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* Personen und ihre Farben: *
Martin Grambauer Johannes Bärensprung
Kantor Kannegießer
Mensch, Krischan, ist das schön.
Und noch tiefer, sag, ich, und die Beine breiter.
Die Kuh hat einen komischen Kopf, so hab ich das noch nie gesehen.
Die Krähen sehen aus wie Adler. Das sind auch welche, Martin.
Und der eine fliegt direkt in den Himmel.
Kein Ding ist unmöglich, und zuzutrauen ist ihnen das schon.
Ihr kommt mal zurück auf die Erde. Wo hast du das gelernt, Krischan?
(Erzähler)
Auf der Dorfwiese zu sein, war das Schönste für die Kummerower Jungen.
Das Allerschönste aber war der alte Kuhhirte selber.
24 Jahre war Krischan Klammbüdel nach Kummerow gekommen.
Er hatte ohne Lohn die Kühe kuriert.
Nur für das Essen und ein Nachtlager auf dem Heuboden.
Und er hatte mit den Kindern Freundschaft gehalten.
Wie alt er wirklich war und wie er wirklich hieß, dies wusste keiner.
Es kümmerte die Kummerower Bauern auch nicht, dass er ohne Papiere war.
Er war eben der billigste Hirte und der zuverlässigste auch.
24 Jahre lang.
Sag doch mal, Krischan, von wem hast du die verkehrte Welt?
Das habe ich in Afrika gelernt.
* Die Jungs lachen. *
Als ich König war.
Du lügst, ich glaube dir gar nichts mehr.
Sag doch gleich, dass du Kaiser von Afrika warst.
Du warst gar nicht in Afrika, das ist viel zu weit.
Lügenkönig, Lügenkaiser, das kann sein.
Weil ich nicht darüber spreche.
Das ist doch schon viele Jahre, Jahrende ist das her.
Da fuhr ich als Matrose.
Da kam ich nach Afrika.
Aber ihr dürft nichts sagen, Ehrenwort.
Ehrenwort. - Ehrenwort.
Bei Lügen gilt kein Ehrenwort.
Dann geh weg.
Ehrenwort gilt immer, auch bei Lügen.
Dafür bin ich König gewesen in Afrika, das weiß ich.
Erzähl man ruhig, wir kriegen dich schon.
Also, da kam unser Schiff nach Afrika.
Da sind lauter Schwarze.
Aber das ist ja mal bloß äußerlich.
Inwendig sind die Menschen alle wie wir, vielleicht sogar besser.
Derweilen es bei uns oft umgekehrt ist.
Ich meine, da sind die Menschen äußerlich alle ganz weiß.
Und inwendig sind sie oft viel schwärzer als ..., ach.
Sie kamen auf unser Schiff.
Und unser Kapitän hatte bald heraus, dass ihnen der König gestorben war.
Er sagte, das tut mir leid.
Aber dann ist das jetzt eben euer König.
Und er zeigte auf mich.
Er muss eine Reise bei euch bleiben, dann hole ich ihn wieder ab.
Inzwischen könnt ihr euch in Ruhe einen neuen König suchen.
Meine Untertanen jubelten.
Und mein Schiff schipperte schnell wieder in See.
Ja, so war das.
Hattest du ein Schloss? Warum bist du nicht geblieben?
Wegen meiner Braut.
Und die Krone, die Schätze, das Geld, alles versoffen?
Ja, bloß man erst viel später.
Ist alles Schwindel, nicht?
* Alle staunen. *
Ein vergifteter Speer.
Und so tief.
Ich hab auch eine.
Eine Häckselmaschine ist kein vergifteter Speer.
Zeig mal.
(Junge) Da, die Palmen.
Ein Schiff. - War das deine Königin?
Nein, so ...
Die hat aber über 200 Zentner Lebendgewicht.
In Afrika sind die Frauen so.
Lauter Mädchen. Da hast du noch eine.
Nein, lass mal Martin.
Die hat mir mein Inwendiges aus der Brust gefressen.
Hast du sie geheiratet?
Als ich wiederkam aus Afrika, da hat sie ein anderer verjuchheidiedelt.
Und das Gör war nicht meins.
Warum wischst du das Bild nicht aus?
Das kriegst du nie mehr weg, das trägst du ein Leben lang herum.
Das nimmst du mit in dein Grab.
(Erzähler) Alle Kinder liebten Krischan Klammbüdel.
Und er liebte alle Kinder und alles Vieh.
* Krischan spielt Flöte. *
Brrr.
Hast ja ein neues Pferd, Dicker.
Der Müller hat es eben.
Ein feines Tier. - Ein schönes Tier.
Ein schönes Tier.
Ja, ein Wundertier.
Man muss eben was von Pferden verstehen.
Euch kann man ja einen Ochsen für ein Pferd andrehen.
Wenn der keine Hörner hat, merkt ihr nichts.
Hey, Dicker, guck mal, was er jetzt macht.
Wackelt mit dem Kopf wie die Kuh mit dem Schwanz.
Das ist wirklich ein Wundertier, Dicker.
Es wundert sich über so viele Ochsen.
Besonders, wenn es dich ansieht.
Haha, guckt bloß, wie der dasteht.
Ich werde es euch zeigen!
Weg da!
Das schaffst du nicht.
20 Mark halten wir dagegen.
Vielleicht hört er auf dich als Clown.
Vor euern Augen, ich werde es euch beweisen.
Hey, lass doch das sein. - Weg da, weg!
Hengst-Schinder!
Los!
Los, vorwärts!
Hüa!
Hüa!
Los!
Vorwärts, du Aas, du!
Hüa!
Hüa!
Ja, hüa!
Dir werde ich es zeigen! Na warte, du Aas, du!
Er steht schon wieder so da, ha-ha.
Hör doch auf, Müller.
Aas!
Aufhören, verdammt nochmal!
Schlag ihn nochmal und du bekommst selber eine drauf.
Und du kriegst 20 Mark. - Wir scheißen auf deine 20 Mark.
Das könnte dir so passen.
Ich habe gewettet, dass das Vieh kein Theater macht.
Und es wird keins mehr machen.
Der Gerechte erbarme sich seines Vieches.
Ach, geh zum Teufel!
Hör auf, Müller!
Du Satan!
So ein Schwein, hat nicht mal anständige Papiere.
Krischan!
Lass den Jungen!
Lass Krischan in Ruhe.
Weg mit dir, los, hau ab!
(Erzähler) Erst Stunden danach war allen Kummerowern das Geschehen klar.
Die schlugen im "Dorfkrug" mit den Fäusten auf den Tisch.
Sie warfen sich gegenseitig vor, mitschuldig zu sein.
Einig waren sie sich nur darin, dass es eine Schande geben werde.
Das wollten Bauern sein, die Kummerower?
Die schlagen ihre Pferde tot.
Schon am Abend dieses schrecklichen Sonntags lagen 5 Strafanzeigen vor.
Von Gemeindevorstand Christian Wendland gegen den Müller Düker.
Wegen Tierquälerei mit tödlichem Ausgang.
Von Pastor Breithaupt gegen Müller Düker.
Wegen Erregen öffentlichen Ärgernisses.
Durch Umherjagen auf dem Dorfplatz und Schreien am Sonntag.
Von Gottlieb Grambauer gegen den Müller Düker.
Wegen Misshandlung von fremder Leute Kinder.
Von Müller Düker gegen den Bauern Wilhelm Trebbin.
Wegen Körperverletzung.
Von Müller Düker gegen die Gemeinde Kummerow zu Händen des Vorstehers.
Wegen Amtsverletzung.
Durch Beschäftigung eines Hirten ohne ordentliche Papiere.
Und möglicher Begünstigung eines Verbrechers.
Dennoch war Gemeindevorsteher Wendland guten Mutes.
Freilich nachdem er einige nicht so kleine Richtenberger gekippt hatte.
Alles stünde bestens, weil es für den Müller schlecht aussähe.
Bloß die Sache mit Krischan sei mulmig, sehr mulmig sogar.
Hat der denn nie Papiere gehabt?
Um die Gerechtigkeit zu vollziehen, braucht man ein gütiges Herz.
Und etwas Liebe, und keine Papiere.
Gerechtigkeit, das ist gut, Herr Lehrer.
Das ist gut, Herr Kannegießer, Gerechtigkeit.
Deshalb wird Krischan nicht wollen, dass wir Unannehmlichkeiten kriegen.
Seinetwegen.
Melde dem Gemeinderat, hier ist der Gemeindehirt Klammbüdel.
Lass dir einen Richtenberger geben auf meine Rechnung, Andreas.
Setz dich hierher, Krischan.
Trink, ist man bloß mein Glas.
Auf einen Richtenberger soll es mir nicht ankommen.
Krischan, wir wollen, dass du Anzeige erstattest gegen den Müller.
Wegen Körperverletzung.
Da kannst du dem Dükers richtig eins auswischen.
Jedermann hat das Verbrechen gesehen.
Da braucht sich kein Gericht drum zu kümmern.
Es geht um die Gerechtigkeit.
24 Jahrende bin ich hier.
Gegen den Müller kommst du nicht anders an.
24 Jahrende.
Sollen wir denn deinetwegen Unannehmlichkeiten kriegen?
24 Jahrende.
Man wird Sie verhaften, vielleicht.
24 Jahrende. - Lass mal, Krischan.
Vielleicht gibt es sie doch, die irdische Gerechtigkeit, vielleicht.
Kann ich jetzt gehen?
Wiedersehen, Krischan.
Wiedersehen.
Trink noch einen auf meine Rechnung. - Danke.
Über 20 Jahre Hirte in Kummerow.
Schon alle Jungbauern sind bei ihm auf der Weide gewesen.
Keiner hat Schaden des Leibes oder der Seele genommen.
Er ist in seinem Gemüt reiner.
Und in seiner Seele gerechter als die meisten hier im Dorf.
Wenn er und wir nun aber keine Papiere haben.
Deshalb stelle ich den Antrag: Krischan wird morgen abgeschoben.
Das tue ich nicht. - Das mache ich nicht mit.
Dann kann uns keiner was, von wegen Beschäftigung ohne Papiere.
Wenn die Obrigkeit ihn will, dann soll sie ihn suchen.
Und er darf nie mehr nach Kummerow kommen.
Wir kennen keinen Krischan mehr.
Du sollst nicht weggehen, Krischan.
Ich verstecke dich auf unserem Heuboden.
Zu futtern bringe ich dir was, richtige Tauben, Ehrenwort.
Da kannst du das ganze Jahr bleiben.
Nein, lasst mal.
Dem Müller hauen wir das Haus zusammen.
Wir werfen die Scheiben ein.
Der kriegt von uns einen vor seinen Dez geballert.
Bis er von allein aus Kummerow verschwindet.
Das hat alles seine Ordnung.
Nimm, und spiel schön drauf.
Du musst wiederkommen, Krischan, du musst es mir versprechen.
Vielleicht, meine Junge, vielleicht.
Es hat alles seine Ordnung.
Wüsste man nicht, dass es Nebel ist, könnte man glauben, es sind Geister.
Das sind auch welche, böse Geister sind das.
Pass auf, wenn Krischan ran ist, dann packen sie zu.
(Junge) Herr Pastor, der Superintendent ist da.
Brrr.
Hermann, du kommst mit.
Gott zum Gruß, Herr Superintendent.
Herzlich willkommen.
Huh, mein lieber Amtsbruder.
Guten Tag, Herr Superintendent.
Versorge das Pferd.
Herr Kannegießer.
Dann wollen wir mal das Vertrauen der Kinder zur Autorität festigen.
Und zwar auf menschliche Weise.
Bitte.
Guten Tag, liebe Kinder.
(alle) Guten Tag, Herr Superintendent.
Setzen!
Nun, meine lieben Kinder ...
Ich habe es ihm besorgt. - Setzen, setzen.
Nun, meine lieben Kinder, welches ist nun der schönste Monat des Jahres?
Der September.
Sag du es, mein Sohn.
Traugott hat es doch schon gesagt.
Das verstehe ich nicht.
Alles ist in Kummerow anders, alles. Warum nicht auch der schönste Monat?
Ich kann mir schon ... - Der September?
Liebe Kinder, ich könnte mir denken, dass ihr den Juli schön findet.
Dann scheint die liebe Sonne schön warm.
Dann sind Ferien, ihr könnt verreisen.
Aber der September ist ein Monat, der schon den Verfall in sich trägt.
Das Vergehen.
Schön ist nur das Werden.
Dieses nennt man in der Natur ...?
Nun, mein lieber Sohn.
"Mein lieber Sohn", jetzt fängt er schon wieder damit an.
Wie nennt man die Kindheit der Natur?
Ach, das ist verschieden.
Wie erfreulich, dass er die beiden Bezeichnungen kennt.
Da gibt es aber mehr als 2 Namen.
Wenn es eine Kuh ist, ist es ein Kalb.
Beim Pferd ist es ein Fohlen, bei der Gans ein Gössel ...
Genug! - Lassen Sie nur, Herr Pastor.
Hermann Wendland, leierst du mit deinen Pfoten auch rasch herum,
sehe ich doch, dass du den Dreck von 8 Tagen unter den Nägeln hast.
Die Kindheit der Natur, das Werden, nennt man Frühling.
Na, nun antworte gefälligst. Was ist der Frühling?
Aber der ist doch verschieden, Herr Pastor.
Ach, sieh mal an. Und warum ist er verschieden?
Und wie ist er verschieden?
Aber Sie säen und pflügen doch selbst auf Ihrem Acker.
Mal ist der Frühling nass, mal trocken.
Wenn er trocken ist, taugt er nichts.
Wenn Sie den mal fragen wollen.
Martin Grambauer, sag du, was der Frühling ist.
Eine Jahreszeit, wir kennen vier Jahreszeiten.
Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Sehr richtig, mein Sohn.
Nun gebt acht.
Wer kann mir sagen, was der Lenz ist?
Mein Vater.
Sag du es, da hinten.
Da sind zwei in Kummerow.
Einer ist Herrn Graf sein Schäfermeister.
Einer ist bei der Eisenbahn.
Missverständnisse, meine Herren, kindliche Missverständnisse.
Ich werde schon da rausfinden.
Nun, meine lieben Kinder, wann sieht die Erde am schönsten aus?
Wenn wir sie verkehrt anschauen.
Verkehrt? Wie denn?
So, den Kopf tief runter und dann durch die Beine gucken.
So ist wirklich alles viel schöner und viel bunter.
Herr Superintendent, das machen Sie mal nachher.
Wie kommen die Kinder zu dem Unsinn? - Durch Krischan.
Was habe ich Ihnen immer gesagt, Herr Superintendent?
Ganz verkehrt sind die Kummerower, großen und die kleinen.
Aber das glaubt man mir ja nicht.
Das ist ja alles sehr interessant.
Aus pädagogischen Erwägungen müssen wir nochmal auf das Thema kommen.
Nur so kann ich der Sache
die nachhaltige nachteilige Wirkung auf unschuldige Kindergemüter nehmen.
Haben Sie das von dem Krischan etwa ausprobiert?
Ein Lehrer prüft die Behauptung seiner Schüler.
Und da haben Sie ... Da hab ich.
Und da ist wirklich etwas Wahres dran.
Vielleicht sollte man die Welt wirklich öfter verkehrt ansehen.
Damit sie bunter und schöner, dass sie gar dann erst richtig wird.
Unsinn, offenbarer Unsinn.
Es ist aber so, Onkel Superintendent. Mein Papa, der weiß es auch.
Es war beim Heuen, Herr Kollege. Sie war mit, meine Ulrike.
Da versetzte sie mir die Weisheit des alten Krischan.
Da haben auch Sie ...
Da habe ich, aber wir waren allein.
Machen Sie es draußen auch mal, Herr Superintendent.
Ich muss mich bei jedem meiner Besuche immer mehr davon überzeugen.
Das Gerede über die Kummerower ist wohl nicht zu Unrecht entstanden.
Dieser, ihr geschätzter Kollege von der Kuhweide.
Er ist ein Landfriedensbrecher, ein Körperverletzer.
Dieser Landstreicher hat ihnen bei der Erziehung der Jugend geholfen?
Vielleicht hat er auch erklärt, warum die Menschen die Augen im Kopf haben.
Und nicht in den Kniekehlen.
Er ist mit den Kindern immer ordentlich umgegangen.
Er ist in dieser Sache der einzig Rechtschaffene, der wahre Gerechte.
Wir wollen für diesmal Schluss machen, meine Herren.
Raus jetzt.
(Erzähler) Es geschah dem sanftlebenden Herrn recht.
Dass die Kummerower Kinder ihn aus dem pädagogischen Konzept brachten
mit ihrer verkehrten Weltanschauung und ihrer Liebe zu Krischan.
Nein, das konnte nicht gutgehen in Kummerow.
Wir wollen nicht drumrum reden, meine Herren.
Das Ergebnis der diesjährigen Kontrolle ist nicht befriedigend.
Es wird immer unbefriedigend sein, solange die Schule es ist.
Es sind Dorfkinder, nur Dorfkinder.
Sprösslinge aus Familien, wo geistige Güter meist als überflüssig gelten.
Das genügt.
Wir erziehen sie zu anständigen, kaisertreuen Christenmenschen.
Sie irren sich.
Auf dem Lande leben nicht mehr Dummköpfe als in der Stadt.
Es gibt nur mehr Eltern, die den Wert einer guten Schulbildung
für die Zukunft ihrer Kinder nicht erkennen.
Dann bringen Sie doch den Eltern dieses "Erkennen" bei.
Dann müsste ich den Tagelöhnern und Kleinbauern die Mittel geben können.
Die es ihnen ermöglichen, auf ihre Kinder als Arbeiter zu verzichten.
So habe ich mir das gedacht, genau so habe ich mir das gedacht.
Ich danke Ihnen für die sehr aufschlussreichen Belehrungen.
Was ist denn heut mit Ihnen los?
Es bleibt nicht alles, wie es ist.
Guck mal, eine alter Ritter.
Mensch, so ein Anzug und so ein Säbel.
So einen Säbel, und dann dem Sanftleben immer auf den Kopf.
Oll Blasemann, nicht mal einen Esel hat er, nur Hunde.
Jetzt geht der Pastor mit ihm Hühner fressen.
Krischan hat nicht mal mehr trockenes Brot.
Woher weißt du das? Das weiß ich eben.
Ein richtiger Gerechter hat niemals was Richtiges zu fressen.
In Kummerow nicht und nirgends auf der Welt.
Der Superdent ist doch viel zu dämlich.
Der geschätzte Kollege von der Kuhweide, Landfriedensbrecher.
Landfriedensverbrecher, was ist denn das?
Das sind die, die das mit Krischan gemacht haben.
Alle, die gegen ihn waren, der Müller, das Aas, der Pastor.
Ach, der ganze Gemeinderat. Dein Vater auch.
Na, siehst du.
Der Müller muss weg.
Lasst es euch schmecken.
Tja, das ist eben so.
Da freut man sich auf Wurst. Und was kommt auf den Tisch?
Eine Milchsuppe. - Versündige dich nicht.
Vater, hat der geschätzte Kollege von der Kuhweide sich versündigt?
Welcher Kollege?
Wo hast du diesen Unsinn her? - Vom Superdenten.
Ist Krischan gut?
Wenn einer keine Papiere hat, muss man vorsichtig sein.
Auch, wenn er nichts ausgefressen hat.
Er wollte doch nur dem Pferd helfen.
Landfriedensbruchähnliche Ausschreitungen sagt die Obrigkeit.
Ja.
Solche wie Krischan beißen alleweil die Hunde.
Junge.
Das kann er nicht früh genug verstehen lernen.
Solange die Menschen nicht wissen, sondern nur glauben sollen.
Dann muss der Storch die Kinder bringen.
Mag es auch nicht schön aussehen, wenn er lebendige Frösche schluckt.
Der strenge Gendarm und der sanfte Pastor müssen auch sein.
Und umhergehen wie ein Weihnachtsmann.
Im Sack die Regierung und den lieben Gott als Geschenk.
Und vorn in der Tasche den Teufel als Rute.
Und es schickt sich nicht, daran zu denken.
Wie sieht es aus, wenn beide im Hemd sind und nach dem Nachttopf langen.
Nicht, solange die Menschen nicht wissen, sondern nur glauben sollen.
Selig sind die Armen.
Ach, Mütterchen, durch Armut allein ist noch kein Mensch gut.
Keiner ein Gerechter, keiner selig geworden.
Doch ein Armer, der schummelt im Leben, ist immer noch ein Gerechter.
Wenn ein Reicher, der schummelt, schon längst ein Gauner ist.
Vater, bist du ein Gerechter?
Ich bemühe mich nur, möglichst gerecht zu sein.
Aber das ist schon schwer.
Vater, warst du im Gemeinderat gerecht?
Als du mit abgestimmt hast, dass Krischan gehen muss?
Na, nun iss mal.
Ist der Pastor ein Gerechter?
Frag ihn doch mal selbst danach. Aber geh nicht so dicht ran dabei.
Warum?
Weil kein Mensch das von sich selbst sagen darf.
Wer soll es dann von einem sagen? Das müssen die anderen Menschen tun.
Kann ich sagen, dass Krischan ein Gerechter ist?
Das kannst du.
Dann sag ich es.
Weißt du wie mir so ist, Mutter?
Mir ist, als ob unsere Kinder uns immer so kreuzweise aufs Maul hauen.
Wenn die so weitermachen, dann Gnade Gott uns Pharisäern.
Ich muss mal aufs Klo. Hm.
Nicht länger als eine Stunde. Hm.
Hast du keinen Schiss, wenn du klaust?
Du bist arm und ich klaue für dich, also bin ich ein Gerechter.
Ich bin auch ein Gerechter, wenn ich was zu futtern habe.
Flocki.
Anna kommt auch noch.
So, nun wollen wir mal anfangen zu üben.
Ich weiß nicht. Zum Erntefest ist Kinderball.
Da willst du mit Ulrike Breithaupt tanzen, also musst du es lernen.
Na los, Mensch.
Du kannst nicht dastehen und warten, bis eine ihren Hintern hochhebt.
Die sind nicht blind.
Wenigstens einen vornehmen Diener musst du machen.
Aber gern, mein Herr.
Du bist wohl übergeschnappt. Aber mein Herr.
Willst du auf dem Fest mit Johannes tanzen?
Quatsch!
# In Rixdorf ist Musike, Musike, Musike.
# In Rixdorf ist Musike, Musike in Berlin.
# Da tanzt die lahme Rike ...
Die olle Liese im Kuhstall, die passt zu dir.
Die tanzt genauso rum. Das schaffe ich nie.
Macht nichts, du hast es eben im Kopf und ich in den Beinen.
Dein Kopf und meine Beine, da können wir schon vorwärtskommen.
* Es klopft. *
Da sind sie.
Kommt rein.
Ulrike? Ja.
Wenn Papa merkt, dass ich weg bin, gibt es Stunk.
Wenn der Herr Pastor zuhaut, das tut ganz schön weh.
Guckt mal, Kartoffeln.
Richtig schöne Geschosse.
Du hast es erfasst.
Dein Kopf und meine Beine.
Was soll das?
Mensch, die sind ein Geschenk von uns für den Müller.
Nicht? Für Krischan und die Gerechtigkeit.
Das ist Männersache, Ulrike.
Aber wenn du was sagst, dann ...
Ulrike ist meine Braut, die wird nicht gehauen.
Los jetzt!
* Ein Hund bellt wütend. *
Gesindel, Strolche, verdammte ..., verdammtes Gesindel!
Los jetzt.
Die ist für Krischan.
Und die, und die.
Und die ist für Krischan.
* Der Hund bellt. *
Wenn ich einen erwische, dem schlage ich alle Knochen kaputt.
Sowas.
Unerhört.
Eine Luft ist das.
Raus! Du altes Ferkel!
Es ist 8. Und das will Klassenerster sein.
* Eine Glocke läutet. *
* Schritte nähern sich. *
Pennst du immer noch?
Wo ist denn Großvater?
Na, wo wird er wohl sein? Saufen wird er sein.
Ein paar Tropfen hat er heute morgen jedenfalls schon gefrühstückt.
Morgens? Ja.
Dann ist er zum Erntefest wenigstens schon voll.
Au!
Ich will dir lernen, an seiner Mutter sich zu vergreifen.
Ich tue es nicht wieder.
Wasch dich lieber. Hab ich schon, bis hierher.
Oh Gott, wenn ich dich nicht gekriegt hätte.
Lass man.
Feg die Stube aus!
Barfuß müsste man klettern.
Es ist verboten beim Kinderfest.
Verdammt, mein Stiefel ist kaputt.
(Erzähler) Seit dem 6. Lebensjahr besaß Johannes nur ein Paar Schuhe.
Jetzt war er 12.
Er trug sie nur zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten und zum Kinderfest.
Aber da mit Widerwillen, und das aus guten Grund.
Weißt du, was ich denke?
Mensch Martin, deinen Kopf und meine Beine.
Das ist fast so gut wie barfuß. Das lasse ich mir patentieren.
Und das Bisschen, was man noch sieht, mache ich mit Kohle schwarz.
Dann sieht es aus, als hätte ich Strümpfe an.
(Erzähler) Das war Tradition in Kummerow.
Das Erntefest begann mit einem Kinderfest.
Jetzt ist Johannes dran.
Heute hat es noch keiner geschafft.
Die Stange ist zu glatt. - Oh, die schönen Sachen.
Los, Johannes!
Ja, ja, mein Enkel.
Hätte ich dem Bengel gar nicht zugetraut.
Hoffentlich überfrisst er sich nicht an den Würsten.
Das ist ja Betrug!
Das ist gegen die Vorschrift.
Verboten ist das.
Das ist ja glatter Betrug!
Ruhe, Ruhe!
Schuhe hat er an, also verstößt er nicht gegen die Vorschrift.
Dafür, dass sie nicht heil sind, ist er im Armenhaus.
So hat auch die Armut mal ihre Vorteile.
Richtig.
Weitermachen, Johannes!
(Kinder) Betrüger! - Buh!
Das ist die wahre Gerechtigkeit.
Und der Nächste.
Hier, die ist für dich, Martin.
Hosenträger hätte ich auch noch gebrauchen können.
(Erzähler) Beim anschließenden Tanz im Dorfkrug
hatte Graf Runkelfritz Kaffee, Kuchen, Bier, Schnaps zu spendieren.
So nannten die Kummerower respektlos ihren Gutsherren von Runcowricz.
Schließlich besaß Runkelfritz ja mehr als 6.000 Morgen allein.
Während die ganze Gemeinde nicht mal 3.000 ihr Eigen nennen durfte.
Na, kommt. Mensch, Martin ...
Den lass mal, der hat die Büchsen schon voll.
Weil er mit Ulrike tanzen soll. - Na-na-na-na.
Mensch, Martin.
Gottlieb, ich seh dich im Glase.
Dann ist wenigsten was im Glas.
Ich hab zwar schon drei, aber eins kann ich wohl noch.
Der Herr hat ein Zeichen an uns getan, da sind wir fröhlich.
Prost, mein Lieber!
Denn das Reich der Armen wird kommen.
Nicht so viel Fusel, Andreas Bärensprung.
Was heißt hier Fusel?
Du riechst heute Abend auch nicht nach Weihrauch.
Und hab ich denn so viel Zeit wie ihr?
Ihr könnt euch den ganzen Abend besaufen.
Aber ich, ich muss Kummerow beschützen.
Und vor Feuer und Schaden bewahren.
Das wäre ja noch schöner, wenn ich dem Grafen was schenken tu.
Du und du, Lausebengels.
Was mein Enkel ist, haut ab!
Oder wollt ihr mir am Ende die Schlucke zählen?
Mir, dem Helden von Mars-la-Tour?
# Üb immer Treu und Redlichkeit ...
Lass mal gut sein Andreas, komm.
Du, Martin, warum kommst du nicht an unseren Tisch?
Meinetwegen kannst du mit Ulrike tanzen.
Du, kannst du nicht befehlen, dass wir ein Glas Bier kriegen?
Dein Kopf wird immer röter.
Geh nicht am Erntekranz vorbei, der fängt Feuer.
Oder einen Richtenberger.
Ein Bier, von mir aus.
Aber Papa und der Pastor könnten ihr Veto einlegen.
Eine Selters?
Ein Selters.
Sie, das krieg ich und alleine, nicht wahr, Eberhardt?
Ja.
Wegen dem nun eine ganze Flasche Selters.
Nein, geben Sie mir ein Glas Helles, da haben Sie keine Arbeit.
Prost, alle Mann, Prost, Jutta, Prost, Ulrike!
Prost mit richtigem Bier.
Schämst du dich nicht? Willst wohl ein Suffkopf werden?
Und mir zur Last fallen wie deine Mutter.
Na ja, eingegossen ist ja nun.
Umkommen braucht es nun auch wieder nicht.
Ich opfere mich, denn so bleibt es in der Familie.
Setz dich hin.
So.
Da, Johannes, lass es dir schmecken. Danke.
Du frisst rein, bis du platzt, Johannes.
Einmal ist nur Erntefest.
Kindertanz! Damenwahl!
Aber Herrmann, es ist doch Kindertanz.
Ich bitte um die Erlaubnis, mit Ulrike tanzen zu dürfen.
Herrmann, tritt dir doch nicht auf den Schlips.
"Bitte um Erlaubnis."
Mensch, nimm das Mädel bei der Hand und los.
Sonst kommt dir Martin dazwischen und weg ist sie.
* Die Kapelle spielt Tanzmusik. *
Jutta, tanz mal mit Johannes.
Na los schon, Jutta.
Na, willst du nun oder nicht?
# In Rixdorf ist Musike, Musike, Musike.
# In Rixdorf ist Musike, Musike in Berlin.
# Da tanzt die lahme Rike, die Rike, die Rike.
# Da tanzt die lahme Rike, in Rixdorf bei Berlin.
Wenn du nicht das Maul hältst mit dem ordinären Lied, lass ich dich stehen.
# Fidel-didel-rumtata.
(Erzähler) Da stand nun Martin allein draußen in der Nachmittagssonne.
Und drinnen tanzte Ulrike sicher schon zum zehnten Mal.
Seine treulose Braut.
Er war schließlich aus Angst vor dem Tanzen-Müssen ausgekniffen.
Während fast zur gleichen Zeit Johannes durch das Tanzen-Wollen
grausam aus einem anderen Traum gerissen wurde.
Und alles hatte so schön angefangen.
Als die Komtesse Jutta Runkelfritz Johannes anknickste,
fühlte er sich als vollwertiges Mitglied der besseren Gesellschaft.
Dies Glück musste gehalten werden, koste es, was es wolle.
Schneller, schneller!
Schneller!
* Die Musiker spielen schneller. *
* Die Kinder lachen. *
(alle) Iiieh!
So ein olles Schwein.
Iiieh, das olle Schwein!
Luise.
Wenn sich dein Sohn nicht die Füße wäscht, dann sorge dafür,
dass sie so schwarz werden, dass man glaubt, er hat Strümpfe an.
Jawohl, das will ich machen.
Und in den Strumpf aus Dreck kratze ich ihm eine Krone.
Drunter schreib ich: Solche Strümpfe müssen arme Kummerower Kinder tragen.
Luise!
Es steht der Sünde nicht an, frech zu werden.
Donnerkiel, du, aufs Maul bist du wirklich nicht gefallen.
Aber wärst du mal damals drauf gefallen, und nicht auf den Hintern.
Hättest den Bengel erst gar nicht bekommen.
Wie sah er denn aus, sein Vater?
Na, hast du denn noch keinen Matrosen gesehen?
Die sehen doch alle gleich aus.
Man darf keinem Kind das Fehlen eines Vaters vorwerfen.
* Die Musiker spielen wieder. *
Willst du mich umbringen?
Es gibt in Kummerow und Umgebung auch noch andere Mädchen.
So feine?
Ich werde sie verstoßen.
Ich auch.
Ein Walzer für die Großen, da ist der Kindertanz schon vorbei.
(Erzähler) Die beiden Feste, davon redeten sie noch lange in Kummerow.
Und davon, wie sich Johannes um sein Glück getanzt hatte.
Für ein paar Tage war die Müller-Düker-Geschichte vergessen.
Aber nur beinahe.
Die Sitzung des Gemeinderates ist eröffnet.
Kreisgericht zu Randemünde.
In Sachen Friedrich Düker, Müller, gegen die Gemeinde Kummerow.
Einen gerissenen Advokaten wird er sich genommen haben.
Das du ihm eine verpasst, die Visage zerknautscht hast, musst du zugeben.
Das war Notwehr, Christian.
Dann musst du es so sagen, du hast gar nicht richtig zugeschlagen.
Dass er ohne Besinnung war und die blutige Fresse.
Das hat er erst im Fallen abgekriegt.
Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen.
Denn ihrer ist das Himmelreich.
Den Herrn lassen wir hier raus. - Lieber will ich blechen.
Was wahr ist, muss wahr bleiben. Ein einziger Hieb, alle wissen es.
Die Ehre lass ich mir nicht nehmen.
Das kann kein Gericht auseinanderpolken.
Prozess Müller Düker, Kummerow, gegen die Gemeinde Kummerow.
Das Gemeindeamt wird aufgefordert, dies unverzüglich mitzuteilen.
Wo hält sich der Hauptbelastungszeuge Krischan Klammbüdel auf?
Wenn er nicht Hirte in Kummerow ist. Dieser ist als verzogen gemeldet.
Verzogen ist gut.
Hiermit wird das Gemeindeamt aufgefordert, die In...
Die Identität des Krischan Klammbüdel amtlich zu bestätigen.
Andernfalls müsste angenommen werden, dass Klammbüdel ein Ps...
Zeigen Sie mal her.
Pseudonym, das ist ein Deckname.
Dass Klammbüdel ein Deckname ist. - Das nun auch noch.
Ich habe es immer gesagt, er muss Papiere haben.
Na, meine Schuld ist das nicht.
Ich habe den Klammbüdel so übernommen von meinem Vorgänger.
Willst du damit einen Verdacht gegen meinen seligen Vater aussprechen?
Was heißt Verdacht?
Ist dein Vater damals Gemeindevorsteher gewesen oder nicht?
Vater Trebbin ist tot oder nicht?
Und tote Sachen lasst ruhen.
Weil ein Toter sich nicht verantworten kann.
Mein seliger Vater ist damals Gemeindevorsteher gewesen.
Aber mein Vater war das, als er schon auf seinem Altenteil gesessen hat.
Und damit ist er zu Unrecht Gemeindevorsteher gewesen.
Deshalb beantrage ich Verjährung.
Beunruhige dich nicht, Wilhelm.
Du kannst nicht zur Verantwortung gezogen werden.
Denn siehe, wir dummen Bauern haben deinen Vater ungesetzlich gewählt.
Aber was haben die klugen Herren von der Regierung gemacht?
Sie haben diesen Gemeindevorsteher bestätigt.
Also können höchstens sie dafür verantwortlich gemacht werden.
Wenn er verursacht hat, dass Klammbüdel keine Papiere gehabt hat.
Donnerwetter!
Das schreib mir nachher mal auf.
Ich will da gleich eine Eingabe machen.
Du, und schreib das so, dass das eine Beschuldigung für die Herren wird.
Wegen mangelhafter Amtsnachprüfung.
Dann haben die die Hosen voll, lassen uns in Ruhe.
Trinkst du jetzt immer aus der Flasche?
Erst die Arbeit.
Aber es ist an dem, dass die Gemeinde dem Klammbüdel nie einen Lohn zahlte.
(Grambauer) Ich möchte sagen, dass es mir schnurz sein kann.
Wenn einer kommt und sagt: Ich will umsonst bei dir arbeiten.
Das wäre doch eine verrückte Welt, wenn ich da sagen sollte: nein.
Das geht nicht für umsonst. Ich will dich als Hirte beschäftigen.
Sei so gut, und nimm dafür hundert und tausend Taler an.
Den Bauern, der das tut, den kaufe ich für 100.000 Taler.
Und verkaufe ihn für eine Million an ein Panoptikum.
Man bloß, wer als vernünftiger Mensch arbeitet für umsonst?
Ein Verrückter.
Ist aber besagter Klammbüdel ein Verrückter?
Dieses kann keiner mit ehrlichem Gewissen sagen.
Es arbeiten auch dunkle Gesellen für umsonst, die sich verstecken wollen.
Siehe, hier könnten sie uns beim Kanthaken kriegen.
Sie können sagen, ihr müsst euch gesagt haben, der versteckt sich.
Darum will er für umsonst arbeiten, darum hat er keine Papiere.
Ihr habt somit dem Verbrechen Vorschub geleistet.
Weil ihr nicht nach seinen Papieren gefragt habt.
Und dann müsst ihr für allen Schaden aufkommen.
Tja, das können sie sagen.
Ich verbitte mir solche Lästerung.
Ich muss sagen, Gemeindevorsteher Wendland hat zu rasch gehandelt.
Mit dem Abschieben des Kuhhirten, das sag ich, obwohl er mein Freund ist.
Wer hat mir denn zugeraten, den Klammbüdel rasch abzuschieben?
Der Gemeinderat, die Gemeinderatssitzung.
Und Gottlieb Grambauer auch.
Das muss ein Irrtum in deinem Kopfe sein.
Denn ich habe meine Stimme gegen das Abschieben von Krischan erhoben.
Ich und Wilhelm Trebbin.
Das bezeugt schon unser Gewissen.
Und würde uns bei eventuellem Schadenersatz ausnehmen.
Siehe, so lohnt sich menschliches Verhalten den Armen gegenüber.
Na, na, na.
Gemeinderatsvorsitzender, du hast dir am Ende doch zu viel aufgeladen.
Ich habe dich damals bei der Wahl gewarnt.
Christian, habe ich gesagt, sieh nicht bloß die Ehre.
Bedenk, was da alles von dir verlangt wird.
Die Gaben sind nun mal verschieden verteilt.
Nicht, dass ich mich gegen dich aufspielen wollte, nein, das nicht.
Ich habe ja freiwillig verzichtet, als du partout ranwolltest.
Lass ihn, sagte ich, er hat zehnmal so viel Acker.
Da darf er auch zehnmal so dicke Kartoffeln haben.
Nun hast du dich mit deiner Geschäftsführung festgefahren.
Ich sag nicht, bei mir wäre das nicht passiert.
Für seine geistigen Gaben kann keiner.
Ich sage das, weil es sich wieder an unseren Kindern so bewahrheitet.
Da wird deiner zu Ostern 15 und sitzt zweiter.
Meiner ist 2 Jahre jünger und sitzt erster.
Nun muss ich ihn auf eine höhere Schule schicken.
Ja.
Nein, so meine ich das nicht, dass ich mich an deiner Not weide.
Wenn das Gericht einen hängen will, finden sie noch allemal einen Strick.
Herr Gemeinderat Grambauer.
Ich verbiete Ihnen, unschuldige Kinder in die Debatte zu ziehen.
Wenn Sie das nochmal tun, dann entziehe ich Ihnen das Wort.
Willst du raus oder musst du raus?
Oder willst du uns in dem Schiet sitzenlassen?
Ich stelle den Antrag, der Vorsitzende ist zu weit gegangen.
Ich verstehe ja deinen Vaterschmerz.
Mein Vater hat immer gesagt.
Wer Grütze im Kasten hat, braucht sie nicht auch noch im Kopf zu haben.
Und dein Hermann wird mal seinen Mann im Leben stehen.
Ich kann mich nicht besinnen, solange Kummerow stehen tut, sowas.
Ist dies hier ein Reichstag? Gottlieb, setze dich hin.
Wendland, bin ich der Älteste, wie, was?
* Er klingelt. *
Meine Herren, ich erteile Gottlieb Grambauer wieder das Wort.
Ich ziehe meinen Antrag zurück.
Na, dann prost.
Auf einem Bein kann man nicht stehen.
Aber, Herr Pastor, Sie tragen mir doch nicht die Ehre aus dem Haus.
Aller guten Dinge sind 3.
Sonst hätten wir ja auch nicht die heilige Dreieinigkeit, nicht?
* Er räuspert sich. *
Grambauer, die obere Behörde bezeichnet Krischan
in ein paar Dutzend Schriftstücken immer als Krischan Klammbüdel.
Warum dürfen wir denn das nicht?
Da du mir so direkt die Ehre einer Frage gibst.
Da will ich dir meine maßgebliche Meinung auch sagen.
Das Kreisgericht hat den Klammbüdel so benannt.
Dann steht es einem Gemeindevorsteher nicht zu, an dem Namen zu zweifeln.
Ich empfehle, lasst euch nicht so viel ausfragen.
Antwortet nicht zu klug.
Je dümmer und einfältiger einer vor Gericht ist, umso klüger ist er.
Wir Kummerower werden uns doch nicht selber reinreißen.
Das beste ist also am Termin, wir lassen unseren Vorsteher reden.
Dann wird es schon klappen.
Komme ich übern Hund, komme ich auch übern Schwanz.
* Es klopft. *
Ich bin es, macht auf.
Komm rein.
Warum kommst du so spät, Hermann?
Ich wollte alles rauskriegen.
Und? Was ist nun?
Mein Vater wird morgen vor Gericht für alle reden, dann wird es klappen.
Wir unschuldigen Kinder werden in Ruhe gelassen.
Wir Kummerower lassen uns nicht reinreißen.
Du hast es vorm Kopf. Ich habe es gehört.
Pass mal auf, Hermann.
Stimmt es, dass wir unschuldige Kinder sind?
Ja.
Und gehört hast du, dass dein Vater für alle reden wird?
Ja.
Was sagt er?
Das weiß ich nicht.
Er hat es am Kopf. Sei doch ruhig, Johannes.
Was ist mit Krischan?
Dein Vater will ihn kaufen und für 1 Million wieder verkaufen.
Für eine Million? Quatsch!
Und du kommst auf eine andere Schule.
Der spinnt. Nein.
Wer hat das gesagt? Dein Vater.
Dann hat der es auch am Kopf.
Nein, der hat es nicht am Kopf.
Wir aber auch nicht.
Hauen wir jetzt Dükers Haus zusammen?
Der Klampsack reicht.
Aber gleich, dann hat er es bis morgen noch im Ohr.
Dann los, für Krischan und die Gerechtigkeit.
Es geht um mein Leben.
Diese Halunken.
Euch werde ich es zeigen.
Verflucht.
* Ein Hund bellt. *
Halt oder ich schieße.
Verdammtes Gesindel!
Euch schlage ich die Knochen kaputt.
(Erzähler) Das muss ein großer Menschenkenner gewesen sein.
Der diesen Sack mit einem eingenähten Feldstein erfunden hat.
Denn keiner kam auf den Gedanken, die Tür abzutasten und abzuleuchten.
Alle Klampsack-Geschädigten starrten immer nur in die Nacht.
Auf den Platz vor der Tür, auf die Straße, genau wie der Müller Düker.
Müller Düker hatte sich am Morgen von dem Schrecken der Nacht gut erholt.
Zumindest musste das große Gericht nicht vertagt werden.
Er war nicht verhandlungsunfähig.
Da kommt der Zug.
Guten Tag.
Guten Morgen, Herr Pastor. Schöner Morgen heute, nicht?
Das richtige Wetter zum Kartoffeln buddeln, wo man so im Rückstand ist.
Eine Schande, dass man alles im Stich lassen muss.
Wegen so einer Niederträchtigkeit.
Das hätten Sie sich früher überlegen sollen.
Jetzt müssen Sie vor Gericht zugeben, dass Ihr Tun niederträchtig war.
Nein, Herr Pastor, da hilft Ihnen kein Deibel mehr.
Die Bauern sind Schuld, das haben Sie gesagt.
Und nun werden Sie mein Entlastungszeuge.
Sie, Sie hergelaufenes Rübenschwein, Sie Wüstling!
Sie wagen es, mich für Ihre Verbrechen zu reklamieren?
Wer sind Sie denn, dass Sie sich erlauben, andere zu beleidigen?
Was Sie sind, das bin ich alle Tage.
Ein bisschen Hokuspokus machen, fette Taler einstreichen.
Anständige Leute beleidigen. Ihr müsst das bezeugen vor Gericht.
Ihr habt es gehört, er hat Rübenschwein zu mir gesagt.
Einsteigen!
Den bringe ich ins Zuchthaus, ich habe Beweise.
Die Sitzung des Gerichts Randemünde ist eröffnet.
Müller Friedrich Düker hat gegen die Gemeinde Kummerow Anzeige gestellt.
Wegen Amtsverletzung.
Durch Beschäftigung eines Gemeindehirten ohne Papiere.
Wer ist die Gemeinde Kummerow? - Ich.
Dann nehmen Sie hier vorn Platz.
Mein Leben ist bedroht, Herr Richter.
Das Leben meines Mandanten wurde damit letzte Nacht erneut bedroht.
Ein Klampsack. - Ja.
Ein richtig schönes Exemplar.
Machen Sie sich nicht lächerlich, Herr Verteidiger.
Damit wird das Leben nicht bedroht.
Packen Sie es mal ruhig wieder in den Koffer.
Verhandelt wird die Sache der Gemeinde Kummerow gegen Müller Düker.
Wegen Tierquälerei mit tödlichem Ausgang.
Ich rufe die Zeugen Krischan Klammbüdel, Wilhelm Trebbin auf.
Auch Martin Grambauer, Johannes Bärensprung und Hermann Wendland.
Herr Gemeindevorsteher, wo ist der Klammbüdel?
Ich weiß es nicht, Herr Amtsgerichtsrat.
Wir alle wissen es nicht.
Ja, er kann doch nicht verschwunden sein.
Die Sache mit dem Pferd ist ja bekannt.
Was geschah nun, als der besagte Krischan mit den Kindern erschien?
Erzählen Sie mal, Herr Trebbin.
Ja.
Also, der Krischan kam mit den Kindern und sagte: du Satan, du Aas.
Dann sagte der Müller: alter Zuchthäusler und so ein Schwein.
Und ehe wir uns ausgucken konnten, donnerte der Müller Krischan eine.
Na ja, dann sind die 3 Kinder hier dem Düker ins Gesicht gesprungen.
Aber der war ja wohl stärker und da habe ich ihm etwas geboxt.
* Einige Zuschauer lachen. *
Haben Sie das getan, weil Sie dem Müller die Kinder entreißen wollten?
Oder haben Sie sich nur über die Misshandlung des Pferdes geärgert?
Oder weil Sie sich aus der Haltung des Müllers bedroht gefühlt haben?
Ich kann es nicht anders leugnen.
Herr Trebbin, Sie wollten also die Kinder schützen.
Sie wollten die Misshandlung beenden und haben sich bedroht gefühlt.
War es so?
Es ist an dem, ich kann es nicht anders leugnen.
Nun, Kinder, warum seid ihr dem Müller ins Gesicht gesprungen?
Weil Krischan ein Gerechter ist.
Was ist er? Ein Gerechter.
Er war immer gut zu uns. Und zu den Tieren.
Er konnte mit Kühen und Vögeln reden, jeden Hund abrichten.
Aber nicht zum Beißen.
Krischan sagt, sie beißen sich genug in der Welt, ob Mensch, ob Tier.
Und er konnte Flöten und Stöcker schneiden.
Und er erbarmte sich des Pferdes von dem da.
Aber da war es schon zu spät.
Nur noch einmal hat der Rappe die Augen aufgemacht.
Erst den Müller und dann Krischan angesehen.
Krischan hat es ganz anders angesehen, wie ein Mensch.
Herr Vorsitzender, kann ich dem Herrn Pastor eine Frage stellen?
Bitte.
Mein Mandant kann Zeugen benennen, dass Sie gesagt haben,
die Bauern hätten Schuld am unglücklichen Tod des Pferdes.
Jawohl, ich habe die Bauern beschuldigt, mitschuldig zu sein.
Na also.
Warum, so habe ich gesagt, habt ihr den Müller nicht gleich geschlagen.
Als er anfing, sein Pferd zu prügeln.
Warum habt ihr gewartet, bis Krischan Klammbüdel und die Kinder kamen?
Nun seid ihr mitschuldig an der Schande, die auf Kummerow fiel.
Sie als Geistlicher billigen also einen tätlichen Angriff?
Den des Herrn Wilhelm Trebbin auf meinen Mandanten?
Ich missbillige ihn, wegen der Verspätung.
Ruhe, oder ich lasse den Saal räumen.
Sie können sich alle setzen.
Herr Verteidiger.
Ich plädiere für das freie Recht am Eigentum.
Der Rappe war Eigentum meines Mandanten.
Ich fordere, die Anzeige zurückzuweisen.
Herr Düker.
War es mein Pferd oder eures? Es war meins, versteht ihr.
Der Krischan Klammbüdel ist nicht anwesend.
So kann ich die Anzeige Herrn Dükers gegen die Gemeinde nicht verhandeln.
Den Kummerowern empfehle ich, den Krischan Klammbüdel zurückzuholen.
Er stand selbstlos für ein geschundenes Pferd ein.
Er hat in langen Jahren ein gutes Herz für Tiere und Menschen bewiesen.
Deshalb soll er öffentlich belobigt und dafür belohnt werden.
Und damit komme ich zum Hauptmerkmal dieser Verhandlung.
Zu dem Hirten und den Kindern.
Sie haben die Ehre ihres Dorfes gerettet.
Wegen eines misshandelten Pferdes stürzten sie sich auf einen Wüterich.
Der sie hätte zerschmettern können und das wohl auch wollte.
Wir können stolz auf sie sein. Sie sind die Gerechten von Kummerow.
Es wird für Recht erkannt.
Der Angeklagte Friedrich Düker erhält 4 Wochen Gefängnis.
Wegen abscheulicher Tierquälerei mit Todesausgang.
Er ist sofort in Haft zu nehmen. Die Verhandlung ist geschlossen.
Ich komme wieder raus, ich komme wieder raus.
Dann werde ich es allen besorgen, die heute gegen mich aufgetreten sind.
Dem sogenannten Pastor zuerst. Verlasst euch drauf.
(aus dem Publikum) Das ist noch viel zu wenig.
Auf die Gerechtigkeit.
Jawohl.
Auf die Gerechten.
Nochmal 5 Bier und 5 Richtenberger auf meine Rechnung.
Und 3 Brausen.
Auf unseren Sieg.
Der Richter hätte dem Düker den Kopf abhauen sollen.
Wenn er nun einen von uns kaltmachen will?
Allen hat er gedroht. Wird er dann hingerichtet?
Alle, die gegen ihn sind, will er kalt machen, am meisten den Pastor.
Gehen sie mal lieber mit einem Schlachtmesser aus.
Besser ist ein Revolver.
Der Müller sitzt hinter einem Stubben.
Und wenn der Pastor vorbei ist, paff, hat er ein Ding im Rücken.
Seid ihr denn verrückt, euch auszumalen, wie ich ermordet werde?
Das Leben endet meist mit dem Tode.
Feine Gerechte seid ihr.
Ach, haben Sie mal keine Angst vorm Müller.
Wir gehen mit Ihnen, jeder von uns mit einem richtigen Knüppel.
Und mit Steinen, denn wenn der Müller sein Gewehr hat ...
Ich glaube, der liebe Gott wird aufpassen.
Wo doch der Herr Pastor bei ihm angestellt ist.
Also, noch eine Runde, auf meine Rechnung.
(Erzähler) Der Müller-Prozess war also nun erledigt.
In Ehren, jedenfalls für die Kummerower.
Doch in Martin, Johannes und Hermann wirkte das Lob weiter.
Die neuen Gerechten liefen umher.
Sie suchten, wo sie einem Erwachsenen an den Kragen könnten.
Weil er seinem Pferd, seiner Kuh einen übergezogen hatte.
Oder wenn sie sahen, dass jemand mit einem Holz nach fremden Hühnern warf.
Der ärgste unter ihnen war Martin Grambauer.
Bisher war Krischan in Kummerow Gottes Stellvertreter auf Erden.
Nun waren es die Tiere.
Martin, guck. Oll Blasemann, komm.
Wach auf, du Tierschinder, wir zeigen dich an.
Du kommst ins Gefängnis.
Ja, ja, ich weiß, Hunde dürfen nur den Wagen ziehen, aber nicht mich.
Siehst du, nun kriegst du furchtbare Strafe.
Ich bin doch alt und so müde.
Ihr braucht euch nicht mehr mit dem Suffkopf zu quälen.
Ihr seid frei.
Aber was macht ihr mit den Hunden?
Hör auf zu jammern.
Tierquäler, buh!
Ich bin ruiniert.
Krischan ist also nicht zum Gerichtstermin erschienen.
Aber er kann doch nicht für immer verschwunden sein.
Unsere Mutter sagt, wenn Krischan mal nicht zum Himmel aufgefahren ist.
Krischan ist kein Heiliger und kein rechter Sohn Gottes gewesen.
Er war ein Vagabund, sein Leben lang.
Wenn Krischan kein Gerechter sein soll, wer ist denn dann einer?
Beispielsweise Menschen, die über das Recht wachen.
Auch der Richter von Randemünde? Aber ja.
Wenn der als Gerechter sagt, Krischan ist auch einer.
Hermann, Johannes und ich auch, dann wollen Sie das nicht glauben?
Er hat es doch nicht so wörtlich gemeint.
Warum sagt er es dann?
Nun ist aber genug.
Raus, Schulschluss.
Raus, alle raus, bis auf den da, Martin Grambauer.
Martin, ich kann ja verstehen, warum ihr das getan habt.
Ihr wolltet euch der Hunde erbarmen.
Tierquälerei, der Lumpenkerl hat nichts anderes verdient.
Arme, alte Menschen dürfen Hundewagen haben.
Sie können nichts mehr tragen.
Dann sollen sie zuhause bleiben.
Und wenn diese Menschen zuhause nichts zu essen haben?
Sollen sie dann verhungern?
Warum lässt man sie denn hungern?
Es wird eine Zeit kommen, da diese Menschen nicht zu hungern brauchen.
Deine Tat war sicher sehr gut gemeint.
Aber ich will dir etwas vor Augen führen.
Du hast einem armen alten Mann Unrecht und Schmerz zugefügt.
Dieses solltest du einsehen.
Und ein andermal dir auch eine gute Tat überlegen.
Hast du das verstanden? Damit ist die Sache wohl erledigt.
Ich glaub das alles nicht.
So, na sieh mal an.
Aber dürfen die Gerechten alles?
Gegenüber einem Armen, der sich, um leben zu können, etwas versündigt?
Wenn nun aber der Graf käme und deinem Vater den Hof wegnähme.
Ja, weil dein Vater doch ärmer ist. Was würdest du dann sagen?
Der Graf Runkelfritz? Hm.
Unsern Hof wegnehmen?
Dem würde Vater eine verpassen, dass er bis nach Afrika schlittert.
Na, und du?
Ich, wieso?
Ich würde Vater helfen. Ah.
Würdest du ihm helfen, weil er dein Vater ist und es um euren Hof geht?
Oder würdest du ihm helfen, um ein Unrecht abzuwehren?
Dürfen die Reichen alles?
Dürfen denn die Gerechten alles?
Denn siehe, oh ja, siehe, siehe.
Auch mit einem Gerechten kann es bergab gehen.
Also tu nur gute Taten, wenn du überzeugt bist, sie sind gut.
Und damit sie auch vor deinem Gewissen gut bleiben,
musst du von vornherein damit einverstanden sein, dafür zu leiden.
Leiden? Ja.
Für gute Taten?
Wenn du so alt bist wie ich, kommst du in Versuchung zu sagen,
nur, nur für gute Taten.
Und das war immer so auf Erden?
Und das muss auch immer so sein?
Nein.
Nein.
Ich habe alles gehört.
Eine gute Tat für Krischan, auch dafür muss man leiden.
(Erzähler) Was immer hätte passieren können, nun war es passiert.
Die Kummerower fanden die Reste ihres Nachtwächters Andreas Bärensprung.
In einer Feldhütte am Dorfrand war er in seinem Dusel eingeschlafen.
Er hatte sich mit der umgestürzten Laterne selbst ein Ende bereitet.
Wieder hatte einer der ganz Armen Kummerow verlassen.
Wir gedenken unserem pflichtgetreuen Diener.
Er ist im Dienste verunglückt.
Wir bekommen nicht wieder einen Nachtwächter wie Andreas Bärensprung.
Für Andreas Bärensprung, den Helden von Mars-la-Tour.
* Kanonenschuss *
* Kanonenschuss *
Mutter.
Es muss wohl so sein.
Ich eröffne die Sitzung und verlese erstmal einen Brief.
Ich habe es satt, auf dem Dorfe zu leben.
Und meine Jugend hinter Kühen zu vertrauern.
Meine Wohnungseinrichtung vermache ich meinem Sohn Johannes.
Den Jungen aber vermache ich der Gemeinde Kummerow.
Hochachtend, Luise Bärensprung.
Tja.
Da wir ja nun die rechtmäßigen Erben von Johannes Bärensprung sind.
Da möchte ich beantragen, Herrn Kannegießer zum Vormund zu bestellen.
Johannes müsste noch 2 Jahre zur Schule gehen.
Fürs Kühehüten hat er genug gelernt. - Nein!
Nein!
Und wer füttert ihn die 2 Jahre durch?
Ich.
Wenn die Gemeinde mir bestätigt, dass sie zu arm oder zu geizig dafür ist.
Aber, aber, ich habe eine Lösung gefunden, die allen gerecht wird.
Bauer Gripenkerl aus Muddelkow, ein entfernter Verwandter meiner Frau.
Der ist bereit, den Johannes in Kost und Logis zu nehmen.
Und da kann er auch zur Schule gehen.
Wer ersetzt uns die Auslagen, die wir für Bärensprungs Erziehung hatten?
Ich denke, 5 Taler wird Gripenkerl der Gemeinde als Ablöse zahlen.
Dann nehme ich den Bengel eben, aber ohne die 5 Taler.
Na, das könnte euch so passen.
Gripenkerl erhält den Zuschlag.
So wird es beschlossen.
Danke, Grambauer.
Na, wegen der 5 Taler.
Schon gut, ohne Martin hängt Johannes doch immer das Armenhaus an.
So haben wir wenigstens ein bisschen seine Zukunft gesichert.
Ja, danke.
Was machst du denn hier?
Sind nicht alle gut im Futter.
Was, du willst mir Ratschläge geben? Scher dich raus!
Dem stelle ich als Kuhhirt seine Ochsen auf die schlechteste Stelle.
Johannes, du bleibst nicht in Kummerow.
Was?
Das hat der Gemeinderat so beschlossen.
Du musst erst noch was lernen, bis du ein richtiger Hirte bist.
Nun ja, du hast noch zu wenig Erfahrung.
Keinen Kuh-Verstand.
Dabei vergehen ein paar Jahre.
Vielleicht hast du dann auch gar keine Lust mehr,
ein ganzes Leben so zu leben wie der Krischan.
Johannes geht zu einem Bauern nach Muddelkow.
Wann? In den nächsten Tagen.
Ja, was willst du denn? Ihr kommt doch sowieso auseinander.
Oder willst du Johannes mit auf die Stadtschule nehmen?
Kann ich nicht morgens mit dem Zug in die Stadt und abends zurück?
Hast du Angst? - Vielleicht hat er die Hosen voll.
Hey, hey!
Gottlieb.
Back morgen anständig Kuchen, Abschiedskuchen für Johannes.
Wenn ich es dir nicht gönnte, Johannes.
Dann würde ich sagen, du willst ganz Kummerow auffressen.
Etwas Geld und immer gutes Essen, das wär ein Leben.
Lädt uns dein Vater wieder ein, wenn wir in 2 Jahren eingesegnet werden?
Klar, dass das Martin sein Vater macht, nicht wahr?
Pass auf, Ulrike, da futtern wir noch mehr als heute.
Du bist dann ja weg. Morgen wirst du abgeholt.
Nach Muddelkow.
Warum bist du plötzlich weggelaufen? Wo ich nun immer alleine bin.
Wenn ich in die Stadt muss, bin ich auch allein.
Ich reiße wieder aus.
Ja, wir suchen Krischan.
Die gute Tat, Mensch, Martin, die gute Tat.
Ich verlass dich nicht, Johannes, niemals im ganzen Leben nicht.
Ich steh dir auch immer bei.
(Erzähler)
Bauer Gripenkerl holte am nächsten Morgen Johannes in Kummerow ab.
Martin schien es danach, als wäre das Leben in Kummerow anders geworden.
Krischan war nicht mehr da, und Johannes war nicht mehr da.
Flocki, komm.
Martin, bist du es, Martin?
Johannes, Mensch, du bist wieder da.
Johannes, du bist ja schon wieder da. Das sage ich gleich meinem Vater.
Haben sie dich geschlagen? - Haben sie dich hungern lassen?
Musstest du zu viel arbeiten?
Warum läufst du dann nach 3 Tagen weg und betrügst die Leute?
Weil ich, da hab ich so ein Heimweh gekriegt.
Einstweilen kannst du hierbleiben, aber die werden dich schon holen.
Aha. Wendland!
Siehst du, wer hat nun recht?
Lümmel! Sie!
Bestärke ihn nicht in seiner Verbocktheit.
Sonst kriegt du von mir deine erste Maulschelle.
Ihr solltet Krischan zurückholen, belobigen und belohnen.
Ihr habt es nicht getan, bis heute nicht.
Komm, Johannes.
Mein Gott, Mann.
Meinst du, mir ist das recht mit Johannes?
Grambauer, kann Johannes ...
Er könnte hier bleiben, bloß, der Martin kommt doch weg.
* Er spuckt. *
Ich habe es dir schon gesagt.
Ein gebildeter Mensch spuckt bei anderen Leuten nicht aufs Ofenblech.
Ist das gebildeter, wenn ich euch auf den Fußboden spucke?
Das hat dir wohl dein gebildeter Sohn beigebracht?
Der hetzt doch den Bärensprung bloß auf.
Es wird höchste Zeit, dass die beiden aus dem Dorf kommen.
(Erzähler) Die Alten rieben sich aneinander.
Währenddessen führten Martin und Johannes eifrig ihren Plan aus.
Die Fahrt sollte über die Oder gehen, zu Krischan.
Finden würden sie ihn schon.
Und dann mit Krischan weiter nach Schweden.
Das lag ja dicht bei.
Flocki, komm. Flocki!
* Flocki bellt. *
Halt die Schnauze, dummer Hund!
Au!
Wird kalt sein.
Wenn wir uns warmgerudert haben, merken wir nichts mehr.
Na, komm, komm. Feiger Hund!
Wollen wir nicht erst was futtern? Krischan hat jetzt auch nichts.
Wir frühstücken dann mit ihm zusammen.
Oder wollen wir uns hier noch ohne ihn kriegen lassen?
Hör auf!
Ah, auch das noch! Verdammter Mist!
Jetzt ist alles weg.
Jetzt ist genug! Sonst haben wir keine Vorräte mehr.
Und wenn nun einer fragt, wo wir hinwollen?
Na, nach Schweden her.
Das ist für die hier zu weit.
Wir sagen einfach, wir wollen ins Oderbruch.
Unsere Leute machen den Heuschober fertig, wir bringen das Essen hin.
Müssen wir es wirklich hinbringen? Hier, Brot.
Martin, guck mal, ein Kahn.
Das Schicksal ist uns wohlgesinnt.
Menschenskind, das ist am Ende schon die Oder.
* Signalhorn ertönt. *
* Signalhorn ertönt. *
Ha, der hat wohl Angst, dass wir ihn rammen.
Weg da, zum Donnerwetter, macht, dass ihr wegkommt.
Anhalten, anhalten, hier sind 2 Schiffsjungen.
Weg da, macht, dass ihr wegkommt!
Ihr Lümmel!
Wir sind auf einer richtigen Insel mitten im Fluss.
Wir kommen hier gar nicht mehr weg.
Wir haben ja auch keine Ruder mehr.
Na ja, das hat schon alles sein sollen.
Wir kommen schon zu Krischan. Ja.
Wenn einer allein kommt mit einem Kahn und steigt aus.
Dann wir rasch rein und abhauen.
Mensch, Martin, dein Kopf und meine Beine.
Hierher, wir sind Schiffbrüchige, rettet uns!
Los, hierher, kommt doch hierher, hierher, los!
Kein Mensch kommt hierher.
Hach, alle fahren sie vorbei. Und winken tun sie auch noch.
Wenn ich eine Kanone hätte, die schösse ich alle in Klump.
Schnell! Ersaufen müssten die alle.
Kommt hierher, hierher!
Du, ich habe Kiebitz-Eier gefunden.
Oh, was zu essen. Hast du Streichhölzer?
Na klar.
Schiete, dann werden wir wohl verfrieren in der Nacht.
Hey.
Jetzt einen Kanten Brot.
Schiffbrüchige haben sich schon mal selber verspeist.
Bis zum Schluss nur einer übrigblieb.
Und was hat der nachher gefressen?
Mal hat einer sein Bein gefressen. Das rechte?
Oder das linke? Tatsache.
Und nachher?
Nachher, da hatte er noch sein anderes Bein.
Und dann, dann ist er doch krepiert. So ein Dussel.
Der Letzte ist immer gerettet worden.
Sonst hätte doch keiner von der Geschichte gewusst.
So ein Quatsch.
Jetzt werde ich gleich mein erstes Bein fressen.
* Es raschelt. *
Hab ich euch endlich, ihr Ausreißer.
Ho!
Brrr!
Tag.
Tag auch, Herr Grambauer. Da sind sie.
Denken Sie mal an, Herr Grambauer, was für ein Glück.
Nein, nein, diese Jugend heute.
Kommen Sie rein und essen Sie einen Happen.
Nein, das lassen Sie mal.
Ich muss machen, dass ich mit der Halunkenfuhre vorm Dunkeln heimkomme.
Was bin ich Ihnen schuldig? - Tja ...
Reicht das?
Man so.
Und ihr, na, rauf auf den Wagen.
Nun seien Sie mal gnädig, Herr Grambauer.
Wir sind doch früher auch nicht gerade Engel gewesen.
Ach ja.
Kann ich nicht bei Ihnen bleiben, Herr Diekmann?
Ja, wenn du aus der Schule wärst und Lust zum Fischen hast.
Vater.
Ist Mutter, ist sie auch so böse?
Warum bist du ausgerissen, das sag.
Weil ich doch wegsollte von Kummerow.
Da läufst du von allein weg von Kummerow?
Wir wollten doch Krischan finden.
Hü!
Brrr!
Halt!
Mein Junge!
Mein lieber Junge.
Spann mal die Pferde aus, Johannes. Der Wagen bleibt gleich so stehen.
Morgen früh geht es weiter, du nach Muddelkow und Martin in die Stadt.
* Ein Hahn kräht. *
Danke, Ulrike.
Mach Kummerow bei Bauer Gripenkerl keine Schande.
Kann ich wiederkommen?
Ja, mein Junge.
Auf Wiedersehen.
Wer eine Heimat hat wie du.
Wer eine Kindheit gehabt hat wie du, der kann ruhig in die Fremde gehen.
Seine Heimat wird immer bei ihm sein.
Nun heulen die langhaarigen Donnerschläge.
Hü!
(Erzähler) Immer tiefer sank Kummerow zurück.
Das Land, dass ihnen immer nahe gewesen war.
Hügel schoben sich rechts und links gegen den Weg.
Und mit einem Mal lag Kummerow hinter den Bergen.
Für Martin und Johannes fiel das Tor des Paradieses zu.
Für immer.
Copyright MDR 2019 Untertitel: Büschel
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