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Original subtitles

(Sirene heult.)

Georg?

Was machst du denn noch hier?

Die machen Paris zu. Kommst du nicht mehr raus. -Und du?

Ich bin morgen weg. - Wohin? -Cassis.

Wo ist das? - Marseille. Ich werde mich einschiffen.

Ich hab ein Danger-Visum für die USA. - Was ist das?

Ein Visum für besonders gefährdete Leute.

Du bist besonders gefährdet, ja?

Na, hör mal.

Meine Artikel. Die Zeitung.

Du kannst mir einen großen Gefallen tun.

Ist auch Geld für dich drin.

Gib die zwei Briefe ab. - Warum tust du's nicht selbst?

Sind für den Weidel. Du kennst ihn, der Schriftsteller.

Der große. War er mal... - Kenne ich nicht.

Aber warum machst du's nicht selber? - Hab ich ja versucht.

Die Hotelbesitzerin war so merkwürdig. - Hast du's mit der Angst bekommen?

Ich würde es Vorsicht nennen.

Von wem sind die Briefe? - Einer von seiner Frau.

Und der ist wichtig? - Ihr ist er wichtig.

Der andere ist vom mexikanischen Konsulat.

Wir waren befreundet, haben denselben Verleger...

Wann bekomme ich mein Geld?

Wenn du ihm die Briefe gegeben hast.

Hotel Ryad, Zimmer 6. Ich warte hier auf dich.

Wie kommst du nach Cassis?

(Sirene)

Schleppst du dich noch mit dem Heinz ab? -Nein.

Gut. - Warum gut?

Wir haben noch einen Platz im Auto.

Aber eben nur einen.

Willst du mit?

Ich komme mit.

(Mehrere Sirenen heulen.)

(Kirchenglocke läutet.)

(Rumpeln)

(Französisch) Entschuldigung?

(Scheppern)

(Französisch) Warum warten Sie nicht unten?

Ich habe geklingelt.

Habe ich nicht gehört. Offensichtlich nicht.

Ich suche ein Zimmer. - Zeigen Sie mir bitte Ihre Papiere.

Zeigen Sie mir bitte erst ein Zimmer.

Suchen Sie sich eines aus. Wir haben kaum Gäste.

Welches empfehlen Sie?

Eins mit Morgensonne,

ruhig und... Vogelgezwitscher aus dem Garten.

Sie sind Deutscher. Sind Sie von der Behörde?

Alle Gäste sind registriert. Ich wurde vor zwei Wochen kontrolliert.

Morgensonne und Vögel im Garten.

(Deutsch) Wenn ich bitten darf.

(Französisch) Warten Sie. Ich hole einen Schlüssel.

(leise) Die 16 ist mein schönstes Zimmer.

Zwei große Fenster, Südseite.

Dieser Mensch hat mir viele Unannehmlichkeiten bereitet.

Er kam am 15. gegen Abend, kurz nach der Besatzung.

Ich habe mein Hotel nicht geschlossen. Ich blieb.

Mein Vater sagte immer, man lässt nicht alles zurück, sonst wird es gestohlen.

Herr Weidel kam zu mir, am ganzen Leib zitternd.

Ich fand das merkwürdig.

Er bat mich, ihn nicht anzumelden.

Aber Herr Langeron besteht weiterhin auf Anmeldung aller Fremden.

Ordnung muss sein, nicht wahr?

Weidel wollte sich nicht anmelden.

Seine Frau und er hatten immer dieses Zimmer.

Sie liebten es.

Und sobald von Liebe die Rede ist, werde ich schwach.

So bin ich nun mal. Französin eben.

"Nur eine Nacht", sagte ich.

Am Morgen kam er nicht runter, ich öffnete die Tür mit dem Nachschlüssel

und fand die ganze Sauerei.

Da lag er in seinem Blut, schon ganz steif,

die Pulsadern aufgeschnitten.

Und wo ist er jetzt?

Ich kenne jemanden bei der Polizei, der regelt die Sache für mich.

Unbekannter Toter, Krematorium, anonyme Bestattung.

Weidel hat mir mehr Ärger bereitet als die Besatzung.

Was haben Sie mit seinen Sachen vor?

Wollen Sie sie mitnehmen?

Ich will nur, dass alles wieder in Ordnung ist.

Ihre Papiere!

(Pfiff aus einer Trillerpfeife)

(Französisch) Er ist dort! Dort!

(Männer sprechen französisch.)

(Hubschrauberlärm)

(Polizeisirene)

(Stimmen einer Frau und eines Mannes)

(Getragene Klaviermusik)

(Klopfen)

(Es klopft nochmals.)

(Französisch) Ich bin's.

Wo warst du? Wir waren in Sorge. - Claire, was machst du da?

Sie werden die Kammer finden. - Wir sagen, es sei Jeans Zimmer.

Sein Geheimzimmer. Hat er sich immer gewünscht.

(Ein Mann stöhnt.)

Das Marzipan. Ich habe es dem Jungen versprochen.

Melissa erwartet ihn in Marseille. Geht mit ihm in die Berge.

Das schafft er nicht.

Ich habe Morphium besorgt und Penicillinspritzen.

Claire hat schon gepackt. -(Georg) Er schafft das nicht.

Sie durchkämmen das Viertel.

Eine Nachbarin war heute hier.

Sie hat die Kammer entdeckt. Sie werden bald hier sein.

Sie haben ein Lager am Velodrome. Sie durchkämmen alles.

"Frühjahrsputz" nennen sie das.

(Er stöhnt leise.)

Verdammte Scheiße.

Ich habe einen Dietrich für die Tür. Ihr fahrt mindestens vier Tage.

Während der Fahrt könnt ihr die Rollläden oben lassen.

Für Licht und frische Luft.

Aber bei jedem Halt müsst ihr sie schließen. Ihr fallt sonst auf.

Okay?

Wenn ihr bei Melissa angekommen seid, wartet ihr ein paar Tage.

Dann geht ihr zu Henry in die Berge.

Wie soll er... - Mit deiner Hilfe.

Du wirst ihm helfen.

Nimm. Mehr ging nicht auf die Schnelle.

Danke.

(Stöhnen)

(Stöhnen)

(Scheppern)

Na los.

(Metallisches Scheppern und Männerstimmen)

(Stimmen und Scheppern von draußen)

(Mann) Genau, man muss dem Verein beitreten.

Die Räder sind in Ordnung.

Wo machst du denn Urlaub? - In Marrakesch.

Das ist ja toll!

(Schmerzerfülltes Stöhnen) -(Scheppern von draußen)

(Der Zug fährt.)

(Aufschrei)

Ah!

(Stöhnen)

Ah...

(Erzähler) Er wusste nicht mehr, wie lange er den Heinz betrachtet hatte.

Irgendwann hat er die Tasche des Schriftstellers geöffnet.

Aus lauter Langeweile fing er zu lesen an.

Er spürte, dass das seine Sprache war, seine Muttersprache.

Er stieß auf Worte, mit denen seine arme Mutter ihn besänftigt hatte,

wenn er wütend und grausam geworden war.

Es hab in dieser Geschichte viele verrückte Leute,

recht durchgedrehtes Volk.

Sie wurden fast alle in üble, undurchsichtige Dinge verwickelt.

Selbst die, die sich sträubten.

All die Menschen in der Geschichte, und einer davon ähnelte ihm selbst,

ärgerten ihn nicht durch ihre Vertracktheit,

wie sie's im Leben getan hätten.

Er begriff ihre Handlungen, weil er sie verfolgen konnte,

vom ersten Gedanken bis zu dem Punkt, wo alles kam, wie es kommen musste.

Nur dadurch, dass der Dichter, der jetzt tot war,

sie so beschrieben hatte, erschienen sie ihm schon weniger übel.

Zwei Briefe lagen noch im Rucksack.

Einer vom Verleger, dass seine Geschichte schön zu werden verspreche,

doch leider drucke man jetzt solche Geschichten nicht mehr.

Den anderen Brief schrieb eine Frau, wohl seine eigene.

Er möge nicht auf sie warten, ihr gemeinsames Leben sei zu Ende.

Ihm fielen die Briefe ein, die ihm der Paul für den Weidel gegeben hatte.

Sie steckten in seiner Brusttasche.

Einer vom mexikanischen Konsulat

mit der Bestätigung, der Weidel sei eingeladen, nach Mexiko zu kommen.

Visum und Reisegeld lägen bereit.

Der andere war von seiner Frau. Sie müsse ihn wiedersehen.

Er dürfe nicht zaudern, sie wartet auf ihn.

Er müsse sofort nach Marseille kommen.

Ein wirrer Brief. Aber eine reinliche Schrift.

Nein, nicht reinlich.

Rein.

(Hunde bellen.)

(Männerstimme über Funk)

(Frau spricht französisch.)

(Hunde bellen.)

(Pfiff)

Heinz.

Heinz.

Heinz.

(Pfiffe)

(Mann) Lasst mich!

Lasst mich!

(Frau) Da vorn ist ein Fenster offen!

(Mann) Was für ein Gestank! Er ist tot.

Lass los.

Ich hole noch seine Sachen. - Ja.

(Melancholische Klaviermusik)

Am nächsten Tag hat er dann Marseille erreicht.

Blauer Himmel, Palmen im Wind.

Es war kalt. Der Mistral.

Er war müde.

Niemand schaute ihn an. Das ist ja das Furchtbare.

Nicht, dass sie dein schmutziges Gesicht anstarren, die abgerissene Kleidung.

Das Furchtbare ist, dass sie dich nicht sehen, dass du gar nicht da bist.

Sie hatte ihm auf die Schulter getippt.

Und da sah er sie.

Sie schaute ihn an, schüttelte den Kopf,

wendete sich ab und ging.

Er schaute ihr hinterher.

Der schwarze, elegante Mantel, die feinen Schuhe, der müde Gang.

Noch einmal drehte sie sich um,

starrte ihn an und ging weiter.

Da heulte eine Polizeisirene auf und eine zweite,

und eine Razzia fand statt, und er lief davon.

(Er klingelt.)

(Französisch) Könnten Sie sich ins Tor stellen?

Wie viel Uhr ist es? - Ungefähr 11 Uhr.

Musst du denn nicht in der Schule sein? - Nein. Heute ist Sonntag.

Wollen wir spielen? - Ich hab schon lange nicht mehr gespielt.

Ist doch nur Torwart. - Nur Torwart!

Weißt du, was du da redest? - Bist du Deutscher?

Hört man das? - Nein, aber die lieben ihre Torwarte.

Ob sie sie lieben, weiß ich nicht. - Zumindest sind sie gut.

Das stimmt.

Bist du gut?

Ja.

Richtig gut?

Ja, richtig gut.

Zeig mal.

Grauenhaft.

Warum? - Warum was?

Warum habe ich kein Tor geschossen?

Wegen deinem Standbein. Es zeigt, wohin du schießen wirst.

(Deutsch) Scheiße.

Du sprichst Deutsch?

Scheiße, Doppelpass, Borussia Dortmund.

Ist das alles? - Ich kann schon ein bisschen mehr.

Ich muss mal mit deiner Mama reden.

Mein Name ist Georg. Ich bin ein Freund von Ihrem Mann.

Wir waren auf dem Weg hierher.

Er hatte eine Verletzung am Bein. Die hat sich entzündet.

Er ist tot.

(Scheppern)

(Die Frau schluchzt laut auf.)

Er suchte ein Hotel, etwas, wo er Ruhe finden,

sich verstecken konnte.

Alle Hotels waren überfüllt.

Das siebte Hotel

hatte trotz des Schildes "Complet" dann doch ein Zimmer frei.

(Französisch) Eine Woche im Voraus. - Eine Woche?

Wenn eine Razzia kommt, stehe ich wieder mit leeren Händen da.

Sie haben keine Bleibeberechtigung.

Aber ich will gar nicht bleiben.

Das müssen Sie nachweisen.

Und wie?

Sie gehen zum Präfekten

und legen ihm Visa und Schiffspassage vor.

Das heißt,

ich darf nur bleiben...

wenn ich nachweisen kann, dass ich nicht bleiben will?

Wie viel?

Er wusste, die Frau würde ihn verraten, morgen, vielleicht schon heute.

Er war erschöpft". Fast war es ihm egal.

Der Preis für das Zimmer, den ihm die Frau aufschrieb, war obszön.

Ihm blieb nichts mehr.

Er sah die anderen, die herumhingen in der Lobby,

die darauf warteten, ihm, dem Neuen, ihre Geschichten zu erzählen.

Welches Land Transits oder Visa gewährt.

Später, oben im Zimmer, dachte er an den Dichter.

Er nahm nochmals sein letztes Manuskript. Aber es verzauberte ihn nicht mehr.

Er hatte bohrenden Hunger, und die Zigarette schmeckte grauenhaft.

Er legte sich aufs Bett, wollte den Hunger wegschlafen.

Er würde die Sachen des Dichters im Konsulat abgeben

und vielleicht einen Finderlohn erhalten und etwas Essen kaufen

und dann...

Irgendwas wird sich auftun.

Der Hunger war entsetzlich.

(Deutsch) Das ist mein Arbeitsvertrag.

Caracas.

Ich bin Dirigent. Kennen Sie Caracas?

Sehen Sie? Am 1.9. sollte ich anfangen.

Hm.

Das...

Das ist mein Visum. Es kam rechtzeitig.

Die wollen moderne Musik. Hat mich selbst gewundert.

Ich bin Spezialist für Reger und Nono, aber moderne Musik dort?

Wer hört das da? - Hm.

Zwölf Passbilder wollen die haben.

Hier, eins, zwei, drei,

vier, fünf, sechs, sieben...

acht, neun, zehn, elf, zwölf, alle da.

Ich lache nicht, man kann mein Ohr sehen.

Ist ein Fehler, lachen und falsche Position.

Ja. - Wurde ich mal zurückgeschickt.

Ach, und gekostet hat das... Das ist die Schiffspassage.

Das Schiff hält in den USA und in Mexiko an.

Dafür brauche ich Transits. Sie denken vielleicht: 'Der hat alles.

Die Transits stellen sich von selber aus.'

Aber nein. Angst.

Die haben Angst, dass wir an Land gehen und bleiben.

Mhm.

Haben Sie was zu essen? - Was?

Nein.

Er sah den Dirigenten an und all die anderen mit ihren Geschichten.

Wie sie dem Tod entkamen.

Von den Kindern, den Männern, den Frauen, die sie verloren haben.

Den entsetzlichen Dingen, die sie sahen. Er wollte es nicht mehr hören.

(Frau) Sagen Sie nicht, dass Sie die süß finden. Ich hasse sie.

Am liebsten möchte ich Hackfleisch aus ihnen machen.

Gehören zwei Amerikanern, Emmy und John Blumenberg.

Sind Hals über Kopf ins letzte Flugzeug nach Washington.

Kann ich ihnen nicht verdenken. John ist Jude, so wie ich.

Die Hunde konnten nicht mit. Ich soll sie mitbringen.

Dafür bürgen sie für mich und ich bekomme ein Visum.

Nun warte ich auf das mexikanische Transit

und den verschissenen Veterinärnachweis.

Ich habe ihr Haus entworfen.

Dann dachte er: 'Das ist Marseille.

Eine Hafenstadt. ' - Da !

Hafenstädte sind Städte, in denen erzählt wird. Dazu sind sie da.

Und diese Menschen haben das Recht, zu erzählen

und dass man innen zuhört. '

Ich will doch nicht bleiben in eurem Mexiko, ich...

(leise) Ich hasse sie, sie und ihre Köter.

Das ist zu viel. Die wollen uns Angst machen.

Meine Lebensversicherung. Scheiße. - Das ist der Wahnsinn.

(Frau) 813.

Das sind Sie.

Ja.

(Mann auf Französisch) Den Pass. Danke. Sie brauchen...

Ein Visum? - Transitvisum.

Wohin wollen Sie? - Nach Amerika.

Was machen Sie da?

Ich möchte Ihnen diese Briefe und dieses Manuskript...

Darf ich Ihre Nummer sehen?

Die hier?

Worum geht es?

Ich bin nicht der Konsul, ich prüfe nur, worum es geht,

und leite Sie dann weiter.

Ich komme in der Angelegenheit Weidel.

Weidel, der Dichter? - Ja.

Ich bin... - Einen Moment bitte.

Der Konsul erwartet Sie. Bitte schön.

(Deutsch) Ihre Frau war gerade hier.

Die beiden Visa. Die Schiffspassagen.

Eine Geldanweisung.

Eine Western-Union-Filiale gibt's an der Canebiere, 24 Stunden geöffnet.

Bis zur Abfahrt Ihres Schiffes sind nur noch drei Wochen.

Also besorgen Sie sich schnell die Transits für die USA und Spanien.

Die bauen Lager in Aix und Cassis, dann beginnen sie mit den Säuberungen.

Das ist ein Missverständnis.

Es gibt keine direkte Verbindung nach Mexiko.

Sie brauchen Transits. Die haben alle große Angst, dass ihr bleiben wollt.

Wie heißt Ihre Frau noch mal?

Der Name Ihrer Frau.

Sie werden doch wohl nicht ihren Namen vergessen haben.

Sie kommt fast täglich vorbei

und fragt nach Ihnen.

Marie.

Stimmt, Marie.

Sie hat fürchterlich geweint.

Sie hat mich verlassen.

Eine Sache interessiert mich. Eine Frage eher.

Wer vergisst schneller,

der Verlassene oder die, die ihn verlassen hat?

Es interessiert mich einfach, was ein Schriftsteller denkt.

Ich kann mich kaum mehr an sie erinnern.

An diesem Nachmittag sah ich ihn zum ersten Mal.

Er hatte die Geldanweisung eingelöst, saß am Fenster,

aß die heißen Stücke der Margherita

und trank den kühlen Rose'.

Draußen zogen die Menschen vorbei mit ihren Einkaufstüten.

"In wenigen Wochen wird hier die Angst und das Chaos sein,

und sie haben nichts Besseres zu tun, als shoppen zu gehen," sagte er.

Ich erzählte ihm von einem Film, in dem Zombies ein Einkaufszentrum belagern.

"Ja", sagte er, "selbst den Toten fällt nichts Besseres ein."

(Melancholische Klaviermusik)

(Deutsch) Hast du Lust zu spielen?

Ich habe dir was mitgebracht.

Ich kann nicht. Ich bin krank.

Ist deine Mama da? - Sie muss arbeiten.

Hörst du Radio? - Ist kaputt.

Ist das mal runtergefallen? - Weiß nicht.

Kannst du's reparieren?

Ich kann's versuchen.

Hilfst du mir?

So...

Okay...

Kannst du das so halten? So?

Okay, und jetzt... jetzt halt es über die Flamme.

Nicht zu nah an die Flamme, da ist die Temperatur geringer.

Ja, so ist es gut.

Ich leihe mir das mal.

Okay. Bisschen nach vorne.

Probieren wir mal, ob das geht.

Nicht den Atem anhalten. Schön weiteratmen.

Wie beim Fußball, einfach immer schön weiteratmen.

Jetzt komm mal hier vor mit dem... Löffel.

Ja.

Bisschen näher ran. Ja, okay.

Weg.

Okay... Sieht gut aus.

Dann schauen wir mal.

(Radio läuft.)

(Er sucht einen Sender.)

(Musik: Melodie von H. D. Hüschs "Abendlied")

Was hast du?

Ich kenne das Lied.

Das hat mir meine Mama zum Einschlafen gesungen.

(Smgt) Kabeljau...

kommt nach Haus

Elefant...

läuft nach Haus

Ameise...

rast nach Haus

Die Lampen leuchten

Der Tag ist aus

(Tür wird geöffnet.)

(Radio verstummt.)

Mama fragt, ob das dein Beruf ist.

Ja.

Ich habe Radio- und Fernsehtechnik gelernt.

Hast du eine Ausbildung zu Ende gemacht?

Nein.

Da sind mir die Faschisten dazwischengekommen.

Kannst du das Lied noch einmal singen?

Mama will dich singen sehen.

(singt) Schmetterling...

kommt nach Haus

Kleiner Bär...

kommt nach Haus

Kabeljau... Nee, warte mal.

Schwimmt nach Haus

Die Lampen leuchten

Der Tag ist aus

Jetzt kommt der Kabeljau.

Kabeljau...

schwimmt nach Haus

Elefant...

läuft nach Haus

Ameise...

rast nach Haus

Die Lampen leuchten

Der Tag ist aus

Fuchs und Gans...

kommen nach Haus

Katz und Maus...

kommen nach Haus

Mann und Frau...

kommen nach Haus...

(Erzähler) Er brach dann ab.

Es verschlug ihm die Stimme, wie man so sagt.

Geweint hat er wohl, er konnte es spüren.

Melissa und Driss schauten ihn an.

Driss sagte, es sei schon spät und ob er nicht bei ihnen bleiben wolle.

Er sagte, dass er noch etwas Dringendes erledigen müsste. Er ging dann zum Hotel.

Er hatte versprochen, den morgigen Tag mit Driss zu verbringen.

Das Lied wollte ihm nicht aus dem Kopf.

(Gesang) Alles träumt Und alles tauscht

Sich im Leben wieder aus

Es sitzt schon der Abend Auf unserem Haus

(Polizeisirene)

(Bremsen quietschen, Sirene verstummt.)

(Eilige Schritte im Treppenhaus)

(Klopfen)

(Französisch) Moment.

Papiere, Aufenthaltsgenehmigung.

Auf dem Tisch. - Ah ja?

Dann zeigen Sie bitte her.

Etwas schneller, wir haben nicht ewig Zeit.

(Poltern und Geschrei)

(Kinder auf Französisch) Mama, Mama! -(Frau schreit.)

(Frau) Lassen Sie mich los! -(Kinder) Mama! Mama!

Lassen Sie mich los! - Mama!

Er sah die Frau. Wie erloschen war sie.

Er hörte die Schreie des Mannes und der Kinder.

Er sah die anderen, die wie er zuschauten.

Waren sie mitleidlos? Erleichtert, dass es sie nicht erwischt hat?

In einer der Zimmertüren entdeckte er die Frau mit den Hunden.

Ihre Blicke trafen sich. Einen langen Moment schauten sie sich an.

Dann senkten sie ihre Blicke.

Da wusste er, was alle so still und ruhig werden ließ:

Es war die Scham.

Sie schämten sich. Schämten sich furchtbar.

Am nächsten Tag holte er Driss ab.

Der führte ihn zu einem staubigen Rummelplatz am Meer.

(Walzermusik aus einem Lautsprecher)

Mama und ich werden in die Berge gehen. Kommst du mit?

Wenn du's schaffst...

Wenn du's schaffst, die Dose in den Gully zu kicken,

gehen wir trainieren.

Der Gully dort? Okay. - Mhm.

Warte mal. Es darf nicht zu einfach sein.

Standbein...

Oh Scheiße. - Nee. Einen Versuch hast du noch.

Warte mal, das ist zu nah. Noch ein bisschen zurück. Ja.

Ah!

Einen Becher Schokoeis.

Ich muss kurz was erledigen. Ich bin gleich zurück, okay?

Wo musst du hin?

Hier gegenüber, das Haus mit der Fahne.

Dauert nicht lange. Bin gleich wieder da.

(Gemurmel)

(Mann) Willst du was essen? - Nein.

(Stimmengewirr)

(Frau) Herr Weidel.

Herr Weidel!

Ja.

Warum haben Sie sich nicht um ein Visum für die USA bemüht?

Viele Ihrer Kollegen haben das getan.

Sie befürchteten, dass Ihr Visumsantrag abschlägig beschieden würde.

Richtig?

Die Artikelserie im New Frontier

über die Erschießung der Gewerkschaftler in Almeria mithilfe der CIA,

daran waren Sie beteiligt.

Nein.

Der New Frontier ist eine kommunistische Zeitung.

Ich war nicht daran beteiligt.

Warum Mexiko? Glauben Sie, da sind Kommunisten willkom...

Ich sagte, ich war nicht daran beteiligt.

Was wollen Sie in Mexiko?

Wovon wollen Sie leben?

Ich werde versuchen, ein Handwerk auszuüben.

Was für ein Handwerk wollen Sie denn ausüben?

Radio- und Fernsehtechniker.

Sie wollen kein Buch schreiben über all das hier? -Nein.

Aber das ist die Aufgabe der Schriftsteller.

Als kleiner Junge, da haben wir öfters Schulausflüge gemacht.

Die waren... manchmal sehr schön.

Aber leider

kam am nächsten Tag der Lehrer und gab uns das Aufsatzthema:

"Unser Schulausflug".

Und nach den großen Ferien gab es immer den Aufsatz:

"Wie ich meine Ferien verbrachte".

Oder:

"Mein schönstes Ferienerlebnis".

Und selbst nach Weihnachten, nach Bescherung und Fest,

gab es den Aufsatz:

"Mein Weihnachten".

Irgendwann kam's mir so vor, dass ich das alles nur erlebe,

um einen Aufsatz darüber zu schreiben.

Und die Schriftsteller, die mit mir im Lager waren,

für die waren die furchtbarsten, schrecklichsten Erlebnisse

nur erlebt, um darüber zu schreiben.

Das Lager. Die Flucht.

Der Tod.

Der Krieg.

Ich schreibe keine Klassenaufsätze mehr.

Das ist ein schwerwiegendes Geständnis für einen Mann wie Sie.

(Gedämpftes Stimmengewirr)

Er regt sich nicht.

(Melancholische Klaviermusik)

Entschuldigung.

Schmeckt's dir nicht? Magst du was anderes?

Willst du weggehen?

Nach Amerika?

Nach Mexiko.

Wann?

Am 23.

Mit der "Montreal".

Wir können woanders ein Eis essen gehen. Am Hafen?

Hm?

Oder wir gehen trainieren. Standbein.

Und dann sah er, dass der Junge weinte.

Wie er versuchte, die Tränen zu unterdrücken.

Ich muss weg.

Er sah die Anstrengung, er wollte den Jungen trösten

und sich erklären, warum er wegmuss.

(Französisch) Scheiße, ihr könnt mich alle mal!

(Klingeln)

(Jemand klopft ans Fenster.)

(Hunde hecheln.)

Wie geht es dem Dirigenten? - Er hat es nicht geschafft.

Können Sie mich zum Essen einladen?

Wie bitte? - Können Sie mich zum Essen einladen?

Die Hunde fressen so viel. Ich habe kaum mehr Geld.

Das dauert so lange mit dem Veterinärnachweis...

Warten Sie.

Die Frau hatte mir einen Zettel gegeben. Sie war taubstumm.

Ich gehe...

Viele Flüchtlinge wollen so ein wenig Geld verdienen,

Zettel mit kleinem Spielzeug auf die Tische legen

und um eine Spende bitten.

Die Frau hier suchte aber einen Arzt für ihren Sohn

und hoffte, bei den Deutschen einen zu finden.

Er ist dann los, hat unter Flüchtlingen herumgefragt.

Er hat dann sehr schnell einen Arzt gefunden, in einem Hotel am Hafen.

Einen Kinderarzt aus Kassel.

Guten Tag. - Ja?

Mir wurde gesagt, hier gebe es einen Arzt.

Einen Moment.

Ist für dich.

Wir brauchen dringend einen Arzt. - Wer ist "wir"?

Ein Junge, circa acht Jahre alt.

Was hat er? - Ich weiß nicht.

Er bekommt keine Luft. - Warum sind Sie nicht zur Notaufnahme?

Er ist illegal. Er und seine Mutter.

Sie nicht? - Doch, ich auch.

Ist es weit? - Zehn Minuten.

Moment, ich hole meine Tasche.

(Arzt, leise) Bis später. - Mhm.

Hat er irgendwas gegessen? - Ich weiß es nicht.

Ich habe ihn gestern zum letzten Mal gesehen.

Ich bin nicht der Vater.

Er ist der Sohn eines Freundes.

Der Freund ist gestorben. Nicht lange her.

Die Mutter ist taubstumm. - Wie heißt der Junge?

Driss. - Afrikaner?

Melissa, die Mutter, ist aus dem Maghreb.

Driss hat Asthma.

(Arzt) Versuch mal, tief in den Bauch zu atmen.

Du kannst dich wieder anziehen.

Warst du die letzten Tage viel draußen?

Du musst ein paar Tage im Bett bleiben, ja?

Deine Mama soll dir was kochen.

Hast du ein Lieblingsessen?

Nee? Du musst doch irgendwas besonders gerne mögen, oder?

Pfannkuchen oder so was? Ja?

Na, dann kann dir deine Mama das ja vielleicht mal kochen.

Ich hole sie mal rein.

Kommen Sie?

Nur die Mutter.

Es ist ein schwerer Asthma-Anfall. Er muss im Bett bleiben.

Das sind einfache Tropfen, dreimal täglich nach dem Essen.

Der Mistral tut ihm nicht gut.

(Driss) Mama und ich gehen in die Berge. -(Arzt) Das wird dir guttun.

Was haben Sie dem Jungen getan? - Wie bitte?

Irgendwas müssen Sie ihm getan haben, dass er Sie nicht sehen wollte.

Dass Sie nicht einmal in sein Zimmer durften.

Ich werde ihn verlassen.

Sie gehen nicht mit in die Berge? - Nein.

Er hatte gehofft, dass Sie mitgehen, an des Vaters statt.

Und warum gehen Sie nicht mit?

Ich werde nach Mexiko gehen.

Was?

Was?

Dahin möchte ich auch. - Und warum gehen Sie nicht?

Fehlen Ihnen noch Dokumente? - Nein, ich habe alles zusammen.

Wann geht Ihr Schiff? - Am Dienstag.

Was ist dann Ihr Problem?

Auch ich muss jemanden verlassen.

Wen? - Eine Frau.

Darf ich Sie zum Essen einladen?

Wir hätten schon vor drei Wochen weg sein können.

Da brauchte man noch kein verfluchtes Visum, kein Transit.

Alles war geklärt, ich hatte die Passagen.

Wir waren schon fast weg. Die Anker wurden gelichtet.

Dann ist sie von Bord.

Und ich hinterher. - Und nun kommen Sie nicht mehr raus hier.

Ich schon.

Ich habe ein Visum, die Transits, eine Passage.

Am Dienstag geht die "Esperanza" um 21 Uhr, Hangar 12.

Über Lissabon und Montevideo.

Ich bekam heute die Transits für Portugal und Uruguay.

Sie werden an Bord gehen?

In zwei Wochen geht hier alles den Bach runter. Die sind schon in Lyon.

Und wollen Sie sie zurücklassen?

Ich muss eine Klinik aufbauen. Man erwartet mich.

Es ist meine Arbeit, ich kann nicht länger warten.

Weiß sie es? - Ich habe es ihr gesagt.

Ich muss los, auf mich warten Menschen in Not.

Sie weiß das. - Verstehe.

Sie verstehen?

Ja, ich verstehe.

Sie haben ein schlechtes Gewissen und wollen meinen Segen.

Ich bezweifle, dass Sie Segen spenden können.

Nicht einmal Trost.

Hast du ihn gefunden?

Hier, iss etwas. - Danke.

Komm.

Sie sind doch der, der einen Arzt suchte.

Ja... der bin ich.

Der Herr hier hat sich schon entschieden.

Er geht nach Mexiko und lässt ein Kind zurück.

Was soll das?

Sie haben sich entschieden. Oder habe ich da was falsch verstanden?

Sie lieben den Jungen, das ist offensichtlich.

Sie waren gekränkt, als er Sie nicht in seinem Zimmer haben wollte.

Sie lieben ihn, aber lassen ihn zurück. - Er ist nicht mein Sohn.

Was spielt das für eine Rolle? Sie ist auch nicht meine Frau.

(Türglocke)

Er hörte noch ihre Schritte, den hellen Ton der Türglocke.

Dann verschwand sie.

Er verließ das Mont Ventoux bald nach ihr.

Als er sich umdrehte, sah er den Arzt verlassen und einsam an seinem Tisch.

Der Arzt schien zu weinen.

Dann ging er in sein Hotel,

in seine eigene Einsamkeit.

(Frau auf Französisch) Ja? - Georg.

(Deutsch) Von gestern Abend.

Er ist nicht da.

Sie können warten. Er wird bald zurück sein.

(In der Ferne ertönt ein Schiffshorn.)

Tee? - Gerne.

Wo ist er denn? - Er ist noch mal zu dem Jungen gegangen.

Ist etwas mit Driss?

Nein.

Kontrolle.

Er ist ein guter Arzt, ein großartiger.

Kennen Sie einen guten Secondhandshop hier?

Was suchen Sie denn? - Ich suche nichts, ich will verkaufen.

Haben Sie kein Geld mehr?

Das auch.

Vielleicht kommt er auch spät.

Er wird sich noch die Passage bestätigen lassen.

Er wird also abreisen? - Ja, sicher.

Und Sie bleiben?

Was bleibt mir denn übrig? - Würden Sie denn gerne weg hier?

Er sagte, dass Sie schon so gut wie weg waren. Was sagte er?

"Die Anker waren gelichtet, da ist sie von Bord."

So ähnlich. - Ja.

Aber jetzt würden Sie an Bord bleiben.

Was hat sich verändert?

Alles.

(Schiffshorn vom Hafen)

Wer vergisst schneller,

der Verlassene oder die, die ihn verlassen hat?

Was glauben Sie?

Er hat mich vergessen. - Wer?

Mein Mann.

Woher wissen Sie das? - Das hat mir der Konsul berichtet.

Welcher Konsul?

Der Mexikaner.

(Erzähler) Hatte er es geahnt? - Ich sagte, wir müssen fort.

Er saß da und hörte ihr zu. - Er schrieb und rauchte und trank.

Während sie erzählte, wie sie Weidei verließ...

Dann kamen die Deutschen. -... In Paris

und einstieg in den Wagen des Arztes

und vor den Deutschen floh.

Es war leicht, in seinen Wagen einzusteigen

und einen Abschiedsbrief zu schreiben,

einen endgültigen.

Wie sie ihn suchte, ihren Mann, überall in Marseille...

im mexikanischen Konsulat, vor dem amerikanischen,

auf der Canebiere, im Mont Ventoux.

Ihre verzweifelte, sinnlose Suche.

Seitdem suche ich.

Jeder hatte ihn gesprochen. - Jeder hat ihn gesprochen.

Bei der Western Union. - Der Mexikaner.

Der amerikanische Konsul, der mexikanische.

Ich komme immer zu spät.

(Mafia) Die Verlassenen vergessen nie, sagt man.

Aber das stimmt nicht.

Sie haben die schönen, traurigen Lieder. Mit ihnen ist das Mitleid.

(Marie) Die, die verlassen, mit denen ist niemand.

Die haben keine Lieder.

(Georg) Marie!

Er hat Sie nicht vergessen.

Er versteckt sich vor mir.

Warum sind Sie von Bord damals?

Wollten Sie zu ihm zurück?

Ich weiß nicht.

Warum suchen Sie ihn dann?

Weil er mein Visum hat.

Ich komme ohne ihn hier nicht mehr weg.

Ich schrieb ihm einen Brief, den brachte ein Bekannter zu ihm nach Paris.

Ich habe ihm geschrieben, dass er nach Marseille kommen soll,

dass unsere Visa bereitliegen.

Und er hat den Brief bekommen.

Das weiß ich.

Lieben Sie den Arzt?

(Sie weint.)

Ich werde mich um dich kümmern.

(leise) Wer bist du?

(Wohnungstür wird geöffnet.)

(Arzt) Was machen Sie hier? - Ich wollte zu Ihnen.

Ah ja?

Dem Jungen geht es besser. Das Cortison schlägt an.

In zwei, drei Tagen kann er wieder spielen.

Sie haben Rucksäcke gekauft.

Und Wanderschuhe.

Das ist Wahnsinn, was Sie vorhaben.

Was habe ich denn vor? - Sie wollen mit ihr über die Pyrenäen.

Haben Sie die Passage schon verkauft?

Haben Sie die Passage schon verkauft?

Ich kann Marie Visum und Passage für Mexiko besorgen.

Sie können fahren.

Ich werde Ihnen mit Marie folgen.

Am 23. mit der "Montreal".

Jetzt bin ich gespannt, wie viel Sie wollen. 5000?

Aber Sie brauchen, sagen wir, 2000 als Vorschuss.

Sie müssen Beamte bestechen.

Aber Sie haben gute Kontakte, da können wir froh sein.

Ich will nichts.

Diese Antwort macht Sie noch unglaubwürdiger.

Gehen Sie bitte.

Ich brauche die Daten von Marie.

Wir treffen uns um 14 Uhr im Mont Ventoux,

und ich bringe Visum und Passage mit.

(Melancholische Klaviermusik)

Er sagte, er hätte durch die Scheibe Marie and Richard da sitzen sehen.

Dann hätte sie aufgeschaut, als hätte sie gewusst, dass er dort steht,

und sie lächelte.

Später saßen sie zusammen.

Er hatte das Visum und die Passage.

Richard wollte es nicht glauben und ging zur Hafenbehörde,

um die Passage prüfen zu lassen.

Das werde ich überprüfen. - Ja, dann überprüfen Sie mal.

(Klaviermusik)

Sie saßen da und warteten, und man hätte sie für ein Liebespaar halten können.

Ich sah, dass sie ihre Hände hielten.

Und dass Marie weinte.

Er sagte später, er wusste bei Marie nie,

ob es Tränen des Glücks oder der Verzweiflung waren.

Ich sah, dass er sie küsste. Und dass sie sich küssen ließ.

(Klaviermusik)

Dann kam Richard zurück, sie bestellten Pizza und Wein

und feierten unter Vorbehalt, wie Richard das nannte.

Denn es fehlten noch die Transits aus Spanien und den USA.

Wann geht denn Ihr Schiff? - Am 23.

Diesen Monat?

Nächsten Monat wird es kein Schiff mehr geben.

Sie hätten das Transit für Ihre Frau mitbeantragen sollen.

Es wird schwierig...

Tragen Sie sie doch ein unter der Rubrik:

"Transitantragsteller begleitende Person".

Wollen Sie mir meine Arbeit erklären?

Sie sind merkwürdig.

Weil ich mit meiner Frau ausreisen möchte?

Kürzlich wollten Sie das noch nicht.

Sie erzählten von wahrer Arbeit,

vom Parasitären des Schriftstellers.

Wie Sie das anekelt.

Wollen Sie mir jetzt von wahrer Liebe erzählen?

Hm?

Sie beide, Mexiko, kleines Häuschen mit Garten.

Sie kommen von der Arbeit, und Ihre Frau,

die ich kennenlernen durfte und die sehr...

sehr anmutig ist,

die sitzt dort,

schneidet Kräuter fürs Abendessen.

Sie schauen sie an, wie sie zwischen den Sträuchern sitzt...

Vielleicht sollten Sie Schriftsteller werden.

Gegen diesen Beleg können Sie die Dokumente in ein paar Tagen abholen.

Danke.

Eine Frage noch.

Was war das Letzte, das Sie geschrieben haben?

(Georg) Ein Mann ist gestorben.

Er soll sich in der Hölle melden.

Er wartet vor einer großen Tür.

Er wartet einen Tag, zwei.

Er wartet Wochen. Monate.

Dann Jahre.

Irgendwann geht ein Mann vorbei. Der Wartende fragt:

"Können Sie mir helfen? Ich soll mich in der Hölle melden."

Der andere betrachtet ihn von Kopf bis Fuß

und sagt:

"Aber mein Herr! Das ist die Hölle hier!"

(Erzähler) Richard wollte nicht zum Schiff begleitet werden,

aber Marie bestand darauf.

Richard gab Georg zum Abschied die Hand,

dann hielt er Marie die Türe auf,

so, als sei sie es, die abreisen wird.

Er sagte mir, dass er dann nach oben gegangen sei, um auf Marie zu warten.

Auf dem Tisch stand noch die Weinflasche, die sie zum Abschied getrunken hatten.

Er setzte sich, trank weiter, allein.

Er rauchte. Er wartete.

Er ging ans Fenster. Er öffnete es.

Da sah er sie kommen.

(Tür wird aufgeschlossen.)

(Sanfte Gitarrenmusik)

(Marie) Warte noch.

(Schiffshorn)

Komm.

Komm.

Entschuldige.

Wofür?

Wofür entschuldigst du dich?

Ich komme nicht mit.

Ich kann nicht mit dir gehen. Ich bleibe hier.

Wofür dann das alles?

Ich wollte, dass Richard abreist.

Er muss doch nach Mexiko.

Und du?

Ich suche meinen Mann.

Georg.

Warte.

Warte.

Marie, dein Mann ist tot.

(Marie) Nein,

das ist er nicht.

(Ein Auto hält vor dem Haus.)

Er erzählte, dass Richard schon an Bord gewesen sei,

als einige französische Offiziere die Kabinen für sich reklamierten

und er und ein paar andere von Bord gehen mussten.

Er hatte Richard und seiner deprimierenden Geschichte noch zugehört.

Marie hätte sich zu Richard gesetzt, um ihn zu trösten,

der untröstlich, ja völlig zerstört war.

Er, Georg, hätte noch immer am Fenster gestanden.

Es sei ihm vorgekommen, als hätte er den ganzen Abend dort gestanden.

Irgendwann sei er gegangen. Er hätte sie zurückgelassen, dort auf dem Bett.

Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er sich verabschiedete.

Er hatte noch einmal Marie angeschaut. Sein Blick sei nicht erwidert worden.

Er ist dann durch die Nacht gegangen und irgendwann in sein Hotel.

Dort lag er und dachte, dass er in wenigen Tagen hier fort sei.

Dort sei ihm das Abendlied eingefallen, das er Driss vorgesungen hatte.

Ihm sei noch nie so kalt gewesen.

(Ein Radio läuft.)

Driss?

Ich bin's.

(Französisch) Guten Tag.

Ich suche Melissa und Driss.

Das ist doch ihr Apartment?

Die sind weg.

Wohin?

Weit weg.

Wann sind sie fortgegangen?

Danke.

Entschuldigen Sie bitte.

Entschuldigung.

Darf ich Sie zum Essen einladen?

Danke.

Sante. - Ja.

Sante.

Wo sind Ihre Hunde? - Weg.

Weggelaufen?

Tot.

Das tut mir leid. Ich wusste nicht... - Ich möchte nicht reden.

Ich möchte nur essen und trinken und nicht alleine sein.

Er sagte, dass sie sich noch eine Zigarette hat drehen lassen,

nach dem Kaffee bezahlte, und dann wären sie in den Abend spaziert.

Rudy Ricciotti war der Architekt...

Sie hätte dann doch noch gesprochen, über einen Architekten,

Ricciotti, die Passerelle,

die so großartig das Panier-Viertel mit dem ehemaligen Fort verbindet.

Und dass sie sich unter anderem deshalb damals auf Marseille gefreut hat.

(Frau) Auch dieser Würfel, den hat er umkleidet mit diesem Betonmuster.

Und wenn man drinnen ist, kann man da durchschauen, was wunderschön ist.

Bekomme ich auch eine?

Sie rauchten noch eine Zigarette zusammen.

Er sagte, dass er sich in diesem Moment aufgehoben gefühlt hat.

Dass er Marie vergessen konnte und alles still und klar war.

(Eine Frau schreit.)

(Leute reden aufgeregt durcheinander.)

Er verbrachte die letzten Tage, lag oft in seinem Zimmer,

wartete.

Er sagte, dass er nur mehr wegwollte.

Er ging nur noch nachts hinaus.

Einmal sah er Richard, der einen furchtbar verzweifelten Eindruck machte.

Er sagte, er hätte sich versteckt wie ein Feigling.

Er sagte, dass er Angst hatte, Marie zu begegnen.

Dann packte er.

Es war der letzte Abend.

Am nächsten Nachmittag würde er das Schiff besteigen und verschwinden.

(Zaghaftes Klopfen)

(Polizeisirene)

(Marie) Endlich habe ich dich gefunden.

Alle hatten sich zu ihnen umgedreht.

Meine Gäste schienen ein wenig aggressiv ob der leidenschaftlichen Umarmung.

Man mag das Glück der anderen nicht, wenn man selbst vom Unglück getroffen wird.

Es war ja auch eine gedrückte Atmosphäre im Mont Ventoux.

Avignon wurde gerade, wie sie das so nennen, gesäubert.

Sie hatten die Lager gefüllt, die Deportationen begannen.

Jetzt rückten sie auf Marseille vor.

Später erzählte er, dass sie immer wieder flüsterte, dass er sie mitnehmen solle.

Dass sie so große Furcht gehabt hatte, ihn nicht mehr anzutreffen.

Sie sind dann zu ihm gegangen, sie wollte nicht mehr zu sich.

Sie hätte doch schon alles und zeigte auf ihre Reisetasche.

Ich habe total Durst.

Ich habe nur Wasser.

Egal.

Er erzählte, dass sie erschöpft neben ihm saß auf dem Bett

und um ein Glas Wasser bat.

Und später im Bad dachte er noch einmal

an den unglücklichen Dichter, ihren Mann,

und er wollte ihr alles sagen.

Als er zurück ins Zimmer kam, da sah er sie liegen auf dem Bett.

Er schaute sie an, die ganz ruhig und sanft und friedlich schien.

Zum ersten Male sah er sie so.

Sie muss tage- und nächtelang herumgelaufen sein.

Irgendwann wurde es hell, und sie mussten zum Konsulat

und dann schnell aufs Schiff.

Ich bin gleich wieder da.

Er sagte, dass er keinen Moment gezweifelt hat,

die Dokumente noch rechtzeitig zu erhalten.

Sie hatten noch drei Stunden, bis das Schiff ablegen würde.

Er sah Marie dort unten, die Morgensonne beschien die Ecke.

Sie hatte die Hand über die Augen gelegt. - Herr Weidel!

Er musste an Driss denken, der auch dort gesessen hat.

Herr Weidel! - Vor dem Eis das er nicht aß.

(Französisch) Ja. - Dann wurde er aufgerufen.

Marie!

(Autohupe)

Hey! (Er pfeift.)

(Georg) Zum Hafen bitte.

Wie beim Weihnachtseinkauf in New York.

Warst du schon mal in New York? - Ja.

Den Mantel hat er mir da gekauft. - Richard?

Nein, mein Mann.

Er steht bestimmt an der Reling und schaut zurück zum Hafen.

Im Zug sitzt er immer gegen die Fahrtrichtung.

Ja? - Ja.

Welche Reling?

Na, die vom Schiff.

Was für ein Schiff?

Unser Schiff. Die "Montreal".

Wie kommst du darauf, dass er auf der "Montreal" sein wird?

Das hat mir der Mexikaner gesagt.

Du warst noch mal auf dem Konsulat?

Stell dir doch mal sein Gesicht vor,

wenn er da an der Reling steht

und ich flüstere seinen Namen und er dreht sich zu mir um.

Er wird nicht an der Reling stehen.

Doch,

wird er.

Und er wird mir verzeihen.

Ich kenne ihn. Er wird lachen und mir verzeihen.

(Marie) Hm?

Du wirst ihn mögen.

Das ist deine Passage.

Und...

du musst hier die Nummer eintragen.

Das ist das Transit.

Ja? - Danke.

Da passt du drauf auf. - Ja.

Halten Sie an.

(Marie) Was ist denn? - Ich habe was vergessen.

Georg...

ist es wichtig? - Ich komme gleich nach.

(Er klopft an.) Hallo?

Hallo?

Richard.

Was machen Sie denn schon wieder hier?

Müssen Sie nicht an Bord? - Ich habe eine Passage für Sie.

Packen Sie nur das Nötigste ein. - Ich verstehe nicht.

Er erzählte, dass der Richard ihn anstarrte,

und da wusste er, dass er schnell eine Geschichte auftischen muss.

Für die Wahrheit war keine Zeit.

Er fragte Richard nach Geld.

Richard fragte nicht weiter, gab ihm das Geld, 5000,

fast seine gesamten Barmittel.

Er gab ihm die Passage, Richard eilte auf die Straße,

und er stand oben am Fenster und Richard unten,

der auf das Taxi wartete.

Und als es kam, schaute Richard noch einmal nach oben.

Und lag da nicht ein wenig Verachtung in diesem Blick?

Richard hielt ihn für einen Schlepper, einen Menschenhändler,

einen, der aus der Not der Flüchtlinge Kapital schlägt.

Er schaute aufs Meer. Irgendwann hörte er die Schiffsirene.

Und dann sah er draußen auf dem Meer die "Montreal".

Als sie am Horizont verschwunden war, wartete er noch einige Zeit.

Er schaute mich an, ganz müde sein Blick. Er lächelte.

Ich langweile Sie. - Er fragte, ob er mich langweile.

Was haben Sie jetzt vor? - Ich habe Geld.

Die Wanderschuhe des Arztes haben gepasst.

Ich werd's über die Pyrenäen versuchen.

Sie sagten selbst, das ist Wahnsinn.

Ist Avignon schon besetzt?

Ja.

Kann ich das bei Ihnen lassen?

Sicher.

Marie...

(Melancholische Musik)

(Polizeisirene)

(Französisch) Verzeihung. - Ja?

Eine Freundin soll gestern mit der "Montreal" abgereist sein.

Und ich wollte Sie bitten, ob Sie...

Karim, kümmere dich um die 12. Beeil dich. Wir haben nicht viel Zeit.

Könnten Sie auf der Passagierliste nachsehen,

ob sie wirklich abgereist ist? - Wie heißt sie?

Marie. - Marie...

Weidel. W-e...

e... W-e-i-d-e-I.

Marie Weidel. - Marie Weidel.

Ja. -Ja? - Sie ist an Bord gewesen.

Gewesen?

Es tut mir wirklich leid.

Normalerweise kümmern wir uns um die Angehörigen, aber...

Die sind an der Stadtgrenze, die Säuberungen haben begonnen.

Was reden Sie da?

Ich dachte, Sie wüssten... - Was?

Die "Montreal" ist heute früh vor den Balearen auf eine Mine gelaufen.

Sie ist gesunken. Niemand hat überlebt.

Mein Beileid.

Er saß mit dem Rücken zur Tür.

Immer wenn die Tür aufging, fuhr er zusammen.

Es schien mir, als ob er sich gewaltsam anstrengte, nicht den Kopf zu wenden,

nicht in den Spiegel zu schauen.

Und doch tat er es jedes Mal.

Marie konnte ja wieder auftauchen,

wie Schiffsbrüchige durch eine wunderbare Rettung an der Küste erscheinen

oder wie der Schatten einer Toten mit Opfer und inbrünstigem Gebet

der Unterwelt entrissen wurde.

Ich hatte ihn zu warnen versucht, ihm ein Versteck angeboten.

Am Morgen hatten die Säuberungen begonnen.

Doch er... blieb sitzen...

(Schritte)

und wartete...

auf sie.

(Musik: "Road To Nowhere" von Talking Heads)

BABELFISCH TRANSLATIONS J. Möck

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