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DER HALBBRUDER
Alles hat einen Ursprung. Auch mein Name - Barnum.
Barnum war der Mann, der gesagt hat, dass die Welt betrogen werden will. Er sagte:
"Es ist nicht wichtig, was du siehst, sondern das, was du zu sehen glaubst."
Am 9. November 1966 verschwand mein Halbbruder Fred.
Fred war Boxer, ich war Schriftsteller. Ich stänkerte herum, Fred schlug zu.
Als ich aufwachte, war er weg, und er ist auch weg geblieben.
Fred ist nicht der Erste in unserer Familie, der verschwindet.
Es fing mit Uropa an. Er verschwand im Grönlandeis.
Dann verschwand Opa, dann Freds Vater, und dann Fred, mein Halbbruder.
Er verschwand, bevor er Kinder bekommen konnte, die verschwinden könnten.
Gottseidank haben wir unsere Mütter.
Lasst uns dort anfangen - mit den Müttern.
Tag der Befreiung, 8. Mai 1945.
Mama, komm doch mal her und guck. Beeil dich.
Holst du bitte unsere Kleider vom Dachboden, Vera?
- Verbrennst du Hamsun? - Willst du nicht fotografieren?
- Mama will, dass ich die Kleider hole. - Das hätte sie auch selbst machen können.
Mama?
Heute, am Tag des Sieges in Europa und dem Tag der Befreiung in Norwegen...
Mama, willst du nicht kommen und dir den Frieden ansehen?
- Ganz schön warm hier. - Ich habe mit Hamsun gebrochen.
"Wir, seine engsten Anhänger, verbeugen uns nun vor seinem Tod."
- Schreibt der jetzt Hitlers Nachruf! - Wann denn sonst?
- Das ist ja schön. - Guck mal. Den nehmen wir mit.
Die weiße Anrichte. Die könnten wir als Hausbar nutzen.
Guck mal hier.
Die Chaiselongue ist schön.
- Bist du bereit? - Nein, kein Foto.
Sieht süß aus. Guck in die Kamera.
Das war sehr schön.
So ein süßer Teddy.
Was ist das hier?
Vermisst du ihn?
Vermisst du ihn?
Fred ist tot, Vivian. Mama ist die Einzige, die das nicht akzeptieren kann.
Ich will Kinder haben.
- Jetzt? Hier? - Ja.
- Wir haben ja die Chaiselongue. - Okay.
Glaubst du, dass daraus ein Kind wird?
"Was soll ich sagen? Das hängt alles davon ab, wer im Sattel sitzt."
- Und wenn deine Mutter hoch kommt? - Sie geht nie hier rauf.
Wieso nicht?
Komm schon.
Vorsichtig!
Vielleicht noch ein bisschen höher. Noch ein Stückchen.
So ist's gut.
Wären Schrauben nicht besser? Man schraubt die doch fest?
Wir wollen das Schild ja nicht wieder abnehmen.
Das sieht gut aus.
Perfekt.
Willst du es tun, oder soll ich es tun?
- Zusammen? - Zusammen.
Das ist echt fantastisch!
- Ich liebe dich. - Und ich dich.
- Wo ist die Flagge? - Was?
- Die Flagge. - Keine Ahnung.
Hier ist noch ein Buch.
Und hier...
Dich habe ich schon lange gesucht.
In der Zisterne, im Wäschekorb, im Sicherungskasten.
Und dann liegt sie gottseidank hinter Augusts schiefem Rücken!
Jetzt mach sie schon auf.
Nein, ich trinke doch keinen Malaga von 1936 in Unterwäsche.
- Wo ist Vera? Ich will mein Kleid haben. - Ich sehe mal nach, was sie treibt.
Wage es nicht, den anzurühren, bevor Vera und ich wieder hier unten sind.
Dann temperiere ich schon mal die Gläser.
Vera!
Vera, bist du da?
Aber, meine Liebe...
Vera... Was ist passiert?
Vera?
Vera!
- Mama, hilf mir! - Was ist passiert?
Vera... Nein!
Hol die Schere.
Pass auf die Hände auf.
- Vera! - Teufel!
Mama, hol Wasser!
- Ist Vera hier? - Es geht ihr nicht gut.
Und Sie werfen ans falsche Fenster Steine! Falls Sie nicht mit mir ausgehen wollen.
- War da oben noch jemand anders? - Was meinst du damit?
- War da jemand, bevor du kamst? - Sie war allein.
Vera, weißt du, was wir morgen machen könnten, wenn ich frei habe?
- Wir gehen alle drei zur Frisöse. - Hör auf. Ich komme nicht mit.
Du verlierst Haare wie eine alte Katze.
Vera... Du kannst mir die Haare zurecht machen, wenn König Håkon nach Hause kommt.
- Hol den Brief. Vielleicht hilft das. - Glaubst du das?
Ja, das glaube ich.
Lieber Gott, gib auf Vera acht.
Vor allen Dingen auf Vera. Und gib auf Boletta acht, falls du Zeit hast.
Aber um mich musst du dich nicht mehr kümmern.
Das Nachthemd habe ich von Wilhelm bekommen, als wir uns kennenlernten.
Stell dir mal vor: Er hat mir vor unserer Hochzeit ein Nachthemd geschenkt.
"Wir hatten eine angenehme Reise hier hinauf."
"Wir liefen die unbewohnte Insel Jan Mayen an und lagen dort zwei Tage vor Anker," -
- "während die Naturforscher an Land waren."
"Bereits vor unserer Ankunft stand die Sonne dort um Mitternacht hoch am Himmel."
"Wir sollten einen Moschusochsen nach Hause mitbringen," -
- "und wir entdeckten eine Ochsenherde, die sich an Polar-Weide labte", -
- "eines der ganz wenigen Gewächse, die es hier überhaupt gibt."
"Der Kapitän und ich und fünf Männer gingen an Land, um ein Kalb zu fangen."
"Es gab ein Kalb in der Horde, aber wir kamen nicht an es heran," -
- "denn sobald uns die Tiere sahen - es waren wohl so 15, 16 Stück..."
Fred und ich saßen meist unter dem Tisch, wenn die Alte aus dem Brief vorlas.
Uropa hatte ihn geschrieben.
Er sollte in Grönland einen Moschusochsen für den Kopenhagener Zoo einfangen.
Aber Uropa verschwand im Eis und kam nie zurück.
Die Alte war damals noch jung. Sie war ein Stummfilm-Star.
Der Brief war das Einzige, was ihr von ihm blieb - und das Nachthemd.
Das gab er ihr, bevor sie heirateten.
Und dann hatte sie natürlich noch Boletta.
Vera?
Vera?
Vera, machst du bitte auf?
Vera!
Was machst du da?
Ich hole den Hausmeister.
Der neugierige Idiot darf sie nicht in diesem Zustand sehen! Rede mit ihr.
- Rede mit deiner Tochter. - Vera...
Weißt du, was wir morgen machen könnten?
- Wir könnten zur Frisöse gehen. - Nicht die Frisöse, du Idiot!
Jetzt bin ich dran, Vera. Wenn du nicht sofort rauskommt, passiert ein Unglück.
Du willst doch nicht, dass deine alte Oma sich in den Ausguss setzt?
Was machst du da?
Es ist jetzt vorbei.
Du brauchst keine Angst zu haben.
- Du holst dir noch eine Lungenentzündung. - Zieh den Stöpsel raus.
- Rede mit mir, Vera. Sag etwas. - Zieh jetzt den verdammten Stöpsel raus!
Vera...
Du bist jetzt sauber. Du bist sauber.
Alles ist gut, Vera. Du bist sauber.
Du bist jetzt ausreichend sauber.
Teufel! Dass man uns auch nie in Ruhe lassen kann.
Komm, Vera.
So...
- Ach, ist das die Nachbarschaftswache? - Ist was passiert? Da schrie doch jemand.
- Alle haben es gehört. - Ich habe mich am Ofen verbrannt.
Wie geht es Vera? Sie ist doch krank.
- Fuß weg, sonst schreist du gleich. - Ich wollte nur fragen.
- Derzeit passiert viel Merkwürdiges. - Ja, aber keine Hausdurchsuchungen mehr.
Hast du es heute eilig?
Ich möchte eine Vergewaltigung anzeigen.
Eine Vergewaltigung.
- Sind Sie vergewaltigt worden? - Meine Enkelin ist vergewaltigt worden.
- Wollen Sie mich zum Narren halten? - Keineswegs, gnädige Frau.
- Bitte, setzen Sie sich. - Danke.
- Name des Opfers? - Vera Jebsen.
Mama?
Wo bist du gewesen?
- Ich muss los zur Arbeit. - Geh ruhig. Ich kümmere mich um sie.
Dr. Schultz, bitte.
Einen Augenblick, ich verbinde Sie.
Egede möchte mit Ihnen sprechen.
Geht es Ihrer Familie gut?
Ja.
- Ihre Mutter ist doch Schauspielerin? - Das ist lange her.
Ich vermisse die Stummfilme. Sie haben selbst eine Tochter. Wie alt ist sie nun?
Im Sommer wird sie 20.
- Welchen Beruf möchte sie ergreifen? - Sie möchte als Fotografin arbeiten.
Sie sind ja schon seit vielen Jahren hier.
Könnten Sie sich vorstellen, ein paar Etagen aufzusteigen?
- Ins Telegrafenamt? - Sie brauchen nicht zu erschrecken.
Wir brauchen dort Mitarbeiter - erfahrene Frauen. Und das sind Sie ja.
Ich habe nur Erfahrungen in der Telefonzentrale.
Wir haben einen Lehrgang. Das ist einfach.
Ich geben morgen Bescheid.
Es eilt nicht. Nehmen Sie sich die Zeit, die sie brauchen.
Aber wenn Sie das Angebot annehmen, wird eine Stelle als Telefonistin frei.
Darf ich jetzt gehen?
Ihre Tochter passt bestimmt sehr gut hier herein.
- Denn sie wird doch nicht bald heiraten? - Nicht? Das könnte doch sein.
Wer will denn schon eine Schlampe heiraten?
- Was machst du denn hier? - Ich habe frei bekommen.
Der Aufseher hat den Erfahrensten frei gegeben. Die über 15 Jahre dort arbeiten.
- Das ist aber nett von ihm. - Damit wir den Frieden feiern können.
Du hast den Arzt angerufen?
- Da oben war jemand. - Bist du dir sicher?
Ich hätte mitkommen sollen. Ich hätte selbst hochgehen sollen.
Ja, ja. Der Frieden hat seine Folgen.
Sie haben wohl Recht; sie befindet sich in einer Art Schock.
Oder sagen wir besser: Psychose.
Oder "Zustand", wenn das für Sie besser klingt.
Sie hat viel Blut verloren. Sie ist sehr schwach.
Aber ich habe die Blutung stoppen können.
Sie ist wahrscheinlich gestürzt und hat sich eine Gehirnerschütterung zugezogen.
Wieso spricht sie nicht?
Das Sprachzentrum ist vorübergehend außer Gefecht gesetzt, -
- wegen der Blut... Gehirnerschütterung.
Wenn der Druck im Gehirn nachlässt, wird sie wieder sprechen können.
- Sie hat noch nie so stark geblutet. - Aber es sind auch ungewöhnliche Zeiten.
Danke.
- Was ist mit den Abdrücken an Veras Hals? - Ja, richtig, die Abdrücke...
- Sie ist wohl gegen etwas gestoßen. - Das sind Abdrücke von Fingern.
Haben Sie ihre Weiblichkeit untersucht?
Sie wissen sehr wohl, was ich meine. Ist sie noch unschuldig?
Sorgen Sie dafür, dass sie viel frische Luft bekommt.
Frische Luft? Idiot!
Vera...
Ich war auch einmal stumm. Aber das war im Film.
Ich sollte berühmt werden. Berühmter als Sarah Bernhardt und Greta Garbo.
Hättest du vielleicht Lust, wieder ins Kino zu gehen?
Du kannst mich mitnehmen, ins Palais oder ins Colosseum.
Ich war nicht mehr im Kino, seit der Tonfilm kam. Kannst du dir das vorstellen?
Es war so traurig, als die da oben zu sprechen anfingen.
Die Augen verschwanden.
Die Augen und der Tanz verschwanden, und der Mund übernahm.
Ja, ja, kleine Frisöse. Alles, was ich gesagt habe, -
- habe ich schon einmal gesagt, und ich werde nichts Neues mehr sagen.
Kannst du mir bitte die Malaga-Flasche bringen, Boletta?
Die steht hinter Johannes V. Jensen.
Es geht vorüber.
Das Meiste geht vorüber.
Sogar ein Weltkrieg.
- Was machen wir, wenn sie schwanger ist? - Dann kümmern wir uns ganz besonders.
Ich brauche die Stelle.
Die Stelle ist besetzt.
Vielleicht habe ich etwas anderes.
Ganz egal, was.
Vivian und Barnum, verheiratet beim Schildermacher in der Pilstredet?
- Das muss gefeiert werden. - Komm rein.
Wie gefällt es dir?
Die Aussicht ist fantastisch.
- Ist das nicht ein schöner Balkon? - Ja, der ist echt gigantisch.
So eine sparsame Möblierung hat schon was. Liegt das Bad 4,3 km in diese Richtung?
Das ist da drin.
Ein blaues Bad! Wahnsinn!
So eine schöne Wohnung, einfach unglaublich.
Bitte schön.
Euch beide zusammen zu sehen, macht einen alten Freund sehr glücklich.
Noch ein bisschen.
Bitte schön, Barnum.
Wollt ihr jetzt auch Kinder haben?
- Wir warten wohl noch ein bisschen. - Selbstverständlich.
- Eins nach dem anderen. - Prost.
Hallo. Toll, dass ihr gekommen seid.
Hallo.
Da seid ihr ja. Hallo, Barnum.
- Habt ihr euch in der Wohnung eingerichtet? - Ja, die wird schön.
- Danke für die Möbel. - Die standen nur herum und staubten ein.
- Hallo, Boletta. - Schön, dich zu sehen, Vivian. Komm...
- Geht es euch gut? - Sicher. Guck mal, was ich gefunden habe.
Meine allererste Kamera.
Lächeln.
Doch, lächeln.
- Ist da ein Film drin? - Der ist bestimmt unbrauchbar.
Da ist ein Film drin.
- Hast du das gemacht? - Ja.
- Als wir die Möbel geholt haben. - Das ist schön geworden.
- Was ist das? - Der Tag der Befreiung.
Das ist ja Fred. Hast du das gemacht?
Nein. Das sieht so aus, als hätte er das selbst aufgenommen.
- Hat er gesagt, warum er verschwand? - Nein, zumindest nicht zu mir.
Oh, du meine Güte...
Das ist die alte Waschmaschine.
Die steht da, seit wir eine neue gekauft haben - 10 Jahre nach Freds Verschwinden.
Er ist dort gewesen. Fred lebt.
Atme, Vera.
- Es kommt. - Anhalten!
Atmen, Vera.
Atmen.
- So, ja. - Drücken.
- Wie viele Finger? - Zehn schöne Finger hat er.
Fred!
Fred, wo bist du?
Kommst du mit auf den Dachboden und bringst Mama die Wäsche?
Wer als Letzter oben ist!
Darf ich dem Fräulein mit der viel zu schweren Last helfen?
Könnten Sie wenigstens einmal hierher schauen?
So ein Laffe.
Der hat bestimmt keinen Führerschein.
Falls er kein Handelsreisender ist.
- Vielleicht hat er kein Benzin mehr. - Das geschieht ihm Recht.
Wenn er glaubt, dass er uns mit Pomade und Auto den Kopf verdrehen kann!
Falls er aber Nylonstrümpfe verkauft, dann darf er gerne bleiben.
Danke.
Verzeihen Sie, junge Dame. Ich habe sie schon auf der Majorstua beobachtet.
Und ich konnte meinen Blick nicht von Ihnen lassen. Darf ich Sie fahren?
Ich wohne hier.
Na, dann komme ich ja im letzten Augenblick.
Darf ich...?
Vielen Dank.
Vielen Dank.
Ich heiße Arnold Nilsen. Verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit, -
- aber Sie waren zu schön, um an Ihnen vorbeizufahren.
Noch einmal Verzeihung. Ich verlor die Hand als Kind bei einem Angelunfall.
Was geht denn hier vor sich?
Das ist meine Oma. Und das ist mein Sohn Fred, zusammen mit seiner Oma.
Schön, die ganze Familie kennenzulernen. Wenn ich mich nicht irre, -
- sind das drei Mütter, zwei Omas, eine Uroma, zwei Töchter und ein Sohn.
Hast du das Auto gesehen? Das hat ein Verdeck, das man bei Regen entfalten kann.
Das startet genauso schnell wie ein Flugzeug und kommt aus Amerika.
Du kannst gerne einmal mitfahren, falls deine Mutter es erlaubt.
- Darf ich, Mama? - Wer bist du denn überhaupt?
Er hat mir nur beim Tragen geholfen. Er heißt Arnold Nilsen.
Ich habe auch noch etwas anderes aus Amerika mitgebracht, -
- was die Damen interessieren könnte.
Das sind "stockings". Aus Nylon.
Nylon kleidet jede Frau.
Das ist wahr.
- Fred ist hier gewesen. - Fred? Wann denn?
Keine Ahnung. Das ist bestimmt zehn Jahre her. Wir haben ein Foto gefunden-
- Ein Foto? - In der alten Kamera.
Zeig mal her.
- Willst du ihn nicht suchen? - Doch. Aber wo soll ich anfangen?
Er muss einen Grund gehabt haben, zu kommen. Er muss jemanden getroffen haben.
Fred!
Fred war lange Zeit alles, was ich hatte.
Ohne ihn hätte ich in den 60er Jahren in Fagerborg nicht überlebt.
Als er verschwand, habe ich mich daran gewöhnt, ohne ihn klarzukommen, -
- aber seit ich wusste, dass er wieder hier gewesen ist, ging das nicht mehr.
Ich war gezwungen, meinen Halbbruder zu finden. Ich musste Fred finden.
Übersetzung: filmtiger
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