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Original subtitles

Mein Leben lang habe ich mich für Menschen in Not eingesetzt.

Ich bin sehr engagiert. Ein Fürsprecher.

Jeden Tag versuche ich eine bessere Welt zu schaffen.

Trotzdem liegt meine Leiche inmitten der Flammen.

Am Boden zerschmettert. Ein Sturz aus 15 Metern.

Wie ist das passiert? Bin ich gesprungen, um mich vor den Flammen zu retten?

Oder hat jemand das Chaos benutzt, um mich loszuwerden?

War ich zur falschen Zeit am falschen Ort?

Oder war ich das Ziel?

Hey!

- Was ist da oben los? - Was haben Sie hier zu suchen?

- Was will denn jetzt Mary Poppins da oben? - Sie ist ein Engel.

Sagt der Mann, der mir gerade einen Mord diagnostiziert hat.

Also kein Unfall?

Er ist nicht aus Angst vor den Flammen von da oben in die Tiefe gesprungen?

Nein, unmöglich. Er wollte sich festhalten.

Multiple Knochenbrüche und Schädelverletzungen. Er war sofort tot!

Ich würde sagen, das war vor drei, vier Stunden.

Darf ich kurz erfahren, um wen es bei dem...?

Das Feuer brach gegen 21 Uhr aus. Dann war er da bereits tot?

Davon ist auszugehen. Darf ich trotzdem kurz erfahren, um wen es sich bei dem...

Es gibt noch ein paar Brandherde, aber das Feuer ist unter Kontrolle.

Keine Opfer. Na ja, von Renaud Carpentier abgesehen.

Die Presse steht schon vor dem Hotel. Ist der Mord bestätigt?

Ja, so wie es aussieht. Je später die davon erfahren, desto besser.

- Diese Ermittlung wird sicher lustig. - Ich will keinem auf den Wecker fallen,

aber könnt ihr mich darüber aufklären, wer unser Opfer ist?

Habt ihr keinen Fernseher bei den Toten? Renaud Carpentier.

Der Gründer von "Solidarität Unterkunft".

Die Besetzung der Kirche Saint Michel '98?

Die Zeltstadt am Chateau de Vincennes letztes Jahr?

Und dann sein großangelegter Hungerstreik gegen...

Also obduziere ich gleich einen Heiligen?

Zumindest vor den Kameras sind sie alle meistens Heilige.

Um ein Anführer zu sein, braucht man einen gewissen Größenwahn,

doch Carpentier war deswegen nicht weniger aufrichtig.

Nein, das muss man allerdings zugeben. Engagiert war der Typ absolut.

Eine öffentliche Persönlichkeit, ein engagierter Menschenrechtler.

Die kollektive Verantwortung auf meinen Schultern übersteigt meine Person.

Wer sollte das Opfer sein?

Der Mensch oder die Sache?

PROFILING PARIS

BESESSEN

Carpentier bekommt seinen letzten Fernsehauftritt.

Wir müssen uns vorsehen. Die Presse und die Aktivisten sind nicht gerade unsere Freunde.

Wovor hast du Angst? Bei solchen Profis sind wir doch in guten Händen.

Wissen wir schon, was Carpentier auf dem Dach wollte?

Nein, sein Verein hat Familien, die zwangsgeräumt wurden,

geholfen, in dem Hotel unterzukommen.

Mit den Mitgliedern des Vereins und den Bewohnern waren 150 Zeugen vor Ort.

Seltsam ist aber, dass trotz der Menschenmasse,

niemand ihn hat hochsteigen oder fallen sehen.

Und der Mörder wird die Panik genutzt haben, um zu fliehen.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Carpentier wurde umgebracht,

weil er den Brandstifter überrascht hat oder das Feuer wurde gelegt,

um den Mord damit zu vertuschen.

Das Feuer hätte auf andere Gebäude überspringen können.

Gut, dass es keine weiteren Opfer gab.

Die Hintertüren waren offen,

so konnten alle Familien problem- los die Unterkunft verlassen.

Und Carpentier nahm den Weg in den Himmel.

Hier, bitte.

Nehmen Sie die.

Alle stehen unter Schock.

Es gibt eine psychologische Not- fallzentrale, um ihnen zu helfen.

Die werden wir wohl alle brauchen nach dieser Nacht. Hier.

Karine Dantin, Geschäftsführerin von "Solidarität Unterkunft".

Haben Sie Renaud Carpentier schon lange gekannt?

Ja, schon über 20 Jahre. Ich weiß nicht, wie es ohne ihn weitergeht.

Der Scheiß-Eigentümer hat Renaud auf dem Gewissen.

Er hat seit Monaten dafür gekämpft, dass der sein Hotel den Mindeststandards anpasst.

Renaud ist nicht im Feuer umgekommen. Wie es aussieht, wurde er vom Dach gestoßen!

Wer sind Sie und wer hat Ihnen das gesagt?

Ach so. Verzeihung. Guten Tag, guten Abend.

Ich bin Chloé Saint-Laurent, Kriminologin. Ich arbeite für die Polizei.

Wie können Sie so wichtige Informationen nur zurückhalten? Warum weiß davon niemand?

Wissen Sie schon mehr, haben Sie eine Spur? Wissen Sie...

Leider darf ich nicht mehr sagen.

- Ich weiß nicht, ob die... - Die Bullen, natürlich.

Lasst euch ruhig Zeit, den Schuldigen zu finden. Renaud war ja nur ein Störenfried.

- Aber nein, Sie irren sich. Wir werden... - Wir werden es nicht dabei belassen!

In diesem Raum ist der Brand ausgebrochen. Auf Höhe der Steckdosen. Genau hier.

Stammen die Anschlüsse aus dem Mittelalter?

Auch wenn das Hotel eine tickende Zeit- bombe war, hier wurde nachgeholfen.

- Davon sind Sie überzeugt? - Da ist noch ein Ausbruchsort.

Und sehen Sie diese schwarzen Spuren hier? Die sind zu breit.

So, als hätte das Feuer sich großflächig ausgebreitet.

Es war ein Brandbeschleuniger, ganz hundertprozentig.

- Die vom Labor sollen unbedingt Proben nehmen. - Okay.

- Bei Brandstiftern gibt es drei große Kategorien. - Oh, wie hat sie mir gefehlt.

Den eigennützigen Gelegenheitstäter,

den geistig Behinderten, dem es nur um die Betrachtung der Flammen geht

und den Perversen, für den das Feuer Macht und folglich Lust bedeutet.

Es ist fast immer ein junger Mann. Keine Frau.

Und die Symbolik des Feuers ist das Wesentliche.

Die Flammen helfen mir, mein Übermaß an Gefühlen loszuwerden.

Sie drücken meine Rachephantasien aus oder meine politische Botschaft.

Und obwohl ich nicht erwischt werden möchte,

bleibe ich doch meistens am Tatort, um mein Werk zu bewundern.

Ich mag es nicht, wenn man hier mit so was rumspielt.

Und mit meinem Feuerzeug sowieso nicht.

Sie hätten mich so spät nicht mehr begleiten müssen.

Ja, stimmt. Hätte ich nicht.

- Carpentier hat nicht gerade im Luxus gelebt. - Das scheint Sie zu überraschen.

Ja, sogar fast zu enttäuschen.

Es gibt wirklich Menschen, die ihre Prinzipien leben.

Und Prinzipien kosten ja auch nichts.

Es ist immer leichter, gegen den Welthunger zu sein,

als sich bei einer großen Hitzewelle nach seinem Nachbarn zu erkundigen.

Trotzdem empfinde ich großes Mitgefühl für seine Frau.

- Guten Abend. - Guten Abend. Madame Carpentier? - Ja?

Ich bin Hauptkommissar Pérac, Chloé Saint-Laurent, meine Kollegin.

- Was ist passiert? - Es geht um Ihren Mann.

Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass er einen tödlichen Unfall hatte.

- Nein! - Madame Carpentier! - Helfen Sie mir.

Helfen Sie mir. Nehmen Sie die Beine!

Einkaufen, ja, ja.

Klebezettel kaufen.

Ja, hallo, hier ist meine Kunden- nummer: Das ist die 01-45-74.

Gestern hab ich auch bestellt. Ja. Ja, vorgestern auch, ich weiß.

Das Gleiche wieder. Vielen Dank.

Kein Kommentar!

Was soll das hier?

Renaud Carpentier ermordet? Da frag mal deine Kriminologin!

Ach, geht ja nicht, weil sie nicht da ist!

Doch sobald Journalisten auftauchen oder so, ist sie zur Stelle.

- Was redest du denn da? - Die haben diese Info nicht von meinem Team.

Und sollte nicht einer mein Handy abgehört haben,

hat wohl deine liebe Kriminologin mal wieder Mist gebaut.

Erstens weißt du das nicht und zweitens gehört sie zum Team!

Ja, aber nur auf Probe!

Matthieu, entschuldige bitte. Er ist da und wartet im Vernehmungsraum auf dich.

Jean Liguetti, der Eigentümer des Hotels. Carpentier hatte ihn mehrfach verklagt.

Das Hotel liegt in einem angesagten Viertel.

Vielleicht wollte er sie alle vor die Tür setzen, um solvente Kunden zu gewinnen.

Wenn die Versicherungen mitspielen, ist ein Brand keine schlechte Lösung.

Ein Brand und ein Mord. Das nennt man eine unruhige Nacht.

Wem sagen Sie das? Mein Geschäft leidet darunter.

Erstatte ich irgendwo Anzeige, oder wie läuft das jetzt?

Zunächst einmal werden Sie mir erklären,

wie Renaud Carpentier auf die blöde Idee gekommen ist,

durch Sie den großen Sprung zu wagen! - Machen Sie Witze, oder was?

- Ich bin das Opfer in der Geschichte! - Ach so. Sie sind eigentlich das Opfer?

Sie kassieren von den Versicherungen einen Batzen Geld,

und dieser Typ, der Ihnen Sorgen gemacht hat, ist tot.

- Wieso sind Sie dann das Opfer? - Ich war nicht im Hotel!

Prüfen Sie es doch nach! Glauben Sie etwa, ich würde da wohnen?

Aber natürlich nicht. Familien lassen Sie da wie Tiere hausen,

während Sie in sechs Zimmern in dem schicksten Viertel von Paris wohnen!

- Es sind sieben! - Ach so, sieben! - Genau.

Okay, können wir den Quatsch jetzt mal lassen?

Wissen Sie, wie viel mehr ich vom Sozialamt

für jede zwangsgeräumte Familie bekomme?

- Ein Vermögen! - Oh! - Für mich sind diese Familien der Jackpot.

Wieso soll ich mir das alles versauen und ein Feuer legen?

- Der Jackpot. - Genau. - Sie sind so ein Wichser!

Das ist nicht mein Problem.

Finden Sie gefälligst den Arsch, der das gemacht hat. Okay?

- Mein Lebensinhalt hat sich in Rauch aufgelöst. - Der hat kein Gewissen!

Wir können es sein lassen. Er hat gestern Abend in einem Edelrestaurant

den 20. Geburtstag seiner Tochter gefeiert. Im La Tonnelle.

Ach ja, kenne ich. Der Laden ist super! Echt.

Matthieu? Lass gut sein. Der Typ hat ein Alibi.

Ach, Hyppolite, sobald Sie Zeit haben, hetzen Sie ihm alles auf den Hals,

was Ihnen einfällt. Finanzamt, Gesundheitsamt, Bauamt.

Dann war er nicht umsonst hier.

Das ist ja schäbig! Finde ich klasse!

- Ach, Sie kommen ja auch schon. - Ja. Ich... Verzeihung.

- Ich war noch ein wenig einkaufen und so. - Sie waren einkaufen?

- Wollen Sie mich verarschen? - Nein!

Wissen Sie, was wir inzwischen gemacht haben, während Sie shoppen waren?

Wir haben versucht, die Scheiße, die Sie an- gerichtet haben, in den Griff zu kriegen!

Das tut mir leid. Ich habe nur kurz mit einer von diesem Verein gesprochen.

Ich dachte nicht, dass sie damit gleich zur Presse geht.

Ich scheiße drauf, was Sie denken!

Wenn Sie weiter hier arbeiten wollen,

müssen Sie lernen, die Klappe zu halten, klar?

Ich hab mit meinem Kontakt von der Nachrichtenredaktion gesprochen.

Sie wurden kurz nach 21 Uhr von einem Zeugen telefonisch verständigt.

Genau, als das Feuer ausbrach.

Dann hat sicher der Brand- stifter die Presse informiert.

Der Anruf bei der Presse, die offenen Hintertüren.

Dieses Feuer ist wohl eine Inszenierung, eine Art Werbung.

- Wie bitte? Eine Werbung? - Ja, sehen Sie her.

Ich habe dieses Feuer geplant, und zwar bis ins kleinste Detail,

und Opfer darf es keine geben. Ich will den Verstand erreichen,

nur dort kann man Kämpfe gewinnen. - Ein Aktivist hat das Feuer gelegt?

Ein Kind. Eine Unterkunft.

HELFEN WIR IHNEN, EIN DACH ÜBER DEM KOPF ZU FINDEN.

- Na? Was hast du über den Verein? - Schon eine Menge.

In einer Demokratie sind alle militanten Aktivisten registriert.

Wir suchen nach jemandem, der in seiner Jugend das auffällige Problem hatte,

seine emotionalen Schwankungen in den Griff kriegen zu können.

Nach körperlicher Gewalt müssen Sie nicht suchen.

Er ist nie im direkten Konflikt.

Suchen Sie in Richtung Vandalismus, Beschädigung öffentlichen Eigentums und so.

Da hätten wir einen. Benoit Delvaux, 32.

War mit 17 in die Verwüstung eines Klassenzimmers involviert.

Vergleich sein Foto mit den Fotos von gestern Abend und gib Fred Bescheid.

Wir werden inzwischen Carpentiers Verein einen Besuch abstatten.

Nein, nein, ohne Sie! Sie haben ja heute schon genug gemacht.

EIN DACH, EIN RECHT!

- Hallo! - Guten Tag, Kriminalpolizei.

Der Kampf geht weiter. Sie haben ja keine Zeit verloren.

Jetzt oder nie, nicht wahr? Auch tot kämpft Renaud für unsere Ziele.

Was bei dem Schwein von Besitzer erreicht?

Wir suchen einen Ihrer Jungs. Benoit Delvaux!

- Was wollen Sie von Benoit? - Nichts Schlimmes, alles gut.

Wir untersuchen den Mord an Ihrem Helden, Madame. Wir sind auf Ihrer Seite.

- Ach, und was hat das mit Benoit zu tun? - Was gibt es denn?

Benoit Delvaux? Bitte kommen Sie mit.

Wir haben ein paar Fragen an Sie, das Feuer von gestern Abend betreffend.

- Ich bin da gestern aber nicht gewesen. - Ja, er hatte keine Bereitschaft.

Ist das Ihr Zwilling?

Na los, kommen Sie!

Glauben Sie etwa, ich verstehe nicht, was hier läuft?

Sie wollen einem von uns den Mord an Renaud anhängen, um uns in den Schmutz zu ziehen.

So, jetzt reden wir mal Klartext! Ich will Sie nicht anlügen.

Es sieht schlecht für Sie aus.

In Ihrer Wohnung fanden wir zwei Kanister mit dem Lösungsmittel,

das dort als Brandbe- schleuniger benutzt wurde.

Sie gucken gerne zu, was? Hier, es macht Ihnen Freude.

Er hatte 47 Brüche.

- Ich war das aber nicht! - Carpentier starb in dem Moment,

als Sie das Feuer im Hotel gelegt haben, nicht wahr?

Das Feuer war für die Medien. Der Verein hat einen kleinen Schub gebraucht.

Sie riskieren das Leben von Frauen und Kindern für eine blöde Schlagzeile?

Es gab doch aber keine Opfer! Es war alles so geplant, dass nichts passiert!

Es ist aber durchaus etwas passiert!

Sie gingen also mit den beiden Kanistern mit Lösungsmittel

in die Waschküche und haben nichts dem Zufall überlassen, ja?

Was halten Sie davon?

Viele Aktivisten sind von ehrlicher Überzeugung beseelt und...

...agieren auf Grund eines tief ver- wurzelten Unrechtsbewusstseins.

Er sieht sich natürlich als Aktivist mit reinem Herzen,

aber ich glaube, seine Beweggründe sind zwiespältiger.

Ein Gefühl von Widerstand brennt seit Jahren in mir, Gewaltphantasien,

die im Engagement für etwas eine Rechtfertigung erfahren.

Ich kämpfe gegen die Wohnungsnot, aber ich könnte mich genauso gut

für den Tierschutz oder gegen die Gentechnik engagieren.

Mich interessiert nur eins: meine Wut in die Welt hinauszubrüllen.

Trauen Sie es ihm zu? Hat er Carpentier ermordet?

Solche Menschen brauchen eine öffentliche Person

hinter der sie sich verstecken können.

Also brauchte er Renaud. Aber er wollte auf jeden Fall im Hintergrund bleiben.

Sollte Renaud ihn also beim Feuer legen überrascht haben, dann...

Heißt, Sie haben ke i n e A h n u n g!

Nein.

Hat Carpentier Sie dort überrascht?

Nein, ich war nicht auf dem Dach und ich habe Carpentier

schon eine Woche nicht mehr gesehen.

Es gab eine Prügelei, und er ist gestürzt.

Schon dämlich, den Helden Ihrer Bewegung umzubringen.

Den Helden? Der hat doch schon seit Wochen nicht mehr

den kleinen Finger für den Verein gerührt.

Er wusste über nichts mehr Bescheid und war nie da.

Klar, im Vergleich zu Ihnen waren alle unfähig.

Wie bringt man das Rathaus dazu, diesen armen Leuten Aufmerksamkeit zu schenken?

Indem man auf irgendwelchen Märkten Unterschriften sammelt?

Raffen Sie es nicht? Da draußen herrscht Krieg!

Carpentier und seine schönen Reden. Er und die anderen brauchten einen Weckruf.

- Die brauchten Feuer unterm Arsch! - Na, das haben Sie ja auch geschafft.

Wir haben alle seine Schuhe überprüft. Keine Spuren von dem Zementpulver

auf dem Dach, aber natürlich kann er seine Schuhe entsorgt haben.

Das ist zu wenig. Sein Geständnis reicht für die Brandstiftung,

aber keinesfalls für den Mord.

Vielleicht hängt beides ja gar nicht zusammen.

- Wir stehen ja auch ohne Beweise da. - Genau.

Delvaux hat uns aber etwas Wichtiges erzählt.

- Dass Carpentier eine Zeitlang nicht aktiv war. - Ein Fall für die Titelseite.

Erzählen Sie das doch Ihren Freunden von der Presse.

Ich will doch nur sagen, dass der Grund,

wieso Renaud auf diesem Dach war,

vielleicht ja gar nichts mit dem Verein zu tun haben könnte.

Nett, dass Sie mir erklären, wie man eine Ermittlung führt. Ja, Hyppolite?

Ich hatte doch von Lamarck diesen Spezialauftrag bekommen.

Ja! Was erzählt man über den Hotelbesitzer so?

Ich hab einige Telefonate geführt und mich ein wenig gehen lassen.

- Das sollten Sie sich ansehen. - Wir kommen.

- Na, was gibt es? - Das hier!

Überweisungen von beträchtlichen Summen seit ein paar Monaten.

Ich habe nachgeforscht. Das Geld geht von Liguettis Privatkonto auf das von...

- Carpentier. - Dann war unser Gutmensch gar nicht so gut.

Sogar fünfstellige Bestechungsgelder.

Lamarck soll uns einen Durchsuchungs- befehl ausstellen. Wir fahren sofort los!

Diesmal komme ich mit! Ich schätze ein Opfer viel besser ein,

wenn ich die jeweilige Umgebung des Opfers sehe und verstehe es besser.

- Okay, ist gut, ist ja gut. - Dazu muss ich aber die Tasche holen.

- Wie, was für eine Tasche? - Meine Handtasche, meine ich. - Ach so, klar. Ja.

Lassen Sie mich gefälligst los!

- Ich will zu Hauptkommissar Pérac. - Nein! Beruhigen Sie sich!

- Was soll denn das? - Pfoten weg! - Hey!

Warum halten Sie Benoit noch fest? Was haben Sie hier vor?

Amtsmissbrauch? Ich warne Sie! Ich informiere die Presse!

Sie sollten hier echt nicht so einen Aufriss machen.

Er hat gestanden, das Feuer gelegt zu haben.

- Den Rest regelt die Staatsanwaltschaft. - Was?

Ach, übrigens hat sich Ihr heldenhafter An- führer von diesem Miethai schmieren lassen.

- Hallo? Fred? - Alles klar. Ich verstehe, was Sie vorhaben.

Sie wollen das Andenken an Renaud beschmutzen.

Das gelingt Ihnen aber nicht! Dafür sorge ich!

- Die nehme ich mit, ja? - Gut.

Setzen Sie sich doch. Es wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen.

Mit den Bestechungsgeldern hat Ihr Mann wie es aussieht nicht dieses Haus renoviert.

- Was hat er vorgehabt? - Das weiß ich nicht!

Von dem Geld habe ich nichts gewusst.

Keine Hochzeitsbilder oder Urlaubsfotos.

Haben Sie schon lange getrennte Schlafzimmer?

Matthieu? Sieh dir das hier mal an.

- Wird es ein Junge oder ein Mädchen? - Das weiß ich nicht.

Renaud und ich wollten uns überraschen lassen.

- Haben Sie das Kinderzimmer schon eingerichtet? - Nein.

Ich sehe mich hier hinten noch mal um.

Wir wollten vor der Geburt nichts vorbereiten.

Hören Sie. Irgendwie habe ich was verpasst.

Sie haben ausgesagt, Sie wüssten nichts von dem Geld.

Wieso steht dann Ihr Name neben dem Ihres Mannes?

- Flugtickets nach Neu- kaledonien? - Matthieu.

- Ein ganz schön langer Flug für ein Neugeborenes, oder? - Matthieu!

- Scheiße. Fred, ruf schnell einen Krankenwagen! - Oje.

Machen Sie sich keine Sorgen. Sie bekommen jetzt Ihr Baby,

und alles wird gut verlaufen. Alles wird gut.

Zwei One-Way-Tickets nach Neukaledonien.

Wie konnte sich der Typ als Gutmensch ausgeben,

um sich dann mit dem Geld seines Vereins abzusetzen?

- Das wissen wir doch gar nicht! - Das liegt doch auf der Hand.

Es ist genauso banal wie traurig.

Carpentier hat mitten in der Midlife-Crisis gesteckt. So unkompliziert ist das!

Das Geld, die Frauen. Denken Sie nur an die Ehefrau.

Wie alt ist Estelle? Halb so alt wie er? Eben.

Durch seinen Bekanntheitsgrad hätte er ein schönes,

ruhiges Leben führen können, hat er aber nicht.

Er hat sich aber für ein 20-jähriges Aktivistenleben entschieden.

Ich hätte Anwalt werden können oder Arzt,

doch ich wollte mein Leben dieser Sache widmen.

- Und schon geht es wieder los. - Ein Leben voller Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.

Dann kommen die Bestechungsgelder. Das ist wie... Wie heißt denn das?

Wie eine Art Meineid. Wenn ein solcher Mensch sich so verleiten lässt,

muss er in einer schrecklichen Krise gesteckt haben.

Es gab auch keine Tickets für einen Rückflug.

Carpentier wollte nicht einfach in die Sonne. Er war auf der Flucht!

Auf der Flucht? Wovor denn? Er war der Liebling der Medien und...

- Wie geht es Estelle? - Die Entbindung ist wirklich gut verlaufen.

Aber Sie können nicht zu ihr. Tut mir leid.

Aber warum nicht, was ist denn los?

Weil sie nicht in der Verfassung für Besuch ist.

- Schon gar nicht von der Polizei. - Oh, das verstehe ich absolut.

Darf ich Ihnen meine Karte geben? Für alle Fälle. Vielen Dank.

Wo soll ich Sie absetzen?

Wollen Sie sie nicht vielleicht doch einmal kurz halten? Nein?

Sie haben uns auch noch nicht gesagt, ob Sie sie stillen wollen.

Dann nehme ich die Kleine mit auf die Säuglingsstation über Nacht

und komme morgen früh wieder, ja? Schlafen Sie erst mal richtig aus.

Vielleicht fällt Ihnen bis dahin schon ein Name für sie ein.

- Warten Sie auf mich! - Wo waren Sie denn?

Estelle hat wohl eine Wochenbettdepression.

- Haben Sie etwa mit ihr gesprochen? - Nein, sie hat mich nicht gesehen.

Sie hetzen uns noch einen Prozess auf den Hals!

- Es sieht aber ernst aus. - Was sieht ernst aus?

Sie muss schon das mit ihrem Mann verarbeiten, und ich fürchte,

dass Ihr die nötige psychische Kraft für das Baby fehlt.

Dieses Kind, das sich an- kündigt, ist ein Kind der Liebe.

Ich betrachte es wie ein Bindeglied zwischen mir und meinem Mann.

Es ist das Fundament unserer Beziehung.

Doch mein Mann ist tot, und ich bleibe allein zurück.

Wie soll ich seine Mutter sein, wenn ich gar nicht weiß, wer ich ohne Renaud bin?

Also weigere ich mich, es anzunehmen, es zu berühren.

Estelle durchlebt eine überaus dramatische Depersonalisierung.

Deswegen sagen die Schwestern, dass wir sie nicht aufsuchen sollen.

Ja, schon möglich, kann sein. Oder sie will Zeit gewinnen,

bevor sie mit uns reden muss, keine Ahnung.

Nein, nein. Ich hab sie doch gesehen.

Oft ist ein älteres Trauma für solch einen Zustand verantwortlich.

Ich weiß nur, dass meine Zeugin aktuell nicht zu einer Aussage imstande ist.

Ansonsten liegt Estelle Carpentier aber hier

und die Ärzte kümmern sich um sie und das Baby,

also geht ihr Gesundheitszu- stand mich und Sie nichts an.

- Es sei denn, Sie wollen zurück zu Ihrem alten Job. - Nein, ich will nicht...

Dann machen Sie nicht auf Therapeutin, ich sage es Ihnen zum zehnten Mal.

Sie arbeiten für die Polizei!

Estelle ist Zeugin in einer polizei- lichen Ermittlung, keine Patientin!

Immer das Gleiche. Er hört mir nicht zu!

Denn ein gemütliches Leben ist ein erfülltes Leben!

- 23 Uhr, die Kurznachrichten. - Um Renaud Carpentier zu gedenken,

kamen heute viele seiner Anhänger zur Zentrale seiner Organisation.

Es herrscht große Ergriffenheit!

Obwohl die Menschen seit dem frühen Abend hier sind,

können wir jetzt immer noch eine sehr große Anzahl von Bewunderern

dieser charismatischen Persönlichkeit des politischen Aktivismus zählen.

Renaud Carpentier wusste die Herzen der Menschen wie kein anderer

zu berühren, und Karine Dantin, von der Organisation "Solidarität Unterkunft"

hat heute Abend dazu aufgerufen, seinen Kampf fortzuführen.

Durch Renauds Mut und sein Herz für Notleidende

ist die Wohnungskrise in die öffent- liche Wahrnehmung vorgedrungen.

Gewisse Leute werden sein Andenken be- schmutzen wollen. Hört nicht auf die.

Renaud hat uns verlassen, doch sein Kampf geht weiter!

Die armen und notdürftig unterge- brachten Menschen brauchen uns.

Wir werden immer für euch da sein.

Hier ist der Anrufbeantworter von Matthieu Pérac.

Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton.

Hallo, Matthieu. Herr Haupt- kommissar. Hier... Ich bin es.

Ich meine, ich, Chloé. Ich habe gerade ferngesehen.

Also, so nebenher. Und na ja, ich habe gezappt und so,

und zufällig habe ich etwas Verblüffendes gesehen.

Es betrifft Karine Dantin. Ich weiß nicht, ob es...

- Haben Sie meine Nachricht gehört? - Nein, was denn für eine?

Komisch. Ich war mir sicher, dass sie aufgezeichnet wurde.

- Leider nicht, was wollten Sie denn? - Karine Dantin.

- Ich glaube, sie ist götzen- dienerisch. - Sie ist was?

Götzendienerisch. Ein Groupie, wenn Sie so wollen.

Diese Frau vergöttert Renaud Carpentier.

Ihr Engagement an seiner Seite ist eigentlich eher Verehrung.

- Danke. Das ist uns schon aufgefallen. - Das ist aber das Mark-Chapman-Syndrom.

Mark Chapman? Der Mörder von John Lennon?

Ja! Sein Mörder und auch sein größter Fan.

Chapman bewunderte John Lennon. Seine Songs,

seine Friedensbotschaft und dass er gegen das Establishment war.

Dann wurde John Lennon auf einmal Milliardär und hat geheiratet.

Und Chapman fühlte sich verraten und wandte sich gegen sein Idol.

Wenn alle Bedingungen, um zur Tat zu schreiten, erfüllt sind,

ich meine, wenn Karine Dantin von den Bestechungsgeldern

für Renaud gewusst haben sollte, hat sie ihn vielleicht aus Enttäuschung umgebracht.

Aber Karine Dantin gehört ja schon zu unserer Liste von Verdächtigen,

und im Augenblick haben wir wirklich wichtigere Arbeit zu erledigen.

Estelle Carpentier ist vorbestraft!

Diebstahl, Vandalismus und Beamtenbeleidigung!

- Vorstrafen. - Aha, wie nennt man denn so einen Komplex in der Kriminologie?

Estelle hat der Kranken- schwester etwas vorgespielt,

und Sie sind wie eine Anfängerin drauf reingefallen.

Das sind ja aktuelle Straftaten. Alle nicht länger als acht Monate her.

Es begann mit der Schwangerschaft. Wir müssen in der Richtung weiter bohren.

Wir bohren gar nicht mehr. Wir haben eine 20-jährige Tussi,

die dem armen Carpentier den Kopf verdreht hat,

und der lässt sich schmieren und zahlt ihr eine halbe Weltreise.

Doch die kleine Diebin will nicht länger die Frau vom Gutmensch sein

und schafft sich den Typen vom Hals. Der Klassiker!

- Nein? - Doch. Klar, natürlich. - Dankeschön.

Ich lag falsch.

Wochenbettdepression, das glaube ich einfach nicht.

Und was sagt Chloé dazu? Na los. Wo ist sie?

Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal. Glaube mir. Die ist verrückt!

Ich gehe Mittagessen holen. Will jemand ein Sandwich?

Sehr gerne. Ist egal, was drauf ist.

Scheiße. Entschuldige, meine Brief- tasche liegt wohl an meinem Platz.

Hauptkommissarin Pérac, guten Tag. Ich will zu Karine Dantin.

Und Sie meinen, dass ich keine Probleme mit ihr kriege?

Keine Sorge. Ich bin doch von der Polizei.

Na ja, sie ist so eine nette Mieterin, und heutzutage...

Das ist die übliche Vorgehensweise.

Wir müssen dringend mal reden, Frau Hauptkommissarin.

- Sehen Sie doch. - Was Sie hier treiben, ist gesetzwidrig.

Matthieu?

Bist du dir im Klaren darüber, wo- gegen die alles verstoßen hat?

Diebstahl meines Dienstausweises, illegale Wohnungsdurchsuchung,

und wenn Karine Dantin davon erfährt?

Als Wissenschaftlerin beherrscht sie die Abläufe noch nicht so.

Das interessiert mich nicht! Grégoire. Nimm sie aus dem Team! Ich flehe dich an!

- Komm runter, ich rede mit ihr. - Du redest mit ihr?

Wenn einer meiner Leute auch nur ein Zehntel davon verzapft hätte,

würdest du ihm einen Arschtritt verpassen. - Ich leite diese Abteilung,

aber wenn du eine Beschwerde gegen mich einreichen willst, bitte.

- Es tut mir furchtbar leid. - Aber wieso denn? Freuen Sie sich doch.

Sie haben Carpentiers Mörder ge- funden! Ach so, nein, stimmt ja.

Wir haben dank Ihnen die Beweise, aber keine legale Handhabe dafür.

Wenn Karine Dantin damit durchkommt, ist es Ihre Schuld.

- Fred? - Ja? - Ist Karine Dantin schon gekommen?

Ja, ist im Vernehmungsraum! Ich hab ihr gesagt,

dass wir was Neues im Fall Carpentier haben und wir deshalb mit ihr sprechen müssen.

Chloé! Kommen Sie mal zu mir hoch?

Ja.

Estelles Schwangerschaft war sicher nicht leicht für Sie zu verdauen.

Ich will damit sagen, es ging schon über 20 Jahre mit Ihnen

und Renaud, das war eine enge Freundschaft, eine starke Bindung.

Und auf einmal gründet er eine Familie mit einer anderen?

Das muss schwierig für Sie gewesen sein, das ist menschlich.

Warten Sie. Träume ich gerade? Versuchen Sie mir zu unterstellen...

Eine Vernehmung, in der du nichts gegen

deinen Verdächtigen verwenden kannst, schwierig.

- Sie wollen es mir in die Schuhe schie- ben. - Nein, wie kommen Sie darauf?

- Das dauert. Ich hol uns zwei Kaffee. - Besser eine ganze Thermoskanne.

Was ist in dich gefahren? Spielst die Amazone in so einem sensiblen Fall.

Ich weiß. Es tut mir leid.

Na schön. Hör zu. Nimm dir ein paar Tage frei, bis sich die Wogen glätten.

Ich kenne Matthieu. Er bellt, aber er beißt nicht.

Das Problem bin ich. Matthieu hat nichts gemacht.

Ich hab gedacht, ich kann den Menschen vor Ort besser helfen,

aber ich lag falsch. - Wir alle machen Fehler.

Du brauchst einfach nur noch etwas Zeit.

Na los, vertraue mir.

- Du hast morgen meine Kündigung auf dem Tisch. - Ach, Chloé!

- Es tut mir alles sehr leid. - Wo willst du hin?

Das Einzige machen, wovon ich was verstehe.

Bitte sehr. Ist doch echt schön hier mit uns beiden.

Ich könnte mich ja den ganzen Tag mit Ihnen unterhalten.

Und die ganze Nacht, wenn nötig.

Wird Ihnen das nicht langsam langweilig?

Ich bin als Zeugin hier, also entweder klagen Sie mich

mit einem glaubhaften Motiv an oder ich werde gehen.

Sagt Ihnen das Marc- Chapman-Syndrom etwas?

Sie wussten, dass Carpentier korrupt war!

Sie haben es herausge- funden und nicht ertragen,

dass er von seinem Sockel gestürzt war. - Das sind Lügen!

Ganz im Gegenteil, Madame. Sie haben ihn ermordet!

Sie haben es vorge- zogen, ihn umzubringen,

weil Sie mit der Schwäche, die er zeigte, nicht leben konnten!

Das können Sie nicht beweisen. Sie haben nichts gegen mich in der Hand.

Ja, stimmt. Da haben Sie Recht.

Aber die gesamte Presse bettelt an meiner Tür um Informationen.

Ich muss nur nach dem Hörer greifen,

um voller Freude das Bild Ihres Idols zu zerstören. - Nein!

Renaud hatte sich ver- ändert seit geraumer Zeit,

und da habe ich mich mehr um alles kümmern müssen.

Eines Tages erfuhr ich durch diesen Brief vom Gericht,

dass er das Verfahren gegen Liguetti eingestellt hatte.

Renaud hat mir versichert, dass er diesen Dreckskerl dazu gebracht hatte,

dass der die Renovierungsarbeiten am Hotel fortführen würde.

Doch als wir vorgestern am Hotel nachgesehen haben...

Haben Sie gewusst, dass er Sie belogen hat.

Ich wollte einfach nur die Fortschritte der Dacharbeiten unter die Lupe nehmen.

Es hatte sich aber nichts getan.

Dann wollten Sie eine Erklärung von ihm, und er gab den Schwindel zu.

Ich habe ihm mein Leben gewidmet. Ganze 20 Jahre.

Ich habe ihn so sehr bewundert und hielt ihn für integer.

Er hätte das niemals tun dürfen. Er hatte kein Recht dazu.

Er hatte kein Recht dazu!

Sie schon wieder! Was wollen Sie hier? Ich habe Ihnen doch gesagt,

dass sie nicht in der Verfassung für ein Gespräch mit der Polizei ist.

Ich bin doch aber nicht von der Polizei.

Ich bin Psychologin und mache mir Sorgen um Estelle.

Ein älteres Trauma kann die Wochen- bettdepression verursacht haben.

Sie wissen Bescheid?

- Hatte sie Besuch von der Familie oder von Freunden? - Nein, leider nicht.

Sie weigert sich, uns den Namen ihrer Mutter zu nennen.

Und ihr Vater scheint verstorben zu sein.

Es ist schwer, mit ihr zu kommunizieren.

Durch die erste Schwanger- schaft erlebt man oft

die frühen Stadien der eigenen Kindheit wieder.

Ein Gespräch mit den Eltern könnte ihr sehr helfen, zu verstehen, was sie durchmacht.

Das sehe ich auch so, doch wir können leider überhaupt nichts machen.

- Könnten Sie bitte kurz kommen? - Ent- schuldigung, die Pflicht ruft. - Natürlich.

Achten Sie vor allem auf das Köpfchen.

Polizeirat Lamarck, bitte.

Grégoire? Ich bin es. Nein, ich hab meine Meinung nicht geändert!

Hörst du kurz? Ja, ich brauche hier deine Hilfe, wenn es geht.

Es geht um Estelle Carpentier.

So, das war's. Die Kollegen haben Karine Dantin eingebuchtet!

- Das war toll. Bravo! War bestimmt nicht leicht. - Danke dir.

- Ist irgendwas? - Ich weiß es nicht.

Karine Dantin hatte so ein Vertrauen zu Renaud Carpentier über zwei Jahrzehnte.

Sie war vor allem nicht ganz dicht.

Dachte ich auch, aber so sicher bin ich mir da auf einmal nicht mehr.

Kann eine Frau wie Estelle einen Typ

wie Carpentier dazu bringen, Geld zu veruntreuen?

Vielleicht war es ja nicht das erste Mal? Wer weiß?

Vielleicht hatte er sogar schon, bevor er Estelle getroffen hat, ein wenig getrickst.

Und vielleicht hat sich Karine Dantin schon seit Jahren in ihm geirrt.

- Chloé Saint-Laurent hat ihre Kündigung eingereicht. - Nein, oder?

Morgen früh informiere ich den Oberstaatsanwalt darüber.

Es ist wirklich besser so, Grégoire, glaube mir. Für sie genauso wie für uns.

Verzeihung, ich suche eine gewisse Linda. Könnte ich sie sprechen?

Darf ich fragen, worum es geht?

Nun, es geht um ihre Tochter, um die ich mir Sorgen mache.

Es geht um Estelle? Ist was passiert?

Linda Hamel? Freut mich sehr. Ich bin Chloé Saint-Laurent und arbeite für...

...arbeite an... Kurz gesagt, ich ermittle im Mordfall an Estelles Mann und...

Ihrem Mann? Wovon sprechen Sie?

Wie lange haben Sie Ihre Tochter schon nicht mehr gesehen, wenn ich fragen darf?

Seit Monaten nerve ich sie mit Anrufen, wann wir uns wiedersehen können.

Ich verstehe nicht, warum sie mich aus ihrem Leben ausschließt.

Sie verheimlicht mir echt, dass sie schwanger ist. Verheiratet und schwanger.

- Haben Sie noch zu Estelles Vater Kontakt? - Nein, er ist tot.

Und er wusste auch über- haupt nichts von Estelle.

Ich wollte sie für mich allein...

...und mich auch nicht mit einem Mann belasten.

Jetzt verstehe ich Estelle viel besser. Der Tod ihres Mannes

hat sie an den fehlenden Vater in ihrem Leben erinnert.

Ja, sie wollte ihn immer kennenlernen.

Das war fast schon zwanghaft. Dummerweise war ich dagegen.

Dafür, dass ich sie allein erzogen habe, hat sie mich, glaube ich,

immer verurteilt. Ich hatte immer Angst, sie zu verlieren.

Die Suche nach dem Vater könnte auch eine Erklärung für den älteren Ehemann sein.

Die öffentliche Person, die moralische Autorität ist ein bisschen der Ersatzvater.

Würden Sie mir sagen, wie der Vater von Estelle heißt?

Sein Name geht gerade überall durch die Presse. Es war Renaud Carpentier.

Schlaf, Baby schlaf, schon ganz kalt ist die Nacht.

Schlaf, Baby schlaf, und dein Papa gibt auf dich acht.

Schlaf, Baby schlaf, schon ganz kalt ist die Nacht.

Bravo, Papa! Bravo, Bravo! Gehen wir jetzt schlafen, mein Schatz?

- Nein. - Ist doch schon Zeit.

Und dir fallen ja die Augen zu. Gute Nacht, kleine Prinzessin.

- Gutenachtkuss. Na komm. - Schön Heia machen.

Und ich lese dir noch eine Geschichte vor.

Bin noch nicht müde, Mama, ich will noch nicht.

Ja, ich weiß, mein Schatz, ich weiß.

- Ich weiß jetzt, wieso... - Chloé, was machen Sie hier?

Woher wissen Sie, wo ich wohne?

Wieso Renaud mit dem Kopf wo- anders war und Geld gebraucht hat.

Und warum er vorhatte, ein neues Leben zu beginnen.

Das geht Sie nichts mehr an. Sie haben gekündigt. Schon vergessen?

Was übrigens Ihre beste Entscheidung war.

- Ich weiß, aber ich hab heute Estelles Mutter getroffen. - Was?

Nur als Psychologin! Und ich will mit Ihnen darüber reden.

Ich bitte Sie!

Wie konnte er seiner eigenen Tochter ein Kind machen?

Er wusste nicht, dass Estelle seine Tochter ist.

Also dass sie existiert.

Aber er hätte es doch merken oder spüren müssen.

Und was ist nur in Estelle gefahren?

Ich will wissen, wer mein Vater ist! Ich bin davon seit Jahren besessen!

Aber statt einen Vater zu treffen, lerne ich einen gutaussehenden,

charismatischen Mann kennen, und ohne es zu wollen, spreche ich ihn

mit den Waffen einer jungen Frau an.

Wir verlieben uns, er hält um meine Hand an und dann werde ich schwanger.

Mein Bauch wird dicker und ich gestehe ihm alles, aber es ist bereits zu spät.

Zu spät für eine Abtreibung, zu spät, um den Inzest ungeschehen zu machen.

Dann kamen die Vorstrafen, die Beamtenbeleidigung.

Renaud spürte, dass Estelle die Kontrolle verliert.

Soll er sie jetzt verlassen, sie und ihr Baby?

- Ein Mann wie er würde das nicht tun. - Die Decke auf dem Sofa. Sie schlief dort.

Er hat sie nicht mehr berührt, seit er es wusste.

Und Neukaledonien, er wollte Estelle wohl beschützen

und dem Baby die Chance geben, weit weg niemals die Wahrheit zu erfahren.

Das erklärt, wofür er das Geld gebraucht hat.

Und es kostete ihn das Leben.

Und für Estelle verkörpert jetzt dieses Baby das ganze Grauen ihrer Schuld.

Dann verwundert mich ihr Zustand nicht.

- Hallo? Ja? Genau das bin ich. Wie bitte? - Matthieu, wer ist das?

- Chloé Saint-Laurent. - Ja, natürlich. Nein, ja, das war gut!

Ja, ich halte Sie auf dem Laufenden. Vielen Dank. Wiederhören.

Hallo, war ich zu laut? Das war die Entbindungsstation.

Estelle ist auf und davon. Sie und das Baby.

Entschuldige.

Ja, Hyppolite? Gib dringend eine Fahndung nach Estelle Carpentier raus!

Bahnhöfe, Flughäfen. Das volle Programm!

Sie hat ihr zwei Tage altes Baby dabei, wir müssen uns beeilen!

Ich kümmere mich drum.

Sie kann doch unmöglich schon weit gekommen sein.

Noch keine Spur. Ich habe im Krankenhaus alle befragt.

- Was will sie denn hier? - Sie hilft uns.

Wir haben sie! Sie ist am Bahnhof! Am Gare de l'Est. Aber keine Spur vom Baby.

Seit wir sie haben, hat sie kein Wort gesagt.

Sie kann das Kind überall abgelegt haben.

Allein hier gibt es hunderte von Möglichkeiten.

Von den Zügen ganz abge- sehen, die schon weg sind.

Sie hat vor fünf Stunden das Krankenhaus verlassen.

Chloé, wenn Sie eine gute Idee haben, dann helfen Sie uns.

Ein Baby! Suchen Sie ein Paar mit Baby.

Da drüben.

Entschuldigen Sie bitte. Wir sind von der Polizei.

- Wären Sie so nett, uns mit dem Baby zu begleiten? - Ja, natürlich.

Sehen Sie doch. Hier ist Ihr Baby.

Nehmen Sie sie auf den Arm, Estelle. Sie braucht Sie.

Sie ist froh, ihre Mutter wiedergefunden zu haben.

Das ist nicht mein Baby!

In Ordnung. Dann werden wir Sie am besten allein lassen.

Dann wird die Kleine ins Kinder- heim gebracht. Wollen Sie das?

Das ist nicht mein Baby!

Wie Sie wollen.

Mein Baby ist nämlich viel kleiner.

Und es ist viel hübscher.

Und mein Baby ist weg!

Wo ist sie denn? Sagen Sie es mir.

Sagen Sie mir, wo sie ist! Wo ist sie?

Die Kleine hat ja einen beschissenen Start ins Leben.

Die Zukunft, die ihre Großmutter für sie aufbaut,

ist wichtiger als ihre Vergangenheit.

Linda ist eine starke Frau, sie wird das hinbekommen.

Noch ein Kind, das ohne Vater aufwachsen wird. Und Estelle?

Tja, für sie wird es sehr schwer.

Warten Sie einen Augenblick!

Ich bin kein Fan von Ihren Methoden. "Methoden" ist gut.

Von Ihrer Vorgehensweise. Aber heute haben Sie das Leben eines Babys gerettet.

Sie können natürlich machen, was Sie wollen, aber

ich würde an Ihrer Stelle den Job nicht kündigen.

Und ich würde auch versuchen, morgen früh pünktlich hier zu sein.

Vielen Dank.

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