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Zulu
.
(Raubvogelruf)
(chinesisch:)
(Explosionen)
Viele Jahre lang zerreißt ein Bürgerkrieg China.
Auf der einen Seite Mao Zedongs Kommunisten,
auf der anderen Chiang Kai-sheks Kuomintang.
Dann, im Januar 1949, stehen Maos Truppen vor den Toren Pekings.
Der langersehnte Sieg rückt in greifbare Nähe,
Chiang Kai-sheks Truppen
sind ganz klar in der Rückwärtsbewegung.
(Ruhige Musik)
Schon nach wenigen Tagen der Belagerung
fliehen die letzten Einheiten der Kuomintang.
(Jubel)
Maos Truppen ziehen in die Hauptstadt ein.
Ohne Widerstand, es fällt kein einziger Schuss.
Viele Menschen begrüßen die Kommunisten als Befreier.
(Ruhige Musik)
"Die Chinesen, die ein Viertel der Menschheit bilden,
sind nunmehr aufgestanden."
Und damit rückt auch eine Einheit Chinas jetzt in greifbare Nähe.
Und das ist auch das,
wo bis heute viele Chinesinnen und Chinesen seine große Leistung sehen,
gegen alle Widerstände innerhalb eines äußerst brutalen Umfelds
sich siegreich durchgesetzt zu haben.
(Ruhige Musik)
In den folgenden Monaten festigen Maos Kommunisten die Macht
im ganzen Land.
Dann, am 1. Oktober 1949, erfüllt sich Mao Zedongs Traum.
Er betritt den Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens
im Herzen Pekings und verkündet ein neues Zeitalter.
(Mao, chinesisch:)
(Nachdenkliche Musik)
(Feuerwerkspfeifen)
Der 1. Oktober ist bis heute Chinas Nationalfeiertag.
Er markiert den Beginn der "Goldenen Woche".
Sieben Tage, an denen die Chinesen frei haben,
um die Gründung der Volksrepublik zu feiern.
(Jubel)
Genau dort, wo Mao Zedong 1949 die Volksrepublik ausrief,
findet alle zehn Jahre eine gewaltige Militärparade statt.
Ein Spektakel, an dem Hunderttausende beteiligt sind.
Mao Zedong spielt dabei auch heute noch eine zentrale Rolle.
(englisch:) Viele sehen in Mao den Mann,
der China zu Ansehen in der Welt verhalf.
Er führte den Bürgerkrieg und gewann ihn.
Er vertrieb die Japaner und einte China.
Mao gab dem chinesischen Volk eine Identität.
(Nachdenkliche Musik)
Mao gilt in China als Reichseiner.
Und diese Idee, dass China eins sein muss,
ist eine, die bis heute eine ganz, ganz wichtige Rolle spielt.
(Nachdenkliche Musik)
Doch mit der Ausrufung der Volksrepublik 1949
ist Maos Traum von einem starken und geeinten China
noch nicht vollständig erfüllt.
Der Grund: Chiang Kai-shek und seine Kuomintang.
Während die Kommunisten vorrücken,
fliehen die Nationalisten und ihre Anhänger.
2,5 Millionen Menschen verlassen ihre Heimat.
(Schiffshorn)
Sie flüchten nach Taiwan, das zum Hauptsitz der Nationalisten wird.
Und zu dem Ort, an dem die Republik China weiter besteht.
Taiwan ist damals die größte Insel der zerfallenden Republik China.
Sie ist durch eine etwa 180 Kilometer breite Meeresstraße
vom Festland getrennt.
Eine natürliche Barriere.
Chiang Kai-shek baut die Insel in Windeseile zu einer Festung aus.
Und erhebt auch weiterhin den Anspruch,
ganz China, also auch Maos junge Volksrepublik, zu vertreten.
Bis heute ist Taiwan ein de facto unabhängiger Staat.
Taiwan ist eine Art ewiger Stachel oder eine ewige ... Wunde
in dem nationalen Verständnis der kommunistischen Führung.
Deswegen ist Taiwan so was wie der fehlende Mosaikstein
in der Vorstellung der chinesischen Führung.
Den man wieder zurückholen muss und in das Bild einfügen muss,
damit China sozusagen wieder ganz geeint ist.
Seit Jahrzehnten schwelt dieser ungelöste Konflikt.
Nicht nur in Ostasien, sondern auch weltweit
ist er geopolitisch von enormer Bedeutung.
Beim Amtsantritt verkündete Xi Jinping,
die Frage der Wiedervereinigung mit Taiwan
dürfe nicht mehr an nachfolgende Generationen aufgeschoben werden.
Xi Jinping hat laut US-Geheimdienstberichten
ein klares Ziel formuliert.
Die Volksrepublik soll bis 2027 für eine militärische Auseinandersetzung
mit Taiwan bereit sein.
China hat dies dementiert.
Jedoch steht fest,
der Staatschef will den von Mao geerbten Konflikt lösen.
Schon unmittelbar nach Gründung der Volksrepublik
hat Mao die Eroberung Taiwans geplant,
um seinen Rivalen Chiang Kai-shek endgültig zu besiegen
und China zu einen.
Seine Streitkräfte und das Land sind damals jedoch noch
durch den Bürgerkrieg zu geschwächt.
Deshalb wendet sich Mao an Stalin.
Für Mao war Stalin die Sonne am Himmel.
Er betrachtete ihn als seinen Lehrer und nannte ihn Meister.
(Zugpfeifen)
Am 6. Dezember 1949 besteigt Mao einen Zug Richtung Moskau.
Dort will er Stalin persönlich
um militärische und wirtschaftliche Unterstützung bitten.
(Zugrattern)
Zehn Tage dauert die Reise durch die beiden riesigen Länder.
Am 16. Dezember 1949 erreicht Mao die sowjetische Hauptstadt.
(Düstere Musik, Stimmengewirr)
Allerdings erwarten ihn dort nur Funktionäre.
Stalin selbst lässt sich nicht blicken.
(Unruhige Musik)
Statt ihn mit allen Ehren zu begrüßen,
ließ Stalin ihn stundenlang warten.
(Nachdenkliche Musik)
Die erste Begegnung der beiden Staatschefs ist kurz und kühl.
Danach lässt Stalin Mao im Ungewissen.
Wochen vergehen, bis es zu einem nächsten Treffen kommt.
Stalin war gerne boshaft, auch gegenüber Mao Zedong.
(Nachdenkliche Musik)
Mao kränkte das zutiefst.
Ungeachtet der offiziellen Freundschaftsbekundungen
ist das Verhältnis zwischen Mao und Stalin belastet.
Seit dem Bürgerkrieg misstraut Stalin Mao.
Für den sowjetischen Führer ist Mao zu eigenwillig
und schwer zu kontrollieren.
Stalin nahm Mao stets übel, dass er sich nicht vollständig
seinen Ansichten und Dogmen unterwarf.
Mao war zu unabhängig für Stalin.
(Nachdenkliche Musik)
Stalin wurde sehr misstrauisch.
Ist Mao wirklich ein Marxist?
Stalins Umfeld berichtete später,
dass er Mao abfällig als "Radieschen" bezeichnete.
Außen rot, innen weiß.
Mao sehe zwar wie ein Kommunist aus,
sei aber eigentlich ein Konterrevolutionär.
Guter Nachbar, alter Feind.
Das Verhältnis zwischen Russland und China
ist seit jeher von Gegensätzen geprägt.
Momente enger Freundschaft sind von kurzer Dauer.
Territoriale Konflikte, ideologische Differenzen
und strategische Interessen
bestimmen seit Jahrhunderten die Dynamik zwischen beiden Ländern.
Heute mit China als Supermacht
haben sich die Kräfteverhältnisse erneut verschoben.
Doch auch unter den Staatschefs Wladimir Putin und Xi Jinping
setzt sich diese komplexe Wechselbeziehung fort.
(Angespannte Musik)
Im Februar 1950, nach Monaten zäher Verhandlungen in Moskau,
erreicht Mao zwei Ziele.
Einen Beistandspakt gegen japanische Angriffe
und wirtschaftliche Unterstützung durch die UdSSR.
Ein Hauptziel verfehlt er jedoch.
(Bedrohliche Musik)
Stalin verweigert militärische Hilfe für die Invasion Taiwans.
Der sowjetische Diktator
will einen unberechenbaren Konflikt in Asien vermeiden.
Stalin rächt sich für Maos Unabhängigkeit
und macht ihm klar, dass er sich unterordnen muss.
Doch plötzlich, ein paar Monate später,
rückt der Taiwan-Konflikt ohnehin in den Hintergrund.
(Knallen)
Ein neuer Krisenherd in Asien entsteht.
Er wird Maos Politik in den kommenden Jahren
entscheidend beeinflussen.
Der Koreakrieg ist eine Zäsur.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Korea geteilt.
Nordkorea steht unter sowjetischem Einfluss,
Südkorea unter amerikanischem.
Es kommt immer wieder zu Grenzverletzungen.
Am 25. Juni 1950 eskaliert die Situation.
Nordkorea, von der Sowjetunion mit Geld und Waffen versorgt,
startet einen groß angelegten Angriff auf den Süden.
Südkorea wird von amerikanischen Streitkräften
im Rahmen eines UN-Mandats unterstützt.
(Ernste Musik, Explosionen)
Als die Nordkoreaner mit sowjetischer Unterstützung
den 38. Breitengrad überqueren, um Südkorea anzugreifen,
ruft die UdSSR Mao zu Hilfe.
(Düstere Musik)
Doch Mao hat keine Lust, sich auf diesen Konflikt einzulassen.
Erst eben hat er den Bürgerkrieg hinter sich gebracht.
Er will China wieder aufbauen und das Taiwan-Problem lösen.
Doch Stalin besteht darauf.
(Düstere Musik)
Von der Sowjetunion in die Enge getrieben
erkennt Mao in der Krise auch eine Chance.
Durch die Unterstützung Nordkoreas
könnte er das Bündnis mit Stalin festigen.
Der Ausbruch des Koreakriegs ist ganz eindeutig eine Zäsur
in der Geschichte der Volksrepublik,
nur ein Jahr nach der Staatsgründung.
Nach zähen Verhandlungen mit Stalin entsendet Mao schließlich
eine 700.000 Mann starke Freiwilligenarmee
und nutzt diese für eine innenpolitische Säuberung.
Denn unter den Rekrutierten befinden sich viele
als Staatsfeinde Gebrandmarkte, ehemalige Kuomintang-Mitglieder,
vermeintliche Kriminelle und sogenannte Konterrevolutionäre.
Für Mao entbehrliches Menschenmaterial.
(Ernste Musik)
Aber nicht nur.
Auch Maos erstgeborener Sohn Mao Anying ist in der Freiwilligenarmee.
Bereits mit 14 Jahren wurde er zur Ausbildung nach Moskau geschickt,
zunächst an eine internationale Schule, dann an eine Militärakademie.
(Ernste Musik)
Mao Zedong war kein Familienmensch.
Er kümmerte sich wenig um seine Kinder.
Er war kein fürsorglicher Vater.
Seine Liebe galt der Politik.
(Nachdenkliche Musik)
Mao ordnet alles der kommunistischen Revolution unter.
Auch seine Familie.
Obwohl chinesische Generäle
Mao Anying aus Sicherheitsbedenken nicht in ihren Reihen haben wollen,
ordnet Mao dessen Einberufung an.
Damit demonstriert er seinem Volk: Alle müssen Opfer bringen.
(Ernste Musik)
Fünf Wochen später ist Mao Anying tot,
umgekommen bei einem US-Luftangriff auf das chinesische Hauptquartier.
(Explosionen, ernste Musik)
Sein Sekretär überbringt Mao die Nachricht vom Tod seines Sohnes.
(Ernste Musik)
"Mao legte die Zeitung beiseite und las das Telegramm."
"Er las es minutenlang, den Kopf gesenkt."
"Die Luft schien zu gefrieren."
"Als er aufblickte, weinte er nicht, zeigte keine Regung,
doch sein Gesicht war fahl."
"Er winkte ab."
"Krieg fordert Opfer. Das ist nichts Besonderes."
(Ernste Musik)
Deshalb lieben viele Chinesen bis heute den Vorsitzenden Mao.
Er gilt als großer, unbestechlicher Anführer.
Er schickte seinen Sohn in den Krieg
und machte keinen Wirbel, als dieser starb.
(Unruhige Musik)
In Wahrheit erkennt Mao,
dass der Konflikt eine einzigartige geopolitische Chance bietet.
Die Konfrontation mit den USA, einer Supermacht,
verspricht eine erhebliche Steigerung von Chinas internationalem Ansehen.
Mit diesem Ziel vor Augen entsendet er immer mehr Soldaten in den Krieg.
Am Ende sind es über drei Millionen.
(Unruhige Musik)
Dieser Konflikt hat äußerst wichtige Konsequenzen
für die Spaltung der Welt in Ost und West.
(Unruhige Musik)
Drei Jahre zieht sich der Krieg hin,
Friedensverhandlungen scheitern wiederholt.
Erst 1953 wird ein Waffenstillstand vereinbart.
Die dabei festgelegte Demarkationslinie besteht bis heute
und trennt das kommunistische Nordkorea
vom demokratisch regierten Süden.
China wird schließlich von der UNO als Aggressor betrachtet.
Das Land wird isoliert, und es werden Sanktionen verhängt.
Dennoch ist der Kriegsausgang für Mao ein außenpolitischer Triumph.
Die junge Volksrepublik, gerade erst gegründet,
hat gemeinsam mit Nordkorea die USA zu einem Waffenstillstand gezwungen.
Doch dieser Erfolg hat einen hohen Preis.
(Dumpfe Musik)
Schätzungen zufolge verlieren mehr als 4,5 Millionen Menschen
auf beiden Seiten ihr Leben.
Die Volksrepublik China und Nordkorea
veröffentlichen bis heute keine offiziellen Statistiken.
Im Zuge dieses Konflikts
wird Taiwan für die USA zum Schlüssel ihrer Asienpolitik.
Truman entsendet die siebte Flotte in die Formosastraße
und schließt Taiwan in seine Pazifikzone ein.
Die Amerikaner verpflichten sich,
diese Region gegen den Kommunismus zu verteidigen.
(Bedrückte Musik)
Das Interessante an diesem Moment ist,
dass hier die Spaltung zwischen Ost und West,
zwischen China und der UdSSR einerseits
und dem Westen um die USA andererseits, besiegelt wird.
(Ernste Musik)
Im Kampf gegen den Kommunismus unterstützen die USA von nun an
Chiang Kai-sheks Taiwan mit Geld und Waffen.
Und mit deren Hilfe erreicht Chiang Kai-shek auch ein wichtiges Ziel.
Er, das heißt, allein Taiwan,
vertritt weiterhin China und das chinesische Volk
in den Vereinten Nationen.
(Angespannte Musik)
Maos junge Volksrepublik China
bleibt von den Vereinten Nationen ausgeschlossen.
Doch Mao hat für die kommenden Jahrzehnte nun ein klares Ziel.
Er will weltweit so viele Verbündete wie möglich gewinnen,
um in absehbarer Zukunft Chinas Platz in der UN einzunehmen.
(Angespannte Musik)
Während der Kampf um internationale Anerkennung noch Jahre andauern wird,
ist seine Strategie,
den Koreakrieg für innenpolitische Veränderungen zu nutzen, aufgegangen.
Während der Kriegsjahre
forciert er die radikale Veränderung der Besitzverhältnisse.
In ganz China werden Grundbesitzer und wohlhabende Bauern enteignet.
Mao hat die Idee, das Land an arme und mittellose Bauern umzuverteilen,
mit dem Ziel, einen gemeinsamen Wohlstand zu schaffen.
(Nachdenkliche Musik)
Die Idee klingt zwar sinnvoll.
Aber in Wirklichkeit zog sie viel Gewalt nach sich.
(Nachdenkliche Musik)
Mao nutzt das Gesetz zur Landreform für seine politischen Ziele.
Mao und die kommunistische Partei setzen das Gesetz durch,
indem sie die Massen einspannen.
Die Bauern sollen ihre Unterdrücker öffentlich denunzieren.
(Rufe, ernste Musik)
Die Kommunisten klagen die Landeigentümer öffentlich an.
Sie stellen sie an den Pranger und erzwingen Schuldbekenntnisse,
um ihre Gegner maximal zu erniedrigen.
Die öffentliche Demütigung von Menschen,
die zuvor über absolute wirtschaftliche und politische Macht
in den Dörfern verfügten, sollte allen Zuschauern,
vor allem den Dorfbewohnern, demonstrieren,
dass diese Personen nun keinerlei Autorität oder Status mehr besaßen.
Sie sollten glauben, dass sie nun selbst die Macht hätten.
(Ernste Musik, Rufe)
Natürlich waren diese öffentlichen Versammlungen inszeniert
und so geplant, dass sie die Menge aufwiegelten.
(Aufgewühlte Musik, Rufe)
Viele Grundbesitzer wurden verprügelt und getötet.
(Ernste Musik)
(Schuss)
Die genaue Opferzahl ist umstritten,
aber es waren mindestens eine Million Grundbesitzer.
(Beunruhigende Musik)
Mao nutzt die Landreform auch,
um seine eigene Macht weiter zu festigen.
Systematisch lässt er Anhänger der Kuomintang
und andere Kritiker hinrichten.
(Beunruhigende Musik, Windrauschen)
Die Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas
war von Anfang an blutig.
(Nachdenkliche Musik)
Trotz des staatlich verordneten Terrors verbessern sich
zu Beginn der 1950er-Jahre die Lebensbedingungen in China.
Nach Jahrzehnten des Krieges und Chaos
kehrt eine gewisse Stabilität ein.
Die Wirtschaft beginnt zu wachsen,
und vielen Chinesen eröffnen sich neue Perspektiven.
Die Mehrheit sieht in Mao
den Garanten für Wachstum, Glück und dauerhaften Frieden.
Sie nennen ihn ehrfurchtsvoll "Retter Chinas" und "Großer Führer".
Mao hat von sich selbst ein Bild geschaffen, dass er einer ist,
der eben ein Held ist, der sich kümmert.
Um sein Volk.
(Nachdenkliche Musik)
Es gibt in dieser Zeit einen staatlich orchestrierten Kult.
Das hat eine bildliche Dimension, dass er besonders strahlend
und weitsichtig, visionär dargestellt wird.
Mao Zedong steht an der Spitze der Revolution.
Seine Ideen sind verbindlich für Partei und Volk.
Widerspruch wird nicht geduldet.
Obwohl das sich alles so fürchterlich revolutionär gebärdete
und einen ... völlig anderen äußeren Anstrich hatte
als das damalige Kaiserreich,
dass aber strukturell so etwas wie der Kaiser wieder etabliert wurde.
Und der neue Kaiser hieß Mao Zedong.
(Nachdenkliche Musik)
Unnachgiebig treiben Mao und die Kommunistische Partei
die Umwandlung des Staates voran.
(Nachdenkliche Musik, Vogelzwitschern)
Hier beginnt das erste Überlegen,
wie können wir weiter in Richtung Sozialismus voranschreiten?
(Nachdenkliche Musik)
Nach der Neuverteilung der Agrarflächen
nimmt China nun den Aufbau einer modernen Industrie in Angriff.
Doch dazu benötigt das Land Hilfe.
In den Anfangsjahren der Volksrepublik
entsendet die Sowjetunion Tausende Experten nach China.
Sie sollen beim wirtschaftlichen Aufbau
und der Entwicklung auf politischem und kulturellem Gebiet helfen.
Moskau unterstützt China nicht nur mit Personal,
sondern gewährt auch einen Kredit von 300 Millionen Dollar.
Diese Mittel sind primär
für die Entwicklung der Schwerindustrie vorgesehen.
Zudem übernimmt Mao von der Sowjetunion
das Konzept des Fünfjahresplans.
Die Fünfjahrespläne sind und waren die Grundlage der Planwirtschaft,
dass man also staatlicherseits versucht hat,
den Bedarf und auch die Nachfrage entsprechend abzuschätzen
und dann ein entsprechendes Angebot zu schaffen durch zentrale Planung.
(Nachdenkliche Musik)
Es gibt Fünfjahrespläne bis heute.
Die haben nicht mehr die Funktionen wie im Maoismus.
Aber die grundlegende Idee einer Steuerung der Wirtschaft
hat überdauert, auch wenn der Markt eine viel größere Rolle spielt.
(Nachdenkliche Musik)
Aktuell ist in China der 14. Fünfjahresplan in Kraft.
Er gilt von 2021 bis 2025.
Sein zentrales Ziel:
die Unabhängigkeit der chinesischen Wirtschaft vom Ausland
bei gleichzeitiger Stärkung des heimischen Binnenabsatzes.
Dies ist ein weiterer Schritt
zur Verwirklichung eines starken und wirtschaftlich unabhängigen Landes.
(Jubel, gespannte Musik)
Ein Ziel, das China seit Mao verfolgt.
Der erste Fünfjahresplan von 1953 legt den Grundstein dafür.
Doch Maos Vision für China
geht weit über die wirtschaftliche Entwicklung hinaus.
Er will das gesellschaftliche Leben grundlegend verändern.
(Drängende Musik)
Das erste Gesetz der Kommunistischen Partei war das Ehegesetz von 1950.
Vorsitzender Mao gewährte den Frauen gleiche Rechte,
er setzte sich für sie ein.
Unter dem Leitsatz "Frauen sind Männern ebenbürtig"
führen die Kommunisten weitreichende Reformen durch.
Sie revolutionieren die Beziehungen zwischen Mann und Frau.
Maos Interesse an Frauenrechten reicht bis in seine Jugend zurück,
als er bereits erste Schriften darüber verfasste.
Seine eigene Erfahrung,
insbesondere die Zwangsverheiratung im Alter von 14 Jahren,
spiegelt sich nun in den Gesetzen wider.
Diese verbieten die Polygamie und Kinderehen.
Das Heiratsalter wurde auf 20 Jahre für Männer
und 18 Jahre für Frauen festgelegt.
Kindstötung wurde verboten,
und Frauen erhielten das Recht auf Scheidung,
vor Gericht zu gehen und zu erben.
(Nachdenkliche Musik)
Früher galten Frauen als Besitz und konnten verkauft werden.
Meine Großmutter traf meinen Großvater bei der Arbeit
und wurde seine Konkubine.
Als 1949 die Kommunisten an die Macht kamen,
mussten Männer sich für eine Frau entscheiden.
Mein Großvater entschied sich gegen seine Ehefrau
und für meine Großmutter, seine Konkubine.
(Nachdenkliche Musik)
Das Ehegesetz gewährte Frauen
gleiche Rechte auf Bildung und Arbeit.
Es verbot auch die feudale Praxis des Füße-Bindens.
Meine Großmutter hatte noch gebundene Füße.
(Nachdenkliche Musik)
Die Tradition der gebundenen Füße, Lotusblumenfüße genannt,
ist eine grausame Methode, um die Füße von Mädchen klein zu halten.
Die Füße werden gebrochen und danach fest bandagiert.
Kleine Füße gelten als Schönheitsideal und Statussymbol.
Obwohl diese Praxis 1912 verboten wurde,
hält sie sich in einigen Regionen Chinas.
Mao setzt das Verbot nun landesweit rigoros durch.
(Ernste Musik)
Gleichzeitig muss man verstehen, Mao befreite die Frauen nicht,
damit sie ihr eigenes Leben führen konnten.
Sein Zitat "Frauen tragen die Hälfte des Himmels"
wird oft missverstanden.
Er brauchte die Frauen als Arbeitskräfte und Revolutionärinnen.
In einem Gedicht über Frauenmilizen heißt es:
(chinesisch:)
(englisch:) Das ist ein Gedicht von Mao,
den Frauenmilizen Chinas gewidmet.
(Nachdenkliche Musik)
Die Frauen wurden aufgefordert,
wie die Männer in Fabriken und Volkskommunen zu arbeiten.
Es ging keineswegs darum, die Frauen zu emanzipieren.
Als Teil der sozialistischen Gesellschaft
müssen sich die Frauen den Zielen des Staates unterordnen.
(Stimmengewirr)
Auch heute greift der Staat in das Leben der Frauen ein.
Da Chinas Geburtenrate sinkt,
propagiert die kommunistische Regierung unter Xi Jinping
ein traditionelles Familienbild.
Frauen sollen mehr Kinder bekommen.
Auch die Scheidungszahlen würde sie gerne senken.
Die von Männern dominierte Kommunistische Partei
will das Volk nach ihren Vorstellungen erziehen und lenken.
(Angespannte Musik)
Dazu gehört auch die systematische Überwachung der Gesellschaft,
die seit Mao Zedong Realität ist.
Eine zentrale Rolle dafür
spielen unter Mao die Volkskommunen und Danweis.
(Angespannte Musik)
Lebens- und Arbeitseinheiten, wo sich das komplette Sozialleben,
aber auch die Arbeitsleistung vollzieht.
(Angespannte Musik)
Diese Arbeitseinheiten sollen individuelle Bedürfnisse abschaffen
und eine gemeinsame Identität stiften.
Am Telefon meldet man sich immer zunächst mit dem Namen der Danwei,
dann erst mit dem eigenen Namen.
Der Staat hat Zugriff auf alle Lebensbereiche.
Hier ist also die Parteiorganisation wirklich für alles zuständig,
von Heiratsschließungen bis hin zu einer neuen Bettdecke
bis hin zur Versorgung der Kinder oder eben auch der Alten.
Es ist, wenn man so will, eine totale Institution.
(Angespannte Musik, Gackern)
Damit begann der Staat, sein Netzwerk auszuweiten,
bis hinunter in die Dörfer.
Die Aktivisten und Parteimitglieder,
die sich bei der Landreform bewährt hatten,
bilden nun das Rückgrat des Überwachungssystems
in den Dörfern und Arbeitersiedlungen.
Es ist eine Institution, die ein permanentes Feedback
über das Verhalten der jeweiligen Mitglieder liefert.
Das Ganze schlägt sich dann nieder in den sogenannten Dang'ans,
in den Dossiers oder Akten, die über jede Person geführt werden
und die lückenlos sowohl die politische Zuverlässigkeit
als auch den Lebenslauf abbilden sollen.
Durch die allumfassende Kontrolle entsteht ein Klima der Unsicherheit.
Die Grenzen zwischen politisch korrektem und inkorrektem Verhalten
verschwimmen zunehmend.
Mao behauptete, 95 Prozent der Menschen seien gut,
also waren fünf Prozent schlecht.
Jede Arbeitseinheit
musste fünf Prozent schlechte Menschen identifizieren.
Mein Vater wurde einer dieser fünf Prozent, ein Rechtsabweichler.
Viele Jahre arbeitete er in einem Laogai, einem Umerziehungslager.
In den 1950er-Jahren entwickelt die kommunistische Parteiführung
das System der Laogais, Arbeitslager und gefängnisähnliche Einrichtungen,
die sowjetischen Gulags ähneln.
Bei sogenannten Rechtsabweichlern soll darin mittels Zwangsarbeit,
physischer und psychischer Folter
eine Gedankenreform und Umerziehung bewirkt werden.
Die Anzahl der Laogais wächst in den kommenden Jahrzehnten beständig.
Nach Maos Tod werden sie
in das allgemeine Gefängnissystem integriert.
Bis heute sind sie ein mächtiges Instrument des Staates,
um anders Denkende umzuerziehen und einzusperren, oft für Jahrzehnte.
Ich wuchs ohne meinen Vater auf.
Jede chinesische Familie trägt die Spuren von Maos Herrschaft.
(Bedrückte Musik)
Als die Kommunistische Partei 1949 das neue China gründete,
kamen sie in das Dorf meines Vaters und warben ihn an.
"Junger Mann, Sie sind stark."
"Wollen Sie in unserer Staatsfabrik in der Stadt arbeiten?"
"Sie bekommen einen Lohn."
(Stimmengewirr)
"Und drei Mahlzeiten am Tag."
Natürlich sagte mein Vater Ja.
Mein Vater wurde für eine staatliche Fabrik rekrutiert
und trat der Kommunistischen Partei bei.
Dort lernte er meine Mutter kennen.
(Nachdenkliche Musik)
Sie wurde überprüft, um sicherzustellen,
dass sie für meinen Vater, ein Parteimitglied, geeignet war.
(Nachdenkliche Musik)
Bei der Hochzeit war die Partei anwesend, um zuzustimmen.
Die Begriffe "Ehemann" und "Ehefrau" waren verboten.
Stattdessen nannte man sich "Genossen".
Es war Männern wie Frauen verboten, von Liebe zu sprechen.
Es ging um die Revolution, und die war kein Galadinner.
(Nachdenkliche Musik)
Lily Tangs Familie lebt auf engstem Raum.
Oft ist das Essen knapp.
(Düstere Musik)
Als fünfköpfige Familie waren wir stets hungrig.
Ich erinnere mich nicht, dass jemand eine eigene Wohnung besaß.
Alles unterstand der Arbeitseinheit.
(Ernste Musik)
Als ich in China lebte, hatte ich stets das Gefühl,
meine wahren Empfindungen verbergen zu müssen.
(Düstere Musik)
Ich erinnere mich an keinen einzigen Moment,
in dem ich in der Öffentlichkeit geweint hätte.
In 20 Jahren.
Es war, als ob das Regime und die Gesellschaft einen erdrückten.
Zeigte man Gefühle, wurde man zur Zielscheibe.
(Ernste Musik)
Wir waren arm, konnten uns kein Radio leisten.
In der Nähe unserer Wohnung gab es einen öffentlichen Lautsprecher.
Jeden Morgen hörten wir revolutionäre Lieder,
die Peking-Oper und Nachrichten.
Dann wurde es still.
(Mann, chinesisch:)
(Pfeifender Ton aus dem Lautsprecher)
Manchmal darf Lily Tang abends bei den Nachbarn Radio hören.
(Gespannte Klänge)
Ich stand oft neben dem Radio und hörte gebannt zu.
(Gespannte Klänge)
In der Nachrichtenpause gab es eine Minute klassische Musik.
(Getragene Streichmusik)
Das brachte mich zum Weinen.
Ich wusste nicht, was es war, es war einfach schön.
Wie ... Regen in der Wüste.
(Getragene Streichmusik)
Wenn ich darüber spreche, erinnere ich mich an dieses Gefühl.
(Getragene Streichmusik)
Es war etwas Schönes, Menschliches, Natürliches, das mich berührte.
(Stimmengewirr)
Bereits wenige Jahre nach der Ausrufung der Volksrepublik
kontrollieren Mao Zedong und die Kommunistische Partei
das Leben der vielen Millionen Chinesen.
Aber haben sie das Land wirklich im Griff?
Mao kann sich nicht sicher sein.
Das zeigt 1953 der Tod eines anderen kommunistischen Herrschers,
Josef Stalins.
(Ernste Musik)
Drei Jahre später rechnet Nikita Chruschtschow
gnadenlos mit seinem Vorgänger ab.
Die Entstalinisierung,
Kritik am Stalinkult und Aufdeckung von Stalins Verbrechen.
Chruschtschow forderte mehr Menschlichkeit in der Partei,
mehr Meinungsfreiheit.
(Ernste Musik)
Die chinesische Parteiführung ist alarmiert,
gestattet aber den Intellektuellen im Land,
die Debatte in der Sowjetunion zu verfolgen.
Das hat Konsequenzen.
(Ernste Musik)
Sie fragen, warum nicht auch hier?
Wir glaubten ebenso an die Befreiung durch die Kommunistische Partei,
leben aber unter einem bleiernen Himmel.
(Ernste Musik)
Mao entschied, dem chinesischen Volk,
vor allem den Intellektuellen, Raum für Kritik an der Partei zu geben.
Er wollte damit verhindern,
dass aufgestaute Unzufriedenheit in einen Aufstand mündet.
(Nachdenkliche Musik)
Und Mao hofft, dass die eigene Macht so weit gefestigt ist,
dass sie ermöglicht,
über Fehler zu sprechen, sie einzugestehen und zu korrigieren.
"Lasst 100 Blumen blühen, lasst 100 Schulen miteinander wetteifern."
Die Idee klang wunderbar.
Lasst 100 Denkschulen miteinander wetteifern, lasst 100 Blumen blühen.
Es war ein Aufruf zu einer offenen Debatte.
Zunächst herrscht Skepsis unter den Intellektuellen,
doch Maos wiederholte Ermutigung zeigt Wirkung.
Mehr und mehr äußern offen ihre Gedanken.
Das Ganze entwickelt sich im Laufe des Jahres '56,
im Frühjahr 1957 dann durchaus zu einer lebhaften Diskussion,
die anfangs also eine Reihe von Missständen durchaus benennt.
Nicht nur Intellektuelle, sondern auch Arbeiter melden sich zu Wort.
(Nachdenkliche Musik)
(Düstere Musik)
Ihre Kritik richtet sich nicht nur
gegen die Bürokratie innerhalb der Partei,
gegen Abweichungen von der Parteilinie
oder gegen die Voreingenommenheit der Führung.
Sie greift auch den Kern des politischen Systems an,
die Diktatur der Kommunistischen Partei.
Obwohl diese fundamentale Kritik nur vereinzelt geäußert wird,
erscheint Mao die Bewegung zunehmend riskant.
Er vollzieht eine abrupte Kehrtwende und behauptet,
die Kampagne habe ein anderes Ziel gehabt.
Regimekritische Künstler und Intellektuelle
sollten entlarvt werden.
Mao war zu selbstsicher.
Als ihm die Bewegung, die er selbst gefördert hatte,
zu entgleiten drohte,
leitete er 1957 die Rechtsabweichlerkampagne ein.
Als sogenannte Rechtsabweichler
werden ungefähr eine halbe Million Menschen eingestuft.
Sie werden in abgelegene Dörfer zur Umerziehung gebracht
oder in Lager gesteckt.
(Nachdenkliche Musik)
Was denkt das Volk?
Wem kann ich trauen und wem nicht?
Fragen,
die auch die heutige kommunistische Regierung beschäftigen.
Das Dilemma für Diktatoren wie Xi ist,
man will die sozialen Medien nicht so stark einschränken,
dass man nicht mehr weiß, was das Volk denkt.
(Nachdenkliche Musik)
Die Kommunistische Partei Chinas ist echt gut darin,
die Stimmung zu überwachen und zu analysieren.
Sie beobachtet ständig alles und nutzt riesige KI-Systeme,
um herauszufinden, was die Leute stört.
Die Liste der Sorgen der Menschen in ihrem Alltag ist lang.
Smog in den Städten oder giftiges Wasser.
Engpässe bei der Lebensmittelversorgung,
Ärztemangel, Korruption in der Verwaltung.
Die kommunistische Regierung agiert strategisch.
Sie checkt, wo es richtig krachen könnte,
und versucht, das zu verhindern.
Sie will die Probleme entschärfen und angehen, bevor alles überkocht.
(Nachdenkliche Musik)
Potenzielle Proteste müssen frühzeitig unterbunden werden.
Repressionen sind nicht mehr das einzige Mittel der Wahl.
Sie sind aufwendig und teuer,
schaden dem internationalen Ansehen Chinas und gefährden die Macht.
Das haben Xi Jinping und die kommunistische Führung
aus der Geschichte gelernt.
(Nachdenkliche Musik)
Damals, 1957, befindet sich Mao in einer handfesten Krise.
Sein Ansehen in China ist durch sein Agieren
während der 100-Blumen-Kampagne beschädigt worden.
(Beunruhigende Musik)
Deren Scheitern sorgte also jetzt dafür,
dass er einen Vertrauensverlust erlitten hat,
den er versucht hat auch dadurch zu kompensieren,
dass er jetzt noch eine sehr viel rigidere sozialistische Umgestaltung
der Gesellschaft entsprechend angedacht hat.
(Nachdenkliche Musik, Applaus)
Mao startet den "Großen Sprung nach vorne",
sein bisher ehrgeizigstes Vorhaben.
Trotz Fortschritten beim Ausbau von Industrie und Infrastruktur
ist China immer noch ein rückständiges Agrarland.
Das soll sich nun in kürzester Zeit ändern.
(Froissart:) Erneut stützt er sich allein auf die Kraft der Massen.
Sein Ziel ist es, China in ein mächtiges,
wohlhabendes und industrialisiertes Land zu verwandeln
und Großbritannien einzuholen.
(Nachdenkliche Musik)
Der Große Sprung nach vorne
war ein entscheidender, revolutionärer Moment.
Mao wandte sich damit
vom sowjetischen Entwicklungsmodell der Planwirtschaft ab
und schlug einen eigenständigen Weg ein.
Im Grunde geschah während des Großen Sprungs Folgendes:
Mao übertrug die Steuerung der Wirtschaft
von den zentralen Bürokraten und Planern
auf die lokalen Parteiführer.
Die Abweichung vom Fünfjahresplan ist ein bewusster Schritt.
Seit Stalins Tod 1953
konkurriert Mao mit dem sowjetischen Staatschef Chruschtschow
um die Führung in der kommunistischen Welt.
Mao betrachtet dessen Kritik an Stalin
als Verrat an den kommunistischen Idealen.
Unverhohlen zeigt er dies dem Kreml-Chef
bei dessen Staatsbesuch 1958.
(Pantsov:) Bei Chruschtschows Ankunft
blies Mao ihm absichtlich Zigarettenrauch ins Gesicht,
obwohl Chruschtschow Rauchen verabscheute.
Um ihn zu demütigen, lud Mao ihn zum Schwimmen ein.
(Beunruhigende Musik, Wasserrauschen)
Das war ein politischer Affront.
Mao war ein hervorragender Schwimmer,
Chruschtschow konnte nicht schwimmen.
Es war eine beschämende Situation.
Maos Ehrgeiz kennt keine Grenzen.
Er will die Welt mit Chinas Fortschritt in Staunen versetzen.
Der Große Sprung verkörpert diese Vision.
Landesweit sollen Staudämme errichtet,
Eisenbahnnetze ausgebaut und Industriekomplexe geschaffen werden.
Doch dem Agrarland fehlt das Fundament jeder Industrienation:
Stahl.
Mao propagiert dafür einen kühnen Plan.
(Nachdenkliche Musik)
Ganz China soll zur Stahlschmiede werden.
In städtischen Hinterhöfen und auf Dorfplätzen
errichten die Menschen kleine Schmelzöfen.
Überall lodern Feuer, Rauch steigt auf.
Es scheint, als hätte Mao
den Schlüssel zum industriellen Durchbruch gefunden.
Die Stahlproduktion nimmt rasant zu.
Zumindest auf dem Papier.
(Nachdenkliche Musik)
Relativ bald kommt es also zu einer Art Wettstreit
zwischen den unterschiedlichen Regionen und den Parteisekretären,
die also zeigen wollen,
dass sie besonders eng der maoistischen Linie folgen.
Auch die Landwirtschaft soll im Großen Sprung produktiver werden.
Zu Beginn des Großen Sprungs nach vorne gibt es eine Kampagne,
die vier Schädlingsarten, darunter eben auch Spatzen, ausrotten soll,
um auf diesem Weg bessere agrarische Erträge zu liefern.
(Ernste Musik, Stimmengewirr)
Das ganze Land wurde mobilisiert.
Menschen schlugen auf Töpfe und Pfannen,
damit die Spatzen in der Luft blieben und nicht landen könnten.
(Ernste Musik, Geschrei)
Die Spatzen fallen vor lauter Erschöpfung tot vom Himmel.
Mehr als zwei Milliarden Tiere sollen bei dieser Aktion gestorben sein.
Im Rückblick erscheint das völlig absurd.
Eine Kampagne zur Ausrottung von Spatzen,
ohne die Folgen für das Ökosystem zu bedenken.
(Ernste Musik)
Schnell wird klar: Die Natur lässt sich nicht überlisten.
Die massenhafte Tötung von Spatzen hat zur Folge,
dass sich andere Schädlinge exorbitant verbreiten können.
(Ernste Musik)
Die ehrgeizigen Ziele in der Stahlproduktion
haben dramatische Folgen für die Landwirtschaft.
Die lokalen Parteikader holen viele Bauern von den Feldern.
In ihrem Eifer gehen sie sogar so weit,
landwirtschaftliche Geräte einschmelzen zu lassen.
Der Stahl hat Vorrang vor allem, selbst vor der täglichen Ernährung.
Aus der Partei schreitet niemand ein.
Sie waren eingeschüchtert und einfach froh,
der Rechtsabweichlerkampagne entkommen zu sein.
Deren Brutalität hatte alle in die Defensive gedrängt.
Deshalb glaubten sie,
dass sie der neuen Kampagne nicht widersprechen konnten.
(Ernste Musik)
Dann kam die Zeit, ihre Ergebnisse vorzulegen.
Und viele sahen sich gezwungen, zu behaupten,
sie hätten ihre Aufgabe erfüllt.
Doch die Realität des Großen Sprungs ist eine andere.
Die Produktionszahlen erweisen sich als reine Illusion.
(Beunruhigende Musik)
Einst fruchtbare Felder liegen brach.
Der unter größten Mühen produzierte Stahl
ist nichts weiter als wertloser Schrott.
Und das sind nur die ersten Risse
in Maos Traum vom Großen Sprung nach vorne.
China taumelt am Rande eines Abgrunds.
Die bange Frage lautet nicht, ob die Katastrophe kommt,
sondern wie verheerend sie sein wird.
(Bedrohliche Musik)
(Nachdenkliche Musik)
SWR 2024
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