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* Andächtige Kirchenmusik, Applaus *
(Sprecherin) In Mailand fand heute die Beerdigung
von Silvio Berlusconi statt.
Der Gründer der populistischen Partei "Forza Italia"
ist im Alter von 86 Jahren gestorben.
Tausende nahmen Abschied von Italiens schillerndem
und umstrittenen Ex-Ministerpräsidenten.
Wir sprechen über Donald Trump und wie er es schafft,
sich Probleme vom Hals zu halten. Silvio Berlusconi hat das
schon Jahrzehnte vor ihm getan.
(Sprecher) Berlusconi hat bewiesen, dass man mit allem durchkommt,
wenn man die Leute dazu bringt, einen zu lieben.
(A. Sinclair) Berlusconi, wie später Trump oder Bolsonaro,
brachte den Populismus in die Politik.
(R. Cohen) Es gab viele Rätsel um Berlusconi.
Wer ist er? Wo kommt er her? Woher all sein Geld?
(Sprecherin) Vom Medienmogul zum populistischen Politiker.
Wiederholt wurde gegen ihn ermittelt: wegen Korruption,
Steuerbetrugs, falscher Buchführung und Veruntreuung.
(G. Moncalvo) Er wollte König Midas sein. Berlusconi ist sehr eitel.
(F. Confalonieri) Er war einfach besser, eloquenter.
(J. Lang) Ein Kommunikationsprofi!
Es ist schwer, seinem Charme zu widerstehen.
(S. Berlusconi) Unser Fernsehen soll ein "Beaujolais-Fernsehen" sein!
Champagner am Samstag!
(R. Cohen) Er hatte ein Gespür dafür, wie Italiener ticken -
italienische Männer. Darin war er genial.
(L. Braun) Sie waren einfach begeistert von ihm.
In einer kindlichen Bewunderung für seinen Humor, für sein Auftreten,
für seine Frauengeschichten sogar.
Wenn du mich so ansiehst, Heather, verliere ich den Faden.
(C. Freccero) Berlusconi versteht, dass sich etwas ändert:
Alles ist Business, alles ist Profit.
(Moderator) Und jetzt: Werbung!
(G. Minoli) Es war klar, dass er es nicht dabei belassen würde.
(M. Dell'Utri) Er sagte zu mir: "Wir müssen eine Partei gründen.
Jeder macht es. Legen wir los!"
(S. Craxi) Von da an ging es in der Politik nicht mehr um Leben und Tod,
sondern um Fernsehen.
(Interviewer) Was ist Ihre größte Schwäche?
Ich habe so viele, das ist peinlich.
Nennen Sie mir eine. - Nur eine?- Eine echte.
Ich denke darüber nach.
* Intromusik *
Alles, was von Bedeutung ist, kommt aus Mailand.
Alles, was Relevanz hat, geschieht in Mailand.
Die großen Leitmedien, die Verlagsgruppen sind hier.
Mailand ist ein wichtiger Industriestandort,
ein Finanzzentrum.
Rom ist das politische Zentrum, mehr aber auch nicht.
* Straßenlärm *
(F. Confalonieri) Mailand ist bekannt für seinen Eifer.
Mailand war schon immer der Motor Italiens.
Ein weitverbreiteter Unternehmergeist und die Fähigkeit,
die sich bietenden Chancen zu nutzen, machen die Stadt aus.
Für jemanden wie Berlusconi ist so eine Stadt der Nährboden für alles.
Das Mailand, das ich kenne, ist ein sehr tüchtiges Mailand,
in dem die Lichter in den Büros
erst weit nach dem Abendessen ausgehen.
Ich kann bestätigen, dass ich nach 20 Uhr
noch viele Menschen am Arbeitsplatz antreffe.
(F. Confalonieri) Berlusconi machte uns
zu Präsidenten, CEOs und so weiter.
Aber ohne uns wäre Berlusconi immer noch Berlusconi gewesen.
* Ruhige Musik *
Ich weiß noch, wie seine Mutter zu ihm sagte: "Du hast Feuer im Hirn."
Sie bat ihn, sich zu beruhigen, und forderte ihn auf,
vorsichtiger zu sein, nichts zu überstürzen,
seine Freunde weise zu wählen und nicht jedem zu vertrauen.
Aber ich erinnere mich, dass sie sagte:
"Du hast Feuer im Hirn." Und so war es.
(R. Cohen) Berlusconi war ein Schock für Italien -
auf verschiedenen Ebenen.
Auf lokaler Ebene, auf Mailänder Ebene,
aber auch auf nationaler Ebene.
Niemand wusste so recht:
Wer ist er? Wo kommt er her?
Woher hat er sein Geld? Wie macht der das?
Wer steht hinter ihm? Es gab viele Rätsel um Berlusconi.
(D. Rivolta) Wie viele andere habe ich den Namen Silvio Berlusconi
im Kontext von "Milano 2" zum ersten Mal gehört.
* Treibende Musik *
(D. Rivolta) Milano 2 war etwas Neues. Ein gehobenes Viertel,
etwas außerhalb von Mailand und mitten im Grünen.
(Reporter) Dr. Silvio Berlusconi, 41 Jahre alt.
Was sind Ihre Ziele in Italien?
Zur Lösung des Wohnungsproblems beizutragen,
indem ich große Siedlungen für 10-20.000 Menschen baue.
(V. Dotti) Silvio Berlusconi war ein aufstrebender Immobilienunternehmer.
Sehr kompetent.
Ein Mann der Tat, mit der Fähigkeit,
den Markt zu analysieren und zu erobern.
Berlusconi kaufte viel mehr Land als andere Investoren.
Milano 2 war die perfekte Gelegenheit,
seine innovativen Ideen umzusetzen.
(Sprecher) Im Mikrokosmos von Milano 2
mangelt es nicht an einem gelungenen Informationsaustausch.
Neben dem Entstehen zweier lokaler Zeitschriften
etabliert sich "TeleMilano".
Es ist Mailands erster Kabelfernsehsender.
Sein Hauptsitz: Neben dem Spielplatz.
Das Kabelfernsehen von Milano 2 wurde entwickelt,
um die Nachbarschaft zu informieren.
Nur darum ging es.
(Mann) Aufmachen!
Näher zum oberen Anschnitt...
(F. Confalonieri) Eine weitere Serviceleistung -
clever, sehr innovativ für die Zeit.
(D. Rivolta) Berlusconi wollte den Bewohnern von Milano 2
das Gefühl geben, besser ausgestattet zu sein als diejenigen,
die in anderen Vierteln lebten.
Also rief er ein Stadtteilfernsehen ins Leben.
Es war eine Zeit, in der die Menschen mehr und mehr einforderten,
dass das Fernsehen sich öffnet.
Das Monopol des öffentlich- rechtlichen Fernsehsenders RAI
empfanden viele als unzureichend.
(Mann) Die Fernsehsendungen sind Mist.
Niemand mag sie, weil sie alle dumm sind
und uns am Ende des Jahres um 10.000 Lire betrügen.
(Reporter) Aber sehen Sie denn fern? - Klar, jeden Tag.
(Sprecherin) Um 13:00 Uhr die Mittagsnachrichten.
Um 13:30 Uhr die zweite Folge von "Intelligenz und Umwelt"
aus dem Bildungsressort.
Italienisches Fernsehen durfte nur von der RAI übertragen werden,
weil der Äther heilig und unantastbar war.
Als dieses Verfassungsurteil dann den Äther liberalisierte,
war die Rede vom sogenannten "Privatfernsehen".
(P. Corrias) Das Verfassungsgericht urteilte 1976,
dass das Radio- und Fernsehmonopol
nicht länger ein Vorrecht des Staates sein durfte.
Die Liberalisierung des RAI-Monopols
führte zur Entstehung lokaler Fernsehsender.
* Dynamische Musik *
Am Anfang ist es die kleine verborgene Welt der Provinz,
die beginnt, Fernsehen zu machen.
* Moderator zählt auf Italienisch. *
* Anfeuerungsrufe aus Publikum *
Der kleine "Geschäftsmann" stellt sich eine Kamera ins Wohnzimmer
und filmt seine Frau und ihre Freundin, wie sie Spaß haben.
Und schon ist ein kleiner Softporno geboren.
(Frau) Der erotische Moment...
(Mann) Denn im ersten Chakra gibt es eine Energie,
die alles ändern kann.
Und es gab Varieté-Shows mit Komikern,
die nicht zur RAI gehörten.
(Mann) Endlich sehen wir Isabella Biagini...
Kaum einer erkennt das wahre Potenzial des Fernsehens.
Der Einzige, der das Potenzial des kommerziellen Fernsehens versteht,
ist Silvio Berlusconi.
(Frau) Demnächst: der Film "Sicario 77".
(Mann) Willkommen bei Kanal 58, TeleMilano.
(Mann 2) Wenn wir Wettbewerb gutheißen,
dann müssen wir uns der Konkurrenz stellen.
Das haben wir auch.
Aber Wettbewerb bedeutet,
dass wir in unserer gesamten Programmpalette bestehen müssen,
bei der Unterhaltung, bei Kulturprogrammen,
bei den Nachrichten.
Das wäre echter Wettbewerb.
Ein Wettbewerb mit einem Sender, der nur Unterhaltung anbietet
und einem Sender, der nur Kulturprogramme macht,
das ist kein Wettbewerb.
(G. Minoli) Ich kam 1972 zur RAI.
Es war ein wunderbarer Sender.
Die RAI hatte einen ausgeprägten Sinn für den öffentlichen Dienst.
Sie folgte einem Bildungsauftrag. Es war eine Institution.
(Mann) In der letzten Ausgabe haben wir diesen Laut gelernt: ghe, ghi.
Die RAI - Radiotelevisione italiana -
ist ein Sender, der dem Publikum nachmittags das Alphabet beibringt,
wie man schreibt und liest.
Er sendet aber auch Spielfilme, von Dostojewskis "Die Brüder Karamasow"
bis zum Geschichtsdrama "Die Verlobten",
und verwandelt in gewisser Weise Hochkultur in ein Massenprodukt.
(G. Minoli) Berlusconi kam aus einer anderen Welt.
Er hatte diese kulturelle Bindung nicht,
aber er hat das System verstanden und gesagt: "Weißt du was?
Ich spreche den Verbraucher an,
während die RAI den Bürger anspricht."
Glauben Sie mir, es ist nicht einfach,
das Fernsehen neu zu erfinden, denn in Italien
gibt es kein Know-how zum Thema Privatfernsehen.
Es gibt keine Techniker, also bilden wir junge Leute aus,
die nach und nach zu Profis werden.
Wir können keine RAI-Techniker nehmen,
weil sie die RAI nicht so leicht verlassen.
Aber auch, weil sie eine andere Arbeitsweise haben,
die dem Privatfernsehen nicht guttut.
Ein Fernsehsender muss langsam wachsen.
Sagen wir, es ist ein kleines Kind,
das unter unserer Fürsorge bestmöglich aufwächst.
* Still Dreaming / Ruggero Catania *
# They told you boy never look back.
They told you once again your life is a huck. #
(A. Galliani) Es war ein Wochenende im November.
Ich bin gerade auf einer Spritztour zwischen San Gimignano und Siena
und erhalte einen Anruf von meiner Firma.
Man teilt mir mit, dass Dr. Silvio Berlusconi
mich am nächsten Tag zum Essen einlädt.
Ich erscheine also in seiner Villa in Arcore mit einem meiner Mitarbeiter.
Ich setze mich, wir unterhalten uns
und die erste Frage, die Berlusconi mir stellt, lautet:
"Wären Sie in der Lage,
mit Ihrem Unternehmen drei nationale Fernsehsender aufzubauen?"
Berlusconis Ziel war es, ein Fernsehnetzwerk zu erschaffen,
das es mit der RAI aufnehmen könnte, mit jeweils drei Sendern.
Das stellte er gleich zu Beginn seines Fernsehabenteuers klar.
Die Anwesenden, seine langjährigen Mitarbeiter,
glaubten ihm nicht und lachten.
Es war klar, dass das nicht möglich war,
denn die RAI hatte die Exklusivrechte für die nationale Fernsehübertragung.
Ich sagte: "Wie sollen wir drei nationale Fernsehsender aufbauen,
wenn man nur regional senden darf?"
Aber er sagt: "Wir werden kein nationales Fernsehen machen.
Wir werden viele regionale Fernsehsender machen,
die die gleichen Programme ausstrahlen
und vermitteln so das Gefühl eines nationalen Fernsehens."
Er zeichnete Stunden über Stunden Programm auf Magnetbänder auf,
sogenannte "Pizzone",
und ließ jeweils 20 bis 30 Kopien anfertigen.
Für jeden lokalen Fernsehsender eins, über das Land verteilt.
* Dynamische basslastige Klänge *
Pizzone sind einstündige Kassetten, bespielt mit TV-Programm.
(Mod.) Ich werde in diesem Interview unverschämt sein.
Werbespots mit Eigenwerbung.
(Frau) Ist das neu? - Nein, mit "Perwoll" gewaschen.
Die Kassetten wurden sortiert,
verpackt und an die Regionalbüros geschickt.
Die fertigen Sendungen reisten von Mailand nach Palermo,
von Mailand nach Bari - per Flugzeug, das war am besten.
Mal gab es Flugstreiks, mal Nebel auf der Autobahn.
Um auf Nummer sicher zu gehen, dass das Programm rechtzeitig ankam,
musste man es vier Tage im Voraus aufnehmen.
Exakt zur angekündigten Zeit wurde überall das gleiche Band eingelegt,
sodass ganz Italien dasselbe Programm sehen konnte.
(Mod.) Einen schönen vorweihnachtlichen Samstag
an alle Zuschauer zuhause.
Das Programm umfasste 24 Stunden, einschließlich Werbung.
Am Ende war der Zweck des Ganzen die Werbung.
Einmal habe ich ihn gefragt: "Silvio, was ist Fernsehen?"
Wir waren in einer Sitzung,
alle seine Mitarbeiter waren da, er sagte:
"Fernsehen ist das, was um die Werbung herum passiert."
(F. Confalonieri) Er verstand, dass Werbepartner nur bereit waren,
große Summen zu zahlen, wenn sie sichergehen konnten,
dass ihre Werbung im ganzen Land und im Kontext hochwertiger Programme
ausgestrahlt werden würde.
(Mod.) Um solche Sendungen zu machen,
brauchen wir Werbung von Werbepartnern,
die bei uns unter Vertrag stehen.
Ich empfehle Ihnen, unserer Sendung und dem, was gesagt wird,
aufmerksam zu folgen und zu versuchen,
die Produkte zu kaufen, die hier beworben werden.
Also bleiben Sie dran. In zwei Minuten sind wir wieder da.
Und jetzt: Werbung!
Die RAI hingegen
hatte ein bestimmtes Kontingent für Werbespots.
Die RAI-Mitarbeiter konnten also entscheiden,
ob Firma XY für ihr Zielpublikum interessant war oder nicht.
Von 100 Bewerbungen
wurden 50 Werbespots angenommen und 50 abgelehnt.
Die Warteliste derer, die ihr Produkt
im "Zauberkasten Fernsehen" ausstrahlen wollten, war lang.
(G. Minoli) Natürlich war die RAI nicht in der Lage,
der großen Nachfrage der Industrie nach Werbefläche gerecht zu werden.
Werbung war ein Garant für Umsatzsteigerung
und damit essenziell für das Wachstum der Unternehmen
und für die italienische Industrie insgesamt.
Dell'Utri und Berlusconi haben diese Diskrepanz sofort erkannt
und sie sich zunutze gemacht.
(Mod.) Die Firma Carapelli:
Wir werden noch mal über dieses Sonnenblumenöl
mit dem unverwechselbaren Tropfverschluss sprechen.
Aber zuerst trinken wir eine Tasse Kaffee,
den aromatischen "Nescafé".
Dann reden wir über die Mayonnaise von Kraft.
(A. Galliani) Es ist eine Banalität, was ich jetzt sage,
aber vielen ist das nicht bewusst:
Werbung kauft nicht Programme, sondern Köpfe.
* Düstere Musik *
"Köpfe", so heißt es im Fachjargon.
Das bedeutet:
Die Zahl der Zuschauer einer Sendung entspricht dem Wert meines Produkts.
Je mehr Zuschauer, desto stärker mein Produkt.
Die Werbung wurde einer Werbeagentur
namens "Famiglia Cristiana" anvertraut.
Nach einer Weile beschloss Berlusconi,
das Werbegeschäft selbst in die Hand zu nehmen.
"Warum sollen sich andere darum kümmern, wenn wir es selbst können?"
Und so wurde "Publitalia '80" geboren.
Wir haben eine wichtige Organisation
namens "Publitalia" gegründet,
für die aktuell mehr als 250 junge Menschen arbeiten.
Das sind Universitätsabsolventen mit herausragenden Abschlüssen.
Seither haben wir Kontakt zu allen großen Kunden aufgenommen.
Solange der Werbung keine Grenzen gesetzt waren,
gab es extrem viel Werbung.
Und Berlusconi macht es sehr geschickt:
Er bietet kostengünstig Werbeslots an.
Dafür besteht er darauf, zu einem gewissen Prozentsatz
an der Umsatzsteigerung beteiligt zu sein,
die das Produkt durch die Werbung erzielt.
Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen,
nämlich mit Unternehmen zusammenzuarbeiten
und uns wirklich darum zu kümmern,
dass die Werbekampagnen auch zu Verkäufen führen.
Wenn du mich so intensiv ansiehst, verliere ich den Faden, Heather.
Ich mache Werbung für Heather.
(C. Freccero) Berlusconi hat mir etwas Grundlegendes beigebracht:
"Wenn du Fernsehen machen willst, Carlo, musst du eins wissen:
Bei uns im Büro gibt es vier Kollegen,
die von morgens bis spät abends nichts anderes machen,
als jede halbe Stunde 100 Leute anzurufen,
um die Zuschauerzahlen herauszufinden."
Das war mein Auffrischungskurs im kommerziellen Fernsehen.
Mir war sofort klar, dass die Quote alles entscheidend ist.
Es ging nicht um meine kritische Beurteilung von Filmen
oder ob sie mir gefielen.
Es ging nicht um mich.
Es ging einzig und allein um die Zahlen,
die diese vier Kollegen jede halbe Stunde aufschrieben.
Man muss ein Programm machen, das die Zuschauer fesselt.
Die Sendungen müssen seriell sein,
sie müssen den Zuschauer zwingen weiterzuschauen.
Ich musste das Programm der RAI untergraben.
Das effektivste Mittel, um dem Hauptsender
seine Zuschauer zu stehlen, war Gegenprogrammierung.
Also genau das Gegenteil von dem zu senden, was die RAI sendete.
(Schlumpf) Nein, so ernst mag ich mich wirklich nicht.
(C. Freccero) Also sendeten wir die Schlümpfe
zeitgleich zu den Nachrichten bei der RAI.
Denn die Schlümpfe richten sich an Kinder
und Kinder haben Probleme beim Essen.
Dank der Schlümpfe mussten Mütter ihre Kinder nicht mehr füttern.
Es war ein durchschlagender Erfolg,
nicht zuletzt, weil die Schlümpfe so großartig waren.
Berlusconi durchschaut den Zeitgeist, er versteht,
dass sich etwas verändert, dass der Markt zentral ist.
Der Markt ist alles.
Dass alles Geschäft und alles Profit ist.
Und dass das Fernsehen all dem dient.
(R. Cohen) Wenn man so will, war er "der Amerikaner".
Amerikaner stören Werbeunterbrechungen nicht.
Werbung kann uns ins Verderben führen,
aber man kann auch ein Vermögen damit machen.
* Applaus, TV-Jingle *
(Ansagerin) Meine Damen und Herren,
willkommen zu "Der Preis ist heiß".
(I. Zanicchi) "Der Preis ist heiß" war eine Goldmine. Eine Geldmaschine.
- Das Magic-Line-Set besteht aus einem Bügeleisen und einem Föhn,
inklusive zweier Universaladapter.
(I. Zanicchi) Also, Herr Giuseppe, was ist der richtige Preis?
(Herr Giuseppe) 280.
(I. Zanicchi) Ein Senderredakteur ruft mich an und sagt:
"Frau Zanicchi, wir würden Ihnen gerne eine Quizshow anbieten.
Sie sind so quirlig und aufgeweckt. Wie wär's?"
"Nein. Ich bin doch Sängerin ..."
* Sie singt auf Italienisch. *
(I. Zanicchi) Ich habe auf allen Festivals gesungen
von Sanremo bis Castrocaro.
Highlights waren sicherlich meine Erfolge in Sanremo.
(Moderator) Die Interpretin des Siegerliedes ist Iva Zanicchi.
* Jubel *
(I. Zanicchi) Ich erteilte ihm also eine Absage,
obwohl er mir eine sehr hohe Summe angeboten hatte.
Am nächsten Tag rief mich Berlusconi an:
"Signora Zanicchi, ..." - ich werde es nie vergessen -
"... ich würde gerne mit Ihnen einen Kaffee trinken gehen,
aber ich habe so viele Verpflichtungen und Termine.
Könnten Sie zu mir nach Hause kommen?"
"Herr Berlusconi, ich komme."
Wir gehen also hinein
und drinnen war ein kleines Theater mit einem schönen Flügel.
Er kommt mir entgegen.
Ich denke: "Oh Gott, jetzt muss ich singen!"
Stattdessen setzt er sich an den Flügel und spielt Charles Trenet,
Edith Piaf, dann Aznavour - auf hohem Niveau.
Darin liegt die Größe, die Fähigkeit dieses Mannes:
Er könnte jeden, wirklich jeden,
davon überzeugen, am Nordpol Eis zu machen.
Es ist faszinierend.
(Ansagerin) Iva Zanicchi ist bei uns!
* Applaus, Jubel *
(I. Zanicchi) Große Marken, große Hersteller rissen sich darum,
bei "Der Preis ist heiß" mitzumachen.
Es war unglaublich.
Also, Herr Emo, hier sehen Sie eins, zwei, drei...
fünf Drogerieprodukte.
Sie müssen der Reihe nach raten, was diese Produkte kosten...
Es gab mir Genugtuung.
Großmütter hatten ihre Enkelkinder dabei.
Wenn ich heute 35-Jährige, 40-Jährige treffe,
ihnen ist es schnurzegal, dass ich drei Sanremo Festivals gewonnen habe,
dass ich in den größten Theatern der Welt gesungen habe.
Sie sehen mich und rufen "Cento!".
* Euphorischer Jubel, Töne des Drehrads *
(I. Zanicchi) Hundert!
Er sagte: "Ich habe das Leben
von Millionen von gelangweilten Italienern verändert,
indem ich ihnen Fernsehunterhaltung rund um die Uhr präsentiert habe.
Ich habe ihr Leben aufgewertet."
Das glaubte er wirklich.
Viele halten ihn für zynisch, was auch stimmt,
aber er glaubte an das, was er geschaffen hat.
Er war überzeugt,
dass er die Lebensqualität der Italiener verbessert hat.
(Mod.) Ich lese Ihnen einen interessanten Satz vor:
"Berlusconis Fernsehen hat
die Lebensbedingungen der Italiener verbessert.
Er hat dazu beigetragen, die Inflation zu senken,
die Wirtschaft anzukurbeln und die Demokratie zu stärken."
Kennen Sie den Autor dieser Worte?
Nein, und ich weiß nicht, ob es mir zuzuschreiben ist.
Die Konzepte sind richtig.
Was den Lebensstandard angeht,
muss man nur den Fernseher einschalten.
Das Unterhaltungsangebot ist beeindruckend - tags wie nachts.
Und was die RAI macht, hat sich auch verbessert.
Der Wettbewerb hat auch
dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gutgetan.
* Elektronische Musik *
(L. Braun) Im Corriere della Sera stand mal:
"Berlusconi hat die Köpfe kolonialisiert."
Und das ist genau das, was er gemacht hat.
Er hat aus Italien ein anderes Italien gemacht
und für mich hat er ein Frauenbild hinterlassen,
das ... bis heute nachwirkt.
Die Frauen, die in diesen Privatfernsehprogrammen auftraten,
waren fast nackt, vulgär und stumm.
Sie haben nie gesprochen, sie waren wirklich zum Lustobjekt degradiert
und waren nichts anderes als Dekoration.
* Elektronische Musik *
Als Berlusconi mit Canale 5 diesen durchschlagenden Erfolg hatte -
super Einschaltquoten, hohe Werbeeinnahmen usw. -
rief das natürlich die Konkurrenz auf den Plan:
andere italienische Medienhäuser.
Emilio Rusconi und sein Sender "Italia 1"
und vor allem der Verlag "Mondadori".
Der wurde damals von einer berühmten Person
aus Kultur und Wirtschaft vertreten:
Mario Formenton.
Berlusconi steckte diese Konkurrenten in die Tasche.
Sein unternehmerisches Geschick
stürzte sowohl Rusconi als auch Mondadori in eine totale Krise.
Mit dem Resultat, dass er Rusconi ein Kaufangebot machte
und Rusconi schließlich Italia 1 verkaufte.
Der eigentliche Coup aber ist, was er mit Mandadori machte.
"Rete 4" und "Canale 5" führen einen Serienkrieg.
Der eine kauft "Denver-Clan", der andere "Dallas".
Und sie überbieten sich mit Rabatten auf Werbespots,
um mehr Kunden zu gewinnen.
Sie bluten sich gegenseitig aus.
Bis Berlusconi eines Tages
Mondadoris Rete 4 auf Berlusconi-Art plattmacht.
* Dynamische Musik *
Berlusconi geht zu Formenton und sagt:
"Lass uns das Kriegsbeil begraben.
Lass uns eine gemeinsame Schmerzgrenze
für Rabatte unserer Werbepartner definieren."
Formenton, der ein Lebemann war
und es kaum erwarten konnte, segeln zu gehen, sagt:
"Abgemacht! Am nächsten Montag endet unser Preisunterbietungskampf.
Bis dahin wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende."
Formenton geht an jenem Freitag wirklich segeln,
Berlusconi jedoch kehrt in sein Büro zurück,
ruft die gesamte Publitalia zusammen und sagt:
"Ihr habt 72 Stunden Zeit,
um alle verfügbaren Kunden mit einem beliebigen Rabatt anzuwerben."
Und das tun sie auch.
Als Formenton an jenem Montag zurückkehrt, wird er feststellen,
dass der gesamte Werbemarkt versiegt ist.
Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits so verschuldet,
ohne jede Perspektive, dass er verkauft.
* Straßenrauschen *
(R. Cohen) Er liebte die Macht und er wollte das Land umkrempeln.
Überraschend bot er mir einen Flug in seinem Privatjet an.
Die Maschine steigt über Mailand auf
und er wendet sich mir zu und sagt:
"Das ist Italien, das ist mein Land."
Und dann sagt er: "Und ich bin jetzt der reichste Mann in Italien."
(C. Freccero) Er will gewinnen.
Was das angeht, ist er ein verkappter Amerikaner.
Ein Gewinner und ein Macher zugleich.
Wenn ich unterrichte, erkläre ich es gerne so:
Im Englischen lautet das Hilfsverb "do" - "tun".
Im Italienischen ist es "essere" - "sein".
Das ist der Unterschied zwischen Amerika und Europa.
Er ist ein Mann der Tat und ein Gewinner.
Das ist sein Mantra, sein Evangelium, sein Plan:
machen und gewinnen.
(L. Braun) Ich habe ihn gesehen als einen extrem erfolgreichen,
skrupellosen, rücksichtslosen Machtmenschen,
der aber die Fähigkeit und das Talent hat
all diese negativen Eigenschaften zu überspielen -
mit Fröhlichkeit, mit Lachen,
mit Witzen, mit Glamour.
(G. Minoli) Berlusconi ist ein sehr, sehr netter Mensch.
Es macht Spaß, mit ihm über Fernsehen zu reden,
weil er Ahnung davon hat.
Er hat Fernsehen verstanden, er wusste, was er tut.
Es hat mich nicht überrascht, dass er so schnell aufgestiegen ist.
Natürlich gab es eine Menge Widerstand.
Und warum?
Weil eine Privatperson mit drei Fernsehsendern angsteinflößend war.
Denn es war klar, dass das nicht das Ende der Fahnenstange war
und dass es ihm darum ging,
seine Fernsehsender auch für andere Zwecke zu nutzen.
Das sind die Einschaltquoten der ersten 14 Tage im April
für die Programmzeit 20:30 bis 23:00 Uhr.
Canale 5 erreichte am Abend im Durchschnitt 7.974.000 Zuschauer.
RAI 1: 7.715.000 Zuschauer.
Italia 1: 3.844.000.
AUF ANORDNUNG DES MAGISTRATS VON ROM IST DIE AUSSTRAHLUNG
VON CANALE 5 IN DIESER STADT VERBOTEN.
(Mann, off) Die von Richter Nicola Trifuoggi unterzeichnete Anordnung
wurde auf Grundlage von Artikel 195 des Postgesetzes erlassen.
Die Maßnahme wurde heute Morgen
von Beamten der Escopost durchgeführt.
Sie versiegelten sämtliche Geräte und Materialien
in den Fernsehstudios von Canale 5, Rete 4, Italia 1.
Das bedeutet, dass diese drei Sender seit heute Morgen
in der gesamten Region nicht mehr senden können.
Das Gericht stellte fest, dass er gegen die Gesetze verstößt.
Für Berlusconi ist das nichts Neues.
Das hat er schon immer getan.
Er setzt die Gesetze außer Kraft.
(D. Rivolta) Berlusconi hat es als einen Angriff
gegen sein Unternehmen empfunden.
Und sofort gespürt, dass es ihn zu Fall bringen könnte.
Denn wenn weitere Staatsanwälte
dem Beispiel der ersten drei folgen würden,
wäre dies das Ende seines Fernsehgeschäfts.
(A. Galliani) Wenn man nicht mehr sendet,
kommen auch keine Werbeeinnahmen rein.
Wir hatten alle Angst, dass die Firma daran zerbrechen würde.
(Junge) Wenn sie uns die besten Sender wegnehmen, was sollen wir
dann gucken? RAI? Da laufen doch nur dumme Sendungen.
Wir haben so gerne die Filme
auf Canale 5, Rete 4, Italia 1 geschaut.
(Frau) Eine Schande, dass sie so etwas in Turin zulassen!
Berlusconi war extrem nervös,
aber nach außen blieb er immer zuversichtlich.
Vor allem dem Unternehmen gegenüber.
Die Angestellten litten unter der Unsicherheit.
Alle hatten Angst, bald ihren Job zu verlieren.
Innerlich hat auch er sehr gelitten.
So hatte ich ihn noch nie gesehen. Seine Knie zitterten.
(D. Rivolta) Wir mussten eine Entscheidung treffen,
wie wir uns verhalten.
Der erste Schritt war natürlich juristisch,
aber wie sollten wir
auf Hunderte von verärgerten Zuschaueranrufen reagieren?
Die Leute waren sauer, weil die Sender nicht mehr liefen.
Berlusconi hatte sofort die richtige Idee:
Wir mussten uns die Wut der Zuschauer zunutze machen.
(Reporter) Liebe Zuschauer, ich bin auf der Piazza San Carlo in Turin,
wo sich heute Abend eine kleine Gruppe
von Anhängern des Privatfernsehens versammelt hat.
Wie war es für dich,
deine Lieblingssendungen heute nicht sehen zu können?
(Mädchen) Furchtbar, ganz schlimm. Für meine Großmutter auch.
Sie ist eine alte Dame und kann sich nicht mehr bewegen.
Sie hat immer Canale 5, Italia 1 gesehen.
Es war sehr schlimm für sie.
- Was hat dir an Canale 5, Rete 4, Italia 1 am besten gefallen?
(Mädchen 2) Die Schlümpfe.
(D. Rivolta) Die Idee war,
die Leute durch alle möglichen Methoden zu mobilisieren,
vor dem Palazzo Chigi, dem Amtssitz des Ministerpräsidenten,
zu demonstrieren.
Sie sollten laut kundtun, was sie von der Abschaltung der Sender hielten.
* Angespannte Klänge, Stimmengewirr *
* Applaus *
(Mann) Guten Abend!
Ich glaube, dass in diesen Tagen die Kinder, die ganz Kleinen,
am wütendsten sind.
Mein Sohn ist ausgeflippt, weil die Schlümpfe nicht mehr liefen.
Ich sagte, dass ich sie nicht zurückholen kann.
Ich weiß nicht, ob die Richter Kinder haben.
Vielleicht.
Wahrscheinlich haben sie sich als Schlümpfe verkleidet und...
(G. Moncalvo) Der Aufstand der Schlümpfe!
Und warum?
Weil Millionen von Kindern die Schlümpfe auf Italia 1 schauten.
Und wenn man die Schlümpfe in einer Region nicht mehr sendet,
rebellieren die Mütter.
Sie schreiben an die Zeitungen, sie machen Telefonterror
und ziehen die Politiker und die Justiz zur Rechenschaft,
weil die ihre Kinder daran hindern, die Schlümpfe zu schauen.
(Mann) Die RAI macht nichts.
Wir zahlen 80.000 Lire pro Jahr Rundfunkbeitrag.
Und was kriegen wir dafür? Nichts!
- Einer nach dem anderen...
* Applaus *
Es war ein Angriff auf Berlusconi, das war klar.
Aber die Justiz hatte es entschieden,
daran war nicht zu rütteln.
Nur ein Regierungsdekret hätte die Sache ändern können.
* Until I Reach The Sun / Ruggero Catania *
(F. Confalonieri) Das erste Mal in Hammamet waren wir '85.
Wir machten Ferien in Craxis Haus.
(G. Moncalvo) Craxi war General- sekretär der Sozialistischen Partei,
einer Partei mit einer großen linken Tradition.
Er war Ministerpräsident.
Ein intelligenter, pragmatischer Mann.
(B. Craxi) Ziele unserer Politik sind ein Beschäftigungsanstieg
und sozialer Wohnungsbau.
* Turbinenlärm, treibende Musik *
(G. Moncalvo) Craxi und Berlusconi
sind verbunden durch eine scheinbare Freundschaft,
aber vor allem durch suspekte geschäftliche Deals.
Craxi tut Berlusconi einen großen Gefallen.
Er unterbricht ein wichtiges Staatstreffen in London,
fliegt nach Italien und unterzeichnet ein Dekret,
das die Urteile der Richter aufhebt.
(Sprecher) Die Regierung hat dem Dekret zugestimmt,
das den wichtigsten privaten Fernsehsendern ermöglicht,
den Sendebetrieb in den vier Regionen
Piemont, Latium, Abruzzen und Marken wiederaufzunehmen.
Dort war die Ausstattung von Richtern beschlagnahmt worden.
Sicherlich hat Craxi als Freund gehandelt,
aber das hätte jeder getan, der kein Feind war.
Craxi sagte damals:
"Mich nervt es, auf diesen schwarzen Bildschirm zu starren."
Das war alles.
(Mod.) Glauben Sie, dass es ohne eine Regierung Craxi
diese Pro-Berlusconi-Dekrete gegeben hätte?
Es hätte auf jeden Fall Dekrete gegeben,
um die Situation zu verbessern,
die viele Leute nicht gutgeheißen haben.
Dass Craxi Ministerpräsident war, war eher ein Problem,
denn unsere Freundschaft war allgemein bekannt.
Zum Abschluss:
Möchten Sie noch etwas sagen, was ich Sie nicht gefragt habe?
Sie sehen hinter mir eine Karte von Europa.
Das ist unser nächstes Abenteuer. Wir waren nicht untätig.
Wir prüfen die Möglichkeit eines Fernsehkanals in Frankreich,
in Spanien.
Wir wollen eine europäische TV-Gesellschaft aufbauen
und Programme machen, die es auf dem internationalen Markt
mit amerikanischen Angeboten aufnehmen können.
Ich bin überzeugt, dass das Produkten,
die in Frankreich und in Europa
bisher nicht im kommerziellen Fernsehen beworben wurden,
eine Triebkraft gibt.
* Triumphale Musik *
Berlusconis Bestrebungen waren grenzenlos.
Irgendwann wurde ihm klar, dass das Privatfernsehen
und sein durchschlagender Erfolg in Italien etwas ist,
das man exportieren könnte.
Warum können wir das nicht auch in anderen Ländern machen?
Silvio Berlusconi glaubt, dass die Zeit gekommen ist zu expandieren:
nach Spanien, nach Frankreich und nach Deutschland.
(D. Rivolta) Wenn Sie mir die Unbescheidenheit gestatten:
Die Idee, über die italienischen Grenzen zu schauen
und unser Fernsehen in Europa zu exportieren, war von mir.
Ich sprach mit Berlusconi darüber,
aber er hörte mir gar nicht wirklich zu.
Doch kurze Zeit später machte Craxi denselben Vorschlag:
"Warum gehst du nicht nach Frankreich?"
Ich glaube, weil Berlusconi sich daran erinnerte,
was ich ihm vorgeschlagen hatte, beauftragte er mich
mit einer Studie über die tat- sächlichen und potenziellen Chancen,
unser Fernsehen in Frankreich zu etablieren.
* Heitere Musik *
(C. Freccero) Berlusconi hielt eine große Versammlung ab und verkündete,
dass er das Feld in Frankreich, in Paris übernehmen würde.
Er wolle "La Cinq" aufbauen.
* Te Perdre à Paris / Ruggero Catania *
(A. Sinclair) Eines Tages bekam ich einen Anruf vor Berlusconi:
Er wolle mich zum Essen einladen.
Wir aßen zu Mittag und er versuchte, mich davon zu überzeugen,
meinen Sender ORTF - der wirklich eingestaubt war - zu verlassen.
Er schwor mir, La Cinq sei die Zukunft,
jeder solle ein Teil davon werden.
Ich sagte: "Nein, danke".
Daraufhin wurde ich Zeugin einer wirklich surrealen Szene.
Ich erinnere mich noch gut und musste noch lange darüber lachen.
Er stand vom Tisch auf, wir waren gerade beim Dessert.
Er lief um den Tisch herum und kniete vor mir nieder.
Verzeihen Sie mir,
dass ich den italienischen Akzent jetzt etwas nachmache,
aber es wirkte etwas stümperhaft.
Er sagte: "Was wollen Sie? Wollen Sie Millionen? Kriegen Sie.
Wollen Sie einen Ferrari? Gebe ich Ihnen.
Ich gebe Ihnen alles, was Sie wollen."
Dann lachte ich herzhaft:
"Ich will Ihre Millionen nicht, ich will auch keinen Ferrari.
Ich lasse mich nicht kaufen."
Was unser Abenteuer angeht:
Werden unsere Helden in der Lage sein,
den Himmel von Frankreich und Europa friedlich einzunehmen?
(A. Galliani) Das Problem: Die Franzosen sind sehr chauvinistisch.
Sie sind sehr, sehr nationalistisch
und haben uns das Leben schwer gemacht,
weil wir Ausländer waren. Vermute ich.
(Mod.) Silvio Berlusconi ist ein umstrittener Mann.
In Italien haben seine Fernsehsender
alles verändert.
In Frankreich macht dieses Beispiel Angst.
* Dynamische Musik *
(D. Rivolta) Berlusconi musste feststellen,
dass in der französischen Presse,
vor allem in wichtigen Zeitungen wie "Le Monde",
eine feindselige Haltung gegenüber einem neuen Fernsehsender
unter italienischer Führung herrschte.
Es wurde sogar der Begriff "Spaghetti-Fernsehen"
von einem französischen Journalisten eingeführt.
(C. Freccero) Sie empfanden es als eine Demütigung,
dass ein dahergelaufener Italiener ihnen beibringen wollte,
wie man Fernsehen macht.
Vor allem, weil das öffentlich-rechtliche Fernsehen
in Frankreich sehr anerkannt war.
* Er spricht Französisch. *
(C. Freccero) Das Fernsehen in Frankreich
hat eine dialektische Beziehung zur Hochkultur,
es hat eine dialektische Beziehung zum Kino,
es hat eine dialektische Beziehung zum Verlagswesen,
zum Ballett, zur Kunst und so weiter.
Das Fernsehen ist also nicht so imperialistisch wie in Italien,
wo es alle anderen, sagen wir mal, "Disziplinen" ausgelöscht hat.
(J. Lang) Wenn wir über das "ideale Fernsehen" nachdenken,
sehen wir uns zwei konträren Versuchungen gegenüber:
Die eine besteht darin,
Programme für einen idealen Zuschauer zu entwickeln.
Die andere darin,
dem Zuschauer seinen eigenen Geschmack aufzuzwingen.
Ich war Kulturminister unter Francois Mitterrand.
Ich unterstützte das Kino als eine echte Kunstform.
Ich habe mich dafür eingesetzt,
dass die Verbreitung von Filmen im Fernsehen reguliert wird.
Ich habe dafür gekämpft, die Werbung stark einzuschränken, um die Kunst,
die Kultur und das Kino im Fernsehen zu schützen.
Ich wollte das vermeiden, was in Italien passiert war.
(F. Fellini) Ich möchte dem sehr aktiven Cavaliere Berlusconi,
der viel zu viele Ideen hat,
etwas vorschlagen. Er könnte ebenso
ein Dekret im Parlament erwirken, das ihm erlaubt,
Prozessionen, Militärparaden
und Reden von Parlamentariern mit Werbung zu unterbrechen.
Eine Messe - drei Werbepausen. Eine gesungene Messe - sieben.
Das mag man frevelhaft finden. Aber ist es nicht auch frevelhaft,
die Arbeit eines Künstlers zu unterbrechen?
(J. Lang) Ich habe die Geburt von La Cinq verhindert,
weil ich in Berlusconi einen Gegner der Kultur sah.
Rein objektiv war er der Mörder des italienischen Kinos gewesen.
(Presse) Herr Präsident...
(Mann) Sie sind ein Mann der Kultur.
Sind Sie nicht besorgt über die Aktivitäten
und die Vergangenheit von Herrn Berlusconi?
(F. Mitterrand) Wir sind in der Tat
über das bedauerliche italienische Beispiel besorgt.
Meine Damen und Herren, das Beispiel Italien
hat nichts mit Herrn Soundso oder Herrn Soundso zu tun.
Es hat mit Bedingungen in Italien zu tun.
Mit dem italienischen Gesetz.
Oder besser: mit dem Fehlen des Gesetzes.
Mitterand war zunächst geradezu entrüstet über den Vorschlag,
einen Sender auf Berlusconi-Art in Paris, in Frankreich zu starten.
Ich denke, dass es dann Craxis politische Macht war,
die einen großen Einfluss auf Mitterand hatte
und ihn am Ende überzeugte.
(J. Lang) Craxi sagte zu ihm:
"Auch wenn Sie mit großer Wahrscheinlichkeit
die Parlamentswahlen verlieren,
werden Sie Präsident der Republik bleiben.
Ich empfehle Ihnen,
mit Berlusconi einen privaten Fernsehkanal ins Leben zu rufen,
der Sie bis zum Ende Ihrer Amtszeit unterstützt.
Sie werden sich sonst mit einer rechten Regierung wiederfinden,
die das öffentliche Fernsehen
sofort zu einem Propagandaorgan machen wird."
Damit hatte er Mitterand in der Tasche.
Dank der Wegbereitung von Craxi,
empfing Mitterand Berlusconi persönlich.
Und mit seinem Charme gelang es Berlusconi, ihn zu überzeugen.
So wurde er der Sponsor
für die Einführung des kommerziellen Fernsehens in Frankreich.
(F. Mitterrand) Wenn man kommerzielles Fernsehen will,
privat, also kommerziell, wie La Cinq oder andere,
dann sind Werbeeinnahmen unabdingbar.
Woher soll das Geld denn kommen?
(Mod.) Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Herr Präsident,
die Sendung läuft seit 54 Minuten.
Wir müssen eine Werbepause machen. Bis gleich!
(J. Lang) Diese La-Cinq-Geschichte war der einzige Konflikt,
den ich je mit Mitterrand hatte.
Das Fernsehen, das uns vorschwebt,
ist kein "Coca-Cola-Fernsehen" oder "Spaghetti-Fernsehen".
Vielmehr ein "Beaujolais-Fernsehen".
Champagner am Samstag!
(J. Lang) Er ist ein großer Charmeur, ein sehr guter Redner.
Gekonnt, schlagfertig, anschaulich, lustig.
Es ist schwer, seinem Charme zu widerstehen.
(Mod.) Die Abgelenkten unter Ihnen, oder die, die keine Zeitung lesen,
erwarten wahrscheinlich jetzt eine neue Folge von "Pentathlon".
Aber nein. "Pentathlon" wird am Samstagabend ausgestrahlt.
Heute werden Sie Zeuge
eines besonderen, historischen Ereignisses:
Die Premiere von La Cinq,
der französischen Version von Canale 5.
* Applaus, Jubel *
* Turbinenlärm *
* Applaus *
(C. Freccero) Der Start von La Cinq war phänomenal.
Das Bühnenbild der ersten Einstellung
bestand aus einer Concorde, die die Leinwand durchbrach,
und auf der Gangway erschienen die Tänzerinnen und Tänzer.
* La Cinq Jingle *
(C. Freccero) Es fühlte sich an wie im Moulin Rouge.
* Applaus *
(C. Freccero) Alle französischen Stars waren dabei.
Berlusconi hat sie gut bezahlt. Eine Rieseninvestition.
(Mod.) Verehrtes Publikum! Heute Abend bei La Cinq:
Charles Aznavour!
(C. Aznavour) Mit Stolz erkläre ich La Cinq offiziell für eröffnet!
(C. Freccero) Ich erinnere mich sehr gut daran,
wie Berlusconi all die französischen Stars überzeugt hatte mitzumachen.
Er versprach ihnen
Fernsehunterhaltung und Verträge allererster Güte.
* Er singt auf Französisch. *
(C. Freccero) Unter den französischen Stars
war auch der Sänger Serge Gainsbourg.
Er wirkte immer etwas mitgenommen -
schlecht gekleidet, mit einem ungepflegten Bart
und schmutzigen Haaren, immer die Zigarette im Mund.
Berlusconi hat ihn gesehen und sagte:
"Wer ist dieser dahergelaufene Landstreicher,
der mir die Show meines Lebens versaut?"
"Bei allem Respekt, Dr. Berlusconi,
das ist Serge Gainsbourg, der berühmteste Sänger Frankreichs."
Und er: "Besorgen Sie ihm sofort ein doppelreihiges blaues Jackett!"
(S. Gainsbourg) La Cinq... Das hat Klasse!
* A Night At The Opera / Louis Clark, Royal Philharmonic Orchestra *
(J. Lang) Ich hatte Angst,
dass dieser Kanal ein schlechtes Beispiel abgeben würde.
Dass ab dem ersten Tag "on air" die öffentlich-rechtlichen Sender
die gleichen Vorteile einfordern könnten
und dass somit das ganze System ins Wanken geraten würde.
Es bestand die Gefahr einer Destabilisierung.
(Männer) Hoch lebe La Cinq!
* Feierliche Musik, Applaus *
(A. Galliani) Woran ich mich mit großer Nostalgie erinnere:
Am selben Tag, an dem La Cinq on air ging, am 20. Februar 1986,
kauften wir den AC Mailand.
* Ride Of The Valkyries (Apocalypse Now Version) *
(F. Confalonieri) Wie das Team vorgestellt wird,
wie es unter der Hymne des Walküren-Ritts
aus dem Hubschrauber steigt, genau wie bei "Apocalypse Now",
das war ein Geniestreich.
So ist Berlusconi.
Berlusconi wollte schon immer Präsident vom AC Mailand werden.
Das war schon in den 70er-Jahren Thema - wenn auch unwahrscheinlich.
Er hat verstanden,
dass er sich als Präsident dieses wichtigen Vereins
direkt in die Herzen der Menschen spielen würde.
Eine wahnsinnig schlaue und öffentlichkeitswirksame Strategie.
Wir bauen eine Mannschaft auf, die sich bewähren wird
und auf dem Spielfeld alles gibt.
(G. Moncalvo) Bevor er AC Mailand gekauft hat,
hat er wochenlang Umfragen analysiert:
Würden die Fans der anderen Mannschaften
seine Meinung über ihn ändern, wenn er Mailand kaufen würde?
"Wenn ich AC Mailand kaufe,
werden die Inter-Mailand-Fans mich trotzdem noch lieben?"
(Reporter) Was erwarten Sie?
Ich erwarte ein gutes Spiel und leidenschaftliche Spieler.
Sind Sie ein bisschen aufgeregt? - Sicher.
Wie kann man beim ersten Spiel nicht aufgeregt sein?
Es ist wie ein erstes Date.
Er behandelt Mailand genau wie sein Fernsehen.
Als er Mailand kauft, verkündet er:
"Wir müssen jetzt eine Mannschaft zusammenstellen,
die Meister wird, den Scudetto gewinnt."
Ein Bekannter sagte zu ihm: "Wieso nur die nationale Liga?
Wir wollen doch Europameister werden."
Darauf Berlusconi: "Europameister? Weltmeister!"
Alle sahen sich an, als wollten sie sagen: "Der ist verrückt."
(Sprecher) Wir sind bei Minute 1, 40 Sekunden. Gullit schießt ein Tor.
(A. Galliani) Berlusconi sagte:
"Wir müssen der beste Verein der Welt werden".
(Sprecher) Er rennt in die Mitte, zieht ab...
Unhaltbar für Paradisi. Es steht 1:0.
(A. Galliani) Und '87/'88 wird der AC Mailand Meister.
(Reporter) Herr Präsident, ein Traum ist wahrgeworden...
Natürlich hoffen wir, noch mehr Träume zu verwirklichen...
Die Fans wollen den Pokal. - Wir auch.
(A. Galliani) '88/'89 gewinnen sie den Europapokal.
Und im Dezember in Tokio wird der AC Mailand Weltpokalsieger.
Damit beginnt das Epos.
Es folgen fünf Europapokale, acht italienische Meistertitel ...
Ich würde sagen, es war nicht nur ein sportlicher Erfolg,
sondern ein Sieg des Willens zu gewinnen.
Ein Sieg des Neuen über das Alte.
Erfolg im Fußball heißt, den Pokal in der Hand zu halten.
Im Unternehmen geht es nur um Zahlen.
Fußball ist aufsehenerregender.
* Jubelgesang *
(G. Moncalvo) Ein paar Tage nach dem Gewinn des Meistertitels
hat Berlusconi einem Sport- journalisten des Corriere della Sera
den Gefallen getan, eine Pressekonferenz abzuhalten.
Im ganzen Land hatte es sich herumgesprochen: "Berlusconi ist da!"
Eine riesige Menschenmenge hatte sich versammelt.
Wir saßen im Auto, ich vorne, Berlusconi auf dem Rücksitz.
Das Auto bahnte sich seinen Weg durch die Menge.
Plötzlich warf sich ein Mann mit ausgebreiteten Armen
auf die Motorhaube und sagte: "Berlusconi, du bist der Geilste!"
Das war der Höhepunkt seiner Eitelkeit.
Er erinnerte sich an diese Szene als eine der schönsten seines Lebens,
die ihm die größte Befriedigung verschaffte.
Er war stolz, Silvio Berlusconi zu sein.
* Jubel, Fanfaren *
Wem würden Sie ein Denkmal setzen? - Allen! Den Besten!
Silvio Berlusconi!
Meister! Meister! Meister!
(C. Freccero) Während seiner Präsidentschaft
rangierte der Name Silvio
jahrelang an der Spitze der beliebtesten Vornamen.
Ich habe zwei, drei Spiele des AC Mailand mit ihm zusammen angeschaut
und es war so was von beeindruckend.
Viel beeindruckender als im Fernsehen.
Die Präsenz des Zuschauers, die Echtzeit.
Du bist ganz nah dran, es dröhnt über dir.
Es ist wirklich ... spektakulär.
Ich danke euch allen!
Im Namen des Teams, im Namen aller,
die zu diesem Erfolg beigetragen haben.
Danke an euch alle!
Danke, dass ihr unser Stadion immer füllt.
Ein besonderer Dank an die Fans in der Südkurve!
Wir sind stolz darauf,
junge Menschen zu haben, die noch an Träume glauben.
(G. Moncalvo) Berlusconi wollte schon immer König Midas sein,
der alles, was er anfasst, in Gold verwandelt.
Er ist unheimlich eitel.
Er hält sich für schlauer als andere, gewiefter als andere,
einfach besser, größer.
Die Messlatte muss immer weiter nach oben gelegt werden.
In vielen Bereichen ist ihm das auch gelungen.
Aber es ist nicht immer gut gelaufen.
Berlusconi gibt sich als erfolgreicher Unternehmer -
was ja auch stimmt.
Er setzt viele Geschäftsmodelle um, nicht alle davon sind erfolgreich.
Darüber spricht er natürlich nicht, denn das würde seinen Glanz trüben.
In diese Serie von Geschäftsmodellen, die floppen,
gehört auch Standa -
ein Supermarkt, den er Ende der 1980er-Jahre für eine große Summe,
vielleicht sogar für eine Milliarde Lire, erworben hatte.
* Sie sprechen Italienisch. *
Diese Initiative wird nicht fruchten,
am Ende wirkt die Kette billig und mittelmäßig.
Es gibt also einige Dinge, an denen er sich versucht hat,
die überhaupt nicht gut gelaufen sind.
Aber mit seinem Hang zum Geschichtenerzählen,
zur Selbstdarstellung und zur Propaganda, hat er diese Fehltritte
natürlich als so was wie kleine Missgeschicke heruntergespielt.
Tatsache ist, dass sich die Gesellschaft in jenen Jahren
bei den Banken hoch verschuldet hat.
Wir waren um circa 5000 Milliarden Lire im Minus,
aber die Banken boten uns immer wieder Kredite an,
weil sie wussten, dass das Geld ständig zirkulierte.
Wir verdienten mit den Werbeeinnahmen
und zahlten die Kredite an die Banken zurück.
Eins ist klar: Wenn man hohe Schulden bei den Banken hat,
dann nur deshalb, weil die Banken es zulassen.
Die Banken waren überzeugt, ihr Geld nicht an uns zu verscherbeln.
Dennoch steuerten wir auf einen politischen Wandel zu.
Und das hätte auch das Ende der liberalen Haltung
der Banken uns gegenüber bedeuten können -
was wiederum katastrophale Auswirkungen
auf die Berlusconi-Gruppe gehabt hätte.
* Aufgebrachtes Stimmengewirr *
* Angespannte Musik *
Diese Stürme im politischen Klima sind wie ein Luftzug,
der alle Türen zuknallen lässt.
* Main Stage / Ruggero Catania *
* Fortlaufender Jubel *
(Reporterin) Eine historische, eine unvergessliche Nacht,
nicht nur für Ostdeutschland,
sondern auch für Deutschland und die ganze Welt.
Nach 28 Jahren ist die Berliner Mauer im Herzen Europas,
Symbol der Teilung der Welt in zwei Blöcke,
für immer niedergerissen worden.
1989 hat sich die Welt verändert.
* Nationalhymne USA *
Die Ordnung der Welt in zwei Blöcke wurde Geschichte.
* Angespannte Musik *
Jahrelang war Italien an den atlantischen Teil Europas gebunden.
Und damit an einen ziemlich starren politischen Rahmen,
innerhalb dessen die Christdemokraten,
eine katholische Partei der Mitte, das Sagen hatten.
Die Sozialistische Partei und andere säkulare Parteien
spielten eine untergeordnete Rolle.
Die Kommunistische Partei Italiens war ins Abseits verbannt.
Als die Berliner Mauer fiel, zerbrach dieser politische Rahmen.
Es brach alles auf.
Die Regierungsparteien hatten plötzlich nicht mehr die Macht,
juristische Ermittlungen wegen Korruptionsvorwürfen
oder Ähnlichem zu blockieren.
Sie waren entmachtet.
Die Ermittlungen
belasteten viele Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik.
(Mod.) Dutzende Unternehmer, die Politiker zehn Jahre lang
üppig für ihre Arbeit bezahlten, haben nun ausgepackt.
* Sirenen *
- Im Skandal um Bestechungsgelder in Mailand:
Neues zu den Ermittlungen gegen die Top-Riege
der Mailänder Unternehmer.
- Weitere Verhaftungen,
fünf davon in den letzten 24 Stunden:
Politiker und Unternehmer.
Berlusconi hatte Angst,
dass sich die Staatsanwälte auf Craxi stürzen würden.
Natürlich war Berlusconi eng befreundet mit Bettino Craxi.
Craxi hat Berlusconi politisch geschützt.
(Mod.) Den PSI-Generalsekretär Craxi hat heute Morgen
eine Vorladung der Mailänder Staatsanwaltschaft erreicht,
die gegen Korruption ermittelt.
Die Vorwürfe: Bestechung und Verstoß gegen das Gesetz
zur Finanzierung politischer Parteien.
* Wiederholtes Hupen *
(G. Moncalvo) Wir stehen vor den Trümmern einer zerstörten Republik.
Die Christdemokraten, die Sozialistische Partei,
die Republikaner, die Liberalen, die Sozialdemokraten -
alle fallen in sich zusammen.
Übrig bleibt die Kommunistische Partei.
Auf nationaler Ebene ist sie die Partei,
die am wenigsten in die Ermittlungen verwickelt ist
und daher gute Chancen hat, die Parlamentswahlen 1994 zu gewinnen.
(D. Rivolta) Occhetto war Generalsekretär
der Kommunistischen Partei Italiens, die später ihren Namen
zu "Demokratische Partei der Linken", PDS, änderte.
Herr Occhetto hatte bereits alle Ministerposten besetzt
und war zu 100 % überzeugt, die Wahl zu gewinnen.
Es gab keine Konkurrenz mehr.
Das ärgerte Berlusconi, es beunruhigte ihn - zu Recht.
"Wenn die Kommunisten kommen, sind wir am Arsch!"
Entschuldigen Sie den Ausdruck.
* Er lacht. *
Der Kommunismus, wo immer er zum Einsatz kam,
hatte immer negative Auswirkungen.
Zum Einen den Verlust des wichtigsten Gutes des Menschen,
nämlich der Freiheit.
Damit einher gingen miserable Lebensbedingungen,
bis hin zu Sklaverei, manchmal Terror, manchmal sogar Tod.
* TV-Musik setzt ein. *
# Wir schreien nicht mehr.
Wir ändern die Richtung, indem wir auslöschen, was war. #
(G. Moncalvo) Berlusconi befürchtet,
dass ein Sieg der Kommunistischen Partei
die Banken dahingehend beeinflussen würde,
dass er seine Schulden beim Credito Italiano
und der Banca Nazionale del Lavoro zurückzahlen müsste.
* Angespannte Musik *
(Mod.) Überwältigt von fast 900 Milliarden Lire Schulden
musste La Cinq, der private Fernsehsender,
mit dem Berlusconi Frankreich erobern wollte, Konkurs anmelden.
Er hatte versucht, die europäische Fernsehlandschaft zu verändern -
in Frankreich mit La Cinq, in Deutschland Tele 5,
auch in Spanien.
(Mod.) Es werden große Überraschungen für den Sommer vorbereitet...
Alle drei Projekte scheitern.
Fünf, vier, drei...
LA CINQ BITTET UM ENTSCHULDIGUNG FÜR DIE DAUERHAFTE
EINSTELLUNG DES PROGRAMMS.
La Cinq ist einer der Gründe,
warum Berlusconis Medienkonzern Mediaset
zunehmend rote Zahlen schreibt.
(G. Moncalvo) Berlusconi ist mit 1000 Milliarden Lire im Minus
und hat 1000 Milliarden Schulden in Form von unbezahlten Krediten.
Also in Summe mindestens zwei Billionen Lire Schulden.
Es stand nicht gut um seine Unternehmen.
Denn um diese Summe zurückzuzahlen, muss man ganz schön viel verkaufen.
Er steckt tief in den Schulden, die Lage ist wirklich ernst.
* Gelächter *
(Mann) Silvio!
Hier sind 100.000 Lire, Silvio!
Er hat keine einzige Lira auf der Bank! Er hat kein Geld!
Ohne politische Unterstützung wird es noch komplizierter.
Die ersten Ermittlungen gegen Berlusconis Imperium
laufen bereits an.
Diese Zeit war schlimm, sehr schlimm.
Ich wurde für Publitalia einbestellt.
Sie wollten mich verhaften.
Freunde riefen mich an:
"Sie wollen dich verhaften! Mach dich vom Acker! Tauch einfach ab!"
Und ich: "Aber wohin?"
(Mann) Was sagen Sie zu den Vorwürfen der Bilanzfälschung?
Ich habe diese Anschuldigungen vollständig bestritten,
weil ich sie für unbegründet halte.
(F. Confalonieri) Und der erste, gegen den ermittelt wurde, war ich.
(Mann) Fedele Confalonieri wurde in die Reihe derer aufgenommen,
gegen die wegen Millionenzahlungen an die PSI ermittelt wird.
"Ordentliche Rechnungstellung" nennt er das.
(Reporter) Haben die Richter jetzt, was sie wollten?
- Das müssen Sie die Richter fragen. Auf Wiedersehen.
Die Schlinge um Berlusconi zieht sich immer weiter zu.
Ich habe ihn in dieser Zeit oft interviewt
und er sagte, es gäbe Abende, da würde er weinen.
Einfach, weil der Druck so groß war und die Zukunft so düster aussah.
Er hatte schlichtweg Angst.
In diesem politischen Erdbeben, in dem er
als erstes seinen politischen Ankerpunkt Craxi verliert,
wird es für Berlusconi nicht gut enden.
Er weiß, dass es für ihn nur einen Ausweg gibt.
(G. Moncalvo) Es gibt ein Vakuum:
Die rechte Mitte ist nicht mehr vertreten,
die gemäßigten Konservativen sind nicht vertreten.
Und in dieses Vakuum stürzt sich Berlusconi.
* Stimmengewirr, Kameraklicken *
Eines Tages sagte Berlusconi zu mir:
"Ich hab's! Wir müssen eine Partei gründen!"
Ich sagte: "Wie geht das?"
Und er: "Keine Ahnung, aber alle machen das."
Das war im Sommer 1993.
* I'm Getting It Right / Kiss & Drive, Ruggero Catania *
(R. Cohen) Er dachte, er könne Italien in Schwung bringen -
so wie er es mit der Wirtschaft getan hatte.
Das wollte er nun auf die Politik übertragen.
(F. Confalonieri) Im Sommer '93 fing er an, darüber nachzudenken.
Ich war dagegen, weil wir erst im April/Mai '93
von der Justiz attackiert worden waren.
In die Politik zu gehen,
würde der Justiz noch viel mehr Angriffsfläche geben.
Confalonieri bremste ihn:
"Sei vorsichtig, sie werden dich zerfetzen."
Dell'Utri wiederum drängte ihn schon fast zu diesem Schritt.
Sicherlich, weil er sich seiner großen Rolle bewusst war,
sollte die Berlusconi-Gruppe in die Politik gehen.
(F. Confalonieri) Marcello Dell'Utri ist für Berlusconi das,
was der heilige Paulus für Jesus Christus ist.
Mit anderen Worten: Dell'Utri ist ein wunderbarer Vollstrecker.
Und zu 100 % eingenommen von Berlusconis Doktrin.
Fedele Confalonieri war dagegen,
Gianni Letta, ein enger Vertrauter von Berlusconi, ebenfalls.
Eines Tages nahmen sie mich in die Mangel:
"Unterstütze Silvio nicht darin, das zu tun. Das ist Wahnsinn!
Was machst du da?"
"Ihn unterstützen? Er ist längst auf dem Weg.
Ich sammele nur die Scherben hinter ihm auf."
* Er lacht. *
(G. Moncalvo) Eine nationale Partei zu gründen ist nicht ohne,
es braucht Zeit, vor allem, wenn es noch gar keine Struktur gibt.
Doch eine potente Organisation gibt es bereits: Publitalia.
* Elektronische Musik *
Es gab viel zu tun: die Unternehmensgruppe retten,
eine Partei gründen, die das Land vor den Kommunisten retten sollte,
aber gleichzeitig offiziell leugnen, dass wir all das taten.
Wir hatten 1000 Leute im Außendienst,
Standorte in ganz Italien.
Wir hatten Vertriebler, Manager.
Berlusconi sagte: "Findet die besten Leute!
Alle Positionen müssen besetzt werden."
"Und wie machen wir das?" Eine Höllenarbeit.
(L. Braun) Es gibt ja dieses "il furbo",
das ist ja "der Schlaue", "die Schlauheit".
Ist ja eine wirklich italienische Tugend.
Je schlauer jemand ist, das heißt auch,
je geschickter er die Gesetze umgehen kann,
je geschickter er seine Interessen vertritt, desto toller ist er.
All das hat sich in seiner Person konzentriert.
(G. Moncalvo) Die Publitalia-Armee rückt an.
Es sind indoktrinierte Leute, so was wie "Missionare",
die ausrücken, um Geld für Berlusconi zu sammeln -
für sein Fernsehunternehmen
oder wie jetzt, um Wählerstimmen für ihn zu gewinnen.
Eine glattrasierte Armee ohne ein Barthaar;
Söldner, die immer ein Ersatzhemd und eine Ersatzkrawatte im Auto hatten
und die jeden Pitch sorgfältig probten,
wenn nötig im Aufzug oder im Vorzimmer,
die genau wussten, was sie sagen sollten und was nicht,
bevor sie in ein Meeting gingen.
Eine Armee derer, die durch Berlusconis Schule gegangen waren,
die er seit seiner Zeit als Immobilienunternehmer geprägt hatte.
Es galt,
die Geburtstage der Geschäftspartner auf dem Schirm zu haben,
die Hochzeitstage, die Geburtstage der Kinder,
den Geburtstag der Sekretärin, den Geburtstag der Geliebten -
und ihnen angemessene Geschenke zu schicken.
(L. Braun) Für Berlusconi war es ganz klar,
dass er die Macht des Bildes erkannt hat,
dass er wusste, wie wichtig die Kontrolle über das Bild ist
und dass er ungemein genau wusste wie wichtig das Aussehen
auch für einen Mann ist.
* Er spricht Italienisch. *
Die Auswahl der Kandidaten hat er am Bildschirm getroffen.
Entweder in seiner Villa in Arcore
oder im Büro oder direkt im TV-Studio.
Er schaut sich die Videos der Castingteilnehmer an
und entscheidet, wer am besten vor der Kamera wirkt.
Waren sie wortgewandt, traten sie überzeugend auf,
wirkten sie sympathisch, lächelten sie?
Ich kann mich nicht erinnern,
dass es dabei jemals um ihre politischen Ansichten ging.
Die mit Bärten oder Schnurrbärten sortiert er sofort aus.
Er verabscheut Gesichtsbehaarung.
Ein feuchter Händedruck? Der fliegt raus. Tut mir leid.
Er disqualifiziert alle, die sich nicht zu benehmen wissen,
die nicht elegant genug sind, nicht charismatisch genug sind.
Sein idealer Kandidat muss dem Fernsehstandard entsprechen.
(R. Cohen) Er wusste, dass er die Möglichkeit hatte,
sein großes Netzwerk
in der italienischen Medienlandschaft zu nutzen.
Und er hatte überhaupt keine Gewissensbisse,
sich dort zu promoten.
* Applaus *
(Mod.) Liebe Zuschauer, unser Präsident Silvio Berlusconi!
In kürzester Zeit war alles vorbereitet.
Ich danke Ihnen!
Alles war angeleiert.
Aber wir hatten noch nicht mal einen Namen für unsere Partei.
Wir fragten: "Wie soll sie heißen, unsere Partei?"
Viele Namen wurden vorgeschlagen, aber keiner gefiel ihm.
Eines Tages trommelte er uns zusammen und sagte:
"Ich habe einen Namen! Die Partei soll 'Forza Italia' heißen."
Wir schauten uns alle an und dachten:
"Was für ein Schwachsinn."
* Er lacht. *
* Propellerlärm *
Italien ist das Land, das ich liebe.
Hier liegen meine Wurzeln, meine Hoffnungen - und die Zukunft.
Hier habe ich von meinem Vater und vom Leben gelernt,
Unternehmer zu sein.
Hier habe ich auch gelernt, wie wichtig Freiheit ist.
Ich habe beschlossen, das Feld zu betreten
und mich um öffentliche Angelegenheiten zu kümmern,
weil ich nicht in einem illiberalen Land leben möchte,
das von unreifen Kräften
und von Männern regiert wird, die mit einer politisch
und wirtschaftlich bankrotten Vergangenheit verbunden sind.
* Treibende Musik *
(R. Cohen) Er sah sich als Held,
als jemanden, der die Kraft hatte, alles zu verändern.
Und er hatte Gründe, das zu glauben,
denn er hatte Italien wirklich verändert.
Er hatte verändert, was die Italiener im Fernsehen sahen,
was sie lasen, was sie hörten ...
(C. Freccero) Das Fernsehen
bekommt mit dem Wahlkampf eine andere Bedeutung.
Es wird zu Berlusconis Geist.
Es ist so, als würde das Fernsehen den Schöpfer all dessen,
was wir uns erträumen, was wir uns wünschen, aufleben lassen.
Und dieser Schöpfer ist Berlusconi.
Er ist der Mann, der uns liebt.
Ich habe beschlossen, das Feld zu betreten...
"Ihr, die ihr stundenlang mein Fernsehen gesehen habt -
ich werde das Land so verändern, wie ich mein Fernsehen verändert habe.
Ich mache es zu einem Unternehmen, das funktioniert."
Das ist Berlusconis Traum: Das Alte zerreißen, um was Neues zu machen.
(Rep.) Die politische Landschaft Italiens verändert sich so schnell,
dass fast alles möglich scheint.
Sogar, dass ein Mann, der bis vor drei Monaten
noch nicht eine politische Rede gehalten hat,
der nächste Premierminister des Landes werden könnte.
(C. Freccero) Alle haben sich gefragt: Wie hat er es geschafft,
innerhalb weniger Monate eine Partei zu gründen?
(A. Sinclair) Italien erlebt drei Wochen vor der Wahl Unglaubliches.
1994 wurde in Frankreich
viel über die Kandidatur von Berlusconi gesprochen.
Silvio Berlusconi, guten Abend! - Guten Abend.
Für uns Franzosen ist es schwer zu glauben,
dass ein Geschäftsmann Premierminister werden kann.
(C. Freccero) Die Antwort lag auf der Hand:
Die Umfrageergebnisse sprachen für ihn
und die Struktur für die Parteigestaltung war geschaffen.
(A. Sinclair) Wenn Sie an die Macht kommen sollten,
haben Sie vor, Ihren Konzern zu verkaufen?
Wären solche privaten Interessen mit einer Regierungstätigkeit
in einer europäischen Regierung vereinbar?
Ist das ein Kaufangebot von TF1?
Ich glaube nicht. Die Frage ist ernst gemeint...
Ich wollte dieses Interview mit ihm führen.
Also fuhr ich mit meinem Senderchef nach Mailand
auf das herrliche Anwesen von Berlusconi und wir aßen zu Mittag.
Wir sprachen über alles Mögliche:
Fußball, Geschäfte, Sport - außer über die Wahlen.
Irgendwann sagte ich:
"Nächste Woche ist das Interview, ich muss mich vorbereiten.
Ich würde die Vision für Ihre Politik gerne verstehen.
Was haben Sie vor?"
Er sagte: "Stimmt. Was machen wir, wenn wir an der Macht sind?"
(C. Freccero) Um die Partei aufzubauen,
tut Berlusconi nichts anderes, als das Bestehende zu recyceln.
* Telefonklingeln *
(C. Freccero) Von Publitalia
leitet er die Kreisverbände für Forza Italia ab.
Canale 5 verpasst ihm den Stil, den ein Kandidat haben muss.
Und vom Fußball greift er die Fans ab, den Patriotismus.
Forza Italia steht für Patriotismus.
Er verwertet alles, was er jahrelang aufgebaut hat.
Das ist wichtig zu verstehen.
# Forza Italia. #
Forza Italia steht für ein besseres Italien.
Weniger Arbeitslosigkeit, weniger Umweltverschmutzung,
weniger Drogen, weniger Kriminalität,
weniger Korruption, weniger Steuern.
* Rufe der Reporter, Kameraklicken *
(L. Braun) Er ist sozusagen das Vorbild für alle anderen,
die danach gekommen sind.
Als Populist hat er all diese Eigenschaften in sich gebündelt,
die später Trump, Orban ... alle anderen Populisten auch hatten. Ja?
Also auch die Art, wie sie öffentlich aufgetreten sind,
wie sie mit ihrem Wählervolk umgegangen sind,
wie sie die Medien instrumentalisiert haben.
Das ist sehr, sehr, sehr vergleichbar.
* Pfiffe, aufgewühltes Stimmengewirr *
* Se io se tu / Luigi De Gaspari, Mr. T-Bone, Luka Vi, Ruggero Catania *
* Fortlaufender italienischer Gesang *
* Abspannmusik *
Untertitel: OMNIMAGO GmbH im Auftrag des ZDF 2024
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