede Minute leid, die du verschwendet hast.

Weißt du, was dir gleich leidtut? Was denn?

Dass du mich alt und schrumpelig nennst.

* Sie lachen. * (wiederholt) Alt und schrumpelig.

* Horrorklänge, Schreie*

Der Abend ist zu schön, um schon nach Hause zu gehen, oder?

Ja.

Kommst du noch mit zu mir? Meine Eltern sind nicht da.

Ja. Ja?

Schön.

Wir müssen auch noch einkaufen.

Material für die Kücheneinheit, Matratzen und lauter so Zeug.

Wenn da mal die Kohle reicht.

Hast du's deinen Eltern schon gesagt?

Vielleicht können die uns noch was leihen.

(schnaubt) Genau. Die werden mir was husten.

Ein Semester weg und dann noch nach Marokko.

Ja, aber Anna, irgendwann musst du's ihnen sagen. Hm?

Ich weiß.

* Telefon klingelt gedämpft. *

Ich geh schon.

Wagner? (Thomas) "Hallo, ich bin's."

"Hast du's schon mitgekriegt?" Was denn?

"Mach den Fernseher an." Papa, sag jetzt.

"Bitte, schnell." Was denn, Papa?

* Er legt auf. *

(Sprecher) "... Übergang Bornholmer Straße

haben sich die Grenzposten zurückgezogen."

"Dutzende West-Berliner kletterten auf die Mauer

und feierten, ohne dass die Polizei einschritt."

* Menge jubelt. * (Reporterin) "Wohin gehen Sie?"

"Erst über den Zaun, einfach gucken und glücklich sein."

(Reporterin) "Wohin?" - (Mann) "Wissen wir nicht."

"Einfach gucken und glücklich sein."

"Das ist endlich unsere Stunde! Die Stunde der Freiheit!"

* Pfeifen, Applaus und Jubel *

(Mann) "Bloß mal gucken, nur einmal rübergehen."

* sanfte Musik *

(Sprecher) "Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt."

"Bereits eine Stunde nach der Ankündigung

versammelten sich West-Berliner an den Übergängen."

"Der Bürgermeister sprach von einem 'historischen Tag für Berlin'."

"Auf Ost-Berliner Seite nahm am späten Abend

von Stunde zu Stunde die Zahl derer zu,

die von der Reisemöglichkeit Gebrauch machen wollten."

"Die Öffnung der Grenzen ab sofort

veranlasste den West-Berliner Senat ..."

* Musik übertönt Bericht. *

* schrilles Klingeln *

Hallo.

Hallo.

* Geschirr klappert. *

Nimmst du noch mit Milch und Zucker? Mhm.

Wie früher.

Schön habt ihr's hier, echt. Na ja, ist halt 'ne WG.

Lorenz und ich haben erst mal nichts Besseres gefunden.

Wir studieren ja beide auch noch. Der Lorenz von damals?

Ja.

Und was studiert ihr so? Ich Geschichte und Englisch

und Lorenz Deutsch und auch Englisch.

Und du?

Ich erst mal nichts.

Nach Inas Tod ...

Es hat mich irgendwie ganz schön umgehauen.

Und im Gefängnis

konnt ich dann auch nicht so richtig darüber nachdenken.

Es ist, als hätte man keine Emotionen da drin.

Wie das klingt, "im Gefängnis".

(leise) Ich hab das nicht geahnt.

Ich hab nicht geahnt, dass du im Gefängnis ...

Ja, ich bin ja wieder draußen.

Wenn du geschrieben hättest,

hätt ich vielleicht ... Ja, durft ich nicht.

Es ist schrecklich, aber ich hab immer gedacht,

Ina würde uns ausspionieren.

* Er stellt die Tasse ab. *

Hättest du das jemals für möglich gehalten?

Also, dass ich einfach mal so vor der Tür stehen könnte?

Nee. * Er lacht unsicher. *

Eigentlich nicht.

Verrückt ...

Äh, wir fahren ... wir fahren nach Marokko.

Jetzt in ein paar Tagen,

für ein paar Monate. Mit dem alten Camper.

Schön. Ja.

Marokko.

Das war auch immer mein Traum.

Hier.

Falls du mal in der Nähe bist, dann komm doch vorbei.

Würd mich freuen.

Wohnst du gar nicht mehr in Berlin? Nee, ich musste da weg.

War schön, dich mal wieder zu sehen.

Fand ich auch.

(flüstert) Tschüss.

* melancholische Musik *

* Schritte entfernen sich. *

* Sie schnieft. *

* Musik klingt aus. *

Gib her.

(flüstert) Ja, danke.

Alles gut? Hm?

Ja.

Anna, was ist los?

Hm?

Irgendwas beschäftigt dich doch, oder nicht?

Hast du Bammel vor der Reise?

Philipp war heute da.

(flüstert) Okay.

Anna?

Bitte sei einfach ehrlich und sag, wenn du ihn wiedersehen willst.

* Vogelgezwitscher, Motorengeräusch *

* sanfte Musik *

* Musik schwillt an. *

Untertitel im Auftrag des ZDF, 2020

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