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(Jubel, Radio-Interview über die Maueröffnung)
(Ronald) Was machst du?
Ich sitz da.
Hab das Arsen in der Hand.
- Und du? - Ich sitz auch da.
Ich bring mich jetzt um, ich leg auf.
Nein, leg noch nicht auf.
Rauchst du?
Ich lass sie gerade ausgehen.
- Komm, wir rauchen noch eine. - Ok.
Meinst du, das Arsen ist noch gut?
Kannst du einfach so weiterleben?
Ich weiß nicht.
Einfach so? Wahrscheinlich nicht.
Dann bring dich doch auch um.
Ich nehm das Arsen und du schneidest dir die Pulsadern auf.
Das ist alles ein Verrat...
- Ich versteh das nicht. - Ich cancel den Flug, Hanna.
Ich komm zu dir.
Nein.
Hanna!
- Sag was. - Nein, ich kann nicht.
Hanna.
Gib dir noch ein bisschen Zeit.
Ich bin so schwer. Ich kann mich überhaupt nicht bewegen.
- Hast du was von Joachim gehört? - Nein.
Tust du mir einen Gefallen, Hanna?
Bitte stell das Fläschchen auf den Tisch, ja?
(Melancholische Klavier-Musik)
(TV-Bericht über den Mauerfall)
(Jubelschreie aus dem Fernseher)
Wir sahen, wie sie gebaut wurde. Wir sehen, wie sie wieder fällt.
(Melancholische Klavier-Musik)
- Verlag Volk und Welt. - Ja, hier ist Hanna Flanders.
Würden Sie mich mit Joachim Rau verbinden?
- Rau. - Hallo, Joachim. Hier ist Hanna.
Hanna! Schön, dich zu hören. Wie geht's dir?
Naja, was soll ich sagen?
- Wann sehen wir uns wieder? - Ich komm nach Berlin.
- Toll! Wann kommst du? - In den nächsten Tagen.
Das hängt davon ab, wie lange alles hier dauert.
Das hätte niemand gedacht, was? Dass alles so schnell geht.
- Nein, wirklich nicht. - Wie lange bleibst du?
Ich zieh um nach Berlin.
Wie? Du ziehst um?
Naja.
Ich dachte, ich mach's wahr.
Erinnerst du dich? Wir haben oft darüber gesprochen.
Und jetzt, wo die Katastrophe perfekt ist...
Äh... ja.
Hast du dir das auch genau überlegt?
Du freust dich ja gar nicht.
Naja.
Ok.
Ich mach dann mal Schluss.
Komm, Hanna. Sei nicht albern.
Was soll denn das?
(Weint) Ich liege scheinbar auch bei dir völlig daneben.
Ich kenn mich einfach nicht mehr aus.
Hanna...
Ja, Frau Flanders! Was für eine Überraschung! Wie geht's Ihnen denn?
- Sie sehen ja hervorragend aus! - Naja, den Umständen entsprechend.
- Ich hatte viel zu tun. - Die neue Kollektion ist ein Traum!
- Kann ich Ihnen was zeigen? - Ja. Den Mantel da,
- mit den schwarzen Blättern. - Der ist was ganz Besonderes!
- Wollen sie mal reinschlüpfen? - Gerne, ja.
Kleines Momentchen, bitte. Rolf? Könntest du bitte mal eben kommen?
Ja, die Frau Flanders! Ja, das freut mich jetzt aber!
Möchten'S was probieren? Geben'S mir den Mantel. Danke schön.
Wir dachten, Sie san verschollen. Wohnen'S nicht mehr in München?
- Nicht mehr lange, sagen wir mal so. - Ach! Wo ziehen'S 'n dann hin?
- Nach Berlin. - Berlin! So eine Überraschung!
- Und das trauen Sie sich so? - Das ist aber schade!
Da haben wir Sie ja gar nicht mehr in München. Darf ich mal eben?
Der Mantel ist wirklich ein Traum. Den Kragen können Sie abnehmen.
Sieht aus, als ob das DIOR für Sie gemacht hat, wirklich.
Ich nehm ihn.
(Musik)
- Wo waren wir stehen geblieben? - Du sagtest, man hat dich im
kommunistischen Teil Deutschlands vielmehr geschätzt als im Westen.
Und dass du nicht begreifen kannst, was hier im Moment vor sich geht.
Für mich ist das Ganze ein ziemlicher Tiefschlag. Ich bin sehr deprimiert.
Jetzt frisst die Konsumgesellschaft uns alle.
Ich versteh genau, was du meinst. Aber es wird ein paar Wenige geben,
- die übrig bleiben, meinst du nicht? - Ich weiß nicht. Ich weiß nicht,
ob mich das jetzt noch interessiert. Mich macht es krank zu sehen,
wie diese Einheitsmenschen sich hier breit machen. Es ekelt mich an,
wie die in den Unterhosen wühlen! Mir wurde jetzt erst, schlagartig,
die deprimierende Wahrheit bewusst: Die kämpfen für Mon-Cheri-Pralinen!
Und damit sie sich West-Tampons, Colaflaschen und Bananen in ihre
Fotze stopfen können! Die kämpfen doch nicht im Sinne von Lenin
für die Wahrheit! Diese Menschen haben doch jede Achtung
- und Selbstachtung verloren! - Und was ist die Wahrheit?
Deiner Meinung nach? Im Sinne von Lenin?
- Kann man das denn heute noch so... - Die Wahrheit.
Die Wahrheit!
Die Wahrheit ist, dass hier die Verunstaltung zum Gebet wird.
Kannst du das ein bisschen genauer definieren?
Die Wahrheit ist, dass ich keinen Traum mehr habe.
Ich habe an Lenin geglaubt. Wenn ich jetzt zugeben müsste,
dass Lenin nicht Recht hatte, sondern der schmarotzerische Pöbel,
der sich hier breit macht, dann hat das Leben keinen Sinn mehr für mich.
Du bist eine große Ausnahme. Kaum jemand fühlt sich durch
die Öffnung der Mauer so persönlich angegriffen wie du.
Hat es vielleicht auch damit zu tun, dass die westdeutschen Verlage
seit geraumer Zeit deine Manuskripte ablehnen?
- Glaubst du, das tangiert mich? - Es ist ja nur eine Frage.
Aber so ganz spurlos kann es ja nicht an einem vorbei gehen.
Dein Roman "Heilig Blut" sucht seit Jahren einen Verleger.
Das ist ein Boykott der Herren vom Rowohlt-Verlag. Die arbeiten,
das ist ja bekannt, ganz eng mit dem CIA zusammen. Die lehne ich ab.
Ich lehne jede Veröffentlichung in der Bundesrepublik ab.
Ich verachte diese Kulturfaschisten! Aber meine finanziellen Mittel
erlauben es mir im Moment nicht, ins Ausland zu ziehen.
Sonst wär ich längst wieder in London oder Paris. Berlin muss reichen.
Du siehst sehr traurig aus, Hanna. Gibt es die Angst,
menschlich und/oder literarisch zu scheitern?
Meine Trauer lässt sich nicht lokalisieren.
Auch die Verbalisierung meines Hasses ist nur äußere Rhetorik.
Die ganze Verletztheit kommt von ganz tief hier drinnen.
Da wird ganz unbarmherzig ein Resumée von meinem Leben gezogen,
von meiner Liebe und Verständnis für Kunst.
Und da werden die Chancen abgewogen, ob oder ob nicht.
Was meinst du mit "ob oder ob nicht"?
Ob ich weiter schreiben soll, bis man mir endlich den Büchner-Preis gibt
oder ob ich irgendwann auf dem Markt Blumen verkaufe,
was ich mir durchaus auch vorstellen kann.
Es ist schön, dich lächeln zu sehen.
- Können wir hier auch auszuräumen? - Ja. Fangen Sie mit den Regalen an.
Ich will dich nicht länger aufhalten. Ich danke dir für dieses Gespräch.
Ich werde an dich denken. Viel Glück in Berlin.
(Melancholische Klavier-Musik)
Ja, hier ist Hanna Flanders. Ist Joachim Rau jetzt da?
- Nein. - Immer noch nicht.
Ich würde nur gern wissen, ob mich morgen jemand am Flughafen abholt.
Joachim ist nicht da. Sollte er es nicht schaffen,
- wartet jemand vom Verlag auf Sie. - Gut, danke. Auf Wiederhören.
Also, Frau Flanders. Wir sind fertig. Wir fahren dann morgen früh los.
Ach ja.
- Das ist für Sie und Ihre Kollegen. - Danke.
Wenn Sie bitte hier noch unterschreiben würden.
- Das ist aber sehr teuer geworden. - Ich mach die Preise nicht.
Also, noch mal danke schön. Auf Wiedersehen.
(Melancholische Klavier-Musik)
- Hallo, Mama. Wie geht's? - Hallo.
Komm rein.
Hier sieht's schlimm aus. Kommen zu nix.
Wir sind den ganzen Tag im Ostteil rumgelaufen. Das ist ein feeling!
Das ist so geil! Unglaublich, echt!
- Seit wann bist du hier? - Seit heut Nachmittag.
- Wo wohnst du? - Wie immer, im EXCELSIOR.
Aber nur für eine Nacht.
- Wie lange bleibst du denn? - Für länger.
- Was heißt das? - Ich ziehe vorübergehend hierher.
Echt? Ist ja toll.
- Wie hat sich das denn ergeben? - Die letzten Male, die ich hier war,
hat es mir immer sehr gut gefallen. Und mein Freund hat mich gefragt,
ob ich zu ihm kommen will.
Du hast einen Freund hier?
Das ist ja super! Willst du dich nicht setzen?
Wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen. 3 Jahre.
Kann sein.
Und... was machst du?
Schreibst du... schreibst du an einem neuen Roman?
Hm.
Erscheint der wieder bei Rohwolt?
Für die schreib ich nicht mehr. Die haben mich reingelegt.
Ich bin denen zu links.
Und du? Was machst du?
Versuchst du auch noch, zu schreiben?
Was heißt: versuchst? Natürlich schreib ich!
Wie meinst du das überhaupt, ob ich's versuche?
Das war doch nicht abwertend gemeint! Aber du hast mir doch erzählt,
- dass du alles weggeschmissen hast. - Das war, als ich auf Speed war.
Ich bin nicht mehr so selbstzerstörerisch drauf.
Wie geht's deiner Frau? Du bist doch mit dem Mädchen verheiratet?
Gut. Sie muss jedem Moment kommen.
Sie ist joggen, um ihre Aggressionen loszuwerden.
Wir rauchen nämlich seit der Maueröffnung nicht mehr.
Das wär nichts für mich.
Sag mal... Was ich dich fragen wollte:
Kannst du mir Speed besorgen?
Nein. Wie kommst du überhaupt dazu, mich so was zu fragen?
Entschuldigung. Früher warst du stolz, mir was besorgen zu können.
Ich möchte damit nichts mehr zu tun haben, ok? Frag mich das nie wieder!
Ok, ist ja schon gut.
Stell bitte das Rauchen ein! Hier wird nicht mehr geraucht.
Entschuldige, ich bin ein bisschen aggressiv. Das ist halt wegen...
Ich rauche halt nicht mehr. Tut mir Leid.
(Tür wird geöffnet) Das ist Isa. Ich geh und mach auf.
- Wo steckst du denn? - Was ist denn los?
Mutter ist da.
Hallo.
- Wie geht's denn? - Hallo.
Schön, dass du uns mal besuchst.
Schade bloß, aber wir müssen gleich wieder weg. Wir sind eingeladen.
Ein Nachmittagsbrunch im Osten. Paar Leute.
Na, jedenfalls müssen wir gleich wieder los. Stimmt's, Liebling?
Können wir dich nicht mitnehmen? Wo musst du denn hin?
Ach, ich glaub, ich fahr jetzt wieder zurück ins Hotel.
Du kannst ja mit uns mitkommen. Wir setzen dich eben da ab.
Nein, ist nicht nötig. Nein, lass nur.
Schönen Mantel hast du an.
Ja, findest du?
- Guten Abend, Frau Flanders. - Guten Abend, Harry.
Ich habe fast alle Ihre Bücher gelesen!
Wirklich? Das freut mich.
Oh, ich habe sie alle gelesen! Ich bin eine Leseratte!
- Ist eine Nachricht für mich da? - Tut mir Leid, es ist nichts da.
Selbstverständlich sage ich Ihnen sofort Bescheid.
- Meinen Schlüssel, bitte. - Naturellement.
- Danke, Harry. Gute Nacht. - Ihnen auch.
Nehmen Sie doch noch einen Drink in der Bar.
Geht selbstverständlich auf Kosten des Hauses.
Vielen Dank.
Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?
Bitte, gern.
- Zoltan Quais. - Hanna Flanders.
Dieses Hotel ist so leer.
Alle sind auf der Straße.
Ich bin ganz froh, dass hier nicht so viel los ist.
Ich auch.
Und was machen Sie hier?
Ich bin hier auf einer Modemesse im ICC. Und Sie?
Was soll ich sagen? Ich bin wegen der politischen Ereignisse hier.
- Wollen wir es mal so nennen. - Lassen Sie mich raten.
Sie sind bestimmt Journalistin.
Beinahe. Es kommt ungefähr hin. Ich bin Schriftstellerin.
Oh!
Ähm...
Auf unser Kennen lernen. Cheers!
Cheers.
Sie sind der Erste, der nicht auf die Maueröffnung anstößt. Danke.
Wieso sollte ich?
Das wäre nicht besonders stilvoll.
Ich kann Ihnen ansehen, dass Sie darunter leiden.
Wieso? Woran merken Sie das?
Instinkt.
- Möchtest du was aus der Minibar? - Nein, danke.
Am besten, wir machen das jetzt gleich mit dem Geld.
- Es kostet 400 Mark. - Ok. Einen Moment.
Danke.
(Musik)
Soll ich mich auch ausziehen? Ich weiß nicht, was ich machen soll.
(Musik)
Komm her.
Ich, ich...
Hab keine Angst.
- Du gefällst mir. - Ich weiß nicht. Ich fühl mich so...
Schschsch...
Ist eine Perücke.
Ich weiß.
Aber das ist nicht schlimm.
Das ist alles nicht schlimm.
Entspann dich. Sei ganz ruhig.
Es gefällt mir mit dir. Ok?
Komm, leg dich hin.
Guten Morgen, Frau Flanders. Sie sehen ja blendend aus!
Und Ihr Mantel! Einfach Klasse!
- Vielen Dank. - Was gedenken Sie zu tun?
- Ein wenig Zerstreuung? - Vielleicht rausgehen.
Ja! Unbedingt hinausgehen!
Das Leben wartet auf Sie!
Sie müssen es einfach nur genießen!
Das stimmt. Auf Wiedersehen.
Ach! Das hab ich fast vergessen.
- Für Sie. - Danke.
- Einen wunderschönen Tag noch! - Wünsch ich Ihnen auch.
"Liebe Hanna! Tut mir Leid, dass ich dich nicht abholen konnte.
Ich hab's nicht geschafft. Bitte melde dich. Liebe Grüße, Joachim"
(Betrunkenes Gejohle, Gläserklirren)
(Lallt) Hanna! Was machst du denn hier?
Hallo, Joachim.
Wie... wie... was... Du jetzt schon hier?
- Ich hab dein Fax bekommen. - Mein Fax? Fax! Wer faxt hier?
- Deine Sekretärin hat es abgetippt! - Nein, ein Standard-Fax!
Meine Sekretärin kann gar nicht schreiben!
Entschuldigung! Wir sind hier alle 'n bisschen...
- Wie lange bleibst du? - Ich hab meine Drohung wahr gemacht.
Meine Möbelwagen stehen bereits kurz vor Berlin.
Ach...
- Wie bist du denn darauf gekommen? - Ich dachte, du freust dich.
Guck mal!
Das ist doch die Flanders! Dich kenn ich doch!
Du bist doch diese verwöhnte Kuh aus dem Westen, oder?
Außer Champagnerpartys in Moskau hat die doch nichts von unserer
politischen Wirklichkeit verstanden! Die hat an die Scheiß-DDR geglaubt!
Das waren die Einzigen, die ihren geistigen Dünnschiss gedruckt haben!
Ja, ist ja gut. Ich wollt's ja nur mal sagen!
Hanna. Mann! Hanna!
Du kannst jetzt hier nicht gehen! Mann!
Hör mal! Entschuldige, das war 'n bisschen dicke!
Ja, gut, ich hab einen im Tee! Das geht hier schon seit 2 Tagen so!
Es war vielleicht keine so gute Idee, dass ich hier aufgetaucht bin.
Komm! Sei nicht sauer. Ist ja gut. Was hast du denn erwartet?
Ich weiß, man soll am besten gar nichts von irgendjemandem erwarten!
Aber ich bin auch ein bisschen wegen unserer damaligen Gespräche hier!
- Du kannst dich wohl nicht erinnern. - Du, ich kann mich erinnern.
Ich kann bloß mein Versprechen nicht mehr einlösen. Die Zeiten
- haben sich dramatisch geändert. - Das klingt wie ein Satz aus einem
- schlechten Film über die Nazizeit. - Ja, aber es ist so!
Außerdem, ich... ich weiß, dass ich dir versprochen habe,
dich bei mir unterzubringen. Aber das geht nicht mehr.
Ich... leb nicht mehr alleine. Ja.
Außerdem: Kann ich ahnen, dass du hier völlig unangemeldet
- mit Sack und Pack aufkreuzt? - Nein, natürlich nicht.
Ach, da seid ihr ja! Hattet ihr 'nen guten Flug?
- Hanna... Ach, ihr kennt euch ja! - Natürlich kenn ich Hanna Flanders!
Ich habe sie schließlich entdeckt, als wir noch jung und schön waren!
- Aber ich glaube, sie ist mir böse. - Ach, wieso denn?
- Ich kann sie nicht mehr verlegen. - Ich glaube, ich muss jetzt gehen.
Mach's gut, Joachim.
Frau Flanders!
Wissen Sie noch, wer ich bin?
Nein, tut mir Leid. Ich kann mich nicht erinnern.
Wir haben oft miteinander gesprochen. Als Ihr 1. Buch bei uns herauskam.
Ach, wirklich! Entschuldigung, ich kann mich im Moment nicht erinnern.
Ach, das macht nichts. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?
- Zu wem wollen Sie denn? - Kann ich mich irgendwo setzen?
Ich hab kaum geschlafen und einen Umzug hinter mir, aber keine Wohnung.
Die Wohnung, die man mir zugesichert hatte, das ist leider geplatzt.
Jetzt bin ich mit all meinen Sachen hier. Aber ich weiß nicht, wohin.
Wir gehen jetzt erst mal zu mir rein. Ich hab gerade 'nen Kaffee gemacht.
Oh ja, Kaffee! Das tut gut.
Der Kaffee ist wirklich sehr gut.
Da ist was drin, was ich sehr mag. Das erinnert mich an etwas.
Zichorie.
Das ist Zichorienkaffee.
Den haben wir hier immer getrunken, weil's keinen richtigen gab.
Ach ja. (Weint)
Es geht schon wieder.
- Ich muss jetzt gehen. - Wo wollen Sie denn hin?
Das kommt überhaupt nicht infrage! Ich lass Sie nicht gehen!
Der Verlag hat eine Autorenwohnung. Die liegt zwar nicht sehr zentral,
aber das ist ja vielleicht fürs Erste ok.
Ach ja, da könnt ich rein?
Sie liegt, wie gesagt, etwas weit draußen und ist nicht sehr schön.
Das macht nichts. Das macht überhaupt nichts.
(Melancholische Musik)
Ich bin sehr gespalten, was meine Gefühle angeht. Da weiß man nicht,
ob das alles gut ist. Außerdem vertrage ich keine Massenaufläufe.
Naja, vielleicht soll man nicht so viel fragen.
Vielleicht muss man sich einfach mitreißen lassen.
- Ich rauch Kette. - Ich auch.
Mein Gott! Ich wusste nicht, dass es hier jetzt so aussieht!
Komm, wir fahren wieder.
Du musst nicht hier bleiben. Ich bring dich bei mir unter.
- Nein, nein. Es geht schon. - Sicher?
Ich muss für 3 Tage nach Dresden.
Wenn ich zurückkomm, hol ich dich sofort hier raus.
- Hältst du's so lange hier aus? - Ja, klar.
- Wirklich? - Klar.
- Also dann. Ciao. - Ciao. Und vielen Dank.
- Schon gut. Ich mag dich sehr gern. - Ich dich auch.
- Wir finden eine Lösung, ja? - Hm. Ciao.
(Melancholische Musik)
(Gelächter, Unterhaltung)
- Was darf's denn sein? - Das gleiche wie alle.
- Auf Ihr Wohl. - Auf Ihr Wohl.
- Ich bin der Dieter. Prost. - Prost. Hanna.
Du bist ja ganz schön trinkfest.
Ich hab schon so manchen Russen untern Tisch gesoffen.
- Du weißt, dass ich dich kenne? - Nein, wusst ich nicht.
Du weißt, dass du in unserm Land ziemlich bekannt bist, oder?
Das schon eher, ja.
- Ich habe alle deine Bücher gelesen. - Was, ehrlich?
Am besten war dein Letztes. Der Selbstmord deiner Schwester.
- Und wie es dazu kam. - Das freut mich wirklich.
Das mochten die wenigsten. Den meisten Leuten war das zu hart.
Nein, nein. Das hat mich echt betroffen gemacht!
Vor allem...
über...
Das war ein echt ergreifendes Portrait von der Barbarei
der zwischenmenschlichen Beziehungen.
Woher weißt du, dass es meine Schwester war?
Das hab ich recherchiert, weil ich das Buch mit in den Unterricht nahm.
- Du bist Lehrer. - Deutsch und Geschichte.
Hier an der Schule. Fatale Mischung.
Na, dann prost. Auf die fatale Mischung.
Ich wusste gar nicht, dass du so hübsch bist.
Danke.
Und? Wie findest du so das Ganze?
Ach, wie soll ich's schon finden? Ich leb so oder so.
Ich halt mich an andere Sachen.
Na, und wie findest du's so?
Naja, ich find das Ganze ziemlich deprimierend.
Na, das brauchst du doch nicht, hm?
Brauchst du doch wirklich nicht. Komm, wir trinken noch einen.
Gregor, schenk noch mal nach! Du, das hab ich gleich gesehen,
dass du nicht glücklich bist. Na, so was sehe ich sofort.
Vielleicht kann ich dich ja glücklich machen.
Hey! Auf die tollste Frau hier!
Auf die tolle Hanna! (Beifallsschreie)
Hallo! Du gehst ja ganz schön ran! Mein lieber Scholli!
Das Leben ist kurz, Hanna! Auf deine Brüste!
Du hast echt schöne Brüste!
Ich fass mal an, ja?
- Komm, hör auf. - Warum denn? Das gefällt dir doch!
- Nein! Hör auf! Nimm die Finger weg! - Komm, jetzt hab dich nicht so!
Dich hat doch bestimmt schon lang keiner mehr angefasst, oder?
- Woher willst du denn das wissen! - Ach, komm schon! Ist schön!
Du musst dich bloß dran gewöhnen. Lass dich einfach gehen!
- Sagen Sie dem, er soll aufhören! - Lass die Frau in Ruhe, Dieter!
Schnauze! Sag mal, spinnst du? Was rufst du den da um Hilfe?
Ich hab dich nicht gebeten, mich anzufassen!
Also lass mich gefälligst in Ruhe!
Sag mal, du bist 'ne ganz blöde Fotze, verstehst du?
Sei froh, wenn dich hier überhaupt noch mal jemand anfasst! Ja!
Schau dich doch an! Du alte Kuh!
Ach, da glotzt du hier! Mit deinen Hängetitten!
Hanna Flanders! Seit 20 Jahren nur Scheiße geschrieben!
Du kleiner Lehrer! Niemand hat dich hierher gebeten!
Also geh wieder dahin, wo du herkommst!
(Heftiger Streit)
Lass die Frau in Ruhe, sonst bekommst du es mit mir zu tun!
(Wirt) So'n Arschloch!
Immer dasselbe!
- Der ist ja total durchgeknallt! - Kann ich mir gar nicht vorstellen.
Hallo, warten Sie! Wohin wollen Sie denn? Kommen Sie doch mit zu uns!
Der lässt Sie in Ruhe! So was darf nicht passieren an solchen Tagen!
- Trinken Sie doch mit uns noch einen! - Ich gehe jetzt besser.
- Ich hatte einen langen Tag. - Einen müssen Sie noch mittrinken!
Auf das Verstehen und dass wir uns wiedervereinigen!
- Auf die Wiedervereinigung! - Auf das Verstehen.
Aber nicht böse sein. Der Dieter ist nur betrunken.
- Der ist sonst ganz lieb. - Ich versteh das auch nicht.
Ich kenn den aus der Schule. Das muss 'n Aussetzer gewesen sein!
- Also dann, ciao. - Wiedersehen.
- Tschüss. - Wiedersehen.
(Melancholische Klavier-Musik)
Ein Albtraum ist das. Das ist ein Albtraum.
Jetzt kann ich nicht mal mehr schlafen.
Und die Menschen gehen in Kleidern schwankend über'n Kies spazieren
unter diesem großen Himmel, der von Hügeln in der Ferne
sich zu fernen Hügeln breitet.
(Jazz-Song aus dem Radio)
'n heißen Kaffee, bitte, Hans.
Hallo.
Hallo.
- Was ist denn mit Ihnen? - Oh, entschuldigen Sie.
- Ich muss schrecklich aussehen. - Ja, Sie sehen schrecklich aus.
Aber so sehen wir alle mal aus. Das macht doch überhaupt nichts.
Ich konnte nicht schlafen. Ich war die ganze Nacht wach.
Die Wohnung, in der ich bin, die sieht so schlimm aus.
- Ich konnt da nicht bleiben. - Kommen Sie doch mit zu mir!
Ich hab 'ne große Familie. Einer mehr oder weniger stört da nicht.
- Naja. Wenn Sie Familie haben... - Ach, die sind das gewöhnt.
- Kommen sie mit, ja? - Ich bin sehr erschöpft.
Ich glaub, ich muss schlafen. Ich wollte schon ein Taxi rufen.
Zum Hotel. Aber ich fürchte, ich hab nicht genug Bargeld.
- Gibt es eine Bank in der Nähe? - Sie kommen erst mal mit zu mir.
Sie schlafen und ruhen sich aus. Dann mach ich Ihnen was zu essen.
Dann lernen sie meinen Mann kennen. Und meine Kinder und meine Verwandten
- aus Witterda, die gerade da sind. - Aus Witterda!
- Da kommt meine Mutter ist auch her! - Sie sind Thüringerin?
Nein, ich... komm aus Nürnberg.
Aber meine Mutter ist dort aufgewachsen.
Ach, ist ja komisch. Ich komm auch daher.
Kommen Sie mit nach Hause.
Ist schön bei uns.
(Musik)
So, jetzt wird geschlafen.
- Nein, ich muss mir aussuchen! - Aussuchen? Wieso denn das?
- Die 3 nehm ich und die leg ich weg. - Ist ja in Ordnung...
(Alle reden durcheinander)
Hast du schön geschlafen? Zieh dir mal den Bademantel drüber.
Ich kann mich doch so nicht an den Tisch setzen.
Bei uns brauchst du dich doch nicht zu verstecken. Setz dich hin.
Jetzt stell ich euch erst mal vor. Das ist Hanna, das ist mein Mann.
- Ich bin der Mann. - Sag mal deinen Namen!
- Alfons. - Unsere Nachbarn Irene und Dietmar.
Meine Schwester Claudi. Ihr Mann Horst.
Das sind meine Kinder. Sagt mal guten Tag.
- (Alle Kinder) Guten Tag! - Oh, die ganze Schokolade!
- Möchtest du 'n Tee? - Ja, gerne.
- Ich bin schon im Tee. - Carmen hat erzählt, Sie stammen
- ursprünglich aus unserer Gegend? - Ja, das stimmt.
- Ja, aus Witterda! - Aus Witterda!
- Was hat Sie hierher verschlagen? - Ach, das ist 'ne lange Geschichte.
Naja, jetzt ist sie "witter da"! (Lautes Lachen)
Alter Kasperkopf! Mensch, lass den Quatsch.
- Galgenhumor. - Kasperkopf.
- Das ist die Freiheit. Prost! - Auf die Freiheit!
Für uns fängt det Leben ja gerade erst an! Jetzt sind wir frei, oder?
(Alle) Prost!
- Was sind Sie denn von Beruf? - Ich bin Schriftstellerin.
- Ach, ehrlich? - Aus München.
- Aus München? - Ist doch nicht so schlimm.
Sie hat im Moment keine Heimat! Macht euch nicht über sie lustig!
Man wird sich doch noch 'n bisschen unterhalten dürfen!
Klar kann man sich unterhalten! Lass sie doch erst mal in Ruhe!
- Sie ist die ganze Nacht rumgeirrt! - Ist schon gut. Was machen Sie?
Ich bin Setzer. Ich arbeite drüben in der Druckerei.
- Der war mal Journalist! - Und kein schlechter,
- bis sie ihn gefeuert haben! - Da müssen Sie im Plenum sein!
- Die ganze Kulturkacke! - Hol mal 'ne Geschichte!
(Alle reden durcheinander)
- Alles in Ordnung? - Ich komm gleich.
Na gut.
- Und ich hinterher! So schnell... - In die Pianobar! Ich wollte rein,
da sagt der Arsch: Gegessen und getrunken wird zu Hause!
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für 'n Befreiungsschlag ist!
- Jahrelang war das Denken verboten! - Da hat er aber Glück gehabt!
(Lautes Lachen)
Stell dir mal vor, wie das ist! Ich hab wirklich gedacht,
wir haben die Freiheit und die Wahrheit verloren!
- Ja, aber die ist in uns! - Eines Tages ist sie ausgebrochen.
Und deshalb sind wir so glücklich! Das ist wie ein Rausch, das Ganze!
- Meint ihr, dass das anhält? - Warum nicht?
- Daran hab ich noch nicht gedacht. - Du scheinst ja nun nicht gerade
- sehr begeistert darüber zu sein. - Es hat mich aus der Bahn geworfen.
Aber ich will euch eure gute Laune nicht verderben.
- Man ist viel zu selten glücklich. - Was hat dich aus der Bahn geworfen?
- Du bist ganz schön neugierig! - Ich kann ja wohl mal fragen!
Was soll das jetzt hier?
Für mich war der Kommunismus bei euch wie eine heile Welt.
Ich hab sehr unter den Verhältnissen im Westen gelitten
seit meiner Rückkehr aus England.
Und ich hab immer öfter daran gedacht, nach Ost-Berlin zu ziehen.
Mit 'm West-Pass in der Tasche!
Jetzt ist alles zusammengebrochen. Ich fühl mich auch,
- als wär ich zusammengebrochen. - Was denn! Fängt doch erst an!
Das wird schon wieder.
Man sollte sich einfach nicht so beschissen ernst nehmen.
- Genau, genau! - Jetzt haste wieder neue Freunde!
Scheiß-Kommunismus hin und her, wir alle sind Menschen!
Ost-Menschen, aber immerhin, wa?
Macht doch mal die Scheiß-Kiste leiser!
- Ist das nicht gemütlich bei uns? - Ja. Ich fühl mich das 1. Mal wohl.
- Darauf trinken wir noch einen. - So, also gut.
Du bleibst noch 'n bisschen bei uns, oder? Ja?
Freilich bleibt sie. Ich lass sie doch in dem Zustand nicht gehen.
- So einen wertvollen Menschen. - Nein! Du bleibst bei uns!
- Ab heute, da gehörst du zu uns! - Das werden wir besiegeln!
(Alle) Prost! Auf dich, Hanna!
Ronald? Ich bin's, Hanna. Es ist schief gegangen.
Ich hab kein Geld mehr. Ich muss nach München zurück.
Ich nehm den nächsten Zug.
Wo warst du heute Nacht? Wo hast du geschlafen?
Bei einer Familie, bei ganz süßen Leuten.
Ganz weit draußen ist Ost-Berlin. Die waren so lieb!
Die waren so süchtig danach, dass endlich was passiert in ihrem Leben,
dass sie frei sind. Die wollten sogar, dass ich bleibe.
- Warum bist du nicht geblieben? - Was soll ich denn da?
Ich hab doch keine Chance!
Ich hab doch überhaupt keine Chance! Das sind doch ganz andere Menschen!
Was hab ich denn damit zu tun? Ich hab da überhaupt keine Chance!
(Dramatische Musik)
Ja, Hannerle!
Das nächste Mal musst du deinem Papa aber sagen, bevor du kommst,
damit er dich wenigstens abholen kann.
Ich versprech's.
- Willst du vielleicht einen Wein? - Gerne.
Papa, schenk ihr doch mal ein. Wie lange bleibst du?
Ich? Heute Nacht, morgen vielleicht noch.
Du siehst aber gar nicht gut aus. Du bist so dünn und schmal geworden.
Wie kommt das? Isst du zu wenig?
Ich rauche zuviel. Ich arbeite zuviel.
Wir haben versucht, dich anzurufen, als die Nachricht vom Mauerfall kam.
Wir wollten hören, ob bei dir nun endlich der Groschen gefallen ist.
Aber du warst ja nicht zu Hause. Du hast das Telefon nicht abgenommen.
Aber sicherlich hast du deine Gründe gehabt.
Es lohnt nicht zu streiten, Mama.
Dein Gegner ist viel zu schwach.
Aber bitte! Wir streiten doch gar nicht!
Was ist denn das für eine Einstellung?
Ich will nur wissen, wo du die ganze Zeit warst.
Zu Hause, wenn's dich genau interessiert. Ich hab das Telefon
- leise gestellt und nicht abgehoben. - Hast du gehört? Sie war zu Hause
und hat nicht abgenommen! Wir haben uns doch Sorgen gemacht!
Woher sollten wir denn wissen, ob du dich nicht gerade umgebracht hast!
- Wie kannst du so etwas sagen! - Ihre Schwester hat's ja auch getan!
Trudl, bitte! Reg dich nicht auf!
Hör erst mal, was sie zu sagen hat.
Außerdem trinken wir erst mal darauf, dass sie wieder da ist!
Prost, Hanna.
Prost. Auf dass wir dich endlich wieder mal zu Gesicht bekommen haben!
Nimmst du immer noch so viel Tabletten? Du hast schon wieder
diesen harten Gesichtsausdruck. Noch einen Aufenthalt zahlen wir nicht,
wenn du noch mal auf Entzug musst. Du hast dich auch immer noch nicht
krankenversichern lassen! Wir sind nicht bereit, diese
- astronomischen Summen zu zahlen! - Ich hab sie runtergesetzt.
- Ich nehm nicht mehr viel. - Jedenfalls ist sie erst mal da.
Sie kann sich ein paar Tage ausruhen. Kommst du direkt aus München?
Sag doch gleich, was du willst! Ohne Grund kommst du doch nicht hierher!
Also, so kann ich nicht reden. Mama übt schon wieder Druck aus.
- Das hat doch gar keinen Sinn. - Ja, das stimmt.
- Lass sie doch erst mal ankommen. - Willst du mir Vorschriften machen,
wie ich mich zu verhalten habe?
Also gut, Mama. Du hast Recht. Ich brauche Geld.
Ich bin vollkommen pleite. Ich wollte nach Berlin ziehen.
Dabei ist mein ganzes Geld drauf gegangen. Es hat nicht geklappt.
Wenn ihr mir kein Geld gebt, verlier ich die Wohnung in München.
Ich kann mir nicht mal mehr Zigaretten kaufen.
Den Vorschuss für mein neues Buch bekomme ich erst nächstes Frühjahr.
Dann kann ich euch einen Teil zurückzahlen.
Was heißt das, du wolltest nach Berlin ziehen? Warum?
Das ist nun wirklich sekundär.
Du hast das nicht zu bestimmen, wenn ich dich etwas frage!
Es war was Privates, ok? Es hat nicht geklappt.
Meine Situation hat sich dadurch nicht verändert.
- Wieviel brauchst du? - 10.000 Mark.
Das kommt ja überhaupt nicht infrage!
Ich bring jetzt mal mein Zeug hoch. Oder soll ich gleich wieder gehen?
Hannerle! Mama meint das nicht so! Die ärgert sich, weil du nur kommst,
- wenn du was willst. - Mein Gott, ich bin in Not!
- Na, lass sie doch gehen! - Das kannst du doch nicht machen!
- Sie ist unsre Tochter! - Und du bist und bleibst eine Memme!
Hannerle, bitte! Geh jetzt nicht!
Das kannst du deinem alten Papa nicht antun.
Geh jetzt erst mal nach oben und warte, bis sich alles beruhigt hat.
Ich rede mit deiner Mutter. Die meint es nicht so.
Ok, Papa. Ich geh rauf ins Zimmer. Ich bin müde. Sag Mama,
- ich vertrage jetzt kein Theater. - Kindchen, geh nach oben.
- Wir finden schon eine Lösung. - Ok, Papa.
(Melancholische Musik)
Papa, ich muss einen Moment mit dir sprechen.
Hast du einen Moment für mich Zeit?
Papa, ich halt es auf keinen Fall aus, hier zu wohnen!
Ich muss zurück nach München! Ich halt es keine Minute länger aus!
- Du musst mir Geld geben! - Kindchen, beruhig dich.
Nein, Papa! Es geht auf keinen Fall! Ich muss weg hier, und zwar sofort!
Ich muss nach München zurück! Ich weiß nicht, was sonst passiert!
- Also, kannst du mir Geld geben? - Wieviel brauchst du denn?
- Alles, was du im Moment da hast. - Hier sind 500 Mark.
Reicht das fürs Erste?
Für die ersten Tage müsste es reichen.
Ich muss die Wohnung wieder kriegen. Vielleicht ist sie ja noch nicht weg.
Vielen Dank, Papa! Das werd ich dir nie vergessen.
Einer muss es doch tun. Du weißt ja, was auf mich zukommt,
- wenn ich dich einfach gehen lasse. - Sag einfach, ich wär weg gewesen.
Ich wär einfach abgehauen. Das glaubt sie dir schon.
Ciao, Papa!
Hanna! Hanna!
Bruno!
Was machst du denn hier? Warst du bei deinen Eltern?
Und du? Was machst du denn hier?
- Mein Bruder hatte Geburtstag. - Peter?
Es ist aberwitzig, dass ich dich hier ausgerechnet treffe!
Ich hab in den letzten Tagen sehr viel an dich gedacht.
- Wirklich. - Ja, ganz komisch.
Ich habe mich erinnert, wie wir in Iffeldorf waren.
Wie du den Jungen das erste Mal gebadet hast und lauter so Sachen.
Ganz komisch war das.
Geht's dir gut?
Mich hat die Maueröffnung ziemlich durcheinander gebracht.
Komm, lass uns was trinken gehen. Wann fährt dein Zug?
Ich hab Zeit.
Na, dann komm. Gehen wir.
2 Wodka, bitte. Doppelte. Außer, dass du ein bisschen älter
geworden bist, hast du dich eigentlich überhaupt nicht verändert.
Es liegt an der Schminke. Weil ich mich seit 30 Jahren gleich schminke.
Du verwechselst wahrscheinlich meine Schminke mit mir.
Eine Perücke hattest du damals auch nicht.
- Du hattest auch mehr Haare. - 'n kleines Wäldchen hab ich noch.
- Reicht dir das nicht? - Doch.
- Auf diese blöde Stadt. - Auf diese blöde Stadt.
Noch 2 Doppelte, bitte.
Oder?
Hättest dich ja auch mal melden können. Themen gibt's genug.
Unser gemeinsamer Sohn, zum Beispiel.
Das stimmt schon.
(Melancholische Musik)
Für mich wird es langsam Zeit. Was hast du denn jetzt vor?
Ich weiß nicht. Ich nehm den nächsten Zug, nach München zurück.
Weißt du was? Komm einfach mit mir mit!
Fahr mit mir nach Darmstadt.
Ok, ich komm mit.
Ok, dann gehen wir.
Hast du Eis da? Wo ist die Küche? Ich brauch Gläser.
Ja, warte! Gleich! Hol ich!
- Wo ist die Küche? - Da!
(Lacht) Was gibt's denn da zu lachen?
Pflaumenmus, Margarine, diese komische thüringische Rotwurst,
ein Graubrot. Du hast immer noch exakt das Gleiche im Kühlschrank.
Ich hasse eben Veränderungen. Wenn sich etwas verändert,
versuche ich, wie du siehst, alles, damit es wieder so wird, wie es war.
(Song "Devil in Desgise")
Uns wurde übel mitgespielt.
Jetzt geht's uns besser.
- Jetzt sind wir wieder. - Ja, jetzt sind wir wieder.
Darauf, dass wir wieder sind.
Und diese Perücke? Wann nimmst du sie endlich ab?
Überhaupt nicht. Das wär der äußerste Grad an Nacktheit.
Behältst du sie auch an, wenn du mit jemandem schläfst?
Die lass ich sogar im Grab auf.
Wenn ich vor dem Jüngsten Gericht stehe. Wenn ich in die Hölle fahre.
Meinen schlimmsten Feinden würde ich diese Nacktheit nicht zumuten.
Selbst Gott nicht.
Und wenn Lenin... dich darum bitten würde?
Dann würd ich sie abnehmen.
Ich bin Lenin!
Siehst du nicht, dass ich ER bin?
Jetzt zieh endlich das dämliche Ding aus.
Das kann ich doch nicht machen. Ich sehe hässlich aus ohne das Ding.
- Wie die Frau aus "Naked Kiss". - Du siehst nicht hässlich aus.
Du hast noch nie hässlich ausgesehen.
Selbst, wenn du nur ein Bein hättest, wärst du noch schön für mich.
Ich glaub dir nicht.
Ich weiß, dass du mir nicht glaubst. Du hast mir nie geglaubt.
Du hast immer den einsamen Helden gemimt.
Wie sollte ich dir da glauben als junges Mädchen?
Du bist kein junges Mädchen mehr.
Du bist alles andere als ein junges Mädchen.
Was meinst du damit? Meinst du damit, dass ich dir jetzt glauben sollte?
Warum machst du das?
Ich liebe dich.
Ich hatte, im Gegensatz zu dir, nie Angst vor dem Älterwerden.
Woher weißt du, dass ich Angst habe?
Dich kenn ich viel zu genau.
Ich spür doch, wie du Angst hast vor jeder Berührung.
Ja, ich hab Angst. Ich hab Angst, dass es "pow" macht
und ich wie ein Kartoffelbovist platze, wenn du dich auf mich legst.
Und der ganze Staub wie eine Wolke aus mir herausquillt.
Ach, hör doch auf!
Das kannst du in einem deiner Romane schreiben.
- Ich bin viel genauer als du! - Du hast damit angefangen.
So kannst du mich von mir aus haben.
Also gut. Komm, gehen wir hinter.
Ja, bringen wir's hinter uns.
(Hanna lacht)
Jetzt bist du wie ich.
(Hanna lacht)
Das ist ja schrecklich.
(Hanna lacht)
(Melancholische Klavier-Musik)
Hanna! Was machst du denn hier?
Ich dachte, du schläfst lange!
(Schreit) Ich bin so wütend!
Es ist so beschissen!
Es ist so beschissen, ich könnte mir vor Wut die Hand abhacken!
Die Gudrun, die Ingeborg, die Rita, die Ulrike!
Ich kann sie so gut verstehen, diese Mädchen!
Sie wussten einfach Bescheid!
Du hast keine Ahnung, wie ich die Gudrun geliebt habe.
Ich hab sie so geliebt, dieses Mädchen!
Hast du ein Rezept für den Tod?
30 Jahre kenn ich dich doch nun schon.
Du bist immer noch so blöd.
Die anderen sind alle so beschissen blöd!
Der Grass hat nie kapiert, worum es ging!
Da waren nur die Mädchen. Die haben immer kapiert, worum's ging.
Du auch nicht. Du hast nichts kapiert. Wieso nicht?
Warum kapierst du nie?
Alle haben's überlebt, als die Ingeborg verbrannte.
Ich nicht.
Ich bin hier ganz tot.
- Du weißt nicht, was das bedeutet. - Bruno. Leg dich hin.
Leg dich ins Bett, es hat doch keinen Sinn.
Nein! Du musst endlich mal kapieren, Mädchen! Ich bin nicht dein Held!
Ich bin nicht dein toller Typ!
Ich bin dein erster und dein wichtigster Mann!
Mehr nicht! Verstehst du das?
Ja, ich versteh das. Aber du musst trotzdem ins Bett.
Der Schmerz ist ganz tief eingefangen.
Er geht nicht mehr raus.
Wann kapierst du endlich!
Ich werde jetzt gleich gehen.
Ich würde dich noch gern ins Bett bringen, wenn du willst.
Ja, dann geh, Mädchen. Wenn du gehen musst, geh!
- Noch mal nehm ich dich nicht auf. - Du Arschloch!
Du bist so verdammt ungerecht! Es musste ja schief gehen mit dir!
Du hast überhaupt keinen Respekt!
Ich bin muss gehen, weil du so betrunken bist, dass man mit dir
nichts mehr anfangen kann! Und weil ich sehr erschöpft bin!
Ich muss jetzt gehen, obwohl ich nicht weiß, wohin!
Du zwingst mich dazu, Bruno!
Auf Wiedersehen.
(Melancholische Klavier-Musik)
Frau Flanders, so eine Überraschung! Was machen Sie denn hier?
- Sind Sie denn nicht in Berlin? - Ich bin nur vorübergehend hier.
- Was ist denn passiert? - Der Umzug hat sich etwas verzögert.
Sie haben ja den weißen Mantel gar nicht an.
- Darüber möchte ich mit Ihnen reden. - Ja, stimmt irgendwas nicht?
Ich wollte fragen, ob Sie vielleicht den Mantel zurücknehmen könnten.
Natürlich zum halben Preis. Ich hab ihn nur einmal getragen.
Es tut uns Leid, Frau Flanders. So was machen wir prinzipiell nicht.
Ich würde Sie nie um so etwas bitten. Aber ich habe wirklich Probleme.
In Anbetracht dessen, dass ich so viel bei Ihnen gekauft habe...
Also, es tut uns wirklich Leid. Aber so was machen wir nicht.
Wirklich nicht.
(Verzerrte Geräusche)
(Leise Musik im Hintergrund)
- Ist alles in Ordnung mit Ihnen? - Ja. Danke.
- Sagen Sie, woher kommt dieses Lied? - Welches Lied? Der alte Schlager?
Der kommt vom Radio dahinten.
- Taxen sind gleich da vorne? - Taxen sind gleich da vorne.
Wie lange bin ich schon hier?
Seit mehreren Stunden.
Wie bin ich... wie bin ich...
Wieso... Hab ich einen Unfall gehabt?
Sie sind vor einem Restaurant beim Odeonsplatz zusammengebrochen.
- Man hat Sie hierher gebracht. - Wie ist denn das passiert?
Wir stellten eine starke Dosis Barbiturate in Ihrem Blut fest.
Ich hab die Tabletten zu früh genommen.
Ich wollte mir ein Taxi nehmen.
Ich muss auf dem Weg vom Restaurant zum Taxi eingeschlafen sein.
- Dann kann ich ja jetzt gehen. - Beruhigen Sie sich, Frau Flanders.
Legen Sie sich ruhig wieder hin. Sie können jetzt noch nicht gehen.
- Aha, und warum nicht? - Weil wir Sie überweisen müssen.
- Wohin denn? - In eine andere Klinik.
Nein, warum denn? Das kann ich mir im Moment überhaupt nicht leisten!
Bitte, beruhigen Sie sich. Darüber will ich ja mit Ihnen sprechen.
- Kann ich bitte eine Zigarette haben? - Nein. Es ist völlig ausgeschlossen,
dass Sie rauchen. Darüber will ich ja mit Ihnen sprechen.
Ich will ganz offen sein. Sie müssen versprechen, dass Sie ruhig bleiben.
Wir haben eine Routineuntersuchung durchgeführt und dabei festgestellt,
dass ihr linkes Bein starke Symptome eines Raucherbeins aufweist.
- Was? - Bitte, bleiben Sie ruhig.
- Sie haben es mir versprochen! - Das Bein ist ja ganz taub!
Wir haben ein durchblutungsförderndes Mittel gespritzt,
um den Blutfluss zu regulieren. In 2 Stunden können Sie wieder
- völlig normal gehen. - Was ist denn jetzt mit meinem Bein
- Was soll das heißen... Raucherbein! - Wenn Sie weiter rauchen,
müssen Sie damit rechnen, dass es in kürzester Zeit amputiert werden muss.
- Was? Was? - Bitte, bleiben Sie jetzt ruhig.
Weinen Sie nicht. Hören Sie lieber zu.
Sie müssen jetzt sehr, sehr tapfer und diszipliniert sein.
Sie gehen sofort auf Nikotinentzug und rühren keine Zigarette mehr an.
Gleichzeitig führen wir einen Tablettenentzug durch.
Deshalb bringen wir Sie, natürlich mit Ihrer Einwilligung, auf eine
geschlossene Entzugsabteilung nach München-Leim. Für etwa 1 1/2 Wochen.
Danach kommen Sie in ein Sanatorium. Dort kurieren Sie sich 4 Wochen.
Das ist eine Chance, das Schlimmste abzuwenden, die Amputation!
Aber ich sage noch einmal ganz deutlich: Das ist nur eine Chance.
Das ist nicht sicher. Und Sie müssen alles dafür tun,
dass Sie das unversehrt überstehen. Sind Sie damit einverstanden?
Ich bin mit allem einverstanden.
(Uhr tickt)
(Lautes, hallendes Krachen)
Frau Flanders, was machen Sie denn?
- Geht das nicht etwas zu weit? - Die Uhr tickt zu laut.
Sie haben Glück gehabt. Sie hätte auch kaputt gehen können.
Wieso Glück? Können Sie mir bitte eine Zigarette geben, damit die
- Entzugserscheinungen aufhören? - Nein, das geht nicht.
Sie müssen aus eigener Kraft durch. Und, Hanna! Tun Sie mir bitte einen
- Gefallen und gehen Sie ins Bett! - Ich kann nicht schlafen.
- Ich hab's versucht, es klappt nicht. - Na gut.
Aber dann lassen Sie bitte das Zeug an den Wänden.
Hanna...
Ronald, wo kommst du denn her? Die haben mir gesagt, dass ich
mit dem Rauchen aufhören muss, sonst krieg ich ein Raucherbein!
Es ist alles so schrecklich! Ich kann nicht schlafen.
Die haben mich runtergesetzt von 100 auf 0. Es ist eine Tortur.
Ich hab dich überall gesucht Hanna. Du siehst so müde und erschöpft aus.
Hat man dir dein Wichtigstes genommen, deine Zigaretten.
Hm, mein Wichtigstes, ja. Es kommt mir fast so vor.
Ich bin so froh, dass ich dich gefunden hab, Hanna.
Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Und, wie geht's?
Wie geht's selbst? Wohin des Wegs?
Du siehst nicht aus, als ob du in München bleibst.
Ich muss weiter nach Wien. Die haben Interesse an meinem Stück.
Wirklich. Das ist schön.
- Hanna... - Das ist gut.
Bin eigentlich ganz froh, dass ich hier bin. Wie sagt man?
In Obhut. Ich glaube, es ist ganz gut, ein Weilchen in Obhut zu sein.
Bestimmt ist das gut. Du brauchst dich um nichts zu kümmern.
Die Schwestern sind deine Zimmermädchen.
Es ist fast wie im EXCELSIOR.
Bald kannst du auch wieder schlafen.
- Ich hab Angst mit dem Schlaf. - Der Schlaf kommt, du wirst sehen.
- Meinst du? - Ja.
- Weißt du, was ich glaube? - Was?
Du machst das zum letzten Mal durch.
Danach kommt was Neues. Ich glaube daran.
Wenn ich aus Wien zurück bin.
In mir drin bewegt sich alles so leicht und unheimlich.
Die Erinnerungen, die Gefühle kehren zurück.
Das ist doch gut.
Sie sind so leicht, weil sie nicht wirklich sind.
Sie wollen mich nicht leben. Sie driften weg.
Sie driften weg, verstehst du? Und ich häng in der Luft
- wie ein schweres Eisengewicht. - Sie driften nicht weg.
Sie kommen wieder zurück. Es wird wieder leicht, Hanna.
Das musst du mir glauben. Das glaubst du mir doch?
Hm. Hm.
Hier, zur Aufbewahrung. Bis ich aus Wien zurück bin.
- Bitte. Damit mir nichts passiert. - Nein. Nein.
Behalt ihn. Er steht dir so gut.
Du musst ihn behalten.
Du brauchst ihn in Wien.
Dann geh jetzt. Geh jetzt.
(Melancholische Klavier-Musik)
Untertitel für Hörgeschädigte: VICOMEDIA 09/2000
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