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DER HALBBRUDER
Hebt die noch höher!
Manche meinen, dass es nur zwei Geschichten gibt:
Odysseus, die Reise, und Gott und Jesus, der Aufstand gegen den Vater.
Und dass diese Geschichten immer wieder erzählt werden. So etwas irritiert mich.
Gibt es im Neuen Testament etwa eine Stelle, in der es heißt:
"Der Rauch zweier Zigaretten formt Buchstaben auf einem grauen Tuch"?
Humphrey Bogart und Lauren Bacall.
Guten Morgen.
- Sie sind aber nicht sehr groß? - Nun, ich versuche es.
Ich meldete mich für einen Kurs in Film- wissenschaft an. Gut für einen Autoren.
Aber ich hielt nicht lange durch. Die redeten immer nur von der Wahrheit.
Man müsse ehrlich zu sich selbst und den Charakteren sein. Sag, wie es ist.
Das war nichts für mich. Denn die Wahrheit ist, -
- dass ich weiß, wieso Fred verschwand. Manchmal kann er mir gestohlen bleiben.
- Was ist? - Nichts.
- Wollen wir heute ins Kino gehen? - Wieso denn?
- Um einen Film zu gucken. - Und dann darüber zu reden?
ADRESSE UNKEBANNT (sic)
Ein Junge kommt eine Treppe herunter, erreicht den Treppenaufgang...
...zur Straße herunter. Er ist größer als das Haus.
- Hast du sie schon gevögelt? - Was?
- Was machst du? Du wirkst so abwesend. - Ich habe nur nachgedacht.
Worüber denn? Über Vivian? Denkst du an Bräute?
- Ich habe zu schreiben angefangen. - Wirklich?
Ja.
- Wo bist du gewesen? - Ist Mama sauer?
Vielleicht war ich bei Willy.
Wieso hast du nicht gesagt, dass Vivian auch in einem Auto geboren wurde?
- Hast du mit ihr gesprochen? - Ja.
Darf ich das nicht?
- Wieso hast du nichts gesagt? - Ich hab' nicht daran gedacht.
Wenn du mit dem Schreiben weitermachen willst, musst du lernen zu denken.
- Wo bist du gewesen? - Unterwegs.
Fünf Tage lang?!
- Was machst du, Barnum? - Ich schreibe.
- Was denn? - "Die kleine Stadt".
Schöner Titel.
- "Ein Junge geht eine Straße ruhent..." - Herunter.
"Eine Straße herunter."
"Er ist größer als die Häuser..."
"...er ist größer als..."
"...die Straßenlaternen." "Er ist größer als die Straßenlaternen."
- "Er beleibt..." - Bleibt.
"Er bleibt an... einer Ecke stehen."
- "Er ist allein." - "Er ist allein."
"Exterieur. Fagerborg, Nacht."
"Exterieur" bedeutet, dass sich die Handlung im Freien abspielt, -
- und "Interieur" bedeutet, dass sie sich drinnen abspielt.
Das ist die Einleitung zu "Die kleine Stadt".
"Exterieur. Fagerborg, Nacht."
"Ein kleiner, betrunkener Mann geht den Kirkeveien hinauf."
"Er ist so klein, dass er fast nicht existiert."
- Das ist gut. - Schön.
- Gibt es hier ein Klo? - Ganz hinten links.
Ich glaube, Vivian ist in dich verliebt. Vivian ist bestimmt in dich verliebt.
- Woher weißt du das? - Sie hat dich 86 mal angesehen.
Das liegt bestimmt daran, dass du Schriftsteller bist.
- Sie ähnelt Lauren Bacall. Bemerkt? - Das hab ich bemerkt.
- Wie trinken Sie Ihren Brandy? - Aus einem Glas.
Lies weiter.
"Exterieur. Fagerborg, Nacht."
"Ein kleiner, betrunkener Mann geht den Kirkeveien hinauf."
- Was ist hier los? - Ich habe die ganze Filmbranche zu... -
- ...einer offiziellen Eröffnung geladen. - Eröffnung von was?
- Barnum und Miils. Das Event des Jahres. - Kommt denn da auch jemand?
Es geht um den Hype. Für mich, für dich, sieben Seiten pro Tag.
Peder, was hältst du von dem hier?
- "Das eine Auge sieht das andere nicht." - Total knorke.
"Der Wikinger" ist ein guter Titel. Das Interesse ist groß. Die stehen Schlange.
"Black Ridge" aus Hollywood wollen das Manuskript vor Weihnachten haben.
Hast du über meine Ideen gesprochen? Aber dann wird doch nichts daraus.
Ich kann kein Buch ohne Inhalt verkaufen. "Der Wikinger" wird bestimmt verfilmt.
- Hast du Vivian dein Geheimnis verraten? - Nein.
- Kannst du es ihr nicht einfach sagen? - Dann verlässt sie mich.
Das ist kein guter Grund.
ADRESSE UNKEBANNT (sic)
Ich glaube, ich weiß, wo Fred ist. In Kopenhagen.
- Machst du Witze? - Er fährt Taxi.
Willst du, dass er wieder nach Hause zurückkommt?
Ja, wir wollen dir gratulieren Wir stehen um dich herum
und guck, jetzt werden wir marschieren
Beugen, nicken, knicksen, drehen uns rum Tanzen und Hüpfen hoch herum
Wünschen dir von Herzen alles Gute Sag mir doch, was willst du mehr?
Gratuliere! (Norwegisches Geburtstagslied)
- Gefällt sie dir? - Die ist sehr schön.
- Die kannst du zum weißen Hemd tragen. - Danke, Mama.
Glückwunsch!
- Bitte schön. - Vielen Dank, Boletta.
- Hamsun. - Ganz neue Ausgabe.
Die alte hatten wir verbrannt. Hamsun war im Krieg ein Schwein.
"Alle Gute zum Geburztag wünscht Ferd"
- Jetzt brauchst du nur noch Papier. - Jetzt braucht er nur noch gute Ideen.
Nächstes Mal bekommst du das Schönste, das ich habe.
- Und was ist das? - Das weiß ich noch nicht genau.
Du solltest nichts versprechen, was du nicht halten kannst.
"Die kleine Stadt"
- Hallo. - Hallo.
- Rate mal! - Was denn?
Rate einfach.
- Du bist acht Zentimeter gewachsen? - Sehe ich so aus?
Ich bin Schriftsteller geworden. Ich habe "Die kleine Stadt" fertig.
Wie schön!
- Willst du rein kommen? - Und deiner Mutter "hallo" sagen?
Okay.
Barnum, du hast Post.
Lies vor.
"Lieber Barnum Nilsen. Wir freuen uns, dir mitteilen zu können, dass du mit" -
- "'Die kleine Stadt' den Aufsatzwett- bewerb der Osloer Schulen gewonnen hast."
"Der Preis wird am 20. Januar um Punkt 13 Uhr im Rathaus verliehen."
- "Wir freuen uns auf dein Kommen." - Hast du "Die kleine Stadt" eingereicht?
Gratuliere, Barnum!
Gut gemacht, Barnum.
- Ohne die Schreibmaschine... - Mach dich nicht kleiner, als du bist.
Schade, dass Nilsen so ein normaler Name ist, sonst wüsste man, wessen Bruder bin.
Wollen wir das feiern?
Ich habe Geld.
Weißt du noch, als du mich gebeten hast, die Tanzschule zu schwänzen -
- und das Gegenteil von dem zu tun, was die Leute von mir erwarten?
Ja.
Und was ist, wenn man das Gegenteil von dem tut, was man will?
Dann geht das gründlich schief, Barnum.
Ich wollte ein bisschen mit Vivian ausgehen.
Gut. Du und Vivian, das ist schön.
Wir sind so stolz auf dich.
Gratuliere, Barnum!
- Glückwunsch zur Auszeichnung. - Danke.
- Was willst du mit der Geschichte sagen? - Alle sind groß, wenn sie nachsehen.
- Hast du ein literarisches Vorbild? - Das wäre wohl Hamsun.
Zeig mal deine Urkunde. Halt sie hoch.
Prost! Prost auf Barnum, unseren kleinen Schriftsteller.
- Sie riecht gut. - Moschus.
Davon wird man verdammt geil.
- Ich kann nicht mehr lange bleiben. - Ich kann dich nach Hause bringen.
- Tschüs! - Mach's gut.
Du riechst nach Moschus.
Vivian!
Moschus.
Du riechst nach Moschus.
- Wovon redest du, Barnum? - Vivian.
Ich bin mit ihr zusammen. Du willst sie nur haben, weil sie mir gehört.
- Halt die Klappe, Barnum! - Das darfst du nicht.
- Das kann sie wohl selbst entscheiden. - Nur weil du in einem Auto geboren -
- und größer als ich bist, kannst du sie mir nicht einfach wegnehmen.
- Und wenn ich sie mag? - Ich mag sie mehr als alles andere.
Hast du nicht gesagt, dass ich das Schönste bekomme, das du hast?
Vivian mag mich. Ich bin Schriftsteller.
Du kannst nicht einmal schreiben.
Du kannst, verdammt noch mal, nicht einmal boxen.
Barnum?
Barnum?
Barnum?
Barnum! Barnum?
Was ist denn hier passiert?
Wo ist Fred? Barnum, wo ist Fred?
- Habt ihr euch geprügelt? - Glaubst du, ich prügele mich mit Fred?
Er dreht bestimmt nur eine Runde.
Das sieht nicht so aus, Barnum.
Fred ist zur See gefahren. Ich habe mit Willy gesprochen.
- Der hat Fred nicht mal Boxen gelehrt. - Ich habe die Reederei angerufen.
Es hätte schlimmer kommen können. Aber er hätte gerne "tschüs" sagen können.
Auf welchem Schiff ist er gelandet? Wohin ist er gefahren?
Auf der Polarbjørn. Nach Grönland.
Musst du jetzt auch noch ein zehntes Telegramm schicken?
Ich schicke Telegramme, bis Fred antwortet, Mama.
Boletta?
- Was machst du denn hier? - Ich wollte nur mal "hallo" sagen.
- Ich habe dir nie für das Geld gedankt. - Ich entschuldige mich. Ich lag falsch.
Die Zeit lief mir davon, vielleicht war ich ihr immer hinterher.
Manchmal ist das schwer zu sagen.
Es war der Höhepunkt des Tages, dir beim Kaffeeausschenken zuzusehen.
Du siehst immer noch wundervoll aus, Boletta.
Wir möchten dieses Telegramm an die Polarbjørn schicken. Das ist ein Schiff.
Ich habe deinen verrückten Halbbruder schon lange nicht mehr gesehen.
- Fred ist zur See gefahren. Grönland. - Mensch! Wie lange wird er weg sein?
- Keine Ahnung. Fred ist ein Nachtmann. - Was ist ein Nachtmann?
Ein Zombie, eine lebender Toter, der Unschuldige zum Mittag verspeist.
Nein, ein Nachtmann ist einer, der auf alle pfeift, die er gern hat.
- Musst du heute ans Set? - Nein.
Ich gehe zum Trockenboden und sehe nach, wie die Renovierungsarbeiten laufen.
Ich wollte schon mal etwas packen, damit es beim Umzug nicht so stressig wird.
- Und nachher ist die Feier. - Um sechs geht es los.
Ich werde kommen.
- Bestimmt bleiben wir dann zu dritt. - Dann haben wir ja genug zu trinken.
Ich glaube, ich weiß, wo Fred ist.
Er scheint in Kopenhagen zu sein. Er fährt Taxi.
- Wieso bist du dann nicht in Kopenhagen? - Ja...
Vielleicht will er nicht gefunden werden.
Findest du es besser, es nicht zu wissen?
Ist es besser, das ganze Leben zu leben, ohne irgendetwas zu wissen?
Nein.
Bis dann.
Ja.
Fred?
Wie geht es Mama?
Gut.
Wieso bist du abgehauen?
Hattest du es nicht gut mit Barnum?
Wir hatten es gut.
- Ich habe an euch gedacht. - Was hast du denn gedacht?
Ich habe gedacht, dass Barnum berühmt wurde, dass ihr Kinder bekommen habt.
Vielleicht ein Haus...
Ich dachte, du bist so eine, die Kinder haben will.
Barnum kann nicht.
Ich hole nur schnell Veras Kleid.
- Hast du was von Vivian gehört? - Nein. Aber sie kommt bestimmt.
Entspann dich. Hab Spaß und misch dich unter die Leute. Trink was.
- Sehr attraktiv sehen Sie nicht aus. - Ich bin auch nicht besonders groß.
- Volles Haus. - Es geht wohl um den Hype.
- Alle sind da. - Sieht ganz so aus.
- Wo bist du gewesen? - Unterwegs.
Schön, dass du gekommen bist... auch wenn es etwas spät ist.
In Amerika kommen alle zu spät. Mindestens eine Viertelstunde.
Wie trinken Sie Ihren Brandy am liebsten?
Aus einem Glas.
Oder ohne.
Komm jetzt!
DREI MONATE SPÄTER
Wir werden ein Kind bekommen.
Willst du nichts dazu sagen?
Du hast gewusst, dass ich Kinder haben will.
Wir könnten ihn auf Røst taufen lassen.
Weißt du denn, dass es ein Junge wird?
Nein... Mir wird von Schokolade schlecht, und man sagt, dann wird es ein Junge.
Sagt man das? Hast du mit anderen darüber gesprochen?
Mit der Ärztin. Mit der Hebamme.
Mit keinem anderen? Nicht mit dem Hausmeister, Norsk Film oder der Zeitung?
- Nur mit der Ärztin und der Hebamme. - Wie schön. Dann bin ich ja Nummer drei.
- Ja. - Hallo, Barnum. Es ist vorbei.
- Fred. - Ist er nach Hause gekommen?
Erinnerst du dich an seine alte Jacke? Die wurde in Kopenhagen gefunden.
In Nyhavn. Die hing einfach so über dem Geländer von einer der Brücken dort.
War doch gut, dass ich in eure Kleidung immer Namensschilder eingenäht habe?
Die haben in allen Kanälen nach ihm gesucht, ohne ihn zu finden.
Die Strömung hat ihn sicher weit weg geschwemmt.
Ich möchte, dass du eine Rede hältst, Barnum, bei Freds Gedenkgottesdienst.
Fred ist tot.
Vivian?
Vivian? Hast du irgendwo meinen Anzug gesehen?
"Bin zur Schwangerschaftsvorsorge. Wir treffen uns vor der Kirche!"
Du und Vivian... das ist schön.
- Wo bist du gewesen? - Unterwegs.
Wieso kommst du so spät?
Ich habe immer daran geglaubt, dass Fred zurückkommen wird.
Genau wie Robert De Niro am Bahnhof in New York.
Aber wenn wir ihn fragen, was er in all den Jahren gemacht hat, -
- wird er nicht antworten: "Ich bin früh ins Bett gegangen."
Stattdessen würde er antworten...: "Ich habe euch gesehen."
Eines nachts kam Fred mit einem Sarg nach Hause.
Vielleicht hat er geahnt, was passieren wird.
Vielleicht war das ein Flash-Forward, wie das in meiner Branche heißt.
Denn heute haben wir keinen Sarg.
Wir haben nur die Erinnerung.
Und die Erinnerung ist nichts weiter als ein Bild, multipliziert mit Zeit.
Meine erste Erinnerung an Fred...
Meine erste Erinnerung an Fred ist... Wir sitzen im Wohnzimmer -
- unter dem Tisch und hören Uroma zu, die aus Uropas Brief vorliest.
Ich kann den immer noch auswendig.
"Als wir auf dem Eis waren, jagten wir oft Seehunde."
"Wir schossen viele."
"Man musste sie schießen, wenn sie sich auf dem Eis sonnten."
"Wenn sie ins Wasser gleiten, sind sie schwer zu treffen."
Das reicht, Barnum.
Fred hat mir beigebracht, niemals "danke" zu sagen.
Aber heute mache ich eine Ausnahme.
Heute sage ich: Danke, Fred... -
- ...dass Vivian endlich schwanger ist.
In meiner Familie weichen wir Konflikten aus. Manche werden scheintot.
Manche verstummen. Manche betrinken sind.
Und manche werden Nachtleute, die auf alle pfeifen und einfach abhauen.
Übersetzung: filmtiger
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