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Lola Mahlstedt aus Leipzig.
Lola!
Ein sechsjähriger Wirbelwind, der ein wenig anders ist.
Denn Lola hat das Downsyndrom.
Lola ist sehr innig in dem, was sie tut, sehr gefühlvoll.
Sie lebt ganz direkt, was sie empfindet.
Das ist sehr schön, weil man bei ihr genau weiß, woran man ist.
Die moderne Medizin ist Kindern wie Lola auf der Spur.
Noch vor ihrer Geburt.
Bei auffälligem Chromosomensatz werden die meisten abgetrieben.
Doch eine Welt ohne Downsyndrom wäre nur der Anfang.
Theoretisch könnte man dann alle Erbkrankheiten erkennen.
Das ist aber futuristisch.
Dann ist natürlich sehr die Frage, ob das ein wünschenswertes Ziel ist.
Wir sind im Zentrum für Pränatale Medizin in Leipzig.
Natalie Walter ist Studentin.
Wie viele Schwangere will sie wissen, ob ihr Baby Fehlbildungen hat.
Prof. Faber erkennt mit Ultraschall kleinste Abweichungen von der Norm.
Am häufigsten findet er Hinweise auf das Downsyndrom.
Damit entwickelt sich das Kind geistig und körperlich verzögert.
Seine Diagnose entscheidet über Schicksale.
Es gibt nicht nur das Downsyndrom.
Es gibt noch viele andere Chromosom-Störungen.
Von 10 Schwangeren entscheiden sich 8 gegen ihr Kind.
Das ist eine sehr schwierige Frage:
Inwieweit darf ich mich in diesen Entscheidungsprozess einmischen?
Erkrankungen wie z.B. Trisomie 21 können ja nicht behandelt werden.
Da mische ich mich i.d.R. nicht ein.
Das überlasse ich wirklich den Eltern.
Trisomie 21 ist ein anderer Name für das Downsyndrom.
Ab der 12. Woche kann Prof. Faber Anzeichen dafür finden.
Zu kurze Oberschenkel, Nasenbein nicht erkennbar.
Auffällige Nackentransparenz.
Bei Natalie Walters Kind ist dies nicht der Fall. Alles normal.
Krankenkassen übernehmen Screenings nur bei Risikoschwangerschaften.
Viele Frauen müssen also selbst zahlen.
Trotzdem steigt die Nachfrage.
Die Eltern kommen heute viel früher zur vorgeburtlichen Diagnostik.
Vor 10-15 Jahren war das noch anders.
Es ist so ein Eindruck, den man hat.
Da muss man schon sagen:
Viele Schwangere kommen schon ein bisschen mit Angst.
Die haben einfach Angst vor einem negativen Ergebnis.
Angst vor Kindern wie Lola?
Daher kommen sie laut Studien immer seltener auf die Welt.
Lolas Trisomie blieb vor der Geburt unentdeckt.
Die Ärzte drängten bei Amelies 1. Schwangerschaft
auf viele pränatale Untersuchungen.
Dabei kam Greta gesund zur Welt.
Die Schwangerschaft mit Lola sollte angstfrei verlaufen.
Wir haben nur einen Ultraschall gemacht.
Bei dem hätte man nichts feststellen können.
Außer, sie hätte große organische Auffälligkeiten gehabt.
Und voila, dann kam Lola. Aber ich bin froh darüber.
Hätte ich es vorher gewusst,
hätte es mich in der Schwangerschaft belastet.
Ich hätte mich sicher nicht dagegen entschieden. Aber es war gut so.
Heute ist Lola sechs Jahre alt und für Amelie ein großes Glück.
Doch bis dahin war es ein langer Weg.
Wir treffen die Familie vor 4 Jahren das erste Mal.
Lola hat das Leben der Eltern komplett auf den Kopf gestellt.
Vater Ricardo ist Übersetzer.
Mutter Amelie ist erfolgreiche Wissenschaftlerin.
Sie hat am Max-Planck-Institut promoviert. Mit magna cum laude.
Seit Lolas Geburt ist sie nun vor allem Mutter.
Am Anfang war es für mich einfach. Da habe ich es so angenommen.
Aber als ich die Reaktion meiner Umwelt spürte, war es schwerer.
Es gab gerade am Anfang die Momente, wo Leute unsicher geguckt haben.
Oder ich hatte das Gefühl, sie schauen uns mitleidvoll an.
Das hat mich schon sehr verletzt.
Lola, kommst du mit?
In deiner Schwimmtechnik wieder. Komm! Du kannst auch krabbeln.
Das Leben mit Lola ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Als Baby hat sie eine schwere Infektion und überlebt nur knapp.
Dann immer wieder Physiotherapien, damit Lola laufen lernt.
Amelie muss viel entscheiden:
Therapien, die Lola in schmerzhafte Positionen zwingen.
Oder alternative Ansätze, die auf Lolas Kraft vertrauen.
Ich musste mich selber durchkämpfen.
Da kommt keiner, nimmt dich an die Hand und sagt:
Hier sind Telefonnummern, da rufst du an. Nein, gar nicht.
Auch gute Literatur fand ich anfangs nicht.
Wo ich hätte alles nachschlagen können.
Nein, das war ein recht langwieriger Prozess.
Aber gut, das nimmt einem auch keiner ab.
Im Internet findet Amelie andere betroffene Eltern,
die ebenfalls Hilfe suchen.
Sie schreibt einen Blog.
Über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Lola.
Und über ihre verschiedenen Therapieversuche.
"Lolas verrückte Welt".
Ein berührender Lagebericht aus dem Leben mit ihrer Tochter.
Der soll es den anderen Eltern leichter machen.
Ich fing an, auch Infos über das Downsyndrom generell zu sammeln.
Diese Infos stellte ich ins Netz.
Bücher, die ich gelesen habe, die mich beschäftigen.
Dinge, die mich unglücklich machen oder mich sehr freuen.
Um damit viel mehr Leuten zu zeigen,
was es heißt, ein Kind mit Downsyndrom zu haben.
Dass es nicht beängstigend ist. Dass man damit gut leben kann.
F. Fenster.
Ffff.
So macht man: Mann. Das ist der Mann.
Nächste Seite: die Mütze.
Genau. Die Mütze auf dem Kopf.
Über tausend Leser in der Woche verfolgen Lolas Fortschritte.
Doch der intensive Austausch bringt auch Probleme mit sich.
* Sie macht Zuggeräusche. *
Bahn. Bah.
Eine Mutter macht einen Eintrag, was ihr Kind kann.
Da kommen gleich 3 depressive Einträge von Eltern,
deren Kinder das noch nicht können.
Nicht immer, aber man fühlt das. Mir geht es auch manchmal so:
Was konnten andere Kinder in Lolas Alter?
Dafür können sie anderes nicht.
Aber das schreiben die Eltern nicht in den Blog.
Durch moderne Therapien kommen Kinder mit Downsyndrom heute
intellektuell so hoch hinaus wie nie zuvor.
Ein erstaunliches Projekt gibt es hier im Rheinland.
Regelmäßig treffen sich bis zu 15 Autoren, die das Downsyndrom haben.
Sie arbeiten für die Zeitschrift "Ohrenkuss".
Alle Texte schreiben bzw. diktieren sie selbst.
Katja de Braganca hatte die Idee.
Sie ist promovierte Humangenetikerin.
Selbst sie als Expertin ist immer wieder überrascht von den Texten.
Vor 17 Jahren sagte die Fachwelt:
Menschen mit Downsyndrom
lernen wahrscheinlich nicht lesen und schreiben.
Dass es sich auch nicht lohnt, ihnen das beizubringen.
Dass sie zur Schule gehen.
Hat ein Kinderarzt, Genetiker oder eine Gynäkologin diese Meinung.
Und sagt sie der Familie, die ein Baby mit Downsyndrom bekommen hat.
Dann verändert das die Welt dieses kleinen Menschen.
Weil er in einer Familie groß wird,
wo die Leute sowieso nicht glauben, dass er etwas lernt.
Mit dem "Ohrenkuss" treten die Redakteure den Gegenbeweis an.
Einmal im halben Jahr erscheint die Zeitschrift.
Mit poetischen Fotos und originellen Texten, die jedes Klischee aushebeln.
Wie die Reportage über die Mongolei:
Sogenannte "Mongoloide" treffen echte Mongolen und schreiben darüber.
Das Besondere am "Ohrenkuss" ist:
Man bekommt in Textform und in Bild auf eine spezielle Weise mit:
wie Menschen mit Downsyndrom auf die Welt blicken und sie sehen.
Wir bekommen hin und wieder Leserbriefe von Menschen,
die einen Verwandten mit Downsyndrom haben und sagen:
Wenn ich die Texte lese, erkenne ich wieder, wie mein Bruder tickt.
Wie ticken Menschen mit Down Syndrom? Menschen wie Julia Bertmann.
Julia ist 33 und arbeitet wochentags als Hilfskraft in einem Büro.
Einfache Tätigkeiten.
Beim "Ohrenkuss" ist ihr Intellekt gefragt. Ihre Texte werden geschätzt.
Sie ist die Expertin.
Sie kann berichten, wie sich das Downsyndrom anfühlt.
Wenn man das Downsyndrom hat. Das ist anders. Man denkt langsamer.
Man denkt nicht so schnell wie die Nichtbehinderten.
Aber was das Besondere daran ist:
Ich komme billiger in ein Musical, billiger in ein Theater.
Weil wir dann Ermäßigung kriegen.
Julia liebt es zu schreiben.
Sie thematisiert in ihren Texten auch alltägliche Diskriminierungen.
Es stört sie, wenn sie wie ein kleines Kind behandelt wird.
Der Nachteil ist, Nichtbehinderte bemitleiden uns, ohne es zu wollen.
Die merken das gar nicht. Dass sie einen verletzen.
Ich kann nur sagen:
Sie sollen mich so behandeln wie Nichtbehinderte auch.
Doch egal, was Menschen mit Downsyndrom erreichen.
Vorgeburtlich sieht sie die Medizin in ihnen nur eine schwere Erkrankung.
Wir treffen Prof. Klaus Zerres in Aachen.
Er ist Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Humangenetik.
Nur aufgrund der Pränataldiagnostik
werden heute nicht mehr Menschen mit Downsyndrom geboren als früher.
Denn ab 35 steigt bei Müttern das Risiko.
In unserer Gesellschaft werden die Mütter immer älter.
Es gibt immer weniger Kinder.
Das heißt, die Sorge um ein Kind ist intensiver.
Damit wächst auch der Wunsch, alles im Vorfeld getan zu haben.
Deshalb ist auch die Nachfrage nach vorgeburtlicher Diagnostik größer.
Wenn sich im Fruchtwasser ein auffälliger Chromosomensatz findet,
treiben 95 Prozent der Frauen ab.
Die Fruchtwasserentnahme ist riskant, eine Fehlgeburt möglich.
Die Kassen zahlen den Test nur für Risikoschwangere.
Es gibt einen neuen Bluttest.
Allen Schwangeren sollte man diese ungefährliche Blutabnahme anbieten.
Kein Trisomie-21-Kind könnte dann mehr unerkannt durchs Netz schlüpfen.
Das ist eine Frage an eine Informationsgesellschaft.
Können wir uns dümmer machen, als wir sind?
Ich bin nicht sicher, ob man das kann.
Wir haben neue Möglichkeiten.
Wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen.
(Amelie Mahlstedt) Guten Abend.
(Lola) Guten Abend.
Lernst du lesen?
Auch Amelie Mahlstedt nutzt neue Möglichkeiten.
Allerdings, um Lola zu fördern.
Ich fing mit ihr sehr früh an, Buchstaben zu erlesen.
Ich wollte nicht, dass sie lesen lernt.
Ich wollte, dass sie sprechen lernt.
Ha. He. Lies mal vor, Loli!
He. Hi. Super.
Jetzt mal laut. Ich höre nichts.
Ha. Ha. Super. Ho. Ho.
Huhu. Lauter! Super.
Sie ist richtig aufgeblüht, sie kann sich mitteilen.
Sie kann erzählen, was ihr passiert ist und sagen, was sie sich wünscht.
Sie kann erzählen, was sie sich zum Geburtstag wünscht.
Jetzt z.B. ein Handy, ein rotes. Vorher konnte sie gar nichts sagen.
4 Jahre nach dem 1. Treffen
ist von einem Schicksalsschlag nichts mehr zu spüren.
Ist es schon trocken? Ja.
Hast du gefühlt? Ja.
Da kannst du es abhängen.
Amelie macht heute weniger Therapien als damals.
Obwohl Lola sprachlich 2-3 Jahre hinterher ist.
Nass. Das ist noch ganz nass. Auch noch nass, oder?
Ja. Was? Nass oder trocken?
Trocken.
Mama. Bist du die Mama?
Ja. Okay, dann geh mal hoch. Bring die Wäsche hoch.
Damals wollten wir sie durch Therapien der Norm annähern.
Ich wollte die ultimative Therapie, damit sie sich schnell entwickelt.
Jetzt weiß ich: Sie hat ein anderes Entwicklungstempo.
Sie ist so, wie sie ist. Ich liebe sie so, wie sie ist.
Sie ist toll. Sie braucht sich nicht zu ändern.
Wenn wir Therapien machen, dann, damit sie die Fähigkeiten bekommt,
teilzuhaben oder mehr dabei zu sein.
Das ist jetzt im Fokus.
Mama, Kacka. Musst du aufs Klo, Loli? Ja, wir gehen hoch.
Kommst du auf meinen Schoss?
* Geigenspiel *
Super. Hör mal!
So, jetzt noch mal.
Lola will uns unbedingt noch zeigen, was sie mittlerweile kann.
So. Ja, richtig.
Jetzt du.
Super! Noch mal.
Jetzt du!
Wir haben das noch nicht lange geübt.
Relativ schnell macht sie die Tonfolgen nach.
Das ist auffällig, denn sprachlich schafft sie das oft nicht so gut.
Mit Tönen schafft sie es.
Auch feinmotorisch hat Lola aufgeholt.
Die Sechsjährige lernt,
weil sie normal in den Familienalltag einbezogen wird.
Jetzt auch als Vorbild und große Schwester.
Amelie hat es ein 3. Mal gewagt.
Einen Jungen hat sie bekommen. Pawel.
Gurke.
Diesmal wusste Amelie viel über ihn, noch bevor Pawel auf die Welt kam.
Loli, willst du dich auf die Knie setzen?
Vielleicht kannst du dann besser schneiden.
Ich habe in der 3. Schwangerschaft eine Feindiagnostik gemacht.
Wir wussten ja, Lola ist mit der Besonderheit geboren.
Wir wollten schon gern wissen, ob es wieder so ein Special-Case wird.
Wir haben dann Feindiagnostik gemacht.
Der behandelnde Arzt sagte von Anfang an:
Wissen Sie schon, welche Konsequenz das Resultat haben würde?
Wir sagten: Wir würden es gern wissen, wollen aber nicht abtreiben.
Er sagte: Gut, da weiß ich's, damit wir eine Sprache sprechen.
Lola blieb die Einzige in ihrer Familie mit 47 Chromosomen.
Ein Chromosom zu viel. Pawel hat keine Besonderheit.
Trotzdem überrascht er seine Mutter immer wieder.
Möchtest du Öl da drauf?
Ich habe mit ihm gelernt:
Auch ein Kind mit 46 Chromosomen kann sich sehr viel Zeit lassen.
Er ist jetzt 21 Monate alt, läuft noch nicht, weil er auf Knien läuft.
Lola war teilweise schneller als er. Er spricht auch noch nicht so viel.
Es ist schön zu sehen, dass jedes Kind sein Tempo hat.
Jedes Kind hat seine Interessen. Jedes Kind ist ganz anders.
Als Mutter oder Vater muss man jedes Kind einfach so nehmen, wie es ist.
Ermöglicht die Pränataldiagnostik
tatsächlich einen Blick in die Zukunft ungeborener Kinder?
Die Ohrenkuss-Redakteure lüften heute das Geheimnis des Downsyndroms.
Dr. Regine Schubert hat Biologie studiert.
Das nennt sich Fachhumangenetiker. So wie es Fachärzte gibt.
Wir haben einen Termin.
Menschen mit Downsyndrom treffen vorgeburtliche Diagnostiker.
Vielleicht ist es ein Tabubruch. Oder es wird an einem Tabu gebogen.
Das sind zwei Seiten einer Medaille.
Die meisten Leute gucken nur auf eine Seite.
Die humangenetischen Fachkollegen denken:
Leute mit Downsyndrom sind alle weich in der Birne.
Leute, die mit meinen Kollegen zu tun haben, denken:
Was sind das für Monster? Wie kann man so eine Arbeit gerne machen?
Regine Schubert liebt ihre Arbeit als Humangenetikerin.
Sie ist eine Freundin von Katja de Braganca. Früher waren sie Kollegen.
Das ist Frau Bertmann. Das ist Herr Peters.
Frau Heckert ist das. Das ist Frau Morade.
Hier ist Frau Heyn. Das sind unsere Labor-Mitarbeiter.
Ich war noch nie im Labor.
Deshalb finde ich es toll, dieser Behinderung auf den Grund zu gehen.
Julia Bertmann will selbst Expertin werden und wissen,
wie nach ihrer Trisomie, dem 3-fachen Chromosom 21, gesucht wird.
Das sind die Chromosomen. Auf dem Foto können wir sie zählen.
Auf dem Foto sehen wir auch, wie die Chromosomen aussehen.
Menschen mit Downsyndrom sind oft sehr klug. Viele.
Klug im Sinne von intelligent. Die können vieles erfassen.
Es ist aber, als wenn Sie eine neue Sprache lernen.
Sie würden Italienisch lernen und hätten 11 Stunden hinter sich.
Sie fahren ins Land und sitzen an einem Tisch.
Dort reden alle Italienisch. Sie versuchen, etwas zu sagen.
Sie haben den Satz im Kopf.
Aber der Kanal, der den Satz formulieren kann, geht ganz langsam.
Sie suchen die Vokabeln. Ihnen fehlt oft das Wort.
Die "Ohrenkuss"-Redakteure sind gut vorbereitet.
Wir bekommen Fruchtwasser. Zellen, die im Fruchtwasser schwimmen.
Also von Frauen, die schwanger sind, die ein Baby im Bauch haben.
Die Teile, wenn sie untersucht werden. Warum ist das superwichtig?
Die Chromosomen zu untersuchen? Es steckt die Frage dahinter ...
Warum ist die vorgeburtliche Suche nach Trisomie 21 wichtig?
Katja de Braganca hat diese Frage für sich vor 20 Jahren beantwortet.
Seitdem arbeitet sie nicht mehr in der vorgeburtlichen Diagnostik.
Ich hatte Schwierigkeiten mit den späten Schwangerschaftsabbrüchen.
Damit konnte ich nicht mehr.
Ich wollte nicht die Person sein, die die Befunde stellt.
Den Grad der Behinderung wollen die Familien wissen.
Was wird er können? Zur Schule gehen? Kann er allein aufs Klo?
Das weiß man bei einem anderen Kind auch nicht.
Das rauszufinden, ist der Wunsch. Aber das geht vorher nicht.
3.700 Kinder wurden 2013 aus medizinischen Gründen abgetrieben.
Das sind 20 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor.
Wie viele Kinder das Downsyndrom hatten, erfasst die Statistik nicht.
Unsere gesetzlichen Regelungen erlauben
einen Schwangerschaftsabbruch unmittelbar bis zur Geburt.
Was darf jemand machen, wenn ... ?
Diese Frage ist sehr schwierig zu regeln.
Soll der Arzt aufgrund von Katalogen und Vorstellungen sagen:
Das ist jetzt ein hinreichender Grund und das nicht?
Unsere Praxis vertritt die Position:
Uns steht es nicht zu,
in den Erkenntnisprozess der Eltern hinein zu empfehlen oder zu raten.
Ich kann niemandem vorschreiben, wie er mit seinem Kind umgeht.
Das müssen die Eltern selber entscheiden.
Der Traum vom Kind.
Ein genetisch abweichender Befund macht ihn zum Alptraum.
Eltern müssen entscheiden:
zwischen einem Abbruch oder dem Leben mit einem behinderten Kind.
Für viele ein unlösbarer Konflikt.
Es gibt viele Menschen, die das noch nicht verstanden haben.
Die wissen nicht: Was ist ein Chromosom? Was ist das für ein Test?
Die stehen da und verstehen nichts und machen es.
Die Wehen werden eingeleitet und sie merken, das Kind ist irgendwie weg.
Die haben nichts kapiert. Das ist der Punkt, wo ich sage:
Warum wurden sie nicht besser aufgeklärt?
Das Leben mit einem Downsyndrom-Kind kann sehr bereichernd sein.
Das berichtet Amelie regelmäßig in ihrem Blog.
Die Leser lieben Lola und bestärkten Amelie darin, ein Buch zu schreiben.
Dieses Jahr erschien: "Lolas verrückte Welt".
Vielleicht empfanden sie gar kein Mitleid mit uns.
Vielleicht bildete ich mir das alles nur ein.
Vielleicht war ich es,
die betroffen so guckte, als wäre gerade jemand gestorben.
Und die Leute spiegelten mich nur.
Gerade und direkt schaute ich nun den Passanten ins Gesicht.
Ich strahlte sie an: mit stolzem und glücklichem Lächeln einer Mutter.
Und sagte mir: Lola ist das süßeste, das hübscheste Baby der Welt.
Der Annahmeprozess ist das große Thema des Buches.
Wie viel ich eigentlich von meinem Kind erwarte.
An Leistung, an Fortschritt, an Entwicklung.
Und dass sie das nicht wird leisten können.
Ich musste das erst mal realisieren.
Die Trauer überwinden um das Kind, das sie nicht bekommen hat.
Amelie hat es geschafft.
Im Buch beschreibt sie, dass ihr dabei eine Reise half.
Lola ist Halb-Spanierin, ihr Vater Ricardo stammt aus Gijon.
Der herzliche Umgang seiner Familie mit Lola.
Die Aufgeschlossenheit in Spanien gegenüber Menschen mit Downsyndrom.
Das macht es Amelie hier leichter.
Ich musste die Ablehnung in mir selbst überwinden. Das war schwer.
Einen wichtigen Schritt beschreibe ich auch im Buch:
Ein Gespräch in Spanien mit einer Psychologin. Sie sagte:
Es ist wichtig anzunehmen, dass man das Kind ablehnt.
Sie hat mir gezeigt, dass es okay ist, dass ich Lola ablehne.
Als ich meine negativen Gefühle zuließ, kam vieles in Fluss.
Ich konnte endlich weinen. So entstanden positive Gefühle.
Dann konnte ich Lola als das Kind annehmen, was sie ist.
Amelie ist heute stolz auf jedes ihrer 3 Kinder. Und wieder glücklich.
Mit ihrem neuen Partner, Kabarettist Maxim und dem gemeinsamen Sohn Pawel.
Lola hat jetzt zwei Familien und ist regelmäßig bei ihrem Vater Ricardo.
Dass die Beziehung der Eltern nicht hielt, lag nur indirekt an ihr.
Lolas Geburt bestärkte mich darin, Dinge zu tun, die mir wichtig sind.
Ich war an einen Punkt,
wo ich nur aus Pflicht heraus die Beziehung aufrechterhalten würde.
Wenn ich auf mein Herz höre, würde ich sie beenden.
Insofern hat sie indirekt damit zu tun.
Aber nicht, weil das alles nicht machbar gewesen wäre.
Lola bereichert mich in jeder Hinsicht.
Sie erinnert mich daran, was wichtig ist.
Oder bringt mich drauf, Dinge zu tun, die wichtig sind.
Die "Ohrenkuss"-Autoren auf der Bühne im Begegnungszentrum Frechen.
Hier stellen Julia Bertmann und ihre Kollegen
zum ersten Mal Ergebnisse ihrer Recherchen zum Downsyndrom vor.
Es gab Ultraschallbilder.
Der Bauch von meiner Mutter wurde von Monat zu Monat immer dicker.
Dann hatte sie gehört, dass sie ein Kind mit Downsyndrom bekommt.
Meine Eltern wollten das Kind auf jeden Fall haben.
Meine Eltern hatten mich sehr lieb. Vielen Dank, Papa und Mama!
Ich wollte wissen:
Warum ist das so wichtig, dass die Chromosomen untersucht werden.
Die Chromosomen sind unsichtbar.
Schon jetzt besteht die Pränataldiagnostik
nicht mehr nur aus Ultraschall und Fruchtwassertest.
Eine einfache Blutprobe der Mutter
verrät kindliche Chromosomenstörungen wie das Downsyndrom.
Man wird in Zukunft das vollständige kindliche Genom
über die Mutter analysieren können.
Für Lola gibt es eine bessere Welt ohne Behinderung.
Sie besucht eine normale Vorschule.
Die gestrichelten Linien auf der Vase müsst ihr nachziehen.
Ihre Mitschüler sehen in ihr Lola und nicht das Downsyndrom.
Leider ist diese inklusive Welt nicht selbstverständlich.
Weil geistige Leistungsfähigkeit, intellektuelle Fähigkeiten
in unserer Leistungsgesellschaft sehr hoch angesehen sind.
Dass jemand nicht mithalten kann, muss verhindert werden.
Das hat mir das Leben mit Lola gezeigt:
Es geht nicht darum, immer Höchstleistung zu bringen.
Man muss nicht überall der Beste sein.
Man muss sich wohlfühlen in der eigenen Haut, man selbst sein.
Es ist okay, Schwächen zu haben, negative Gefühle zu zeigen.
Es gibt Hoch und Runter im Leben. Das alles gehört dazu.
# An Lola sehen wir einfach nur, wie wir Lolas Eltern sind.
* Copyright MDR 2014 Untertitel: Maike Kups *
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