All language subtitles for Unter Deutschen - Zwangsarbeit im NS-Staat (3-3) - Vergessenes Trauma - Die ganze Doku

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Original subtitles

***

Sie sind jung.

In der besten Zeit ihres Lebens.

Sie verbringen diese Zeit als Zwangsarbeiter unter Deutschen.

Mehr als 13 Mio. Menschen aus halb Europa

holt man zwischen 1938 und 1945 unfreiwillig ins Deutsche Reich.

Ausgebeutet.

Jahrzehntelang vergessen.

Zwangsarbeit im Dritten Reich.

Für die einen ein abgeschlossenes Kapitel.

Für andere das wahrscheinlich größte

der vergessenen deutschen Kriegsverbrechen.

Lange haben die Deutschen das,

was sie den Zwangsarbeitern und ihren Familien angetan haben, ignoriert.

Bis heute wird die Zwangsarbeit gerne verklärt.

Sätze wie "Unsere Olga hatte es doch gut bei uns."

hört man oft unter Deutschen.

Hatte sie?

"Stalingrad wurde zu einem riesigen Grab

für Hunderttausende von Hitlers Soldaten und Offizieren.

Sie werden nun in dem Land verrotten,

das sie versklaven wollten."

Februar 1943.

Die Niederlage von Stalingrad ist ein Wendepunkt.

Von nun an hat das Erobern ein Ende.

Jetzt rückt die Sowjetarmee vor.

Propaganda-Minister Goebbels ruft in seiner Rede im Sportpalast Berlin

zur totalen Mobilisierung auf.

Er meint nicht nur den totalen Krieg, sondern auch die totale Arbeitsfront.

"Es geht nicht mehr an,

das reiche Kriegspotential nicht nur unseres eigenen Landes,

sondern der uns zur Verfügung stehenden bedeutenden Teile Europas

nur flüchtig und an der Oberfläche auszuschöpfen.

Es muss ganz zur Ausschöpfung gelangen.

Europas Zukunft hängt von unserem Kampf im Osten ab."

Im Osten in der Ukraine ist auch Graf Cajetan von Spreti.

Im Auftrag des Reichsarbeitsministeriums,

um Zwangsarbeiter zu rekrutieren.

Anfangs hofft er,

mit Werbematerial Freiwillige für die Arbeit in Deutschland zu finden.

Im Frühjahr und Sommer 1943

berichtet er von einer sich zuspitzenden Krise.

"Die Dorfältesten trauen sich unter dem Druck der Banden nicht mehr,

Leute auf die Listen für Deutschland zu setzen.

Sie befürchten, umgebracht zu werden.

So wie die Lage hier ist, glaube ich nicht,

dass unsere Tätigkeit hier noch allzu lange dauern wird.

Da allgemein mit der Räumung des Gebietes gerechnet wird."

Die Arbeitskräfte-Anwerbung

ist mittlerweile ein gnadenloses Unternehmen.

Ganze Dörfer werden deportiert

oder, weigern sich die Einwohner, niedergebrannt.

Cajetan von Spreti ist daran beteiligt.

Das war schon eine Zwangsverschleppung,

die er da veranstaltet hat.

Seinen Briefen nach ist auch zu entnehmen,

dass er da durchaus auch härtere Methoden angewandt hat.

Von der Zahl her habe ich die Zahl gelesen:

Er hat 44.000, meist junge Menschen, aus ihrer Heimat,

aus ihrem bisherigen Leben, aus den Familien zwangsweise herausgerissen.

Damit er sein Soll oder sonst was erfüllt.

"Welche Mittel überhaupt angewandt werden müssen,

um dem Reich die Massen an Arbeitskräften zu stellen,

die es benötigt, ist schwer zu sagen.

Zu alledem wirken die vom SS-Sicherheitsdienst

durchgeführten drakonischen Strafmaßnahmen sehr beunruhigend

auf die Bevölkerung und damit auf die gesamte Werbeaktion.

Da bei den Vergeltungsmaßnahmen sehr viel wertvolle Arbeitskräfte

vernichtet werden."

Statt mehr Zwangsarbeiter aus der Ukraine nach Deutschland zu schicken,

müssen Spreti und seine Reichswerbekommission

vor der sich nähernden Roten Armee fliehen.

"Auf Weisung habe ich die Werbung im Oblast Tschernigow

zum 23.4.1943 eingestellt.

Sitze nutzlos herum."

Jewgenija Iwantschenko

arbeitet für die Deutschen in Mariupol beim Arbeitsamt.

Ihre Familie

war seit der Oktoberrevolution Repressalien ausgesetzt.

Für sie sind die Deutschen die Rettung vor den Sowjets.

Meine Mutter hatte Glück, dass sie überhaupt noch lebte,

denn sie stammte aus einer adligen und steinreichen Familie.

Darauf stand die Todesstrafe.

Dann arbeitet sie noch im Arbeitsamt der Deutschen.

1943 fliehen viele Ukrainer mit dem Rückzug der deutschen Truppen.

Nataschas Eltern aus Mariupol

zunächst nach Odessa am Schwarzen Meer.

Sie flohen vor der Roten Armee.

Als klar war, dass die Rote Armee auch Odessa wieder einnehmen wird,

sind meine Eltern auf ein Schiff nach Rumänien gegangen.

Das war sehr gefährlich.

Das war ein Kriegsschiff und die wurden natürlich bombardiert.

Die Rote Armee hat gnadenlos bombardiert.

Es sind auch sehr viele Menschen auf den Schiffen ertrunken.

In Rumänien verlieren sich ihre Spuren.

Was Natascha Wodin herausfinden konnte,

ist, dass sie schließlich in Leipzig als Zwangsarbeiter landen.

Sie waren beim Flick-Konzern in Leipzig.

Das war ein Außenlager des KZ Buchenwald.

Die mussten Bomben gegen ihr eigenes Heimatland herstellen.

Meine Eltern waren in der Flugzeug-Fabrikation.

Ich glaube, da durfte man auch gar nicht nachdenken.

Viele der 13 Mio. Frauen und Männer arbeiten in der Rüstungsindustrie.

Ihre Arbeit ist für die Deutschen kriegsentscheidend.

Die großen Verluste an den Fronten, Menschen und Maschinen,

müssen ersetzt werden.

Gleichzeitig überziehen die Alliierten

Deutschland bereits mit großflächigen Bombardements.

Ganze Städte gehen in Flammen auf, so auch Leipzig.

Und Leipzig war zu der Zeit, als meine Eltern dahin kamen,

schon ständigen Bombenangriffen der Alliierten ausgesetzt.

Das haben die, glaube ich, als allergrößte Gefahr empfunden.

Der Franzose Francois Cavanna, Zwangsarbeiter in Berlin,

hatte sich selbst eine schwere Handverletzung zugefügt.

Um nicht weiter Granaten für den Feind herstellen zu müssen.

Er überlebt, nicht zuletzt dank seiner Liebe zur Ukrainerin Maria.

"Es war 12 Uhr mittags und da kamen die Amerikaner.

Der Himmel war voll.

Sie flogen langsam über den Horizont.

Ein deutliches Geräusch von Motoren, 3.000 solcher Motoren.

Und plötzlich haben die Flieger alle Bomben gleichzeitig abgeworfen.

Es war der 1. Bombenteppich, den ich gesehen habe.

Und ich stand drunter."

Mein Vater war auf der einen Seite taub, völlig taub.

Ich habe nie genau gewusst warum.

Wissen Sie, die Druckwelle einer Bombe fegt alles weg.

Es bläst einem den Kopf weg.

Es bläst alles weg, was sich im Raum befindet.

Die Bomber über der Stadt sind Bedrohung und zugleich Hoffnung

auf ein Ende des Krieges, auf Freiheit.

Die ersten, die man in die Trümmer der zerstörten Städte schickte,

um ihre Feinde zu retten oder deren Leichen zu bergen,

sind Zwangsarbeiter.

"Wir mussten lange suchen, um Leute aus den Ruinen zu ziehen.

Ich habe Sachen gesehen."

Und an einem Abend kehrten wir von den Ruinen zurück.

Wir saßen in einer Straßenbahn. Vor mir saß eine Frau, weinend.

Sie hat ihre Tasche durchsucht und mir dann 2 Brotmarken gegeben.

Wenn sie erwischt worden wäre. Ich musste auch weinen.

Dann habe ich gedacht:

So blöd sind die Deutschen doch alle nicht, nicht alle."

Im Oktober 1944

fliegen amerikanische Bomber Angriffe auf Köln.

Ein strategisch wichtiges Ziel sind die Ford-Werke.

Ihre Lage ist den anfliegenden Bombern exakt bekannt.

Dennoch verfehlen sie die riesigen Produktionsanlagen.

Sie treffen nur die Zwangsarbeiter-Baracken.

Warum?

Nur aus Angst vor einer Enteignung

hatte Ford dem deutschen Wirtschaftsministerium 1941 erklärt,

Ford Köln sei eigentlich ein deutsches Unternehmen.

Sahen die anfliegenden Bomber kurz vor Kriegsende im Kölner Werk

nun wieder amerikanisches Eigentum?

Fest steht, an die eigenen Verstrickungen in NS-Verbrechen

wie die Zwangsarbeit will sich Ford nach dem Krieg nicht mehr erinnern.

Als die USA im Dezember 1941 in den Krieg eintraten,

setzte Ford bereits französische Zwangsarbeiter in Köln ein.

Etwa 800 französische Zwangsarbeiter sind dokumentiert.

Dass Ford nun behauptet, das sei nur passiert,

weil die Deutschen die Werke übernommen hätten

und sie nichts dagegen tun konnten, ist einfach lächerlich.

Stattdessen erhält Ford von der US-Regierung nach dem Krieg

eine Wiedergutmachung.

Für die von den eigenen Bombern erlittenen Kriegsschäden.

Auch General Motors, der Opel-Eigentümer,

erhält 33 Mio. Dollar für die Schäden in Brandenburg und Rüsselsheim.

Die Zwangsarbeiter beider Konzerne hingegen gehen vorerst leer aus.

In den 90er-Jahren treten die US-Amerikaner wieder auf den Plan.

Mit Sammelklagen gegen die Industrie des wiedervereinten Deutschlands.

Auch nach 55 Jahren mussten die Unternehmen,

die von Zwangsarbeit profitierten, nichts dafür bezahlen.

Sie zahlen sogar Renten an die ehemaligen Kriegsverbrecher.

Aber sie zahlten keinen Cent an die Menschen,

auf deren Rücken dieses Vermögen aufgebaut wurde.

Tatsächlich wird nach diesen Sammelklagen

die Zwangsarbeit als entschädigungspflichtig bezeichnet.

Die deutsche Wirtschaft muss nun reagieren.

Sie tritt erst mal auf die Bremse.

Bedenken Sie bitte, es geht hier nicht um rechtliche Ansprüche.

Es geht hier um eine freiwillige Leistung.

Schließlich, unter Zugzwang, über 50 Jahre nach Kriegsende,

beginnt die Bundesregierung zu handeln.

Anfangs kommt die zugesagte Summe von 10 Mrd. D-Mark nicht zusammen.

Ein erneuter Aufruf geht an alle Firmen,

sogar an die, die erst nach 1945 gegründet wurden.

Wenn alle gemeinsam schuld sind, ist keiner schuld.

Kollektiv-Unschuld, sozusagen.

1999 kommt es zu einer Einigung.

Den halben Betrag zahlt der deutsche Steuerzahler.

Zehn Mrd. D-Mark sind ein abschließender Betrag.

Durch ihn werden alle in der Stiftung geregelten Fragen erfasst.

Der Vorgang gilt als abgeschlossen:

Die neu gegründete Stiftung

"Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" verteilt die 10 Mrd. D-Mark

an die noch lebenden Zwangsarbeiter.

Ein Schuldbekenntnis kommt keinem über die Lippen.

Aber man ist vor zukünftigen Klagen geschützt.

Sie haben mit großer Würde das Richtige getan.

Dieses Abkommen ist wegweisend

für die deutsch-amerikanischen Beziehungen im neuen Jahrtausend.

Viele Opfer gehen ganz leer aus.

Z.B. die fast 600.000 Italiener,

die nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten

1943 von deutschen Verbündeten zu deutschen Gefangenen werden.

Als "italienische Militärinternierte"

werden sie dennoch zur Zwangsarbeit eingesetzt.

50.000 von ihnen sterben.

Die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft"

stuft sie wieder als Kriegsgefangene ein.

Die werden nicht entschädigt.

Die letzten Überlebenden

fechten diese Entscheidung bis heute juristisch an.

Ergebnis offen.

Ellis und seine Frau Josy Hertzberger aus Rotterdam sind,

nach einer Odyssee durch verschiedene Lager, seit 1944 in Auschwitz.

Bisher haben ihm sein Beruf und die Zwangsarbeit als Arzt

das Leben gerettet.

"Ich wog damals noch 48 Kilo.

Das ist sogar für meinen nicht allzu großen Körper schon sehr wenig.

Dann bin ich also ins Laboratorium gekommen."

So paradox das klingt, Auschwitz ist für ihn die Rettung.

Er muss keine schwere körperliche Arbeit mehr verrichten,

sondern wird in einem dem KZ angegliederten Labor

als Bakteriologe eingesetzt.

"Es ist ein Name,

sowas Kompliziertes können sich nur unsere östlichen Nachbarn ausdenken:

Hygiene Institut und Bakteriologische Untersuchungsstelle

der Waffen-SS und Polizei Abteilung Süd-Ost.

Ich wurde beauftragt, humanes Serum zur Blutgruppenbestimmung

auf Stärke zu titrieren.

Und da kommt einer der Kommandanten herein.

Das war Münch."

Hans Münch war Lagerarzt

in den KZs und Vernichtungslagern Auschwitz und Dachau.

Er wurde im Krakauer Auschwitzprozess 1947

als einziger von 40 Beschuldigten freigesprochen.

Durch die Presse geht er als "der gute Mensch von Auschwitz".

Münch schilderte das Verhältnis zu den 120 Häftlingen seines Kommandos

als eine Lageridylle.

In der brannte er mit den Häftlingsfrauen

schwarz "wunderbaren Orangenschnaps".

Da seien sie "fast so was wie eine Familie" gewesen.

"Der Mann war in der SS. Wir waren Häftlinge.

Niemals waren wir eine Familie.

Sie haben uns wie Haustiere behandelt."

Um Ellis Hertzberger herum

findet die industrielle Vernichtung der Lagerinsassen statt.

Vernichtung durch Arbeit heißt, Arbeiten bis zum Umfallen.

Zum Beispiel bei der IG Farben in Auschwitz.

Auch das eine Facette der Zwangsarbeit.

Unter Deutschen.

Ellis spürt auch im Labor, dass sein Leben nichts wert ist.

Der Obersturmführer kommt rein, alle stehen auf, setzen sich,

arbeiten weiter und er fragt:

"Was machst du da?"

Ich titriere die Blutgruppen.

Dann sagt er zu seinem Kollegen:

"Ja, wir haben zu wenig Blutgruppe B.

Denn die verdammten Kerle haben die Zigeuner alle vergast."

"Das sagte er so einfach.

Das konnte er so einfach sagen,

denn ich würde das ja sowieso nicht überleben."

Auch Ellis ehemalige Krankenschwester aus Westerbork, Jenny Gold,

ist mittlerweile in Auschwitz angekommen.

Ganz nah bei Dr. Hertzberger, ohne es zu wissen.

"Wir hörten, wie Türen entriegelt wurden.

Sofort gab es Rufe und Befehle.

Auf der Rampe standen SS-Männer mit Schäferhunden.

Sie würden uns aus den Waggons prügeln:

'Schnell, raus, raus.'

Nicht alle konnten schnell raus, sie waren auf dem Weg gestorben.

Wir hatten Angst, wirklich Angst."

Sie hatten beide eine Tätowierung aus Auschwitz auf dem Arm.

Wenn man im Sommer mit kurzen Ärmeln herumläuft, dann sieht das jeder:

Ja, das ist ein Überlebender, der hat Auschwitz von innen gesehen.

Also hat das Tattoo das Leben für immer verändert.

In der Zwischenzeit hatte am 6. Juni 1944

die Invasion in der Normandie begonnen.

Die Deutschen bekamen einen großen Arbeitskräftemangel.

Bis ihnen einfiel, dass sie in Birkenau und Auschwitz

ein ganzes Heer von Menschen hatten, die vielleicht arbeiten konnten.

Das letzte Aufgebot in der Rüstungsschlacht:

Zwangsarbeiter aus den KZs.

Nach der Befreiung der Lager im Frühjahr 1945 wird es sichtbar:

wie hier in Mittelbau-Dora.

Wo Häftlinge in unterirdischen Stollen

an den Geheimwaffen der Nazis arbeiteten, der V1 und der V2.

Was ist das?

Zwangsarbeit? Folter?

Massenmord?

Wie brutal die Nazis in den letzten Kriegswochen sind,

zeigt sich in Leipzig.

Die amerikanischen Truppen dokumentieren es am 17. April.

Das "Massaker von Abtnaundorf".

Bei der Räumung des Lagers werden 304 kranke KZ-Häftlinge zurückgelassen.

Unter ihnen viele Zwangsarbeiter.

Sie werden in eine Baracke gesperrt.

Die Baracke wird mit Benzin übergossen und in Brand geschossen.

Der Personalchef des Flugzeugherstellers Erla,

der das Lager betreibt, sowie 2 am Massaker beteiligte SS-Männer

werden durch die US-Armee verhaftet.

SA-Führer Walter Wendt wird im Buchenwald-Hauptprozess zu 15 Jahren

Haft verurteilt.

Die Haftstrafe wird später auf 5 Jahre reduziert.

Über weitere Verurteilungen

im Zusammenhang mit dem Massaker von Abtnaundorf ist nichts bekannt.

Der Tscheche Jan Šefl ist seit 1943 als Zwangsarbeiter in Norwegen.

Dafür, dass er den sowjetischen Kriegsgefangenen Brot gab,

sollte er vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

Nur weil ein Freund ihn in Schutz nimmt,

entgeht er dem sicheren Todesurteil.

"An einem Abend kam ein Kollege aus seinem Büro und sagte,

dass ich ein Telegramm erhalten habe:

'Vater sehr krank, sofort nach Hause.'"

21 Tage werden Jan Šefl gewährt.

Abzüglich der langen Reise würde er nur kurz bei den Eltern sein.

Dann müsste er zurück in die Arbeitshölle von Norwegen.

Er beschließt zu bleiben.

Egal ob es in Norwegen oder anderswo war.

Er wollte einfach nicht mehr am Krieg teilnehmen.

Er wollte den Krieg nicht durch seine Zwangsarbeit unterstützen.

Ansonsten hat er sich nie vor der Arbeit gedrückt.

Er half stets, wo er konnte.

Aber den Krieg unterstützen wollte er nicht.

"Meine Eltern meldeten dann der Polizei, dass ich gegangen war.

Und was nun?

Die einzige Möglichkeit war, sich zu verstecken."

Das Versteck lag in einer Scheune unterm Dach.

Da war eine doppelte Wand.

Es gab dort unter einem Haufen Heu und Stroh herausnehmbare Steine.

Eigentlich ein perfektes Versteck.

"Meine Eltern versorgten mich durch das Dach mit Essen.

Aber eine Idylle war dieses Versteck nicht.

Es war kalt in den Nächten.

Ich hatte nichts zu tun, wenig Bewegung.

Es war eine weitere grausame Zeit des Lebens.

Dazu die Angst, was der nächste Tag bringen würde.

Von der Polizei bekamen meine Eltern immer wieder die Frage,

wo ich hingegangen sei.

Sie sagten nur, dass ich zurückgegangen sei

und dass sie keine Nachricht von mir bekommen hätten."

Auf Flucht steht die Todesstrafe.

Jan Šefl geht das Risiko ein, ohne zu wissen für wie lange.

Wird jemand ihn entdecken,

ihn denunzieren, ihn den Deutschen ausliefern?

Ich glaube, dass die Einwohner von Hvozdany schon immer so waren.

Sie hielten zusammen.

Natürlich haben sie die Leute sortiert.

In diejenigen, die absolut zuverlässig sind und den Mund halten

und diejenigen, die, vorsichtig gesagt,

vielleicht eine andere Meinung darüber hatten.

Unser Großvater hat sicherlich eine Gruppe im Dorf gefunden,

die ihm geholfen hat.

Also meinem Vater natürlich, ich sage nur immer Opa.

Im kaum 100 km entfernten Prag

beginnt der Aufstand gegen die Deutschen.

Doch Jan Šefl muss noch immer in seinem Versteck

in der Scheune in Hvožďany ausharren.

Am 8. Mai ist Tschechien befreit.

Jan Šefl kann die Scheune nach 12 Monaten verlassen.

Überlebt.

Jan Šefl, der als junger Mann im Dorforchester von Hvozdany

das Saxofon spielt, verliert 4 Jahre seiner Jugend.

Nach dem Krieg heiratet er.

Er gibt zurück, was ihm das Dorf an Vertrauen schenkte.

Er wird Bürgermeister.

Er unterstützt mit Leidenschaft die jährlichen Treffen

der tschechischen Zwangsarbeiter, die in Norwegen waren, die Noraci.

Bis ins hohe Alter spielt er sein Lieblings-Instrument, das Saxofon.

Er stirbt 2014 im Alter von 92 Jahren.

Josef Bednarz, der junge Mann aus Polen.

Seit 3 Jahren ist er als Zwangsarbeiter

in Hochdorf bei Freiburg.

Er ist verliebt in Martha, die Nichte des NSDAP-Ortsgruppenführers.

Im Frühjahr 1945 erleben sie die Befreiung durch die Alliierten mit.

"Dann kamen die Soldaten und fragten uns,

ob wir irgendwie Namen von den Nazis kennen.

Wenn ich damals den Namen des Ortsgruppenleiters genannt hätte,

dann wäre er sofort kassiert worden.

Aber ich dachte, was bringt das.

Er ist dann entnazifiziert worden."

Entnazifiziert heißt: nicht schuldig.

Josef weiß das.

Er beginnt einen neuen Lebensabschnitt in jenem Land,

in dem er unfreiwillig arbeiten musste.

Martha ist schwanger. Josef beschließt zu bleiben.

"Während des Krieges war der einzige Gedanke,

so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

Aber dann war es ein anderer Gedanke,

der für mich selbstverständlich wurde.

Nämlich, dass ich zu ihr stehe.

1946 haben wir dann geheiratet."

Mein Opa, das wusste ich, war großzügiger.

Aber meine Oma nicht.

Die hat ihn lange nicht akzeptiert. So hat meine Mutter mir das erzählt.

Weil er halt Pole war.

Aber die Liebe ist oft stärker.

Josef und seine Martha bekommen 5 Kinder.

Er wird heimisch unter Deutschen.

Er hatte so schnell wie möglich

die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt.

Er wollte die deutsche Sprache lernen.

Das war sein Thema:

Ich bin jetzt in Deutschland. Ich lerne die Sprache.

Zum Schluss, wenn Sie ihn sprechen gehört hätten,

hätten Sie nicht vermutet, dass er ein Pole ist.

"Die Worte meiner Mutter haben mir Halt gegeben.

'Du kannst alles vergessen,

aber die Mutter Gottes darfst du nicht vergessen.

Dann überlebst du.'"

Der Kontakt in seine alte Heimat Polen

ist für viele Jahre unterbrochen.

Erst nach Jahrzehnten kann er Martha seiner polnischen Familie vorstellen.

Als er das 1. Mal mit meiner Mutter nach Polen fuhr,

hat er seinen jüngsten Bruder zum 1. Mal gesehen.

Den hat er nicht gekannt.

Er war fast 30 Jahre nicht mehr drüben.

Dann ging ich das 1. Mal mit 1980.

Ja, ich möchte auch wissen, wo mein Vater herkommt.

Die Begegnung war sehr herzlich, auch von allen Geschwistern.

Wir wurden überall aufgenommen.

Ich habe mich gefreut, dass ich alle kennenlernen durfte.

2016 begehen Josef und Martha ihre Diamantene Hochzeit.

Nachdem seine Schwester starb, hatte er in einem Gefäß Erde mitgebracht.

Er hat dann zu uns gesagt, wenn er mal stirbt,

möchte er bitte diese Erde ins Grab.

Muttererde aus Polen.

Francois Cavanna aus Paris

wird kurz vor Kriegsende aus Berlin nach Stettin verlegt.

Aus der Rüstungsfabrik Graetz an die vorrückende Front,

Schützengräben ausheben.

"Die Arbeit war sehr, sehr hart.

Wir arbeiteten unter direkter Bewachung der SS.

Und ich habe die deutsche Massenflucht erlebt.

Die Deutschen aus Pommern, Mecklenburg.

Sie sind einfach geflohen."

Die Rote Armee rückt vor.

Kein Schützengraben hält sie auf.

Die Freiheit, für Francois und seine große Liebe, die Ukrainerin Maria,

ist sie zum Greifen nah.

"Am Tag der Befreiung durch die Russen

war ich mit Maria so glücklich.

Wir waren endlich frei, endlich zusammen.

Ich dachte, wenn sie sie nicht nach Frankreich fahren lassen,

fahre ich mit ihr nach Russland.

Ich sagte zu ihr: Ich werde dich nicht verlassen.

Zum Schluss wurde sie von einer russischen Patrouille abgeholt,

als ich nicht da war.

Ich habe sie nicht wiedergefunden.

Für mich hat der Krieg mit einer Katastrophe geendet."

Cavanna wird Autor und Karikaturist,

Gründer und Herausgeber des Satiremagazins "Charlie Hebdo".

Seiner großen, unerwartet verlorenen Liebe Maria

hat er mit einem Roman ein literarisches Denkmal gesetzt.

Natürlich habe ich sie nie gesehen. Ich habe sie nie kennengelernt.

Er erklärte, dass er sie verlor, wie man ein Taschentuch verliert.

Danach setzte er alles daran, sie zurückzubekommen.

Er trat sogar der Kommunistischen Partei Frankreichs bei,

um Maria wiederzufinden.

Er hoffte, dass er als französischer Kommunist

leichter nach Russland reisen könnte.

Nun gut, es kam nie dazu. Sie wurde nie gefunden.

Francois Cavanna stirbt 2014 im Alter von 91 Jahren.

Am 8. Mai 1945 ist der Krieg vorbei.

Für die Zwangsarbeiter beginnt das nächste Leidenskapitel.

Millionen von ihnen sind nun "Displaced Persons",

Menschen außerhalb ihres Heimatlandes.

Viele leben weiter in Lagern.

Ich bin ja in diesem Lager gezeugt worden.

Das hätte schiefgehen können.

Wenn ich etwas früher gezeugt worden wäre,

dann gäbe es mich wahrscheinlich nicht.

Wahrscheinlich hätte ich nicht zu den Kindern gehört,

die zur Arisierung getaugt hätten.

Das kann ich mir schwer vorstellen.

Natascha Wodins Eltern

waren aus Angst vor den Russen aus der Ukraine nach Leipzig geflohen.

Als die Russen Leipzig im Juli 1945 von den Amerikanern übernehmen,

müssen sie schon wieder vor ihnen fliehen.

Dann kamen wir in diese Siedlung, die extra für uns erbaut wurde.

Das war die Endstation.

Aus dieser Siedlung, das ist wirklich bezeichnend,

ist so gut wie keiner jemals herausgekommen.

Die sind alle dort geblieben und inzwischen gestorben.

Mehr als 1 Mio. "Displaced Persons" bleiben im Land.

Vor allem Russen, Polen und Ukrainer,

denen die Rückkehr in ihre Heimat unmöglich ist.

Meine Mutter war, so erinnere ich mich,

sie hat unheimlich viel geweint.

Sie hatte unheimlich viel Heimweh,

v.a. nach ihrer Mutter, die sie im Krieg verloren hat.

Ihr war klar, sie hat kein Leben mehr.

Sie kann nicht zurück.

Dort hätte man sie wahrscheinlich umgebracht.

Das neue Feindbild im Westen heißt wie das alte:

Russland ist die Drohkulisse.

Für die Deutschen, die auf ihre kriegsgefangenen Männer warten,

aber auch für die Zwangsarbeiter.

Unter Deutschen gearbeitet zu haben, genügt für Haft und neue Schikanen.

Bleiben als kleineres Übel.

Wir waren ausgegrenzt von den Deutschen.

Bei den Deutschen galten wir als Kommunisten.

Das war absurd.

Denn wir sind ja nun gerade vor denen geflohen.

Trotzdem waren wir die Kommunisten, die Bolschewisten, die bösen Russen.

Nach der Schule begannen sehr oft die Hetzjagden.

Dann jagten die mich so bis zu den Häusern,

wie das in Forchheim damals hieß.

Das waren so 4 Blocks, in denen ehemalige Zwangsarbeiter wohnten.

Endstation Deutschland.

Meine Mutter hat sich das Leben genommen.

Diese Häuser, wo wir wohnten, lagen an einem Fluss.

Sie hat in den letzten Wochen oder Monaten ihres Lebens,

ganz genau weiß ich es nicht mehr, nicht mehr gesprochen.

Sie war einfach nicht mehr da.

Und eines Tages ging sie eben weg und kam nicht wieder.

Jewgenija wird 36 Jahre alt.

Mein Vater ist ein Phänomen.

Der hat noch lange gelebt.

Er hat insgesamt fast 50 Jahre in Deutschland gelebt.

Der konnte nicht viel mehr sagen als: "Brauche und brauche nix."

Das waren seine Standardwörter.

Er hat das Leben in Deutschland nie begonnen, glaube ich.

Meine Eltern waren zerstörte Menschen.

Die Verschleppung, die Zwangsarbeit und dann die Verachtung in Dtl.

Ich glaube, das spielte eine große Rolle.

Das hatte auch für mich noch immense Folgen.

Irgendwann hat es mich von hinten mit großer Wucht überholt.

Das war dann wie ein Tsunami.

Der hat mich für Jahrzehnte lahmgelegt.

Für Jahrzehnte.

Zum Glück hatte ich da wieder das Schreiben.

Auch dadurch, dass mein Mariupol-Buch,

das Buch über meine Mutter, ziemlich erfolgreich wurde.

Und ich mir z.B. dadurch meine Altersrente verdient habe.

Da hatte ich schon viel Glück.

Cajetan Graf von Spreti rekrutiert bis zum Sommer 1944

für das Reichsarbeitsministerium in der Ukraine Zwangsarbeiter.

Er wird in den letzten Kriegswochen zur Wehrmacht eingezogen

und bei den Kämpfen um Berlin verwundet.

Sein weiterer Weg ist unklar. Für die Familie ist er weg.

Das wird so 1947 oder 1948 gewesen sein.

Es läutete bei uns in der Dämmerung am Abend im Herbst.

Ich ging vor die Tür und schaute.

Da war ein Mann draußen, der da fragte, ob meine Mutter hier wohnt.

Dann habe ich den Namen gesagt ...

Da sah ich meinen Vater zum 1. Mal so richtig bewusst.

Dann habe ich erfahren, dass er in Norddeutschland lebt.

Er nannte das zeitweises Unterseebootfahren.

Ich nehme an,

dass er sich da auch irgendwie vor einer Entnazifizierung versteckte.

Es war nur eines ganz sicher:

Wenn es bei uns an der Tür läutete,

musste mein Vater sofort in den Keller runter.

"Der Nachrichtendienst CIC musste die faulen Äpfel aussortieren.

Das war nicht leicht,

denn die Schuld steht nicht allen ins Gesicht geschrieben."

Bei der Entnazifizierung werden die Deutschen in 5 Gruppen eingeteilt:

Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete,

Mitläufer und Entlastete.

Spreti flieht davor aus Bayern

an einen Ort, an dem seine Familie weniger bekannt ist.

Erst nach 7 Jahren kommt er endgültig zurück nach Hause.

1952.

Der war kein Vater, er war Besuch.

Er war ein Mitesser.

In der kargen Zeit, ja.

Er hat eigentlich ... Er war nur sehr groß.

Er stand oft im Wege und hat eigentlich nichts getan.

Als er kam, war er zunächst erst mal beleidigt.

Über das, was ihm widerfahren ist.

Er hat versucht, beim Arbeitsamt wieder anzukommen.

Da hat man ihn aber abblitzen lassen.

Er hatte einfach die Voraussetzung für diesen Job nicht,

als Leiter des Arbeitsamtes.

Auch in der damaligen Zeit nicht hatte, sondern nur über Parteibuch.

Er kam nur über Parteibuch-Nummer rein.

Der Blick der Deutschen geht immer seltener zurück.

Mit dem beginnenden Wirtschaftswunder

richtet er sich auf die gefüllten Schaufenster.

Eine Chance für viele Täter und auch Firmen, sich als Opfer darzustellen.

*Musik*

Ein Beispiel: Dr. Oetker-Chef Richard Kaselowsky.

Im 3. Reich war er Mitglied

im Nazi-Elite-Klub "Freundeskreis Himmler".

Ein lukratives Engagement.

Bei Dr. Oetker von Zwangsarbeitern hergestellt:

Pudding für die Wehrmacht.

Eine Gedenkplatte in der Kunsthalle Bielefeld bezeichnet ihn,

weil er bei einem Bombenangriff starb,

bis in die 90er-Jahre als Opfer des 2. Weltkrieges.

Nur Bürgerprotesten ist es zu verdanken, dass seit 2016

Kaselowskys SS-Vergangenheit wenigstens erwähnt wird.

Bis heute geschieht es, dass eine deutsche Unternehmer-Enkelin sagt,

die Zwangsarbeiter hätten es doch eigentlich ganz gut gehabt.

Dass wir uns kurz erregen angesichts von Nachrichten über Zwangsarbeiter

auf katarischen Stadien-Baustellen oder in chinesischen Chipfabriken.

Und dann?

Wir vergessen es wieder und suchen nach Schnäppchen.

Unschuldig lebt es sich besser. Heute wie damals.

*Musik*

Es gab damals

einen Verband oder Verein der Entnazifizierung-Geschädigten.

Die waren in unserem Ort

durch den früheren Bürgermeister Dr. Müller vertreten.

In dem Zusammenhang hat er auch versucht,

sich noch irgendwie zu rehabilitieren.

Cajetan von Spreti gelingt die Rückkehr ins Berufsleben.

Am Ende seiner Karriere

ist er Personalchef eines kleinen Unternehmens in Bayern.

Ausgerechnet er, der Arbeitsamtschef,

der zehntausende Zwangsarbeiter verschleppt hat.

Er stirbt 1989.

Auch Irma Trksak, der Siemens-Zwangsarbeiterin,

die in einem Sonderlager saß, gelingt die Flucht.

Kurz vor Kriegsende auf einem Todesmarsch aus dem KZ Ravensbrück.

"Einen Monat bin ich zu Fuß nach Hause gelaufen.

Wir sind über Polen, über Posen, über die Tschechoslowakei,

Ostrau bis nach Bratislava, Pressburg.

Ich kam nach Hause, und mein Haus ist nicht mehr gestanden."

Immerhin findet sie in Wien ihre Eltern wieder.

Ihre Brüder sind beide tot.

"Ich habe diese Wohnung zugeteilt bekommen, die einem Nazi gehörte.

Ich habe ihm alle Möbel zurückgegeben,

weil ich nicht mit den Möbeln von einem Nazi wohnen wollte.

Ich habe 2 Jahre lang in einer völlig leeren Wohnung gehaust

wie der 1. Mensch.

Ich war glücklich, dass ich da bin, dass ich lebe und arbeiten kann."

Bei den Prozessen gegen die Ravensbrücker KZ-Aufseherinnen

ist ihre Aussage von zentraler Bedeutung.

Insgesamt wurden Prozesse gegen 38 Personen geführt.

21 von ihnen Frauen.

19-mal wird ein Todesurteil gefällt.

Dazu viele langjährige Haftstrafen.

Es gab für meine Mutter 2 Lebensinhalte.

Der eine war die Arbeit gegen das Vergessen.

Und der 2. bin ich.

Jahrelang weigert sich Irma Trksak,

sich die körperlichen und seelischen Folgen der Zwangsarbeit

ärztlich bescheinigen zu lassen.

"Ich hatte Angst zum Arzt zu gehen, weil viele Ärzte und Intellektuelle

aus opportunen Gründen mitgeschwommen waren.

Ich wollte nicht bei einem Arzt landen, der ein Nazi war."

Ganz unwahrscheinlich war es nicht:

45% der deutschen Ärzte waren NSDAP-Mitglieder.

Viele von ihnen praktizierten nach dem Krieg natürlich weiter.

Z.B. Hans Münch, der in den KZs Auschwitz und Dachau Labore leitete.

Er war Ellis Hertzbergers "Chef"

und praktizierte bis in die 90er-Jahre als Hausarzt in Bayern.

Die Opferverbände und die Vorträge sind ihr Leben.

Aber erst 2016, da ist sie 99 Jahre alt, ehrt die Republik Österreich

Irma Trksak offiziell mit dem "Ehrenzeichen".

Ich habe das nach Hause gebracht und es ihr auf den Tisch gelegt.

Ich sagte, das war, weil du eben als Zeitzeugin gearbeitet hast

und im Widerstand warst und das KZ überlebt hast.

Deswegen bekommst du das jetzt

vom österreichischen Staat als Anerkennung.

"Das ist schön. Was ist das?"

Sie war schon so tief in der Demenz.

"Die Erinnerungen, die Alpträume, die Ängste werde ich nie überwinden,

glaube ich.

Aber ich trage sie nicht auf dem Teller.

Ich zeige sie nicht vor Fremden."

Was haben sie der Kinder- und der Enkel-Generation hinterlassen,

die Täter von damals?

Z.B. Friedrich Leo,

der Karriere im Rassen- und Siedlungshauptamt der SS machte.

Es hatte großen Einfluss auf meinen weiteren Lebensweg.

Weil ich, ich habe es mal formuliert:

Ich strebte nach Grundlagenvertiefung für Nazi-Enkel.

Nach dem Krieg landet Friedrich Leo, wie viele Nazis, in einem Lager.

Er hat sich mit einigen Kameraden durch Flucht entzogen.

Das war im Grunde der Höhepunkt seines Heldenlebens.

Er hat die Geschichte dieser Flucht wie einen Schatz gewahrt.

Er hat seinen Söhnen und seinen Enkeln, nur den Männern,

diese Fluchtgeschichte erzählt.

Das ist die Ursprungsgeschichte und der Ursprungsmythos

seines späteren Lebens.

Warum er inhaftiert war, spielte keine Rolle,

sondern dass er geflohen war.

Er flieht zu seiner Familie, seiner Frau in der norddeutschen Heimat.

Er versteckt sich, schlägt sich durch.

So ist es überall im Land: die Frauen nähen, die Männer schweigen.

Das Geld schafft meine Großmutter v.a. durch Schneiderarbeiten ran.

Sie ernährt jetzt auch die Familie.

Das ist eine unglaubliche Vielfach-Deklassierung des Mannes.

Er selbst ist Hilfsarbeiter im Wald.

Friedrich Leo wird, auch so etwas hört man oft,

seinen Frust an seinen Kindern ausleben.

Er war ein brutaler Vater.

D.h., geliebt hat ihn kein Kind.

Die einen schotteten sich gegen ihn ab, die anderen rebellierten.

Es gab niemand, der ... ihn liebte.

Er war für alle irgendwie eine Wachsfigur, die da stand.

Wie wird das in den Familien aufgearbeitet,

die Rolle der Väter, die der Mütter?

Alles, was mit der NS-Zeit zu tun hatte, auch die Zwangsarbeit.

Oft gar nicht.

So entsteht u.a. die Legende von der Olga, die es doch gut bei uns hatte.

In der Generation meiner Eltern ist der Krieg und der NS

so unmittelbar relevant, der sitzt am Esstisch jeden Tag.

Schon in meiner Generation konnte man sich im Grunde entscheiden.

Nicht, ob dieses Thema überhaupt eine Rolle spielt.

Dazu war es noch zu mächtig.

Aber ich glaube, der identitätsstiftende Mittelpunkt,

zu dem dieses Thema z.B. für mich geworden ist.

Das wird bei meiner Tochter, schon jetzt absehbar, nicht mehr so sein.

Fotos.

Was wird aus diesem Teil unserer Geschichte?

Was aus dem Gedenken?

Für die Nachkommen der Opfer endet es nie.

Ellis Hertzberger hat die Lager und auch die Todesmärsche überlebt.

Was wurde aus seiner Frau Josy, genannt Duifje?

Was aus seiner Assistentin Jenny Gold?

Nach dem Krieg suchte Ellis lange Zeit nach Duifje.

Er suchte Duifje und seinen Bruder Leopold.

Der wurde 1944 ermordet.

Und dann ging er 1946 als Arzt nach Indien.

Denn hier waren alle verschwunden oder tot.

Ja.

"Ich bin dann nach Semarang an der Nordküste von Java versetzt worden,

als Leiter des Laboratoriums.

Als ich ein 1/2 Jahr dort war, bekam ich einen Brief von Jenny Gold,

meiner Assistentin aus dem Lager Westerbork.

Ob ich wüsste, wo ihr Bruder sei.

Dann habe ich zurückgeschrieben und gefragt,

ob sie wüsste, wo meine Frau ist.

Eigentlich eine überflüssige Frage, denn ich wusste:

Sie war in ein Krankenhaus in Auschwitz gekommen.

Sie hatte wahrscheinlich Tuberkulose und ist vergast worden.

Wir sind dann in Briefkontakt geblieben.

Als ich zurück in die Niederlande kam, habe ich Jenny geheiratet.

Dann stellte sich die Frage: Wo werden sie wohnen?

Israel war eine Option.

Ich glaube, Opa wollte nach Israel gehen.

Aber Oma hatte Angst vor Skorpionen, Spinnen, wollte dort nicht leben.

Amerika war auch möglich.

Aber schließlich zogen sie hier ins niederländische Weesp.

Jenny und Ellis haben im Gegensatz zu vielen ihrer Verwandten und Freunde

die Lager überlebt, die Zwangsarbeit, die Bedrohung.

"Nach dem Krieg wollte ich nicht einmal durch Deutschland fahren,

so voller Hass war ich noch.

Auf dem Weg in die Schweiz fuhren wir durch Belgien und Frankreich.

Es ist immer noch so,

dass ich eigentlich kein deutsches Auto haben will.

Ich will nicht immer solche Wörter wie 'Benzin' sehen müssen."

Die Enkelin von Ellis Hertzberger, Rosanne

hat Mikrobiologie studiert wie ihr Opa.

Heute arbeitet sie außerdem erfolgreich

als Schriftstellerin und Kolumnistin.

Ihr Blick zurück ist zugleich ein Blick nach vorne.

Es gibt mehrere Fotos von dieser Familie.

Es gibt das Foto von Oma Ans und Opa Maurits.

Die 3 Kinder: Eef, Ellis und Leopold.

Großvater Maurits hat sich umgebracht, Leopold wurde ermordet.

Ellis war im Lager.

Man sieht, wie die Familie auseinandergerissen worden war.

Und dann, nach dem Krieg, sieht man wieder eine Familie.

Man hat wieder das Bild: 2 Eltern, 2 Kinder.

Sie zeigen: wir sind lebendig, wir haben überlebt.

Mit der Betonung auf 'Leben".

Sie bekamen Kinder, diese Kinder bekamen Kinder,

und wir bekommen jetzt Kinder.

Und wir leben, wir leben noch.

Ich finde es schmerzhaft zu sehen,

wie der Krieg das Leben von Oma und Opa definiert hat.

Ihnen und auch den Generationen danach wurde etwas genommen.

Bei jedem Erinnern

sind da wieder diese grauen Gesichter bei den Gedenkfeiern.

Ich möchte ein leichtes, fröhliches Judentum,

das eine positive Lebenseinstellung hat.

Ich möchte, dass diese Geschichte irgendwann einmal Geschichte wird.

Ich möchte keine 4. Generation von Opfern aufziehen.

Ich möchte unsere Koffer abstellen.

Mehr als 60 Jahre verbringen sie gemeinsam.

Ellis stirbt 2008, Jenny 2012.

Sie sind jung.

In der besten Zeit ihres Lebens.

Sie verbringen diese Zeit als Zwangsarbeiter unter Deutschen.

Mehr als 13 Mio. Menschen ausgebeutet,

jahrzehntelang vergessen.

Das ist wichtig, dass das ein israelisch-jüdischer Kollege war,

der sagte:

"Wir erwarten von den Deutschen eigentlich gar nicht viel,

außer dass sie Bescheid wissen."

Das würde ich als Norm auch nach wie vor hochhalten.

Aber das ist zugleich eigentlich nicht besonders viel

und dann aber doch unendlich kompliziert.

Zwangsarbeit im Dritten Reich.

Für die einen ein abgeschlossenes Kapitel.

Für andere das wahrscheinlich größte

der vergessenen deutschen Kriegsverbrechen.

Ich hätte es mir nie verzeihen können,

wenn ich gestorben wäre und nie gesagt hätte:

Hört mal, ihr Deutschen, es gab da mal Zwangsarbeit.

Das musste gesagt werden.

In Indien schreibt er in jedem Brief von Booten.

Er plant ein Boot zu bauen.

Er wollte Holz kaufen, um ein Boot zu bauen.

Auch als er in die Niederlande zurückkehrte, Boote, Boote, Boote.

Die ganze Zeit.

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