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Bereit?
Los.
- Bereit? - Ja.
Lauf, lauf, lauf!
Okay...
Wir haben keine andere Möglichkeit mehr, unsere einzige Option ist jetzt Plan B.
Und zwar: Raus aus Baba Amr.
Wir haben entschieden, denselben Weg zurückzunehmen...
... um hier heil rauszukommen.
Hoffentlich können wir heute alle evakuiert werden:
Meine Wenigkeit...
... William, Edith... und unsere Übersetzer.
Ich halte euch auf dem Laufenden.
Ich kam nachts in Beirut an, und mir wurde klar...
... dass ich erst mal Marie anrufen sollte.
Man sagte mir, dass sie im Hotel „Bristol“ wohnte.
Das kannte ich.
Als ich gelandet war, rief ich sie an, und fragte: „Marie, bist du im Bristol?“
Sie antwortete: „Bin ich etwa bescheuert? Warst du schon mal in diesem Drecksloch?“
Und sie fügte hinzu: „Ich hab uns ein richtiges Hotel gebucht.
Und zwar ein Sechs-Sterne-Hotel in Beirut.“
Es ist komisch, einen Freund als Legende zu bezeichnen.
Aber bei Marie hat man keine andere Wahl.
Ich glaube, hiervon hat er gesprochen. Das ist so eine Art Feldweg.
Sie war...
... absolut einzigartig.
- Marie? - Ja?
Oh, mein Gott!
Eine der besten Kriegskorrespondentinnen ihrer Generation.
Außergewöhnlich ehrgeizig.
Ich will die Geschichte jedes Einzelnen erzählen.
Sie sind keine Nummern, okay?
Sie war auf ihrer eigenen Mission, die sie veranlasste Dinge zu tun...
... die andere berühmte und brillante Auslandskorrespondenten...
... niemals getan hätten.
Sie hatte außergewöhnliche Verbindungen, sie kannte sogar Arafat persönlich.
Ich wünschte, Sie wären dort gewesen, dann bräuchten Sie nicht neidisch zu sein.
Sie kannte Gaddafi persönlich.
Diese Leute waren beeindruckt von ihr und erzählten ihr Geschichten...
... die sie niemand anderem anvertraut hätten.
Das Synonym für Marie waren zwei Worte: Zeugnis ablegen.
Darauf lief alles hinaus.
Die erste ausländische Journalistin seit 1995, die aus Sri Lanka berichtet.
Marie fuhr nach Sri Lanka, nachdem dort 8 Jahre lang Krieg herrschte.
Kein anderer westlicher Journalist war in der Zeit dort gewesen.
Es wurde mit Schnellfeuerwaffen geschossen.
Also schrie ich: „Journalist! Journalist!“ Da beschossen sie mich mit einer Granate.
Und, na ja, die traf mich auch.
Teile des Schrapnells trafen mein Auge und meine Brust.
Ich bin dreimal zusammengebrochen, doch sie haben immer weiter geschossen.
Ich fand heraus, dass man sie ins Krankenhaus gebracht hatte.
Ich probierte zwei Stunden lang, zu ihr durchzukommen.
Irgendwann stellte man mich zur Station durch...
... und ich hörte sie schreien: „Fuck off! Fuck off!“
Und das mit schriller Stimme.
Sie erzählte mir später, dass der Arzt neben ihrem Bett saß...
... und ihr mitteilte, dass sie ihr Auge entfernen müssten.
Unter normalen Umständen hätte Marie einer Operation in Sri Lanka nie zugestimmt.
Ist okay, ist okay.
Letztendlich entschied sie, eine Augenklappe zu tragen.
Sie hatte auch eine mit Strasssteinen für Partys.
Sie wusste ganz genau, dass die ihr Markenzeichen geworden war...
... und sie unter anderem berühmt gemacht hatte.
Hat auch was Positives, wenn man auf einem Auge blind ist.
Lässt jemand die ganze Nacht das Licht an...
... legst du dich einfach auf das gesunde Auge, und schon ist alles dunkel.
Und das die ganze Nacht!
Über die Jahre brachten wir Marie mit mehreren Fotografen zusammen.
Die Zusammenarbeit funktionierte nicht immer gut.
Einer fürchtete sich so sehr vor ihr, und sagte...
... sie sei beängstigender als der Krieg, von dem sie berichten sollten.
Und den letzten lehnte sie selbst ab, weil er metrosexuell war.
Aber mit Paul war es irgendwie anders.
- Was ist los, Marie? - Die Kugel ist genau hier eingeschlagen.
Erzähl's für den Film.
Gaddafis Streitkräfte sind direkt vor uns, sie schießen auch aus dem Hinterhalt.
Granaten werden abgefeuert und schlagen ein.
Eine extreme Situation, wir befinden uns mitten in einem Feuergefecht.
Nach zwei Monaten in Misrata rief die Sunday Times mich jede Woche an:
„Ist alles okay?“ Ich fragte nach: „Ja, warum?“
„Nur so, es gibt keinen Grund.“
Sie konnten sich nicht vorstellen, dass wir immer noch zusammen klarkommen.
Ich war ungefähr 15 Jahre alt, als ich zur Armee kam.
Die Armee und ich wurden allerdings keine Freunde.
Ich weiß noch, wie mein Kommandant in meinem Entlassungsgespräch fragte:
„Was machen Sie, wenn Sie die Armee verlassen haben?“
Ich antwortete: „Radschlagen.“ Und er sagte: „Raus mit ihm!“
In den letzten 17 Jahren habe ich aus Sierra Leone, Tunesien...
... Irak, Syrien, Ägypten, Libyen...
... und sicherlich vielen weiteren Ländern berichtet.
Vollkommene Zerstörung.
Sie haben mit allem gefeuert, was sie hatten.
In Libyen wurden sie zu einem perfekten Duo.
Aus den Anekdoten, die sie mir erzählte, wurde klar...
... dass sie immer mehr zusammenwuchsen.
Sie wurden Freunde, enge Freunde, und waren dabei sehr produktiv.
Sie leisteten hochprofessionelle, fantastische Arbeit.
Wir waren beide der Meinung, dass...
... die einfachen Leute vor Ort am meisten litten: Frauen und Kinder.
Dieses Gefühl machte uns zu Seelenverwandten.
Wir hatten die gleiche Vision von dem...
... was wir tun mussten, um die Geschichten aus ihnen hervorzuholen.
Mir als Berichterstatterin ging es nie darum...
... ob das nun ein T52 oder T72-Panzer war.
Mir ging es einzig und allein um die Menschen und was sie durchleiden müssen.
Wir berichteten über den Arabischen Frühling, als dieser auf dem Höhepunkt war.
Ebenso über Libyen.
Wir werden aus der Ferne beschossen.
Alle heute betroffenen Gebiete waren nichtmilitärisch.
Alle Opfer und Tote waren Zivilisten.
Syrien würde als Nächstes dran sein, wir wussten es.
Diese Leute waren sich sicher, dass, wenn sie sich weiterhin versammeln...
... und „wir wollen nur Frieden“ singen, auch den Frieden bekommen.
Die Menschen waren schockiert, zu was Bashar Al-Assad fähig war.
Er war absolut skrupellos in seiner Antwort.
Im Mittelpunkt stand die Stadt Homs.
Das Regime dachte, wenn sie Homs zerstören...
... würden sie der Revolution das Herz herausreißen.
Wo ist die Welt? Wo sind die Vereinten Nationen?
Die Welt sieht uns beim Sterben zu.
Homs wurde zur Hochburg der Rebellen, die sich gegen Assad auflehnten.
In dem Viertel Baba Amr kam es zu einer Pattsituation.
Die Menschen verlassen ihre Häuser wegen der wahllosen Bombardierung...
... durch Assads Truppen.
Es war die Geschichte der Zivilisten.
28.000 von ihnen unter Beschuss in Baba Amr.
Wir saßen da und starrten auf den Laptop.
Die Aktivisten hatten auf dem Dach eine Kamera positioniert.
Man konnte alles live sehen. Das war Krieg-Streaming im Internet.
Gott ist groß! Gott ist groß!
Seht euch die Explosionen in Baba Amr an.
Seht sie euch an! Die Häuser brennen.
Alles brennt! Gott ist groß!
Marie hat versucht, ein Visum zu bekommen. Aber ihr Antrag wurde abgelehnt.
Also gab es nur eine Option:
Wir beschlossen, illegal einzureisen.
Es war eine besondere Nacht in einem Club für Auslandskorrespondenten.
Wir saßen zusammen.
Drei von uns hielten das für zu gefährlich.
Ich war gut informiert und mir war sofort klar...
... dass das meine Risiko-Grenze überschreiten würde.
Die Gefahr, gekidnappt oder zum Ziel der Regierung zu werden, war zu groß.
Marie sagte:
„Wie auch immer, das ist unser Job.“
Sie hatte sich festgelegt, sie würde hinfahren.
Eine kleine Tasche, Kamera, eine alte Jacke...
Ich wollte so gut es geht wie ein syrischer Bauer aussehen.
Wir sollten in einen alten, klapprigen Transporter einsteigen.
So was ähnliches wie ein Taxi.
Sie sagten zu uns: „Rein da!“
Schnell ließen wir Beirut hinter uns.
Wir fuhren über die Berge...
... und kamen in eine flache Gegend; man konnte dort meilenweit sehen.
Und vor uns konnten wir die Berge sehen, die nach Syrien führten.
Es wurde langsam dunkel.
Plötzlich hielten wir auf einem alten Feldweg an.
Der eine Typ sagte: „Folgt mir.“
Uns war bewusst, dass wir jetzt die Grenze vom Libanon nach Syrien überqueren würden.
Ich höre Marie atmen. Ich höre mein Herz klopfen.
Du hörst eine Kugel. „Pffft!“
Aber es klingt nicht wie in den Filmen.
Sie fliegen wirklich vorbei, und du weißt nicht, wie nah sie dran sind.
Da sind Lichter.
Unter den Lichtern ist ein Armee-Stützpunkt.
Und die Soldaten sind nur knapp 50 Meter entfernt.
Marie verschwindet.
Ein Schatten winkt.
Du wirst von einem Schatten einem anderen Schatten übergeben...
... und der reicht dich zum nächsten Schatten weiter.
Und dann...
... ist da das kleine Aufblitzen eines Autoscheinwerfers.
Ich weiß nicht, ob es die syrische Armee ist, die auf uns wartet.
Ob das eine Falle ist, ich weiß es nicht.
Ich bin nur... gerannt.
Ich seh Marie.
Wir haben es geschafft.
Sie sah mich an und sagte: „Paul, verdammt, wir sind in Syrien.“
Marie sagte dann: „Wir müssen weiter, wir müssen weiter.“
Sie wollte nicht stehen bleiben. Jetzt ging's richtig los, ihr Ehrgeiz war erwacht.
Wir brauchten etwa zwei Tage für 30 Kilometer.
Wir mussten durchgehend Entscheidungen treffen à la:
Im Auto bleiben?
Wo verbringen wir die Nacht? Wer sind diese Leute?
Ist das richtig? Fühlt es sich richtig an? Wir hatten keine Ahnung.
Wir wussten nicht, wo die Checkpoints sind.
Schließlich landeten wir im Morgengrauen in einer Stadt namens Al-Buwaydah.
Der Mann, der für uns übersetzte, hieß Wa'el.
Paul stand auf und sagte „Hallo“ mit seinem speziellen Akzent.
Ich stellte mich vor: „Wa'el, Marie“, „Marie, Wa'el.“ „Willkommen.“
Paul lehnte sich zurück und beobachtete alles ganz genau.
Alle schenkten ihm Zigaretten.
Er dankte allen und probierte die schlechten syrischen Zigaretten.
Er war glücklich, so ganz nebenbei.
Was für ein toller Kerl!
Er drehte sich um und sagte: „Ich habe ein Geheimnis.“
„Und, was ist es?“ Er antwortete: „Ich bin ein Vegetarianer und Atheist.“
Ich sagte: „Du meinst Vegetarier?“
Er: „Nein, Vegetarianer.“ Und ich: „Daran arbeiten wir.“
Das erste Mal nach drei Tagen konnten wir uns ein wenig entspannen.
Ich wusste, dass es in Maries Hirn arbeitete.
Sie schrieb bereits einen Vertrag in ihrem Kopf, und sagte:
„Wa'el, willst du für die Sunday Times arbeiten?“
Er lächelte nur, und meinte: „Ja, gern.
Aber probiert nicht, mich zu bezahlen, sonst mach ich nicht mit.
Ich möchte kein Geld.“
Das Problem, dass ich mit Journalisten generell habe oder hatte, ist...
... dass sie in meinen Augen nur hier sind, um ihre eigene Geschichte zu schreiben.
Sie wollen ihr eigenes Ding drehen, viel Geld damit verdienen und wieder abhauen.
Aber Paul und Marie Colvin sind keine normalen Journalisten.
Sie haben diesen außergewöhnlichen Sinn für Menschlichkeit.
Wa'el kam rein und sagte: „Paul, Marie...
Ihr fahrt nach Baba Amr.“
Ab da änderte sich alles.
Alles passierte auf einmal.
Und da dachte ich:
„Scheiße, ist das echt so leicht, wie wir dachten?“
Wir fuhren durch weit offene Ebenen...
... und ich konnte durchgehend die Gewehrschüsse hören.
Plötzlich wurden wir runtergerissen, am Rande eines Feldes.
Wir konnten nichts sehen.
„Lauft!“
Du weißt nichts, gar nichts, du rennst einfach.
Ich wurde zu Boden gerissen...
... in... ein großes, dunkles, matschiges Loch.
Ich sag Ihnen was:
Wenn irgendjemand vorher wüsste, wie es in diesem Tunnel ist...
... wie es sich dort drin anfühlt, würde da keiner rein gehen.
Es ist ein Abflusskanal, ein Überlaufkanal.
Alles kommt durch diesen Tunnel.
Essen, Menschen, Munition.
Es ist die Arterie, die Baba Amr am Leben erhält.
Du spürst, wie dick die Luft ist. Sirupartig.
Du merkst, wie dicht, nass, dampfhaltig und feucht sie ist.
Folgt uns.
Es hat wehgetan, da durchzugehen, immer in dieser schrägen Haltung.
So sah das ungefähr aus:
Halb gebückt und den Kopf immer so.
Du denkst, das geht schon, haha, dann gehst du weiter, und dann:
„Aua, aua.“
Es gibt keinen Sauerstoff und du weißt nicht, wie lange die Reise noch dauert.
Den Anfang hast du bereits verdrängt, weil er zu schmerzhaft war.
Du hörst Stimmen.
Es muss ein Ende geben, das muss es.
Ein großes paar Hände packte mich und zog mich durch.
Willkommen in Homs.
Als wir in die Stadt kamen...
... warf der Mond tiefdunkle Schatten.
Man sah skelettartige Umrisse im Mondlicht.
Überall aufsteigender Rauch.
Und wir fuhren nicht weg von dieser Szenerie.
Wir fuhren darauf zu.
Und endlich hielt das Auto dann an.
Man führte uns in ein dreistöckiges Gebäude.
Da war ein Summen.
Dieses Summen waren Menschen, die sich auf Arabisch via Skype unterhielten.
Wa'el sagte: „Paul, das ist das Medien-Zentrum.
Das sind die Aktivisten.“
Alle Bilder, die wir je gesehen haben...
... alles, was wir über das Geschehen in Syrien wussten...
Wie Sie sehen, werden wir weiterhin beschossen.
... kam aus diesem Raum.
Der Beschuss geht weiter, es hört nicht auf.
Sie sahen den Arabischen Frühling über sich hinwegfegen.
Das war ihre eigene Version, dafür kämpften sie.
So viel Hoffnung. Und so viele Emotionen damals.
Wir wurden in Syrien mit Angst aufgezogen. Das Motto lautete:
„Nicht reden, nichts sagen, die Regierung niemals in Frage stellen.“
Warum? Weil sonst ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt wird.
Du wirst umgebracht.
Wenn wir mutig sein würden...
... könnten wir vielleicht so etwas wie eine Demokratie erschaffen.
Mal sehen, was Demokratie ist.
Mal sehen, ob wir wirklich frei sein können.
Wir fingen in Baba Amr an zu rufen: „Eins, eins, eins, das syrische Volk ist eins!“
Eins, eins, eins, das syrische Volk ist eins! Eins, eins, eins, das syrische Volk ist eins!
Die syrische Bevölkerung gehört zusammen, wir sind eins, wir sind alle gleich.
Dann gibt es diesen kurzen Moment, indem du dich umsiehst und denkst:
„Oh, das ist echt gut!
Ich glaube, wir haben jetzt eine Chance, eine wirklich gute Chance.“
Dann fingen sie an, die Todeskommandos einzusetzen.
Sie eröffneten einfach das Feuer auf jeden.
Der nächste Morgen begann mit einer großen Explosion.
Es war der Anfang der täglichen Bombardierung.
Es war gnadenlos.
Also, wir sind letzte Nacht endlich in Homs angekommen.
Abends war es ruhig, aber am Morgen, gegen 7 Uhr, ging der Beschuss los.
Seitdem ist er kontinuierlich zu hören.
Wir sind hier bei einer Familie, die aus ihrem Haus gebombt wurde...
... und nun als Flüchtlinge in einem einzigen Zimmer wohnen.
So wie es aussieht, sind es acht Menschen.
Gegenüber steht ein Haus, wo vor ein paar Tagen...
... vier Menschen, und zwar vier Frauen, getötet wurden.
Marie fragte: „Was ist da passiert?“
Wa'el sagte, dass in dem Haus vier alte Frauen gelebt haben.
Drei wurden sofort getötet.
Einer wurden die Beine weggeschossen, sie starb später daran.
Es waren alte Damen, die Opfer des Terrors wurden.
Diese Situation ist unvorstellbar.
Sie hören einfach nicht auf, die zivilen Gebiete zu bombardieren.
Nur wenige arbeiten, nur wenig funktioniert. Überall gibt es Scharfschützen.
Für Marie war das jetzt ein Heimspiel, wie man so schön sagt.
In diesen Situationen ist sie brillant.
Wir gehen in diesen Keller.
Und da sind hunderte Frauen und Kinder.
Der „Witwenkeller“.
Hauptsache, sie sind aus der Schusslinie.
Egal, ob es ein Keller oder sonst was ist.
Alles war bereit für die Befragung à la Colvin.
Du drückst dich nicht deutlich aus. Wo war Maziad?
Wann ist sie hergekommen und warum ist sie umgezogen?
Wann hat er das Haus verlassen?
Wann wurdest du von einer Rakete getroffen?
Okay, hast du die Leiche gesehen?
Oder woher weißt du, dass er tot ist?
Sie ließ das Menschliche nie außer Acht.
Ich habe gesehen, dass sie eine Verbindung zu jeder Person aufbauen konnte.
Ein Baby, das letzte Woche in diesem Keller geboren wurde...
... war genau wie ihre 19-jährige Mutter Fatima vom Krieg völlig traumatisiert.
Sie musste aus dem Haus ihrer Familie fliehen, als es zerbombt wurde.
„Wir haben wie durch ein Wunder überlebt“, flüstert sie.
Fatima ist so tief traumatisiert, dass sie keine Milch produzieren kann.
Das Baby bekommt nur Zucker und Wasser. Es gibt keine Ersatzmilch.
Jede in diesem Keller erzählt eine ähnliche Geschichte über Not und Tod.
Die Kinder haben kein Tageslicht mehr gesehen...
... seit dem ersten Tag der Belagerung, am 4. Februar
Wie alt war er?
30 Jahre alt.
- Er war mein Freund, weißt du? - Oh, wirklich?
Ich fühlte, dass... wir so... hilflos sind, und so hoffnungslos.
Denn wir sehen dem echten Problem hier ins Gesicht.
Mitten in einem Kriegsgebiet, umgeben von hilflosen alten Damen...
... und kleinen Kindern. Das tut einfach nur weh.
Wenn du mit ihnen nicht mitfühlen oder Sympathie entwickeln kannst...
... bist du nicht normal. Das Schwierige dabei ist...
... dass du höchst professionell darüber berichten musst.
Ohne dabei zu einem Verbündeten dieser Bewegung zu werden.
Marie und ich haben das ausführlich diskutiert.
Wir sind immer noch Journalisten, und wir machen weiter...
... um die Beweise zu finden.
Wir wissen, dass wir nur begrenzte Zeit haben.
Wir müssen zum Feldlazarett.
Wir sammelten uns und warteten darauf...
... dass die Granaten nicht mehr direkt über unsere Köpfe flogen.
Dann rannten wir los.
Hinter uns gab es eine gewaltige Explosion.
Es ist so gefährlich, weil du unter freiem Himmel bist...
... und überall wird geschossen.
Du suchst dir einen Punkt und rennst einfach darauf zu.
Dann griff jemand nach uns und zerrte uns in einen Hauseingang.
Und auf einmal waren wir im medizinischen Zentrum.
Es war das reine Chaos. Menschen schleppten andere herein.
Die Leichen wurden einfach gestapelt.
Überall lief das Blut in Strömen.
Wie kommen sie damit zurecht?
Diese Leute haben...
... keine Verbandskästen, kein Anästhetikum, kein Gas, keine Röntgengeräte.
Nur Menschen, die sich irgendwie um Menschen auf den Tischen kümmern.
Wenn du so etwas siehst — und ich habe viel davon gesehen...
... aber nicht im Film, sondern im realen Leben.
Also echtes Fleisch, echtes Blut und dazu der Geruch —
Du verlierst dann jedenfalls die Hoffnung.
Ich will meine Gefühle, meine Menschlichkeit nicht verlieren...
... aber je mehr ich davon sehe, desto mehr gewöhne ich mich dran.
Ich sah sein Gesicht, ich kannte ihn.
Ich hatte ihn auf YouTube gesehen.
Dr. Muhammad Mohamed.
Er wurde in der ganzen Welt bekannt, als der Arzt...
... der das Geschehen auf den Punkt brachte.
Er flehte die Welt um Hilfe an und forderte sie auf, zu sehen, was hier geschah.
Bitte stoppt dieses Massaker!
Ich flehe euch an! Wir sind am Ende!
Mitten in einem Blutbad hat dieser Mann Wunder bewirkt und nie aufgegeben.
Genau da wurde mir klar...
... was das Regime seinen eigenen Leuten, seinen eigenen Kindern antat.
Ich habe Probleme, das Wort „Krieg“ dafür zu gebrauchen.
Es ist wirklich schwierig.
Das war kein Krieg, wie ich oder Marie oder irgendjemand ihn kannte.
- Was war es dann? - Ein Gemetzel.
Ich stehe hier am Einschlagsort und kann sehen, was getroffen wurde.
Zivile Gebäude wurden zerstört.
Und seit 6:30 Uhr heute Morgen herrscht heftiger Beschuss.
Mit Panzern und Mörsergranaten hindern die Syrier die Zivilisten daran...
... zu fliehen, wenn sie auf die Straße kommen.
Wer nicht von Granaten getroffen wird, fällt Scharfschützen zum Opfer.
Die sind überall auf den hohen Häusern in Baba Amr.
Ich glaube, dass das Widerlichste daran diese Gnadenlosigkeit ist.
Das Ausmaß ist einfach schockierend.
Baba Amr hat alles aufgedeckt.
Es hat uns wachgerüttelt.
Es war richtig, hier zu sein.
Es war das Risiko wert.
Ich lud gerade die Bilder runter.
Marie schrieb ihre Story.
Man konnte sehen, dass sie Feuer und Flamme war.
Marie schüttelte nur den Kopf und sagte: „Warum? Was passiert hier? Warum?“
Und: „Die Welt muss das sehen. Die Welt muss das sehen.
Die Welt muss das sehen!“
Einer der Aktivisten kam zu uns rüber und sagte: „Hört zu:
Wir haben die Information bekommen, dass die Bodentruppen...
... von Assad heute Nacht herkommen.
Ihr müsst weg.“
Marie weigerte sich. Wir weigerten uns total.
Alle machten sich bereit, zu gehen, und Marie sagte:
„Okay, lasst sie gehen.
Hier sind so viele Menschen, es gibt so viele Morde.
Wer soll für sie sprechen?“
Als sie das sagte, dachte ich:
„Aha, okay.“
Ich schämte mich ein wenig, denn ich bin ja der Syrer.
Ich müsste eigentlich bleiben, stattdessen wollte ich weg.
Doch sie bestand darauf, zu bleiben.
Die Aktivisten drängten aber letztlich drauf, dass wir gehen.
Ich fühlte mich, als würde ich jemanden auf dem Schlachtfeld zurücklassen.
Und als Soldat würde ich das niemals tun.
Und es fühlte sich völlig abwegig an, das Gegenteil zu tun.
Es herrschte nun fast so was wie Gelassenheit im Dorf.
Doch Marie war am Verzweifeln.
Sie sagte: „Paul, wir haben es versaut.
Wir sind gegangen. Sie sind niemals einmarschiert.“
Mein Herz rutschte in die Hose.
Ich sagte:
„Marie, wir haben eine Entscheidung getroffen aufgrund unserer eigenen Intelligenz.“
Aber das war nicht ehrlich.
Ich fand auch, dass wir versagt hatten.
BILDER: PAUL CONROY
Die einzige britische Zeitungsjournalistin in der belagerten syrischen Enklave Baba Amr
Am Samstag vollendete Marie den Bericht für die Sonntagsausgabe.
Wir brachten ihn auf der Titelseite. Und innen...
... war ihre bemerkenswerte Reportage über den „Witwenkeller“.
Sie nennen es den „Witwenkeller“.
Inmitten provisorischer Betten und verstreuten Habseligkeiten...
... sitzen verängstigte Frauen und Kinder zusammen in dem Horror von Homs fest.
Die Stadt ist durch den seit zwei Wochen andauernden Beschuss erschüttert.
Das war ein Beispiel für die Leidenschaft, die sie für Dinge, die sie sah, entwickelte.
Drei kleine Mädchen zwischen 16 Monaten und 6 Jahren...
... schlafen auf einer dünnen, zerrissenen Matratze auf dem Boden.
Drei weitere teilen sich eine zweite.
„Die Kinder schreien die ganze Zeit“, sagte Hamida.
„Ich fühle mich so hilflos.“
Sie begann zu weinen.
„Wir fühlen uns allein gelassen.
Sie haben Bashar Al-Assad grünes Licht gegeben, uns zu töten.“
Es war das Beste, was sie je geschrieben hat. Marie fasste zusammen...
... in welcher schlimmen Lage sich Zivilisten im Krieg befinden...
... und sie schrieb es klar und deutlich.
Abdel Majid, 20 Jahre alt, der dabei half, die Verwundeten...
... aus den zerbombten Häusern zu retten, hat eine simple Bitte:
„Bitte, sagt der Welt, dass sie uns helfen müssen“...
... sagte er zitternd und mit gequältem Blick.
„Hört mit der Bombardierung auf! Bitte, hört mit dem Granatfeuer auf.“
Wir wussten, dass das Gesamtpaket stimmte.
Die Fotos waren überzeugend.
Außerdem war uns vollkommen klar, dass es wohl noch schlimmer werden wird.
Nämlich knapp 5 Kilometer weit weg in diese Richtung.
Und wir waren hier.
Und dann sagte sie es: „Paul...
Du weißt, dass wir zurück nach Baba Amr müssen.“
Und ich: „Klar, natürlich.“
Ich sagte: „Marie, das hast du doch von Anfang an im Sinn gehabt.“
Und sie lachte und sagte: „Ja, ich weiß.“
Zuerst schalten wir nach Osttimor auf das UN-Gelände.
Ich glaube, wir haben Marie Colvin von der Sunday Times in der Leitung.
Marie, was passiert da gerade?
Hier sind tausende Flüchtlinge.
Hauptsächlich Frauen und Kinder, würde ich sagen.
Sie haben sehr, sehr große Angst. Sie sind das Ziel dieser Menschen.
Sie denken, dass sie abgeschlachtet werden.
Marie war in Osttimor auf dem UN-Gelände, das vom Militär umstellt war.
Die Diplomaten sagten allen Journalisten, dass sie sofort gehen sollen...
... oder sie würden ihr Leben riskieren.
Marie, Sie haben von allen berichtet, nur nicht von Ihnen selbst.
Wie schwer fiel ihnen die Entscheidung, dort zu bleiben?
Ich bin geblieben, weil hier tausende Flüchtlinge...
... zum Ziel werden und ohne Schutz sind, völlig wehrlos.
Wenn hier noch ein paar Journalisten bleiben, und davon berichten, was ihnen widerfährt...
... ist es vielleicht, so denke ich, eine geringe Form der Abschreckung.
UN-Diplomaten erzählten Marie, dass ohne ihre tagelangen Live-Berichte...
... von dem Gelände, die um die Welt gingen...
... man diese Menschen einfach ihrem Schicksal überlassen hätte.
Das traf Marie mitten ins Herz.
Warum soll sie wegrennen, wenn die anderen es nicht können?
Sie wussten, dass sie, solange ich da war, eine Chance hatten zu überleben.
Wenn ich ginge, würden sie wahrscheinlich sterben.
Und ich dachte, Journalismus kann einen Unterschied machen.
Es ist nicht vergebens.
Okay...
Wieder zurück durch den verdammten Tunnel.
Da kamen Gefühle in mir hoch, die mir sagten:
„Das hier fühlt sich nicht richtig an.“
Nur eine kleine Stimme, die in mir nagte, die anklopfte.
Ich sagte: „Marie, Wa'el, ich brauche einen Moment.“
Dann fügte ich hinzu: „Ich habe ein schlechtes Gefühl.“
Und Marie fragte: „Was ist denn los?“
„Nur eine Stimme, die ich jedoch noch nie ignoriert habe.“
Wann immer ich dieses Gefühl bekam, habe ich es beherzigt.
Denn der Instinkt ist meine einzige Verteidigung und mein Schutz.
Sie dachte einen Moment darüber nach.
Dann sagte sie: „Ich bin die Journalistin, du der Fotograf.
Ich gehe zurück. Wenn du nach Hause gehen möchtest, dann mach das.“
Da fing ich an zu lachen und sagte: „Gut, das hätten wir geklärt.“
Ich hatte es gesagt...
... aber es wurde nie wieder darüber gesprochen.
Wa'el sah mich an und sagte: „Es wird Zeit für Baba Amr.“
Als wir das Ende des Tunnels erreichten...
... werde ich nie den Moment vergessen, als ich hochblickte und erstarrte.
Etwas war passiert.
Jemand hatte den Befehl erteilt, der da lautete:
„Tu es, bring es zu Ende. Zerstöre Homs.“
Dienstagmorgen, es war einfach unglaublich...
... an diesem Ort zu sein.
Es war unmöglich, auf die Straße zu gehen.
Es regnete da wortwörtlich Granaten, Raketen und was weiß ich.
Es war so, als würden alle Wütenden alles, was sie haben, über ihren Köpfe ausschütten.
Einer der Aktivisten riskierte einen Selbstmordlauf zur Krankenstation.
Er zeigte uns seine Aufnahmen.
Baba Amr, 21.02.2012.
Dieses Kind stirbt.
Das Krankenhaus ist 100 Meter entfernt aber wir konnten es nicht dorthin bringen...
... weil das Regime es nicht erlaubt, dass Kinder flüchten.
Sie lassen uns nicht gehen.
Dieses Baby lag da, die Ärzte konnten nichts tun.
Sie standen nur da.
Und die Großmutter, die im Feldlazarett arbeitete...
... erkannte auf einmal ihr Enkelkind.
Wir haben das Baby sterben sehen.
Wir saßen schweigend da.
Ich fühlte nur Wut, richtige Wut, und ich wusste, dass Marie dasselbe fühlte.
In diesem Moment wusste ich, dass das Maries Story werden würde.
Sie würde die Story in jedem Fall erzählen, koste es, was es wolle.
Koste es, was es wolle.
Wir beschlossen, dass diese Story so oft wie möglich gesendet werden sollte.
Wir wollten dieses Baby und was mit ihm geschehen ist...
... als Signal für die Welt nutzen. Ein Appell.
CNN Anderson Cooper 360 Grad.
Die Reporterin Marie Colvin von der Sunday Times London...
... ist uns jetzt aus Homs zugeschaltet.
Marie, dieses kleine Baby ist gestorben.
Sie haben viele Kinder in diesem Konflikt sterben sehen.
- Wie war das für Sie? - Es bricht einem das Herz.
Der erste Schock war natürlich, dass die eigene Großmutter...
... zufällig in der Notaufnahme geholfen hat.
Sie fing an zu schreien:
„Das ist mein Enkelsohn! Wo habt ihr ihn gefunden?“
Der Arzt sagte dann: „Wir können nichts mehr für ihn tun.“
Und wir konnten nur zusehen, wie sein kleiner Bauch sich hochstemmte...
... und er versuchte, Luft zu bekommen.
Es ist absolut widerlich.
Heute startete der Beschuss um 6:30 Uhr am Morgen.
Ich zählte 14 Granaten, in nur 30 Sekunden, die in diesem zivilen Gebiet einschlugen.
Warum, denken Sie, ist es wichtig, diese Bilder zu sehen?
Warum ist es für Sie wichtig, dort zu sein?
Sie sind jetzt womöglich die einzige westliche Journalistin in Homs.
Ich glaube fest daran, dass man das hier zeigen muss.
Dieses tote Baby wird vermutlich mehr Leute dazu bewegen, sich zu fragen:
„Was ist da los, und warum stoppt niemand diese täglichen Morde in Homs?“
Das syrische Regime behauptet, dass sie keine Zivilisten beschießen.
Dass es keine bewaffnete Auseinandersetzung gibt...
... und dass sie nur terroristische Gruppierungen jagen.
Das ist eine komplette und dreiste Lüge, dass sie nur Terroristen jagen.
Die syrische Armee beschießt eine Stadt mit hungernden und frierenden Bürgern.
Ja, ich meine, das ist wirklich erschütternd.
Na ja, das sind... Das war's.
Das war ihr letzter Bericht.
Es war wie eine Woge.
Ein riesiger Triumph.
Man hatte aus dem Nichts etwas geschaffen.
Wir haben etwas bewegt.
Wenigstens das.
Ich glaubte nicht, dass wir einen Fehler gemacht hatten.
Uns war bewusst, dass das Ärger mit sich bringen würde.
Es würde keine guten Nachrichten für uns geben.
Sie sagte zu mir am Satellitentelefon:
„Lindsey, das ist das Schlimmste, was wir je gesehen haben.“
Sie war voll von den Eindrücken des Schreckens der gesamten Situation.
Von allem, was sie gesehen hatte.
Dem Leid der Menschen, der Kinder, der Frauen, etc.
Und ich fragte: „Marie, hast du einen Notfallplan?“
Es folgte eine lange Pause, bis sie antwortete: „Das war's. Ich hab keinen.“
Und da fing ich an, mir wirklich Sorgen zu machen.
Sean Ryan meldete sich über Skype auf meinem Laptop.
Wir haben der Sunday Times nie gesagt, dass wir zurückgehen würden.
Das hatten wir uns als kleines Extra aufgehoben.
Wir dachten, es wäre einfacher, sich später zu entschuldigen...
... als vorher nach Erlaubnis zu fragen.
Am Anfang dachte sie, dass sich, wenn sie noch etwas länger bleiben würde...
... noch mehr Möglichkeiten ergeben würden, um der Welt zu zeigen, was dort geschieht.
Um die Aufmerksamkeit der Welt darauf zu lenken.
Er wollte, dass wir zurückkommen.
Wir diskutierten hin und her und einigten uns auf den Plan...
... am nächsten Morgen gegen 5 Uhr zum Feldlazarett zu gehen.
Nein, ich habe ihrem Plan, morgens zum Feldlazarett zu gehen, nicht zugestimmt.
Wir würden weitere Informationen einholen und ich noch mehr Fotos machen.
Danach würden wir gehen.
Das war nicht sehr realistisch, um es positiv auszudrücken...
... aber das war unsere Abmachung.
Es klopfte an der Tür.
Als ich aufgemacht habe, dachte ich, dass ich fantasiere.
Da standen gute Freunde von mir: Remi Ochlik...
... Edith Bouvier... und William Daniels.
Paul stand rechts, er war sehr nett.
Wir fingen an, mit Paul zu reden. Er war sehr, sehr freundlich.
Wir waren einfach nur glücklich, lebend in Baba Amr angekommen zu sein.
Ich war sehr stolz darauf, mit Remi Ochlik zusammen zu arbeiten.
Er hatte bereits viele Preise gewonnen.
Und natürlich mit Marie.
Sie war so berühmt und eine meiner Heldinnen.
Ich legte meine Sachen einfach irgendwohin.
Sie nahm die Sachen und warf sie zur Seite, weil sie auf ihrem Platz gelegen hatten.
Sie war so unhöflich.
Marie kam zu mir rüber, beugte sich zu mir runter und sagte:
„Willst du immer noch gehen, jetzt wo der europäische Müll da ist?“
Das war verflucht typisch für sie.
Es war ihre Story.
Sie hatte sie sich zu eigen gemacht.
Sie würde niemals gehen, solange die anderen da waren.
Am nächsten Morgen schlichen wir den kleinen Flur entlang...
... und passten auf, dass wir keinen weckten.
Die einzigen Geräusche waren Schnarchen und ein, zwei Leute...
... die sich zum Skypen unter ihrer Decke versteckten.
Die letzten Worte von Marie, an die ich mich erinnere, waren:
„Paul, die Scharfschützen werden wach sein.“
Dann eine dramatische Pause:
„Und die Franzosen.“
Ich machte nur „Psst“.
Dann hörte ich nur noch das „Zisch, Bum“.
Und nochmal hörte ich „Zisch, Bum“. Dann ein Aufprall.
Ich schätze mal 150 Meter entfernt.
Ich realisierte sofort, als ehemaliger Maschinengewehrschütze...
... der Ziele lokalisiert und gefunkt hatte, was dort passierte.
Sie brachten die Granatwerfer für die Belagerung in Stellung.
Und dann...
In der nächsten Sekunde erzitterte das Gebäude.
Jetzt war klar, dass das Regime wusste, dass sich dort das Medien-Zentrum befand.
Eine weitere Rakete schlug in das Dach ein, und das Dach stürzte an der Stelle runter.
Das Gebäude würde zusammenstürzen, das war eindeutig.
Ich hörte Edith schreien.
AUDIOAUFNAHME VON SKYPE
Edith! Edith!
Alles in Ordnung?
Was...
Ruhig, ruhig...
Oh, Gott...
Paul!
Edith!
Mein Bein, es ist schlimm.
Okay...
Ich guck es mir an, bleib ruhig liegen.
Ich wollte sie hochheben, aber sie schrie gleich los.
Da war klar, dass ihr Bein verletzt war.
Zu dem Zeitpunkt konnte ich Paul nicht sehen.
- Bist du hergelaufen? - Nein, nein.
Ich werde verbluten.
Nein, ich wurde getroffen! Ich brauche einen Stauschlauch für mein Bein!
Ich kann mich nicht bewegen!
Ich stand auf...
... nahm meinen Schal von meinem Hals...
... wickelte ihn um mein Bein und zog so fest es ging zu.
Sofort dachte ich an Marie und Remi. Wo waren sie?
Ich ging zwei Schritte auf das zu, was einmal die Tür war und fiel einfach hin.
Mein Bein knickte ein und ich fiel hin.
Ich weiß noch, dass ich Paul sah, er war nah am Ausgang des Gebäudes.
Ich konnte Remi nicht sehen, ich konnte Marie nicht sehen.
Ich guckte hoch und lag direkt neben Marie.
Ich legte meine Hand auf ihre Brust, um meine Vermutung zu bestätigen.
Sie war... Sie war tot.
Journalisten?
Wir können sie nicht rausholen.
- Sind es schwerwiegende Verletzungen? - Sie sind tot.
Eine Frau ist tot.
Ja, sie ist tot.
Wer? Marie von der Sunday Times?
Ja, ja, Marie von der Sunday Times.
- Sie ist tot? - Tot.
Sie schleppten mich ins medizinische Zentrum.
Ich war so daran gewöhnt, Leuten meine Kamera vors Gesicht zu halten.
Und nun hielt man mir Kameras vors Gesicht.
Ich erinnere mich nicht mehr an viel, nachdem der Beschuss angefangen hatte.
Da waren einige Einschläge sehr nah.
Dann wurden wir irgendwo direkt getroffen.
Das war das erste Mal, dass ich mein Bein wirklich sehen konnte.
Und wenn ich das jetzt sehe, kann ich es wieder fühlen.
Ich sah das Loch, es war so groß, dass meine Faust reingepasst hätte.
Er wurde im linken Oberschenkel getroffen.
- Edith... - Nein, nein, nein, lass mich in Ruhe!
Okay, okay, wir werden nichts veröffentlichen...
- ... bis deine Familie über dich Bescheid weiß. - Gib mir einfach einen Moment.
Mein Freund ist tot, ich bin verletzt.
- Okay... Okay, okay. - Bitte lass mich in Ruhe.
Zuerst dachte ich, dass sie die Wunde nur sauber machen und einen Verband anlegen.
Und dann... ist alles okay.
Hier im linken Oberschenkel ist eine tiefe Wunde.
Der Knochen und die Nerven wurden verletzt.
Ich konnte nicht glauben, dass ich so schwer verletzt war.
Wenn man sie nicht operiert...
... und nicht schnell aus Baba Amr rausbringt...
... wird sie sterben.
Ich war nicht in der Lage, zu denken. Da war nur Schmerz.
Nur Schmerz, jegliche Emotion war weg.
Ich war innerlich vollkommen leer.
Ich hab mich zusammengerissen, um mich nicht zu übergeben.
So schlimm war das.
Dann drehte ich mich um: „Wo ist Marie?“
Da sagte er mir:
„Ich glaube nicht, dass sie es geschafft hat.“
Ich war geschockt.
Ich war doch derjenige, der sie hätte beschützen müssen.
Sie brachten Edith rein...
... und stabilisierten ihr Bein notdürftig mit einer Art Zugvorrichtung.
Sie schoben sie neben mein Bett und wir hielten uns an den Händen.
In dreißig Minuten...
... war alles zerstört.
Remi und Marie wurden getötet.
Alles hatte sich verändert.
Ich habe keine Worte, um zu erklären, wie wir alles so schnell verloren haben.
In diesem Moment habe ich begriffen, dass, wenn ich diese Nacht überlebe...
... oder die nächsten 20 Jahre, mein Leben nie wieder dasselbe sein wird.
Alles hat sich geändert.
Sie brachten uns in dieses Gebäude.
Ich lag bewegungsunfähig auf einer sehr dünnen Matratze.
Und offensichtlich hatte man die Fenster verbarrikadiert.
Es war dunkel.
Sie hatten eine winzige Öllampe angezündet...
... und das wenige Licht flackerte.
Ich war im Fitnessstudio, auf dem Laufband...
... als mich jemand von der Auslandsredaktion anrief...
... und mir mitteilte, dass Marie tot und Paul schwer verletzt sei.
Ich bekam eine Nachricht auf Facebook von einem spanischen Journalisten:
„Ich befürchte, deiner Freundin Marie ist etwas Schlimmes zugestoßen.“
Ich rief Sean an und fragte: „Was weißt du?“
Der nächste Anruf kam von Lindsey Hilsum. Sie weinte und fragte: „Ist es wahr?“
Ich sagte ihr, dass noch nichts bestätigt sei, ich aber vom Schlimmsten ausgehen würde.
Aber ich wusste es, ich wusste es, ich wusste es...
Die Auslandskorrespondentin Marie Colvin...
... wurde während eines Beschusses in Homs, in Syrien, getötet.
Das zeigt auf, welches unglaubliche Risiko Journalisten auf sich nehmen...
... um der Welt die Wahrheit über die Ereignisse in Syrien zu zeigen.
Mindestens 20 Menschen sind gestorben.
Unter ihnen auch die legendäre amerikanische Kriegsberichterstatterin Marie Colvin.
Ich habe nicht geschlafen.
Ich war die ganze Nacht wach. Wir alle waren das.
Mein Verstand realisierte zum ersten Mal, was ich verloren hatte.
Heute Abend wurden diese außerordentlichen Szenen...
... auf YouTube veröffentlicht.
Ein Zeichen der Dankbarkeit und der Solidarität der Einwohner Homs...
... für die gefallenen Journalisten.
WIR WERDEN EUCH NIE VERGESSEN
Davon wusste ich nichts.
Ich hatte keine Ahnung, dass das stattfand.
Was fühlst du...
... wenn du das siehst?
Sie machen weiter mit dem, was ich mache.
- Alles gut? - Ja.
Marie Colvin wurde in Baba Amr getötet...
... weil sie eine ehrenwerte Botschaft verbreitete.
Eine menschliche Botschaft.
Sie erzählte die Wahrheit über das, was hier in Baba Amr passiert.
Gott schütze dich im Himmel, liebe Marie.
Eine meiner besten Freundinnen, eine Kollegin und jemand, den ich sehr liebte...
... wurde gerade vor meinen Augen in die Luft gesprengt.
Und ein weiterer sehr guter Freund, Remi, ist auch tot.
Ich fühlte nichts.
Ich war emotional leer.
Bin ich so kalt, zynisch und emotionslos geworden?
Hatte ich mich so an den Tod gewöhnt, dass ich nichts mehr fühlen konnte?
Um ehrlich zu sein, das hat mir große Angst gemacht.
Irgendwas hatte mich innerlich verlassen.
Edith fragte: „Wie spät ist es?“
Ich antwortete:
„6:25 Uhr.“
Und...
... fünf Minuten später fing der Tag an.
Sie trafen das Gebäude oben, dann links.
Dann hörte man es weit entfernt:
Ich kannte den Weg raus, ich wusste, dass es nur einen Weg raus gab.
Die einzige Option war, durch den Tunnel zu gehen.
Aber wir kamen immer wieder zum Ergebnis, dass das unmöglich war.
Denn wenn wir Edith bewegen würden, könnte sie sterben...
... weil ihre Knochen ihre Arterien verletzen würden.
Ich hätte mir solche Schmerzen und solchen Stress niemals vorstellen können.
Wir hatten Schmerzmittel, Tramadol, aber nicht genug davon.
Das Schlimmste daran, verletzt zu sein, war, dass ich eine Last für alle war.
Dass ich eine Last für meine Kollegen und Freunde geworden war.
Dr. Mohamed kam mit einer Videokamera herein und sagte:
„Wir werden ein Video machen.
Wir wollen an eure Regierung appellieren, damit sie Hilfe schicken.“
Ich bin Edith Bouvier, eine französische Reporterin...
... die an Reportagen mit einer Gruppe von Journalisten in Syrien arbeitet.
Ich hab nur gehofft, dass meine Familie sehen würde, dass wir noch leben.
Ich habe nur an sie gedacht.
Ich muss dringend operiert werden.
Die Ärzte hier haben alles getan, was möglich war.
Wie sie sagte: Sie hat einen doppelten Bruch und muss dringend hier weg.
Er sagte: „Okay, jetzt du, Paul.“
Heute Abend wuchs der internationale Druck auf Syrien...
... um Hilfskräfte zu den Zivilisten vordringen zu lassen, die belagert werden.
Ein britischer Fotograf ist in der Stadt gefangen und schickte einen Hilferuf per Video.
Ich wurde gestern durch einen Raketenangriff verwundet.
Ich habe drei große Wunden am Bein.
Meine Kollegin Marie Colvin wurde bei dem Angriff getötet.
Es war klar, dass die Kavallerie nicht kommen würde.
Es war kein:
„Dadadadada, wir kommen euch rausholen.“ Das würde nicht passieren.
Das wusste ich, und ich habe es auch nicht erwartet.
Wir waren letztlich...
... auf uns allein gestellt.
Ich hab mir gedacht: „Nein, ich werde hier nicht sterben...
... in meinem eigenen Blut, niedergestreckt auf einer Matratze...
... in diesem Drecksloch.
Ich war entschlossen, dass mir das nicht passieren wird.
Ich hörte sie in den Straßen rennen. Einzelne Schüsse wurden abgefeuert.
Straßenschlachten.
Das Netz zog sich zu, in jeder Hinsicht.
Wenn wir hier noch länger festsitzen, wird es richtig schlimm werden.
Und es ist schon schlimm.
Heute ist dieses Haus, ich glaube 10 Mal — William, waren es 10 Mal? —
... etwa 10 Mal frontal oder teilweise getroffen worden.
- Wenn nicht öfter. - Vermutlich waren es mehr als 10 Einschläge.
Und es gibt absolut keine Aussicht, dass es besser wird.
Jemand kam rein und sagte: „Sie haben den Wassertank getroffen.“
Das bedeutete, dass wir ab jetzt kein Wasser mehr hatten.
Wir bekamen immer weniger zu essen.
Einen Teller Reis für den ganzen Tag, und den mussten wir uns teilen.
Das war sehr hart.
Und ich wusste, dass das viel mehr war...
... als alle anderen in der Umgebung zu essen hatten.
Gott ist groß!
Die Menschen fliehen.
Die Ärzte verbrachten Tage und Nächte mit uns und erzählten...
... wie viele Kinder, Frauen und Männer jeden Tag hier sterben.
Wir wussten, dass da draußen Menschen waren.
Sie waren nicht verschwunden, niemand war entkommen.
Worüber wir berichtet hatten, geschieht immer weiter.
Der einzige Unterschied war nur, dass wir jetzt voller Löcher waren.
Gegen zwei Uhr fiel mir auf...
... dass sie heute eine sehr lange Mittagspause machen.
Keine Schüsse mehr.
Sogar das kleinkalibrige Feuer war eingestellt.
Wa'el kam rein und sagte:
„Wir haben Waffenstillstand.
Sie schicken das Rote Kreuz rein, um euch rauszuholen.
Heute Abend sind wir hier raus.“
Das war das erste Mal seit dem Beginn der Revolution...
... dass es irgendeine Form von Feuerpause gab.
Okay...
Wir hatten die schlimmste Situation aller Zeiten überlebt, aber es ist okay.
Wir werden bald in Beirut Bier trinken.
Ja, wir haben geglaubt, dass wir schnell in Sicherheit sein würden.
Um sieben Uhr hörten wir draußen Fahrzeuge ankommen.
Dann kam Wa'el rein...
... und ich wusste, da stimmt was nicht.
Er sagte: „Hör zu:
Man hat uns gesagt, dass das internationale Rote Kreuz kommen würde.“
Ich fragte: „Sind sie hier?“ Er antwortete: „Nicht ganz.
Es ist das syrische Rote Kreuz.“
Nun...
Für die meisten hätte das jetzt keinen Unterschied gemacht.
Aber wir hatten gehört, dass das syrische Rote Kreuz...
... bereits diverse Male in Homs gewesen war.
Sie hatten Verletzte mitgenommen.
Die Frauen ließ man irgendwann gehen, die Männer verschwanden einfach.
Und da war das Problem, das große Problem:
Es könnte medizinisches Personal sein, aber genauso gut auch Soldaten.
Waffen wurden gezogen, Menschen schrien.
Auf einmal wusste man, dass diese Rettung schiefgehen würde.
Ich sagte: „Holt den Leiter des syrischen Roten Kreuzes rein.
Wir reden mit ihm.“
Sie brachten einen Arzt herein, und ich fragte ihn: „Was passiert hier?“
Er antwortete: „Ich repräsentiere die syrische Regierung in Damaskus.
Uns wurde befohlen, herzukommen und Sie rauszuholen.
Sie werden behandelt und frei gelassen.“
Es war, als ob er mit uns verhandeln wollte:
„Ich denke, das ist der einzige Weg, Leute.
Die Feuerpause wird nicht ewig dauern.“
Und ich sagte: „Wissen Sie, wir sind in einer sehr verzweifelten Situation.
Wir wissen nicht, was wir tun sollen.“
Dann sah ich ihm in die Augen, er blickte mich an und sagte leise:
„Steigen Sie nicht in den Krankenwagen.“
Und dann mit lauter Stimme: „Es ist mein Job, Sie nach Damaskus zu bringen.“
Dann wieder leiser:
„Ein Ertrinkender klammert sich an jeden Strohhalm.
Steigen Sie nicht in den Krankenwagen.“
„Leute, macht das nicht.“
Er sagte uns deutlich, dass wir nicht gehen sollten.
Dass wir bleiben sollten.
Welche Entscheidung gab es noch zu treffen?
Dann sagte er: „Okay, es ist Ihre Entscheidung, ich gehe raus.“
Verstanden?
Und wir hörten, wie die Rettungswagen davonfuhren.
Und ich wusste, dass wir in diesem Moment alle dasselbe dachten:
War das der größte Fehler, den wir je gemacht haben?
Alle unsere Hoffnung legten wir in den Krankenwagen...
... der Paul sicher rausbringen sollte.
Zu unser völligen Überraschung sagte man uns...
... dass der Rettungswagen das Feldlazarett gefunden hatte...
... Paul Conroy sich allerdings geweigert hatte, einzusteigen.
Ich war entsetzt und dachte...
... dass er vielleicht seine letzte Chance zum Überleben weggeworfen hatte.
Das war der absolute Tiefpunkt.
Schlimmer als alles andere.
Denn es war das erste Zeichen der Hoffnung seit...
... der Albtraum in Homs begonnen hatte.
Und dann ging der Beschuss wieder los.
Bam, bam, bam, bam...
Es war offensichtlich, dass sie genau unser Haus beschossen.
Der Beschuss dauerte die ganze Nacht.
Und zwar ohne Pause.
Gott ist groß!
Am vierten Tag kam ich an meine Grenzen.
Wenn man eine Definition von Elend haben wollte...
... musste man nur in diesen Raum gehen.
Man konnte das Elend praktisch mit Händen greifen.
Wa'el...
... weigerte sich beharrlich, uns allein zu lassen.
Er kam aus der Gegend und kannte den Weg raus.
Das war seine Heimat.
Wir sagten ihm mehrere Male, dass er gehen sollte.
Wir hatten ihn da reingeritten, ich wollte, dass er geht.
Es gab von Anfang an nur eine Entscheidung:
Entweder wir sterben zusammen oder wir kommen zusammen raus.
So einfach war das:
„Nein, ich will nicht darüber nachdenken. Das ist unvorstellbar.
Einfach unvorstellbar, das kannst du nicht machen.
Du hast sie hergebracht, du bringst sie auch wieder raus.“
Da war das Gefühl, dass alles zu Ende ist.
Ich meine, diese Panzer:
Man konnte die Scheißdinger hören, Tarnung war ihnen egal, sie kamen einfach.
In diesem Moment hatte ich definitiv die Hoffnung aufgegeben.
Ich dachte, wir würden dort sterben.
Da hab ich einfach nur gedacht...
... wie schwarz in dem Moment die Welt ist.
Was für ein tiefschwarzer Ort das doch war.
Plötzlich war da ein Redeschwall auf Arabisch.
Wa'el schnellte hoch.
Er sagte: „Macht euch bereit, wir gehen.“
Der Fokus lag auf Edith.
Sie fixierten mich mit Klebeband auf der Trage.
Wir gingen aus dem Zimmer.
Draußen war es so laut, der Lärm übertönte alles.
Überall waren die Scheinwerfer an, alle Motoren liefen.
Sie machten sich keine Mühe, sich zu verstecken.
Auf geht's!
Nur nicht drüber nachdenken.
Wie sagt man so schön? „Arschbacken zusammenkneifen und rennen.“
Es ist 8 Uhr und wir wurden aus dem Raum gebracht...
... in dem wir bislang gelegen haben.
Ich hab ein paar Tramadol bekommen, damit ich es schaffe.
Es sieht so aus, als würden wir aus Baba Amr flüchten.
Wir fahren hinter einem LKW her, ich habe keine Ahnung, wohin es geht...
... und wie wir hier rauskommen sollen.
Der heutige Beschuss war intensiv.
Es sieht so aus, als wäre das unsere letzte Chance, hier rauszukommen.
Wir fuhren direkt raus.
Wir wussten, dass wir mitten durch die Frontlinie fahren müssen.
Wenn wir es aus dieser Straße raus schaffen, haben wir eine Chance.
Da war diese große, lange, leere Straße...
... die auf unsere zwei Lkws wartete.
Das war's.
Wenigstens waren wir nicht mehr in diesem beschissenen Zimmer.
Wenigstens probierten wir was.
Ich war glücklich...
... dass ich die...
... die Sterne, den Mond und den Himmel sehen konnte.
Ich war zumindest glücklich darüber...
... vor dem Sterben nochmal richtig atmen zu können.
Sie beschossen uns mit allem, was sie hatten.
Das war im Grunde... ein Teufelsritt.
Und wir fuhren weiter und weiter und weiter.
Bis zum Tunnel.
Wa'el sagte: „Ich bleibe hier und pass auf, dass alle es schaffen.“
Ich sagte zu ihm:
„Sieh zu, das du überlebst, verdammt nochmal! Wehe, du überlebst nicht!“
Und dann knotete er ein Seil um mich...
... und warf mich in den Tunnel.
Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Da kam ein Motorrad an.
„Steig auf!“
Ich antwortete: „Nein, das werde ich nicht, verdammt nochmal!
Nicht solange hier Frauen und Kinder sind.“
Und er sagte: „Hör zu, deine Freunde sind tot, meine Freunde sind tot.
All die Familien dieser Leute hier sind tot.“
Dann hoben sie mich hoch und verfrachteten mich auf das Motorrad.
„Geh raus, und erzähl es der Welt“, sagten die Zurückgelassenen.
„Erzähl es der Welt.“
Ich saß hinten auf dem tiefer gelegten Motorrad.
Der Fahrer beugte sich so weit vor, dass sein Kinn den Frontscheinwerfer berührte.
Der Tunnel wackelte und vibrierte.
Es war einfach nur eine Qual für mein Bein.
Ich dachte aber nur:
„Ach, scheiß drauf! Scheiß drauf!“
Ich dachte, das war's.
Ich dachte, wir kommen hinten am Tunnel an und dann ist endlich alles vorbei.
Wir würden raus aus dieser Scheißhölle sein.
Doch dann hielten wir an.
Ich schaute nach vorne...
... und war mir nicht sicher, ob ich halluziniere.
Da war nur eine Wand aus Sand und Steinen.
Und ich dachte:
„Scheiße, die haben den Tunnel gesprengt, während wir drin sind.“
Ich dachte nur: „Nein, nein, nein, nein, nein, nein.“
Da war so ein großes Loch, das jemand gegraben hatte.
Gerade groß genug, um den Kopf und die Schultern reinzubekommen.
Sie quetschten mich rein.
Und der einzige Weg raus war, sich gegen den Dreck vorzuziehen.
Ich zog mich durch.
Plötzlich blieb ich stecken.
Was hatte mich gestoppt?
Das war dieses Stück Stahl in meinem Bein.
Ich lag dann dort mit meinem Gesicht im Dreck.
Wie oft hatte ich schon gedacht, dass ich sterben würde?
Wie oft dachte ich, dass es hoffnungslos ist?
Ich fühlte eine Verantwortung in mir.
Ein überwältigendes Gefühl von Verantwortung.
Das ist eine komplette und dreiste Lüge, dass sie nur Terroristen jagen.
Ich hatte Marie auf meiner Schulter.
Die syrische Armee beschießt eine Stadt mit hungernden und frierenden Bürgern.
Und da waren auch noch Remi und die Bürger von Baba Amr...
... die alles geopfert hatten, um mich hierherzubringen.
Damit ich ihre Geschichte erzählen kann.
Dann werde ich, verdammt nochmal, ihre Geschichte erzählen.
Ich machte mich so steif, wie es ging...
... und wappnete mich.
Ich schloss die Augen, biss mir auf die Zunge...
... und hab dann einfach...
... die Wundklammern abgerissen, und damit auch Fleisch und Muskeln.
Als ich auf der anderen Seite rausfiel, landete ich in einem Wassertümpel.
Irgendwelche Leute trugen mich gebückt auf einem Plastikteil...
... durch den ganzen Matsch...
... bis zum Ende des Tunnels.
Sie sahen mich an und sagten „Psst“.
Ich musste über das Feld kriechen...
Ich kroch, kroch, kroch.
Zwei Leute brachten mich zu einem Van...
... und öffneten ihn.
Ich war gerade...
... dem Tod von der Schippe gesprungen.
Und das...
... bisschen Leben wollte ich erhalten.
Wir waren die, die es geschafft hatten. Das wollte ich erhalten.
Wir haben eine beschwerliche Reise raus aus Baba Amr hinter uns...
... und sind auf dem Weg zu einem relativ sicheren Ort.
Ich wollte diesen Moment nicht verstreichen lassen.
Das wollte ich fühlen. Ein sehr persönliches Gefühl.
Das war der Moment, wo mein Leben wieder anfing.
Hinten, im Laderaum dieses Vans.
„Und jetzt... mache ich mich an die Arbeit.“
Ich wollte Maries Geschichte erzählen, und Remis Geschichte erzählen.
Von all den wunderbaren Menschen erzählen, die abgeschlachtet wurden.
Ich wollte ihre Geschichte erzählen.
Bis zum heutigen Tag trage ich die Verantwortung...
... für das Versprechen, ihre Geschichte zu erzählen.
Und ja, ich tue es immer noch.
Das wird nie aufhören.
Ja, das...
Das ist der Preis, den ich zahle.
Entschuldigung, Entschuldigung, Leute, Entschuldigung...
Deinen großen Auftritt hab ich dir verdorben.
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