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Gefallene Engel
Hätte nicht auf dich warten sollen.
Hätte nicht auf dich warten sollen.
Das hattest du schon gesagt.
Mein Gott, du nervst grad ganz schön!
Was ist mit dir? Bist du sauer, weil ich heirate?
Bist du etwa neidisch.
Du hast auf mich gewartet, und wir futtern was auf der Bank.
Wärst du vorgegangen und hättest uns Plätze freigehalten,
wäre ich nachgekommen, und wir würden hier nicht rumsitzen.
Hör jetzt bitte auf, ja?
Wir sind sowieso alle Herdentiere.
Wir essen alle zur selben Zeit,
stehen zur selben Zeit Schlange vor den Klos,
sitzen alle zur selben Zeit vor der Glotze.
Früher hat man zumindest gewagt, öffentlich dagegen aufzubegehren.
Aber heutzutage, ist die Sklaverei zur Gewohnheit geworden.
Wir sind zu allen Zeiten Sklaven gewesen,
kriegt man dann zu hören.
Aber dass wir uns so dran gewöhnen, mal ehrlich.
Sogar ins Bett Hüpfen und Vögeln machen wir alle zur selben Zeit.
Nein, Monsieur. Wir vögeln nicht immer alle zur selben Zeit.
Meinen Glückwunsch! Umso besser für Sie!
Das müssen Sie ausnutzen. Es bleibt nämlich sicher nicht so.
Sie sind aber nett, Monsieur!
Denken Sie mal eine Sekunde an die, die, wenn sie ein bisschen älter sind,
eigene Kinder haben und sich infolgedessen
neuen Zwängen ausgesetzt sehen und damit umgehen müssen.
Sehen Sie das Plakat da hinten?
Wie finden Sie die Werbung?
Verführerisch Sogar ein bisschen erregend.
Ja, dafür haben die sich das Plakat ausgedacht.
Denken wir kurz drüber nach.
Der Slip
dient zunächst mal zum Schutz zweier Körperöffnungen.
Oder zu unserem Schutz
vor diesen Öffnungen.
Der Büstenhalter
dient, wie der Name schon sagt, dazu, Halt zu geben.
Die winzigen Fetzen aus Stoff werden,
wenn sie ihre erste Aufgabe erfüllt haben,
in ein Werkzeug sexuellen Reizes umgewandelt.
Und werden deshalb sehr teuer verkauft.
Wahrscheinlich kommt es daher, dass wir allesamt...
Fetischisten sind.
Der Typ geht mir auf den Wecker.
Das mit den Höschen und dem Schutz unserer beiden Löcher!
Er hat aber irgendwie Recht.
Du bist genauso ordinär wie er.
Wir schaffen uns alle selbst unser Gefängnis.
Jetzt versteh ich Sie nicht mehr.
Inwiefern schaffen wir uns das Gefängnis?
Du, hör mal, ich hau jetzt ab.
Sandrine, wir müssen los. Wir sind spät dran.
Man, du gehst mir auf die Nerven.
Bleiben Sie entspannt, Mademoiselle. Ich geh schon.
Aber was auch geschieht,
egal, was Sie tun,
kann Ihnen beiden etwa der Himmel auf den Kopf fallen?
Idiot!
Wenn wir wieder zu spät kommen,
fällt uns der Himmel wirklich auf den Kopf.
Vor allem auf deinen.
Du kommst in letzter Zeit jeden Tag zu spät.
Keine Angst! Die schmeißen mich nicht raus.
Rausschmeißen vielleicht nicht,
aber du wirst dir deine Aufstiegschancen damit versauen.
Na los! Gehen wir!
Na komm schon!
Du machst mich krank!
Wir müssen uns alle unterordnen. So was macht keinem Spaß, Sandrine.
Aber wenn du Erfolg haben willst oder auch nur was zu essen,
dann sag mir eine andere Lösung!
Im Augenblick fühlst du dich überlegen,
weil du eine Erbschaft erwartest.
Lässt dich von dem Penner da beeinflussen.
Nicht zu fassen!
Du solltest es besser wie ich machen und bloß an Dinge denken,
die einen vergessen machen.
Die Liebe, die Ehe...
Na komm. Hopp! Na los!
Fred?
Komm!
Glaubst du auch,
dass wir alle konditioniert sind?
Dass wir nach festen Uhrzeiten handeln?
Nein, heute Abend nicht.
Ich muss morgen um sechs raus und zur Arbeit gehen.
Mach das Licht aus, Fred!
Warum machst du das?
Weil ich es schön finde.
War es das für dich vorhin nicht?
Musstest du mich unbedingt erniedrigen?
Ich bin zurzeit echt kaputt.
Ich weiß.
Nicht erst seit ein paar Tagen.
Du arbeitest zu viel, das stimmt.
Aber nicht nur das.
Ich hab diesen Trott satt.
Ich bin es leid, dich zu belügen.
Du belügst mich?
Jeden Tag.
Betrügst du mich?
Nein.
Eigentlich doch.
Ich mach es mir jeden Tag selbst.
Manchmal nehme ich sogar das hier.
Wieso?
Weil ich es schön finde.
Du bist ein Flittchen!
He, was machst du denn hier?
Warum bist du nicht zur Arbeit gekommen?
Ich schmeiß den Job hin.
Hast du einen Knall?
Ich hab beschlossen, ein Jahr lang nicht zu arbeiten.
Ein Jahr nicht arbeiten?
Bist du verrückt? Wovon willst du leben?
Meine Oma ist gestorben.
Für ein Jahr reicht's, um zu leben. Ich schmeiß es hin.
So eine Stelle findest du danach nie wieder.
Ich bin Diplom-Ökonomin.
Ich finde immer Arbeit, wenn ich Bock darauf hab.
Hattest du Krach mit deinem Freund?
Ich hab mich nur entschieden, einige Zeit auszusetzen.
Seit einigen Monaten fühl ich mich wie in einem Gefängnis.
Und ich muss da raus, mal was Anderes sehen.
Ich mag dich, aber von deinem Geld solltest du
lieber einen Psychotherapeuten bezahlen.
So wie du?
Ich muss jetzt wieder weiter.
Hältst du mich auf dem Laufenden?
Okay?
Ich ruf dich an, ja?
"Studien zur Hysterie."
"Trance und Hypnose."
Monsieur? Ich hoffe, ich störe Sie nicht?
Äh, nein.
Darf ich Sie etwas fragen?
Ja, ja. Ich weiß natürlich nicht,
ob ich Ihnen auch darauf antworten kann, aber,...
Was genau versteht man unter Psychoanalyse?
Mein Gott.
Interessiert Sie das wirklich? - Sonst würde ich nicht fragen.
Bitte. Was wissen Sie schon darüber?
Nicht allzu viel. Ich habe BWL studiert.
Ah.
Erlauben Sie?
Ja, natürlich. Bitte.
Gut, ich, ich will es ganz kurz und einfach machen.
Jedenfalls versuchen.
Es fängt alles mit der Hysterie an, der Konversionshysterie.
Ich meine, gegen Ende des 19.Jahrhunderts
wandte man sich gewissen Patienten zu, solchen,
die körperliche Leiden wie Blindheit oder Lähmung hatten,
aber keine organischen Schäden.
Man meinte, sie würden Theater spielen.
Wenn man den Leuten mit hysterischer Paralyse
eine Nadel ins Bein gestochen hat, hatten sie aber keinerlei Schmerzen.
Zu dieser Zeit begann Freud,
mit einem Arzt namens Breuer zusammenzuarbeiten,
der diese Hysterie zum ersten Mal richtig ernst nahm.
Durch Anwendung der Hypnose
gelangte er in die Vergangenheit dieser Patienten.
Und, er entdeckte, dass ein oder mehrere
traumatisierende Ereignisse zum Auftreten des Symptoms führten.
Erklären Sie mir das! Ich versteh's nicht ganz.
Also, das, ist eine Vorstellung, ein ganz starkes,
aber verbotenes Verlangen, das man so weit unterdrückt,
dass es einem vollkommen unbewusst ist.
Bis es einem in veränderter Form wieder begegnet.
Es tritt dann als körperliches Symptom auf.
Ein Beispiel: Eine junge Frau sitzt am Bett ihres Vaters.
Er ist krank. Sie wacht über ihn.
Und plötzlich spürt sie ein inzestuöses Verlangen.
Sie sagt sich,
ich unternehme keinen weiteren Schritt in diese Richtung.
Also werden der Wunsch und der damit verbundene Gedanke einfach verdrängt.
Doch später taucht das Ganze
als körperliches Symptom wieder auf, in dem Fall als Paralyse.
Konkret,
die Frau kann nicht mehr gehen.
Einfach so? Spielt sie das nicht vor?
Gar nicht!
Halten Sie das für möglich, dass sich eine Vorstellung,
ein Gedanke, ein Verlangen im Körper in etwas Physisches verwandelt?
Dass sich so etwas sogar als Lähmung niederschlägt?
Ja, oder als völlige oder teilweise Blindheit
oder bloß als Mangel an Appetit.
Oder, bei neurotischer Veranlagung,
kann das mit Phobien oder Zwangsvorstellungen einhergehen.
Und solche Probleme können Sie lösen?
Würde ich liebend gern. Man versucht es.
Nun, die Wissenschaft steht erst am Anfang,
die Geheimnisse der menschlichen Seele zu entschlüsseln.
Heute hat sich die Psychoanalyse von der Hysterie und
dem Physischen gelöst und wendet sich anderen Neurosen zu.
Sie versucht, den Äußerungen aus unserem Unterbewusstsein
Sinn zu verleihen.
Es ist schon erstaunlich zu sehen,
in welchem Maß unser Unterbewusstsein im Alltag zutage tritt.
Ja, wie das Unterbewusstsein spricht.
Es hört niemals damit auf.
Wie macht es das?
Es spricht, aus unseren Fehlern, unseren Versprechern.
Und den Projektionen, mit denen wir durchs Leben gehen.
Alles hat einen Sinn.
Ja. Es spricht einfach unaufhörlich.
Wohl auch zu Leuten wie mir, die keine Ahnung haben,
gar nicht wissen, was mit einem geschieht.
Genau.
Dafür haben Sie es aber sehr schnell begriffen.
Seltsam, dass unser Unterbewusstsein von allein spricht.
Immerhin sprechen wir bewusst mit unserem Gegenüber,
obwohl uns nicht richtig zugehört wird.
Wenn man so will, spricht jeder nur mit sich.
Ja, aber glauben Sie nicht, es wäre mal interessant,
sich dem Körper zuzuwenden?
Zu wissen, wie es dazu kommt, dass eine Vorstellung,
ein Verlangen sich in einen Schmerz oder eine Lähmung verwandeln?
Red ich etwa Unsinn?
Nein, nein.
Überhaupt nicht.
Vielleicht sollte ich es Ihnen besser nicht sagen,
aber ich finde Sie süß.
Sie gefallen mir sehr.
Ach ja?
Weil ich was von Hysterie erzählt hab?
Ja, vielleicht.
Ich hab Lust auf Sie!
Lass dich gehen!
Und denk an nichts!
Wie ist dein Vorname?
Grégory.
Meine Mutter hat mich so genannt, weil sie in Gregory Peck verliebt war.
Einen Hollywoodstar aus den Fünfzigerjahren.
Die meisten nennen mich aber nur Greg.
Und was machst du beruflich?
Ich studiere Psychologie.
Und studierst du auch Hypnose? Um Menschen zu heilen?
Nicht nur deshalb.
Ich mach es, um mein Wissen über die Menschen
und die Welt schneller zu vertiefen.
Die Hypnose hilft dabei.
Deine Patienten wissen, dass sie dir zu Forschungszwecken dienen?
Ja.
Na ja, nicht immer.
Aber ich tu ihnen keine Gewalt an.
Sie erweitern mein Wissen, ohne dass ich ihnen alles sage.
Kann aber riskant sein.
Für wen?
Na, für sie und für dich.
Meine Wahrheitsliebe ist stärker als jede Moral.
Deine Eltern - was machen die?
Die sind beide gestorben.
Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Ingenieur.
Er hat uns verlassen, als ich zwölf war.
Ich hab ihn nie wieder gesehen.
Darüber war ich ganz glücklich.
Wir erhielten von ihm eine kleine Summe,
und irgendwie kamen wir durch.
Na ja, und jetzt bin ich Arzt.
Und du, was machst du?
Beruflich, mein ich.
Seit gestern gar nichts.
Ich erforsche das Leben.
Ich fang grad damit an.
Da ähneln wir uns ein bisschen.
Wo kommst du her?
Ich habe in einem Hotelzimmer mit einem Mann geschlafen.
Ist er schon lange dein Liebhaber?
Seit heute Nachmittag.
Wie lange kennst du den Mann?
Seit fünf Uhr heute Nachmittag.
Eine Zufallsbegegnung in einem Café.
Er hat mir aufregende Dinge über das Leben erzählt.
Ich hatte Lust auf ihn. Und fertig.
Hat's dir gefallen?
Bis auf einen Punkt.
Mir wurde klar, es wird dir wehtun.
Ach. Was du nicht sagst.
Hat dich aber nicht abgehalten, mit ihm zu schlafen.
Und bestimmt willst du es noch mal machen.
Mit ihm oder einem andern.
Wie ich gerade Lust dazu hab.
Mach es doch genauso.
Willst du mich veralbern, oder was?
Oder macht es dir Spaß, mir wehzutun?
Nein.
Vielleicht hätte ich lieber gelogen.
Aber das will ich nicht mehr.
Du benimmst dich wie ein Flittchen!
Hast du mir schon mal gesagt.
Morgen schicke ich jemanden her, der meine Sachen abholt.
Und meine Möbel.
Wissen Sie, mir ist etwas sehr Seltsames klar geworden.
Bonjour.
Bonjour, Mademoiselle.
Ich beobachte die Menschen genau wie Sie,
nehme die Welt um mich herum wahr.
Das alles existiert.
Würde ich jemanden anfassen, sagen wir,
eine Frau wie Sie, zum Beispiel,
wie würden Sie reagieren?
Mich vielleicht ohrfeigen.
Oder sich freuen?
Aber so oder so.
Was seid ihr schon Anderes als Leere?
Hab ich Sie schockiert?
Warum sollte ich schockiert sein, ich bin ja nur leer.
Sie haben ihren Stolz, nicht wahr?
Und Sie haben eine merkwürdige Art, ein Gespräch mit jemand anzufangen.
Aber Mademoiselle, für mich sind Sie nicht einfach irgendjemand.
Das, was ich sehe,
all die Leute, die Bäume, das große Haus da drüben
nun, mir ist klar geworden,
schmerzhaft klar geworden, dass alles,
einschließlich des Gefühls für den Raum und die Zeit
und die Entfernung, dass all das nur in meinem Kopf existiert.
Oh ja.
Es sind auch bloß alles Bilder,
die erst falsch rum aufgenommen werden
und dann umgedreht werden müssen, bis sie im Gehirn ankommen.
Mit anderen Worten, ich sehe Sie verkehrt rum.
Dann bin ich eine verkehrte Leere.
Ich sag Ihnen mal was.
Die Materie setzt sich aus Atomen zusammen.
Atome bestehen alle aus einem Kern und Elektronen,
die vibrierend um ihn herumkreisen.
Aber
die Entfernung zwischen den beiden,
zwischen dem Kern und den Elektronen,
ist mehr als tausendmal größer als die Teilchen selbst.
Nehmen wir nur dort drüben die Bäume.
Man würde meinen, eine kompakte Masse. Nicht wahr?
Kommt man aber näher, bemerkt man,
dass die Leere viel größer ist als die Materie.
Lesen Sie mal vor!
Ich will Sie nicht übertölpeln.
A, B, C, D, E, F, G. 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15.
Sehen Sie mal!
Sehen Sie mal ganz genau hin!
Obwohl ich zweimal genau dasselbe geschrieben habe,
haben Sie jeweils etwas Anderes gelesen.
In dem Zusammenhang, in dem es da steht.
Das ist der Beweis dafür,
dass Ihre Art und Weise,
Menschen und Dinge zu erfassen, sehr stark Vorurteilsbeladen ist,
unbewusst abläuft von erlangtem Wissen beeinflusst,
das zugleich bestimmte Wahrheiten verdecken kann.
Sie werden mir entgegenhalten: "Wahrheit, was ist das eigentlich?"
Was machen Sie beruflich?
Taxifahrer, ich fahr Taxi.
Aber nur, wann ich will.
Sehr selten offenbar.
Da liegen Sie völlig falsch.
Es ist schon länger her,
da war ich mit einer jungen Frau verlobt,
einem sehr schönen und
sehr reichen Mädchen.
Ihre Familie wollte mich damals zwingen,
den höheren Kreisen beizutreten.
Aufzusteigen, um ihr gesellschaftlich gleichgestellt zu sein.
Ich habe sie verlassen.
Haben Sie sie geliebt?
Doch doch.
Sehr sogar.
Ich war auf der Suche nach etwas Anderem.
Ich habe zuerst in Bergwerken gearbeitet,
in Fabriken.
Aber
dann bin ich nach Indien getrampt und sieben Jahre geblieben.
Und Taxi fahr ich jetzt seit meiner Rückkehr.
Warum sind Sie überhaupt hier weg?
Warum gehen wir weg und lassen die, die wir lieben, zurück?
Ich bin vielleicht weggelaufen.
Ich war auf der Suche nach mir selbst.
Haben Sie sich gefunden?
Nein. Und Sie?
Erzähl schon, was ist passiert?
Ach, nichts.
Ich hab ihn betrogen, hab's ihm gesagt, und weg war er.
Meine Tochter ist verrückt.
Er ist eifersüchtig, das ist alles. Das renkt sich schon wieder ein.
Und was ist in dich gefahren, aufzustehen
und dich nebenan zu befriedigen, kurz nachdem du mit ihm geschlafen hast?
Ich war einfach unbefriedigt, sonst nichts.
Er hätte erregt sein können. Aber nein!
So etwas sollte man nur tun,
um sich die Befriedigung nicht woanders zu holen.
Und es sollte kein anderer mitkriegen.
Du wirst mit den Jahren lernen, dass Liebe nicht alles im Leben ist.
Jedenfalls nicht die Liebe zu den Männern.
Du hast dir ein kleines Abenteuer verschafft.
Von mir aus. Aber musst du's ihm sagen?
Ich hab's satt, immer zu lügen.
Ich will die Freiheit für mich entdecken.
Ehrlich. Da muss ich lachen.
Wenn du deine Freiheit gefunden hast, dann sag mir Bescheid, ja?
Wir alle haben Momente der Freiheit.
Häufig im Privaten.
Heimlich, meinst du.
Wir alle haben unsere Geheimnisse.
Jeder weiß es vom Anderen und gibt sich unwissend.
So muss es aber sein.
Wie sieht's aus? Erzählst du mir,
wie es zu der Begegnung kam.
Ich war in einem Café. Unterhielt mich mit einem Fremden.
Der keiner mehr ist!
War ein ziemlich langes Gespräch.
Ich hab auf einmal Lust auf ihn verspürt
und bin ihm ins Hotel gefolgt.
Jetzt hör mal, mein Kind.
Fred und du, ihr seid seit sechs Jahren verlobt.
Er ist intelligent, hat sehr gute Zukunftsaussichten.
Du wirst ihn schon lieben mit der Zeit.
Ach.
Normalerweise ist man zuerst verliebt, was sich später ändert.
Bei dir wird es umgekehrt sein.
Aber Mama, hältst du mich für bescheuert?
Immerhin gibt es nicht nur Liebesehen, weißt du?
Klammer auf: Zum Glück! Klammer zu.
Natürlich steckt dich die Gesellschaft ins Gefängnis.
Aber so ist es!
Deswegen sollte man sich
den Kerker aussuchen, der am bequemsten ist.
Die zweckmäßige Zwangsjacke mag ich nicht.
Ist nichts für mich.
Lass die großen Worte!
Es ist schwierig, anders zu leben als die Anderen.
Das wirst du schon noch merken. Leidvoll merken.
Alles gut?
Weißt du, ihr Männer ahnt nicht mal, wie schön es ist.
Ich weiß noch nicht mal deinen Vornamen.
Du, der Psychoanalytiker, fragst mich erst jetzt, wie ich heiße?
Wieso überhaupt?
Wir sind uns begegnet.
Telefonieren miteinander.
Du bringst mir sehr interessante Dinge bei.
Wir machen Liebe.
Was nützt dir das, wenn du meinen Namen kennst?
Sag mir nur deinen Vornamen.
Sandrine.
Eigentlich möchte ich alles von dir wissen.
Jetzt ist aber gut. - Nein, ehrlich! Das stimmt.
Willst du meine Psyche analysieren?
Nein, nicht unbedingt.
Ich will nur wissen, wer du bist.
Ich bin vollkommen uninteressant.
Ja?
Ich weiß nicht mal, was du beruflich machst.
Gar nichts.
Ich versuche nur, meine ausgetretenen Pfade zu verlassen.
Ist das dein Ernst?
Und wovon willst du leben?
Nicht von deinem Geld. Keine Angst.
Wieso sagst du das?
Ach Mist!
Ich muss los! Hab ich völlig vergessen.
Bin mit einer Freundin verabredet.
Entschuldige bitte!
Komm doch mit, wenn du willst. Ich mach euch bekannt.
Die ist echt ein Fall für einen Therapeuten.
Oh, hätte ich fast vergessen, Sandrine, Sophie. Sophie, Sandrine.
Hallo. - Hallo.
Was machst du so? Wovon lebst du?
Ich mache Modernen Tanz. Ein bisschen ungewöhnlich.
An den Wochenenden trete ich auf kleinen Theater-Bühnen auf,
in Jugendheimen und so.
Lebst du gut davon?
Hm. Komm gerade so damit zurecht.
Na ja. Mehr schlecht als recht.
Wie ist es heute Morgen mit Olivier gelaufen?
Vor dem Richter?
Er hat geheult vor allen Leuten im Saal.
Was war denn passiert? - Wir wurden geschieden.
Olivier ist ab heute mein Ex-Mann.
Heute Morgen war die Verhandlung vor dem Gericht.
Er hat angefangen zu heulen.
Aber wir hatten eine tolle Hochzeitsfeier.
Willst du mal die Fotos sehen?
Klar, warum nicht?
Hier.
Was machen deine Eltern?
Mama ist Psychiaterin.
Mein Vater ist in der Immobilienbranche
Sie leben aber getrennt.
Und was macht dein Ex-Mann von Beruf?
Der ist damit beschäftigt, mit viel Geld rumzujonglieren.
Aber er liebt mich trotzdem.
Und wie lange habt ihr euch beide gekannt?
Neunzehn Jahre.
Wir kannten uns schon als Kinder.
Und wie lange ward ihr verheiratet? - Neun Wochen.
Was? - Ja.
Zehn Tage nach der Hochzeitsfeier, da hab ich,
einen Mann kennen gelernt, in der Praxis von Mama.
Wir sind sofort miteinander ins Bett gegangen.
Das war so fantastisch, dass mich nichts davon abhalten konnte,
ihn wiederzusehen.
Aber sagtest du nicht, deine Mutter ist Psychiaterin?
Ja.
Aber hast du sie vor deiner Hochzeit überhaupt nicht um Rat gefragt?
Natürlich hab ich das.
Ich telefonier jeden Tag mit ihr.
Sie hat mir gesagt Ich denke, du bist ein großes Mädchen.
Und dein Vater?
Ach der.
Das war ihm egal. Der denkt nur ans Geld.
Wieso hast du überhaupt geheiratet?
Keine Ahnung.
Um meinem Mann eine Freude zu machen?
Um allen Anderen eine Freude zu machen.
Du musst wissen,
eigentlich hatte ich zur damaligen Zeit immer
bloß verdammt kleine, superkleine Orgasmen.
Vor allem mit Olivier. Aber auch mit mir selbst.
Ich mach's mir jeden Tag.
Bin aber jedes Mal ganz enttäuscht.
Das wurde anders, als mir Greg über den Weg lief.
Er war derjenige, mit dem ich gleich im Bett war.
Hatte ich begriffen.
Anfangs war es der Wahnsinn!
Wir haben's immer wieder getan. Fielen übereinander her.
Sandrine und ich haben auch miteinander geschlafen.
Und, war es super?
Ja, ich glaub schon.
Ich meine,
ich will für euch hoffen, dass das lange so bei euch bleibt.
Weil es mit meinen Orgasmen nämlich sehr schnell wieder bergab ging.
Selbst mit ihm hier.
Ich bin entzückt, das zu hören.
Aber du als angehender Psychiater - schläfst du mit allen Mädchen,
die dir über den Weg laufen?
Ja, aber niemals mit meinen Patientinnen.
Ich hab ja wohl das Recht auf ein Privatleben.
Du, Greg.
Weißt du, was mir neulich passiert ist?
Ich hatte einen Auftritt.
Und unter den Zuschauern war ein Freund des Regisseurs.
Ein Mann um die 35 oder 40. Attraktiv. Gut aussehend.
Ganz besonders gut aussehend.
Ein Architekt.
Als ich zu Hause war, hat er mich angerufen.
Er war sehr nett.
Und hat mich gefragt, ob ich vielleicht bereit sei,
mich vor ihm auszuziehen.
Und ich hab Ja gesagt.
Und dann ist er gekommen und hat mir befohlen,
dass ich mich vor ihm ausziehen soll. Hab ich gemacht.
Das hat mich ein bisschen erregt.
Daraufhin hat er mich gefragt, ob ich vielleicht bereit sei,
mir den Hintern versohlen zu lassen.
Und hinzugefügt, ich könne selbstverständlich
auch "Nein" sagen und das Ganze jederzeit beenden, wenn ich will.
Aber was! Klar war ich bereit.
Das war eine neue Erfahrung für mich.
Na ja, und dann hat er mich geschlagen,
erst mit der flachen Hand, dann mit einem Ledergürtel,
dann mit einer Reitpeitsche.
Und er hat mich immer gefragt, ob ich einverstanden sei.
Es tat mir weh.
Aber ich wollte durchhalten.
Durchhalten bis zum Ende.
Und was soll ich sagen?
In Wirklichkeit hatte ich Spaß daran.
Aber nicht zu knapp.
Und habt ihr das öfter gemacht?
Einmal, manchmal sogar zweimal die Woche.
Jetzt machen wir das bei ihm, und seine Frau macht auch mit.
Anderen Lust zu machen, macht mir Spaß, wisst ihr?
Am Ende fühl ich mich immer tot.
Ein bisschen wie heute.
Dieser Morgen im Gericht hat mich echt umgebracht.
Ich persönlich habe nie verstanden, wie man Lust empfinden kann,
wenn andere einem wehtun.
Na, vermutlich, weil du's noch nie erlebt hast.
Wenn ihr Lust habt,
dann frag ich ihn mal, ob ihr zu einem unserer Treffen kommen könnt, ja?
Bis du bereit mir zu gehorchen?
Ja.
Würdest du mir sagen, wenn du es nicht wärst?
Ich würd's Ihnen sagen.
Zieh deinen Slip aus!
Komm hier rüber!
Mach es dir!
Öffne dein Haar!
Gut so!
Mach es dir heftiger!
Gefällt dir das?
Ein bisschen.
Vor allem, von Ihnen Befehle zu kriegen und beobachtet zu werden.
Dann gebe ich dir noch mehr Befehle und beobachte dich.
Mach's dir heftiger! Mach's dir heftiger!
Stell dich hinter das Sofa!
Und jetzt mach weiter!
Gut so! Weiter, weiter!
Mina, geh zu ihr rüber!
Mach weiter, Sophie!
Gut so! Mina, zieh ihr das Kleid hoch
und schlag sie einmal kräftig auf den Oberschenkel!
Hat das wehgetan? - Nein.
Schlag härter, Mina, schlag härter!
Noch mal!
Gut so!
Mach weiter, Sophie!
Zieh ihr das Kleid aus, Mina!
Na los, na los!
Mach's dir weiter, Sophie, und sieh mich dabei an! Sieh mich an!
Zieh dein Kleid aus, Mina!
Mach weiter, Sophie.
Heftiger! Heftiger!
So ist gut.
Komm, küss sie jetzt, küsse sie!
Mina, knie dich vor sie
und leck sie!
Los, mach schnell!
Sophie, sieh mich an!
Ich komm jetzt zu dir
und schlag dich mit meinem Gürtel. Wenn du das nicht willst, sag's mir!
Ich nehm dich jetzt. Ich nehm dich jetzt.
Kratze sie! Kratze sie!
Was machen Sie beruflich?
Ich? Ich bin Architekt.
Was mich allerdings mehr interessiert sind die Dekors,
die Innenausstattung, die räumliche Platzierung der einzelnen Dekors.
Auch im Theater. So bin ich auch Sophie begegnet,
so haben wir uns kennen gelernt.
Sophie.
Ja? - Das mit diesen ausgefallenen Spielen
fing doch schon vor deiner Scheidung an.
Oh ja.
Als ich meinem Mann das erzählt hab, war er nicht begeistert.
Er wollte, dass ich mein Leben nur mit ihm verbringe,
dass ich Kinder habe, Familie, einen bürgerlichen Beruf.
Aber wie hätte ich Ja sagen können?
Zumal er auch, nur eine Woche nach unserer Hochzeit,
mit einer anderen Frau im Bett war.
Ich war echt traurig.
Er hat Lebewohl gesagt und will mich nie wiedersehen.
Und er meinte sogar,
wäre er mir bloß lieber nie begegnet.
Ich persönlich glaube,
wenn man jemanden liebt, dann ein Leben lang.
Ich liebe ihn nämlich immer noch.
Aber
nur weil man jemanden liebt
muss man sich neuen Erfahrungen verschließen?
Wir machen es ziemlich oft gemeinsam mit Mina.
Sie ist eine bildschöne,
unkomplizierte und intelligente Frau.
Sie ist sanft und hat eine tolle Eigenschaft: Sie gehorcht.
Ja, aber nur unter gewissen Umständen.
Auf erotischem Gebiet, in erster Linie.
Aber das betrifft nicht bloß dich.
Sind Sie eine Sklavin?
Im Grunde nicht.
Was sind Sklaven?
Leute, die sich bei gewissen Anlässen unterwerfen.
Egal, was man ihnen befiehlt.
Darf ich Ihnen eine offene Frage stellen?
Bitte sehr, nur zu.
Geht es dabei um solche Befehle,
die ein normaler Mensch nicht befolgen würde?
Ja.
Sind Sie Masochistin?
Nein.
Warum gehorchen Sie dann allem?
Wegen der Erotik und dem Spaß daran.
Und es ist praktisch.
Man schaltet das Hirn aus und hinterfragt nichts mehr.
Was ich für mich aber als sehr befreiend empfunden hab.
Als befreiend? Immer allem zu gehorchen?
Ja.
Wissen Sie, es ist schwierig, mit der Freiheit zu leben,
sie ist kompliziert.
Mich hat der Gehorsam zu etwas Anderem geführt,
zu Tiefgründigerem:
Nicht mehr zu denken.
Der erste Schritt war gemacht.
Auf dem Weg zur Befreiung?
Ja.
Nicht mehr zu denken, heißt, von allen Schmerzen frei zu sein.
Vor einigen Jahren habe ich einen schweren Moment im Leben durchgemacht.
Ich war gerade Mutter einer Tochter geworden,
die nach wenigen Monaten starb.
Ich ließ damals jeden Stolz hinter mir,
ansonsten hätte ich diesen Schlag wohl niemals überleben können.
Aber ich bin danach in ein ganz tiefes Loch gefallen.
Und ich hab auf die Leute um mich herum gehört,
die mir geholfen haben.
Auf die Betschwestern, auf die Jogis.
Und der Rat, den ich von ihnen bekam, war:
mein Ich zu vernichten.
Ich hab gehorcht.
Ohne dir Fragen zu stellen?
Ohne mir Fragen zu stellen.
Und mein Schmerz ging mit der Zeit weg.
Indem Sie Sklavin geworden sind.
Das trifft es nicht ganz.
Indem ich nicht mehr nachdachte, verlor ich Hemmungen.
Und ab da konnte ich, ohne dass ich es gewollt habe,
gewisse Dinge in mir entdecken, die vorher im Verborgenen lagen.
Jedenfalls hatte mein Schmerz mit meiner Weigerung zu tun,
mich selbst zu akzeptieren.
Bis der Schmerz allmählich abklang.
Und ich hab mich dann von mal zu mal freier und fast befreit gefühlt.
Ich hab auch angefangen, meinen Körper richtig kennen zu lernen
und ihn einzusetzen. Auch als Objekt lustvoller Begierde.
Dann hat der Gehorsam Sie gelassen gemacht?
Ich grüble nicht mehr.
Und seitdem hab ich auch keine Angst mehr.
Lachen Sie nicht darüber. Ich bin inzwischen für alles zu haben.
Es ist schon spät für mich.
Ich muss morgen ziemlich früh aufstehen.
Nein, nein, warten Sie! Sie können noch bleiben.
Du kannst dich mit unseren neuen Freunden
weiter unterhalten.
Ich lass euch allein.
Wir sehen uns wieder. Gute Nacht.
Gute Nacht. - Gute Nacht.
Bis nachher.
Wissen Sie, er ist ein sehr guter Mensch.
Allerdings auch sehr neugierig. Er ist immer auf was Neues aus.
Davon tut mir jetzt noch der Arsch weh.
Na toll! Macht euch nur lustig.
Und mein Rücken tut auch weh.
Die Schläge schienen dir gut gefallen zu haben.
Ja.
Aber der Orgasmus ist vorbei.
Was bleibt, ist der Schmerz. Der ist nicht mehr angenehm.
Willst du wieder nach nebenan gehen, um deinen Schmerz in Lust umzuwandeln?
Mach dich nur lustig!
Nein, aber im Ernst.
Heute tut es wirklich viel mehr weh als üblich.
Greg?
Ob du mich vielleicht hypnotisieren kannst,
damit die Schmerzen weggehen?
Ich hypnotisiere nicht jemanden nur so zum Vergnügen.
Und warum nicht?
Ich wäre eine sehr folgsame Versuchsperson.
Du bist doch geübt darin, nicht wahr?
Wie du weißt, bin ich nur Psychiater.
Zwar greifen manche Kliniker, auch ich, manchmal auf diese
Behandlungsmethode zurück. Aber...
Hast du Sophie schon hypnotisiert?
Ja.
Mach es noch mal! Ich möchte dabei sein.
Das ist überhaupt nichts Besonderes.
Die Menschen werden nur in eine Art Schlaf versetzt
und kriegen Anweisungen, die sie im Wachzustand
auf Knopfdruck ausführen, ohne zu wissen, warum.
Ich möchte es bitte mit eignen Augen sehen.
Es stört dich doch nicht, wenn wir dabei zusehen?
Überhaupt nicht.
Mir ist nur wichtig, keine Schmerzen mehr zu haben.
Dann hör einfach damit auf!
Oder geh zum Arzt!
Hypnose ist kein Spiel.
Ich hab keine Schmerzen! Hypnotisier mich!
Auf keinen Fall! Du bedeutest mir viel zu viel.
Na dann versuchen Sie's mit mir.
Es wird Ihnen nichts ausmachen.
Wir kennen uns ja überhaupt nicht.
Ich beobachte sehr gern die Sterne.
Das ist eines der Dinge, die mir wenigstens den Eindruck
von der Unendlichkeit geben.
Und gleichzeitig ein Gefühl von grandioser Poesie.
Wussten Sie, dass die Erde mit 110 Tausend Stundenkilometern
die Sonne umkreist?
Und während sich das ganze Sonnensystem mit
800 Tausend Stundenkilometern um das Zentrum der Milchstraße dreht,
bewegen wir uns gerade mit fast einer Million Stundenkilometer
durch den Weltraum, ohne dass wir es mitbekommen.
Würden in diesem Moment alle Sterne explodieren,
würden wir die erste Explosion in viereinhalb Jahren sehen.
Und die anderen Bilder würden nacheinander über einen Zeitraum von
mehreren Milliarden Jahren bei uns ankommen.
Wenn unsere Sonne ihren Geist aufgäbe, müssten wir acht Minuten warten,
bis wir es bemerken würden.
Glauben Sie, dass wir im Universum allein sind?
Hm, wahrscheinlich nicht.
Aber eins ist klar:
Wir sind die einzigen Lebewesen in unserem Sonnensystem.
Das Sonnensystem, das uns am nächsten ist,
ist viereinhalb Lichtjahre von uns entfernt.
Oder in Kilometern, viertausend Millionen
von Milliarden von Kilometern.
Bei einer Geschwindigkeit von fünfzig Kilometern pro Sekunde
so schnell fliegen unsere Raumsonden
bräuchten wir mindestens
25 Tausend Jahre, um den nächsten Planeten zu erreichen,
der eventuell bewohnt ist.
Es gibt vielleicht geheime Türen, die einem erlauben,
Raum und Zeit auf einen Schlag zu durchqueren.
Vielleicht.
Es macht Ihnen Spaß, viel zu reden.
Aber ich höre Ihnen gern zu.
Sie sind wie ein Kind, Sie glauben das, was Sie sagen.
Also, wenn ich allein bin, quatsch ich sogar noch mehr.
Deshalb schätz ich Ihre Gesellschaft.
Bevor Sie kamen, habe ich mich dazu hinreißen lassen zu erwarten,
das heißt, zu erhoffen, dass wir uns begegnen.
Ich fühl mich in Ihrer Nähe ungewöhnlich klein.
Und was heißt das?
Ich stell mir wieder die Fragen,
die ich mir als kleines Mädchen gestellt hab.
Was ich auf dieser Welt tue, was ein Stern ist.
Es gab da mal einen Abend,
da ging ich mit meinen Eltern spazieren.
Ich war noch ziemlich klein.
Und ich hab mich gewundert, woher mein Schatten kommt.
Mein Vater und meine Mutter haben es mir erklärt.
Wir sind vergesslich, wir werden alt, wir ändern uns.
Schon verrückt. Irgendwie fühl ich mich hier wohl.
Geht mir auch so.
Bis auf die Tatsache, dass ich in meinem Alter
viel mehr Glück habe als Sie.
Sagen Sie, Monsieur. - Ja?
Ich würde gern mal wissen, wie's bei Ihnen aussieht.
Sie schmeicheln einem alten Mann.
Als ich jung war, da hab ich noch die jungen Mädchen gefragt:
"Wie sieht's aus?
Willst du nicht mal zu mir auf die Bude kommen?"
Nein, ich wollte bloß mal wissen, wie's bei Ihnen aussieht.
Wenn Sie darauf bestehen, dann gehen wir mal irgendwann zu mir.
Das würde mich wirklich freuen.
Wenn wir uns das nächste Mal sehen. Na gut.
Aber zuerst werd ich Ihnen
von den Sternen und ihrer Beziehung zur Zeit erzählen.
Bonjour, Mademoiselle. - Bonjour.
Einen Orangensaft, bitte. - Gern.
Ja, und?
Wie geht es dir denn, seit du nicht mehr arbeitest?
Alle, die mir nahe stehen, haben mich verlassen.
Deine Familie?
Meine Familie, mein Freund, alle.
Das ist aber gar nicht so schlimm.
Ich lerne andere Leute kennen, erfahre Neues.
Bitte. - Vielen Dank.
Und du?
Was ist so dringend, dass du es mir nur persönlich erzählen kannst?
Hast du geheiratet? Bist du glücklich?
Ich lass mich scheiden.
Ach.
Du auch?
Was? Warum ich auch?
Nicht so wichtig.
Du bist im Moment die Einzige, mit der ich
drüber reden kann. Sonst sind alle gegen mich.
Ist es ernst? Was sagt dein Therapeut dazu?
Den hab ich gewechselt.
Der hat angefangen, mir Dinge zu sagen, die ich nicht mochte.
Geht's dir mit dem neuen besser?
Dem Neuen erzähle ich einfach nichts.
Wofür bezahlst du ihn dann?
Weil's mir gut tut, mit ihm zu reden.
Wir reden aber nur, worüber ich will.
Und deshalb willst du lieber mit mir über die ernsten Dinge reden?
Ich hab meinen Freund geliebt.
Am Tag unserer Hochzeit war ich überglücklich.
Aber seit unseren Flitterwochen langweile ich mich mit ihm zu Tode.
Habt ihr vorher miteinander geschlafen?
Ganz oft. Ich hab's genossen.
Aber es war damals alles anders. Wir haben nicht zusammengelebt.
Wir haben nicht von früh bis spät aufeinander gehockt.
Früher konnten wir es kaum erwarten, uns zu sehen.
Wir haben geträumt, sind irgendwo toll essen gegangen
oder haben nur ein Sandwich im Wagen verdrückt.
Er sollte alles sein: Mein Mann und mein Liebhaber
und mein Kind für mich ganz allein.
Und als ich ihn dann wirklich hatte, da war es dann schnell vorbei.
Und schlaft ihr noch miteinander?
Am schlimmsten ist es abends. Erst sitzen wir am Tisch,
dann sehen wir fern, und dann gehen wir schlafen.
Der Alltag ist nur noch ein Meer aus Langeweile.
Und du machst den Haushalt und kochst?
Nein, macht er. Er liebt mich.
Deswegen will er alles selbst machen.
Was noch schlimmer ist.
Als ich noch was zu tun hatte, hab ich mich nicht gelangweilt.
Sag mir die Wahrheit!
Hast du's schon mit einem Anderen getrieben?
Aber nicht gleich sofort.
Ich, ich bin ihm erst drei Wochen später begegnet.
Und wir haben es auch nicht sofort getrieben.
Wie lang hat's gedauert?
Zwei Tage.
Weiß dein Mann Bescheid?
Und was macht der Andere beruflich?
Na ja, er ist Schmuggler. - Drogen?
Hauptsächlich Waffenschmuggel.
Aber momentan ist er an Gold interessiert,
drüben in Südamerika, weißt du?
Er geht nach Cayenne. Da wird das meiste Gold umgeschlagen.
Und ich begleite ihn.
Und was kann ich für dich tun?
Nichts weiter. Ich, ich wollte dir nur Adieu sagen.
Du springst ohne Netz ins Leere.
Deinen Mann hast du vor deiner
Verlobung damals auch wie verrückt geliebt.
Meine Entscheidung steht fest.
Du hältst mich für verrückt?
Ich kann dir meine Adresse nicht geben.
Dann sagst du mir echt Lebewohl?
Gibst du mir einen Kuss?
Setzt euch doch bitte!
Sie wirken nervös.
Wollen wir es lieber lassen? - Überhaupt nicht.
Aber ich würde Sie lieber als so etwas wie einen Hexenmeister sehen.
Würde mir helfen.
Wie Sie wollen. Nehmen Sie bitte Platz!
Gut.
Was wissen Sie über Hypnose, Mina?
Na ja, früher hab ich gedacht, es hätte irgendwas mit Zauberei zu tun.
Jetzt weiß ich, dass man sie in der Psychiatrie einsetzt, also in der Medizin.
Schauen Sie mir genau in die Augen!
Weichen Sie nicht meinem Blick aus.
Sie fixieren meinen Blick,
und schon fangen Sie an, sich ruhig zu fühlen.
Ganz entspannt.
Sie haben volles Vertrauen zu mir.
Und jetzt...
richtet sich Ihr Blick
auf das vordere Ende dieser Zigarette.
Und er weicht nicht von dieser Zigarette.
Unter keinen Umständen.
Gleichzeitig...
spüren Sie, wie Sie Müdigkeit überkommt.
Ihre Lider werden schwer.
Und Sie müssen Ihre Augen schließen.
Sie sacken in sich zusammen.
Sie liegen ausgestreckt,...
fühlen sich wohl...
und schlafen.
Sie schlafen, Mina.
Und Sie nehmen jetzt nichts mehr wahr.
Kein einziges Geräusch.
Sie hören nur noch den Klang meiner Stimme
und tun alles, was ich sage.
Nicht wahr, Mina?
Ja.
Gut.
Nachher, wenn ich Sie wecke, werden Sie sich an nichts erinnern.
Wir vier werden uns unterhalten,
und wenn ich mir die Zigarette anzünde,
werden Sie aufstehen,
zum Kamin gehen...
und diesen schwarzen Regenschirm
aufspannen, der daneben hängt.
Haben Sie verstanden, Mina?
Ja.
Gut.
Und jetzt...
strecken Sie Ihren Arm aus!
Ziehen Sie den Ärmel hoch!
Mina, ich werde eine Münze auf Ihren Arm legen.
Aber diese Münze ist sehr heiß.
Sie wurde zum Glühen gebracht.
Ich lege die Münze auf Ihren Arm,
und die Verbrennung wird Ihnen sehr wehtun.
So sehr,
dass Sie möglicherweise vor Schmerzen schreien werden.
Aber Sie lassen die Münze auf Ihrem Arm,
bis ich sie wegnehme. Haben Sie verstanden, Mina?
Ja.
Dann leg ich Ihnen die Münze jetzt auf den Arm.
Lassen Sie sie drauf!
Es ist vorbei, Mina.
Entspannen Sie sich!
Sie müssen nicht länger leiden.
Sie haben keine Schmerzen mehr?
Gut.
Und jetzt, Mina, werde ich bis fünf zählen,
und dann wachen Sie auf.
Sie werden sich an nichts erinnern, aber den Anweisungen,
die ich Ihnen gab, gehorchen.
Ist das klar? - Ja.
Also dann zähl ich jetzt bis fünf.
Eins, zwei, drei, vier,...
fünf und Sie sind wieder wach.
Was ist denn passiert?
Du bist eingeschlafen.
Weißt du nicht mehr?
Versteh ich nicht. Was soll ich mehr wissen?
Mina.
Warum hast du den Schirm aufgespannt?
Ich find den hübsch.
Was habt ihr denn? Warum seht ihr mich so komisch an?
Darf ich's ihr sagen?
Ja, klar, bitte!
Nun, während der Hypnose hat Greg dir befohlen,
den Regenschirm aufzuspannen,
nach dem Aufwachen, wenn er sich die Zigarette anzündet.
Das ist ein Witz.
Nein.
Du erinnerst dich an gar nichts?
Woran soll ich mich denn erinnern?
Ich hab Ihnen auch eine stinknormale Geldmünze auf den Unterarm gelegt
und gesagt, sie sei glühend heiß.
Und Sie haben gewimmert, solche Schmerzen hatten Sie.
Wohin haben Sie mir die gelegt?
Auf Ihren Unterarm. Den Linken, glaub ich.
Machen Sie sich lustig über mich?- Nein.
Warum? - Na, sehen Sie doch!
Sie haben mich verbrannt.
Tut das weh?
Nein.
Ich hab Ihnen nur suggeriert, Schmerzen zu haben.
Die Münze hatte Zimmertemperatur.
Die beiden können es bezeugen.
Sie haben doch nicht vor, uns in die Irre zu führen,
um uns Angst zu machen?
Warum sollte ich das? Und vor allem, wie?
In diesem Fall haben Sie meine Suggestion so stark verinnerlicht,
dass Sie sich das Wundmal selbst unbewusst zugefügt haben müssen!
Aber solch ein Phänomen ist ganz selten, die absolute Ausnahme.
Ein Fall von hundert. Ach, was sag ich: Einer Million.
Das bedeutet, Mina,
Sie sind eine ganz außergewöhnliche Versuchsperson!
Wenn ich wirklich so interessant für die Wissenschaft bin,
warum machen wir dann nicht noch andere Experimente?
Solche, die einen Schritt weiter gehen?
Und das heißt?
Ich hatte oft Träume von eigenartigen Ekstasen,
voller Gewalt und Mystik.
Sie hatten was von einem Orgasmus, nur viel intensiver.
Helfen Sie mir!
Wobei?
Ich will wissen, was damit ist.
Was womit ist?
Den Ekstasen.
Sexuell und mystisch sind wohl kaum dasselbe,
meinen Sie nicht?
Was wissen Sie darüber?
Und selbst wenn Sie Recht hätten, worin besteht der Unterschied?
Ist er Ihnen klar?
Oder euch?
Nein. Keiner weiß irgendwas darüber.
Man kommt nur dahinter, wenn man es sich genauer ansieht.
Und Sie sind meine einzige Chance, das zu tun.
Ich würde das Risiko eingehen.
Ja. Das würde ich auch.
Ja,...
aber ist euch klar, dass einem so was außer Kontrolle geraten kann?
Und wenn. Wir sind alle drei große Mädchen.
Und selbst wenn es erotische Züge annehmen würde, na und?
Was ist?
Haben Sie den Mut, sich in so ein Abenteuer zu stürzen?
Habt ihr sie nicht mehr alle, oder was ist mit euch?
Wir sind alle erwachsen.
Alle einverstanden und bereit dazu.
Fangen wir an!
Du schläfst.
Mina,
ich werde dich jetzt gleich auffordern,
in deiner Erinnerung zurückzugehen.
Lass dich langsam in die Vergangenheit zurückfallen.
Was siehst du, Mina?
Ich bin in einem Wald.
Es ist heiß. Sehr heiß.
Ich bin klein, ziemlich klein.
Eine Frau hat mich im Arm.
Mama
hat mich ganz fest,
ganz fest an ihre Brust gedrückt.
Sie, sie kniet zwischen ganz dichten Büschen.
Ihr Kopf ist unten.
Sie beobachtet etwas hinter diesen Büschen.
Es scheint, als hätte sie große Angst.
Was macht sie da? Versteckt sie sich?
Ja.
Sie, Sie legt sich hin.
Und drückt mir ihre Hand auf den Mund.
Ich bekomme keine Luft mehr.
Ich hab das Gefühl, ich muss ersticken.
Ich habe auch große Angst.
Ich hör Geräuschfetzen. Da schreit ein Mensch.
Und Wagentüren werden zugeschlagen.
Dann fahren die Wagen weg.
Bis es schließlich ganz ruhig wird.
Mama wagt es nicht, sich zu rühren,
drückt mich immer noch fester an sich.
Sie wartet noch ein bisschen, bis sie mich frei atmen lässt
und steht dann auf.
Ich weine.
Mama geht eine Straße entlang.
Zwischen Menschen hindurch, die daliegen.
Alte und Junge, Männer und Frauen und Kinder.
Aber auch Katzen und Hunde,
die dort in ihrem Blut liegen.
Nicht weit entfernt ein Lastwagen.
Nein,...
ein Autobus, auf dem irgendwelche Zeichen stehen.
Nein, es, es ist bloß irgendeine Aufschrift,
aber die Schrift ist arabisch.
Ich bin in Algerien.
Mama geht dann weiter.
Zwischen Menschen hindurch.
Nein.
Zwischen Leichen.
Und plötzlich...
fällt sie, sie fällt neben einem Mann auf die Knie.
Sein Hals ist ganz seltsam rot.
Und sie schreit.
Und es fallen ein paar Tränen von ihr auf mein Gesicht.
Wie alt bist du, Mina?
Ich weiß nicht.
Vielleicht ein Jahr.
Gut.
Ruh dich kurz aus!
Du glaubst, sie kann sich gar nicht erinnern?
Wie kann sie so weit in ihre Vergangenheit zurückgehen?
Sie verfügt gar nicht über die Möglichkeit,
sich vorzustellen, was passiert ist.
Sich zu erinnern.
Aber klingt es echt.
Glaubst du, sie ist in ihre Vergangenheit zurückgekehrt?
Ja.
Was ist los, Mina.
Wo bist du, Mina?
Ich bin zurückgegangen. Ganz weit zurück.
Ich fliege durch einen wunderschönen Himmel,
der aber auch seltsam ist.
Ich habe gerade eine Himmelspforte geöffnet.
Überall sind Sterne.
Ich fliege durch eine andere Pforte, die hinter mir wieder zugeht.
Und wo bist du jetzt?
In einem Schloss.
Ich bin in diesem Schloss
und liege auf dem Fußboden,
das Gesicht nach unten und die Arme ausgebreitet.
Red weiter!
Eine alte Frau spricht. Auf Flämisch.
Verstehst du die Sprache?
Ich bin Flämin.
Und ich bete gerade.
Vergeef ons onze schuld, zoals wij ook aan anderen hun schuld vergeven.
En leid ons niet in bekoring, maar verlos ons van het kwade.
Direkt neben mir, andere Mädchen,
die so daliegen wie ich, mit ausgebreiteten Armen.
Ich schätze, es sind Nonnen.
Und ganz am Ende des Saals sitzen zwei Frauen etwas über uns,
die Abtei-Oberinnen.
Ja.
Hinter ihnen an der Wand, da hängt ein Jesuskreuz.
Ich bin in einem Kloster.
Im Kloster der Barfüßigen.
Was ist los, Mina?
Ich hör gerade so etwas wie ein Wimmern.
Und es folgt ein seltsames Geräusch.
Daraufhin heb ich vorsichtig
den Kopf, um nachzusehen.
Und da...
sehe ich auf einmal ein Licht, das aus dem Boden zu kommen scheint.
Und die beiden Oberinnen sehen in dieselbe Richtung wie ich.
Das Licht erlischt, dann leuchtet es wieder.
Es scheint in Wirklichkeit...
aus dem Körper einer anderen Schwester zu kommen.
Sie liegt ausgestreckt auf dem Rücken, mit ausgebreiteten,
aber leicht angewinkelten Armen.
Ich hör was.
Ein leichtes Wimmern der Schwester.
Sie streckt den Kopf so weit,
dass das ganze Gewicht ihres Körpers darauf lastet.
In ihrem Gesicht drückt sich beides zugleich aus
der Schmerz und die heftige Ekstase.
Jetzt haben auch die anderen Mädchen die Köpfe gehoben
und sehen dabei zu.
Die beiden Oberinnen sagen:
Liebe Töchter, wir unterbrechen unser Gebet.
Habt keine Angst um Schwester Katérina,
wir werden uns um sie kümmern.
"Steht jetzt alle auf und geht zurück in eure Zellen."
Die Mädchen befolgen es. Mehr oder weniger ungeordnet
gehen sie aus dem Saal heraus.
Und ich selbst bin bei den Letzten.
Doch dann...
taucht auf einmal ein grelles Licht hinter mir auf.
Und als ich mich umdrehe,
erstrahlt Schwester Katérinas Gesicht
in einem weißen Licht. Einem gleißenden.
Sie liegt regungslos da.
Eine eigenartige Stille macht sich breit.
Ich höre die Schritte der Mädchen nicht mehr
und auch sonst ist alles still.
Ich sehe Katérina an.
Sehe, wie sie anfängt, sanft zu schweben.
Die beiden Oberinnen sind völlig verdutzt.
Katérina steigt weiter auf, schwebt langsam nach oben.
Die Anderen versuchen sie am Boden zu halten,
beziehungsweise sie wieder runterzuholen.
Ein Mädchen setzt sich auf ihren Bauch, um sie aufhalten.
Aber es wird unversehens mit hinauf gehoben.
Es ist total erschrocken,
kann weder etwas sagen, noch schreien.
Alle beide schweben für einige Minuten in der Luft,
bis sie zurücksinken.
Und das war's.
Ich hab das Gesicht von Schwester Katérina in voller Ekstase erlebt.
Sie sah total glücklich aus.
Mina?
Ich werde jetzt bis fünf zählen, und dann wachst du auf.
Und wirst dich erinnern, an alles, was du grad erlebt hast.
Ich will diese Ekstase selbst erfahren.
Ich dachte, du hättest dich von allem gelöst.
Das kannst du einfach nicht verstehen.
Es ist sehr viel mehr. Hypnotisier mich noch einmal!
Hypnotisier mich auch!
Und wieso?
Hast du ihr denn nicht zugehört? Da fehlen einem die Worte.
Was sie beschreibt, klingt nach dem ultimativen Orgasmus,
der totalen Vereinigung.
Ich hab mir schon immer gewünscht, so was zu erleben.
Diese Erfahrung will ich mir echt nicht entgehen lassen.
Und ich mir auch nicht!
Ihr seid komplett verrückt.
Was sie geschildert hat, ist eine mystische Ekstase.
Nichts Sexuelles.
Ich würde gern beides erleben.
Deine Lider sind schwer,
du bist gezwungen, die Augen zu schließen.
Aus deinem Körper weicht alle Spannung.
Du fühlst dich wohl.
Ihr alle drei werdet in eine Ekstase fallen,
wie ihr sie nie zu vor erlebt habt.
Danach werdet ihr wieder aufwachen.
Komm!
Sie sind viel zu früh da, Mademoiselle.
Erzählen Sie mir irgendwas. Irgendwas über die Sterne.
Zeigen Sie mir Ihr Zuhause, wie versprochen!
Irgendwas bedrückt Sie doch.
Ich hab mich in ein neues Leben gestürzt.
Ich hab manchmal Angst.
Gott liebt die Wagemutigen.
Ich glaube nicht an Gott.
Ich auch nicht.
Es, es ist nur manchmal, nützlich ein Wort zu finden,
wenn wir über solche Dinge reden, die wir nicht kennen.
Wollen Sie mir nicht noch etwas mehr von sich erzählen?
Nein.
Mir ist lieber, Sie erzählen von den Sternen.
Die Sterne,
Bäh!
Ich sehe Sie gerne lachen.
Der Schall von meinem Schrei verbreitet sich
mit 360 Metern pro Sekunde auf dem Boulevard da vorn.
Nehmen wir an, Sie wären ein bisschen schneller als der Schall,
könnten ihn überholen, dann würden Sie den Schrei noch mal hören.
Oder noch besser, wären Sie vor dem Schrei gestartet,
sagen wir mal, mit einer Geschwindigkeit von
vierhundert Metern pro Sekunde, dann hätte Sie der Schrei
überhaupt nicht erreichen können. Sie hätten ihn gar nicht gehört.
Sie verstehen?
Ja, ich glaub schon.
Noch vor einhundert Jahren dachten alle Physiker,
mit dem Licht würde es sich ebenso verhalten.
Das ist nicht so!
Das Licht kann man nämlich nicht überholen.
An dem Licht kommt man nicht vorbei. Das ist was Absolutes!
Haben Sie das alles in Indien gelernt?
Nein, in Indien habe ich gelernt zu meditieren.
Was in erster Linie heißt, nicht mehr zu denken.
Und vor dieser Zeit, als ich noch etwas mehr Haare hatte,
war ich Physiklehrer.
Weiter! Erzählen Sie doch weiter!
Kommen Sie!
Wissen Sie, Einstein hat ein etwas beunruhigendes Erklärungsmodell gefunden.
Nach diesem Modell hängt unsere Lebensdauer,
das Tempo unserer Ortsveränderung, der Raum, den wir einnehmen,
von unserer Geschwindigkeit ab.
Nehmen wir an, wir hätten unsere Armbanduhren
auf dieselbe Zeit eingestellt.
Sie fliegen mit dem Flugzeug, und ich bleibe hier.
Dann dreht sich Ihre Uhr langsamer als meine,
weil die Zeiten, in denen wir leben, verschieden sind.
Natürlich ist der Unterschied minimal.
So gering, dass wir ihn überhaupt nicht spüren.
Aber wenn ich heute mit einer Rakete losfliegen würde,
die 99 Prozent der Lichtgeschwindigkeit hat,
und ich käme morgen wieder zurück zur Erde,
dann hätten Sie achtzehn Jahre gelebt und ich ganze 24 Stunden.
Der Raum, den ich einnehme, wäre in der Zeit sehr klein geworden,
aber meine Masse, sagen wir, mein Körper,
wäre ebenso schwer zu bewegen gewesen wie tausend riesige Güterzüge.
Langweile ich Sie?
Nein.
Wenn man die Theorie zu Ende denkt, kommt man zu der Schlussfolgerung,
dass das ganz Universum ursprünglich nur eine Masse von der Größe
eines Pingpongballs hatte, der explodiert ist.
Vor zehn oder zwanzig Milliarden Jahren, das heißt,
wahrscheinlich vor vierzehn.
Es hat vier Milliarden Jahre gedauert,
bis die Milchstraße entstanden ist, unsere Galaxie.
Und zehn bis zur Geburt unseres Sonnensystems.
Unsere gute alte Erde ist viereinhalb Milliarden Jahre alt.
In der Anfangszeit hätte man den Mond mit der Hand berühren können.
Die Erde hat sich abgekühlt,
aber es hat eine oder zwei Milliarden Jahre gedauert,
bis sich die Atmosphäre und dann die Meere gebildet haben.
Die Reptilien sind ein oder zwei Milliarden Jahre alt,
der Mensch ungefähr ein Million.
Wenn wir uns die ganze Erdgeschichte mal als 24-Stunden-Tag vorstellen,
dann hätte die Steinzeit fünf Minuten vor Mitternacht begonnen.
Also praktisch am Ende der 24 Stunden.
Christus wäre eine Stunde vor Mitternacht geboren.
Und das Verblüffendste ist,
dass wir überhaupt da sind, wir Menschen.
Wie kleine Bläschen in der unermessliche Weite des Raumes,
und dass wir über die Fähigkeit verfügen,
das alles zu verstehen. Ja!
Denn eins der Wunder ist, dass alles logisch ist.
Wenn es einen Gott gibt, ist er vielleicht kein Softie,
aber er ist mit Sicherheit ein sehr guter Mathematiker.
Kommen Sie rein!
Möchten Sie etwas trinken?
Ich kann Ihnen allerdings nicht viel anbieten,
Wasser oder Cidre.
Dann Cidre.
Die Lebensachse des Universums.
Vom Big Bang bis zu den Dinosauriern.
Allein die Breite des roten Strichs
neben dem Dinosaurier entspricht einer Million Jahre.
Dem Alter der ganzen Menschheit.
Und das Kruzifix da?
Ja, und?
Ich hab gedacht, Sie glauben an nichts?
Nein, ich glaube nicht an einen Gott,
der für den menschlichen Geist zu begreifen ist.
Nur das nicht. Na ja.
Selbst daran zweifle ich noch.
Auf Sie!
Auf uns beide.
Komm rein!
Danke, dass du kommst.
Ich muss unbedingt mit dir reden. Bitte geh vor?
Mir passiert grad etwas Fantastisches.
Aber zuerst musst du wissen, ich hab mich in Mina verliebt.
Hoffentlich bist du nicht sauer auf mich.
Und sie?
Sie empfindet wie ich.
Versteh mich, bitte!
Ich habe das Gefühl, ich bin zufällig auf eine Probandin gestoßen,
wie ich sie nie wieder finden werde.
Ich will versuchen, sie sehr weit ins Unbekannte zu bringen
und ihr dorthin zu folgen.
Das ist riskant.
Ja. Wahrscheinlich.
Aber das ist uns beiden egal.
Ich bitte dich, vergiss deine Eifersucht.
Ich muss dir zuerst was erzählen.
Du weißt bestimmt noch, wie sie diesen total heftigen
Orgasmus unter Hypnose hatte. - Nicht nur sie allein.
Würdest du als Lehrer für weibliche Lust Werbung machen,
könntest dich vor Klientinnen vermutlich nicht mehr retten.
Ich mein es ernst, Sandrine!
Was sie geschildert hat, kommt den Glückszuständen,
von denen manche Mystiker sprechen, ziemlich nah.
Erinnerst du dich noch an ihre zweite Hypnose?
Sie sprach von einem Kloster. Ich hab recherchiert.
Vermutlich handelt es sich um ein Kloster in Belgien,
wo Nonnen wiederholt in Ekstase fielen.
Das war im 14. Jahrhundert.
Mina könnte das prima einstudiert haben.
Sie hat sich niemals für Heilige interessiert.
Sie kennt weder ihre Existenz noch ihre Namen.
Warum erzählst du mir das alles?
Ich will sie noch mal in Hypnose versetzen.
Und ich werde ihr suggerieren,
dass sie einen richtig heftigen Orgasmus bekommt,
aber dieses Mal ohne Hilfsmittel.
Ohne Frau, ohne Finger, ohne Mann, ohne alles.
Diese Katérina und die Anderen waren in einen Mann verliebt,
der mehr als dreizehnhundert Jahre tot war.
Ja, na und?
Erinnerst du dich an die gewaltige Ekstase beim letzten Mal?
Du versucht es noch mal.
Aber diesmal ohne deine Hände und ohne fremde Hilfe.
Du wirst versuchen, in Ekstase zu fallen,
wie die Schwester in dem flämischen Kloster damals.
Verstehst du mich, Mina?
Ja.
Ruf dir jetzt deinen heftigsten Orgasmus in Erinnerung.
Du wirst drüber hinausgehen.
Jetzt fang an!
Wo bist du, Mina?
In mir.
Ich verlier langsam an Körperwärme.
Dadurch empfinde ich eine außergewöhnliche Weichheit.
Mein Herz schlägt ruhiger.
Sie hat einen niedrigen Puls.
Meine Augen können nichts mehr sehen.
Eine innere Kraft zwingt mich, sie zuzumachen.
Meine Sinne und mein Körper sind mir egal.
Ich spüre, wie ich zu einer Art Herrlichkeit hingezogen werde.
Einer Welt in Herrlichkeit.
Ich leide und dabei bade ich in einem Ozean höchster Glücksseligkeit.
Die Freude ist unermesslich groß.
Ich höre:
Meine Tochter, deine Seele lebt nicht mehr.
"Ab jetzt lebe ich in ihr."
Wer spricht mit dir?
Mina, wer spricht mit dir?
Ich weiß nicht,
ich kann es nicht mal beschreiben.
Die Worte passen alle nicht.
Ich fühle mich jetzt eingezwängt zwischen zwei Welten.
Der, aus der ich komme und deren Teil ich im Moment nicht mehr bin,
und der anderen, unbeschreiblichen,
zu der ich mich mit aller Macht hingezogen fühle.
Red weiter!
Was empfindest du?
Erzähl! Wo bist du, Mina.
Was passiert im Augenblick?
Versuch es zu sagen!
Mina!
Wach jetzt auf!
Alles Mögliche flog herum. Zeitungen, Gläser.
Bis auf einmal wieder aufhörte.
Und Ihre Freundin Mina?
Hat kein Wort mehr gesagt.
Sie wollte sich in ein Kloster zurückziehen.
In ein Kloster? Hat sie das getan?
Ich weiß nicht.
Ihr Freund hätte viel vorsichtiger sein müssen.
Was für ein Hochmut!
Eingebildeter Kerl!
Obwohl ich auch nicht ganz frei bin davon.
Ich bin vielleicht bloß etwas ruhiger, abgeklärter.
Verstehen Sie denn, was sich da abgespielt hat?
Mein Lehrmeister hätte Ihnen geantwortet,
dass Ihre beiden Freunde aus purer Dummheit sehr,
sehr negative Kräfte freigesetzt haben.
Und wie denken Sie darüber?
Ich weiß nicht.
Ich hab gedacht, Sie wüssten alles. In Wahrheit wissen Sie nichts.
Oh ja, wie Recht Sie damit haben.
Was ist das Leben?
Was ist die pure Lust?
Was ist die Liebe?
Wenn Sie die Landschaft betrachten, was löst das bei Ihnen aus?
Ein Gefühl der Ruhe und der Harmonie.
Genau wie bei mir.
Allerdings, und das wissen Sie, herrscht zuallererst Leere vor.
Die gleichzeitig besteht aus Pflanzen und Insekten,
tausenden von Tieren, die sich gegenseitig verschlingen, um zu leben.
Die Pflanzen wachsen dank des Lichtes, dank der Sonne.
Aber das Gleichgewicht, die Harmonie
beruhen auf nicht enden wollender Grausamkeit und Mord.
Vielleicht sind wir nur lächerliche Unfälle im Universum.
Oder vielleicht doch, gefallene Engel?
Wovon gefallen?
Ich weiß es nicht.
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