All language subtitles for Die.Unsichtbaren.Wir.wollen.leben.2017.German.1080p.BluRay.x264-ENCOUNTERS

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Original subtitles

(Zug rattert)

(melancholische Musik)

(geheimnisvolle Musik)

(Cioma, off) "Geben Sie an, welche Wertsachen Sie besitzen,

Sparguthaben in deutscher oder fremder Währung, Schmuck..."

"Aufgrund Ihrer baldigen Evakuierung in den Osten,

müssen Sie Ihr Vermögen vollständig auflisten.

Bei Verstößen gegen das Verfügungsverbot

drohen polizeiliche Maßnahmen."

Papa sagt, dass das alles seine Ordnung hat.

Was soll daran in Ordnung sein,

in den Osten evakuiert zu werden?

Um Gottes willen, Cioma, was machst du?

Du bist verrückt.

- Du bringst uns ins Gefängnis. - Ich bin noch nicht fertig.

Cioma.

Mama.

Ich will hierbleiben.

Ich will leben.

(melancholische Musik)

(Zug rattert)

(Mann) Da sitzen dann die Leute sehr friedlich.

Auch ich hatte in meiner Vorstellung das Bild

von sauberen

Tannenholzbaracken.

Da wohnen nun die jüdischen Arbeiter,

die gehen von da aus an irgendeine Arbeitsstelle,

wo sie arbeiten müssen.

Das war so das Bild.

Martin Israel Cohen!

(Cioma) Die Stille wurde nur unterbrochen

von einem Ausrufer.

Der brüllte.

"Martin Israel Cohen!"

Martin Israel Cohen!

Es ist so, wie der...

Hahn bei den...

Bremer Stadtmusikanten,

der brüllt, kräht so laut, weil er zeigen will,

dass er noch nicht reif für den Kochtopf ist.

Meldeamt!

(Cioma) Plötzlich hieß es...

(Ausrufer) Cioma Israel...

(Cioma) ...Cioma Israel Schönhaus.

Na ja. Dann war ich dran.

(Ausrufer) Cioma Israel Schönhaus!

Arbeitsamt.

(Cioma, off) Sie deportieren keine Juden in Zwangsarbeit.

(Mann) Papiere alle da?

(Cioma, off) Vielleicht ist das ein Ausweg?

Letzter Arbeitsplatz?

Gustav Genschow, Maschinengewehrfabrik.

Irgendwelche Lohnzahlungen offen?

Eigentlich hat die Firma mich reklamiert.

(spannungsvolle Musik)

Steht da nicht, dass ich zurückgestellt bin?

Dass die mich brauchen?

Gustav Genschow Maschinengewehre.

Ich bin einer der Schnellsten. 180 Läufe die Stunde.

(Mann) Komm jetzt.

(Frau) Warum muss ich allein ins Lager?

Warum kann ich nicht bei meiner Tante bleiben?

Lasst mich hier!

Sie können gehen.

"Also, Sie können gehen."

Sag ich: "Wohin?"

In die Fabrik. Sie sind zurückgestellt.

(Ausrufer) Anna Sarah Hösch.

Können wir den Jungen allein lassen?

Natürlich bleibt er hier.

Vielleicht kann er uns retten.

- (Aufseher) Komm jetzt. - Ich habe meinen Koffer dabei.

- Wir wollen uns verabschieden. - Bitte.

(traurige Musik, Mutter schluchzt)

(Mutter) Cioma, kannst du die frankieren und einwerfen?

Für meine Arbeitskollegin.

Ich konnte mich nicht verabschieden.

Ich habe vergessen, sie einzuwerfen. Wie blöd!

Das reicht.

Vergiss es nicht. Versprich es mir!

(Cioma, off) Meine Eltern verschwinden.

Ich weiß nicht, wo man sie hinbringt.

Vielleicht sehe ich sie nie wieder.

(schnelle Tanzmusik)

(leises Kichern)

Wollen wir?

Wir hatten alle Schallplatten, auch amerikanische.

Danach haben wir getanzt, auch wenn wir nie Tanzstunde hatten.

Teil unserer Jugend ist ja verschwunden.

Die haben wir gar nicht gehabt.

(Ruth, off) In die Tanzlokale dürfen wir nicht mehr.

So treffen wir uns bei Freunden, um zu tanzen.

Warum hat dein Bruder dich nicht früher mitgebracht?

(Ruth) Wir sind bei Bruno, dem Freund meines Bruders Jochen,

der mit seiner Freundin Ellen und mir hier ist.

Je schlimmer die Gesetze wurden gegen Juden,

desto mehr spielten wir mit der Idee,

unterzutauchen.

Besonders mein Bruder hatte gehört,

dass junge Leute die Sache gemacht haben.

Zwei meiner Kollegen bekamen ihre Listen.

Sie tauchen unter.

(Ruth, Gegenwart) Wir nannten das "flitzen".

Er sprach mit meinen Eltern darüber, die das ablehnten.

Du weißt doch, wie Papa ist.

Und was ist, wenn jemand anderes mit ihm spricht?

Wer denn?

Was ist mit Frau Gehre?

Warum fragt man nicht zuerst die Gehres?

Na ja, also das

hat mein Vater dann eingesehen.

Ich habe Sie gebeten, mit uns zu sprechen, Frau Gehre,

weil meine Kinder das wollen und keine Ruhe gegeben haben.

Ich habe gesagt, es sei aussichtslos.

Wir sind zu viert.

Jochen hat eine Freundin, Ellen.

Und Ellens Mutter ist auch dabei.

Völlig unmöglich, so viele zu verstecken.

Mich als Arzt kennen in Kreuzberg so viele,

dass ich nicht rausgehen könnte.

Völlig unmöglich.

Und niemand kann sagen, wie lange das dauert.

Und selbst wenn...

Wir werden die ganze Zeit auf andere angewiesen sein.

Für alles. Wie soll das gehen?

Mein Mann und ich vergessen Ihnen nie,

dass Sie unsere Tochter geheilt haben, als sie krank war.

Wir tun alles, um Ihnen und Ihrer Familie zu helfen.

Wir haben eine Kammer hinter der Küche, für ein Bett.

Da können Sie bleiben.

Für Ruth, Jochen und Ihre Frau finden wir auch was.

(Ruth, Gegenwart) Aber ein zweifelhaftes Gefühl,

denn man wusste nicht, was geschieht,

wenn man flitzt.

(Ruth) Habt ihr alles?

(Ruth, Gegenwart) Wir überlegten nicht,

wie lange es dauern wird.

Hätte man nachgedacht, hätte man es nicht gemacht.

(melancholische Musik)

Für uns war es halb so schlimm

wie für meine Eltern.

Denn bis wir untergetaucht sind,

haben wir zusammengewohnt.

- Vaters Leselampe. - Hier drin.

- Und die andere Tasche? - Wir haben alles.

(Ruth) Jetzt wussten sie nicht, wo wir untergebracht waren.

Sie wussten nicht, was wir am Tag machen. Wo...

Sind wir draußen irgendwo? Es muss eine...

schwere Situation für meine Eltern gewesen sein.

(spannungsvolle Musik)

(flüstert) Mutter, komm.

(Schaffner) Jemand zugestiegen?

Als die Schulen geschlossen wurden,

wurde ich "dienstverpflichtet", so nannte man das damals,

auf dem jüdischen Friedhof.

(Eugen, off) So sehe ich Helga nur am Wochenende.

Wenn ich frei habe von der Zwangsarbeit.

(traurige Musik)

(Schaffner) Was wagst du dich, mit dem Bus zu fahren?

- Ich habe eine Genehmigung. - Zeig mal her! Aber plötzlich!

(bedrohliche Musik)

(Schaffner) "Darf als Jude die Linie Kreuzberg benutzen,

da sein Arbeitsweg über 7 km beträgt."

Ab sieben Kilometer bekam man das. Darunter ging man zu Fuß.

Aber "Sitzen" stand da nicht, oder habe ich mich verlesen?

Auch da ist es mir passiert, dass mir Leute

ein Päckchen Zigaretten zugesteckt haben,

obwohl ich nicht geraucht habe.

Das war auch nicht der Sinn der Sache.

Sie wollten zeigen, dass sie nicht einverstanden waren.

(Eugen, off) Dabei wissen die meisten nicht mal,

was uns alles verboten worden ist.

Wir dürfen keine Radios oder Fahrräder mehr besitzen,

sogar Haustiere müssen Juden bei den Behörden abgeben.

(Eugen, Gegenwart) Man kannte die Typen

in Hut und Ledermantel.

Ich wusste, das waren Gestapobeamte.

Dein Stern ist nicht vorschriftsgemäß angenäht.

- Name? - Eugen Friede.

Eugen Israel Friede!

Eugen Israel Friede.

Straße?

Belle-Alliance-Straße 28, Kreuzberg.

Pass bloß auf!

Und näh deinen Stern wieder an.

Verdammter Judenbengel.

(bedrohliche Musik)

Meine Mutter nähte unter Tränen

den Stern wieder an.

Mein Vater sagte:

Er kann nicht hierbleiben. Es ist zu gefährlich hier.

In ein paar Tagen werden sie ihn holen.

Vielleicht schon morgen.

Aber wir können ihn doch nicht allein...

Er ist doch erst 16!

(traurige Musik)

(Eugen, off) Ich bin der Einzige in der Familie,

der den Stern tragen muss.

Glaubst du, mir fällt das leicht?

(Eugen, off) Julius ist mein Stiefvater und kein Jude.

Daher muss meine Mutter den Stern auch nicht tragen.

Hier.

Ich habe ihn angenäht.

Komm, probier ihn mal an.

Ich finde jemanden, der dich aufnimmt.

Das war eigentlich der Tag meiner...

An dem Tag begann meine Illegalität.

(Stiefvater) Vielleicht ist es nur für ein paar Tage.

(Frau) Ich war bei einer befreundeten Familie.

Die haben mich aufgenommen nach dem Tod meiner Mutter,

damit ich nicht ins Waisenhaus kam.

Diese Familie wurde vor mir deportiert.

Ich war nicht auf der Liste,

sodass ich weiterhin in der Wohnung bleiben konnte.

(Hanni, off) Ich müsste im Betrieb Fallschirme nähen.

Aber von den Seidenfäden habe ich eine Entzündung.

Ich werde von einem Arzt behandelt,

obwohl der eigentlich keine Juden behandeln darf.

(Auto nähert sich, Bremsen quietschen)

(Autotüren schlagen)

(aufgeregte Rufe)

(Tür wird aufgeschlagen)

(Schritte, lautes Klopfen)

(Mann) Aufmachen! Geheime Staatspolizei.

(bedrohliche Musik)

(Schritte auf der Treppe)

(verzweifelte Frauenstimme, lautes Klopfen)

(Hanni, Gegenwart) Dann hat's geklopft.

Man muss sich festhalten.

Wenn es an einer Tür klopft, muss man aufmachen.

Das ist normal.

Das ist eine Regung, die ich mir vorher nie überlegt habe.

(Klopfen, Mann ruft) Aufmachen! Gestapo!

(energisches Klopfen)

Da war mir klar, dass ich aus dem Haus raus musste.

(Schritte und Poltern, Motor startet)

(Hanni, Gegenwart) Ich habe gewartet, bis alles ruhig war.

(Motorenknattern)

(Autotüren schlagen)

(laute Rufe)

(Autotüren schlagen, Motor startet)

(Motorenknattern wird leiser)

(bedrohliche Musik)

(Hanni, off) Ich kann nichts retten

und nehme nur Tasche und Mantel mit.

(bedrohliche Musik)

Ich kann nicht sagen, ob ich große Angst hatte oder nicht.

Ich hatte einfach einen Lebenswillen.

So kann man es nennen.

Ich gehe zu einer Freundin meiner verstorbenen Mutter.

Ich kann aber nur ein paar Nächte bleiben.

Bei den Leuten habe ich zuerst den Stern abgetrennt.

Aber meine Papiere wagte ich nicht sofort zu vernichten.

Wir müssen aufpassen.

Die Nachbarin.

Aber wie das weitergehen sollte mit Essen oder irgendwas,

hatte ich keine Ahnung.

Aber ich glaube, so ist das, wenn man 17 ist.

(Maschinengeräusch)

Ich habe die Eltern einfach ausgeblendet.

Ich war nur noch ich allein.

Ich kam in die Wohnung zurück

und hatte die Idee, den ganzen Hausrat zu verkaufen.

(Cioma, off) Bevor die Gestapo auf dieselbe Idee kommt.

Wie hast'n das geschafft?

- Was? - Noch hier zu sein.

Ich bin kriegswichtig.

Wie lange sie uns wohl noch brauchen?

(Cioma, off) Leider zeigte ich Manfred den gefälschten Pass.

Und nun kommt er mit dem Papier.

Offenbar bin ich nicht der Einzige, der untertauchen will.

Das Foto muss ausgewechselt werden. Er ist untergetaucht.

Er braucht was zum Ausweisen, damit er auf die Straße kann.

Kriegst du das hin?

(unheilvolle Musik)

(Donnern)

(Cioma, off) Das ganze Haus wurde geräumt.

In der Wohnung bin ich nicht mehr sicher.

Jederzeit kann die Gestapo kommen.

Ich versuche, ruhig zu bleiben und mir vorzustellen,

was der nächste Schritt ist.

Dann kam die Idee mit den Zimmervermittlungsbüros.

(Cioma, off) Ich habe das gelbe Ding abgetrennt

und ging zum Bahnhof Zoo.

Da ich zum Militär eingezogen werde...

(Cioma, Gegenwart) Die Frau am Schalter hat nicht zugehört.

(Frau) Der Nächste!

"Hier haben Sie eine Adressliste. Der Nächste!"

Und schon war ich abserviert.

Ich dachte: 'So einfach geht das?'

(Cioma, off) Man muss sich nicht mal ausweisen.

Berlin kommt mir vor wie ein Bahnhof von Männern,

die zu ihren Regimentern einrücken müssen

und kurz ein Zimmer brauchen.

Ich erscheine spät,

um mich erst am nächsten Tag polizeilich melden zu müssen.

Aber da bin ich schon wieder weg.

(Türklingel)

(Frau) Ja, ich komme!

(Cioma, Gegenwart) Bis dann eine blonde Wagnerfigur...

Die sah mich an und ich erzählte meine Geschichte.

Onkel aus Köln, ausgebombt.

Mein Onkel wurde leider ausgebombt. Darf ich?

Da ich sowieso zum Militär einrücke,

hat er mein altes Zimmer bei meinen Eltern

und ich suche mir für ein paar Nächte eine Bleibe.

Sie sagt ungerührt: "Horst!"

Horst, da ist einer wegen dem Zimmer!

(Cioma, Gegenwart) Horst kommt raus. Verschwitzt.

An der Stirn sieht man den Abdruck von der Uniformmütze.

Herr Sturmführer, mein Onkel ist ausgebombt bei Köln.

Da ich bald einrücke, hat er mein altes Zimmer.

(spannungsvolle Musik)

- Hier kann Ihr Koffer hin. - Jawohl.

Was ist mit der polizeilichen Meldung?

Verdammt.

Es ist ja schon halb acht.

- Das machen Sie morgen früh. - Jawohl.

"Siehst du,

wären alle so vernünftig, wie dieser junge Mann,

dann gäbe es weniger Probleme mit den Bombengeschädigten."

(Eugen, off) Ich bin bei Bekannten.

Sie sind Kommunisten und haben selbst keine Kinder.

Das Schlimmste ist, dass ich Helga nicht mehr sehen kann.

Wir haben uns nicht mal verabschiedet.

Nicht nur, dass man

die Leute nicht kennt.

Man merkt auch schon nach kurzer Zeit,

dass die Leute Angst haben und nicht wollen,

dass ich da bin.

Wie Kraut und Rüben durcheinander.

Wo hast du denn das gelernt?

(Eugen, Gegenwart) Ich habe mich unwohl gefühlt.

Geh weg vom Fenster. Ich will nicht, dass dich jemand sieht!

(Eugen, off) Nach zwei Wochen sagten sie: "Es kommt Besuch.

Wir können ihn nicht hierbehalten."

(Eugen, Gegenwart) Aber es waren Kommunisten.

Sie haben mich wieder an andere Genossen weitergereicht.

Das war mein großes Glück.

(Ruth, off) Ich schlafe bei einer Bekannten meiner Mutter,

muss aber morgens gehen.

(Türklingel)

Meine Mutter und mein Bruder sind bei Frau Léfèvre.

Auch eine ehemalige Patientin meines Vaters.

Dort ging ich hin und verbrachte den Tag dort.

Eigentlich war das ganz schön.

(traurige Musik)

Wir müssen leise sein und das Schlafzimmer ist ungeheizt,

aber es ist besser, als draußen herumzulaufen.

Wir beschäftigen uns mit Gesellschaftsspielen.

Nach ein paar Tagen erkennen wir,

welcher Nachbar das Haus verlässt oder kommt.

(flüstert) Der Mann aus dem Dritten.

H...

(gedämpfter Husten)

Jochens Husten wird schlimmer.

Nicht gucken.

Was wollen wir mit dem schönen braunen Haar machen?

Färben, bitte.

(Hanni, Gegenwart) Ich musste mich verändern.

Sie möchte sie blond haben.

(Hanni, Gegenwart) Eine andere Frisur.

Meine Nichte.

(Hanni, Gegenwart) Man hat lange versucht,

dass ich anders aussehe.

(Friseur) Wie blond?

(Hanni, off) Andere Frauen sind auch blond geworden.

Aus Eitelkeit oder Mode.

(Friseur) Ja, ja.

Bisschen Schmerz muss sein, wenn man hübsch sein will.

Das kriegen wir in einer Sitzung nicht hin.

Wir machen für morgen und übermorgen noch einen Termin.

Gleiche Zeit wie heute?

Ja.

- Wie heißt du? - Hanni.

- Einfach nur Hanni? - Hannelore.

Hannelore. Und weiter?

Winkler.

Hannelore Winkler.

Das war H und W. Den Namen würde ich nicht vergessen.

Aber später war es schwierig, meinen Namen wiederzufinden.

(schwermütige Musik)

(Hanni, off) Mit neuem Namen und Aussehen

wurde ich jemand anders.

Irgendwas ist von mir abgefallen.

Heil Hitler. Bäcker, vom Amt für Bombengeschädigte.

(Ruth, Gegenwart) Es gab eine Verordnung.

Wenn man eine große Wohnung

mit einer bestimmten Anzahl von Zimmern hatte,

musste man Leute aufnehmen, die ausgebombt waren.

Ich möchte überprüfen, wie groß Ihre Wohnung ist.

Ich habe gleich einen wichtigen Arzttermin.

- Wie viele Zimmer haben Sie? - Drei.

(Mann) Wohnzimmer.

(bedrohliche Musik)

- Schlafzimmer. - Warten Sie.

Lassen Sie mich kurz schauen, ob ich mein Bett gemacht habe.

Sie wohnen mit Ihrem Mann hier.

Mein Mann ist bereits gefallen.

Mein Beileid.

(bedrohliche Musik)

(Mann) Platz genug für eine ganze Familie.

Hören Sie, das hier ist mein Schlafzimmer.

(unterdrücktes Husten)

- War da was? - Kommen Sie.

Das ist das Zimmer meiner Tochter.

Hier kann man auch noch Betten reinstellen. Also fünf.

Bitte sehr.

(Mann) Sie hören bald wieder von uns.

(Ruth, Gegenwart) Wir hörten, dass das Zimmer abgegeben wird

an die Leute, die ausgebombt waren.

Das hatte zur Folge, dass wir dieses Versteck verloren.

(Mann) Heil Hitler!

(heitere Musik)

Entschuldigung, ich komme von der Zimmervermittlung.

Ich habe Ihre Adresse von der Zimmervermittlung.

Heil Hitler, Frau Anker. Ich komme wegen des Zimmers.

Danke schön.

So ging das ungefähr 20-mal.

Bis dann

eine sehr liebenswürdige...

(Cioma) Schönen guten Abend!

...etwas rundliche Frau...

Sie sind Frau Schirmacher?

Sie sah mich gütig an und meinte, sie sei das.

- Kommen Sie rein. - Vielen Dank!

Das riecht aber gut!

Ins Kinderzimmer muss er also, der alte Herr.

Jawohl.

(Frau) So, das ist das Zimmer.

- Sie wohnen bisher zu Hause? - Ja.

Kriegen Sie zu Hause noch Ihre Lebensmittelmarken?

Ja.

Dann sind Sie zu Hause noch angemeldet?

Natürlich, ja.

Und warum muss ich Sie hier noch ein zweites Mal anmelden?

"Wenn ich das nicht tue, spare ich die Steuern."

Ich melde Sie nicht an.

(Cioma, off) Ich könnte sie umarmen.

Es ist sauber und bleibt sauber.

Ich habe endlich was gefunden, wo ich bleiben kann.

(Frau summt Melodie)

(Radiosprecher) Nachrichten des drahtlosen Dienstes.

Zuvor die Zeitangabe.

Mit dem Gongschlag ist es 17 Uhr.

(Türklingel)

Vom Oberkommando der Wehrmacht...

Der Junge ist da.

...verstärkten die Bolschewisten

den Druck gegen die deutschen Linien.

Ja, ja, ja.

(Frau) So.

Die Horns sind gegen Hitler und wollten mich sofort aufnehmen.

Friede.

(Eugen, Gegenwart) Sie hatten einen Garten,

ein Einfamilienhaus,

und sie hatten ein schönes Lampengeschäft.

Radios, Lampen...

Sie hatten eine Tochter.

Das ist Ruth, unsere Tochter. Sag mal Guten Tag, Ruth.

- Guten Tag! - Eugen.

(Eugen, off) Sicher bleibe ich hier bis zum Ende des Krieges.

Der Tochter hat es einfach Spaß gemacht, zu flirten.

Das war ganz offensichtlich, vom ersten Moment an.

Und ich muss ehrlich sagen,

Helga ist sehr schnell in weite Ferne gerückt.

Die war dann nicht mehr so aktuell.

(Frau) Bitte schön.

Frau Horn, Herr Horn,

Sie wissen ja gar nicht, wie dankbar wir sind,

dass Sie Eugen eine Weile bei sich wohnen lassen.

(Frau Horn) Sehr gern.

(Cioma, off) Von den Leuten,

für die ich den Wehrpass gefälscht habe,

bekomme ich eine Adresse im vornehmen Grunewald.

Dort will mich ein Dr. Kaufmann kennenlernen.

Ist Ihnen auch niemand gefolgt?

(Cioma, Gegenwart) Das war eine schöne, traditionelle Villa.

Ein reiches Berliner Haus von einem Oberregierungsrat

im Rechnungshof des Deutschen Reichs.

Guten Tag, angenehm.

Wir haben Ihre bearbeiteten Papiere gesehen.

Eine gute Arbeit. Wo haben Sie das gelernt?

- Auf der Kunstgewerbeschule. - Wir haben das überprüft.

Bitte.

Was amüsiert Sie an einem Ausweisdokument,

das einem Verfolgten wie Ihnen das Leben rettet?

Es ist nur die Berufsbezeichnung.

Sie sieht nicht aus wie ein Hilfszimmermädchen.

(Kaufmann) Haben Sie Werkzeug?

Ja, von der Ausbildung.

Ich habe auch eine Ösenmaschine.

Gut, Schönhaus.

Also...

(Cioma, Gegenwart) Die Zusammenarbeit begann.

Er gab mir zuerst

drei oder vier Ausweise, und als ihm das gefiel,

bekam ich immer am Freitag

eine Portion von 20 Ausweisen.

(melancholische Musik)

(Hanni, off) Tagsüber bin ich auf der Straße.

Ich gehe dorthin, wo viele Menschen sind.

Am Ku'damm falle ich am wenigsten auf.

Hoffe ich.

Solange ich noch meinen Namen

und mein Aussehen hatte,

musste ich mich ja ducken.

Nun musste ich lernen, nicht mehr geduckt zu sein.

Man muss lernen, sich wie andere zu bewegen

und versuchen, nicht Angst zu haben oder zurückzuschrecken.

Ich darf mich nicht ängstlich zeigen.

Es kann dir keiner was tun,

denn du bist offiziell nicht mehr da.

Guten Tag, junge Dame.

- Die Filme interessieren Sie? - Ich weiß noch nicht.

Ich zwang mich dazu,

anders zu reagieren.

Darf ich Sie ins Kino einladen?

Vielleicht übertreibt man dann dabei.

Nein, danke. Mein Verlobter kommt.

Schade, auf Wiedersehen.

(ruhige Musik)

(Hanni, off) Ich sehe mich immer genau um.

Ich lasse meine Augen schweifen und schaue mir jeden an,

falls ich, Gott behüte, ein bekanntes Gesicht entdecke.

Ich verhalte mich wie alle anderen.

Aber ich passe auf, ob mich jemand erkennen könnte.

(Gemurmel)

Zwei Fassbrausen, bitte.

- Guten Tag. - Hallo, Frau Berger.

Ich habe dir was mitgebracht. Es brennt etwas.

Danke.

Etwas Geld für dich. Du musst bald wieder zum Friseur.

(melancholische Musik)

(Hanni, off) Ich dachte, ich bin die Einzige.

Ich konnte mir nie vorstellen, dass andere dasselbe tun.

(Ruth) Es war Verdunkelung wegen der Bombenangriffe.

Das war an und für sich zu unserem Vorteil.

Erstens waren abends wenig Leute auf der Straße,

wenn überhaupt.

Und wenn,

dann konnten sie einen nicht erkennen.

(spannungsvolle Musik)

(flüstert) Papa.

(Ruth, off) Man lebt von Stunde zu Stunde, Tag zu Tag.

Und Jochen? Wie geht's ihm?

Jochen hat was gefunden. In einer Werkstatt.

Er kann dort auch arbeiten.

Nicht weit von hier.

- Mutter? - Bei einer Frau in Wedding.

Seit ein paar Tagen.

(Schritte werden lauter)

(Schritte werden leiser)

Ich weiß nicht, wo Bruno ist.

Er ist seit ein paar Tagen verschwunden.

- Vielleicht haben die ihn... - Er ist schlau.

Den erwischen die nicht.

Von Frau Gehre was zu essen.

Es kam natürlich noch die Sache mit dem Essen dazu.

Das wurde eine furchtbare...

Das war mit das Schlimmste, nicht genug zu haben.

Keiner war satt.

Jeder war immer etwas hungrig.

Man konnte sich nie satt essen.

Auf keiner Seite.

Weder wir Untergetauchten noch die, die uns geholfen haben.

Eine furchtbare Situation.

Ich kann vielleicht auch arbeiten.

- In einem kleinen Geschäft. - In einem Geschäft?

Ja, aber erst nach Ladenschluss.

Ich kann dort sauber machen.

Die stellen da keine Fragen.

Papa, es wird alles gut. Mach dir keine Sorgen.

- Ja? - Pass auf dich auf.

(traurige Musik)

(ferne Kinderstimmen)

(Klopfen)

Moment, bitte!

(Frau lacht) Sie sind ein Stubenhocker!

Ich habe Kaffee gemacht. Trinken Sie mit mir?

Damit verbringen Sie also so viel Zeit in Ihrem Zimmer.

Ja, es ist eher so ein Zeitvertreib.

- Mhm. - Als Ausgleich nach der Arbeit.

- Hobby, sozusagen. - Sozusagen, ja.

Beruflich mache ich technische Zeichnungen.

Ich bin neugierig, was für Sachen Sie beruflich zeichnen.

Dass Sie hier in Berlin so wichtig sind.

Aber mir ist es recht,

einen so ordentlichen Untermieter zu haben.

Aber ich habe etwas gemacht,

was mir dazu geholfen hat,

das Wohlwollen der Vermieterin zu gewinnen.

Ich habe mein Bett selber gemacht.

So, als wenn ich das von Zuhause her so gewöhnt bin.

Die Wirtin hatte also praktisch gar keine Arbeit mit mir.

(singen) Hoch soll er leben

Hoch soll er leben

Dreimal hoch

Warte! Eugen, mach ein Foto!

(Eugen, off) Sogar mein Vater kommt zu Herr Horns Geburtstag.

Illegalität und Verstecktsein hab ich mir anders vorgestellt.

(Eugen) Lächeln!

(Eugen, Gegenwart) Zu essen hatten wir, was wir brauchten.

Frau Horn hat alles, was wir an Lebensmitteln brauchten,

auch ohne die Rationsmarken abgeben zu müssen, bekommen.

Es ging uns gut.

Es war ein richtig gutes Leben.

Für eine kurze Zeit.

Esst nicht so viel. Wir haben heute Abend noch Täubchen.

(Frau Horn) Das waren die ersten Forsythien.

(ruhige Musik)

(Türklingel)

(Kaufmann) Gute Arbeit!

Und schnell waren Sie.

Zwei weitere Kennkarten.

Ist das der Mann von eben.

Es ist nicht gut, mehr zu wissen, als zwingend notwendig.

Es gibt nur wenige, die schweigen können,

wenn man ihnen die Finger zwischen eine Tür klemmt

und sie zuschlägt.

Verstehen Sie?

Hier, Ihr Lohn.

Lebensmittelkarten. Zwei Sätze pro Ausweis.

Lassen Sie sich nicht beim Weiterverkaufen erwischen.

Ihre Arbeit ist von größter Wichtigkeit.

- Sind Sie sich dessen bewusst? - Jawohl.

(Ruth, off) Ich muss wieder das Quartier wechseln.

Bin bei Ellen, die bei einer Bekannten unterm Dach wohnt.

(traurige Musik)

Was nähst du denn da?

(Ruth, Gegenwart) Nachdem wir eine Weile untergetaucht waren,

fiel uns die Decke auf den Kopf.

Also sagte sie: "Gehen wir vielleicht mal ins Kino."

Es gab viele Kriegswitwen. Das fiel nicht weiter auf.

Das meinst du nicht ernst.

Das ist die perfekte Tarnung für draußen.

(ruhige Musik)

Zweimal Parkett, bitte.

- (Verkäuferin) Bitte. - Danke.

(Programmmusik)

(Ruth, off) Kino bietet viele Vorteile.

Siegesmeldungen sind zwar nicht ermutigend für uns,

aber es ist schön warm.

Und man kann sich im Dunkeln sicher fühlen.

Halbwegs.

(Sprecher) Die Bauern sind durch Sowjethorden...

(Soldat) Ist hier noch frei?

(Sprecher) Dörfer und Felder wurden in Ödland verwandelt.

(Programmmusik) Weiter vorwärts nach...

Der Soldat hat zu dir rüber geguckt.

Nicht so, als ob er was von dir wollte. Er dachte eher:

'Diese zwei Frauen. So jung und schon Witwen!'

(Ruth, Gegenwart) Das ist das Komische.

Wir fanden in vielen Situationen was Ulkiges.

Wir sind alle überzeugt davon, dass uns das geholfen hat.

- (Mädchen kichern) - (Ruth) Pst!

Ellen?

Ellen Lewinsky, bist du's?

Ellen!

(bedrohliche Musik)

Wer war das?

Stella.

Stella?

Wir haben gehört, dass es jüdische Spitzel gab,

die für die Gestapo gearbeitet haben.

Da tauchten verschiedene Namen auf.

Einer war Stella Goldschlag, die Ellen kannte.

Du hast mit ihr gearbeitet?

Sie war in der Abteilung nebenan. Ich sah sie ab und zu.

Mutter hat gehört, dass sie für die Gestapo spitzelt,

draußen rumläuft und nach Untergetauchten sucht.

Als Belohnung hatte die Gestapo gesagt,

sie würden, im Falle Stellas, auf die Eltern aufpassen,

dass die Eltern nicht abtransportiert werden.

Die wurden nachher natürlich trotzdem abtransportiert.

(Cioma, off) Ich gehe mittags manchmal zum Ku'damm,

wo man ohne Bezugscheine noch was Ordentliches essen kann.

Hier treffe ich meinen Freund Ludwig Lichtwitz.

Zwei Tassen Kaffee, bitte.

(Cioma, off) Er ist auch Jude und untergetaucht.

Er verkauft für mich meine Lebensmittelmarken.

Überhaupt verfügt Ludwig über allerlei Beziehungen.

Ich hab was für uns. 'ne Werkstatt.

In Moabit in der Waldstraße. Viele Leute, absolut sicher.

(bedrohliche Musik)

(Zugrattern)

(melancholische Musik)

Da ist sie.

(Cioma, Gegenwart) Ludwig war befreundet

mit einem Chauffeur der afghanischen Botschaft.

Der Chauffeur hat den Laden offiziell im Namen der...

afghanischen Botschaft gemietet.

Der Vermieter denkt, die Botschaft stellt hier Zeug ab.

Kein Mensch fragt, wer hier ein- und ausgeht.

- Kein Haken? - Kein Haken.

(Cioma, Gegenwart) Es gab noch einen Dritten im Bunde.

- (Klopfen) - Das ist Werner.

Werner Scharff.

Eine aus der Geschichte der Illegalität bekannte Figur.

Er ist Elektriker in der jüdischen Gemeinde.

Die gibt es noch?

Ein paar Leute sind noch da. Die brauchen sie ja noch.

Die jüdische Gemeinde wurde von der Gestapo übernommen.

Aber weil Werner Scharff alle Leitungen

und elektrischen Kontakte kannte,

haben sie ihn mit übernommen.

Du bist der Zeichner mit den Lebensmittelmarken?

- Bist ja gut informiert! - Keine Sorge.

Hier stört dich keiner.

(Cioma, Gegenwart) Die Bewohner sahen uns kommen und gehen.

(Werner) Falls mal doch einer kommt.

Wenn sie uns fragten, was wir machen,

sagten wir: "Kriegsgeheimnis."

Darum lebten wir ziemlich sicher in dem Haus.

Das war eigentlich eine normal aussehende Bleibe.

Und die hat in diesem Sinne funktioniert.

- Bisschen kurz? - Sieht gut aus.

(traurige Musik)

(Hanni, off) Die Familie, bei der ich war, wurde denunziert,

weil ein junger Mann ab und an bei ihnen übernachtete.

Ein Deserteur.

Nun kann ich nicht mehr dort schlafen.

Es klopft und pocht immer stärker in meinem Finger.

Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.

(melancholische Musik)

- (Klopfen) - (Frau) Hallo?

(Rütteln) (Frau) Wer ist 'n da drin?

- (erneutes Klopfen) - (Frau) Alles in Ordnung?

- (Rütteln und Klopfen) - (Mann) Wir rufen die Polizei.

Ich komme schon. Mir war nur schlecht.

(Frau) Was machen Sie hier so lange?

Ist Ihnen nicht gut?

Es geht schon wieder.

Wir wollen hier keine Scherereien haben.

(Hanni, off) Noch schlimmer als mein Finger und die Müdigkeit

ist das Gefühl, verrückt zu werden,

weil ich mit niemandem reden kann.

(Hanni, Gegenwart) Ich hatte immer das Gefühl,

dass jemand eine Hand über mich hält.

Vielleicht war es mein Vater. Es ist nur ein feeling.

Man kann es nicht wissen.

So, jetzt kann's raus.

Warte noch. Ist noch nicht fertig.

(ruhige Musik)

(Frau Horn, fern) Im Geschäft wissen sie doch,

wie viel wir immer einkaufen.

(Herr Horn, gedämpft) Halt die Klappe!

(Frau Horn) Ich habe nur gesagt, wir haben einen Gast,

und ob sie mir etwas mehr geben kann.

(Herr Horn) Du sollst nicht so viel quatschen!

(Frau Horn) Ich hab nichts gesagt!

Warum fragt mich der Metzger, ob wir einen Juden verstecken?

Das war der Moment, wo ich ganz schnell verschwinden musste.

(Herr Horn) Weißt du, was das für uns alle bedeuten kann?

(Eugen, Gegenwart) Die Frau wurde hysterisch:

"Dein Papa soll dich sofort abholen!"

Der Junge muss sofort verschwinden.

(traurige Musik)

(Eugen, off) So enden die schönen Tage bei den Horns.

Wir warten auf einen Mann, der mich aus Berlin herausbringt.

(Klopfen)

Dann kam Winkler eines Nachmittags.

(Frau Horn) Das ist Herr Winkler.

(Eugen, Gegenwart) Er hat mich angeguckt und gesagt:

"Pack den Koffer, wir fahren nach Luckenwalde."

Es ist eine Dreiviertelstunde mit der Bahn. Bleib hinter mir.

(traurige Musik)

Ich war zum ersten Mal nach langer Zeit auf der Straße.

Ich hatte Angst, weil es zu dem Zeitpunkt

keine jungen Männer

in meinem Alter gab, die keine Uniform hatten.

Jemand wie ich, völlig in Zivil, war eine Seltenheit.

(unheilvolle Musik)

Das war ein ganzes Stück Zugfahrt.

Die Angst war groß, dass eine Kontrolle kommt.

Ich vermied, anderen ins Gesicht zu gucken.

Winkler hat sich hingesetzt und ganz ruhig Zeitung gelesen.

Ich habe mich woanders hingesetzt.

Wir setzten uns bewusst auseinander

und es ging toll bis Luckenwalde.

(Mann) Du bist also der Eugen.

- Ich bin Horst. - Hallo, Horst.

- Spielst du Fußball? - Ja.

(Winkler) Stellt euch mal nebeneinander.

Sein Sohn, der meine Figur hatte

und ein Jahr jünger war, Horst,

und die elfjährige Tochter Ruth.

Du kannst Horsts HJ-Uniform tragen. Dann kannst du raus.

Das ist der Cousin von dir, Eugen.

Vier Leute wohnten in einer kleinen Zweizimmerwohnung.

Zwei Zimmer.

Und da bin ich aufgenommen worden.

Guten Abend, Eugen. Schön, dass du da bist.

Vielen Dank.

(beschwingte Musik)

(Cioma, off) Endlich habe ich einen Ort zum Arbeiten.

(Cioma, Gegenwart) Mit jedem Ausweis

gehst du ein weiteres Risiko ein.

Brauchst du das?

Ich sagte, ich mache das gerne.

Es hat mir gekribbelt.

Ich hatte das Gefühl, das ist eine Arbeit...

Nie hat mir eine Arbeit so viel Spaß gemacht wie da.

(Cioma, off) Kaufmann und Helene Jacobs

besorgen die Ausweise hilfsbereiter Berliner,

die ihre Papiere als verloren melden.

Echte Dokumente also, bei denen ich keinen Fehler machen darf,

wenn ich Fotos auswechsle und Stempel nachzeichne.

Ich brauche auch bald Papiere.

Ich hab gehört, wir sind auch bald dran.

Die jüdische Reichsvereinigung wird auch aufgelöst.

Hat mir ein Gestapo-Knilch verraten.

Ist nett von ihm, was?

Wer mich schnappen will, muss an meinem Kollegen vorbei.

Ich lass mich von denen nicht verhaften.

(Ruth, off) Wir haben keine Bleibe

und waren nachts draußen.

Es war unentwegt Schnee und Eis. Kalt.

Und sehr oft, wenn ich gar keine Unterkunft hatte,

bin ich auch auf den Straßen gelaufen bis zum Morgen,

bis ich dann wieder in die eine oder andere Wohnung konnte.

Das ist alles etwas verwischt.

Aber die Idee,

dass es Winter war, das ist so deutlich.

Ich kann es direkt fühlen.

Wissen Sie?

Leerer Magen. Keine Aussicht auf eine warme Mahlzeit.

Überhaupt nicht. Nicht mal auf eine Tasse Kaffee.

Und dann nicht zu wissen, wo man bleibt.

Mama, von welchem Onkel ist Eugen der Sohn?

Mach deine Hausaufgaben weiter.

Sie hat die Mutter gedrängelt: "Wer ist das und was will er?

Er ist bei uns und er ist kein Cousin von mir.

Ich will wissen, wer das ist."

Die Mutter hat sie beiseite genommen und gesagt:

Eugen ist ein Jude, den wir hier verstecken.

"Warum verstecken wir ihn?" "Die Nazis bringen ihn um."

Das möchten wir nicht.

(Eugen, Gegenwart) Viele Kinder haben ihre Eltern verraten.

Dazu wurden sie aufgefordert

in der Hitlerjugend, wenn sie merken,

dass die Eltern mit der Politik nicht einverstanden waren.

(beunruhigende Musik)

Einmal ist mir was ganz Saumäßiges passiert.

Weißt du, wo die Zeitung von heute Morgen ist?

"Ludwig,

wo ist die Zeitung, die hier auf dem Schreibtisch lag?"

"Die Zeitung?"

Ich habe den Ofen damit geheizt.

Bist du wahnsinnig?

Da lagen ungefähr 20 Ausweise drin.

Um Gottes willen! Wie soll ich das Dr. Kaufmann erklären?

Erzählen Sie, was Sie wollen. Ich glaube es nicht.

"Eine Kennkarte auf dem schwarzen Markt

kostet ein paar Tausend Mark.

Was Sie da verbrannt haben..."

Das ist ein Vermögen.

Die Leute warten auf ihre Papiere.

Es geht um Leben und Tod.

Haben Sie mit den Kennkarten nichts anderes gemacht?

Ich schwöre es beim Leben meiner Eltern.

(Cioma, Gegenwart) Den Kaufmann habe ich verehrt.

Wenn man merkt,

wie man einen verachtenden Blick ertragen muss,

ist das sehr unangenehm.

Cioma, ich bin nicht sicher, ob das stimmt.

Aber wir brauchen Ihre Hilfe.

Ich hoffe, wir können Ihnen weiterhin vertrauen.

(Türklingel)

Heil Hitler.

(Radiomusik)

Wenn Sie ablegen möchten, bitte schön.

(Frau) Schön, dass es geklappt hat.

Es gibt viel zu tun in der großen Wohnung.

Durch Leute, die Ellen kannte,

sind wir dorthin gekommen.

Mein Mann.

(Mann) Tag, die Damen.

Wehlen.

Er wusste,

dass wir jüdisch und untergetaucht waren.

Aber er wusste unsere Namen nicht.

Und Sie sind?

- Lise... - Marianne.

Liselotte.

Hans, mach bitte das Radio aus.

Hoffentlich tun sie mal was gegen die Bomber hier.

Man kann kaum schlafen vor lauter Siegesmeldungen.

Er und seine Frau sagten, wir könnten saubermachen.

Boy, haben wir saubergemacht.

Und auf die Kinder aufpassen.

Das sind unsere Kinder. (Telefon klingelt)

Das ist unsere Große, Hilde.

Das ist Fritzi.

Wehlen?

Er wusste, wer wir sind, und hat nichts gesagt.

Er hat uns beschützt.

Richtiggehend beschützt.

Wir haben da fabelhaft zu essen gekriegt.

Es war eine ideale Situation.

(Cioma, off) Die Arbeit bei Kaufmann bringt viel Geld ein.

Von den verkauften Lebensmittelmarken

erfülle ich mir einen Kindheitstraum.

Ich habe mir ein gebrauchtes Segelboot gekauft.

(Cioma, Gegenwart) Ludwig meinte, das wäre verrückt.

"Mir ist es schon an Land gefährlich genug.

Ich komme nicht zu dir aufs Boot."

Aber ich fand, das ist...

Das hat mich gestärkt.

Das Segelboot.

(Programmmusik)

Ich ging ins Kino.

Ich weiß nicht mehr, in welchen Film.

Ich wunderte mich, dass der Platz neben mir leer blieb.

(Sprecher) Die Dritte mit 25 Infanteriedivisionen

und 15 Panzerverbänden geführte Großoffensive

ist unter großen Blutopfern

und dem Verlust von 500 Panzern für die Bolschewisten

blutig zusammengebrochen.

So der Angreifer sich zeigt, wird er...

Dann war das Kino aus.

Es war ein komischer Liebesfilm oder so.

(Mann) Verzeihung.

Hätten Sie Lust, mit mir spazieren zu gehen?

Ja, also, ich...

Ich habe meinen Einberufungsbefehl bekommen.

Ich bin in drei Tagen Soldat.

Das hat mich erstens ein bisschen angerührt

und zweitens hatte ich nichts anderes zu tun.

- Wohnst du nicht in der Nähe? - Nein, in Tempelhof.

Bei deinen Eltern?

Bei Freunden meiner Mutter.

Und wieso gehst du immer hier ins Kino?

Woher weißt du das?

Meine Mutter hat mir erzählt, dass du immer ins Kino gehst.

(Hanni, Gegenwart) Die Kassiererin war seine Mutter.

Und da war eine Platzanweiserin.

Er hat ihr angewiesen, den Platz nicht zu besetzen.

Das hast du schlau angestellt.

Wahrscheinlich hatte er andere Absichten. Das weiß ich nicht.

Hanni...

Ich wollte dich fragen,

ob du meine Mutter besuchen kannst.

Du möchtest, dass ich deine Mutter besuche?

Ja.

Mein Vater ist sehr alt.

Sie hat sonst niemanden.

Damit sie jemanden hat, mit dem sie sprechen konnte.

Da ich jetzt wegmuss,

soll sie sich nicht alleine fühlen.

Ja.

(Cioma, off) Werner ist abgetaucht.

Mit den richtigen Papieren

kann man sich bei einer Kontrolle sicher fühlen.

Ich rufe vorher an, ob die Luft rein ist.

Gefährlich wird es aber, wenn einen jemand erkennt.

(unheilvolle Musik)

Er hat nicht aufgepasst und in der Kabine telefoniert.

Wo er fertig ist und rausgehen will...

Wen haben wir denn da?

"So, und Sie kommen mit." Er wurde verhaftet.

Kannst du mich nicht laufen lassen?

(Cioma, off) Sie werden aus ihm rausprügeln wollen,

wo er sich aufgehalten hat.

Wir müssen sicher sein, ob die Luft noch rein ist.

Offenbar hat er im Verhör dichtgehalten

und uns nicht verraten.

- (lautes Gelächter) - (Mann) Immer wieder gut!

Wegen der Bombenangriffe

wurde die Frau mit den Kindern evakuiert.

Herr Wehlen war dann noch weiter allein im Appartement.

(Glas klingelt)

Mein lieber Oberst Wehlen.

Ich bin überrascht, was Sie uns zu bieten haben.

Warum sollen sich nur unsere Stäbe in Paris

ein Leben wie Gott in Frankreich erlauben?

Der hatte alles.

Wunderbares Essen.

Er hat sich auf dem Schwarzmarkt betätigt.

Aber in großen Sachen, nicht nur in kleinen.

Nicht nur Ihr Wein ist allerbeste Wahl.

Schinken aus Bayonne!

Sechs Monate gereift. Beste Qualität.

Wir hatten dauernd irgendwelche Partys.

Ellen und ich haben gekocht, was da war.

Dann mussten wir es servieren.

(anzüglich) Hm.

Schlank wie ein Reh, hm?

Die ganzen Männer waren inzwischen auch betrunken.

Da mussten wir sehr flink auf unseren Füßen sein.

Und so hübsche dunkle Augen. Wie bei 'ner Jüdin.

- Es gibt keine Juden in Berlin. - (Gelächter)

Die Mädchen kommen aus gutem Haus.

Bringen Sie ihnen die gleiche Wertschätzung entgegen

wie dem Wein.

Ein Château Batailley.

- Aus unserem schönen Bordeaux. - (alle) Oh!

- (Wehlen) Zum Wohl! - (alle) Zum Wohl!

- Auf den Führer! - Auf den Führer!

(Gläser klirren)

(Glocke schlägt)

(Frau) Cioma?

Wir kennen uns doch.

Von der Schule.

Die Stella. Ja, ja.

Das war ein toller Moment, als ich da am KaDeWe vorbeiging.

Ich sagte: "Hallo, Stella. Wollen wir was trinken?"

Sagt die: "Ja."

(geheimnisvolle Musik)

(Cioma, Gegenwart) Ich wäre gerne ihr Freund gewesen.

Aber ich war nicht so attraktiv wie die anderen Burschen.

Die hatte immer

einen Kranz von Burschen um sich.

Scheint dir gut zu gehen.

Ich hätte dich gern damals angesprochen.

In der Schule.

(Cioma, Gegenwart) Ich habe meine Hand auf ihre gelegt.

Sie hat sie nicht weggezogen.

Da dachte ich: "Hoppla, das ist gut."

(geheimnisvolle Musik)

Stella?

"Soll ich dir mein illegales Zimmer zeigen?"

Das von der Frau Schirmacher.

Da sagt sie: "Ja."

Du bist echt verrückt.

Na komm.

Mit dem Bus sind es nur zwei Stationen.

Machst du nicht einen Fehler?

Ich habe das Gefühl, da hat ein Engel eingegriffen.

Doch.

Du hast recht.

Das war eine Liebeserklärung von ihr.

Dass sie gesagt hat: "Machst du keinen Fehler?"

Denn...

sie hat in der Regel die Leute verraten.

Eins, zwei, drei, vier, fünf, raus.

(Klopfen, Hund bellt)

(erneutes Klopfen)

(Mann) Ein Freund schickt uns. Ist Ihr Mann da?

Kommen Sie, ich lasse Sie rein.

(Eugen, Gegenwart) Wenn es klingelte,

ging ich ins Schlafzimmer der Winklers.

Da war so eine Nische zwischen Wand

und Kleiderschrank.

In die stellte ich mich und zog

einen Kleiderständer davor.

Kommt rein.

Mein Mann ist jeden Moment da.

Nehmt Platz.

(unheilvolle Musik)

Herr Winkler?

Wir haben Ihre Adresse von Günter Samuel.

Wir waren in Theresienstadt.

(Winkler) Ihr seid aus dem Lager geflohen?

(Werner) Wir sind gelaufen. Immer nachts.

Soviel ich weiß,

gelang es nur drei Menschen, seit dieses Lager existierte,

lebend von dort wegzukommen.

Unter anderem Werner Scharff

und seiner Freundin Fancia Grün.

Das ist Eugen.

Ein jüdischer Junge. Den verstecken wir hier.

Frida, mach was zu essen. Die sind ja halb verhungert.

Wir haben um den Tisch gesessen und dann hat

er erzählt, der Werner Scharff,

was er wusste.

Das war das erste Mal, dass ich gehört habe,

was man mit Juden macht.

Die haben da alle umgebracht.

Am nächsten Tag sind die alle tot.

Die werden da vergast. Zu Tausenden.

Was sag ich, Zehntausende, Hunderttausende.

Er hat sofort erzählt, dass die Juden umgebracht würden.

Und dass Millionen von Juden

vergast und verbrannt würden.

Ich konnte mir das nicht vorstellen.

Ich fragte: "Warum?

Man hat ihnen alles genommen. Warum umbringen?"

"Ja, weil die Nazis ihre Weltanschauung haben,

dass Juden an allem Übel in der Welt schuld sind."

Sie müssten umgebracht werden. Das ist ihre Weltanschauung.

(ruhige Musik)

Entschuldigung?

Wir schließen jetzt.

Waren Sie nicht gestern schon in dem Film?

- Ja. - So doll ist er doch gar nicht.

Frau Kolzer?

Woher wissen Sie...

Ich war mit Ihrem Sohn spazieren.

Da hab ich ihr gesagt,

dass ich Jüdin und verfolgt bin und nicht weiß...

Ich weiß nicht, wo ich schlafen soll.

Da hat sie zu mir gesagt: "Sie kommen zu mir."

Warten Sie hier.

Ich schließe nur kurz ab.

Wenn uns jemand fragt,

bist du die Tochter meiner Schwester, meine Nichte.

(Hanni, Gegenwart) Man muss sich vorstellen,

die beiden Menschen waren...

sehr bescheiden situiert.

Nun kommt eine fremde Person, der sie aus dem Herzen raus...

Sie schläft.

...Obdach geben...

Wir stellen die Liege auf.

...für die sie ja zum Teil sorgen müssen.

Aber das ist mir erst später aufgegangen.

Das Einzige, was mir aufging, ist, dass ich gut schlief.

Und dass ich Menschen gefunden habe, die Menschen waren.

Jetzt. So.

- Was ist jetzt schon wieder? - Wo ist denn meine Tasche?

Mit der habe ich den Ofen angeheizt.

Da war alles drin. Brieftasche, Geld, Ausweise...

- Hast du die Tasche verloren? - Ja, in der Bahn.

Kaufmann.

Gut, ich warte. Danke.

Sein Vorgesetzter war ein Dr. Popitz.

Einer derer, die am 20. Juli später hingerichtet wurden.

Er rief den Popitz sofort an

und bat um dringende Auskunft.

(Cioma, Gegenwart) "Liegt gegen den Schönhaus etwas vor?"

Ist das sicher? Steckbrieflich?

(bedrohliche Musik)

Ja, danke.

Schönhaus...

Sie werden bereits gesucht. Kein Schritt mehr nach draußen.

Es gibt einen Steckbrief mit einem Foto aus Ihrem Pass.

Es ist nicht zu fassen.

Jetzt sind Sie rehabilitiert, Schönhaus.

Wenn Sie mit Ihren eigenen Sachen auch so liederlich sind.

"Jetzt glaube ich Ihnen,

dass die Ausweise damals im Kanonenofen verbrannt wurden."

Das Wichtigste ist, dass Sie eine neue Bleibe bekommen.

(Wählton)

(Freiton)

Jacobs?

(Hund bellt entfernt)

(Eugen, off) Herr Winkler sucht Unterkünfte

für die Theresienstadtflüchtlinge.

Doch Werner Scharff will nicht in Luckenwalde bleiben.

Er hat anderes vor.

Nur eine gute halbe Stunde von Bahnhof Zoo bis hier.

(Eugen, Gegenwart) Wahnsinn!

Wirklich ein ganz wahnsinniger Typ, der...

keine Angst hatte.

Wenn dich in Berlin jemand erkennt?

Soll ich mich bis Kriegsende verstecken?

Guck mal. Ist eine Kleine, aber tippt wie 'ne Große.

Er sagte vom ersten Tag an:

"Man muss was gegen die Nazis unternehmen."

Was wollt ihr damit?

Juden verstecken ist gut, aber es reicht nicht.

- Hast du ihr nicht... - Wir wollen was unternehmen.

Er kam mit Ideen, wie er sich vorstellte,

wie man den Widerstand

aufbauen und wie er aussehen könnte.

- Du hast doch Werner gehört. - Ja, na und?

Das vor Kindern zu erzählen, war gefährlich genug.

Wenn keiner was macht, passiert nichts.

Man müsse Flugblätter in Form von Kettenbriefen produzieren.

Wir machen Flugblätter!

Mit dem Ziel, die Bevölkerung über den

tatsächlichen Verlauf des Krieges zu informieren.

Dass der Krieg verloren ist!

Die Nazimörder wollen nur noch ihre eigene Haut retten!

Das müssen sie jetzt erfahren durch einen flammenden Appell!

Ich war begeistert. Hans Winkler war begeistert.

Nur Tante Frida hat das realistischer gesehen.

Du setzt meinem Mann Flöhe ins Ohr.

Ihr seid alle verrückt!

Werner hat sich das nicht ausgedacht!

Dass genau der, der dem Alten noch

diesen Floh ins Ohr setzt, alle reinreißen wird.

Hört mal.

"Mitbürger! Der von der Vorsehung verlassene Führer

und die Befehlshaber führen den verlorenen Kampf weiter,

um ihr eigenes Leben zu verlängern."

- Na, wie klingt das? - Das ist gut.

Wenn rauskommt, was ihr da vorhabt, hängen sie uns auf.

(Cioma, off) Dr. Kaufmann hat für mich eine Unterkunft.

Ich komme nur mit dem Bus dorthin.

Wegen der vielen Steckbriefe,

fahren wir spät abends zu Helene Jacobs,

wo ich in Sicherheit bin.

Hoffe ich.

Ist das Ihre Tasche?

"Gehört ihr beiden zusammen?"

- Was geht Sie das an? - Ganz ruhig, Junge.

"Ganz, ganz ruhig."

Und ich kombiniere.

Was ist das für einer? Älterer Kriminalbeamter...

Erlebt zum ersten Mal

in seiner Beamtenlaufbahn, dass er einen...

steckbrieflich Gesuchten vor sich hat.

Ich denke mir: 'So, jetzt ist Endstation.

Hier kommst du nie mehr raus.'

In dem Moment steht Ludwig auf und...

der steht auch auf.

Was wird er machen?

Der wird unten hinter der Treppe warten.

Oder er geht und verhaftet Ludwig.

(Bremse quietscht)

(unheilvolle Musik)

(Motor wird lauter)

Was muss ich jetzt machen?

Ganz langsam die Treppe runtergehen

und kein Geräusch machen.

Dann wartete ich, bis der Bus irgendeine Kurve nahm.

Da musste er langsamer fahren und ich sprang ab.

Zehn Minuten später kommt Ludwig.

Der war eine ganz trockene Wurzel.

Ich fragte: "Was war mit dem Typen?"

"Der ist unter der Treppe stehengeblieben."

(Eugen, off) Ein Freund hat uns einen Kopierer gegeben.

Er will helfen, die Flugblätter zu verschicken.

Der Wirt von der Bahnhofskneipe

hat Werner und Fancia bei sich untergebracht.

Werners Freundin kann sogar bei ihm im Ausschank arbeiten.

Sie haben sogar einen Namen:

Gemeinschaft für Frieden und Aufbau.

(Eugen, Gegenwart) Das ist das Einmalige

an dieser Organisation.

Dass es unbedarfte und kleine, ganz mutige Leute waren,

die viel versucht haben.

Wir müssen sie wachrütteln.

Keiner anderen Gruppe gelang es,

so viele Kettenbriefe...

Adressen in ganz Deutschland.

...über das ganze damalige Reich zu verschicken.

Die Briefe stecken wir in Briefkästen in Berlin.

Den hab ich vom Amtsgericht mitgenommen.

Das war ein Freistempel für die Post.

Wir haben nicht mal Porto für die Kettenbriefe gezahlt.

(Winkler) Und damit zur Filiale unserer pünktlichen Post.

(spannungsvolle Musik)

Hans Winkler ist mit seiner elfjährigen Tochter Ruth

nach Berlin gefahren, wo er die Dinger in die Postkästen warf.

Bis seine Frau so sauer wurde und fragte,

ob er keine Angst hat, dass den Kindern was passiert.

- Habt ihr alle beisammen? - Keine Angst.

Niemand kontrolliert uns,

wenn ich mit ihr und dem Schulranzen unterwegs bin.

Komm mal her.

Siehst du? Besser geht's nicht. Glaub mir.

(Jacobs) Cioma.

Herr, wir beten für die, die nichts zu essen haben,

hungrig sind, und nicht wissen, was sie morgen essen.

- Amen. - Amen.

(Sirene heult)

(Cioma, Gegenwart) Das einzig Schlimme war der Fliegeralarm

und dass man Angst haben musste. Sie wohnte im 5. Stock.

Ludwig fuhr zum Stößensee und hat vom Boot alle Taue geholt.

Die banden wir an die Heizung

und ich bildete mir ein,

wenn eine Bombe einschlägt und nur

das Treppenhaus kaputt ist, aber die Fassade noch steht,

kann ich mich runterhangeln.

Ich musste es nie tun.

(Sirene wird leiser)

Bei den vielen Bomben kann auch die Feldpost unterbrochen sein.

Vielleicht ist der Brief nicht angekommen.

(Hanni, off) Ihr Mann ist gestorben

und sie hat Angst um ihren Sohn.

(Radiostimme im Hintergrund)

Ihm ist nichts passiert, sonst wäre längst jemand gekommen.

Dann fingen wir an, alleine miteinander zu leben.

Wie Mutter und Tochter.

Der Junge war weg. Wieder im Krieg.

Und wir stützten uns sozusagen gegenseitig.

Viel ist es nicht mehr.

Zweimal reicht's vielleicht noch, dann ist Schluss.

In der Apotheke haben sie auch nichts mehr.

Lang kann der Krieg nicht mehr dauern.

(Trommeln im Radio)

(Radiosprecher) Hier ist England.

Hier ist England.

Zunächst die Schlagzeilen.

Das ging so lange, bis eines Tages ein Telefonanruf kam.

(Telefon klingelt)

Jacobs.

Von einem Herrn Hallermann.

Er sucht Dr. Kaufmann.

Ich weiß nicht, wo Sie Kaufmann treffen können.

Ja. Hat das nicht bis morgen Zeit?

Gut.

Ein Bekannter von Kaufmann. Ich muss hin.

- Was, wenn es eine Falle ist? - Ja, vielleicht.

Aber wenn ich nicht gehe, kommen sie her.

Wenn ich in zwei Stunden nicht zurück bin, dann...

(traurige Musik)

Nachher habe ich erfahren, die kam...

und der Hallermann war da mit zwei Kriminalbeamten

und sagte: "Das ist sie."

Dann wurde Helene verhaftet.

(Cioma, off) Helene ist bis morgens nicht aufgetaucht.

Ich ging noch ein letztes Mal in die Werkstatt.

(unheilvolle Musik)

Dort habe ich ein Dokument deponiert,

das ich mir für den Fall vorbereitet habe.

Einen Wehrpass, der mich als Soldaten auf Urlaub ausweist.

Ich habe einen verrückten Plan.

Ich will mit dem Fahrrad quer durch Deutschland

und versuchen, über die Grenze in die Schweiz zu kommen.

(fernes Flugzeugbrummen)

Es sind täglich

Tausende von Flugzeugen über Luckenwalde geflogen.

Die B-52-Bomber. Ganze Pulks.

Das war wie ein Freudenfest, wenn die...

wie Silberfische über einen hinweggeflogen sind.

Man wusste, es kann nicht mehr allzu lange dauern.

(Eugen, off) Meine Eltern sind auch hier.

Mein Vater sollte zum Volkssturm.

Wäre ihm was zugestoßen,

hätte er meine Mutter nicht mehr schützen können,

und sie wäre in ein Lager geschickt worden.

Also sind sie abgetaucht.

Winkler hat uns eine Dachkammer besorgt.

Der Junge hört nicht mehr auf mich.

Julius, sag ihm, dass er mir helfen soll.

Eugen, komm, pack mit an.

Was sind das für Tabletten?

(spannungsvolle Musik)

Man weiß nie.

Für alle Fälle.

Der Krieg ist doch fast vorbei!

(Sirene heult)

(Ruth, Gegenwart) Am 3. Februar war ein großer Bombenangriff.

Ich war an dem Tag bei Wehlens

alleine im Haus, er war auch nicht da.

Uns kam nie der Gedanke, dass die Bomben

uns treffen könnten.

Das war nicht für uns gemeint, sondern für die Deutschen.

Aber wenn es dann einen Angriff gab, war es nicht wunderbar.

Es war ein zwiespältiges Gefühl.

Wir wollten ja, dass die gebombt werden.

Natürlich.

(spannungsvolle Musik)

Dann wollte ich nach Hause zur Fabrik.

Ich machte mich zu Fuß auf den Weg.

Das Schlimme war, je näher ich Berlin Mitte kam,

desto mehr Schaden habe ich gesehen.

Ausgebombte Häuser,

tote Pferde auf der Straße.

Tote Menschen.

Es war ganz entsetzlich, und ich bin...

vielleicht zwei Stunden gelaufen.

Es war wirklich ganz fürchterlich.

Ich bin dann hingekommen und in der Straße

ist nichts passiert, nicht bei Köhlers und nicht bei Gehres.

(Ruth, off) Mein Bruder ist in der Fabrik in Kreuzberg,

wo er auch schlafen kann.

Auch meine Mutter und Ellen dürfen tagsüber dort sein.

(Klopfen)

- (Jochen) Wer ist da? - Ich bin's.

(Ruth, Gegenwart) Mein Bruder und die anderen wussten nicht,

was mit mir wird.

Die hatten den Bombenangriff da

und wussten nicht, ob das auch bei Wehlens war.

Es war ein großes Wiedersehen.

Das war natürlich für alle...

Hach, ja, das ist...

Wir alle erinnern uns daran sehr genau.

(Eugen, off) Unsere Gruppe wurde verraten.

Hans Winkler und Werner Scharff sind verhaftet.

Meine Eltern und ich hoffen,

dass die Gestapo uns nicht findet.

(lautes Klopfen)

Am 11. Dezember klopfte es an der Tür.

(Mann) Aufmachen!

Wenn wir ein Geräusch auf der Treppe hörten,

war ich im Schrank.

Ich konnte durch einen Ritz sehen, was sich abspielte,

und sah die beiden...

Geheime Staatspolizei.

...die sich aufführten,

als würden sie ein ganzes Partisanennest ausheben.

(Mann) Wo ist der Junge?

- (Frau) Lassen Sie meinen Mann! - Halt's Maul!

Wo ist der Junge?

Der Eine riss die Schranktür auf.

Er wusste, es fehlt einer.

Sie wussten ja, dass wir da waren. Sie wussten alles.

Los, mitkommen!

Backpfeifen rechts und links.

Ich weiß auch noch,

ich wollte noch die notwendigsten Dinge einpacken.

Du brauchst keine Zahnbürste mehr.

Alle mitkommen!

(bedrohliche Musik)

(Mann) Dalli!

(Eugen, off) Aus dem ehemaligen jüdischen Krankenhaus

wurde die letzte Deportationssammelstelle.

Hierher kommen alle in der Stadt noch geschnappten Juden.

(Leute husten)

Meine Mutter brachten sie mit einem der letzten Transporte

nach Theresienstadt.

Mein Vater starb am Abend der Verhaftung an den Tabletten.

Ich bin noch wegen des Hochverratsprozesses hier,

der gegen Winkler und andere vorbereitet wird.

Ich habe nie damit gerechnet, nicht heil rauszukommen.

Ich war immer davon überzeugt,

dass ich da rauskomme.

Auf irgendeine Art und Weise komme ich da raus.

Ich kann es nur mit dem jungen Alter erklären

und mit der Vorstellung, nichts Böses getan zu haben.

Irgendwie werde ich aus dem Schlamassel rauskommen.

- Kannst du mir hinlegen. - (Jochen) Ja.

(Ruth, off) Bei Wehlens können wir nicht bleiben,

aber hier in der Werkstatt.

Der Besitzer, Herr Köhler, verbietet den Arbeitern Fragen,

da wir einen geheimen Kriegsauftrag hätten.

"Ich erzähle den anderen Leuten,

dass du eine besondere Anstellung durch Hitler hast,

und das wird okay sein."

(Klopfen)

(Jochen) Wer da?

(melancholische Musik)

(Ruth) Bruno!

(Ruth lacht)

(Jochen) Komm her.

Woher wusstest du, dass wir hier sind?

Die Frau wollte es erst nicht sagen...

(Ruth, off) Bruno darf auch bleiben.

In dem größer werdenden Chaos achtet niemand darauf.

Wenn nur der Krieg bald vorbei wäre.

(Jochen) Er hat Essen mitgebracht.

(Eugen, off) Nach einer Weile lande ich im Gestapo-Keller.

Und da bekomme ich es richtig mit der Angst.

Das war ein Verließ, wie ich es vorher noch nie gesehen hatte.

Die Leute waren an Händen und Füßen

an Eisenringe gekettet.

(Eugen, off) Immer wieder holen sie einen heraus,

der nicht mehr zurückkommt.

(unheilvolle Musik)

(Tür quietscht)

- Ist hier noch ein Deutscher? - Hier.

Aufstehen.

- Name? - Eugen Friede.

Eugen Israel Friede!

Mitkommen!

Er hat mich am Kragen gepackt und vor sich hin geschoben.

Er hat eine Tür geöffnet,

mir einen Tritt gegeben und ich war draußen.

Ich war in der Großen Hamburger Straße.

(Eugen, off) Ich weiß nicht, wie lange ich im Keller saß,

aber es ist ein besonderer Tag.

Es ist der 23. April 1945. Mein 19. Geburtstag.

(Eugen, Gegenwart) Ich versteckte mich ein paar Tage,

bis dann die Russen endgültig da waren.

(Ruth, off) Wir konnten uns fast zwei Jahre durchschlagen

und haben nun Angst, im Luftschutzkeller vor Kriegsende

verschüttet zu werden.

April '45 waren unentwegt

Bombenangriffe und Schießereien,

sodass man nicht mehr aus dem Keller rausging.

(Bombeneinschläge)

Zu essen gab es nichts, aber wir konnten

uns Wasser holen von einer Pumpe

in der Naunynstraße.

Um die Ecke von der Oranienstraße.

Ich gehe frisches Wasser holen.

Irgendwelche Männer hier?

(Ruth, Gegenwart) Jochen und Bruno waren im Kohlenkeller.

Die durften ja nicht gesehen werden.

Es war gefährlich, rauszugehen,

denn es flog vieles rum.

Ich hatte einen Eimer in der Hand

und ging um die Ecke, da sah ich schon die Pumpe.

Aber da waren zwei russische Soldaten.

(unheilvolle Musik)

Ich wusste nicht, wie mir geschah.

Russische Soldaten! Sind die wirklich schon hier?

Zurückgerannt in den Keller.

Ich rief: "Die Russen sind hier!"

Die Russen sind da. Der Krieg ist aus!

Der Krieg ist aus!

Wir wussten gar nicht, was wir tun sollten.

Die deutschen Frauen fingen an zu weinen.

Um Gottes willen. Was passiert jetzt mit uns?

Meine Mutter hat sofort den Saum

vom Mantel aufgetrennt.

Bevor wir untergetaucht waren,

hatte sie uns unsere jüdischen Kennkarten in den Saum genäht.

Dann kam ein russischer Soldat mit einem Gewehr in den Keller.

Er hat wie zum Schießen auf uns gezeigt

und meine Mutter sagte: "Nein, nein.

Wir sind jüdisch."

Der hat nichts verstanden

und ist wieder gegangen.

Die russische Armee hatte ja so einiges zu rächen.

Ich bin Jüdin.

Deutsche Frau!

- Nicht deutsche Frau, Jüdin. - (Mann) Deutsche Frau.

Hat mir keiner geglaubt. "Du nix Jüdin.

Hitler hat alle Juden tot gemacht. Und du bist blond."

Also, von Juden gar keine Sprache.

"Heute Nacht kommen wir dich besuchen."

Heute Nacht kommen wir, deutsche Frau.

Ich habe nicht gewartet, bis die kamen.

(Hanni, off) Ich muss wieder flüchten.

Aber wir sind zu zweit und unser Weg geht in die Freiheit.

(melancholische Musik)

Und dann standen mein Bruder und Bruno

auf dem Hof der Fabrik.

Es war zwei oder drei Tage später.

Da kam ein Soldat mit der Pistole auf die Jungs zu.

Nicht schießen. Wir sind Juden.

Hitler hat alle Juden totgemacht.

Nein, wir sind Juden. Wir haben uns versteckt.

Juden, ja?

Wenn ihr Juden seid, sagt mal Schma Jisrael auf.

Das Gebet kennt jeder jüdische Mensch,

auch wenn er nicht religiös ist.

Mach mal!

(sagen Gebet auf)

(einfühlsame Musik)

Schma Jisrael.

Er war jüdischer Offizier in der russischen Armee.

Wir wussten gar nicht, dass da jüdische Soldaten waren.

Man hat sehr verurteilt.

Man hat natürlich gedacht, dass ich voll Wut und Hass bin.

Aber das war ich nicht.

Ich konnte das ja nicht sein.

Erst jahrelang, monatelang nach dem Krieg

habe ich erfahren, was ich entgangen bin.

Wenn jemand auf der Welt einen gefragt hätte:

"Kannst du dir vorstellen, dass Deutsche

millionenfach unschuldige Menschen einfach umbringen?"

Hätte doch jeder gesagt: "Völlig absurde Idee.

Völliger Wahnsinn."

Ja, ist schon Wahnsinn.

Es ist einfach nicht zu fassen, denn zwischen...

Juden nicht mögen und Juden vergasen

liegen himmelweite Unterschiede.

Das ist etwas, was nicht zu verstehen ist.

Und das wird man noch lange nicht verstehen.

Vor allem, wenn ich hier über unsere Retter sprechen kann,

das war uns immer von großer Wichtigkeit,

wenn wir in Amerika zu Colleges oder...

Schulen gesprochen haben,

herauszuheben, dass es auch andere Deutsche gab.

Nämlich unsere Retter.

Die haben wir immer mit Namen benannt.

Die meisten wussten nicht, dass es so etwas gab.

Für mich gilt das Wort dieses Rabbis:

Wer einen Menschen gerettet hat...

der hat die ganze Welt gerettet.

Und dieser eine Mensch, das ist die Helene Jacobs.

Die steht...

für mich...

für alle Deutschen.

Man hat sie mal gefragt:

"Warum haben Sie das eigentlich gemacht?"

Sie antwortete: "Ich wollte mein Vaterland retten."

Und ich meine...

es ist ihr...

gelungen.

Untertitel: J. Szymanski, M. Urgesi

No Limits Media 2017

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