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.
(Ruhige Musik, Adlerschrei)
(chinesisch:)
1958 läuft Mao Zedongs Großer Sprung nach vorne auf Hochtouren.
Millionen Chinesen verlassen ihre Berufe,
um mit improvisierten Schmelzöfen Stahl zu produzieren.
So will Mao China binnen weniger Jahre
in eine Industrienation verwandeln.
(Mittler:) Man wollte ja nicht nur aufholen, man wollte überholen.
Innerhalb von kürzester Zeit, England und so weiter,
diese ganzen industrialisierten Staaten.
Und ich glaube, es ist unfair, wenn man den Enthusiasmus,
den es damals gab, nicht versucht zu verstehen.
Doch bald offenbart sich die verhängnisvolle Seite
von Maos Politik.
(englisch:) Im Grunde geriet der Apparat außer Kontrolle.
Die lokalen Parteifunktionäre hatten viele Bauern
zur Erfüllung utopischer Stahlquoten von den Feldern abgezogen.
Die Folge: Das Land liegt brach
und die Agrarproduktion bricht drastisch ein.
(Leese:) Ende 1958 kriegt Mao erste Rückmeldungen,
dass einige 10.000 Menschen in Yunnan zum Beispiel verhungern.
Trotz dieser alarmierenden Nachrichten
ignoriert Mao alle Warnungen und verschärft die Krise,
indem er die Produktionsziele für Stahl erhöht.
(Nachdenklich-bedrückte Musik)
Das ist ein völlig weltfremder Mao.
Er ist losgelöst von der Wirklichkeit
und ohne Bezug zu den Grenzen des menschlich Machbaren.
Er war ein Verrückter, ein Wahnsinniger.
Er unterlag keiner Kontrolle.
Tatsächlich war es eine von Menschen gemachte Katastrophe.
(Getragene Musik)
(Die Musik verklingt.)
In den Jahren nach 1958
nimmt in China eine Tragödie von unvorstellbarem Ausmaß ihren Lauf.
Die Nahrungsmittelproduktion bricht dramatisch ein.
In manchen Regionen um fast die Hälfte.
(Angespannte Klänge)
Während in den Städten ein System der Rationierung
zumindest ein Mindestmaß an Versorgung sicherstellt,
herrscht auf dem Land bittere Not.
Die Menschen aßen alles, Kröten, Frösche, Insekten.
Sie aßen Gürtel und Lederjacken.
Sie schnitten sie klein,
kochten sie tagelang und aßen sie dann.
(Unheilvolle Musik)
Hinzu kommt, dass sich die Menschen nicht frei bewegen durften.
Kontrollpunkte außerhalb der Dörfer verhinderten,
dass Bauern in die Städte flohen.
Sie waren in ihren Dörfern gefangen und verhungerten.
(chinesisch:) Wenn jemand gestorben war und am Straßenrand lag,
dann blieb er einfach da liegen.
Niemand beerdigte ihn,
weil niemand mehr da war, um die Toten zu begraben.
Der große Sprung endete in der schrecklichsten Hungersnot,
die China jemals erlebt hatte.
Sie forderte mehr als 30 Millionen Todesopfer.
Die "drei bitteren Jahre", wie sie in China genannt werden,
sind sogar die verheerendste Hungersnot
in der Geschichte der Menschheit.
Die Kommunistische Partei macht Naturkatastrophen
für das millionenfache Sterben verantwortlich.
(englisch:) Mao versuchte, das Geschehen zu verheimlichen.
Doch die Sowjets erfuhren über ihre Botschaft
von der katastrophalen Wirtschaftslage in China.
(Spannungsvolle Musik)
Kritisch war, dass der Kollaps des großen Sprungs
und der Beginn der Hungersnot
mit dem sino-sowjetischen Zerwürfnis zusammenfiel.
Das sogenannte "sino-sowjetische Zerwürfnis"
ab Ende der 1950er-Jahre
markiert die beginnende Entfremdung zwischen der Sowjetunion und China.
Während Mao Chruschtschows Politik der friedlichen Koexistenz
mit dem Westen scharf kritisiert, besteht Chruschtschow darauf,
die Richtung der sozialistischen Entwicklung vorzugeben.
Chruschtschow verschärfte trotz der Tatsache,
dass die chinesische Bevölkerung verhungerte,
seinen politischen Kurs.
Er rief alle sowjetischen Berater zurück.
Und das bedeutete das Ende
zahlreicher Industrieprojekte in China.
Die außenpolitische Isolation und die Millionen von Todesopfern
lassen das Undenkbare Wirklichkeit werden.
Innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas wächst die Kritik an Mao.
(Froissart:) Gemäßigtere Führungskräfte versuchen,
Maos revolutionären Eifer zu zügeln.
(Angespannte Klänge)
Bereits im Juli 1959 hatte Verteidigungsminister Peng Dehuai
die negativen Auswirkungen des Großen Sprungs kritisiert.
(Spannungsvolle Musik)
Mao antwortete mit Härte
und leitete eine zweite Kampagne gegen Rechtsabweichler ein.
Sie richtete sich gegen alle,
die an den Errungenschaften des Großen Sprungs zweifelten.
Entgegen aller Fakten beharrt Mao darauf.
Naturkatastrophen seien für die Opfer verantwortlich.
Zwei Jahre vergehen, bis erneut Kritik laut wird.
Liu Shaoqi, seit 1959 Präsident der Volksrepublik,
besucht 1961 sein Heimatdorf
und sieht die verheerenden Auswirkungen des Großen Sprungs.
Trotz erheblicher politischer Risiken
wagt er bei einem Parteikongress eine heikle Analyse.
Die Verantwortung liege nur zu 30 Prozent bei der Natur,
aber zu 70 Prozent bei Menschen.
Diese vorsichtige, aber deutliche Kritik an Maos Politik
trifft den Nerv vieler Parteimitglieder.
In diesem Moment erkannte Mao:
Die meisten Parteiführer teilten seine Vision nicht.
Mao räumt Mitverantwortung ein.
Er tritt in die zweite Reihe
und überlässt Präsident Liu Shaoqi
weitgehend die politische Bühne.
Ist dies das Ende einer Ära?
Oder ein taktischer Schachzug, damit andere seine Fehler ausbaden?
Vieles spricht für Letzteres,
denn Mao gibt weiterhin die außenpolitischen Leitlinien vor
und behält die Schlüsselpositionen als Partei- und Militärvorsitzender.
Es beginnt eine Phase, in der andere Parteiführer,
unter anderem Deng Xiaoping und Liu Shaoqi,
eine wichtige Rolle spielen
und erst mal auch Marktelemente in Teilen wieder zulassen.
Liu Shaoqi und Deng Xiaoping versuchen mit behutsamen Reformen,
das Land aus der Krise zu führen.
Sie lösten die Kollektive auf und gaben Land an Familien zurück,
damit diese wieder Landwirtschaft betreiben konnten
und etwas zu essen hatten.
Obwohl Mao sich im Hintergrund hält, ist er bestens unterrichtet.
Mao behielt geschickt den Überblick, wer was zu wem sagt.
Er fand Wege, ihre Gespräche sogar dann mitzuhören,
wenn er nicht dabei war.
Er hat Spitzel in der Partei.
Ihre Meldungen alarmieren ihn.
Mao dachte: "Mein Gott, ihr gebt das Land an die Bauern zurück."
"Was werdet ihr erst tun, wenn ich sterbe?"
(Ruhige Musik, Donnergrollen)
(Leese:) Für ihn ist also das große Schreckensgespenst,
dass nach seinem Tod möglicherweise die Errungenschaften der Revolution
rückabgewickelt werden.
Im heutigen China sind Maos Albträume wahr geworden,
zumindest die ökonomischen.
Zwar gehört das Land noch immer dem Staat oder Kollektiven,
aber Privatpersonen und Unternehmen
können zeitlich begrenzte Nutzungsrechte erwerben.
Dies vereint marktwirtschaftliche Elemente
mit sozialistischer Kontrolle.
In den letzten Jahrzehnten galt ja in China
ein unausgesprochener Deal
zwischen der Bevölkerung und der Führung.
Nämlich die Führung sorgt für Wohlstand
und im Umkehrschluss verzichten die Menschen darauf,
Kritik zu üben oder die Macht der kommunistischen Partei
infrage zu stellen.
Das Wirtschaftswachstum Chinas ist beispiellos in der Geschichte.
Mit jährlich etwa neun Prozent über Jahrzehnte hinweg,
hat sich die Wirtschaft seit den 1970er-Jahren
mehr als verdreißigfacht.
Infolge dieses rasanten Wachstums
ist die Schere zwischen Arm und Reich
in den vergangenen Jahrzehnten wahnsinnig auseinandergegangen.
Heute besitzen die reichsten ein Prozent
der Bevölkerung mehr als 31 Prozent des Volksvermögens.
Verschärft wird diese Ungleichheit
durch das in den letzten Jahren verlangsamte Wirtschaftswachstum.
Viele Menschen haben keinen Anteil mehr am Wohlstand.
(Angespannte Musik)
Einige sehnen sich nach der Zeit unter Mao zurück.
Damals waren alle arm, aber gleich arm.
Manche sind deshalb nostalgisch
und sind Mao in mancher Hinsicht dankbar.
Das positive Bild beruht auch darauf,
dass unter Mao China zu einem bedeutenden Akteur
der internationalen Politik wird.
(Applaus, Jubel)
Mao richtet in den 1960er-Jahren die Außenpolitik neu aus.
China soll unabhängig und stark werden.
Damit tritt er in Konkurrenz mit dem kommunistischen Brudervolk,
der Sowjetunion.
(Gespannte Musik)
Dahinter steckt der Gedanke nicht nur,
machen wir das jetzt alles alleine, wir schaffen das autark,
das war ja auch das große Ziel,
sondern wir machen alles noch besser.
Und da kommen ja dann auch Erfolge.
(Abwartende Musik)
Trotz des Abzugs sowjetischer Ingenieure
und Wissenschaftler durch Chruschtschow
gelingt China nach erstaunlich kurzer Zeit im Oktober 1964
das scheinbar Unmögliche.
(Die Musik wird spannungsvoller.)
Die erfolgreiche Zündung der ersten eigenen Atombombe.
Das ist ein großer Schritt,
weil man hier sehr viel weniger Unterstützung
von Seiten der Sowjetunion bekommen hat als geplant.
Das ist also etwas, was auch großflächig zelebriert wird,
überall durch die Propaganda ausgeschlachtet wird.
Damit wird die Volksrepublik die erste asiatische Atommacht.
(Ausgelassener Jubel)
Die neue sowjetische Führung
unter Breschnew betrachtet dies mit Argwohn.
Der Atomtest untergräbt den sowjetischen Führungsanspruch
in der kommunistischen Welt
und verschärft die Spannungen zwischen beiden Ländern drastisch.
(Unheilvolle Musik)
"Die Kriegstreiber könnten Atombomben werfen."
"Wenn sie es tun, schlagen wir zurück."
"Mag sein, dass die halbe Menschheit dabei stirbt,
aber die andere Hälfte überlebt."
"Wozu täglich vor dem Krieg Angst haben?"
"Wenn er kommt, kommt er eben."
Maos furchtloses Auftreten weckt weltweit Bewunderung,
besonders in den Entwicklungsländern.
Um seine Position innerhalb des kommunistischen Blocks zu stärken,
sucht Mao dort nach neuen Verbündeten.
Sein langfristiges Ziel:
die internationale Anerkennung Chinas voranzutreiben
und letztendlich den Sitz Taiwans
in den Vereinten Nationen einzunehmen.
(Leese:) Ab den 60er-Jahren unternimmt zum Beispiel Zhou Enlai
im Auftrag Maos eine Vielzahl von Reisen,
um entsprechend eine Vielzahl von Staaten, etwa in Afrika,
aber auch in Asien, davon zu überzeugen,
dass China den richtigen Weg des Sozialismus
entsprechend vertritt und nicht die Sowjetunion.
Das funktioniert teilweise eben
über die Finanzierung von Infrastruktur,
von Sportstätten und vielem mehr.
Der von Mao eingeschlagene Weg findet heute seine Fortsetzung
in der sogenannten Neuen Seidenstraße,
einem Prestigeprojekt Xi Jinpings.
Es handelt sich um ein strategisches Investmentprogramm
in Handelsrouten und Infrastruktur in über 100 Ländern.
Damit festigt China seine geopolitische
und wirtschaftliche Position als Weltmacht.
Während China außenpolitisch Erfolge verzeichnet,
wächst Mitte der 1960er-Jahre
Maos Unzufriedenheit mit der Innenpolitik,
die er vorwiegend seinen Gegnern überlassen hat.
Besonders der pragmatische Kurs,
den Bauern ihr Land zurückzugeben, missfällt Mao.
Er sieht, dass gemäßigtere Parteikader
die Revolution vom Kurs abbringen.
Mao plant eine neue Kampagne, er nennt sie Kulturrevolution.
In einem Brief an seine Frau
offenbart er seine Strategie dahinter.
"Die Revolution ist ein landesweites Manöver."
"Linke, Rechte und die unentschlossene Mitte
werden alle ihre Lektionen lernen."
"Eines steht fest, die Zukunft ist strahlend,
aber der Weg dorthin ist steinig."
In Maos Augen muss die Revolution stets neu entfacht werden.
Eine permanente Revolution, die verhindert,
dass die Partei erstarrt
und der Kapitalismus schleichend zurückkehrt.
(Ruhige Musik)
(Walder:) Als Mao die Revolution erneut startete,
hatte er zwei Ziele.
Seine Vision verwirklichen und sie unumkehrbar machen,
auch nach seinem Tod.
(Leese:) Hier beginnt jetzt also eine
auch in der Weltgeschichte des Kommunismus einzigartige Bewegung,
die die Partei und den Staat in den Grundfesten erschüttern wird
in den nächsten zwei oder drei Jahren.
Für seine Kulturrevolution setzt der alternde Mao auf die Jugend.
Er glaubt, dass sein Erbe nur die Zeit überdauern wird,
wenn die junge Generation, wie er sagt, gegen Revisionismus,
das heißt, den Kapitalismus, immunisiert wird.
Doch wie kann der mittlerweile 72-jährige Mao
den jungen Chinesen beweisen, dass er Chinas Zukunft verkörpert?
(Lauter Knall)
Am 16. Juli 1966 überrascht Mao Zedong
die Bevölkerung mit einer triumphalen Rückkehr in die Öffentlichkeit.
Er wählt für diesen Auftritt eine besonders symbolträchtige Kulisse,
den mächtigen Yangtse-Fluss, die Lebensader Chinas.
Bei einem Schwimmwettbewerb
demonstriert er nicht nur seine Vitalität,
sondern inszeniert sich auch als Bändiger der Naturgewalten.
Die Bilder verbreiten sich rasant im ganzen Land.
Besonders die Jugend ist beeindruckt und inspiriert
von Maos kraftvoller Inszenierung.
(Erwartungsvolle Musik, lauter Jubel)
Man muss wissen, dass viele der jungen Menschen
in einem Schulsystem aufgewachsen sind,
in dem Mao als gottähnliche Figur verehrt wurde.
Die Revolution nimmt Fahrt auf.
Die Roten Garden, ein Zusammenschluss aus Studenten und Schülern,
beginnen zu einer Massenbewegung zu werden.
Wenige Wochen nach dem Sprung in den Yangtse
lädt Mao die Jugend zu einer Kundgebung nach Peking ein.
(Lijia:) Die Roten Garden versammelten sich
auf dem Platz des himmlischen Friedens.
Die Menschen warteten die ganze Nacht.
Als in der Früh um fünf Uhr die Sonne aufging,
erschien plötzlich der Vorsitzende Mao.
(Lauter Jubel)
Die Menge jubelte, weinte, einige fielen in Ohnmacht.
Gott war erschienen.
(Leese:) Mao steht dort schweigend, winkt in die Menge.
Ist so eine Art, ja, Popstar, als der er hier gefeiert wird.
Mao dominiert die Massen durch seine Präsenz,
ohne ein Wort zu sprechen.
Das überlässt er Lin Biao, dem Verteidigungsminister.
Er ist es, der den Mao-Kult organisiert
und gewissermaßen die Kulturrevolution möglich macht.
Lin Biao ruft zum Kampf gegen die "Vier Alten" auf.
Überkommene Ideen, Kulturen, Sitten und Gewohnheiten
sollen ausgemerzt werden.
Begeistert von dieser radikalen Vision
schwören Schüler und Studenten Mao bedingungslose Treue.
"Die Welt gehört euch."
"Ihr jungen Menschen seid voller Energie
und in eurer Blütezeit wie die Morgensonne."
"Die Hoffnung ruht auf euch."
"Rebellion ist gerechtfertigt."
"Ein einziger Funke kann die Steppe in Brand setzen."
(Tosender Jubel)
Am Anfang der Kulturrevolution
gibt es diese brutalen Zerstörungsphasen,
wo Rote Garden und andere dann in die Tempel gehen
und die Ikonen runterschlagen.
(Klirren)
Kulturschätze wurden zerstört.
Wer als bürgerlich galt oder sich modisch kleidete,
wurde zur Zielscheibe.
Netzstrümpfe, die hätte man mir sofort zerfetzt.
Eine Dauerwelle? Sie hätten mir die Haare abgeschnitten.
Im Gegensatz zu Mao inszeniert sich Xi Jinping
heute als Bewahrer der traditionellen chinesischen Kultur.
Xi Jinping unterscheidet sich von Mao.
Er leitet seine Legitimität
nicht nur aus der sozialistischen Ideologie ab,
sondern greift auf die traditionelle chinesische Kultur zurück,
die Mao verdammte.
Wir haben derzeit ein Modell,
das Elemente des Marxismus-Leninismus enthält,
aber eben auch des Konfuzianismus.
Xi Jinping wählt gezielt Aspekte aus Chinas Vergangenheit aus,
wie den Konfuzianismus,
mit seinen Werten der Loyalität, Harmonie und Pietät.
Er fördert die traditionelle Medizin und die klassische Literatur.
Er lässt historische Stätten restaurieren.
Diese selektive Wiederbelebung stärkt nationale Identität
und legitimiert seine Herrschaft.
Xi Jinping kehrt nicht nur zur traditionellen Kultur zurück.
Er fordert die Intellektuellen auch auf, sie neu zu interpretieren.
China soll wieder stolz auf seine Vergangenheit sein.
(Dumpfer Jubelchor)
Doch diese Rückbesinnung hat klare Grenzen.
Wo sie nicht in die Parteilinie passt,
wird eine Auseinandersetzung
mit der eigenen Geschichte bewusst unterdrückt.
Wie im Falle der Kulturrevolution.
(Youqin, chinesisch:) Als die Kulturrevolution begann,
war ich 13 Jahre alt.
Ich besuchte das erste Jahr der Mittelschule für Mädchen
an der Pädagogischen Universität Peking.
(Reges Stimmengewirr)
Es gab ein Gerücht, unsere Rektorin würde sich einer Meuterei,
einem Staatsstreich anschließen.
Und überall hingen Plakate mit großen Schriftzeichen.
Sehr schmutzige und böse Worte standen darauf.
Sie beschimpften die Rektorin und andere Lehrer.
(Angespannt-bedrohliche Klänge)
Es war der 5. August.
Und ich werde diesen Tag nie vergessen.
Gegen Mittag sagten sie,
sie würden jetzt eine öffentliche Anklagesitzung abhalten.
Es waren fünf Lehrer, darunter auch die Rektorin.
Die Schüler zerrten sie auf den Spielplatz hinter der Schule.
(Gespannte Musik)
Sie setzten ihnen hohe Hüte auf
und hängten ihnen Schilder um den Hals.
Darauf stand, dass sie gegen die Partei
und gegen die Sozialisten seien.
Sie begannen, sie zu schlagen.
(Schuss)
Ich hatte so etwas noch nie gesehen.
Ich stand einfach da für etwa zehn oder 20 Minuten.
Dann ging ich zurück in unser Zimmer.
(Angespannte Musik)
Dann sprach jemand über den Lautsprecher.
Sie sagten, unsere Rektorin, sie ist tot.
Die Schulleiterin Bian Zhongyun wird von ihren Schülerinnen
mit nägelbesetzten Knüppeln brutal erschlagen.
Es ist der Auftakt einer beispiellosen Orgie der Gewalt.
Überall im Land werden Lehrer, Professoren und Vorgesetzte ermordet.
Ich dachte, das musst du festhalten, das musst du aufschreiben.
Und das habe ich getan,
habe aufgeschrieben, was in mir drin war.
Ich wusste, das wird nichts daran ändern,
aber ich musste es schreiben.
Ich hatte große Angst, dass jemand es finden würde.
Ich hatte zu der Zeit das Tagebuch der Anne Frank gelesen.
Und die hatte ihr Tagebuch Kitty genannt.
Und ich dachte, jetzt schreibe ich mein Tagebuch,
und das nenne ich auch Kitty.
(Getragene Musik)
Anfang 2000 habe ich eine Website erstellt,
eine Gedenkstätte für die Opfer,
die im Internet veröffentlicht wurde.
Die Regierung hat diese Seite im März 2000 verboten.
Sie sagten, man dürfe nicht über die Kulturrevolution schreiben.
Bis heute wird in China zu den Morden und Verfolgungen
während der Kulturrevolution geschwiegen.
Eine offene Diskussion könnte die Autorität und Legitimität
der kommunistischen Partei infrage stellen.
Xi Jinping vermeidet damit auch
Konflikte mit Betroffenen der Kulturrevolution
und deren Familien, seien es Täter oder Opfer.
Es gibt fast keine chinesische Familie,
in der es nicht zu irgendeiner Form
von politischer Verfolgung gekommen ist.
Und das macht eben auch diese große Schockwirkung
bis weit in die 2000er Jahre der Kulturrevolution aus,
weil sie also wirklich fast niemanden unberührt gelassen hat.
Die Kulturrevolution ist eine Massenbewegung.
Propagandaveranstaltungen sind ein zentrales Instrument,
um die Jugendlichen zu mobilisieren und zu steuern.
(Lauter Jubel)
Marianne Bastid-Bruguière ist damals in China
und gibt jungen Studenten Französischunterricht.
(französisch:) Im Sommer 1966,
bei der großen Kundgebung auf dem Platz des himmlischen Friedens,
durften einige Rotgardisten Mao die Hand schütteln.
(Jubel)
Danach haben sie sich die Hände nicht mehr gewaschen.
Aus Ehrfurcht.
Das ähnelt in etwa unseren Pilgerfahrten in Europa
zur Jungfrau Maria.
Es war von gleicher Tiefe.
(Mittler:) Da sehen wir quasi religiöse Massenevents
mit der Message:
Wenn ich da mithelfe, dann helfe ich dem guten Zweck,
dann helfe ich dem Gott, dann helfe ich der richtigen Sache.
(Plänkers:) Das sind psychische Mechanismen,
wie wir sie in vielen Diktaturen antreffen.
Also wo es einen großen Führer gibt und eine große Masse,
so dass eigentlich die Masse
in einem großartigen Identifizierungsprozess
mit der Führungsfigur verschmilzt.
Unter dem tosenden Jubel der Jugend bindet ein Mädchen
Mao das Armband der Roten Garde um.
Die Botschaft ist unmissverständlich.
Mao gehört zu ihnen.
Die Revolution geht weiter.
Mittlerweile schließen sich
nicht nur Schüler und Studenten der Kampagne an,
sondern auch Arbeiter, Teile des Militärs und Parteifunktionäre.
(Leese:) Die Bewegung, die das Land erfasst hat,
beginnt sich gegen Personen in der Partei zu richten,
die nach Maos Denken
den kapitalistischen Weg eingeschlagen haben.
(Angespannte Musik)
Und diese Bewegung ist etwas,
was der Kulturrevolution eine ganz eigentümliche Prägung gibt.
Auf der einen Seite die Gewalt gegen alles,
was in irgendeiner Form bürgerliches Wissen
oder alte chinesische Kultur repräsentiert.
Und auf der anderen Seite eine ganz brutale Ausrichtungskampagne
innerhalb der Partei,
der schließlich sogar der Staatsvorsitzende Liu Shaoqi
zum Opfer fallen wird,
aber auch viele andere hochrangige Parteikader.
Liu Shaoqi wird unter Hausarrest gestellt.
Auch Deng Xiaoping fällt in Ungnade.
Beide werden Opfer von Maos politischer Säuberungsaktion.
Maos harte Linie findet ein Echo in der Gegenwart.
Xi Jinping greift auf Maos Praxis der politischen Säuberung zurück.
Bei Bedarf werden Parteikader vor laufenden Kameras degradiert
und abgeführt.
Neben der öffentlichen Demütigung ist die Denunziation
ein wichtiges Instrument der Kulturrevolution.
(Angespannte Musik)
(Williams, englisch:) Kinder konnten sagen,
ich denunziere meine Familie, weil sie Staatsfeinde sind.
Und sie konnten sagen, ich ziehe das Messer,
ändere meinen Namen, verleugne meine Eltern,
damit ich den Roten Garden beitreten kann.
Es ging darum, die Einzelnen wirklich geistig zu brechen
und ihre Persönlichkeit zu zerstören,
sodass sie dann in der Folge bereit waren,
alles zu glauben und zu tun,
was ihnen von den Autoritäten abverlangt wurde.
Die Taktik bewährt sich. Mao zeigt sich hocherfreut.
"Es herrscht große Unordnung unter dem Himmel."
"Die Lage ist ausgezeichnet."
(Walder:) Nur eine Minderheit waren echte Gläubige.
Öffentliche Rituale zwangen alle anderen zur Anpassung.
Es gab keinen Ausweg, man konnte nicht aussteigen.
Poster, Plakate oder Banner - Mao ist omnipräsent.
Täglich müssen sich Millionen Chinesen
vor den Porträts des großen Vorsitzenden verbeugen.
Als Nachweis ihrer bedingungslosen Gefolgschaft
besitzen sie das "Rote Büchlein", eine Sammlung mit Mao-Zitaten.
(Leese:) Das kleine Rote Buch
wurde zunächst in der Armee von Lin Biao entwickelt,
als ein Element zur Schulung der entsprechenden Rekruten,
beginnt dann aber im Verlauf des Jahres 1966
zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen zu werden.
(Spannungsvolle Musik)
Sie wollten, dass jeder dieses Buch immer bei sich trägt.
Und sogar vor einer Mahlzeit
musste man "Lang lebe der Vorsitzende Mao" rufen
und dann ein Zitat des Vorsitzenden Mao aufsagen,
bevor man mit dem Essen begann.
Noch heute erinnere ich mich an viele Zitate.
Zum Beispiel: "Revolution ist ein gewaltsamer Akt,
bei dem eine Klasse eine andere stürzt."
Mao sagte, die Revolution ist kein Gala-Dinner.
In der Revolution geht es darum, deine Feinde zu zerschmettern.
(Erwartungsvolle Musik)
Das ist der Mao, der in seinen Schriften
eben die 68er fasziniert, auf der ganzen Welt.
Weil er genau dazu aufruft,
dass man sich gegen Autoritäten wenden muss,
und zwar möglicherweise eben dann auch mit Gewalt.
(Lässige Musik, Stimmengewirr)
Während die Kulturrevolution in China in vollem Gange ist,
wird Mao zu einer Ikone
der aufkeimenden Studentenbewegung im Westen.
(Hoenen:) Das Ganze hatte mit dem, was in China gerade passierte,
nichts zu tun, außer einer Parallele.
Es war ein Generationenkonflikt.
Die Jugend stürzt die alten Machthaber.
Mao war eigentlich schon zu Lebzeiten eine Legende.
Gerade weil er eine historische Figur war,
konnte man eben alles Mögliche in ihn reinprojizieren.
Ein Bekenntnis zu Mao ist Ausdruck der Rebellion.
Gegen den Staat, das System, gegen den Imperialismus.
Die Symbole der Rotgardisten
sind willkommene Mittel zur Provokation.
Und das Rote Buch wurde dann
in den westlichen Jugendbewegungen zu so einer Art Gadget.
Man hat das ein bisschen geschwenkt,
das war natürlich dann so wie die Knoblauchzehe
für die bösen Geister der bürgerlichen Welt.
Das war dieser Revolutionary Chic.
Ja, das war auch ein bisschen Kostümfest.
(Die lässige Musik verklingt.)
Doch wie reagieren die Studenten auf westliche Medienberichte
über Verfolgung und Gräueltaten in China?
Man hatte so Nachrichtenfetzen und war jedenfalls sehr überzeugt,
dass alles in eine ganz bestimmte Richtung, üble Richtung
gedreht worden war von der Presse.
Irritiert hat's einen trotzdem.
Während Studenten im Westen Mao glorifizieren,
lässt dieser in China weiter Gewalt und Chaos zu.
(Lauter Stimmenchor)
(Walder:) Es begann mit den Studenten
und wurde ein Flächenbrand,
den Mao so nicht vorhergesehen hatte.
Vor allem Kader rebellierten gegen ihre Vorgesetzten
und stürzten sie.
Die Folge waren zwei weitere Jahre Chaos und Gewalt.
(Leese:) Überall kommt es also zu Machtergreifungen, zu Kämpfen,
wer denn jetzt also die revolutionärste Linie repräsentiert.
Und China versinkt insbesondere im Sommer 1967
wirklich in einen quasi anarchischen Zustand.
China droht erneut ein Bürgerkrieg.
Konkurrierende Gruppen töten mithilfe von Milizen und Militär
vermeintliche Gegner.
Ich sah Menschen auf Militärlastwagen.
Sie waren blass ...
und hielten ihre Köpfe gesenkt.
Man sagte uns,
sie seien Staatsfeinde und würden erschossen werden.
(Düstere Musik)
In Chengdu gab es einen öffentlichen Hinrichtungsplatz.
Nach den Exekutionen lagen überall Patronenhülsen herum.
(Angespannte Musik)
Wir Kinder sind dort hingegangen und haben die Hülsen aufgesammelt.
Dann haben wir sie an die örtlichen Behörden zurückverkauft.
Wir brauchten das Geld für Essen.
Die Opferzahl der Kulturrevolution ist umstritten.
Schätzungen nennen etwa 1,5 Millionen Tote,
die meisten davon durch Militär und Parteiorgane.
(Düstere Klänge)
(Leese:) Die Anzahl der politischen Verfolgungen
ist um ein Vielfaches höher.
Also hier reden wir wirklich
von einem dreistelligen Millionenbereich.
Ich denke, Mao war sich bewusst,
dass die Kulturrevolution nicht das geworden war,
was er sich vorgestellt hatte.
(Tosender Jubel)
Dennoch musste er Haltung bewahren, sich zusammenreißen,
um den Anschein zu wahren,
dass alles nach Plan verlief.
Aus dieser ganzen Sache kommt Mao jetzt nur noch heraus,
indem er die Armee auf den Plan ruft,
die jetzt also disziplinieren,
teilweise auch ganz brutal eingreift.
Es begann als jugendlich- revolutionäre Bewegung
und endet nun in einer Militärdiktatur.
Die 17 Millionen Rotgardisten und anderen Rebellen
könnten nun zum Problem werden.
Einige von ihnen folgten Mao blind, übten Gewalt aus
und manche töteten sogar in seinem Namen.
Alle städtischen Oberschüler wurden zu Schulabgängern erklärt
und aufs Land zum Arbeiten geschickt.
(Angespannte Musik)
Es gab keinerlei Garantie, je zurückzukehren.
Unter den Millionen Jugendlichen, die entwurzelt werden,
sind auch Kinder von unliebsam gewordenen Parteikadern,
wie der Sohn von Xi Zhongxun.
Er heißt Xi Jinping.
(Yang:) Xi Jinping hat selbst auch noch eine Zeit der Nöte
unter Mao erlebt.
Xi Jinping wurde damals wie viele andere aufs Land verschickt.
(Getragene Musik)
Die kommunistische Sage geht so,
dass er damals als tüchtiger junger Mann
da viele Dinge in die Hand genommen hat
und den Dorfmenschen zu einem besseren Leben verholfen hat
und sich da auch schon in sehr frühen Jahren empfohlen hat,
als jetzt eben künftiger Parteikader,
der dann zu Höherem berufen war.
Dass er mit den Macht- instrumentarien Maos
bestens vertraut ist, zeigt Xi Jinping 2022.
Als infolge der Null-Covid-Politik die Jugendarbeitslosigkeit ansteigt
und junge Menschen protestieren,
droht er offen mit der Wiedereinführung
der Landverschickung.
Schließlich, so Xi Jinping, seien die harten Jahre auf dem Land
auch für ihn ein gutes Training gewesen.
Ich glaube, der Weg, den er schließlich eingeschlagen hat,
ist der eines Mannes,
der gerade, weil er damals Ohnmacht erlebt hat, sich gesagt hat,
so, dann möchte ich irgendwann der sein,
der ganz oben an der Spitze steht.
Die Amtszeitbeschränkung des Präsidenten
hat Xi Jinping 2018 im Nationalen Volkskongress
aufheben lassen.
Damit wird eine Dauerherrschaft,
wie sie Mao Zedong ausübte, auch für ihn möglich.
Xi Jinping möchte dem Vorsitzenden Mao nacheifern,
ihn kopieren.
Er möchte eine überragende Figur sein, wie Mao.
Dieser befindet sich 1969 in einer schwierigen Lage.
Die Kulturrevolution hat das Land tief zerrüttet
und die Gesellschaft nachhaltig traumatisiert.
Parallel dazu bahnt sich eine Krise an, die zu eskalieren droht.
(Leese:) Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre
vollzieht sich in der Tat geopolitisch ein großer Wandel.
Das hat damit zu tun, dass das Verhältnis Mao Zedongs
und auch der Volksrepublik Chinas
gegenüber der Sowjetunion sich radikal verschlechtert.
Das belastete Verhältnis
weitet sich zu einer offenen Krise aus.
Entlang der 4.000 Kilometer langen chinesisch-sowjetischen Grenze
schwelen seit Jahren Konflikte.
Vor allem wegen Unstimmigkeiten über den Grenzverlauf.
1969 eskaliert die Situation.
Am Ussuri-Fluss liefern sich
sowjetische und chinesische Truppen Gefechte.
In China kommt es zu einer zunehmenden Furcht,
dass die Sowjetunion eventuell sogar Atombomben einsetzen könnte,
um den nordchinesischen Raum anzugreifen.
Vor diesem Hintergrund beginnen also eine ganze Reihe
von Umdenkprozessen bei Mao und in der chinesischen Führung.
Die radikale Phase der Kulturrevolution wird abgeschlossen.
Peking und andere große Städte
werden mit Bombenkellern entsprechend ausgestattet.
(Angespannte Musik)
Ein Atomschlag ist aus chinesischer Sicht
eine reale Gefahr, die zunehmend noch dadurch verstärkt wird,
dass Mao beginnt zu überlegen: Wie steht Lin Biao,
der damalige Verteidigungsminister,
und sein designierter Nachfolger eigentlich zu dieser Frage?
Lin Biao war zuvor auf einem Parteitag
offiziell zu Maos Nachfolger erkoren worden.
(Froissart:) Lin Biao setzte sich als Maos Nachfolger durch.
Er hatte Mao immer unterstützt, als Oberbefehlshaber der Armee
und als Verteidigungsminister.
Mao sieht in Lin Biao seinen engsten Vertrauten,
bis ein folgenschweres Ereignis
während des Konfliktes mit der Sowjetunion alles ändert.
Lin Biao lässt eine Gesamtmobilmachung
der chinesischen Armee durchführen
und durch einen Zufall erfährt Mao davon zu spät.
(Unruhige Musik)
Mao ist aber natürlich
berechtigterweise hochgradig erschreckt,
dass ohne sein Zutun
die gesamte Armee in Bereitschaft versetzt werden kann.
Während Mao diplomatische Gespräche mit der Sowjetunion anweist
und so in letzter Sekunde durch Verhandlungen
einen atomaren Konflikt verhindert,
verschlechtert sich sein Verhältnis zu Lin Biao.
Mao vermutet, Lin Biao könnte einen Putsch vorbereiten,
um ihn zu entmachten.
Hier wird es mysteriös.
Glaubwürdige Berichte deuten an, Lin Biao erkannte,
dass Mao ihn als nächstes Säuberungsopfer im Visier hatte.
Der designierte Nachfolger Lin Biao flüchtet panikartig
in einem Flugzeug Richtung Sowjetunion.
Doch seine Maschine stürzt über der Mongolei ab.
(Tosendes Zischen)
Das ist eines der großen Rätsel der Mao-Ära.
(Angespannt-bedrohliche Musik)
Treibstoffmangel oder ein geplantes Attentat?
In allen verfügbaren Unterlagen
bleiben die genauen Umstände des Unglücks bis heute ein Rätsel.
Aus Maos Sicht ist der Fluchtversuch
und damit Verrat Lin Biaos
noch mal ein ganz maßgeblicher Einschnitt.
Vorher war er schließlich der beste Schüler Maos gewesen
und jetzt auf einmal soll er also ein großer Verräter sein.
(Walder:) Berichten zufolge verfiel Mao danach in eine Depression.
Seine Gesundheit verschlechterte sich
laut seines Arztes nach dem Lin-Biao-Vorfall rapide.
Mao erleidet einen ersten Schlaganfall.
Aber es gibt auch Erfolgsmeldungen.
Maos langfristige außenpolitische Strategie
erweist sich als erfolgreich.
1971 erkennt die UN die Volksrepublik China an,
dank der Stimmen afrikanischer Staaten
sowie einiger westlicher Unterstützer.
Das ist Maos diplomatischer Sieg über Chiang Kai-shek.
China übernimmt den ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat von Taiwan.
Gleichzeitig überlegt Mao auf der großen politischen Bühne,
wie er eben den Gegner Sowjetunion entsprechend konterkarieren kann.
Hier beginnt jetzt also das real- politische Moment zu überwiegen,
dass also entsprechend der Feind des eigenen Feindes,
dann vielleicht nicht ein Freund,
aber doch zumindest ein Partner sein kann.
Und so beginnt also jetzt Mao
erste Signale an die USA auszusenden,
dass also hier die Möglichkeit einer Wiederannäherung besteht.
Die Tischtennis-WM in Japan
entpuppt sich dabei als unerwarteter Glücksfall.
Der US-Champion Glenn Cowan
verpasst seinen Teambus und steigt spontan bei den Chinesen ein.
Ein Spieler, der Cowan mit offenen Armen begrüßt,
heißt ausgerechnet Zhuang Zedong.
Fotos dieser Begegnung gehen um die Welt
und läuten die Ära der "Ping-Pong-Diplomatie" ein.
Das hat man dann eben gewusst zu nutzen,
durch eine Einladung des Spielers nach China.
Letztendlich, ja, eine Form der Kulturdiplomatie über den Sport.
(Spannungsvolle Musik)
Das amerikanische Team stimmt zu und besucht mit einer Delegation
das kommunistische Land.
Es ist der erste offizielle amerikanische Besuch
seit der Gründung der Volksrepublik.
Allerdings steht Maos bedeutendster realpolitischer Erfolg noch bevor.
US-Präsident Richard Nixon hat Maos Einladung
zu einem Staatsbesuch angenommen.
Das stellt den alternden Mao vor ein Problem.
Bei Treffen mit ausländischen Würdenträgern
kann er nicht einmal seinen Kopf aufrecht halten.
Mao will dem US-Präsidenten gegenüber keine Schwäche zeigen.
Der große Vorsitzende trainiert vor der Begegnung eine Woche lang
das Aufstehen und Hinsetzen.
Im Februar 1972 reisen Richard Nixon
und sein Außenminister Henry Kissinger nach Peking.
Die mühsame Vorbereitung zahlt sich aus.
Mao erscheint agil.
Das hinter dem Sofa versteckte Beatmungsgerät
und die Sauerstoffflaschen sieht niemand.
Die Bilder vom historischen Treffen gehen um die Welt.
(Ruhige Klaviermusik)
"Das Mao-Treffen war ein historischer Wendepunkt."
"Seine Ausstrahlung war unverkennbar."
"Ich war nervös, er überraschend humorvoll."
"Wir waren drei Kumpel,
die locker über die Zukunft unserer Länder plauderten."
Nixons Besuch beendet die chinesisch-amerikanische Feindschaft
und Mao gelingt es,
Washington als strategischen Partner zu gewinnen.
Ein politischer Coup, der Mao salonfähig macht.
In den frühen 70er-Jahren gab es eine Phase der Euphorie.
Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt
reisen nun nach China, um Mao zu treffen.
Und Andy Warhol macht ihn mit einer Bilderserie
in der Popkultur zu etwas,
was er im echten Leben nicht sein kann.
Unsterblich.
Alle Diktatoren fürchten vor allem
den Verlust ihrer Macht und ihr Ende.
Sie herrschen, bis sie sterben.
(Angespannte Musik)
Die Nachfolgefrage ist eigentlich immer die Achillesferse
der meisten kommunistischen Parteisysteme gewesen.
Und auch Mao gelingt es nicht, diese Frage wirklich zu klären.
Mitte der 1970er-Jahre ist Mao am Ende seiner Kräfte.
Gezeichnet von der Krankheit ALS und Schlaganfällen.
Der einst begeisterte Schwimmer,
der sich als Bezwinger des Wassers inszenierte, ist bettlägerig.
(Musik baut sich auf, verklingt.)
Er stirbt am 9. September 1976.
Direkt nach Maos Tod
entbrennt der Kampf um die Macht in China.
Ausgerechnet Deng Xiaoping,
von Mao während der Kulturrevolution verbannt,
wird schließlich sein Nachfolger.
Damals verfasste man die sogenannte zweite Resolution
zur Parteigeschichte,
in der Mao als ein großer und wichtiger politischer Führer,
aber mit eben wesentlichen Fehlern benannt wurde.
(Gespannte Musik)
Aber insgesamt betonte diese Resolution,
dass er enorme Leistungen für das chinesische Volk
und die kommunistische Partei errungen habe,
die niemals ausgelöscht werden könnten.
Das Urteil der kommunistischen Partei Chinas lautete:
70 Prozent war richtig und nur 30 Prozent falsch.
Die Botschaft war: Mao lag größtenteils richtig.
Es gab keine offene Debatte. Das ist eine Schande.
27 Jahre war Mao an der Macht.
Sein Traum von einem starken China ist Wirklichkeit geworden.
Doch der Preis dafür ist verheerend.
Maos Herrschaft kostete Dutzende Millionen Menschen das Leben
und verursachte unermessliches Leid.
Die traumatischen Erfahrungen haben tiefe Spuren hinterlassen.
In China gibt es einen Begriff,
er heißt "Festsitzende Angst im Herzen".
Er kommt aus der Zeit der Kulturrevolution und beschreibt,
dass die Angst im Herzen bleibt.
Eine Angst, die so ist, als wäre das Leben vorbei.
(Ruhige Musik)
(Plänkers:) Die Verbrechen wurden alle verschwiegen.
Das hat natürlich damit zu tun,
dass die Hauptverantwortlichen für dieses Desaster
immer noch an der Macht waren
und auch noch heute an der Macht sind.
Zur Wahrung der eigenen Autorität
lässt der Parteiapparat unter Xi Jinping
das Bild Maos als heldenhaftem Staatsgründer
bis heute unangetastet.
Mao war weitaus komplexer als nur ein Monster.
Aber selbst wenn, das System trug eine Mitschuld.
Es erschuf das Monster und konnte es dann nicht stoppen.
Maos Schatten reicht bis in die Gegenwart.
Sein Erbe prägt China und lebt in Xi Jinpings Politik fort.
Wer das heutige China verstehen will,
sollte die historischen Wurzeln kennen, auf denen es aufbaut.
(Getragene Klaviermelodie)
(Die Musik verklingt.)
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