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DER HALBBRUDER
Tanzschulen sind ja angeblich ein Ort, an dem man neue Leute kennenlernt.
Man knüpft ewig währende Freundschaften und findet vielleicht sogar seine Liebe.
In dem Sommer, bevor ich in der Tanzschule anfing, bekam Fred eine letzte Chance -
- und wechselte zur Spezialschule. Jetzt musste ich allein zur Schule gehen.
Das machte das Leben nicht einfacher.
Ich war einsam. Ich war Freiwild.
- Was machst du da? - Ich versuche, das hier zu füllen.
- Hast du dir einen Termin geholt? - Ja.
- Ich weiß, dass es nicht leicht ist. - Nein, die Zeitung ist nur etwas alt.
Die habe ich auf dem Dachboden gefunden. Die Frauen sind jetzt bestimmt über 60.
Ich meinte, zum Arzt zu gehen. Das ist nicht so leicht.
Ich bin sehr froh, dass du es machst. Sehr froh.
Gut.
- Wann musst du da hin? - Um elf Uhr.
Das wird bestimmt drei Stunden halten.
Soll ich dir helfen?
Barnum? Hier ist Ditlev.
Hallo, Ditlev.
Alles in Ordnung? Bist du gerannt?
Es hat sich eine Frau gemeldet, die behauptet, Fred gekannt zu haben.
Vielleicht bedeutet das nichts, aber ich wollte es dir trotzdem mitteilen.
Sie sagte: "Der Schurke ist hier gewesen."
- Okay. Hat sie gesagt, wie sie heißt? - Nein, sie sagte etwas von Kandis.
Sie sagte, dass er nach Kandiszucker und der "Cocktail" gefragt hätte.
- Das ist alles, was ich habe. - Danke. Bis dann.
- Hallo? - Boletta? Hier ist Barnum.
Hallo, Barnum. Wie geht es dir?
Alles in Ordnung. Edith - weißt du, wo ich die finden kann?
- Du musst dich beeilen. - Ist sie nicht tot?
Als Letztes wohnte sie im Prinz-August-Heim.
- Wie geht es euch? - Sehr gut. Danke, ich muss auflegen.
- Grüß Vivian von mir. - Sie lässt zurückgrüßen. Grüß Mama.
- Du musst dich beeilen. - Stehen Taxen am Taxistand?
Ja, drei Stück.
- Willst du die mitnehmen? - Das erkläre ich später.
Barnum... das Döschen.
Und der Hosenschlitz.
Viel Glück.
Ich muss gleich weiter ins Krankenhaus. Kannst du hier warten?
Hallo, Edith.
Ich bin es - Barnum.
Erkennst du mich nicht? Ich bin's, Barnum.
Guck.
Erinnerst du dich daran?
Schöne Frisur.
Edith...
Hast du Fred getroffen?
Wer bist du?
Was machst du denn, Edith? Du musst Bescheid sagen, wenn du raus gehst.
- Hallo. Kennst du sie? - Ja.
- Du solltest sie öfter besuchen. - Besucht sie denn keiner hier?
Seit ihrer Einlieferung ist keiner hier gewesen, und er kam auch nie zurück.
Kannst du mir etwas helfen?
Dein Vater war kein guter Mensch.
Er hatte Nylonstrümpfe dabei.
- Wer hat sie hier hergebracht? - Er war in der Zeitung - ein Boxer.
Komm, Edith. Lass uns rein gehen.
Hallo!
Dein Gesicht riecht nach Muschi.
Jetzt heul schon!
- Alles in Ordnung, Barnum? - Halb so wild.
- Was ist passiert? - Die sagen, ich rieche hier nach Muschi.
Dein Gesicht riecht nach Muschi? Deshalb muss man doch nicht heulen.
- Du heulst doch nicht etwa? - Nein, kein bisschen.
Gut. Denn sonst ertrage ich es nicht, sitzen zu bleiben.
Was hättest du getan, wenn du früher gekommen wärst?
Das kann ich nicht sagen. Dann könntest du heute Nacht nicht schlafen.
- Wie läuft's in der neuen Schule? - Sehr gut. Alle Dummen auf einen Haufen.
Aber du bist keiner von denen.
- Keiner von welchen? - Von den Dummen.
Du bist keiner von denen.
Ich bin keiner von niemandem, kapierst du das?
Und weißt du was? Dein Gesicht riecht nach Muschi.
Weißt du, wieso?
Weil du den Mädchen nur bis dahin reichst.
Wie ich sehe, hast du entschieden, heute die Zähne ruhen zu lassen, liebe Gattin.
Ja, jetzt frischt es auf, auf Røst.
Guck! Hier hast du was zum Kauen. Das ist außerdem billiger.
Das war fantastisch.
Wirklich gut, Vera.
Barnum...
Komm zum Essen. Es gibt Mittagessen.
- Was machst du da? - Nichts.
- Ich habe mich nur gewaschen? - Wieso denn?
Mein Gesicht riecht nach Muschi.
- Bist du LKW-Fahrer? - Nein.
- Trägst du oft enge Hosen? - Nein.
- Hast du Geschwister? - Ich habe einen Halbbruder.
Komm her und sieh dir das an.
Was siehst du?
Mücken in Kefir.
- Sitzt du viel? - Ja, ich bin Schriftsteller.
- Hattest du mal Gonorrhoe oder Syphilis? - Nein.
- Trinkst du viel? - Ja, wenn ich trinke, dann schon.
Leg dir keine schlechten Gewohnheiten zu, Nilsen.
Man kann ohne Kinder ein schönes Leben führen, wenn man nicht zu zynisch wird.
Ist das da total tot? Keine Chance?
Die Hoden sind wertvolle Gefäße, und deine sind leer.
Hallo.
- Wieso werde ich nicht größer? - Du wächst nur etwas später als andere.
- Und wenn ich nicht weiter wachse? - Das wird schon werden.
Du... Wieso bringst die nie jemanden von der Schule mit nach Hause?
Ist es wegen uns?
Ich habe keine Freunde.
So einfach ist das.
Aber das ist okay. Weniger Streit und Prügelei.
Ich bin gern allein.
Nüchtern?
Barnum hat keine Freunde. Er hat immer blaue Flecken -
- und Blut auf der Kleidung.
Er hat einfach noch niemanden gefunden, der ihn wertzuschätzen weiß.
Und wann soll das geschehen?
Wir schicken ihn zur Tanzschule.
Ich bereue es, dass du nicht dort warst. Dann hättest du Gleichaltrige getroffen.
Dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen.
Und ich habe mal davon geträumt, Fotografin zu werden!
Es ist nie zu spät, Vera.
Fotografin?
- Schwere Zeiten? - Findest du?
- Nein, ich komme schon zurecht. - Dann verkauf meinem Sohn keine Cocktail.
- Wie geht's den Jungs? - Sehr gut.
- Ist es nicht schwer, alles hinzukriegen? - Wir kommen schon zurecht.
Wenn du das Angebot angenommen hättest, bekämst du doppelten Lohn und gute Rente.
Der Preis war zu hoch.
Barnum...
Wir müssen zum Nordpol.
Wir müssen zum Nordpol. Boletta tanzt.
Fred... Wieso nennst du das eigentlich Nordpol?
Ich erinnere mich an diesen Abend, als ob es gestern gewesen wäre.
Der Mund füllte sich mit Kälte, die sich wie ein Hauch von Eisen aufs Gesicht legte.
Ich hörte nur die Kufen des Schlittens, die auf den harten Schnee gedrückt wurden.
Die Stadt gefror zu Eis. Der Weg war voller steiler Hänge und tiefer Schluchten.
Wir hatten Schnee in allen Öffnungen. Wir hatten den Wind in den Augen, -
- den Mond im Rücken und Uropa im Kopf.
Fred! Wieso mag mich keiner?
Weil sie dich nicht kennen, Barnum. Jetzt musst du schieben!
- Deine Stiefel knirschen echt furchtbar. - Das vertreibt die Eisbären.
- Erinnerst du dich an Andrée? - Der, den Uropa suchen sollte?
- Weißt du, was er dabei hatte? - Einen Fesselballon, der abstürzte.
- 20 Kilo Schuhcreme. - Wozu denn das?
Damit ihm die Füße nicht wehtun konnten.
- Ziemlich klug. - Jeden Morgen und Abend... -
- schmierte er die Stiefel ein. Die beste Ausrüstung ist wertlos ohne gute Schuhe.
- Aber sie haben es doch nicht geschafft. - Nein. Und weißt du, warum?
Egal, wie viel Schuhcreme man dabei hat, man kann sich nie ganz sicher sein.
- Haben die ihn jemals gefunden? - 40 Jahre später, in einem Steinhaufen.
Es waren nur noch Knochen von ihm übrig geblieben.
Gefressen von Raubtieren.
Glaubst du, dass Uropa gefressen wurde?
Uropa verschwand im Eis. Und da ist er immer noch.
- Im Ganzen. - Im Ganzen?
Du weißt schon; das Eis ist wie ein großer Kühlschrank. Alles hält sich.
- Und wenn das Eis schmilzt? - Das schmilzt nicht.
- Aber wenn es schmilzt? - Jetzt halt die Klappe, Barnum.
Was machten die, wenn die aufs Klo mussten?
- Du musst doch jetzt nicht kacken? - Nein, ich habe mich das nur gefragt.
Die schissen, wo sie standen.
- Nansen auch? - Was ist mit Nansen?
- Hat der auch geschissen, wo er stand? - Das machte Nansen genau wie Amundsen.
Die Scheiße fror zu Eis. Die mussten sich beeilen, sonst gefror der Mist am Hintern.
- So ein Mist! - Das kann man wohl sagen!
Deshalb mussten die sich auch am Hintern rasieren.
- Nansen? - Hast du keine Haare am Hintern?
Das habe ich noch nicht überprüft.
Wir sind gleich da.
Es sind schon andere vor uns hier gewesen. Wir sind verloren.
Jetzt halt die Klappe. Komm schon.
- Boletta hat richtig Spaß. - Sie ist schon den ganzen Tag da drin.
- Woher weißt du das? - Ich bin früher von der Schule abgehauen.
Ich wäre am liebsten auch früher von der Schule abgehauen.
Wieso denn?
- Was machst du hier? - Ich bringe Boletta nach Hause.
- Ich darf sie nie nach Hause bringen. - Und heute auch nicht.
- Soll ich ein Taxi rufen? - Wir haben einen Schlitten.
Boletta...
- Boletta! - Du musst jetzt nach Hause.
- Passt auf sie auf, sie ist mein Engel. - Es ist zu spät. Trink noch einen Grog.
Fred?
Glaubst du, das war dein Vater?
- Oder Opa? - Na und? Hat das was zu bedeuten?
Boletta...
- Wo seid ihr gewesen? - Am Nordpol.
Dass du dich nicht schämst, Mama. In deinem Alter!
- Du weckst die ganze Straße auf. - Du weckst die ganze Straße auf, Mama!
Du kannst nicht mal geradeaus gehen. Du beschämst uns vor der ganzen Straße.
- Jetzt sag doch mal was. - Was soll ich denn sagen?
Jetzt reißt du dich mal zusammen, Mama.
Jetzt können sich die Polarfahrer hinlegen.
Arnold... Komm schon!
- Wo ist der Brief? - Hier.
- Was hast du damit in der Schule gemacht? - Sollte einen Aufsatz schreiben.
- Entschuldigung, Oma. - Fred...
Ich habe den Brief abgeschrieben.
- Was war die Aufgabe? - Erzähle von einem Helden.
- Welche Note hast du bekommen. - Eine 1.
Das hätte gerade noch gefehlt.
Nimm diesen Brief nie mit aus dem Haus, Fred.
Du auch nicht, Barnum. Habt ihr verstanden?
Hier drin steht alles darüber, woher wir kommen.
Du hast eine 1 bekommen?
Ich habe eine 6 bekommen. Ich habe es nicht mal geschafft, den abzuschreiben.
- Weißt du, wieso ich so dumm bin? - Du bist nicht dumm.
Ich bin so verdammt dumm, weil Mama nie meinen Vater gesehen hat.
Wo ist dein Halbbruder denn heute, Barnum?
Cocktail?
Du sahst verlegen aus. Wenn junge Männer so aussehen, geht's meist um die Cocktail.
- Erinnerst du dich an meinen Geburtstag? - Natürlich erinnere ich mich.
Dr. Schultz lag tot in Nordmarka, und die Alte stoppte ein Taxi.
- Erinnerst du dich an den Befreiungstag? - Wer könnte diesen Tag schon vergessen?
Alle waren draußen auf den Beinen.
Wer ging durch die Pforte? Wer ging durch die Pforte und hatte glänzende Knöpfe?
So gut kann ich mich nicht mehr erinnern.
Barnum, guck mal, was ich beim Verwalter im Bislett-Stadion eingetauscht habe.
Einen Junior-Diskus.
Es ist besser, keinen Vater zu haben, als diesen Idioten.
- Morgen geht's zur Tanzschule, Barnum. - Nein, das glaube ich nicht.
Du willst doch nicht etwa durchs Lebens gehen, ohne tanzen zu können? Du!
Rumba...
Cha-cha-cha, Tango... Stell dir vor, was du alles verpasst.
- Man verpasst doch eh das meiste? - Morgen um 4 Uhr.
- Und wenn keine mit mir tanzen will? - Wieso sollten sie das nicht wollen?
- Wieso sollten die nicht Schlange stehen? - Ich bin ja kleiner als die.
Glaubst du, dass Frauen das interessiert? Ein paar Zentimeter mehr oder weniger?
Halte sie mit einem festen Griff, und führe sie wohin du willst.
Sieh ihnen in die Augen, sonst kommst du bei denen nicht weiter.
Morgen um 4 Uhr. Es kommen sehr viele aus deiner Klasse! Das wird ein Riesenspaß.
Ich wünschte mir, du könntest wieder in die Schule zurückkommen.
Wie sollte das gehen? Soll ich zum Rektor gehen und "bitte, bitte" sagen?
- Keine Ahnung. Vielleicht. - Keine Ahnung? Vielleicht?
Stell dich nicht dumm.
- Du willst Tanzunterricht nehmen? - Boletta hat mich angemeldet.
- Gibt es Mädchen, die klein genug sind? - Sag so was nicht.
Wieso denn nicht?
Heulst du?
Du heulst ja wegen allem. Du bist ein Feigling.
Wenn du nicht zur Tanzschule willst... Wieso sagst du dann nicht einfach "nein"?
Ich weiß nicht, wieso ich auf dich baue, Barnum.
- Was hast du jetzt gemacht? - Nichts.
- Soll ich Mama holen? - Lieber nicht.
Soll ich deinen Vater holen?
Hilf mir, Fred.
Okay, zieh den Pyjama aus.
Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man so klein ist, Barnum?
Ein bisschen einsam.
Okay, heb das Bein...
Und das andere.
Geh ins Bad und wasch dich.
Willst du wirklich tanzen lernen, Barnum?
Sieh zu, dass du rausgeworfen wirst. Beobachte, was alle anderen machen, -
- und mach das Gegenteil.
Tanz ist ein Ausdruck für...
Aha, da kommt ja endlich der Letzte.
- Wie heißt du? - Nilsen.
Setz dich.
Sieh zu, dass es das letzte Mal war, dass du zu spät kommst, Nilsen.
In der kultivierten Gesellschaft ist Tanz ein Ausdruck für festliche, gute Stimmung.
Eine Gesellschaftsform, in der sich besonders die Jugend trifft.
Der Tanz stimuliert die Seele, stärkt den Körper, -
- und verschafft gute Balance und Haltung und eine gute Körperbeherrschung.
Aber im verführerischen Wesen des Tanzes liegen auch die Gefahren des Tanzes:
Übertreibung. Ein Ball sollte mit ruhigen Tanzformationen beginnen und auch enden.
So wie du - schön. Es ist nicht ganz ohne Risiko, ich wiederhole: ohne Risiko, -
- wenn man so tief ausgeschnittene Kleider trägt, wie es heute leider oft vorkommt.
Ich möchte außerdem mit großem Nachdruck erwähnen, -
- dass der Nutzen umso mehr abnimmt, je länger man bis in die Nacht tanzt.
Dann erreicht man eine Grenze, eine verhängnisvolle Grenze, -
- an der der Tanz in seinen krassen Gegensatz übergeht und schädlich wird.
Seitenschritt, zusammen, Seitenschritt, zusammen. Aber das kennt ihr schon alles.
Jetzt können sich die Jungen ruhig und würdevoll eine Partnerin suchen. - Erna!
Ja!
Kommt schon! Auf geht's!
Zögert nicht!
Und wir verbeugen uns und wir machen einen Knicks!
Zwei, drei, vier. Seitenschritt, zusammen, Seitenschritt, zusammen.
Gerader Rücken!
Was soll denn das?
Verschwinde von meinem Parkett! Und lass dich hier nie wieder blicken!
Bleib stehen!
Warte!
Bleib stehen!
- Wie heißt du eigentlich, außer Nilsen? - Barnum.
Barnum, das ist ein schöner Name. Fesch.
- Wie heißt du? - Peder.
Angenehm.
- Hallo. - Hallo, Barnum. Komm hier rüber.
Sieh dir mal dieses Bild an. Das ist gestochen scharf.
In zehn Jahren haben alle Norweger Video. 2 Giganten kämpfen um die Weltherrschaft:
Beta und VHS. Die Systeme sind nicht kompatibel, man muss sich entscheiden.
Wo sollte ein Uhrenstiftmillionär wie ich sein Geld investieren? Was meinst du?
In das klar überlegene Beta... -
- ...oder in das viel schlechtere VHS? - Die Entscheidung scheint einfach.
Und das ist sie auch. Jetzt besitzt Peder Miil zwei Prozent von Beta Norwegen.
Meine Uhrenstiftmillionen werden dagegen nicht mehr als Wechselgeld sein.
Und das, meine Freunde, muss doch wohl gefeiert werden?
- Wie lief's? - Gut.
- Wir können Kinder bekommen? - Aber sicher.
Papa sagte einmal: "Streu Gerüchte und Zweifel, Barnum."
"Wieso denn?", fragte ich.
"Es wird dir sowieso keiner glauben."
"Außerdem ist die Wahrheit langweilig." Vielleicht hatte Papa recht.
Vielleicht war die Wahrheit, dass wir keine Kinder bekommen konnten, langweilig, -
- und die Lüge, dass wir es könnten, interessanter für alle.
Übersetzung: filmtiger
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