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Verzeihung. Mein Geldbeutel... -Hier steht jeder an. Sie auch!
Meine Frau liegt in... -Stehlen Sie mir nicht meine Zeit!
(Zarte, monotone Musik)
(Sanft-beschwingte Musik)
(Eine Uhr schlägt viermal.)
(Klopfen)
Cioma. -Komm rein.
Ist deine Familie schon weg? -Ja, seit fünf Tagen.
Ja. Meine Eltern sind auch schon in den Osten geschickt worden.
Kann ich 'ne Weile bei dir unterkommen? -Bleib, solange du willst. Kaffee?
Ja, gerne.
Wie kriegst du Marken?
Gar nicht.
Ich kriege Essen von den Marktfrauen und nähe dafür ihre Kleider um.
Ich könnte auch echte Bohnen besorgen.
Dann gäb's richtigen Kaffee.
(Alle Wecker ticken.)
(Wecker klingelt.)
(Zweiter Wecker klingelt.)
(Dritter und vierter Wecker klingeln.)
(Alle Wecker klingeln zugleich.)
(Metallisches Dröhnen)
(Dampflock rattert.)
(Tonsignal zum Arbeitsbeginn)
(Klassische Musik)
Pst! Pst!
Cioma.
Du hast doch 'ne Ausbildung als Grafiker.
Nur angefangen. -Ein Bekannter sucht einen.
Hast du eine ruhige Hand? -Ich denke schon.
(Mann) Sie waren auf der Zeichenschule vor der Arbeit in der Rüstung?
Wie lange waren Sie da? -Zwei Jahre.
Dann wollte ich auf die Kunsthochschule. -Wozu?
Um Kunst zu studieren. -Wieso? Von Architektur hat man mehr.
Man macht das, wofür einem das Herz schlägt.
Das Herz schlägt.
Einzelkind, was? -Ja.
Ich habe Rechtswissenschaften studiert, im Krieg gedient, mehrfach ausgezeichnet.
Danach Promotion.
Ich war immer ein korrekter Beamter,
der deutschen Nation und dem Rechtsstaat verpflichtet.
Glauben Sie an Gott, junger Mann?
Ich bete manchmal.
Für das Einzelkind oder ab und an auch für andere?
Auch. Aber hauptsächlich... wenn ich mir etwas wünsche, was ich nicht haben kann.
Sie wollen nur glauben, wenn Sie etwas für sich wollen.
Das ist zu einfach. -Wahrscheinlich ja.
Gut.
Das ist eine Kennkarte. Können Sie das Bild auswechseln
und den Stempel dann ergänzen?
Gute Fälschungen sind im Grunde wie kleine Kunstwerke.
Kriegen Sie das hin?
Ist eine sehr einfache Frage.
Ich denke schon.
Wenn eines Morgens anstatt des Milchmanns die freundlichen Herren der Gestapo
bei Ihnen klingeln und Ihre Wohnung durchsuchen wollen,
dann würde ich Sie sehr bitten, sich aufzuhängen.
Jawoll.
Die Kennkarten werden im Opferstock meiner Gemeinde,
der Bekenntniskirche, gesammelt.
Auf dem Schwarzmarkt sind diese Karten mehrere tausend Reichsmark wert.
Aber wir machen das aus purem Anstand.
Keiner verdient dabei.
Natürlich.
Sie wohnen zurzeit allein? -Ja.
Sehen Sie zu, dass es so bleibt. Schließen Sie ab, wenn Sie dort arbeiten.
Stecken Sie die Krawatte ein.
Das hier ist für Ihre Arbeit.
Stecken Sie das alles ein. Meine Frau kann jeden Moment reinkommen.
Haben Sie vielen Dank.
(Kontrabass-Klänge)
(Lebhafte Jazzmusik)
(Klopfen)
Cioma, weißt du, was ich hier habe? Ein halbes Hähnchen.
Von den Marktfrauen.
Darf ich? -Ich stell die Tasche unters Bett.
Frau Peters steckt ihre Nase in alles. -Die Jacke dann besser auch?
Wir müssen nicht übertreiben.
Wie alt ist denn deine Frau Peters? -Keine dreißig.
Verheiratet? -Witwe.
Hm. -Pass auf, was du ihr erzählst.
Ich lasse immer die Frauen reden.
(Er lacht.) -Die Frauen.
(Leises Jazzsaxofon)
(Klopfen) -Sag mal, Cioma,
habt ihr einen Schluck Weißwein für das Hähnchen? -Nein.
Was machst du da? -Ich hab das Bild rausgelöst.
Aber ohne Ösenpresse. Eine Öse ist schon kaputt.
Fälschst du hier gerade einen Pass?
Ich versuch's.
Könnte ich deine Frau Peters um einen Schluck Weißwein bitten?
Ich glaube, die rückt nichts raus. -Ich glaube schon.
(Klopfen)
Heil Hitler. Kriminalpolizei.
Ich muss die Vermögensverhältnisse Ihrer Mutter prüfen.
Haben Sie irgendwo ein stilles Örtchen? -Ja, bitte. Hier.
Danke.
Und Sie bleiben hier stehen. Nicht dass Sie was verschwinden lassen.
(Plätschern)
(Toilettenspülung rauscht.)
So.
Oh... Dann wollen wir mal.
Wem gehört welches Zimmer? -Hier ist mein Jugendzimmer.
Und das Zimmer meiner Eltern,
das ist dort hinten,
genauso wie das meiner Großmutter.
(Tür wird geöffnet.)
Die Uhr steht nicht auf der Liste.
Dürfte ich die Fotografie behalten?
Nehmen Sie's raus.
Wenn was von den Sachen verschwindet, muss ich das melden.
Wir dürfen nicht zimperlich sein. -Ja.
Wo geht das Licht aus? -Gleich hier.
Halten Sie mal.
So.
Feierabend für mich. -Ich hole schnell Ihren Mantel.
Heil Hitler. -Heil Hitler.
(Tür wird geschlossen.)
(Hinkende Schritte entfernen sich.)
Schließt du nicht die Wohnungstür ab?
Oder soll ich das für dich machen?
Nee, besser nicht.
Wer fälscht Pässe bei geöffneter Tür? -Ich mache das, Det.
Vielleicht sollte man Pässe im Park fälschen.
Mitten in der Menge am helllichten Tag.
(Beschwingte Jazzmusik)
Det.
Ja?
Würdest du kurz mal herkommen?
Mhm.
Wie findest du's? -Ja, Cioma, ich find's nicht gut.
Und wie findest du... das?
Der Stempel hat zur Mitte hin mehr Farbe und läuft an den Rändern aus.
(Cioma) Mhm.
Stimmt.
Danke.
Ja, das ist ganz gut.
Würden die Marktfrauen uns was abkaufen?
Die Sachen gehören euch gar nicht mehr. -Sie gehören gerade niemandem.
Ich liefere den fertigen Pass aus.
Cioma, ich würde fragen, ob sie den Pass abholen.
Ich ziehe mich kurz um.
Gefällt's Ihnen? -Ja, sehr.
In zwei Tagen muss ich zurück zur Front.
Als Sie reinkamen, dachte ich schon,
Sie wären einer, der sich k. u. erklären lässt.
K. u.?
Kriegsuntauglich.
Viele junge Männer lassen sich gerade kriegsuntauglich schreiben.
Wie sollen wir da den Krieg gewinnen?
Ja, da haben Sie völlig recht.
Das sehe ich ganz genauso.
(Beschwingte Jazzmusik)
(Marschmusik)
(Unverständlich)
(Kellner) Heil Hitler. Essen für zwei? -Heil Hitler. Leider nur für mich allein.
Aber schön wär's.
Geht's zurück an die Front? -Jawoll.
Wenn sich alle k. u. erklären lassen, werden wir den Krieg nicht gewinnen.
Sehr wahr.
Keine Frau, die auf Sie wartet?
Nein, leider nicht. Danke.
Ich bin erst 21, aber schon seit drei Jahren im Dienst.
Wissen Sie, was?
Essen Sie, was Sie wollen. Geht auf mich.
Sehr freundlich, aber das ist... -Ich bitte Sie, junger Mann.
Sie stellen sich dem Kugelhagel entgegen.
Bestellen Sie! Keine Zurückhaltung. Nehmen Sie, was Sie wollen.
Sie sind ein Held. Denken Sie daran.
Ich bin einer von vielen... -Nein. Ein Held sind Sie.
(Mann) Was ist das für ein affiger Haarschnitt?
Das ist Mimikry.
Manche Tiere nehmen Gestalt oder Farbe der Tiere an,
die ihre Feinde fürchten.
Der etymologische Ursprung des Wortes ist das altgriechische "mimos".
Haben Sie Altgriechisch gelernt? -Zum Glück nicht.
Haben Sie den gefälschten Ausweis dabei?
Zeigen Sie mal her.
Das ist Ihre Arbeit.
Von zwei Ösen ist eine beschädigt,
und der Kreis des Stempels schließt nicht einwandfrei.
Sie sagten, gute Fälschungen sind wie kleine Kunstwerke.
Das ist davon noch ein Stück entfernt.
Wie lange brauchten Sie? -Gut eine Stunde, mit Unterbrechung.
Mit Unterbrechung? -Ja.
Haben Sie für sich selbst auch einen gefälschten Ausweis?
Mehr oder weniger.
Ich hab...
... einen Postausweis. -Einen Postausweis?
Ich dachte immer, der ist für Theateraufführungen,
für die Bücherei,
für das Abholen von Sendungen.
Dann zeigen Sie mal her, Ihren Postausweis.
Wieso hat der so viele Wasserflecken?
Es ist fürchterlich,
aber unsere Haushälterin reißt uns alles sofort aus den Händen. -Oha.
"Schönhausen" steht da drin.
Sind Sie mit den Bismarcks verwandt? -Nein.
Er war ein guter Freund unseres Hauses.
Verlassen Sie sofort mein Haus.
Na los.
Ich rate Ihnen, gehen Sie zu Fuß!
Sie dürfen die Straßenbahn nur benutzen, um zur Arbeit zu fahren. Das wissen Sie.
(Det) Jeder spricht über Kaufmann.
Er ist nicht sonderlich vorsichtig.
Sei froh, dass du da nicht mehr mitmachst.
Ich hab nur ab und an die Gewohnheit, mich zu überschätzen.
Als guter Freund hättest du mir widersprochen.
Als schlechter Freund hätte ich es getan.
Cioma,
morgen kämen hier ein paar Marktfrauen vorbei.
Ich fürchte fast, es sind zu viele.
Wie viele denn?
Ich sagte ihnen, sie sollen in kleinen Gruppen kommen,
aber keine wollte in die zweite oder dritte Gruppe.
Können sie sehr, sehr leise sein?
Sehr, sehr leise?
Grundsätzlich eher... nicht.
Schönhaus, Ihre Zigarette riecht man im ganzen Haus.
Sie können mir mal helfen.
Das muss da ran.
Nach der Dämmerung kein Licht im Treppenhaus.
Warum hält sich denn da niemand dran?! Neulich war das Licht an.
Wozu klebe ich alle Schalter ab und hänge Schilder daneben?
Und ich bekomme sehr wohl mit,
dass Sie im Hinterzimmer nicht ordnungsgemäß verdunkeln.
Schönhaus, Sie haben hier nur noch ein Zimmer.
Der Rest gehört nicht mehr Ihnen. Das wissen Sie schon?
Sie können auch nicht mehr einladen, wen Sie wollen.
Natürlich.
Schön.
Heil Hitler.
(Tür wird geschlossen.)
(Man kann sie nicht hören.)
Sind Sie Herr Schönhaus? -Ja.
Kommt. -Schön, dass Sie gekommen sind.
Bitte.
Bitte leise, wegen der Nachbarn. -(Frau) Wir schleichen wie Kätzchen.
(Laute Schritte)
(Cioma) Ja, bitte. Links und dann rechts.
Vielen Dank.
(Lautlos)
(Det) Wir laden euch ein, eine wunderbare Zeit mit uns zu haben.
Wir vergessen aber nicht, schön leise zu sein.
(Frau) Tür zu, wenn wir uns nackig machen!
(Leise, heitere Musik)
Wie viele Meter sind denn da noch drauf? -Sicher mehr als zehn.
Nehme ich. Der blau karierte Stoff ist meiner! Der ganze.
Wie, der ganze? -Ja, hab ich doch gesagt.
Dann nehme ich den, auch ganz.
(Leise, heitere Musik)
(leise) Jetzt beweg dich. Mensch, sonst wird das nichts mehr. Los.
Kriege ich noch ein Schlückchen? -Ja, sicher.
(Leise, heitere Musik)
(Heiter-sanfte Violinenklänge)
(Klopfen)
Ich muss mal. -Nein.
(Rütteln)
(Klopfen) -(Leises Kichern)
... und dann ist das normal. Ja? -(Kichern)
(Plätschern)
Guten Tag, die Herrschaften. Will gar nicht stören.
Aber all das hier gehört ihm schon längst nicht mehr.
Mhm.
Sie können die Brosche wieder abmachen. Sie da, ziehen Sie sich an!
Wo ist denn Ihr Kollege?
Ihre Mutter hat die Listen bei der jüdischen Gemeinde abgegeben
und alles offiziell übergeben.
Da waren Sie doch dabei. -Da war ich dabei.
Was Sie hier machen, dafür können Sie erschossen werden. Das wissen Sie!
Sie müssen sich nicht wegducken dahinten! Gucken Sie mich an! Sie auch, Sie auch!
Sie alle, Sie bleiben hier,
und Sie räumen hier schön auf, wo alles hingehört.
Niemand...
... nimmt hier irgendwas mit.
Und dabei halten Sie Ihren Mund.
Sie sind ganz still, wie Kätzchen. Verstanden?
Und Sie kommen mit!
Sie dürfen mir helfen. Sie schraubten das Ofenrohr ab und vergifteten sich.
Die jüdischen Bestattungsunternehmen sind überlastet.
Bis die kommen, bringen Sie die in Ihr Kellerabteil.
Die Birnbaums hatten keins.
Ja.
(Peters) Schlucken Sie's runter.
(Er ächzt.)
(Klopfen)
(Klopfen)
Guten Abend, die Herren. Darf ich kurz?
Das war unangenehm, aber Sie verstehen, warum ich Sie gefragt hab.
Das hat schon seine Richtigkeit, dass ihr euresgleichen wegräumt.
Mein Mann war der Blockwart.
Sie können nicht Marktfrauen einladen.
Laute Weiber, die im Treppenhaus wiehern und kichern
und dann rumerzählen, wie sie hier eingekauft haben.
Was denken Sie sich denn dabei?
Das weiß doch dann jeder!
(leise) Wie steht dann unser Haus da?
Meine Schwester ist ausgebombt
und schläft mit ihren Kindern auf dem Küchenboden.
Die Betten dahinten,
die braucht doch dann keiner mehr.
Oder?
Das kann man alles verkaufen.
Sie beide gehen dann in meine Wohnung. Sie würden die Leute stören.
Viele bereichern sich an den Sachen der Menschen, die man gen Osten schickt.
Die Parteibonzen nehmen sich die größten Stücke.
Ich verkaufe das für Sie.
Und Sie verschwinden dann hier. Verstanden?
Ihre Freistellung läuft ab. Und Sie haben nicht mal eine, nicht wahr?
Wenn ich Ihre ganzen Sachen verkauft hab, dann verschwinden Sie sofort, verstanden?
Können Sie sprechen?! -Verstanden.
Gut. Dann wünsche ich den Herren noch einen schönen Abend.
(Ticken)
(Wecker klingelt.)
(Ticken, Dröhnen)
Wenn Sie noch mal zu spät kommen, ist Ihre Freistellung weg.
Dann bring ich Sie in die Levetzowstraße. -Jawoll.
Sparen Sie sich den Scheiß. Weitermachen!
Sollen wir uns Uniformen leihen? -Uniformen?
Ich hab da doch zwei Jahre lang malocht. -Ja und?
Da ist ein Offizier,
der kommt mit seiner kaputten Marine-Uniform zu uns.
Muss aber gleich wieder in den Krieg. Und dafür kriegt er 'ne Ersatz-Uniform.
Wir reparieren seine alte, und dann hängt die da herum
und wartet nur auf ihren neuen Besitzer.
(Walzermusik)
Weißt du, Det, die Marine ist mehr als Militär.
Sie ist Familie. Und Freiheit.
Wirklich? -Ja.
Die Marine ist mehr als Militär.
Sie ist Familie. Und Freiheit.
(Kellner) Darf es noch eins sein? -Sehr gerne.
(Cioma) Du entscheidest dich nicht für die Marine.
Die Marine...
... entscheidet sich für dich.
Übertreib's nicht.
Du entscheidest dich nicht für die Marine.
Sie entscheidet sich für dich.
Mag einer der Herren tanzen?
Ja, sehr gern.
(Musik: Wiener Walzer)
Darf ich?
Die Marine ist mehr als Militär. Sie ist Familie... und Freiheit.
Du entscheidest dich nicht für die Marine.
Die Marine entscheidet sich für dich.
Ist das so?
Gestatten?
Natürlich.
(Weiterhin Walzermusik)
Kamerad, die junge Dame zeigt mir noch ihre Fotografien aus dem Italienurlaub.
Guck, dass du bald nach Hause kommst. -Bin schon nicht mehr da.
Herr Schönhausen.
Sie haben Ihre Brieftasche verloren. -Vielen Dank.
Sie sind in den Regen gekommen mit Ihrem Ausweis.
Den hat die Haushälterin mitgewaschen.
Ein Marinesoldat mit Haushälterin... -Wollen Sie einen Finderlohn?
Lebensmittelmarken?
Ich hab noch welche von meinem... letzten Urlaub.
Sie fahren in Urlaub? -Hin und wieder.
Ist nicht wahr.
Ich mache das Licht an, wenn die Tür hinter uns zu ist.
Mein Verlobter ist an der Front.
Haben Sie die Marken?
Sie geben mir alle? -Als Finderlohn.
Dann folge ich dir, bis du wieder was verlierst.
Das passiert schnell. Ich verliere ständig Dinge.
Ist das so? -Ja.
Augen zu.
Nein. Nein.
Nein.
Was ist?
Ich hätte um sieben bei Genschow sein müssen.
Sag, du bist krank. -Man darf zweimal zu spät kommen.
Das war ich schon.
Er wird mich entlassen.
Dann läuft meine Freistellung aus.
Hör mal,
du Marinesoldat mit Haushälterin, der eigentlich an der Werkbank steht.
Wenn ich dir helfe, teilst du die nächsten Lebensmittelmarken mit mir.
Alle.
In Ordnung. -Wie heißt du wirklich?
Cioma... Schönhaus.
Hör auf zu denken.
Ich soll aufhören zu denken? -Ja. Ich höre, wie du spottest.
Bei Genschow brauchst du einen Stern.
Hast du einen Stern?
Du kannst den von meiner alten Jacke haben.
Die musst du auch noch irgendwo abgeben.
Wenn der Blinddarm entzündet ist, dann tut's erst weh,
wenn der Druck nachlässt, also genau... jetzt.
Wann kam denn der große Schmerz über Sie? -Es fühlt sich nicht gut an.
Sie kommen zu spät, dann mogeln Sie sich an die Werkbank
und denken, ich merk's nicht? -Tut mir leid.
Sie haben gestern wohl zu viel getrunken. Aber Sie können zum Betriebsarzt gehen.
Gern. -Bitte.
Geht's auch ein bisschen schneller?
Ah! -(Arzt) Ja.
Können Sie sich aufsetzen?
Genau. Sie müssen ins Klinikum.
So schlimm ist es nicht. -Es geht um Minuten. Wir fahren sofort.
Wo gehen Sie hin? -Er schrie, als der Druck nachließ.
Das ist der Blinddarm. Er muss ins Krankenhaus.
Kommen Sie bitte mit mir. -Nein, wir müssen.
Es geht um Minuten. -Geben Sie mir ein Minütchen, bitte.
Setzen Sie sich bitte.
(Meister) Sie fahren kein Judenschwein irgendwohin.
Er kann sterben. -Der Jude nimmt den Bus.
Vor Gott sind wir doch alle gleich. -Vor Gott sind alle gleich? Wo steht das?
(Arzt) In der Bibel. -Ich scheiß auf die Bibel. Er fährt Bus.
Es tut mir furchtbar leid.
Das...
Das heißt, sie haben dich entlassen? -Ja.
Und wenn du in die Klinik gekommen wärst? -Aber das bin ich ja nicht.
Hier kannst du nicht bleiben.
Mein Verlobter ist an der Front und denkt, dass ich ihn heirate.
Vielleicht mache ich das sogar. Wenn er heil zurückkommt.
Aber damit ich was zum Leben hab, muss ich mich verabreden.
Du musst los.
Ich hab keine Termine mehr.
Ich aber.
Noch 'nen schönen Abend gehabt?
Wieso bist du nicht bei Genschow?
Ich hab verschlafen und zu gut 'nen Blinddarm-Durchbruch vorgetäuscht.
Und jetzt?
Wenn du nicht mehr arbeitest, kriegst du keine Freistellung mehr.
Wahrscheinlich, ja.
Cioma, du weißt, worum's hier geht.
Ist dir das klar?
Ich gehe zu den Marktfrauen und guck, was ich zu essen kriegen kann.
(Leise Violinenklänge)
(Kaufmann) Ich sage mal so: Es ist nicht völlig schlecht.
Walter Heymann war hier und meinte, Sie seien im Krankenhaus.
Kurz vorm Tod. -Das war nur zu gut gelogen.
Ich habe verschlafen.
Hier sind vier Ausweise. Die Passbilder sind eingelegt.
Ich besorge Ihnen ein Zimmer. Sie müssen bald aus Ihrer Wohnung raus.
Genschow hätte Sie ohnehin entlassen. Da kommen Kriegsversehrte zum Arbeiten.
Das hier ist auch noch für Sie.
Treffen Sie niemanden,
und beginnen Sie unverzüglich mit der Arbeit.
(Bett knarrt rhythmisch.)
Ich schenke dir die Marken.
Was ist los?
Frau Peters verkauft grade oben unsere Sachen.
(Gedämpftes Lachen aus der anderen Wohnung)
So, das ist Ihres.
Haben Sie mit Vorkasse verkauft? -Ja. Die Gegenstände werden abgeholt.
Was ich für meine Leistung möchte, quittieren Sie bitte.
Man weiß ja nicht, ob Sie später die Sachen wiederhaben wollen.
Bitte, nehmen Sie sich, was Sie wollen. -Nein, da bestehe ich drauf.
Wann ziehen Sie aus? -Wir haben ein kleines Zimmer gefunden.
Schön. Da freue ich mich für Sie.
Ich will Ihnen nichts Schlechtes. -Ich weiß, dass Sie das denken.
Sie bringen mir später noch den Leuchter an?
Mhm.
(Leise, traurige Musik)
Und? Lampe gut aufgehängt?
Ja.
Hängt.
Lass uns gehen.
Ja. Lass uns gehen.
Kommen Sie rein.
(Englische Radiosendung) -Ich bin die Hanni.
Cioma. -Det.
(Kaufmann) Wir bauen jetzt so eine Art Fälscherwerkstatt auf.
Eine Frau aus meiner Gemeinde
hat den Lebensmittelladen ihrer toten Mutter für uns freigeräumt.
Der Krieg ist vorbei.
Die da draußen wollen sich das nicht eingestehen.
Aber die Menschen glauben, was sie glauben wollen.
Wie nannten Sie das? Mimikry.
Wir dürfen nicht leichtsinnig werden. Sie kriegen einen Kollegen. Lichtwitz.
Zwanzig Jahre älter als Sie. Und er redet nur, wenn er gefragt wird.
Aber Schönhaus,
erzählen Sie den Leuten ruhig weiter, was sie hören wollen.
Macht der Führer ja auch seit Jahren. -(Klopfen)
Ja bitte.
Ach, Helene. -(Helene) Die neuen Pässe.
Das ist unser Herr Schönhaus.
Helene... Jacobs. -Frau Jacobs, Splittergasse 8?
Fräulein Jacobs, Bonner Straße 2. -Ach, ich muss Sie verwechselt haben.
Dein Wohnort geht niemanden was an. -Nein.
Ich hab's schon wieder vergessen. -Das würde ich zu gerne glauben. Danke.
Schönhaus,
Sie arbeiten jetzt an einer Wunderwaffe.
Aber niemand, niemand darf davon wissen. -Ach, es ist ein Kriegsgeheimnis?
Kriegsgeheimnis?
Was für eine Art Kriegsgeheimnis? -Darüber darf ich nicht sprechen.
Aber wenn einer der Gegenstände wegkommt, muss ich's sofort anzeigen.
Ich darf da leider nicht zimperlich sein.
(Metallisches Klopfen) -Hans. Glaubst du, ich höre dich nicht?
(Baby schreit.)
Hände auf die Knie! Ich will keinen Mucks hören.
Der Blockwart und ich sind befreundet, beide in der Partei.
Peter Schönhausen. Aber den Namen haben Sie gleich wieder vergessen.
Natürlich. -Gut.
Heil Hitler.
Heil Hitler.
Ich hab das Elektromaterial in den Schuppen gelegt,
in das Regal direkt vor das Fenster.
Wenn jemand guckt, sieht er sofort das teure Zeug.
Gut.
(Cioma) Eine Ösenpresse.
(Schwungvolle Jazzmusik)
Keine Sorge, ich schreibe an mich selbst. -Sie schreiben sich selbst Postkarten?
Oh, Herr Schönhausen.
(Jazzmusik)
Herr...
Schön...
... hausen. -Herr Schönhausen.
Ich wünsche...
... mehr...
... als nur...
... gutes Gelingen.
Eine Niederlage...
... käme... einer...
... Katastrophe gleich.
Wir haben gar keinen Briefkasten. -Die findet uns.
Herr Schönhausen.
(Lebhafte Jazzmusik)
Möchtest du kurz reinkommen?
Das ist nicht meine Wohnung.
Und ich will nicht, dass du hier etwas seltsam anguckst.
Du schnüffelst nicht in den Schubladen rum.
(Leises Donnern)
Du guckst niemanden an, außer mich.
Riechst an nichts, nur an mir.
Ja.
(Radio) Dunkellila, helllila, weiß gestreifte Strümpfe
und Blütenkelche!
Blütenkelche, so groß! -(Kinderstimmen)
Gell, mein lieber Mann, da kann einem solch ein Sprüchlein einfallen.
Willst du mir nicht deinen Namen sagen?
Wozu?
Ich will wissen, neben wem ich im Bett liege.
Na, neben mir.
Oder liegt hier sonst noch jemand?
Wenn du einen neuen Pass hättest, welchen Namen würdest du eintragen?
Gitte
oder Gerda.
Wir hatten drei Gerdas an meiner Schule.
Gerda Meier,
Gerda Schulte
und Gerda Weiß.
Gerda Weiß.
(Kaufmann) Wie gut kennen Sie diese Frau? -Seit kurzer Zeit.
Seit kurzer Zeit.
Dann kommen Sie in mein Haus
und haben die Chuzpe, mich um eine Kennkarte für sie zu fragen?
Das ist aber ein sehr hübscher Rudolph Neubauer. -Oh.
Ja, die müsste ich dann wohl wieder tauschen, die Bilder.
Schlafen Sie überhaupt noch?
Nicht so viel.
Bringen Sie das bis morgen in Ordnung. Ich gebe Ihnen noch die neuen Kennkarten.
Sie wissen, dass es in Berlin Frauen gibt,
die illegale Juden an die Gestapo verraten?
Haben Sie die Krawatte noch?
Haben Sie Namen genannt? -Nein.
Sagten Sie, woher die Kennkarten sind? -Nein,
weder wo die Kennkarten herkommen, noch wo wir sie herstellen.
Hm.
Ich weiß, dass Sie wieder zu der Frau gehen.
Vielen Dank.
(Beschwingte Walzermusik)
Du musst mir keine Blumen mitbringen.
Das... ist Mimikry.
Ah. Ich soll sie dir später vor der Tür zurückgeben?
Sieh's mal so, ich schenke sie dir morgen einfach noch einmal.
Herr Schönhausen, ich habe eine Postkarte für Sie in Empfang genommen. -Oh, danke.
Geht's voran? -Wir arbeiten hart.
Wir hier sorgen dafür, dass Sie gut arbeiten können.
Das weiß ich wirklich sehr zu schätzen. Heil Hitler.
Heil Hitler.
Dieses Haus ist ein Segen.
Ein Segen wären zwei Blanko-Wehrmachtsausweise.
Hm?
Sie unterschätzen die Welt da draußen und überschätzen Ihre Rolle darin.
Ich schätze die Welt zu sehr, um nicht eine Rolle darin einzunehmen.
(Sirenen heulen.)
(Fliegerlärm)
(Dumpfes Krachen)
(Explosion)
(Sirenengeheul)
(Explosion)
(Dumpfes Krachen)
(Fliegerlärm)
(Krachen)
Sehen wir uns zum Mittagessen?
In Ordnung.
Darf ich fragen, wohin?
Nur kurz zum Essen. Bin in zwei Stunden wieder da.
Was haben Sie gegen das Brot, was daliegt?
Nichts hab ich gegen das Brot.
Aber dann kann ich die ersten fertigen Pässe ausliefern.
Schönhaus, ich würde nicht sinnlos durch die Stadt laufen.
Außerdem ist es sehr kalt.
Da haben Sie recht.
Ich nehme den Bus.
(Flattern)
(Marschmusik)
(Kellner) Heil Hitler. -Heil Hitler.
Herr Schönhausen, möchten Sie eine Vase? -Ja, liebend gern.
Herr Schönhausen, dass Sie mir jeden Tag Blumen bringen, ehrt mich wirklich sehr.
Liebend gern.
Bitte sehr. -Vielen herzlichen Dank.
Entschuldigung.
Haben Sie heute Schokotörtchen? -(Kellner) Es ist Krieg.
Das heißt, Sie haben keine? -Es ist Krieg.
(Musik: Langsamer Walzer)
Cioma, ich muss leider los.
Ja.
Was ist?
Im Bus hatte ich ihn noch. -Vielleicht in der Jacke?
Nein. Ich frage im Fundbüro nach. -Du kannst jetzt nicht gehen.
Bin gleich zurück. -Niemand gibt...
Darf ich? -Gerne.
Mein Verlobter verliert leider alles, was er bei sich trägt.
Soll ich Ihnen noch etwas bringen? -Danke, vielen Dank.
(Weiterhin dezente Walzermusik)
Verzeihung. Mein Geldbeutel... -Hier steht jeder an. Sie auch!
Meine Frau liegt in... -Stehlen Sie mir nicht meine Zeit!
Ich nehme den Schlüssel an mich, ja?
Eine solche Unverfrorenheit.
Heil Hitler. -Heil Hitler.
Seit wann wohnt Schönhaus nicht mehr da? -Wieso wohnt der nicht mehr hier?
Vermutlich ist er untergetaucht. Geld hat er ja.
Durch den Verkauf beschlagnahmter Dinge. -Er hat Dinge verkauft?
Ja.
Das kann ich mir nicht vorstellen. -Wir müssen alle zusammenhalten.
Das müssen wir. -Ja. -Ja.
Heil Hitler. -Heil Hitler.
(Mann) Heil Hitler. Die Kennkarten bitte!
Vielen Dank.
Bitte schön.
Kennkarte bitte!
(Lautlos)
Vielen Dank. Bitte schön.
Hier. Danke.
Wieso übergehen Sie ihn?
Man sieht, dass er bei der Partei ist. -Abzeichen gibt es auf dem Schwarzmarkt.
Ich bin in der Partei seit 1939.
Zu Kriegsbeginn eingetreten? So spät?
Wieso sind Sie nicht im Krieg?
So alt sehen Sie ja noch gar nicht aus.
Ich hab mit 17 Jahren im Ersten Weltkrieg gedient.
Wenn sich alle k. u. erklären lassen, gewinnen wir den Krieg nicht. Name?
Frieder Schulze. -Sie?
Albert Schwarz. -Darf ich mal Ihre Ausweise sehen?
Von beiden bitte.
Das sieht ja gut aus.
Diesmal melde ich Sie nicht.
Heil Hitler. -(beide) Heil Hitler.
(Schulze) Kennkarte bitte!
Entschuldigen Sie. Wurde hier eine Brieftasche abgegeben?
Meine Initialen sind eingraviert, P. S. -"P. S." steht für?
Peter Schönhausen.
Moment.
Diese?
Die wurde vor zwei Stunden abgegeben.
(Beschwingter Jazz)
(Nicht zu verstehen)
Entschuldigen Sie, ich verliere alles, was ich nicht an mich festbinde.
Bitte sehr. -Das Essen unseres Freundes,
das zahle ich auch. -Das Schokotörtchen?
Jawoll.
Vielen Dank. -Ich danke.
Mein Geldbeutel war im Bus. Er wurde abgegeben. Heil Hitler.
Heil Hitler. In keiner anderen Hauptstadt in Europa wäre das so.
Aber in Berlin haben die Menschen das Herz am richtigen Fleck. -Ja.
Also nächsten Montag um acht?
Gerne.
Schön.
Ihr Essen ist bezahlt. -Bis dann.
Ich danke. Das nächste Mal geht auf mich. -Aber sehr gern.
Ich frage Herrn Kaufmann.
Über ihn finden wir sicher jemanden, wo du unterkommst.
Irgendwann gibt's eine Kennkarte, die auf dich passt.
Dann gehst du in die Schweiz.
Du hast selbst keinen anständigen Ausweis.
Dein Postausweis ist 'ne Witznummer.
Du gefährdest mich. -Gerda, ich helf dir.
Ich heiße nicht Gerda. Und nein...
... ich komme allein klar.
Mach das nicht.
Mach das nicht.
Geh jetzt.
(Leise, traurige Musik)
(Triste Klaviermusik)
Machen Sie den nicht kaputt.
Darf ich Sie was fragen? -Mhm.
(Cioma) Herr Kaufmann sagte, dass sich Ihre Frau von Ihnen getrennt hat.
Ja, stimmt.
Wieso tragen Sie noch den Ring und haben das Bild aufgestellt?
Ich hab sie noch nicht verlassen.
Bis morgen. -Bis morgen.
(Schritte folgen ihm.)
(Lebhafte Violinenklänge)
Sagen Sie mal, wo wollen Sie denn hin?
Äh, ich... wollte hoch zu Frau Lange. -Frau Lange wohnt im ersten Stock.
Na ja, dann... gehe ich mal wieder runter.
Tun Sie das.
Danke.
(Tür wird geschlossen.)
Sie werden dünner und dünner.
Dann muss ich ihn wenigstens nicht schlachten.
Bleiben Sie. Warten wir ab. -Sie haben uns schon so geholfen.
Vielen Dank.
(Wind braust.)
Können wir nicht schneller machen? -Det, wir verstecken uns nicht.
Doch, wir verstecken uns grade.
Oh.
Was?
Er war wirklich offen.
Sehr lustig, Cioma.
Schlafen tun wir hier nicht.
Nein, wir schlafen im Schuppen.
Cioma, eine Sache noch zu Kaufmann.
Hätte er nicht eine jüdische Mutter, wäre er noch in der Wehrmacht
und würde auf unsereins schießen lassen.
Mir ist so wahnsinnig kalt.
Letztlich ist es egal, wieso Menschen Gutes tun.
Ich mache das wegen den Lebensmittelmarken.
Ohne Marken würdest du niemandem helfen? -Ohne Marken wären wir längst verhungert.
Vielleicht müssen wir wieder ins Warme und was Leckeres essen.
Wahrscheinlich.
Ich liege an der kalten Wand.
(Kaufmann) Haben Sie hier das Geburtsdatum gefälscht?
Wie haben Sie das gesehen? -Gar nicht.
Ich weiß, wie alt der Mann ist. Er war mit mir im Krieg.
Ein enger Freund.
Ich hatte Sorge, weil er 20 Jahre jünger ist als der alte Besitzer der Kennkarte.
Ja, die Sorge hatte ich auch. -Wie haben Sie die Zahl geändert?
Mit einem Radierwasser, aus der Kinowerbung.
Sie gehen ins Kino? -Ich kenne die Besitzerin.
Ich will's nicht wissen!
Wenn Sie hier rausgehen, gehen Sie bestimmt nicht zu Fuß.
Sie sagen es, um mich nicht zu verärgern. Sie fahren sicher Bus und Straßenbahn.
Es sind drei Stunden zu Fuß.
Ich bemühe mich,
zwei Blanko-Wehrmachtsausweise zu finden.
Das ist kein leeres Versprechen, um Sie bei Laune zu halten.
Ich bemühe mich.
Das weiß ich.
Das hier ist ein kleines Kunstwerk.
Abmarsch!
(Beschwingte Jazzmusik)
Vielen Dank.
Heil Hitler. -Heil Hitler.
Essen gibt's nur noch mit Marken. -Mhm.
Und auch nicht alles. -Ja, natürlich.
Ich hab Marken für Urlauber. Bin auf der Durchreise.
(Schritte)
Sie sind auf der Durchreise?
Äh, ja, meine Familie wurde ausgebombt.
Ich wohne jetzt bei einem Freund. -Und die Reise?
Äh, die geht nach Köln.
Zu meiner Tante. -Dürfte ich kurz Ihre Kennkarte sehen?
Ja, natürlich.
Wieder in der Reichshauptstadt? -Ja, das Rheinland ist gar nicht meins.
Das kann ich gut verstehen. Essen Sie heute bei uns?
Nein, ich nehme eine heiße Schokolade mit Rum.
Die ist mit Wasser verdünnt. -Ausgezeichnet.
(Det) Also das sind meine... äh, meine Lebensmittelmarken, und...
... die Kennkarte muss ich zu Hause gelassen haben.
Kein Problem. Würden Sie mich mit nach draußen begleiten?
Ja, natürlich.
Moment bitte.
Bitte sehr. -Vielen Dank.
(Monotone, traurige Musik)
Zahlen bitte!
Es tut mir leid. Möchten Sie was anderes? -Nein, ist in Ordnung.
Lassen Sie das. Sie haben ja kaum was getrunken.
Geht's Ihnen gut? -Alles bestens, danke.
(Bedrückende Klaviermusik)
(Er schluchzt.)
(Schritte)
Wir brauchen eine Vorlage, sonst sind die Ausweise nutzlos.
Fragen wir Kaufmann. -Das geht nicht.
Er kann jeden Moment verhaftet werden.
Ich frage ihn.
Nein! -Kein Soldat leiht mir seinen Ausweis.
Ich wechselte auf 'ne jüdische Schule. Det war bis zum Ende aufm Gymnasium.
Er kennt Wehrmachtsleute. -Ich wohne in einem Keller.
Ich kann da draußen nicht rumlaufen wie Sie.
Ich finde jemanden.
(Er klopft an.)
Nein. -Bitte.
Bitte. -(leise) Ich schreie gleich.
Ich schreie gleich. -Wenn Sie das tun, verrate ich Sie.
Glauben Sie, man hört Ihnen zu? Ihnen und nicht mir?
Die hab ich bekommen, um mich zu erhängen. -Ach!
Ich hänge mich hier auf. -Sie Schöngeist trauen sich das nicht.
Schicken Sie mich nicht weg. -Ich verstecke Sie nicht!
Ich brauche den Wehrpass eines Soldaten.
Kennen Sie einen, der mir einen ausleiht? -Sind Sie verrückt?
Niemand weiß, dass er von Ihnen ist. -Ich half Ihnen,
weil die Parteibonzen zu gierig sind.
Ich habe immer korrekt abgerechnet. Meine Eltern lehrten mich...
(Sie weint.)
Helfen Sie mir.
Das können Sie noch Ihren Kindern erzählen.
Das kann ich keinem erzählen.
Sie sind ein guter Mensch. -Hören Sie auf.
Wenn ich versuche, Ihnen einen Ausweis zu besorgen,
dann möchte ich sofort was dafür haben.
Geben Sie mir alle Ihre Lebensmittelmarken.
Wo Sie das alles immer herhaben.
Ich hungere, und Sie haben vier Stück Lebensmittelmarken für Urlauber.
Gehen Sie hoch in die Wohnung.
Wenn ich bis morgen nicht klopfe, dann hab ich keinen Ausweis.
Dann verschwinden Sie. Verstanden?
Sie kriegen nichts zu essen, gehen nicht auf die Toilette, laufen nicht herum!
Sie drehen nicht den Wasserhahn auf! Verstanden?
Ja.
(Schwermütige Cellomusik)
(Melancholische Musik)
(Hektisches Klopfen)
Ich hab einen Pass. Ich brauche ihn in drei Tagen zurück.
Vielen Dank.
Könnten Sie mir eine Decke leihen? -Nein!
Hier darf nichts von mir rumliegen. Ich hab Ihnen doch den Pass besorgt.
Sie bleiben hier. Ich schließe Sie ein und hole Sie dann.
Ist das klar? Sie haben da einen Fleck.
Schauen Sie in 'nen Spiegel. -Die sind weg.
(Sie schließt ab.)
"Gemustert und ärztlich untersucht...
... als dienstpflichtig."
Heil Hitler, Herr Dietrich. Kann ich Ihnen helfen?
Können Sie mir sagen, wo sich Cioma Schönhaus aufhält?
Woher soll ich das wissen? Ich bin nicht das Dienstmädchen.
Vielleicht stehen Sie sich nahe.
Die schöne Lampe in Ihrem Wohnzimmer lässt mich das vermuten.
Wissen Sie, dass er Pässe gefälscht hat? Wir gehen von mehr als 300 Pässen aus.
Diese Menschen haben sich in Luft aufgelöst.
Ich gehe in die Wohnung. -Sie dürfen die Tür nicht aufbrechen.
Mit einem Schlüssel. Von der Reichssicherheit.
Schön. Schauen Sie nach. -Ja. Heil Hitler.
Heil Hitler.
(Tür wird aufgeschlossen.)
(Düstere Klänge)
(Sirenen heulen.) -(Peters) Alle in den Luftschutzkeller!
In den Luftschutzkeller!
Alle in den Luftschutzkeller. Sie auch. -Ja, ja, ja, ja.
(Peters) Alle Arbeiten liegen lassen und in den Luftschutzkeller!
Alle in den Luftschutzkeller jetzt!
(Sirenengeheul)
(Explosionen)
(Bomben sirren.)
(Wieder Sirenengeheul) -(Krachen)
(Sirren)
(Dumpfes Krachen)
(leise) Oh nein. Nein.
Nein. Nein.
(Dumpfes Getöse und Sirren von draußen)
(Dumpfes Dröhnen und Sirren)
(Lautes Dröhnen)
(Dumpfes Knallen) -(Mann) Heil Hitler.
(Frau summt eine Melodie.)
(Dietrich ächzt.)
(Peters) Ach, Sie sind ein Kriegsheld.
Kriegsheld? Quatsch!
Ein Kamerad hat mich beim Gewehrputzen ins Knie geschossen.
(Dumpfes Krachen)
(Dumpfes Knallen)
(Dröhnen)
(Dumpfes Brausen)
(Fliegerlärm, Explosionen)
(Dumpfes Krachen)
(Sanfte Klaviermusik)
(Sanfte Klaviermusik)
(Getöse in der Ferne)
(Er stöhnt.)
(Fliegerlärm)
(Atemzug)
(Tür wird geöffnet.)
(Schritte)
Sind Sie fertig geworden?
Sagen Sie dem jungen Mann, ich danke ihm. Wenn der Krieg vorbei ist...
Der Krieg ist nicht vorbei! Das hätten Sie wohl gerne.
Dem jungen Mann was sagen? Er ist tot. -Das tut mir leid.
Das tut es Ihnen nicht.
Wieso denken Sie das?
Wieso?
Das ist völlig egal, warum ich das sage.
Sie haben alles von mir und verschwinden jetzt bitte.
Wissen Sie...
Sie gaben mir eine Reichsmark für die Lampe.
Sie ist hundertmal so viel wert. -Sie quittierten sie mir.
Ja, aber...
... ich schenke sie Ihnen.
Ich werde niemals vor Ihrer Tür stehen
oder irgendetwas wiederhaben wollen.
Ich brauche nichts, von niemandem.
Wenn ich Glück habe, komme ich mit dem Pass durch den Krieg
und gebe allen das Gefühl, es ist alles gut.
Alles ist gut. -Suchen Sie sich 'nen Platz zum Schlafen.
Schlafen? Ich bleibe wach, bis ist sterbe.
Dann sterben Sie bald. Sie wirken leicht irre auf mich.
Es ist ein herrlicher Tag.
Ich gehe dann mal. -Bitte.
Ich halte Sie nicht davon ab.
Haben Sie vielen Dank. -Ich habe nichts gemacht.
Natürlich nicht.
(Beschwingte Klezmermusik)
(Musik endet.)
Juliane Möck BABELFISCH TRANSLATIONS
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