Afrikaans
Akan
Albanian
Amharic
Arabic
Armenian
Azerbaijani
Basque
Belarusian
Bemba
Bengali
Bihari
Bosnian
Breton
Bulgarian
Cambodian
Catalan
Cebuano
Cherokee
Chichewa
Chinese (Simplified)
Chinese (Traditional)
Corsican
Croatian
Czech
Danish
Dutch
Esperanto
Estonian
Ewe
Faroese
Filipino
Finnish
French
Frisian
Ga
Galician
Georgian
German
Greek
Guarani
Gujarati
Haitian Creole
Hausa
Hawaiian
Hebrew
Hindi
Hmong
Hungarian
Icelandic
Igbo
Indonesian
Interlingua
Irish
Italian
Japanese
Javanese
Kannada
Kazakh
Kinyarwanda
Kirundi
Kongo
Korean
Krio (Sierra Leone)
Kurdish
Kurdish (Soranî)
Kyrgyz
Laothian
Latin
Latvian
Lingala
Lithuanian
Lozi
Luganda
Luo
Luxembourgish
Macedonian
Malagasy
Malay
Malayalam
Maltese
Maori
Marathi
Mauritian Creole
Moldavian
Mongolian
Myanmar (Burmese)
Montenegrin
Nepali
Nigerian Pidgin
Northern Sotho
Norwegian
Norwegian (Nynorsk)
Occitan
Oriya
Oromo
Pashto
Persian
Polish
Portuguese (Brazil)
Portuguese (Portugal)
Punjabi
Quechua
Romanian
Romansh
Runyakitara
Russian
Samoan
Scots Gaelic
Serbian
Serbo-Croatian
Sesotho
Setswana
Seychellois Creole
Shona
Sindhi
Sinhalese
Slovak
Slovenian
Somali
Spanish
Spanish (Latin American)
Sundanese
Swahili
Swedish
Tajik
Tamil
Tatar
Telugu
Thai
Tigrinya
Tonga
Tshiluba
Tumbuka
Turkmen
Twi
Uighur
Ukrainian
Urdu
Uzbek
Vietnamese
Welsh
Wolof
Xhosa
Yiddish
Yoruba
Zulu
***
Sie sind jung, in der besten Zeit ihres Lebens.
Sie verbringen diese Zeit als Zwangsarbeiter, unter Deutschen.
Mehr als 13 Millionen Menschen aus halb Europa
werden zwischen 1938 und 1945
unfreiwillig ins Deutsche Reich geholt.
Sie werden ausgebeutet, jahrzehntelang vergessen.
Zwangsarbeit im Dritten Reich,
für die einen ein abgeschlossenes Kapitel.
Für andere das wahrscheinlich größte
der vergessenen deutschen Kriegsverbrechen.
Lange haben die Deutschen das,
was sie den Zwangsarbeitern und ihren Familien angetan haben, ignoriert.
Bis heute wird die Zwangsarbeit gerne verklärt.
Sätze wie "Unsere Olga hatte es doch gut bei uns"
hört man oft unter Deutschen.
Hatte sie?
10. Mai 1940, der Überfall auf Frankreich beginnt.
Das Ziel ist Paris.
"Und dann kam der Krieg.
Da habe ich an nichts mehr geglaubt, ich war fassungslos, überwältigt.
Er fängt wirklich an!
Da glaubte ich weder an Frankreich, Deutschland oder die Menschheit.
Ich sagte mir, das sind alles Verrückte, gefährliche Verrückte."
Hallo, ich bin Jerome Cavanna.
Ich bin der Sohn von Francois Cavanna.
Ich war Lehrer, dann Leiter einer Facheinrichtung.
Francois Cavanna ist 21 Jahre alt, Maurerlehrling.
2 Jahre wird er als Zwangsarbeiter in Deutschland leben.
In den 70er-Jahren ist er ein Mitbegründer
der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo".
Berühmt wird er als gnadenloser Humorist.
Mir wurde oft gesagt: Du hast ja Glück, so einen Vater zu haben.
Ihr habt immer viel zu lachen.
Aber ehrlich gesagt, war er auch ein zutiefst pessimistischer Mensch.
Das ist typisch für die Menschen,
die Krieg oder Gefangenschaft erlebt haben.
Es ist immer dasselbe. Auch er sprach kaum darüber.
"Paris, das heißersehnte Ziel ist erreicht.
Das Herz und die Seele Frankreichs,
der Geburtsort der Demokratie und des Liberalismus
ist in deutscher Hand.
Paris steht damit unter deutscher Ordnung."
"Es war furchtbar!
Deutsche auf der Champs-Elysees, deutsche Soldaten überall.
Frankreich war kein souveränes Land mehr,
es war nur eine deutsche Kolonie."
Der "Service du travail obligatoire" wird eingeführt,
eine zweijährige Arbeitspflicht.
Insgesamt arbeiten während des Krieges
mehr als 600.000 französische "Zivilarbeiter"
für das Deutsche Reich.
Zwangsarbeit?
Offiziell erfolgt der Einsatz freiwillig.
Er wurde einfach auf dem Weg zur Arbeit eingezogen.
Seine Mutter dachte, er sei weggelaufen,
um sich eine schöne Zeit zu machen.
"Wir sind in diesem großen Wald angekommen, östlich von Berlin.
Wir wurden in einem großen Lager eingepfercht.
Es war riesig, alles war neu.
Es waren Holzbaracken, alle gleich!
Es musste damals eine tolle Firma geben, die viel Geld gemacht hat,
denn es waren genau dieselben Baracken überall, überall!
In diesem Lager gab es ungefähr 800 Franzosen,
100 oder 200 Belgier und 800 Russen und Ukrainer.
Es waren Frauen, die Ukrainerinnen.
Wir waren durch Alleen mit Stacheldraht getrennt."
Zur Arbeit eingesetzt wird Cavanna in der Berliner Firma Graetz.
Vor dem Krieg war sie ein namhafter Hersteller von Gaslampen und Radios,
jetzt hat auch Graetz auf Rüstung umgestellt.
"Graetz war eine große Firma.
Es war kein Krupp, kein Thyssen, aber Graetz, es war riesig.
Es gab sogar eine Graetz-Straße."
Mehr als 1.000 der insgesamt 7.000 Beschäftigten bei Graetz
sind Zwangsarbeiter.
Vorwiegend junge Frauen und Männer, zum ersten Mal weg von zu Hause,
zum ersten Mal ohne die Fürsorge und die Kontrolle der Eltern.
Es sind die besten Jahre ihres Lebens, eigentlich.
"Ich wurde dann in einen Lastwagen gesteckt,
der mich zur Fabrik brachte.
Und sie sagten zu mir: Die Frauen werden dir alles erklären.
So bin ich vor dieser riesigen Heißpresse mit 2 Frauen gelandet,
die mir helfen sollten.
Und eine von denen war Maria."
Francois Cavanna verliebt sich augenblicklich in Maria,
die junge Ukrainerin, die neben ihm an der Maschine steht,
ihm die Arbeit erklärt, ihn antreibt, ihn neckt.
"Ich hungerte nach Liebe und ich wusste es nicht einmal.
So groß war die Leere, dass unter diesem Schock
2 heftige, maßlose Lieben in mir aufloderten,
heftig und maßlos wie jede Liebe.
Maria.
Und die Russen."
Wie bei Graetz sieht es überall in Deutschland aus,
in fast jedem Unternehmen.
Vom Großkonzern bis zum Handwerksbetrieb,
von der Deutschen Reichsbahn
bis zu kommunalen Verwaltungen und kirchlichen Einrichtungen.
Alle nehmen, was sie kriegen können,
um die Wirtschaft des "Großdeutschen Reiches",
den "Wirtschaftsraum Europa", wie sie es nennen, am Laufen zu halten.
Die Nachfrage ist riesig und die Arbeitsämter sorgen für Nachschub.
Bis zum Kriegsende werden 13 Millionen Zwangsarbeiter
die 14 Millionen einberufenen Wehrmachtssoldaten ersetzen.
Rund ein Drittel von ihnen sind Frauen,
die meisten kommen aus Osteuropa.
1941 beginnt der Krieg gegen die Sowjetunion.
"In den frühen Morgenstunden des 22. Juni
trat die deutsche Wehrmacht in breiter Front zum Angriff an.
Sie will die heimtückische Bedrohung des Reiches und Europas
durch die bolschewistischen Verräter abschlagen."
Der Blitzkrieg im Osten bekämpft die sowjetische Bevölkerung radikal.
Man will den "Raum", nicht die Menschen.
Aber schnell setzt sich der "Pragmatismus"
von Leuten wie Fritz Sauckel gegen die Rassen-Ideologen durch.
Sauckel
ist der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz.
Der deutsche Arbeitsmarkt braucht Nachschub, dringend.
Notfalls auch osteuropäische "Untermenschen".
An vorderster Front steht dabei neben SS und Wehrmacht
das Reichsarbeitsministerium.
Bereits Ende 1941 schickt es mehr als 1.000 Mitarbeiter
zur "Anwerbung" von Arbeitskräften
nach Russland, Weißrussland und in die Ukraine.
"Ukrainische Grundeigenschaften:
Disziplinlosigkeit, Hemmungslosigkeit.
Nachgiebige Starrheit, gläubiges Zutrauen.
Unselbstständigkeit.
Wiederum: äußerst geschickt und anstellig.
Künstler mit primitivstem Werkzeug in jedem Fach."
Cajetan Graf von Spreti, SA-Sturmbannführer
und leitender Regierungsrat einer Reichswerbekommission,
bricht am 13. Dezember 1941 in die Ukraine auf.
Er wird zunächst in Cherson, nördlich der Krim, eingesetzt.
Im Gepäck Propaganda-Material, das den Ukrainern vorschwärmt,
wie gut deutsche Arbeiter leben.
Er selber hat nie darüber gesprochen.
Wenn man ihn mal gefragt hat
und vielleicht auch schon mal was Kritisches hörte.
Dann hat er nur gesagt:
Seid mal froh, dass ihr nicht in dieser Zeit gelebt habt.
Ihr wisst nicht, was das für eine Zeit war.
Ich bin Wilhelm von Spreti, ich bin der Sohn von Cajetan von Spreti.
Und von unseren 5 Geschwistern bin ich der Jüngste.
Ganz später, da hat er schon nicht mehr gelebt,
da ging ich in das NS-Dokumentationszentrum in München
und habe mir das einfach mal angeschaut, aus Neugierde.
Und als ich in den ersten Stock kam,
da sah ich ein etwa 2x3 Meter großes Porträt meines Vaters.
Von da an wusste ich, da war mehr los.
Die von Spretis sind wer in Bayern.
In einer selbst verfassten Biografie
für die Familienchronik des Adelsgeschlechts
lässt Cajetan die Jahre in der Ukraine weg.
"Nach einer Ausbildung beim Arbeitsamt in Würzburg
wurde er in den Staatsdienst übernommen.
1941 wurde er als Amtsleiter an das Arbeitsamt Freising versetzt.
Im Mai 1945
kam er in amerikanische und dann in die englische Gefangenschaft."
3 Jahre fehlen, die hat er auch unterschlagen.
Und so,
wie er es in eine Familienchronik hier nicht eingebracht hat,
so hat er es in sein ganzes Leben nicht mehr eingebracht.
Aber natürlich für alle, die ihm nachfolgten,
das schlechte Gewissen und die Scham implantiert.
Unter der wir alle noch, auch heute noch, leben.
Ja, es ist nicht rauszubringen.
Das Schweigen der NS-Generation nach dem Krieg.
Dabei hatten viele von ihnen, auch Cajetan Graf von Spreti,
vor dem Krieg alles auf diese Karte gesetzt.
Der junge Graf führt ein extravagantes Leben.
Er verliert das geerbte Familien-Schloss,
seine erste Ehe wird geschieden.
Er hatte praktisch alles verloren.
Und da hat er sich 1929 der NSDAP angeschlossen und hat gehofft,
durch die NSDAP beruflich Karriere machen zu können.
Anfangs finden die Werber Freiwillige.
In Städten wie Charkow herrschen Hunger und Not
und viele Ukrainer glauben den deutschen Lügen von guter Bezahlung.
Und die Deutschen?
Können eine günstige Haushaltshilfe immer gebrauchen.
Graf von Spreti kann aushelfen.
"Liebe Frau Heilingbrunner!
Mit dem Transsport am 8.10. habe ich die Ukrainerin Stokolenko, Wala
für Sie als Köchin in Marsch gesetzt.
Selbstverständlich
muss sie für einen Haushalt bei uns erst angelernt werden.
Ich hoffe, dass das Mädchen gut bei Ihnen ankommt.
Ich wäre Ihnen dankbar,
wenn Sie mich sogleich nach dem Eintreffen verständigen würden,
damit ich Ihnen eventuell eine andere heraussuchen kann.
Heil Hitler!"
Menschen, geliefert wie Küchengeräte.
Was sie in Deutschland erwartet, wissen die meisten nicht.
Viele aber haben Stalins Politik des "Holodomor",
des regelechten Aushungerns ganzer Landstriche, nicht vergessen.
Besser als die Bolschewiken werden sie schon sein, die Deutschen.
"Die längste Zeit meines Lebens hatte ich gar nicht gewusst,
dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin.
Niemand hatte es mir gesagt.
Nicht meine Eltern, nicht die deutsche Umwelt,
in deren Erinnerungskultur
das Massenphänomen der Zwangsarbeit nicht vorkam.
Jahrzehntelang wusste ich nichts von meinem eigenen Leben.
Ich hatte keine Ahnung, wer all die Leute waren,
mit denen wir in verschiedenen Nachkriegsghettos zusammenwohnten.
Ich wusste nur, dass ich zu einer Art Menschen-Unrat gehörte,
zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war."
Ich bin Natascha Wodin.
Ich bin nach Kriegsende in Deutschland geboren.
Ich bin die Tochter von Zwangsarbeitern.
Also es war so, dass meine Eltern mir gesagt haben,
dass sie Emigranten sind.
Dass sie vor dem Kommunismus und vor Stalin
aus der Sowjetunion nach Deutschland geflohen sind.
So, das war diese Version, die war mir völlig einleuchtend.
In der Außenwelt hat nie jemand von Zwangsarbeitern gesprochen.
Ich habe nie was davon gehört, dass es die gegeben hat.
Die waren kein Thema.
Natascha Wodin
hat die Geschichte ihrer Eltern recherchiert und rekonstruiert.
Natascha Wodin, "Sie kam aus Mariupol".
Herzlichen Glückwunsch!
Ich war getragen von so großen Empathie-Wellen irgendwie.
Äh, ja.
Warum eigentlich?
Also, manchmal denke ich etwas, das ist ein bisschen zynisch.
Aber manchmal denke ich,
die Deutschen lieben auch ihre Schuld ein bisschen.
Und da wurde ihnen wieder eine,
obwohl ich keine Schuldzuweisungen mache in meinem Buch.
Aber die machten sie sich vielleicht auch selbst, die Schuldzuweisung.
Und ich wünsche mir, dass möglichst viele
von den Ausmaßen der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren.
Von dem Schicksal
der Millionen in der Kriegsindustrie verschlissenen Arbeiter,
die auch danach in der Regel kein Leben mehr gefunden haben.
Meine Mutter war eine von ihnen.
Und sie hat gerade hier in Leipzig
bei einem Rüstungsbetreib des Flick-Konzerns gearbeitet.
Natascha Wodin findet die Wurzeln ihrer Mutter
und damit letztlich ihre eigenen in Mariupol in der Ukraine.
Die Familie war wohlhabend, bis die Kommunisten die Macht übernahmen.
Meine Mutter ist 1920 geboren. 1917 war die Revolution.
Dann kam der Bürgerkrieg, dann kamen schreckliche Hungersnöte.
Es ging ständig nur ums Überleben. Dann kam der Stalin-Terror.
Die ..., rechts und links wurden Menschen verhaftet.
Die Eltern meiner Mutter wurden enteignet
und man musste ständig darauf gefasst sein,
dass man abgeholt wird.
Natascha Wodins Mutter, Jewgenija, meldet sich beim Arbeitsamt.
Sie will für die Deutschen arbeiten.
Eine Entscheidung, die Konsequenzen haben wird für sie.
Denn die Deutschen wollen nur eins, ihre Arbeitskraft.
Schon bald melden sich nicht mehr ausreichend Ukrainer
freiwillig bei den deutschen Reichswerbern.
Die aus Berlin mit Nachdruck geforderten "Mengen"
können nicht mehr "geliefert" werden.
"Vormittags untersuchen wir hier in Uman.
Wir haben erst 600 Taugliche.
Es geht hier fast nur noch mit Prügel.
Das Gebiet muss 17.000 stellen!
Wir sind auch schon ziemlich am Ende.
Der Leiter des Arbeitsamtes
entscheidet meines Erachtens zu weich.
Er lässt sich zu sehr
von menschlichen Erwägungen beeinflussen."
Nicht nur das Reichsarbeitsministerium
ist am "Anwerbe"-Feldzug beteiligt,
sondern, ordentlich deutsch, auch andere staatliche Institutionen.
Zum Beispiel das Finanzministerium, das jeden Zwangsarbeiter erfasst,
das sogar Steuern von ihnen einzieht.
Bis die Generation der Kinder als "68er-Bewegung" dagegen aufbegehrt,
stört sich kaum jemand daran, dass in den Ministerien
nach dem Krieg weiterverwaltet wird, als sei nichts passiert.
Mit 16 Jahren
bin ich im Rahmen einer Ausbildung nach München gegangen.
Und ich habe mich da in München
sehr schnell linken Gruppen angeschlossen.
Habe dann damals den Kriegsdienst, als es dann später war, verweigert
und auch bei der Gründung der Deutschen Friedensunion
mich betätigt.
Vielleicht war es die Sehnsucht nach einer halben Wiedergutmachung.
Erst in den 2000er-Jahren
beginnen die Ministerien mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte,
das Finanzministerium 2009.
Bis dahin galt: Bürokraten haben keinen Schmutz an den Ärmelschonern,
sondern nur ihre Arbeit gemacht.
Der 21-jährige Pole Josef Bednarz
kommt 1941 als Landarbeiter nach Hochdorf bei Freiburg.
Sein erster Bauer hatte ihn ausgepeitscht.
Nach ein paar Wochen hat er Glück und kommt auf einen anderen Hof.
Ohne die Polen und die Ostarbeiter auf dem Lande
wäre die Versorgung der Deutschen längst zusammengebrochen.
Mit ihrer Zwangsarbeit verlängern sie, so paradox das klingt,
den Krieg, dessen Ende sie herbeisehnen,
um zu ihren Familien zurückzukehren.
Um ihre Heimatländer wieder aufzubauen.
Noch aber sind sie "daheim in der Fremde".
"Nicht weit von uns, da waren Ukrainer in dem Bauernhof.
Zu denen hatten wir gute, kameradschaftliche Beziehungen.
Nur mit den deutschen Frauen durften wir uns nicht einlassen."
Josef Bednarz lässt sich dennoch ein mit einer jungen deutschen Frau.
"Wir haben abends zusammengesessen
und da haben wir Spiele gemacht und gesprochen miteinander.
Und wie es halt eben so ist,
junge Leute finden gleich Kontakt zueinander.
Und wir waren auch Menschen."
Es war im Krieg sehr gefährlich, sehr gefährlich, ja klar.
Ich weiß nicht, wie das ging.
Ich habe es eigentlich bewundert, wie das vor sich ging.
Sie trafen sich dann auch bei einem Bauern,
der wohnte nicht weit von meiner Mutter entfernt.
Und da trafen sich die jungen Frauen halt abends
und die jungen Männer auch.
Und dabei hat sie sich verliebt.
Wie gehen die Deutschen damit um,
dass 13 Millionen Ausländer im Land sind,
immerhin ein Sechstel der Bevölkerung?
Fritz Sauckel versucht ihnen die Lage so zu verkaufen:
Man brauche die Arbeitskräfte jetzt, um ein neues Europa zu errichten.
Danach würden sie wieder nach Hause gehen.
Propaganda, die nicht bei allen verfängt.
In Thüringen beispielsweise gehen zahlreiche Beschwerden ein
über das "Gesindel" auf den Straßen.
Und im Falle der Westarbeiter,
die sich nach der Arbeit frei bewegen dürfen,
sogar in den Gaststätten.
Bei Joseph Bednarz in Hochdorf ist es noch schwieriger.
Denn die junge Frau, in die er sich verliebt, Martha,
ist die Nichte des NSDAP-Ortsgruppenführers.
"Damals wusste ich das ja nicht.
Aber wie es eben ist, wo die Liebe hinfällt.
Das war natürlich eine sehr riskante Sache.
Es sind auch viele bestraft worden."
Das Verbrechen heißt "Rassenschande".
Bilder aus Oschatz in Sachsen.
Werden deutsche Frauen erwischt,
erfolgt die Bestrafung oft ohne Urteil, nach Gutdünken.
Entweder Konzentrationslager oder, wenn die Richter ihnen glaubten,
sie seien nur mal "schwach geworden", öffentliche Demütigung.
Für die Ostarbeiter heißt Entdeckung meist Hinrichtung.
Hunderte Polen werden überall im Deutschen Reich gehängt.
Zur Abschreckung werden die Toten oft tagelang hängen gelassen.
Im Fall von Sexualkontakten
stand die Todesstrafe auf diese "Rassenschande".
Gleichzeitig aber herrschte Arbeitskräftemangel.
Das heißt, viele Fälle wurden vor dem Vollzug des Todesurteils
rassisch begutachtet.
Wenn der vermeintliche Delinquent
für "eindeutschungsfähig" gehalten wurde, blieb er am Leben,
und wenn nicht, wurde er getötet.
Das heißt, die Unterschrift, das Urteil "eindeutschungsfähig"
entschied unmittelbar über Leben und Tod.
Und das sind Unterschriften,
die mein Großvater und einige seiner Kollegen geleistet haben.
"Seit 1921 war ich Mitglied des Deutschen Pfadfinderbundes.
Da war ich seit 1929 als Gau-Führer
und Leiter des Grenzlandamtes Nordschleswig
und Mitarbeiter im Siedlungsbund.
Herbst 1934 trat ich in die SS ein
und war als Sturmbann-Schulungsleiter tätig.
Am 02.03.1935 verheiratete ich mich mit Trina Dodenhoff.
Aus unserer Ehe gingen 2 Kinder weiblichen Geschlechts hervor."
Ich bin Per Leo.
Ich lebe und arbeite als Schriftsteller in Berlin
und bin meiner Ausbildung nach Historiker.
Die Familie Leo ist eine wohlhabende Bürgerfamilie aus Bremen,
Werfteigentümer, Villenbesitzer.
Wie in vielen Familien
gibt es Lücken in der Biografie eines Familienmitglieds.
Hier ist es Großvater Friedrich.
Wer kennt das nicht?
Dass es einen gibt, der auf den Fotos fehlt
oder die schwarzen Kragenspiegel der SS trägt.
Es wurde nie davon geredet, dass er Hitler unterstützt hätte,
dass er Nazi war, dass er gar bei der SS war.
Das waren Worte,
die habe ich aus dem Mund meiner Großmutter nie gehört.
Was ich hingegen hörte, war,
er war ein Idealist, und er war politisch.
Also das sagte sie dann auch mit dramatischem Augenrollen.
So, ach ja, die Politik, die hat uns ganz schön viel Ärger bereitet.
Keine Berufsausbildung, kein Gymnasialabschluss,
aber große Träume und eine Idee, wie sie zu verwirklichen sind.
Das Einzige, in das er investiert hat, ist Ideologie, ist Radikalität.
Und dann, ab '33,
steht seiner Karriere eigentlich nichts mehr im Weg.
Weil er dann der Organisation beitritt, die wie keine andere
sich eben tatsächlich über die Ideologie definiert hat.
Und das war die SS.
Dann geht alles ganz schnell.
Friedrich Leo macht Karriere im Rassen- und Siedlungshauptamt der SS.
Mein Großvater ist ein "Eignungsprüfer".
Die Eignungsprüfer haben nichts anderes gemacht,
als den SS-Nachwuchs zu selektieren, positiv zu selektieren.
Oder eben die Bräute der SS-Leute zu begutachten.
Bei sich selbst macht er eine Ausnahme.
Meine Großmutter, sie war kleinwüchsig.
Nach strengen SS-Regularien hätte er sie nicht heiraten dürfen.
In unseren Augen
da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein.
Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.
Die "Rassenfrage", seit den Nürnberger Gesetzen
ist sie eine der ideologischen Grundfesten
der nationalsozialistischen Politik.
Auf Familienfesten ging immer so die Rede oder das Gerücht,
dass man ein Quadrat Butterkuchen von ihm geschenkt bekam,
kostete 5 Mark, wenn man 1,80 Meter groß geworden war.
Und dass das mit seiner Vergangenheit in der SS zu tun hat,
das ist mir überhaupt nicht klar gewesen.
Jedenfalls ist das etwas,
was ihm so in Fleisch und Blut übergegangen ist.
Dass er seine Söhne, seine Töchter, seine Schwiegertöchter,
seine Schwiegersöhne, seine Enkel
immer mit diesem rassistischen Blick anguckte.
Größe, Haar- und Augenfarbe, Kopf- und Nasenform, Stirnhöhe,
physiologische Merkmale
werden zu Kriterien für die Wertigkeit von Menschen.
Gleich mehrere Ämter und Behörden werden gegründet, in denen Menschen
diese "Politik" und ihre "wissenschaftliche Rassenlehre"
administrieren und umsetzen.
Das ist ja Kokolores, immer schon gewesen.
Es ist sozusagen verwissenschaftlichter Quatsch.
In dem Sinne ist nichts leichter als Rasse-Experte zu werden.
Man braucht für nichts weniger ein Studium als für das,
was mein Großvater dann getan hat.
Das bringt Leo schließlich in Berührung
mit der "rassischen Begutachtung" von Zwangsarbeitern.
Die NS-Rassentheorie geht von einer Überlegenheit der arischen Rasse aus.
"Fremdrassige" werden als Bedrohung dargestellt,
als minderwertig, gar lebensunwert.
Dann irgendwann, das ist der Höhepunkt dann seiner Laufbahn,
wird er im Rasseamt der Chef der deutschen Eignungsprüfer.
Und in dieser Eigenschaft laufen dann im späteren Kriegsverlauf
über seinen Schreibtisch auch Dokumente,
die durch seine Unterschrift unmittelbar zur Ermordung führten.
Unterschriften,
die den Tod für osteuropäische Zwangsarbeiter bedeuteten.
Keinem von denen wurde tatsächlich der Prozess gemacht.
Es wurden ausführliche Gespräche geführt.
Man kann die Akten einsehen und man kann ziemlich genau rekonstruieren,
was geschehen ist.
Es reicht aber oft nicht,
um gerichtsfeste Beweise sozusagen zu erbringen.
Und deswegen blieb es bei den Vorermittlungen.
Wie geht der junge Rechtsstaat Bundesrepublik mit dem NS-Unrecht um,
mit der Dritten Gewalt, die so kläglich versagte?
Mit den Staatsanwälten, den Richtern,
von denen nicht wenige die wilde These
vom "nationalsozialistischen Rechtsstaat" vertreten?
"Großer Tag in Berlin.
2 oberste Instanzen der Bundesrepublik,
das Bundesverwaltungsgericht
und der Bundesdisziplinarhof wurden eröffnet."
87% der Richter bleiben nach dem Krieg im Dienst, in Amt und Würden.
Mehr als 50% aller Führungspositionen
sind mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern besetzt.
Ihr Interesse an einer Aufarbeitung hält sich in Grenzen.
Eine Ausnahme ist der jüdische Staatsanwalt Fritz Bauer.
Er kämpft.
Als 1962 seine Schrift
"Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns"
in Rheinland-Pfalz als Schulstoff vorgeschlagen wird.
Da lehnt der junge CDU-Abgeordnete
und spätere Bundeskanzler Helmut Kohl das ab.
Der zeitliche Abstand vom Nationalsozialismus sei zu gering,
um sich darüber ein abschließendes Urteil bilden zu können.
Erst im Jahr 2012 setzt das Bundesjustizministerium
eine unabhängige Untersuchungskommission ein.
Die beschäftigt sich
mit der Geschichte des Ministeriums im Dritten Reich.
Wem gehören diese Kinder?
Das sind die Kinder unserer ausländischen Arbeiter.
Die Arbeiter können ihre Familien mitbringen.
Dann können diese ausländischen Arbeiter hier heiraten?
Selbstverständlich.
Die Kinder
werden während der Arbeitszeit ordnungsgemäß betreut und erzogen,
genau wie im Kindergarten der Städte.
Mit solchen Propagandafilmen werden sowohl die Deutschen
als auch diejenigen geblendet, die man nach Deutschland locken will.
Was geschieht mit Kindern von Zwangsarbeiterinnen wirklich?
Für Ostarbeiterinnen und Polinnen
gibt es rund 400 Entbindungs- und Kinderlager wie dieses hier,
"An der Kiesgrube" in Dresden.
Betrieben wird das Lager ordnungsgemäß "deutsch".
Die Stadt verpachtet ein kommunales Grundstück an eine Firma.
Die vermietet es an die "Deutsche Arbeitsfront".
Die kassiert von den Frauen Unterkunftsgebühren.
Die Allgemeine Ortskrankenkasse erhebt Versicherungsbeiträge,
jeder weiß Bescheid.
Fast die Hälfte
der als "nicht arisierbar" eingestuften Neugeborenen
verstirbt in den ersten Lebenstagen oder -wochen.
Todesursache in fast allen Fällen:
eine angeblich "angeborene Lebensschwäche".
"Russengräber" nennen die Dresdner nach dem Krieg
die Grabstellen der Kinder auf dem St.-Pauli-Friedhof.
Erst seit wenigen Jahren wird,
nach einer privaten Initiative, über dieses Verbrechen gesprochen.
Die Gedenksteine haben Dresdner Schüler im Jahr 2018 angefertigt.
Zwangsarbeiterkinder, die verhungern,
während der "Führer" auf dem Obersalzberg
gerne mit deutschen Kindern posiert, arischen Kindern.
Kinder deutscher Mütter.
Die deutsche Frau,
sie sollte rein und auf jeden Fall für die Ausländer tabu sein.
Daher lässt der "Reichsführer SS", Heinrich Himmler,
1942 Bordelle für die männlichen Zwangsarbeiter eröffnen.
Damit sie eben nicht auf "dumme Ideen" kommen.
Auch die Prostituierten sind Zwangsarbeiterinnen.
Sie hatten die Wahl, Bordell oder Konzentrationslager.
Allein in Leipzig gab es 2 Bordelle für Zwangsarbeiter.
"Mit der Einrichtung des Bordells
wollte die Partei die 'Schändung der deutschen Rasse' verhindern.
Vergeblich.
Von den anderen weiß ich,
dass die hiesigen verheirateten Frauen
sehr leicht zu haben sind.
Und dass die Männer zusätzlich zur amourösen Befriedigung
auch noch etwas zum Essen bekommen.
Damit bessern sie sich
die nicht allzu schmackhafte Lagerkost auf."
Die Liebe in Zeiten des Krieges.
Vladimir Matousek ist 21, als er seine Heimat Brünn verlassen muss.
Er hinterlässt seinem Sohn Memoiren
aus der Zeit als Zwangsarbeiter in Österreich.
Erst aus diesen Aufzeichnungen, die er seinen Enkelkindern widmete,
erfuhr ich mehr über seine Zeit als Zwangsarbeiter.
Mein Name ist Vladimir Matousek.
Ich komme aus Brünn und bin Bildhauer.
Matousek kommt mit einem Bahntransport in die Steiermark,
ins österreichische Donawitz.
Hier, außerhalb der Reichweite alliierter Bomber,
läuft in den "Reichswerken Hermann Göring"
die Stahlproduktion für den Krieg auf Hochtouren.
"Mehr als 20 hohe Schornsteine und Hochöfen ragen in den Himmel.
Ich werde diesen ersten düsteren Eindruck nie vergessen!
Das Schlimmste kommt erst noch, das Gefangenenlager.
Hier treffen wir fast alle Angehörigen der Balkanstaaten,
Italiener, Franzosen, sogenannte Nationaldeutsche.
Einige Spanier, Niederländer, Dänen, Norweger, Polen, Slowaken, Ungarn
und natürlich unsere Landsleute.
Schmutzig, schlaftrunken, zerlumpt!"
Er sah das als unvermeidbare Lebensetappe,
die die Geschichte ihm auferlegt hat.
Seit 1941 war das Hüttenwerk Donawitz
Teil der "Reichswerke Hermann Göring".
Vladimir Matousek
und zeitweise mehrere Tausend weitere Zwangsarbeiter
stellen hier vor allem Bahngleise für die Deutsche Reichsbahn her.
In Linz in Oberösterreich
werden Panzerteile und andere Rüstungsgüter hergestellt.
"Arbeiter und Kriegsgefangene aus 40 Nationen.
Ganz Europa hilft im Werk, die Erzeugung zu steigern,
den Bau voranzutreiben."
"Wir haben Arbeitskleidung bekommen,
Altkleider, die kürzlich im Protektorat gespendet wurden.
Uns kosteten die zusätzlich 25 Mark pro Stück.
Wir werden hier auf Schritt und Tritt abgezockt.
Das Deutsche Reich heißt dich, Fremdarbeiter,
als Gast willkommen und wird dich entsprechend behandeln."
Ich hätte es sicher anders,
wahrscheinlich emotionaler und impulsiver erlebt.
In gewisser Weise bewundere ich ihn sogar dafür,
dass er sich damit so auseinandergesetzt hat.
Das war seine Natur.
Er ging wissenschaftlich an die Sache heran,
ein bisschen wie ein unbeteiligter Beobachter.
Tatsächlich geht es Matousek in Österreich etwas besser
als vielen anderen Zwangsarbeitern.
Sogar Ausflüge und Urlaub darf er machen.
Schließlich wird er wegen einer Erkrankung nach Hause entlassen.
"Es ist ein interessantes Phänomen meiner Erinnerungen,
dass das Schlimmste, was mir während meiner Zwangsarbeit widerfahren ist,
in meinem Tagebuch fehlt.
Ich erwähne nicht, dass ich fast ein Auge verloren hätte,
weil sich ein Stück heißes Eisen löste.
Die Ausländer hatten weder Schutzschürzen noch Kopfschutz.
Oder dass ich einmal nur um Haaresbreite entkam,
als ich mit einem mit Eisenstangen beladenen Karren zusammenstieß.
Ich wurde der Sabotage beschuldigt,
von der Polizei verhört und körperlich misshandelt.
Aber selbst bei unmenschlichen Erlebnissen
sind es oft die komischen, herzzerreißenden Momente,
die uns im Gedächtnis bleiben."
Vladimir Matousek stirbt 2021 im Alter von 100 Jahren.
In dem Heim, in dem er am Ende lebte,
schmeckte ihm das Essen nicht.
Er sagte, es sei nur ein kleines bisschen schlechter
als das Essen während der Zwangsarbeit.
Nach dem Krieg gehen die Anlagen der "Reichswerke Hermann Göring"
in das Eigentum des österreichischen Staates über.
Heute gehören sie
der mehrheitlich staatseigenen Aktiengesellschaft voestalpine.
Erst 1998 gibt voestalpine eine Studie zur Zwangsarbeit in Auftrag.
Sie ermittelt, dass insgesamt mehr als 20.000 Zwangsarbeiter
in der österreichischen Stahlproduktion eingesetzt waren.
Nur durch ihren Einsatz war der Aufbau mehrerer Stahlbaubetriebe
und Wohngebiete für deren inländische Mitarbeiter möglich.
Jan Sefl aus dem böhmischen Dorf Hvozdany
wurde mit 20 zur Zwangsarbeit verpflichtet
und der "Organisation Todt" im besetzten Norwegen zugeteilt.
Erst aus dem, was mir mein Vater erzählt hatte,
erfuhr ich, wie wichtig Norwegen für Deutschland war.
Insbesondere um U-Boot-Stützpunkte zu errichten,
einen U-Boot-Krieg zu führen
und die Vorherrschaft im Atlantik zu erlangen.
Gebaut werden Eisenbahnlinien, Straßen, Kraftwerke, Brücken,
Dockanlagen und Befestigungswälle an den Küsten.
Selbst der Granit für Albert Speers zukünftige Hauptstadt "Germania"
soll in Norwegen abgebaut werden.
"Wir wanderten etwa eine Stunde lang
eine zerfurchte Straße in die Berge hinauf,
wo wir Spitzhacken, Schaufeln und Arbeitshandschuhe bekamen.
Wir bereiteten das Gelände für die Aufstellung von Holzbaracken vor,
angeblich für Bauarbeiter und andere Arbeiter.
Wir haben 9 Stunden lang im Schnee, in der Kälte gearbeitet."
"Mit dem Ausbau der Häfen und mit der Anlage von U-Boot-Bunkern
an verschiedenen Punkten der Küste.
So wurde Norwegen zu einer wichtigen Operationsbasis
auch unserer Kriegsmarine."
Was Zwangsarbeiter wie Jan Sefl
hier nach dem Willen deutscher Strategen erbauen:
Norwegen als nördliche Grenze eines arischen Großwirtschaftsraums Europa.
Für die Arbeiter ist es eine doppelte Belastung,
die Witterung ist extrem, die Heimat weit weg.
"Ich habe eine unvergessliche Erinnerung
an den Weihnachtsabend 1942.
Wir schmückten den Raum mit allem, was wir in der Stadt finden konnten
und bastelten unsere eigene Fahne
mit der Aufschrift 'Vaterland sei gegrüßt' darüber.
Wir haben auch 'Böhmen, mein schönes Böhmen' gesungen.
Und am Ende stand unsere tschechoslowakische Hymne.
Tränen in unseren Augen, Heimweh."
Dass er hier nicht verzweifelt, verdankt Jan Sefl einem Glücksfall.
Eine norwegische Familie lädt ihn an den Wochenenden zu sich ein,
ist ihm tausende Kilometer entfernt von der Heimat eine "Ersatz-Familie".
Norwegen zu besuchen, ist bis heute mein Traum.
Ich wollte, aber es gab nie die Gelegenheit dazu.
Erst,
weil wir unter dem kommunistischen Regime nicht frei reisen durften.
Und als mein letzter Sohn geboren wurde,
war ich kurz davor, einen Wohnwagen zu besorgen
und damit nach Norwegen zu fahren.
Und ich wollte die norwegische Familie suchen, um ihr zu danken.
Das hat mich jetzt gerade etwas aus der Bahn geworfen.
Denn ich habe es noch nicht geschafft.
Aber diese Leute halfen meinem Vater,
die Zeit der Zwangsarbeit zu überleben.
Aber Jan Sefl erlebt in der unwirtlichen Winterlandschaft auch,
dass es anderen noch schlechter geht, den sowjetischen Kriegsgefangenen.
"Da ich den Hunger kannte,
warf ich ihnen gedankenlos ein paar Kanten Brot zu.
Und es war schlimm,
sie stritten sich um das Brot und es gab eine Schlägerei.
Der junge Deutsche, der sie bewachte,
beendete das Ganze mit einem Schuss in die Luft.
Als wir im Lager ankamen, wurde ich verhört.
Der Lagerführer rief schrill:
Ihr habt unsere deutschen Kameraden beraubt
und unsere Feinde unterstützt.
Ich schicke Sie nach Narvik vor ein Kriegsgericht!
Ich vermutete,
dass ein Kriegsgericht für die Deutschen eine Kugel sei."
Ein deutsches Kriegsgericht, das wäre der Tod für Jan Sefl.
17.000 von den mehr als 130.000 Zwangsarbeitern,
die in Norwegen arbeiten, sterben.
Als die Deutschen 1944 das Land verlassen,
zerstören sie, so viel sie können.
Ganze Landstriche hinterlassen sie als "verbrannte Erde",
tausende Norweger werden deportiert.
1960 zahlt die Bundesrepublik Deutschland
Norwegen dafür eine Entschädigung von 60 Millionen DM.
Eine Vielzahl der von den Zwangsarbeitern erbauten Straßen,
Bahnstrecken und Kraftwerke wird bis heute genutzt.
Ellis Hertzberger, der Mikrobiologe aus Rotterdam,
ist wie auch seine Ehefrau Josy im Durchgangslager Westerbork.
Er musste zuschauen, wie sein Bruder Leopold
und weitere Verwandte in die Todeslager deportiert werden.
1944 müssen auch er und seine Frau sowie seine Assistentin Jenny Gold
einen Zug in den Tod besteigen.
Mein Opa wurde nicht in der Straßenbahn verhaftet,
weil er Bakteriologe war und sie Bakteriologen suchten.
Opa wurde verhaftet,
weil er Jude war und sie die Juden ausrotten wollten.
Sie wollten die Juden vernichten.
Es gab Arbeit, die Menschen wie meinen Großvater rettete.
Aber das ist eine andere Form der Zwangsarbeit.
Man wartet auf den Tod.
Für Ellis wird die Arbeit zur Rettung vor der "Vernichtung durch Arbeit".
"Wir sind dann in ein Außenkommando überführt worden,
wo eine große Fabrik stand, die BRABAG,
die Braunkohlen Benzin Aktiengesellschaft.
Die war lebenswichtig für die deutsche Kriegsführung,
denn man crackte dort Braunkohle
und machte Benzin für die Flugzeuge daraus.
Da wurde hart gearbeitet.
Es wurden Bunker gebaut und es musste Schutt weggeräumt werden,
denn es wurde von den Alliierten bombardiert."
Auch in Schwarzheide
wird Ellis Hertzberger dem Tod noch einmal entkommen.
Noch einmal hilft ihm dabei sein Beruf.
"Bist du Hertzberger, Ellis? Ich sage: Jawohl.
Was ist dein Beruf? - Ich bin Arzt, Bakteriologe.
Willst du weg von hier, willst du wieder in deinem Beruf arbeiten?
Ich habe das Risiko auf mich genommen und gesagt: Jawohl.
Ich musste also wieder fort, nach Auschwitz.
Und neben mir sitzt ein Mann, der sagte so aus dem Mundwinkel heraus:
Wo gehst du hin?
Ich antwortete auch aus dem Mundwinkel: nach Auschwitz.
Da sagt der: Oje, wo der große Kamin steht."
Jenny Gold, die in Westerbork die Assistentin von Dr. Hertzberger war,
muss in mehreren Konzentrationslagern schwere körperliche Arbeit leisten.
Die 17-Jährige schleppt jetzt Steine, baut Bunker und Landebahnen.
"Als die Landebahn fertig war, wurden grüne Zweige auf sie gelegt.
Schaut, wie festlich geschmückt.
Sie sind glücklich, dass die Arbeit getan ist!
Mit Kuchen und Champagner haben wir gerade noch gerechnet.
Zwar hörten wir von Zeit zu Zeit Flugzeuge und Schüsse,
aber dass die grünen Zweige als Tarnung dienten,
kam uns nicht in den Sinn, so weltfremd waren wir."
In Oma Jennys Geschichten gibt es eigentlich keinen Humor.
Sie erzählte einmal: Ich habe mein Bunkerdiplom.
Ich bin sehr gut darin, Bunker zu bauen.
Dabei wäre das Bunkerbauen fast ihr Tod gewesen!
Nur ein paar Wochen länger und sie wäre gestorben,
unterernährt in der Kälte.
Das ist nicht lustig und trotzdem macht sie einen Scherz darüber.
Zwangsarbeiter, die Bunker und Landebahnen bauen,
die Gleise verlegen,
auf denen Zwangsarbeiter in den Tod geschickt werden.
Die zur Prostitution gezwungen werden.
Die aus halb Europa ins Deutsche Reich geholt werden.
An denen Unternehmen verdienen,
Grundstücksbesitzer, Vermieter, Verwalter, Ämter, Privatpersonen.
13 Millionen junge Menschen aus ganz Europa arbeiten "unter Deutschen".
Sie produzieren Waffen und Munition,
mit denen diese Deutschen gegen ihre Heimat kämpfen.
Ein Perpetuum Mobile des Grauens.
Irma Trksak, die 1941 in Wien verhaftet wurde,
weil sie im Widerstand gegen die Deutschen und den Krieg war,
muss im Siemens-Lager Ravensbrück Zwangsarbeit leisten.
Im eigens in der Nähe des KZ gebauten Werk
werden elektronische Geräte für den Krieg produziert.
Irma Trksak bleibt widerspenstig.
Eines der wenigen Erlebnisse,
was sie mir erzählt hat über die Arbeit bei Siemens,
weil das wieder ein positives Erlebnis war.
Dass sie, nicht nur sie,
sondern das eben da ziemlich in großen Mengen
diese Platin-Kontakte da waren, die in die Relais eingebaut wurden.
Dass sie immer, wenn sie aufs Klo gegangen sind,
eine Hand voll von diesen Platin-Kontakten
mitgenommen und ins Klo geworfen haben.
"Natürlich haben die Häftlinge auch versucht zu sabotieren,
aber das war sehr gefährlich,
denn das wurde auch bestraft, bis zum Erschießen.
Viele Russinnen sind wegen Sabotage erschossen worden.
Das waren überhaupt ganz besondere Frauen.
Rotarmistinnen, die als Ärztinnen und Krankenpflegerinnen
in der Roten Armee gedient haben.
Die haben es auch gewagt, zum Beispiel zu sabotieren.
Es waren schon große Heldinnen unter den Häftlingen."
Eines Tages wird Irma denunziert.
Sie hatte Zeitungen in ihre Baracke geschmuggelt,
um den Kriegsverlauf zu verfolgen.
Jetzt ist Schluss mit "normaler Zwangsarbeit" bei Siemens.
"Sie haben im Stammlager eine Selektion gemacht.
Alte, kranke Frauen
wurden in das ehemalige Jugendlager Uckermark gebracht.
Und auch jene Frauen, die etwas verbrochen hatten, so wie ich.
Das kann man sich gar nicht vorstellen,
was das für eine Hölle war, die Hölle von Uckermark.
Es gab kaum zu essen,
man hat den alten Frauen die Strümpfe weggenommen,
dass sie bei den Apellen draußen frieren mussten.
Wir haben sie schreien gehört nachts.
Die Sterbenden mussten wir rauslegen."
Die Hölle von Uckermark, und das Kriegsende noch lange nicht in Sicht.
Francois Cavanna aus Paris ist bei der Firma Graetz in Berlin,
arbeitet ebenfalls in der Rüstung.
Er stellt Hülsen für Granaten her.
Und auch er möchte das beenden, um jeden Preis.
"Ich versuchte,
so intensiv wie möglich gegen die Deutschen zu arbeiten.
Ich hatte die Nase voll, ich wollte mich verletzen.
So habe ich beschlossen, dass ich meine Hand verlieren werde."
Ich selbst hatte erst verstanden,
dass ihm dort ein Unfall passiert war.
Aber in Wirklichkeit
hat er sich diese Verletzung freiwillig zugefügt, absichtlich.
"Jedes Mal, wenn das Ding bohrte, erschütterte es die Maschine,
die bestimmt tausende von Tonnen wog.
Bäm, bäm, bäm, der Boden zitterte.
Und so stampfte ich meine Hand ins Loch der Maschine."
Er legte den Zeigefinger unter die Presse
und sein Finger wurde zerquetscht.
Sein Zeigefinger war dann breit wie ein Suppenteller.
Im Krankenhaus haben sie ihm dann den Finger amputiert.
Ungefähr so, kurz über dem Fingerglied.
Was er da durchgemacht hat, erscheint mir schrecklich.
Sie hatten nichts oder kaum etwas zu essen
und waren zu schwerster Arbeit verpflichtet.
Es gab viele, die nicht von der Zwangsarbeit zurückgekehrt sind,
sehr viele.
Etwa 2,5 Millionen von den 13 Millionen Zwangsarbeitern sterben,
unter Deutschen, jeder fünfte.
Und Francois?
Seinen Überlebenswillen verliert er nicht.
Er ist verliebt, verliebt in die Ukrainerin Maria.
"Leise geht die Tür auf. Maria!
Sie macht: Pscht!
Sie guckt sich um nach links, nach rechts,
sie schlüpft herein, sie kniet sich neben das Bett.
Drückt mich mit beiden Armen an sich.
Ich drücke sie auch. Das tut gut.
Sie weint.
Die Frauen haben ihr wohl gesagt, dass ich im Sterben läge."
Diese Zeichnung von Francois Cavanna ist das einzige Bild,
das es von Maria gibt.
Copyright MDR 2023 UT: Büschel
Can't find what you're looking for?
Get subtitles in any language from opensubtitles.com, and translate them here.