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***
Sie sind jung, in der besten Zeit ihres Lebens.
Sie verbringen diese Zeit als Zwangsarbeiter unter Deutschen.
Mehr als 13 Millionen Menschen aus halb Europa
werden zwischen 1938 und 1945
unfreiwillig ins Deutsche Reich geholt.
Sie werden ausgebeutet, jahrzehntelang vergessen.
Zwangsarbeit im Dritten Reich,
für die einen ein abgeschlossenes Kapitel.
Für andere das wahrscheinlich größte
der vergessenen deutschen Kriegsverbrechen.
Lange haben die Deutschen das,
was sie den Zwangsarbeitern und ihren Familien angetan haben, ignoriert.
Bis heute wird die Zwangsarbeit gerne verklärt.
Sätze wie "Unsere Olga hatte es doch gut bei uns"
hört man oft unter Deutschen.
Hatte sie?
Opas Mikroskop, ein Zeiss-Mikroskop.
Das ist mehr als hundert Jahre alt.
"Ich sagte: Professor, ich möchte Bakteriologe werden.
Er sah mich über seine Brille hinweg an und sagte:
Da werden Sie Beamter und nicht gerade reich.
Ich habe es doch gemacht. Das hat mir mein Leben gerettet."
Ich bin Rosanne Hertzberger, eins von den 5 Enkelkindern
von Ellis Hertzberger und Jenny Hertzberger-Gold.
Ich bin Schriftstellerin und wie mein Großvater Mikrobiologin.
Rotterdam, eine florierende, eine weltoffene Stadt.
Eine Stadt des Handels, ein Tor zur Welt.
Dort links hinter den Gebäuden, da war das Haus von Opa Ellis.
Hier wird Ellis Hertzberger 1914 als ältestes von 3 Kindern geboren.
"Ich bin in eine 'goldene Wiege' hineingeboren worden.
Das heißt, ich konnte mir eigentlich alles leisten.
Ich hatte ein Motorrad und als Student hatte ich ein Segelboot.
Und so wurde das Segeln eine große Leidenschaft von mir."
Was haben wir hier noch?
Lass uns hier nach Opa und Oma suchen.
Da müssten wir einiges finden.
Schau, hier bin ich!
Ja, Papa, es geht nicht um dich!
Boote, Boote, Boote! - Boote, Boote, Boote.
Hier sind Oma Jenny und Opa Ellis.
Und hier ist Josy de Raaj.
Josy war die erste Frau von Opa.
Sogar mit Hermelin über der Schulter.
Siehst du das?
Mein Opa war ein Geschichtenerzähler und ein Spaßvogel.
Er hat uns viel beigebracht, besonders das Segeln,
auch wenn er schon 70 war, als ich 1984 geboren wurde.
Er erzählte immer, dass sein Beruf ihm das Leben gerettet hat.
Ich weiß nicht, ob ich auch deshalb Mikrobiologie studiert habe,
weil ich dachte,
dass man im Fall eines Kriegs noch etwas bewirken könnte.
Bis in die 30er-Jahre
gibt es ein florierendes jüdisches Leben in den Niederlanden.
160.000 Juden leben hier.
Nach der Machtergreifung der Nazis
wandern viele deutsche Juden in die Niederlande aus.
"Ich war in der Niederländischen Zionistischen Studentenorganisation.
Ich hatte meine Bar Mizwa und ich habe eine Kippa gehabt.
Aber die Niederländer gingen locker damit um.
Ein Synagogengänger war ich nie.
1936 gab es dann eine große Erfolgsnummer,
die Zeitung 'Volk en Vaderland',
die wurde von den niederländischen Nationalsozialisten verbreitet.
Da dachten wir, jetzt geht es los,
aber hier in den Niederlanden wird schon nichts passieren."
"Im Juni 1933 meldete ich mich zur SA,
um mich in den Dienst unseres Führers und Vaterlandes zu stellen.
Und ich wurde am 15. September '33 in dieselbe aufgenommen.
An Ostern 1935 habe ich mich verheiratet.
Wilhelm Frank, Fürth."
Ich bin Amella Mai, die Enkelin von Wilhelm Frank.
Und ich habe ein Buch über ihn geschrieben.
Meine Oma hatte ein Bild von sich, ihrem Mann und ihren 3 Kindern.
Einen sehr netten Bayern, Lederhose.
Sehr frisch, fröhlich, vergnügt, harmlos.
Nett, auf jeden Fall.
Und der Opa kam nicht vor, wurde auch nichts über den erzählt.
Es muss einen Grund haben.
Also war der böse, war das ein Verbrecher?
Was hat er denn gemacht, dass über den nichts erzählt wird?
Er hat an Führers Geburtstag geheiratet.
Es stehen da mindestens 12 SA-Leute um ihn herum oder stehen da Spalier.
Das ist natürlich die Frage: Warum macht er das?
Deutschland in der Weltwirtschaftskrise,
ein Land im Griff von Deflation und Massenarbeitslosigkeit.
So kommt Hitler 1933 an die Macht.
Eines seiner ersten Ziele ist die "Förderung der nationalen Arbeit".
Arbeit wird zu einem Zauberwort im "Deutschen Reich".
Es wirkt bei den Wählern.
"Es geht um die Freude an der Arbeit
für den schaffenden deutschen Menschen.
Es gibt schon einzelne vorbildliche Betriebe.
Und wenn auch tausende jetzt noch verwahrlost sind,
einmal werden alle deutschen Betriebe vorbildlich sein."
Die "Deutsche Arbeitsfront" wird gegründet,
Gewerkschaften sind damit abgeschafft.
Das "Amt für die Schönheit der Arbeit"
zeichnet nationalsozialistische Musterbetriebe aus.
Das Zauberwort wirkt auch bei der Industrie.
Viele wittern gute Geschäfte:
Messerschmitt, Melitta, Schiesser, Boss, die Liste ist lang.
Zahlreiche Industrielle
versammeln sich im "Freundeskreis Reichsführer SS".
Lobbyisten mit dem Hakenkreuz am Revers.
Tatsächlich zieht die Wirtschaft an.
Ende der 30er-Jahre herrscht Vollbeschäftigung.
Die Propaganda spricht vom "deutschen Wirtschaftswunder".
Wilhelm Frank schließt sich an, er tritt in die NSDAP ein.
Dieser Eintritt in die NSDAP,
der war Bedingung dafür, dass er Beamter wurde.
Er hat ja die Beamtenlaufbahn eingeschlagen.
Die Sehnsucht danach, etwas Besonderes zu sein,
rauszukommen aus dem Nichts, das er vorher war.
Arbeitslos, keine Perspektive, das vielleicht umzudrehen
und die Chance zu sehen, gerade im Dritten Reich,
zu sagen, es geht ja hier bergauf, ich muss nur mitmachen.
Wer war der Opa, über den nie gesprochen wurde, der junge Mann,
der die Höhere Staatslehranstalt
gerade so mit der Note "genügend" abschließt?
Die Spurensuche führt nach Weiden in der Oberpfalz.
Weiden, bin ich hängengeblieben.
Weil Flossenbürg, das Konzentrationslager,
ist sehr nah, 12 Kilometer.
Und das war ein Konzentrationslager,
das war gar nicht für Juden errichtet worden.
Sondern Mitte '36, '37 erst mal für "Arbeitsscheue",
"Parteigegner", "Religiöse", "Homosexuelle".
Und die waren dort in den Steinbrüchen eingesetzt.
Mein Opa war ja Straßenbauer damals.
Und für Straßenbau braucht man Steine.
Und dann war mir schon klar,
dass da irgendeine Beziehung bestanden haben muss.
Was wusste Wilhelm Frank von den ersten Zwangsarbeitern?
Was wussten die Deutschen?
Niemand spricht darüber.
Damals nicht, später nicht.
Wir sehen auch zum Beispiel, wenn ich meine Oma sehe,
wir sehen diese Frauen nicht.
Was haben die eigentlich gemacht?
Meine Oma ist jeden Tag an diesen Steinbrüchen vorbeigegangen.
Die hat diese Zwangsarbeiter gesehen, jeden Tag.
Die liefen ja schon äußerlich deklariert herum,
in Kolonnen mit Holzschuhen im Winter.
Die hat die gesehen. Was macht die denn damit?
Auch das wird überhaupt nicht thematisiert.
Als nach dem Krieg mit den Nürnberger Prozessen
die juristische Aufarbeitung des Nationalsozialismus beginnt,
ist von einem "Tätervolk" nicht die Rede.
Angeklagt werden nur die oberen Dienstgrade.
Die Mehrheit der Deutschen fühlt sich als Opfer.
Des Krieges, der Luftangriffe, des Führers.
Immerhin wird er als Schuldiger ausgemacht: Fritz Sauckel,
der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz,
verantwortlich für die Zwangsarbeit.
Die Gauleiter,
die ich zu Bevollmächtigten einsetzte für den Arbeitseinsatz.
Sie hatten nur die alleinige Aufgabe,
für die korrekte Versorgung und Behandlung
der deutschen und der ausländischen Arbeiter zu sorgen.
Sauckel streitet jegliche Schuld ab.
Er wird unter anderem
wegen der Verschleppung von Millionen Menschen zum Tode verurteilt.
In den weiteren Nachkriegs-Prozessen spielt die "Sklavenarbeit",
wie die amerikanische Justiz die Zwangsarbeit nennt, kaum eine Rolle.
"Viele bekannte deutsche Anwälte
wollen nun einen Freispruch für ihre Mandanten erreichen.
Einige streiten jegliche Schuld ab."
Dem großen Leugnen folgt das große Verdrängen.
Unsere Olga hatte es doch gut bei uns, lautet eine gängige Legende.
Manchmal habe ich vermutet, es gibt so eine Art Handbuch:
"Ich wollte in den Krieg, weil ich das Vaterland verteidigen will.
Die Wehrmacht war anständig und ich habe nie irgendeinen erschossen.
Keiner hat einen erschossen.
Auch: Wir haben keine Schuld, wir können nichts dafür."
Auch so ein Standardsatz.
"Wir hatten eine Polin, aber die hatte es gut bei uns.
Die hat sich wohlgefühlt."
Auch dieser Satz, wenn man den von so verschiedenen Menschen hört,
die nichts miteinander zu tun haben,
fragt man sich, wo habt ihr diesen Satz her?
Im Osten, in der DDR, gibt es noch nicht einmal den.
Hier bestimmen Gedenkstätten
für die gefallenen sowjetischen "Freunde" das Bild,
Ehrenhaine, wie dieser in Zeithain in Sachsen.
Mehr als das sollten und wollten die Bürger nicht wissen.
Zwangsarbeit? Kein Thema!
Die Nazis sind im Westen und wir für nichts verantwortlich.
Ob in Sachsen oder Niedersachsen,
nach dem Krieg herrscht die kollektive Unschuld.
Die Wirklichkeit sah so aus.
Das Nazi-Regime hatte sich im Alltag etabliert.
Die Akzeptanz war riesig.
Millionen von Deutschen haben sich in diesem System eingerichtet.
Viele profitieren von den Zwangsarbeitern, auch privat.
200.000 Familien haben ausländische,
vor allem osteuropäische Haushalthilfen.
Auch Wilhelm Frank macht mit, ein ganz normaler Deutscher.
Soll er jetzt seine Karriere hinschmeißen aus Gewissensgründen?
Oder soll er sagen, prima, ich bin dabei,
das ist was ganz Besonderes, und ich bin ein Teil davon.
Die 1. Tschechoslowakische Republik, 1918 gegründet,
endlich aus Prag und nicht mehr aus Wien regiert.
Das Land ist selbstbewusst, hat Verbündete in Ost und West.
Man ist auf einem guten Weg, bis zur Weltwirtschaftskrise.
Schon bald nach Hitlers Machtantritt in Deutschland
kehrt ein alter Konflikt zurück.
30% der Einwohner des Landes sind Deutsche.
Viele von ihnen folgen der Sudetendeutschen Partei
und ihrem "Führer" Konrad Henlein.
Ihr Blick geht nach Berlin,
wo es Arbeit und einen noch größeren Führer gibt.
"Gibt es ein größeres Glück als das unsere?
Wir kehren heim ins Reich!"
Nach dem "Münchner Abkommen"
wird das vorwiegend von Deutschen bewohnte Sudetenland
im Oktober 1938 besetzt.
Im März 1939 folgt die gesamte,
von Hitler verächtlich "Rest-Tschechei" genannte Republik.
Die Deutschen jubeln, die Tschechen nicht.
Für Tausende von ihnen wird sich das Leben nun ändern.
"Im Nachhinein frage ich mich noch immer,
wie ich das damals tagelang draußen in der Eiseskälte ausgehalten habe.
Vielleicht, weil wir noch so jung waren.
Wir hatten uns wohl an den Winter gewöhnt."
Ich bin Stanislav Sefl, der Sohn von Jan Sefl.
Jan Sefl, der junge Mann,
der das Saxofon in der Kapelle des böhmischen Dorfes Hvozdany spielt,
will Metzger werden, bei seinem Onkel in Liberec in die Lehre gehen.
Aber er wird zuhause gebraucht, der Vater ist Kriegsinvalide.
Nebenbei verdingt er sich als Waldarbeiter.
Er hatte es als 5. Kind in der Familie von Anfang an nicht leicht.
Er war abgehärtet, denn das Leben auf dem Land war nicht einfach.
Er arbeitete im Wald, auf dem Bauernhof,
kümmerte sich, wurde Kapellmeister, verdiente Geld.
Das Leben der Sefls wird nun noch härter.
Im "Protektorat Böhmen und Mähren"
wird die "Allgemeine Arbeitspflicht" eingeführt.
Bald werden ganze Jahrgänge verpflichtet, 2 Jahre zu arbeiten
für "staatswichtige Aufgaben" des Deutschen Reiches.
Leider hatte er das Pech, zu dem ausgewählten Jahrgang zu gehören.
Vielleicht versuchte er sogar, die Entscheidung anzufechten.
Doch er gehörte zu dem Jahrgang, der zwangsverpflichtet wurde.
Also musste mein Vater gehen.
Wien.
Am 15. März 1938 ist die Euphorie groß.
Hitler verkündet auf dem Heldenplatz,
Österreich werde "heim ins Reich" geholt.
Als Führer und Kanzler der Deutschen Nation und des Reiches
melde ich vor der deutschen Geschichte
nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich.
"Ich sage immer,
in diesem Moment ist für mich die Nacht über Österreich gefallen.
Denn wir haben fast geweint.
Wir haben gewusst, was auf uns zukommt.
Denn in Deutschland ist er ja schon seit 1933 an der Macht,
und wir wissen, was er dort gemacht hat."
Ich bin der Ludwig Trksak, der Sohn der Irma Trksak,
die im Zweiten Weltkrieg im Widerstand war in Österreich.
Und die nach ihrer Rückkehr aus dem Konzentrationslager
bis zum Eintritt ihrer Demenz als Zeitzeugin hochaktiv war.
Irma Trksak
wächst in einer slowakischen Arbeiterfamilie in Wien auf.
"Ich habe von der Volksschule bis zur Matura
die tschechische Schule besucht.
Sie war zweisprachig, wir haben dort auch Deutsch gelernt.
Nach der Matura bin ich nach Prag gegangen,
habe ein Jahr die Pädagogische Akademie absolviert.
Und ich habe nach meiner Rückkehr begonnen, hier im 20. Bezirk
an einer tschechischen Volksschule zu unterrichten."
Ihr Vater ist Sozialdemokrat.
"Mein Vater war ein sehr freiheitsliebender Mensch.
So bin ich großgeworden,
die höchsten Werte waren Demokratie, Freiheit und Menschenwürde."
Noch 1938 werden die tschechischen Schulen geschlossen.
Irma verliert ihre Anstellung.
"Weil wir slawischen Ursprungs waren, waren wir minderwertig.
Wir waren Menschen zweiter Klasse.
Aber wir wollten nicht hinnehmen,
dass wir auf die Straße gesetzt wurden.
Also haben wir kleine Gruppen gebildet
und versucht, öffentlich zu machen, welches Unrecht uns geschieht.
Haben Flugblätter gedruckt.
Haben geschrieben, dass Hitler einen Krieg plant
und es nur deshalb plötzlich so viel Arbeit gibt."
Von nun an ist Irma Trksak im Widerstand, eine Staatsfeindin.
Die große Mehrheit aber jubelt dem Führer zu.
Ein Begrüßungsjubel, der später lange erfolgreich "vergessen" wird.
Die Nazis sind für viele Österreicher jahrzehntelang ein deutsches Problem.
Und Österreich ist das erste Opfer des NS-Regimes.
Nachdem meine Mutter in Österreich in den Widerstand gegangen ist,
das impliziert indirekt,
dass auch in Österreich Widerstand erforderlich war.
Und wenn Österreich so nur das Opfer war,
hätte man ja nicht
gegen die Österreicher in den Widerstand gehen müssen.
Eine Debatte darüber beginnt erst,
als sich ein ehemaliger Wehrmachts-Offizier
mit SA-Mitgliedschaft anschickt, Bundespräsident zu werden.
Es handelt sich hier
um eine groß angelegte Verleumdungskampagne gegen mich.
Eine solche hat es in der Geschichte Österreichs
nach dem Zweiten Weltkrieg bisher nicht gegeben.
"In diesem gerichtlichen Tagebuch
wird ein Fragebogen aus dem Jahr 1940 zitiert.
Demzufolge war Waldheim bei der SA und im NS-Studentenbund."
Der wurde nicht von mir ausgefüllt.
Im Jahr '40
war ich bei der deutschen Wehrmacht eingerückt, als Soldat.
Wie hunderttausende Österreicher auch,
die ihre Pflicht erfüllt haben.
50 Jahre sind nach dem Wiener Hitler-Jubel vergangen.
Der pflichtbewusste Kurt Waldheim ist mittlerweile Präsident.
Da zeigt ausgerechnet ein Theaterstück,
wie dünn die Haut noch ist.
Mist wird vor das Burgtheater gekippt,
weil Thomas Bernhards Drama "Heldenplatz"
den Opfermythos in Frage stellt.
Ein Skandal!
"Am 1. September 1939 setzen die Einheiten der deutschen Truppen
über die deutsch-polnische Grenze zum Gegenangriff an."
Der Lüge vom "Gegenangriff"
folgt die allgemeine Arbeitspflicht im General-Gouvernement,
wie die Deutschen das besetzte Polen nennen.
Ein Klischee erfüllt sich.
Die deutschen Panzer sind kaum durch, da öffnen schon die deutschen Ämter.
"1940 ist mein ältester Bruder
zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden.
Und am 30. April 1941 haben wir dann ein Schreiben bekommen,
dass ich mich in der Kreisstadt melden sollte.
Man durfte ein paar Schuhe und einen Arbeitsanzug mitnehmen, mehr nicht."
"Lebenslauf.
Ich bin geboren in Groß-Radomysl, Kreis Milez, Polen.
Nach dem Besuch der Volksschule
bin ich als Schuhmacherlehrling im Jahre 1937 eingestellt worden.
Ich musste aber nach 2 Jahren,
da der Krieg ausbrach, meine Lehre aufgeben.
Im Jahre 1941 bin ich nach Deutschland deportiert worden."
Mein Name ist Maria Leonhard, ich bin die Tochter von Josef Bednarz.
Als ich den Lebenslauf jetzt gelesen habe,
da wusste ich erst mal die ganzen Dinge.
Also er war 19, als er von zu Hause weg kam.
Ja, das ist schon eine schreckliche Vorstellung,
wenn sie einfach geholt werden.
Nur das, was sie anhaben. Und mit einem ungewissen Ziel.
Also die ganze Ungewissheit als junger Mensch.
"Bei der Verabschiedung
hat mir mein Vater noch ein Päckel Zigaretten gegeben.
Damals war ich 19 Jahre alt.
Und dann hat er mir erklärt, ich erlaube dir offiziell zu rauchen.
Nun ja, so war es.
Jeden Tag wurden Transporte zusammengestellt.
Und wenn da nicht alles geklappt hat,
da hat es Schläge mit dem Gummiknüppel gegeben.
Und da ging es dann von Krakau mit Viehwaggons weiter.
Dann ging es fast 8 Tage lang
und zum Schluss bin ich nach Freiburg gekommen."
Die Polen werden vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt.
Viele Bauern sind im Krieg.
Die polnischen Landarbeiter übernehmen die Arbeit
und sorgen dafür,
dass die Versorgung im Deutschen Reich vergleichsweise stabil bleibt.
Trotz des Krieges.
"Nachdem mich der Bauer abgeholt hat,
sind wir auf einen Parkplatz gefahren.
Er ist fort, und da ist eine Frau zu mir gekommen.
Sie hat bemerkt, dass ich nichts verstehe,
und sie zeigte auf eine Papiertüte.
Da war verschiedenes Brot und Weckle drin.
Ich sollte das dem Pferd zu essen geben.
Wo die Frau dann weg war,
habe ich die Weckle selber reingespachtelt.
Ich war ganz schön verhungert."
Dann hat meine Mutter erzählt, es waren schon schreckliche Stunden,
die er erlebt hatte, und es hat mich manchmal schon berührt.
Und dann wollte ich halt mehr wissen.
Josef Bednarz selbst wird mit seinen Kindern
nie über seine Erlebnisse als Zwangsarbeiter sprechen.
Ich habe das Gefühl, er wollte uns schützen,
dass wir in der Schule vielleicht gehänselt werden.
Ich weiß es nicht.
Es war ja früher nicht so einfach,
wenn grad Polen nach dem Krieg auf dem Dorf waren.
Wir haben auch die polnische Sprache nie gelernt.
Heute wäre ich froh, ich könnte sie.
Mehr als 3 Millionen Polen müssen Zwangsarbeit leisten.
Polnische Landarbeiter,
günstige Erntehelfer, Gurkenpflücker, Spargelstecher,
es gibt sie zu allen Zeiten.
Männer wie Josef Bednarz aber kamen nicht freiwillig nach Deutschland.
"Gerade die Jugendjahre zwischen 18, 19, 20,
die waren für uns nicht mehr da durch die Zwangsarbeit.
Ich und viele meiner Kollegen,
wir haben keine schönen Jugendjahre gehabt."
Auch die Zwangsarbeit zählt zu den Verletzungen,
die bis heute auf dem deutsch-polnischen Verhältnis lasten.
Für die DDR und die Volksrepublik Polen
verordnet der "große Bruder" Sowjetunion
sozialistische Freundschaft.
"Die Fahrt durch Berlin bringt eine hunderttausendfache Bestätigung
der großen Freundschaft."
Und der Westen?
Ist im Kalten Krieg!
Bis ein deutscher Kanzler 1970 in Warschau
ein Abkommen mit Polen unterzeichnet und sich anschließend
spontan zu einer großen Geste der Versöhnung entschließt.
Ebenso klar ist auch geworden,
dass die beiden Völker einen neuen Anfang suchen,
dass sie gute Nachbarschaft wollen.
Die Suche und das Wollen dauern noch an.
Deutschland glaubt, alle Kriegsfragen seien durch Zahlungen
nach 2 Globalabkommen in den 60er- und 90er-Jahren geregelt.
In Polen sehen viele noch eine Rechnung offen mit den Deutschen.
Am 10. Mai 1940 beginnt der Westfeldzug des Deutschen Reiches,
genannt der "Fall Gelb".
Der Überfall auf Belgien, Luxemburg und die Niederlande.
"Im dichten Morgennebel
vollzieht sich der Übergang über die holländische Grenze."
"Mein Vater hatte eine große Praxis in Rotterdam.
Da sagt man nicht so einfach,
ich gehe jetzt weg nach Amerika oder England.
Aber meine Mutter wollte das eigentlich schon gern."
Ich sehe da eine gewisse Naivität und Optimismus,
was nicht immer von Vorteil ist.
Man müsste kämpfen, fliehen oder zumindest untertauchen.
Und ich erkenne, dass es typisch für meine Familie ist,
stets optimistisch zu bleiben, positiv im Leben zu stehen.
Das Glas ist halb voll!
Das kann gefährlich sein, weil man die Gefahr unterschätzt.
"Am 14. Mai rief mich mein Professor an,
dass ich nach Rotterdam kommen muss.
Mein Vater hatte Selbstmord begangen,
so wie viele jüdische Ärzte."
Maurits Hertzberger war 57 Jahre alt.
Mein Vater sagt immer, wenn etwas passieren sollte,
bucht er 10 Tickets nach Los Angeles und wir sind weg.
Wer weiß, ob es wirklich so wäre.
Aber ich hoffe, dass wir das nie durchmachen müssen.
Denn alles hinter sich zu lassen,
ist ja auch eine schwere Entscheidung.
"Dann bin ich mit dem Motorrad nach Rotterdam gefahren.
Nicht über die Reichsstraße, denn die Reichsstraße war gefährlich.
Und kaum war ich in Rotterdam,
fing schon eine Stunde später die Bombardierung an."
Am 15. Mai 1940 kapitulieren die Niederlande,
die Deutschen zerbomben Rotterdam dennoch.
Die Bomber waren schon unterwegs.
Ellis Hertzberger wird entlassen und beschließt,
mit seinem Bruder Leopold zu fliehen.
"Davor wollte ich mich von meiner Mutter verabschieden.
Und als ich in die Straßenbahn einstieg,
ging ich ohne meinen Stern rein.
Deshalb bin ich aufgegriffen worden.
Denn ich hatte ein großes 'J' in meinem Personalausweis."
Nur deshalb landete ich im Polizeigefängnis in Rotterdam.
Ellis Hertzberger, der junge jüdische Mikrobiologe,
ist jetzt in den Fängen der Nazis.
Josef Bednarz aus Radomysl Wielki bei Krakau ist seit 1941 in Deutschland.
Er wurde in Freiburg abgeholt und kam nach Hochdorf
in einen Landwirtschaftsbetrieb, in eine Familie.
Leider, muss ich sagen, wenn ich das sagen darf,
da ging es ihm nicht gut.
Und das hat mich ganz tief berührt.
Mit dem konnte ich fast nicht umgehen.
"Der Bauer war ein alter Mann.
Und ich habe nicht alles so richtig verstanden.
Er hat halt einmal erklärt und zweimal erklärt
und dann zum 3. Mal erklärt, und dann gab es halt die Peitsche.
Das war mein erster Deutschunterricht."
Ich konnte diese Leute nicht mehr grüßen.
Es war so, das hat mich am schlimmsten getroffen,
als ich das erfahren habe.
Ich konnte die Leute nicht mehr grüßen.
Beim Kirchgang erlebt Josef Bednarz abermals,
dass die Nächstenliebe der Deutschen Grenzen hat.
Selbst vor Gott sind, damals, eben nicht alle Schäfchen gleich.
Die Familie war sehr religiös, von Polen, von seiner Heimat.
Ich denke, dass ihm das viel bedeutet hatte.
Er ging immer in die Kirche, das war ganz wichtig.
"Unter Bewachung des Ortsgruppenleiters
sind wir in die Kirche geführt worden.
Da mussten wir in einer Ecke zusammenstehen beim Gottesdienst.
Nicht irgendwo in einer Bank.
Und auch wieder auf dem Rückweg: alles unter Bewachung.
Also Freiheit, freie Bewegung gab es überhaupt keine für uns.
Ständige Bewachung."
Unser Josef. Hatte er es gut bei uns?
Die Landarbeiter, viele von ihnen Polen,
sind oft besser als die anderen Zwangsarbeiter untergebracht.
Vor allem besser versorgt.
Gewalt und Ausgrenzung waren jedoch für viele Alltag.
Polen gelten als minderwertig
und müssen seit dem 8. März 1940 ein großes "P" auf ihrer Kleidung tragen.
Josef Bednarz hat Glück.
Nach wenigen Monaten wird er auf den Hof der Familie Binninger versetzt,
dessen Bauer zur Wehrmacht eingezogen wurde.
Er wurde aufgenommen wie der eigene Sohn
und hat viele Jahre dort gearbeitet.
Ich kenne die Familie, ich kenne die Kinder.
Die sind praktisch dort auch mit ihm aufgewachsen.
Und er hatte Kontakt zu der Familie, bis er krank wurde.
Und da wurde er wirklich wie ein Familienmitglied behandelt.
Ein kleiner Akt des Widerstands, des Anstands.
Eigentlich sollen polnische Zwangsarbeiter in der Scheune leben.
"Nur der deutsche Volksgenosse gehört in unsere Tischgemeinschaft",
heißt es auf dem Propaganda-Flyer für die Landwirte.
"Eines Tages kam der Ortsgruppenleiter zur Kontrolle
und hat gesehen, dass ich mit am Tisch sitze.
Da hat er zur Frau Binninger gesagt:
Du weißt doch ganz genau, er darf bei dir nicht am Tisch sitzen.
Jedes Mal hat die Frau Binninger 20 Mark bezahlen müssen als Strafe.
Und beim 3. Mal hat sie gesagt:
Du kannst noch 100-mal kommen und ich sage noch mal,
solange der Mann bei mir arbeitet, sitzt er auch bei mir am Tisch."
Irma Trksak aus Wien
hatte mit Freunden Flugblätter gegen die Schließung
der tschechischen Vereine und Schulen gedruckt.
Jetzt nimmt sie Kontakt
zu einer kommunistischen Widerstandsgruppe auf.
"Wir haben uns Feldpostnummern von Soldaten besorgt
und Kettenbriefe geschrieben,
in denen wir sie aufriefen, den Krieg zu beenden.
Dabei sind wir aber verraten worden.
Und im September 1941 wurde ich deshalb verhaftet.
Die Gestapo kam in unsere Wohnung:
Wir haben einige Fragen an Sie zu stellen!
Und diese Fragen dauerten dann 4 Jahre."
Nach mehreren Monaten im Polizeigefängnis in Wien
beginnen für sie die Jahre der Zwangsarbeit im Deutschen Reich.
Da ist Irma Trksak 23 Jahre alt.
"Wir wurden mit der Bahn transportiert.
Immerhin nicht in Viehwagen, in normalen Wagen,
in denen wir in kleinen Zellenabteilen
die ganze Zeit stehen mussten.
Das Ziel der Reise
war das Konzentrationslager Ravensbrück."
Ein Ort der Qualen, ein Frauen-KZ.
Vor allem Jüdinnen und Widerstandskämpferinnen
müssen hier für den Feind arbeiten.
28.000 von ihnen überleben das Lager nicht.
Für Irma Trksak, und später auch für ihren Sohn,
werden diese 4 Jahre zu einem Lebensthema, einem Lebenstrauma.
Solange ich jung genug war,
dass mich die Mutter überallhin mitgenommen hat.
Weil sie mich nicht allein zu Hause lassen konnte oder wollte,
war immer im Kontext Ravensbrück.
Wir waren bei den Ravensbrückerinnen,
wir waren im Verband, wir waren im KZ-Verband.
Das waren die ganz lieben Tanten, die mich auf den Schoß genommen,
die mir ein Zuckerl gebracht haben.
Das heißt, für mich war das so selbstverständlich mit dem KZ.
Und irgendwie war das für mich so, irgendwie, also das,
man geht in den Kindergarten, geht in die Schule,
man lernt einen Beruf.
Irgendwann einmal geht man dann arbeiten, dazwischen ist man im KZ.
Für mich, irgendwie ist es so,
als kleines Kind, so ein Teil des Lebenslaufes.
Also das ist ... die waren alle, alle, die ich gekannt habe,
waren im KZ, irgendwie das hat man so, man war mal im KZ.
Wie hunderte weitere Frauen arbeitet Irma Trksak bei Siemens-Halske.
Das Unternehmen
hatte eigens Fertigungsbaracken in KZ-Nähe errichtet.
Heute sind nur noch die Grundmauern zu sehen.
"Wir waren für sie nur Arbeitstiere.
Sie haben uns nur so viel zu Essen gegeben,
dass die Arbeitskraft erhalten blieb.
Umsonst hätten sie uns nicht ernährt.
Wir haben für den Krieg gearbeitet,
von der Spule bis zum fertigen Gerät,
für U-Boote und Flugzeuge, alles wurde hier gefertigt.
Immer dieselbe Arbeit, von der Früh bis zum Mittag.
Dann mussten wir zurückmarschieren zum Essen,
dann wieder hin bis abends, dann wieder zurück.
Der Firma Siemens "tat es leid" um die Zeit,
die wir verlieren, die wir zur Arbeit marschieren.
Und so haben sie ein separates Lager errichtet,
wo 3.000 Frauen neben der Fabrik gelebt haben,
damit die Zeit auch noch für die Arbeit ausgenützt wird."
Lager, Baracken.
Sie werden im gesamten Deutschen Reich errichtet,
oft mitten in den Städten, direkt in Wohngebieten.
Wie das "Lager 75/76" in Berlin-Niederschöneweide.
Heute beherbergt es
das "Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit".
Die meisten Baracken werden aus Holz gebaut, seriell und genormt.
Entwickelt vom Reichsarbeitsdienst, RAD,
bieten sie maximale Belegung bei minimaler Ausstattung.
Die am häufigsten gebaute Unterkunftsbaracke
heißt RAD Typ RL IV/3.
Der Bedarf ist so groß, dass sie sogar im Ausland erworben werden.
1942 kommt unter der Leitung der Schweizer Gesandtschaft ein Vertrag
über die Lieferung von 2.000 Baracken nach Deutschland zustande.
Kaufpreis: 22 Millionen Franken.
In Leipzig existieren 1944
mehr Zwangsarbeiterlager als Straßenbahnhaltestellen, rund 500.
Mehr als 3.000 gibt es allein in Berlin zwischen 1939 und 1945.
Große, kleine Baracken, Boots-Schuppen, Brauereikeller.
In Wien sind es mehr als 600 Lager, verteilt über alle Bezirke.
Neuesten Studien zufolge
existieren im Deutschen Reich etwa 30.000 Arbeitslager.
Wilhelm Frank, der junge Mann,
der an Hitlers Geburtstag geheiratet hat,
macht mittlerweile Karriere beim Straßenbauamt.
Er ist ja dann nach Traunstein
auch vom Straßen- und Fluss-Bauamt eingesetzt.
Er hat die Panorama-Straße
da in Berchtesgaden am Obersalzberg gebaut.
Ich war etwas erstaunt, das zu lesen,
dass es so ein Renommier-Projekt war, an dem er gearbeitet hat.
Von seinem Arbeitsplatz
hat Wilhelm Frank den Berghof des Führers am Obersalzberg im Blick.
Die Rossfeld-Panorama-Straße ist sein erstes großes Bauprojekt
als Straßenbaumeister bei der "Organisation Todt".
Sie ist zuständig für "Schutz- und Rüstungsprojekte"
und benannt nach ihrem Leiter, Fritz Todt.
An allen Bauprojekten der Organisation Todt
bauen inzwischen Zwangsarbeiter mit.
Die schweren Vorarbeiten für mehrere Reichs-Autobahnen
leisten Männer, die in Lagern leben.
"In dröhnenden Akkorden
schwingt nun wieder das Lied der Arbeit über die deutschen Gaue.
Neue große Straßen
werden die deutschen Stämme miteinander verbinden.
Kühne Träume der Vergangenheit sollen nun in Erfüllung gehen.
Eine Idee wird jetzt Tat."
In den besetzten Gebieten baut die Organisation Todt
gewaltige Wall- und Bunkeranlagen.
Der Atlantikwall
ist eine dieser Beton gewordenen Großmachts-Fantasien.
Wilhelm Frank, der Straßenbau-Beamte aus Traunstein,
bewirbt sich 1941 bei der "Organisation Todt"
für einen Einsatz im Reichskommissariat Ostland.
Sein erster Einsatzbefehl führt ihn ins lettische Riga.
Seine Aufgabe war, erst mal die Durchgangsstraßen zu bauen,
damit der Nachschub der Wehrmacht gesichert war.
Und Straßen zu reparieren,
die dann natürlich durch Bombardements zersprengt wurden.
Und die Wracks da zu beseitigen, die Leichenteile.
Auch Baracken zu bauen, heißt: Konzentrationslager.
Das war seine Aufgabe.
Dabei kommen Zwangsarbeiter zum Einsatz.
Dass die Zwangsarbeiter aus KZs waren, das war klar.
Inwieweit mein Opa jetzt da mit drin war,
oder wie diese Beziehung war, oder wie nah die sich waren?
Oder ob der denen sogar Befehl erteilt hat
oder direkt mit denen gearbeitet, das wusste ich nicht.
Die Akten existieren, man kann sie finden und einsehen.
Es gab kaum Zustimmung, weil auch in meiner Generation viele sagen,
sie wollen sich nicht damit auseinandersetzen.
Sie wollen es einfach nicht.
Es ist auch eine Angst, etwas auszugraben
und da persönlich involviert zu werden plötzlich,
damit etwas zu tun zu haben.
Meine Familie war sowieso dagegen.
Meine Mutter wollte mir das verbieten.
Sie hat gesagt, es sei ihr Vater,
als wäre das ein Besitz und nur sie könnte darüber bestimmen.
Und Interesse eigentlich überhaupt nicht,
auch von meinen Geschwistern gar nicht.
Es war das berühmte laute Schweigen.
Und dann hatte ich eine Biografie gelesen von einer Zwangsarbeiterin.
Die hatte sich bitter beschwert,
dass die Mitarbeiter der Organisation Todt
sehr gewalttätig waren.
Und ...
Da war für mich eine Grenze.
Also ich wollte jetzt nicht lesen den Namen meines Opas,
wenn ich im Archiv bin, dass der sich an sowas beteiligt hat.
Nein.
Amella Mai erfährt, dass sich ihr Großvater
plötzlich und überraschend für alle freiwillig zur Wehrmacht meldet.
Wehrmacht heißt Front.
Warum er, der Beamte, auf Einkommen verzichtet,
auf Sicherheit und in den Krieg zieht, die Akten geben keine Antwort.
Man kann ja nur spekulieren.
Und mein natürlich auch Versuch, ihn irgendwie zu retten
oder da noch einen Menschen drin zu sehen.
Der war, okay, wenn ich in dieser sauberen, anständigen Wehrmacht bin,
dann habe ich nicht mehr mit ... wäre ich nicht mehr konfrontiert
mit diesem Elend, mit dieser Brutalität.
Ich nehme an, da er sich wegbeworben hat, wollte er auch weg.
Wilhelm Frank fällt bei seinem ersten Einsatz an der Ostfront,
in der Schlacht am Kuban in Südrussland.
Zurück bleibt seine Witwe mit 3 Kindern.
Ohne Einkommen und viele Jahre lang ohne Sterbeurkunde.
Amellas Oma Fanny.
"Norwegisches Land.
Seit dem Frühjahr 1940
sichert der deutsche Soldat diese Nordflanke Europas.
Nur wenige Verkehrswege führen über die Hochflächen der Gebirge."
Für Jan Sefl aus dem böhmischen Dorf Hvozdany
beginnt die Zwangsarbeit mit der längsten Reise seines Lebens,
zur Organisation Todt.
"Wir erhielten einen ovalen Blechstempel
mit unserer persönlichen Nummer und der Abkürzung ORG TODT.
Ich wurde also Nummer 355055.
Wir mussten den Stempel um den Hals tragen.
Wir nannten es 'Hundemarke'.
Ich wurde für Norwegen ausgewählt.
Als wir in See stachen, war ich zum 1. Mal auf einem großen Schiff.
Die erste Nacht war gar nicht gut.
Wir gerieten in einen Sturm
und einige von uns wurden seekrank und erbrachen sich."
Als mein Vater begann,
mir Geschichten aus seinem Leben zu erzählen,
hörte ich ihm mit offenem Mund zu.
Ich war fasziniert, weil es nach Abenteuer klang.
Später verstand ich es besser.
Erst dann erkannte ich, was für eine schwere Zeit das war.
Mein Vater hatte keine Ahnung, dass er gezwungen werden würde,
irgendwo jenseits des Polarkreises für den Krieg zu arbeiten.
Das Ziel der Reise wird erst nach Wochen erreicht,
die eisigen Fjorde Norwegens.
Teilweise nördlich des Polarkreises gelegen,
werden sie von deutschen Truppen besetzt und verteidigt.
Als strategisch wichtiger Umschlagplatz für Eisenerz
und als U-Boot-Hafen.
1.300 tschechische Arbeiter sind in Norwegen im Einsatz,
hauptsächlich in Trondheim.
"Noraci", Norweger, nennen sie sich.
"Unsere Gruppe wurde für die Arbeit in einem Senkkasten geschult,
ein Metallschacht, 10x12 Meter groß.
Wir kletterten über eine Leiter hinein.
Der Senkkasten
sank durch sein eigenes Gewicht 23 Meter unter die Wasseroberfläche.
Sie ließen Druckluft ein,
die den Wasserdruck in der Tiefe ausgleichen musste.
Dort unten mussten wir Material vom Meeresgrund räumen,
um den U-Booten zu ermöglichen, in die neuen Docks einzufahren.
Tief unterm Meer, in einer Druckluftkammer,
das war eine schwere, kräftezehrende Arbeit."
Zwangsarbeiter,
die U-Boot-Häfen in Norwegen bauen und überall in Europa Straßen.
Die in deutschen Haushalten putzen, auf deutschen Feldern ernten.
Die immer neue Lager für immer neue Zwangsarbeiter bauen.
Insgesamt 13 Millionen.
Verschleppt aus ihrer Heimat, getrennt von ihren Familien.
Mehr als 2 Millionen von ihnen sterben, unter Deutschen.
Nach dem Krieg
wird die Bundesrepublik schnell in das neue Europa integriert.
Das Londoner Schuldenabkommen macht 1953 den Weg dafür frei.
Reparationszahlungen für Verluste und Schäden im Zweiten Weltkrieg
werden darin auf später vertagt.
Die Entschädigung von Zwangsarbeit wird nicht erwähnt.
Die deutsche Delegation wird angeführt von Hermann Josef Abs.
Seit 1937 saß er unter anderem im Aufsichtsrat der IG Farben,
der Firma, die das Zyklon-B-Gas für das KZ Auschwitz hergestellt hat.
Nach dem Krieg entnazifiziert,
gilt er als Mitbegründer des Wirtschaftswunders.
Was er als Aufsichtsrat der IG Farben
über das Giftgas für Auschwitz wusste,
ist bis heute ungeklärt.
Für Ellis Hertzberger führt der Weg aus dem Polizeigefängnis Rotterdam
zunächst nach Westerbork.
Das ist ein "Durchgangslager" für die niederländischen Juden.
Ich suche ein paar kleine Steine.
Jeden Dienstag verlässt Westerbork ein Zug nach Auschwitz.
"Alle Juden wurden nach Westerbork geschickt.
Ich kam also nach Westerbork. Das war am 3. Oktober.
Und nach einem oder zwei Tagen
bin ich als Arzt in der dortigen Klinik angestellt worden.
Dort habe ich
von Oktober 1941 bis Januar 1943 als Arzt gearbeitet."
Ja, überwältigend.
Ich war noch nie hier.
Drehst du?
Ich war gerade ganz in Gedanken.
Ich habe mich immer gefragt,
wie man trauern soll, wenn man hierherkommt.
Muss ich einen bestimmten Gesichtsausdruck zeigen?
Welches Ritual erwartet man angesichts der Toten?
Vor laufender Kamera überlegst du dann: Wie soll ich schauen?
Wie soll ich aussehen angesichts zehntausender Opfer?
Und dabei denke ich ununterbrochen: Wer sind wir eigentlich?
Wie sind Menschen zu so etwas fähig?
Da sind das Krankenhaus und das medizinische Labor.
Dort hat Opa gearbeitet.
Und hier all die unterschiedlichen Baracken.
Sie hatten einfach alles hier.
Gymnastik, ein Gewächshaus, Zahnmedizin.
Und das ist so absurd, dass es hier alles gab, Medizin, Zahnärzte.
Und dann wurden sie alle umgebracht.
"Ich habe in Westerbork in dieser Zeit
meinen Bruder durchkommen sehen, Leopold,
und noch einige Familienmitglieder, Tanten und Onkel natürlich.
Alle.
Du konntest nichts machen, um sie dazubehalten.
Wenn abends die Listen vorgelesen wurden mit denen,
die auf den Transport mussten, dann konntest du vielleicht jemanden,
der hohes Fieber hatte, zurückhalten.
Aber dafür ging dann ein anderer,
denn der Transport musste voll werden."
Die "Transporte" bringen mehr als 100.000 niederländische Juden
aus Westerbork in die Vernichtungslager.
Nicht einmal die Hälfte von ihnen überlebt.
Ellis Hertzberger, der Zwangsarbeit als Arzt leistet, weiß,
dass auch er und seine Frau Josy
eines Tages einen Zug nach Auschwitz besteigen müssen.
Ebenso seine Assistentin Jenny Gold.
Oma Jenny trug die Arzttasche von Opa Ellis.
Und eine der Geschichten, die sie erzählten, war die.
Dass, wenn Opa in den Baracken
die Gefangenen mit dem Stethoskop abhörte.
Da musste Oma Jenny immer in die Baracke rufen:
Seid mal alle still, der Doktor muss etwas hören können!
Jenny Gold, Ellis und Josy Hertzberger.
Wie Tausende warten sie auf die Abfahrt in Richtung Tod.
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