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Gegen Laster und Materialismus. Ich übergebe dem Feuer
die Schriften von Karl Marx und Trotzki.
Gegen seelen zersetzende Überschätzung des Trieblebens.
Für den Adel der menschlichen Seele.
Ich übergebe dem Feuer die Schriften der Schule Sigmund Freud.
Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache.
Mein lieber Professor Freud,
die jüngsten Ereignisse hier lassen für Deutschland das Schlimmste befürchten.
Für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist..
Nun hoffe ich sehr, dass es Ihnen gut geht.
...übergeben alles Undeutsche dem Feuer.
Sie wünschen?
Sie gestatten, Ernst Pfeiffer.
Ich wollte fragen, ob Frau Andreas-Salomé zu sprechen ist?
Sie empfängt niemanden mehr.
Auf Wiedersehen.
Könnten Sie ihr den geben?
Mariechen!
Wer war das?
Er steht übrigens immer noch da.
Dann lass ihn herein.
Sicher?
Ja.
- Sie dürfen sie aber nicht zu lange beanspruchen.
Ich...
Es ist sehr freundlich,
dass Sie mich empfangen.
Sie schreiben, es geht Leben und Tod.
Also ich habe einen Freund, der Hilfe braucht.
Psychologische Hilfe.
Ich praktiziere spätestens seit gestern nicht mehr.
Die Psychoanalyse gilt als jüdische Wissenschaft.
Sie haben sich also umsonst hierher bemüht.
Ich weiß aber nicht, wo ich mich sonst hinwenden sollte.
Also mein Freund, er,
er kann keine Nacht mehr schlafen.
Seit Wochen bringt er nichts mehr zu Papier.
Er müsste eigentlich dringend seine,
seine Doktorarbeit beenden.
Er weiß nicht mehr, wie er seine Familie ernähren soll.
Also ich glaube er denkt daran, sich etwas anzutun.
Was ist Ihr Freund von Beruf?
Er ist Germanist,
aber ohne feste Anstellung.
Seine Frau verdient mit Klavierstunden das Nötigste.
Und Sie sind auch Germanist?
Ich...
Und Ihre Frau gibt auch Klavierunterricht?
Ja, das war dumm von mir.
Jetzt sind Sie einmal hier, so bleiben Sie gefälligst sitzen!
Also ich...
...ich bewundere Sie und Ihr Werk schon sehr lange, Frau Salomé.
Ach.
Ich wusste nicht,
dass ich für Ihre Generation noch von Bedeutung bin.
Ich bin dir wie ein Vorbereiten und lächle leise wenn du irrst.
Ich weiß, dass du aus Einsamkeit
dem großen Glück entgegen schreitest und meine Hände finden wirst.
Kein Raum für die Entwicklung der Frau
ist daher eben so schlimm
wie keine Bewegungsfreiheit für des Mannes Entwicklung.
Nichts vermag eine Frau so wahrhaft zu emanzipieren
als die Ahnung,
dass man ihr durch eine Enge in der man sie künstlich hält,
den Weg verwehrt,
auf dem sie zu voller frommer Hingebung und Andacht dem Leben gegenüber
gelangen könnte.
Den Punkt finden könnte, von dem aus das Leben
und sie selbst
ihre geheimnisvoll ineinander rinnende Harmonie feiern.
Danke.
Würden Sie mir bitte signieren?
Danke schön.
Für mich bitte ebenfalls.
Haben Sie einen Stift?
Danke.
Vielen Dank.
Dürfte ich auch eins haben?
Danke.
Das war fantastisch!
Schön, dass du gekommen bist, Frieda!
Er ist schon wieder da.
Ich gehe jetzt.
Bis später.
Frau von Bühlow...
Was bezwecken Sie mit ihrem Verhalten?
Entschuldigung,
ich wollte nicht stören.
Vielleicht erinnern Sie sich? Mein Name ist René Maria Rilke.
Von stören kann nicht die Rede sein, Sie belästigen mich!
Das lag nicht in meiner Absicht.
Aber nach ihrer Lesung musste ich Sie wiedersehen.
Gut, das ist Ihnen ja jetzt gelungen.
Danke auch für Ihre Gedichte.
Sie haben Ihnen nicht gefallen?
Ihre Poesie ist mir zu wolkig sentimental.
Sie sollten Ihre Fantasie nicht davon galoppieren lassen.
Sie könnten mir dabei helfen.
Sie drücken so meisterhaft aus,
was in meinem Kopf bisher nur herumgeistert.
Ihr letztes Essay verhält sich zu meinen Gedichten
wie Traum zur Wirklichkeit.
Wie Wunsch zur Erfüllung.
Und Ihre blumigen Komplimente sollen mich beeindrucken?
Darf ich Sie einladen, einen Kaffee mit mir zu trinken?
Sie sind frech, Herr Rilke.
Dieser Pfeiffer ist schon wieder da.
Lass ihn herein!
Kann man ihm trauen?
Er erinnert mich an jemanden.
Sehen wir ihn jetzt öfter?
Du vielleicht,
ich sehe ja bald gar nichts mehr.
Deshalb habe ich ihn gebeten mir zu helfen, meine Lebenserinnerungen zu schreiben.
Werde ich darin vorkommen?
Nur wenn du möchtest.
Herr Pfeiffer braucht Hilfe und eine Beschäftigung.
Das glaube ich gern.
Wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt.
Für die meisten Menschen ist die Kindheit die schönste Zeit,
für mich war es die schwierigste.
Jetzt müssen Sie nicht gleich in Trübsinn verfallen.
Können Sie Ihr Gerät da überhaupt bedienen?
Natürlich.
Ich bin 1861 in St. Petersburg geboren,
als einzige und jüngste Tochter
nach fünf Brüdern.
Mein Vater hatte sich eine Tochter gewünscht.
Meine Mutter hingegen
hätte lieber das halbe Dutzend männlicher Nachkommen vollgemacht.
Du darfst das nicht!
Au!
Hast du dir wehgetan, meine Prinzessin?
Ich habe schon so oft gesagt, das ist zu gefährlich!
Ich will auch so welche Schuhe haben wie Eugene.
Mädchen sollten besser im Haus spielen.
Wieso?
Wieso?
Wir müssen nur aufpassen, dass deine Mutter nichts bemerkt.
Lieber Gott,
bist du da?
Ich wollte dich fragen,
ob du dich Papa kümmern kannst?
Er ist jetzt schon sehr alt.
Kannst du trotzdem machen, dass er immer bei mir bleibt?
Danke, lieber Gott!
Schon bald antwortete Gott nicht mehr.
Mein Vater starb als ich 16 war.
Werde die, die du bist.
Guten Tag.
Spinoza?
Man sagt, dass er mit dem Teufel im Bunde wäre, weil er die Kirche in Frage stellt.
Seine philosophischen Ansätze sind hoch interessant.
Er sah Gott in allem was uns umgibt.
Und befreit ihn so aus dem engen Dogma unserer Kirche.
Könnten Sie...
Würden Sie mir noch etwas empfehlen?
Falls sie es ernst meinen mit der Philosophie,
fangen Sie an mit den Griechen.
Aristoteles zum Beispiel.
Danke.
Hendrik Gillott.
Luise von Salomé.
Luise,
Luise!
Luise, steh auf!
In einer Stunde beginnt die Messe!
Ich will nicht konfirmiert werden!
Du musst lernen, dich an Regeln zu halten.
Ich bin bei euch.
Alle Tage,
bis an der Welt Ende.
Diese Worte Gottes
möchte ich euch mit auf den Weg geben.
Niemand muss sich fürchten.
Gott ist überall.
Dann ist Gott also auch in der Hölle?
Was fällt dir ein?
Solche Dinge solltest du nicht fragen, Kind.
Warum nicht?
Ich bitte dich! - Das ist Gotteslästerung!
Warum?
Sei still! Benimm dich!
Wir reden später darüber!
Du bleibst hier.
Lass mich, Mutter!
Was bedeutet denn Schicksal für uns?
Schon in den frühen Schriften ist nachzulesen:
Das Schicksal des Menschen liegt in der Hand Gottes.
Aristoteles, der die sinnliche Wahrnehmung
als Ausgangspunkt für jegliche Naturerkenntnis ansieht,
wirft Platon spekulatives Denken vor
und kritisiert Platons These von der Existenz einer Einheitswissenschaft.
Du machst Fortschritte.
Entschuldigung.
Ist nicht schlimm.
Lolja.
Lolja.
Lola.
Lola.
Darf ich dich nicht einfach Luise nennen?
Wollen Sie denn wie ihre Mutter heißen?
Das wäre wohl nicht möglich.
Oder vielleicht einfach Lou?
Lou.
Ja.
Lou.
Eine gute Arbeit, Lou.
Dennoch bin ich nicht über alle Themen glücklich.
Zum Beispiel?
Hier: Man kann alles
mithilfe des Verstandes und der Vernunft beeinflussen.
Wieso zweifelst du das an?
Zur Zeit steht meine Welt auf dem Kopf.
Du musst härter an dir arbeiten.
Sonst verschenkst du deine Begabung.
Lyrik zum Beispiel ist Zeitverschwendung:
âGewiss, so liebt ein Freund den Freund.
Ich dich liebe, Rätsel leben.
Ob ich in dir gejauchzt, geweint, ob du mir Glück, ob Schmerz gegeben.
Jahrtausende zu sein,
zu denken.
Schließ mich in beide Arme ein.
Hast du kein Glück mehr mir zu schenken.
Wohl an, noch hast du deine Pein. â
Das ist noch nicht fertig.
Lou,
das ist wunderschön.
Vertrau mir.
Mein Privatunterricht endete, als der Pastor mir einen Heiratsantrag machte.
Ich dachte,
entschuldigen Sie, aber...
...ich hatte den Eindruck, dass Sie in ihn verliebt waren.
Ich musste ihn daran erinnern, dass er verheiratet ist.
Und dass er Kinder in meinem Alter hat.
In Ihrem Roman Ruth erzählen Sie eine ähnliche Geschichte.
Ich beschloss damals, mich nie mehr zu verlieben
und für immer allen erotischen Erlebnissen abzuschwören.
Ich denke, wir sollten für heute Schluss machen, Herr Pfeiffer.
Wir planen, eine Neuauflage von Ruth drucken zu lassen.
Das Interesse ist immer noch gewaltig,
besonders bei den jungen Damen.
Und Ähnliches gilt übrigens für ihr Werk über Friedrich Nietzsche.
Hatten Sie denn Gelegenheit, die Gedichte von Herrn Rilke anzusehen?
Bei aller Bewunderung für Sie,
in diesem Fall kann ich leider nicht helfen.
Diese Art von Poesie passt nicht zu unserem Haus.
Es tut mir sehr leid.
Dann bedanke ich mich für Ihre Zeit.
Ich habe zu danken.
Und grüßen Sie den Herrn Gemahl von mir.
Falls ich ihn sehe, gern.
René!
Nimm es nicht so schwer.
Du musst Geduld haben.
Mein erster Roman
musste damals unter einem männlichen Pseudonym erscheinen.
Einer Frau traute man keinen Erfolg zu.
René Maria Rilke klingt auch nach einem Mädchen.
Eine der Grausamkeiten, die meine Mutter mir zugefügt hat.
Ich musste als Kind Mädchenkleider tragen.
Rainer
Du brauchst auch ein männliches Pseudonym.
Statt René Rainer.
Rainer.
Tag Fräulein Marie.
Ist die gnädige Frau zu Hause?
Was erzählt Sie Ihnen eigentlich die ganze Zeit?
Die vielen Medikamente lassen sie unvorsichtig werden.
Nutzen Sie das nicht aus.
Was hat sie denn?
Schwere Diabetes.
Die Lunge, das Herz.
Überfordern Sie sie nicht.
Was wollte Mariechen denn von Ihnen?
Ich soll auf Ihre Gesundheit achten.
Papperlapapp.
Das kann ich schon noch selber.
Wo waren wir denn stehen geblieben?
Bei Ihrem Schwur, sich niemals mehr zu verlieben.
Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu,
wenn Sie jeden Tag herkommen?
Wir reden kaum noch miteinander.
Ist das schon lange so?
Ich bin selten zu Hause. Ich bin meistens in der Bibliothek.
Und sehen Sie da einen Zusammenhang?
Zwischen Ihrer Schreibhemmung und ihrer Ehe?
Ich dachte, Sie arbeiten nicht mehr als Analytikerin?
Was ich sehr bedaure.
Also ich...
Ich würde gerne ein anderes Leben leben.
Man erreicht nichts, wenn man wegläuft.
Sind Sie noch nie vor etwas geflohen?
Es geht gerade Sie.
Also zwischen meiner Frau und mir,
da...
Benimmt sich Ihre Frau ebenso höflich und wohlerzogen wie Sie?
Was wollen Sie damit sagen?
Gute Erziehung hilft einem oft nicht weiter.
Man steht sich dadurch selbst im Weg.
Wovon haben sie als junger Mann geträumt?
Ich habe mir keine Träume erlaubt.
Aber Träume gehören zum Leben dazu.
Ich wollte unbedingt studieren.
Die Universität in Zürich war 1881 in ganz Europa die einzige,
an der Frauen zugelassen wurden.
Ich konnte mein Glück kaum fassen,
als ich dort einen Studienplatz
für Philosophie und Religionswissenschaften erhielt.
Es tut mir leid, wir schließen jetzt.
Ist es schon so spät?
Sie sind die letzte hier.
Ach, lassen Sie die Bücher einfach hier liegen.
Sie kommen doch morgen früh wieder hierher.
Danke.
Muschka.
Du hättest mir telegrafieren müssen.
Damit ich mir Vorwürfe anhören darf?
Wir Frauen sind leider nicht zum Studieren geboren.
Was?
Schwester!
Schwester!
Schwester!
Ich überlebte und wurde wieder eine unmündige Tochter.
Meine Mutter brachte mich von Zürich nach Rom,
weil Sie hoffte, dass ich in dem dortigen Klima schneller genesen würde.
Unglücklicherweise ja.
Das tut mir leid, Danke für Ihren Besuch.
Und Sie müssen die Damen von Salomé sein!
Vielen Dank für Ihre Einladung.
Professor von Kinkel lobte ihre Tochter in den höchsten Tönen.
Willkommen.
Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.
Darf ich Ihnen meine Nichte Greta vorstellen.
Sehr erfreut.
Sie müssten im gleichen Alter sein.
Man hat mir gesagt, Sie haben die griechischen Gelehrten studiert?
Zur Zeit beschäftigen mich die deutschen Philosophen.
Kant?
Kant, Hegel, Leibniz, Schopenhauer.
Entschuldigen Sie mich kurz.
Frau von Meysenbug
Ich werde es Ihnen so bald wie möglich zurück erstatten.
Dankeschön.
Sie haben versprochen später einen Vortrag zu halten
Greta kann es kaum erwarten, Sie wieder zu sehen.
Gegen Sie spiele ich nie wieder!
Darf ich Ihnen Paul Rée vorstellen?
Frau von Salomé und ihre Tochter Louise.
Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an meine Nichte.
Herr Rée hat Rechtswissenschaften und Philosophie studiert.
Und beschäftigt sich mit Schopenhauer
Was lesen Sie zur Zeit?
Die Welt als Wille und Vorstellung.
Was alle Wirklichkeit kennzeichnet,
ist der endlose aus dem Leben wesentlich entspringende Schmerz
davon die Welt übervoll ist.
Der Mensch kann zwar tun was er will...
Aber nicht wollen was er will. Kennen Sie Spinoza?
Spinoza leugnet die Willensfreiheit ebenso wie Schopenhauer.
Aber der Kardinalpunkte bei Spinozas Philosophie
ist die metaphysische Einheit von Seele und Leib.
Das erkenntnistheoretische Problem des Verhältnisses von Vorstellung und Objekt
hat er nicht in Betracht gezogen.
Entschuldigen Sie die Verspätung
ich musste warten bis meine Mutter schnarchte.
Sie hatten recht:
Die Theorien von Nietzsche sind interessant!
Leider hatte er bisher keinen Erfolg.
Entspricht er dem Ideal des Denkers,
und stellt die Wahrheit über alles?
Ich hatte gehofft,
dass Sie das persönlich beurteilen können.
Seine Kur ist nämlich beendet.
Aber?
Er ziert sich noch.
Dabei weiß er gar nicht, was ihm entgeht.
Sind Sie schwindelfrei?
Fräulein Luise von Salomé, ich weiß das kommt etwas plötzlich...
Aber, darf ich ihre Hand bitten?
Sie hatten meine Hand doch bereits!
Ihre Mutter hat auch schon eingewilligt.
Das würde sie bei fast jedem tun.
Meine Mutter kann es nicht erwarten, mich unter die Haube zu bringen.
Sagen Sie mir, wie ich Ihr Herz erobern kann.
Ich werde niemals heiraten!
Können Sie mir einen Grund dafür nennen?
Ich möchte frei sein, unabhängig.
Eine Familie lässt sich damit nicht vereinbaren.
Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung eines Tages.
Ich fürchte, da hoffen Sie vergebens.
Dann tut es mir leid, gefragt zu haben.
Wir können doch Freunde bleiben!
Stellen Sie sich einfach vor, ich wäre ein Mann!
Paul Ree und ich arbeiteten in den nächsten Wochen
an einem besonderen Ort.
Der Umstand, dass auch jeder andere Mensch seine Meinung für richtig hält,
sollte uns misstrauisch machen gegen die Richtigkeit unserer Meinung.
Das würde ich dem letzten Kapitel zuordnen.
Ich hatte nicht mehr mit Ihnen gerechnet.
Darf ich vorstellen,
Luise von Salomé.
Die größte Philosophin unsere Zeit.
Friedrich Nietzsche.
Der Schopenhauer die Unkenntnis der Natur und der Logik unterstellt.
Von welchen Sternen sind wir uns hier einander zugefallen?
Ich für meinen Teil bin aus Zürich gekommen.
Was hast du Herrn Nietzsche über mich erzählt?
Friedrich hat einen Hang zur Theatralik.
Lass Dich nicht verunsichern
Sie sind also schon beim du angelangt?
Es dient der besseren Verständigung.
Ich glaube, Sie verschweigen mir etwas.
Dann darf ich Sie also bitten, ihre Sünden zu bekennen.
Eigensucht.
Pessimismus.
Gleichgültigkeit.
Antimoral.
- Treulosigkeit. - Spielsucht.
Menschenfeindlichkeit.
Lebensangst
Selbstzweifel...
...Gelegentlich
Das war schon alles?
Natürlich wirst du mich zurück nach Sankt Petersburg begleiten.
Alles andere wäre unschicklich.
Wie soll ich dort meine Studien fortsetzen?
Du musst erst gesund werden. Und solange bist du exmatrikuliert.
Du hast mich einfach abgemeldet?
Natürlich.
Dann bleibe ich hier und werde privat weiter studieren.
Dann wirst du deinen Ruf und den unserer gesamten Familie ruinieren.
Bedenken Sie auch,
wie sehr Sie mit dieser unmoralischen Lebensweise
der Frauenbewegung schaden würden.
Unmoralisch?
Es geht mir die Entwicklung meines Charakters und Geistes!
Du musst versuchen, das Glück in dem zu finden was möglich ist.
Für mich ist es jedenfalls nicht möglich, nach Sankt Petersburg zu gehen!
Dann wirst du dir hier einen passenden Mann aus der Gesellschaft suchen müssen.
Ich darf also nicht selbst entscheiden, so wie meine Brüder?
Die werden auch demnächst heiraten.
Sie sind nicht von ihren Frauen abhängig!
Du solltest dankbar sein, einer Schicht anzugehören,
in der Frauen nicht arbeiten müssen.
Sobald du Kinder hast, wird dein Leben ausgefüllt sein.
Ist es so für dich, Muschka?
Füllt es dich aus, deine Tochter an Luftkurorte zu begleiten?
Paul Rée ist ein Mann aus gutem Hause.
Er scheint dich sogar zu lieben.
Es wäre das einfachste, du nimmst seinen Antrag an.
Ich überredete Paul und Friedrich,
mit uns an die oberitalienischen Seen zu fahren.
Meine Mutter war einverstanden.
Sie hoffte weiter auf eine baldige Verlobung.
Ich hatte heute Nacht einen Traum.
Wir lebten zusammen.
Jeder hatte sein eigenes Zimmer
aber wir konnten immer unsere Gedanken austauschen, gemeinsam studieren, schreiben.
Eine Kameradschaft mit dem Ziel der geistigen Vervollkommnung.
Wäre das nicht wunderbar?
Das verstößt gegen sämtliche Konventionen.
Muss ich nicht zuerst an mich denken?
Dein ungezügelter Enthusiasmus ist nur durch deine Jugend zu entschuldigen.
Wir wollen doch einmal sehen,
ob die scheinbaren Schranken dieser Welt
sich nicht als harmlose Kreidestriche erweisen.
Du bist verrückt, Lou!
Das ist die Frau von der ich immer geträumt habe.
Lou hat eine grundsätzliche Abneigung gegen die Ehe.
Sie haben es also schon versucht?
Sie glaubt, der Verzicht auf körperliche Befriedigung setzt geistige Kräfte frei.
Recht hat sie.
Ich werde sie vom Gegenteil überzeugen.
Eigentlich sollte ich Lou mitteilen,
welche Gedanken in Ihrem Hirn geistern, Friedrich.
Weiß sie, dass Sie dieses Gift für...
...selbstmörderische Notfälle stets bei sich tragen, Paul?
Ich glaube nicht,
dass das Ihrer Lunge gut tut.
Ich würde gern über Ihren Plan sprechen,
allein.
Sie machen sich zum Narren.
Was ist denn passiert?
Lou!
Denk an deine Gesundheit!
Wir treffen uns auf dem Gipfel!
Danke.
Ihnen gefällt also meine Idee?
Ich finde Ihre persönliche Revolution
gegen gängige Moral sehr bewundernswert.
Aber auch sehr naiv!
Sie wollen doch die Welt verändern!
Ich nur mein eigenes Schicksal.
Ihr Schicksal würde im Zuchthaus besiegelt.
Außereheliche Lebensgemeinschaften sind unter Strafe gestellt.
Das ist Ihnen gar nicht bewusst.
Wir würden verhaftet, Lou.
Allerdings...
wenn Sie mich heiraten, sind Sie frei.
Gerade dann wäre ich vor dem Gesetz unterlegen.
Und Sie meinen, ich würde das ausnutzen?
Ja, würden Sie!
Wenn Sie eine wilde Ehe bevorzugen,
wir könnten nach Paris gehen.
Stellen Sie sich vor,
was für wunderbare Söhne und Töchter wir bekommen könnten.
Kleine Genies!
Ich bin keine Zuchtstute!
Nein nein nein.
Nein,
Ich fühle jede Regung der höheren Seele in Ihnen!
Und ich liebe nichts mehr an Ihnen als diese Regung.
Und ich verzichte gerne auf Nähe und Vertraulichkeit.
Wenn ich nur sicher sein kann, dass wir uns dort begegnen.
Wo die gemeine Seele nicht hingelangt.
Sie kennen die Voraussetzung für meinen Plan.
Kameradschaft, sonst nichts.
Trauen Sie sich das zu?
Ja,
sehr schön.
Das erinnert mich an die Fotos mit meinen Eltern!
Unsere Dreieinigkeit bräuchte etwas mehr Symbolik!
Zwei liebestolle Träumer,
die das tun, was Fräulein von Salomé von ihnen möchte.
Ich bitte ja nur mehr Fantasie.
Wie wäre es mit ein bisschen griechischer Mythologie?
Zeus, Poseidon und Hades.
Und Sie als Zeus? Niemals!
Nein, das ertragen Sie nicht!
Kennen Sie die Geschichte von Aristoteles und Phyllis?
Ich weigere mich!
Das ist es!
Wir zwei vor Ihren philosophischen Karren gespannt.
Ich bin nicht Phyllis!
Wer war Phyllis?
Eine Hofdame, die auf Aristoteles' Rücken geritten ist, ihn zu demütigen.
Nein...
Feigheit lasse ich nicht gelten.
Kommen Sie!
Aua! flachâ
Haben Sie eine Peitsche!
Für die Dame.
So habe ich mir das vorgestellt. Kommen Sie, Rée!
Paul, komm!
Voila!
Sind Sie bereit?
Zur Erinnerung an Oberitalien.
Scharfsinnig wie ein Adler,
mutig wie ein Löwe
und zuletzt doch ein sehr mädchenhaftes Kind.
Sie haben einmal geschrieben,
es führt kein Weg von der körperlichen Attraktion zur geistigen.
Aber einen Weg von der geistigen zur körperlichen Attraktion.
Und?
Dachten sie an Nietzsche?
Ich ging in meiner Naivität davon aus, dass er meine Weigerung verstanden hatte.
Sonst wäre ich doch niemals zu seiner Familie nach Tautenburg gefahren.
Überaschenaderweise willigte meine Mutter ein,
nachdem sie mit Nietzsches Familie korrespondiert hatte.
Ein Pastorenhaushalt. Das klang ungefährlich.
Sie sind leider schon ein bisschen hart.
Danke dir, mein Lama. Das ist lieb.
Haben Sie sich gefragt, warum man Mädchen anders erzieht als Jungen?
Jeder nimmt es als gegeben,
sie in der Erotik unwissend zu lassen.
Während man von Jungen erwartet, dass sie sich auskennen
Man sollte Frauen beibringen, wie sie Schwangerschaften vermeiden.
Ein Problem, welches Sie ja nicht betrifft.
Wenn Sie sich niemals einem Mann hingeben,
dann werden sie niemals das dionysische Prinzip,
das leidenschaftliche, das sinnliche, das irrationale Wesen in sich kennen lernen.
Ich bevorzuge das apollinische Prinzip,
Rationalität und keine Gefühle.
Das...
...ist der Weg zum innersten Kern aller Dinge.
Dazu brauche ich aber keinen Mann.
Sagen Sie,
Sagen Sie, denken Sie oft daran, wie knapp sie dem Tod entronnen sind?
Lou!
Das würde mich nur am Leben hindern.
Sie drücken sich vor meiner Frage.
Als Kind habe ich nächtelange Dialoge mit meinem eingebildeten Gott geführt.
Er versprach mir alles, was ich hören wollte.
Mein Vater ist trotzdem gestorben.
Der Tod kommt wann er kommen will.
Es kostet viel Kraft, ohne Glauben zu leben.
Vielleicht ist es auch unmöglich
und wir stürzen eines Tages darüber.
Na warte!
Sie machen ihn lächerlich! Sie machen unsere Familie lächerlich.
Diese Russin kennt keine Scham.
Das war meine Idee!
Und Dich zieht sie hinab!
Elisabeth,
es ist nur ein Foto!
Sie gefährdet dein Seelenheil!
Es kommt schlimmer,
wir werden demnächst in Berlin zusammen wohnen!
Ich wusste, dass sie liederlich sind.
Aber Sie übertreffen meine Vorstellungen weit.
Ich werde Sie anzeigen!
Und dafür sorgen, dass Sie das Land verlassen.
Die schmutzige Fantasie liegt im Auge des Betrachters.
Lisbeth...
Das muss ich mir nicht bieten lassen!
Lieschen! Lieschen!
Ich will dieses widerliche Weibsbild hier nie wieder sehen!
Nie wieder!
Das tut mir leid!
Sie haben nicht an sich halten können.
Warum haben sie ausgeplaudert, dass... Was machen Sie da?
Ich reise ab. Und Sie kommen mit.
Aber dann müssen Sie mich doch heiraten.
Sie haben mich nicht verstanden, oder?
Ich wollte alleine leben.
Aber da flog der liebe Vogel Lou über den Weg.
Ich meinte, es wäre ein Adler.
Und nun wollte ich...
...den Adler mich haben.
Wir sind vom Schicksal für einander bestimmt.
Sie sind mein Geschwister-Gehirn.
Und Paul?
Und unsere Dreieinigkeit?
Wollen Sie wirklich mit diesem Schwächling zusammen leben?
Der denkt doch schon an Suizid, wenn er nur einen Schnupfen bekommt!
Sie sollten sich aus dieser Familiengruft befreien.
Hat er das gesagt?
Redet ihr so hinter meinem Rücken über mich?
Ihre Gedanken irren immer ins Negative.
Ich war geneigt, Sie als Erscheinung meines Ideals auf Erden zu halten.
Aber haben Sie schon bemerkt,
ich sehe sehr schlecht.
Haben Sie denn kein Gefühl davon,
dass ein Mensch wie ich in Ihrer Nähe sehr viel Überwindung nötig hat?
Ich könnte es mir leichter mit Ihnen machen.
Aber ich überwand mich zu oft, als dass ich Ihnen nützen könnte wenn sie mir schaden.
Wissen Sie, dass ich Ihre Stimme nicht hören kann?
Außer wenn Sie bitten.
Nehmen Sie sich in Acht!
Wenn ich Sie jetzt von mir weise,
dann ist das eine fürchterliche Zensur über Ihr ganzes Wesen.
Phyllis!
Nur leider sind Sie kein Aristoteles!
Wie sagte der so schön?
Charakter zeigt sich am Benehmen.
Zum Bahnhof bitte!
Frau Salomé!
Friedrich Nietzsches Schwester verbreitet Lügen über Sie.
Wollen Sie nichts unternehmen?
Ihre Geschichten über mich kenne ich alle.
Viel schlimmer ist, dass sie Nietzsche verfälscht,
dem Nationalsozialismus einen philosophischen Glorienschein zu verleihen.
Frau Salomé, sie schreibt:
Dr. Rée und Frau Salomé waren jüdischer Abkunft,
woran aber bisher niemand Anstoß genommen hatte.
- Tatsächlich? - Sie haben doch nichts zu befürchten, oder?
Wenn man lange genug sucht, dann findet man bei jedem einen jüdischen Verwandten.
Fräulein Marie!
Kommen Sie schnell, bitte!
Frau Salomé, ist alles?
Was haben Sie ihr erzählt?
Soll ich einen Arzt rufen?
Es ist besser, Sie gehen jetzt.
Das ist alles nicht nötig.
Warum hasst Elisabeth Nietzsche Sie so sehr?
Sie gibt mir die Schuld, dass sie sich mit ihrem Bruder überworfen hat.
Und was wurde aus der Dreieinigkeit?
Paul und ich, wir fanden eine Wohnung in Berlin.
Seine Eltern waren genauso entsetzt wie meine Mutter.
Aber Sie hatten sich Ihre Freiheit erkämpft.
Ein Schritt für die Emanzipation.
Blödsinn, was hat sich denn für uns Frauen verändert?
Aber Sie wollten mir doch von sich und Ihrer Zeit im Krieg erzählen?
Ich glaube, das ist jetzt nicht der richtige Moment.
Wenn Sie mir eine Decke holen würden,
dann wäre das genau der richtige Moment.
In Berlin konnte ich mit Paul Ree endlich so leben,
wie ich es mir immer erträumt hatte.
Meine Lieben! Lou und Ree.
Beunruhigt euch nicht zu sehr über die Ausbrüche meiner verletzten Eitelkeit.
Erwägt bitte, dass ich ein kopfleidender Halbirrenhäusler bin,
den die lange Einsamkeit vollends verwirrt hat.
Zu dieser verständigen Einsicht komme ich
nachdem ich eine ungeheure Dosis Opium aus Verzweiflung eingenommen habe.
Statt den Verstand dadurch zu verlieren, scheint er mir aber endlich zu kommen.
Freund Rée, bitten Sie Lou, mir alles zu verzeihen.
Im Freien essen ist eigentlich nur etwas für Engländer.
Dort ist es sowieso immer kalt,
auch in den Häusern.
Je öfter man sich draußen aufhält,
umso mehr schätzt man die frische Luft.
Die Kälte kommt meist von innen.
Muss ich mich jetzt sorgen? Ich friere nämlich leicht.
Willst du auch eins, Schneckli?
Was für ein ungewöhnlicher Spitzname
für so eine schöne Frau.
Ich bin die Schnecke und er ist mein Haus.
Na dann.
Kommt noch jemand mit?
Wie unkonventionell!
Mit Badebekleidung wäre das Wasser auch nicht wärmer.
Er hat bei seinen Expeditionen durch Persien jahrelang draußen geschlafen.
Ist alles in Ordnung?
Elisabeth Nietzsche hat Mutter geschrieben
Dieses Mal behauptet sie, dass ich mich prostituiere.
Aber Schneckli.
Denkst du die Polizei interessiert sich für die Meinung...
einer alten Jungfer aus der Provinz?
Muschka sperrt mir den Scheck, wenn ich nicht zurückkomme.
Und Friedrich lässt seine Schwester gewähren.
Kein Lebenszeichen, kein Brief,
gar nichts! Was ein Feigling!
Wenn wir doch...?
Nein!
Bloß weil du dir als Kind geschworen hast, nie die Ehe einzugehen,
musst du dich nicht für immer daran halten.
Und wovon sollen wir dann leben?
Wie stellst du dir das vor?
Deine Spielschulden bezahlen, mein Scheck würde gestrichen!
Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen.
Mein großer kluger Bruder.
Aber Brüder heiratet man nicht.
Ich musste endlich unabhängig werden.
Von den Verleumdungen, von Muschka und dem russischen Scheck.
Ich begann einen Roman zu schreiben.
Dabei ging es die Frage,
was geschieht wenn der Mensch seinen Glauben verliert?
Mein Held Kuno folgt lediglich seinen Idealen und bringt allen, die ihn lieben Unglück.
Unter dem Pseudonym Henry Lou erschien mein Roman âIm Kampf Gottâ.
Ich hätte nie geglaubt, dass eine Frau die Autorin ist.
Sind Sie sicher, dass ihr kein Mann zur Seite gestanden hat?
Fragen Sie sie doch selber.
Hier, das musst du lesen.
Der Kritiker überschlägt sich geradezu vor Begeisterung.
Hier: Stil und Form seien einzigartig.
Die sensibel erkundete Einsamkeit des Mannes wird zum Psychogramm seiner Zeit.
Bravo, darf ich mal?
Sie stecken hinter dem Pseudonym Henri Lou?
Sehr erfreut.
Und Sie sind der glückliche Verleger?
Nein. Ich bin der mehr als glückliche Verleger.
Fräulein von Salomé hat unsere kühnsten Erwartungen übertroffen.
Sagen Sie, haben Sie schon Pläne für weitere Projekte?
Eine Frage,
die jeder kreative Mensch fürchtet.
Als wenn es so einfach wäre, einen Roman zu schreiben.
Welches ist die halbe?
Russisch.
Die andere Hälfte bringe ich Ihnen bei.
Entschuldigung.
Paul!
Deine Ehrendame ist wohl eifersüchtig.
Ich fürchte, unser Experiment ist gescheitert.
Herr Andreas!
Ich war gerade in der Nähe.
Kommen Sie rein.
Danke.
Ich wollte mit Ihnen etwas besprechen.
Hoffentlich nichts Unangenehmes.
Kommen Sie!
Ich las, dass bei russischen Intellektuellen die Scheinehe an der Tagesordnung ist.
In meinem Alter wirkt man verdächtig,
wenn man noch nicht verheiratet ist.
Brüder heiratet man nicht.
Aber Väter schon, ja?
So ein alter Mann.
Es ist eine Scheinehe.
Das ist ja so originell.
Und standesgemäß.
Blaues Blut, eine gute Partie für dich!
Exzellenz!
Du weißt, dass Karl kein Geld und keinen Titel hat.
Ich bin die gute Partie.
Meinen Antrag hast du abgelehnt.
Du weißt genau warum.
Ich breche meinen Schwur nicht.
Ich bin ein Hirnochse.
Ich bin ein erfolgloser Philosoph, der die letzten Jahre verschwendet hat.
Gib mir das.
Keine Sorge,
es reicht, dass Nietzsche wegen dir verrückt geworden ist.
Barmherzig sein,
Nicht suchen.
Ich kann Ihnen keine Ehefrau sein.
Ihnen nicht und auch sonst niemandem.
Ist es weil ich keine Anstellung habe?
Ich kann es Paul nicht antun.
Wenn Sie mich nicht heiraten,
will ich nicht mehr leben.
Nein! Bitte nicht!
Bleiben Sie ganz ruhig, ich rufe einen Arzt.
Es ist nur ein Kratzer!
Sie sind verrückt!
Na und,
Sie doch auch!
Das ist ideal für unsere Ehe.
Ich hole einen Arzt.
Ich suche eine Wolldecke.
Klopfen Sie nie an?
Ich fände es besser, wenn Sie nicht mehr kommen würden
Seit wann entscheidet das die Haushälterin?
Wie kommen Sie darauf, dass ich die Haushälterin bin?
Nein!
Nein!
Lou bitte,
mach die Tür auf!
Es tut mir leid.
Wir annullieren die Ehe.
Nein,
wir können versuchen, alles andere richtig zu machen.
Du hast mir Dein Wort gegeben.
Es kommt nicht wieder vor.
Mach die Tür auf. Bitte.
Es tut mir leid.
Mariechen hat mir nicht gesagt, dass Sie da sind.
Sie gab mir zu verstehen, dass ich nicht erwünscht bin.
Sie macht sich zu viele Sorgen.
Ist sie mit Ihnen verwandt?
Ich habe sie adoptiert.
Und seither hat sie sich in den Kopf gesetzt, mich zu bemuttern.
Und wann ist sie geboren?
Da kannten Sie Rilke bereits.
So ist es,
Sherlock Holmes.
Vielen Dank.
Dass ich heute hier stehen darf, verdanke ich ganz allein einer Person.
Ohne sie wäre mir ein ziemlich jämmerliches Schicksal beschieden gewesen.
Lou Andreas-Salomé.
Lösch mir die Augen aus,
ich kann dich sehen.
Wirf mir die Ohren zu, ich kann dich hören.
Und ohne Füße kann ich zu dir gehen.
Und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab,
ich fasse dich mit meinem Herzen wie mit einer Hand.
Halte mir das Herz zu. Und mein Hirn wird schlagen.
Und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd' ich dich auf meinem Blute tragen.
Was ist mit Dir?
Hat es Dir nicht gefallen?
Viel zu sehr.
Es ergibt keinen Sinn.
Warum?
Du sperrst Deine Gefühle hinter Mauern.
Nennst Du das Freiheit?
Das musst Du nicht verstehen.
Du bist feige.
Willst Du wirklich auf das Schönste im Leben verzichten?
Sie sind frech, Herr Rilke.
Ich fürchte, Sie haben recht.
Ich...
Ich war noch nie mit einem Mann zusammen.
Du kannst mir vertrauen.
Immer.
Aus allem Schönen gehst du mir entgegen,
mein Frühlingswind du,
du mein Sommerregen
Du meine Juninacht, mit tausend Wegen,
auf denen kein Geweihter schritt vor mir:
Ich bin in Dir!
Und was war an Rilke anders
als an Ihren anderen Verehrern
Rainer war der einzige Mann, in dem ich so viel Weibliches sah.
Wir hatten uns vollkommen ergänzt.
Das heißt...
als Mann... sollte man eine weibliche Seite in sich zulassen?
Alle Menschen sollten das andere Geschlecht in sich finden.
Sie allerdings... müssten Ihre männliche Seite mehr zulassen.
Und...
Und wie hat Ihr Mann darauf reagiert,
dass Sie soviel bei Rilke waren?
Er war es gewohnt,
dass ich häufig auf Reisen war.
Sie sagen mir nicht, wie es wirklich war?
Seit wann enthalten Biografien die ungeschönte Wahrheit?
Der Sommer 1897 war jedenfalls...
der schönste meines Lebens
Und?
Dieser Vers... Und lassen es über die Bäume regnen...
Wir finden was Besseres.
Über die Reben?
Ich kann Deine Schrift kaum lesen.
Und lassen es über die Reben regnen.
Und lassen es über die Rosen scheinen.
Und vergessen das Lachen und kennen kein Weinen
Und sind doch die deinen.
Das ist schön.
Kennst Du das?
Das Gefühl jemand beobachtet Dich, obwohl niemand im Raum ist?
Die Türen sind fest verschlossen.
Meine Mutter lief mir früher den ganzen Tag hinterher.
Wenn ich etwas angestellt hatte, ließ sie mich beten.
Auf den Knien beten.
Sie wird nichts von uns erfahren.
Ich habe ständig den gleichen Traum
Ich liege auf frischer Erde in einer Grube.
Und über mir wirft ein großer Stein seinen Schatten auf mich.
Und dann...
Löst sich der Stein
und während er auf mich herunterstürzt,
erkenne ich, dass es mein eigener Grabstein ist.
Hast du es hier auch schon geträumt?
Du darfst mich nie verlassen... Nie!
Rainer begleitete mich nach Berlin zurück.
Er mietete sich ein Zimmer in meiner Nähe.
Wie alt ist er eigentlich?
Weißt Du wie ich mir vorkomme?
10 Jahre, Lou.
10 Jahre an Deiner Seite,
ohne dass ich Dich berühren darf.
Ich habe Dir nie etwas anderes versprochen.
Ich weiß, Dein Ruf interessiert Dich nicht.
Aber vielleicht denkst Du an meinen.
Oder seinen?
Er heißt Rainer.
Wenn Du mit ihm zusammenbleibst,
dann möchte ich, dass du hier ausziehst.
Aber zwischen uns ändert sich doch nichts.
Ich vergaß...
Du willst ja immer alles haben.
Warum nicht?
Du hast doch auch Deine Vergnügung.
Wenn Du hier bleiben willst,
dann werde ich gehen.
Und wo willst Du wohnen?
Wie willst Du Miete und Studien bezahlen?
Bitte verlass mich nicht.
Gnädige Frau, Post für Sie aus Russland.
Danke.
Rainer!
Hattest du wieder Alpträume?
Wollen wir heute ins Theater
In der Volksbühne spielen sie Ibsens Nora.
Wie lange willst Du noch daran arbeiten?
Wie bitte?
Statt mit der Übersetzung Geld zu verdienen,
verkriechst Du dich und schreibst nichts Eigenes mehr.
Tolstois Werke sind bedeutender als meine.
Es gibt immer etwas Bedeutenderes, als das eigene Werk.
Wenn alle so dächten würde niemand schreiben.
Deine Mutter fragt, wann Du sie besuchst.
Wir könnten doch alle zusammen nach Sankt Petersburg fahren.
Ich werde Tolstoi schreiben.
Vielleicht trifft er uns.
Wir werden nächste Woche Tolstoi besuchen.
Könntest du dir nicht wieder vorstellen, hier zu leben?
Hier sind meine Wurzeln,
aber leben will ich in Berlin.
Sie sollten Lous Gedicht über die Wolga lesen.
Wie eine Landschaft liegst du mein Leben.
Hätt ich an deinen Ufern nie geruht,
mir ist, ich wüsste doch deine Weiten.
Als landete mich jede Traumesflut
an deinen ungeheuren Einsamkeiten.
Man fühlt sich Russland dadurch gleich verbunden.
Seiner Natur, den Menschen. Es spricht uns aus der Seele.
Tragen sie deshalb die Bauerntracht?
Übrigens, warum ist dein Mann nicht mitgekommen?
Er verreist nicht mehr gern.
Im Gegensatz zu dir.
Ich werde nie so sein, wie du mich gerne hättest.
Ich weiß.
Und noch einmal hier.
Augen zu.
Rainer?
Weißt Du noch?
Nein, nein, die...!
Rainer, da ist nichts.
Ich kann nicht!
Ist ja gut.
Alles ist gut.
Deine Zustände werden jeden Tag schlimmer.
Du musst Dir Hilfe suchen.
Den fand ich gestern bei einem Goldschmied.
Willst Du meine Frau werden?
Ich bin doch schon deine Frau.
Ich kann ohne Dich nicht leben.
Ich kann ohne Dich nicht atmen.
Nicht essen, nicht lachen, nicht weinen.
Nichts kann ich, gar nichts.
Das ist eine große Last, die Du mir da aufbürdest.
Ich will mit Dir zusammen sein.
Jeden Tag.
Jede Stunde, jede Sekunde. Ich will Du sein.
Das ist keine Liebe, Rainer.
Ich kann nicht die Frau sein, die Du ersehnst.
Ich werde mir Hilfe suchen. Versprochen.
Du kannst ohne mich nicht atmen.
Und ich kann mit Dir nicht atmen.
Warst mir die Mütterlichste der Frauen.
Ein Freund warst du, wie Männer sind.
Ein Weib, so warst du anzuschauen.
Und öfters noch warst du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet.
Das Härteste warst du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet.
Und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.
Nach unserer Trennung...
Hat er wieder angefangen, Gedichte zu schreiben.
Und kurz darauf starb Nietzsche.
Ich habe ihn, nachdem ich seine Entschuldigungsbriefe gefunden hatte,
nur noch einmal getroffen.
Aber zu einer Versöhnung ist es nie mehr gekommen.
Er nannte mich einmal
ein übel riechendes Äffchen mit falschen Brüsten.
Das ist ja erstaunlich. So ein großer Geist und so ein kleines Selbstbewusstsein.
Die Syphilis,
war bei ihm schon ziemlich fortgeschritten.
Und ein paar Monate später kam Paul Ree bei einer Wanderung ums Leben.
Angeblich ein Unfall.
Sie glauben nicht an diese Theorie?
Ich habe alle Männer,
die mich geliebt haben, unglücklich gemacht.
Nicht alle.
Ihr habt die Zeit vergessen.
Danke, Mariechen.
Sie müssen jede Aufregung vermeiden.
Sie haben ein schwaches Herz.
Ich will in den nächsten Tagen verreisen.
Wenn Sie diese Tropfen nehmen, können Sie beruhigt fahren.
Danke, Doktor Pineles.
Du bist in letzter Zeit sehr häufig unterwegs.
Frieda ist aus Afrika zurück und erwartet meinen Besuch.
Machen Sie sich keine Sorgen. Ihre Frau ist auf dem Weg der Besserung.
Und wenn Sie Ihre Wege wieder nach Wien führen,
Sie wissen wo ich dort praktiziere.
Gern.
Aber ich hoffe, Sie sobald nicht zu brauchen.
Übertreib es nicht, mein Kind.
Ja, Väterchen.
Entschuldigung Frau Andreas-Salomé, erinnern Sie sich an mich?
Malwidas Nichte Greta?
Wie geht es Ihnen? Sie sehen gut aus.
Mir geht es gut.
Ich arbeite jetzt für das Zentralorgan der Bürgerlichen Frauenbewegung.
Würden Sie etwas für uns schreiben?
Gern.
Hallo.
Wie heißt der Autor?
Richard Beer-Hofmann.
Er soll sehr begabt sein.
Schließlich musste ich mir eingestehen, Nietzsche hatte doch recht.
Das dionysische Prinzip ist viel intensiver als das apollinische.
Lassen wir das weg.
Das geht niemanden etwas an.
Leider kam nach dem Hochgefühl immer sofort das Gefühl der Sattheit.
Das ist schwer vorstellbar.
Auch wenn Sie verliebt waren?
Ich war nie bereit Kompromisse einzugehen.
Ist das nicht ziemlich egoistisch?
Haben Sie eigentlich meine Abhandlung zur Doppelrichtung des Narzissmus gelesen?
Und auch verstanden?
Narzissmus in Maßen ist gesund, ja.
Sie haben ihn mit Einsamkeit bezahlt.
Herr Pfeiffer, Sie sind doch auch einsam!
Der einzige Unterschied zwischen uns ist,
dass ich mich niemals
in einem bequemen Leben eingerichtet habe.
Sonst wäre ich nämlich eine St. Petersburger Hausfrau geworden.
Aber ein Dasein besteht nicht nur aus Intellekt.
Es muss Sie doch eine unendliche Energie gekostet haben, alle Gefühle zu unterdrücken.
Glauben Sie wirklich, dass ich mir mit 72 Jahren
von einem Mann erzählen lasse, wie ich hätte leben sollen?
Sind Sie glücklich?
Glück! Ist doch nur ein vergängliches Hochgefühl!
Das ist eine Übererregung der Nerven und Synapsen.
Warum sind Sie nur so kalt?
Und warum sind Sie so naiv?
Es ist schade, dass Sie das so sehen.
Ich denke wir sollten an diesem Punkt mit unserer Zusammenarbeit aufhören,
Herr Pfeiffer.
So war es wohl immer?
Sie sagen wann es vorbei ist.
Freust du dich?
Wenn das Kind erst mal da ist, wird sich alles andere finden.
Ach ja?
Wie stellst Du dir das vor?
Ich werde Deinen Mann die Scheidung bitten.
Du ziehst zu mir, nach Wien.
Meine Eltern werden sich an Dich gewöhnen.
Es ist ihr erstes Enkelkind.
Lou!
Lou!
Bitte wach auf!
Lou.
Bitte, wach auf!
Ich habe endlich die Berufung an die Göttinger Universität.
Könntest du dir vorstellen, mit mir aus Berlin wegzugehen?
Das hätte nicht passieren dürfen.
Es war zu erwarten.
Mach Dir keine Gedanken, Karl.
Ich hatte das sichere Gefühl, dass sich nun alles wiederholt.
Und nichts Besseres mehr kommt.
Als schon einmal war.
Wir Menschen
mit den hohen Ansprüchen unserer Kultur
und unter dem Druck unserer inneren Verdrängungen,
finden die Wirklichkeit ganz allgemein unbefriedigend.
Und unterhalten darum ein Fantasie leben
in welchem wir durch Produktionen von Wunscherfüllungen
die Mängel der Realität ausgleichen.
Unter gewissen Bedingungen bleibt es dem Individuum möglich,
von diesen Fantasien aus
einen anderen Weg in die Realität zu finden.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
- Vielen Dank - bis nächste Woche.
Professor Freud, hätten Sie einen Augenblick Zeit?
Aber sicher.
Ich freue mich über Ihr Interesse an der Sache, Frau Andreas-Salomé.
Ihre Abhandlung über Nietzsche
nimmt viele Erkenntnisse der Psychoanalyse vorweg.
Ich würde gerne bei Ihnen studieren.
Sind Sie denn bereit, sich der Erforschung des eigenen Unbewussten zu stellen?
Das ist die Voraussetzung, Psychoanalytiker zu werden.
Wie muss ich mir das vorstellen?
Und einmal schenkte mir mein Vater in Seidenpapier eingepackte Knallbonbons.
Die ich extra nicht öffnete.
Weil ich mir die schönsten Kleider vorstellte, die dort drin waren.
Mädchen, deren Väter früh verstorben sind,
haben Schwierigkeiten, sich auf jemanden einzulassen.
Weil sie keine natürliche Ablösung erfahren haben.
Ich hatte genügend erotische Begegnungen.
Sie verstehen sehr gut, worauf ich hinaus möchte.
Mit Rainer konnte ich sexuelle und geistige Befriedigung erleben.
Warum meinen Sie, dass es mit ihm möglich war?
Er hat mich durch die Kraft seiner Liebe dazu gebracht.
Aber es war Ihnen nicht möglich, darin einen dauerhaften Zustand zu erreichen.
Ich wünschte ich hätte einmal in meinem Leben blind und hohlköpfig lieben können.
Haben Sie schon einmal überlegt, dass Sie der klassische Narzisst sind?
So gut kennen Sie mich doch noch gar nicht.
Gab es außer Rilke noch einen Mann,
dem Sie tiefe Gefühle entgegengebracht haben?
Nein.
- Niemandem? - Niemandem.
Nein!
Vertrau mir.
Ich habe alles in die Wege geleitet.
Ich werde mich scheiden lassen.
Willst du mich dann heiraten?
Was?
Wollen Sie es mir erzählen?
Erinnern Sie sich an meinen Kinder-Gott, der eines Tages verschwunden war?
Ein selten anschaulicher Gottesverlust.
Er sah genauso aus wie Sie!
Projektion. Meine Liebe,
Projektion.
Lou.
Du hast eine Vorladung.
Soll ich ihnen erzählen, dass du zu krank bist, das Haus zu verlassen?
Dann kommen die womöglich her.
Wir...
wir müssen Papiere und Bücher wegschaffen.
Am Besten noch heute.
Das muss alles weg.
Die Tagebücher...
Manchmal denke ich, er sitzt noch unten im Garten.
Hast du ihn eigentlich geliebt?
Auf eine andere Art.
Ja.
Obwohl ich auf die Welt kam.
Mariechen!
Du hast überhaupt nichts falsch gemacht.
Er hat mich nie akzeptiert.
Niemand konnte so gut Geschichten erzählen wie du.
Jetzt könnte man den Pfeiffer tatsächlich gebrauchen.
Ich vermisse ihn auch schon die ganze Zeit.
Immerhin scheint es mir gelungen zu sein, Ihre Schreibblockade zu lösen.
Ich dachte, Sie gehen nicht mehr aus dem Haus.
Falsch gedacht.
Mal wieder.
Ich bin neulich vielleicht ein wenig zu forsch gewesen.
Ihr neues Selbstbewusstsein setze ich auf meine Erfolgsliste.
Na dann...
Es wäre sehr schön,
wenn Sie einer der wenigen Menschen wären, die ich nicht dauerhaft verschreckt habe.
Was wird das?
Sie wollen Ihr Leben verbrennen?
Nur das, was die Nachwelt nicht lesen soll.
Sie können es doch bei mir verstecken.
Ich will nicht, dass man etwas findet,
mich weiter zu demontieren.
Ich verspreche Ihnen, das würde nur über meine Leiche passieren.
Das ehrt sie sehr, aber...
was passiert, wenn Sie das tausendjährige Reich nicht überleben?
Und wir haben ja noch die Lebenserinnerungen.
Ja, die halbe Wahrheit.
Wir könnten ja gelegentlich wieder daran arbeiten.
Ich habe etwas gefunden
beim Aufräumen.
Nehmen Sie es.
Bitte.
Danke.
Die Welt, sie wird dich schlecht begaben. Glaube mir's.
Sofern du willst ein Leben haben,
raube dir's.
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