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Die Mitte Europas im 2. Jahrtausend.
Ein Land, das lange braucht, um eins zu werden.
Menschen, die sich erst im Laufe der Jahrhunderte als deutsch verstehen.
Wer sind wir?
Woher kommen wir?
Fragen an ein Jahrtausend deutsche Geschichte.
Für die Demokratie!
Im 19. Jh. regieren in Deutschland Dutzende von Fürsten.
Doch die Bürger wollen Freiheit und die Einheit der Nation.
Eine Revolution bricht aus.
Ein Wortführer ist Robert Blum.
Sein Schicksal steht für eine große Chance.
"Meine liebe Jenny."
"Ich werde unfreiwillig hier zurückgehalten."
Blum, Robert.
"Denke dir indessen nichts Schreckliches."
"Wir werden sehr gut behandelt."
Kommen's bittschön!
"Ich denke dich stark und gefasst und bin's deshalb selbst."
(Musik)
"Leb' recht wohl, bleib gesund und heiter."
"Grüße alle Freunde und unsere Gefährten."
- dass der Gedanke stärker und größer ist.
Und gewaltiger als die Macht der Kanonen.
"Wie man jetzt noch unentschieden, zweideutig sein kann?"
Wem nützt es, wenn euer Blut fließt? Die Paulskirche.
Dort muss darum gekämpft werden, mit Worten. Nicht mit Blut und Tod.
"Es gilt nur siegen oder sterben."
"Wer das Erstere will, muss zeigen, dass er zu Letzterem bereit ist."
"Empfange Gruß und Kuss von deinem Robert."
Ein Gefängnisaufenthalt stand am Beginn seines politischen Werdegangs.
1844 war Robert Blum in Leipzig -
- wegen eines kritischen Zeitungstextes inhaftiert worden.
Endlich.
Die Kinder werden sich so freuen.
Ich hab euch auch vermisst.
Wie meine königlich-sächsische Freiheit.
Der Familienvater versteht sich als Freiheitsfreund, als Liberaler.
Der Leipziger wendet sich gegen die bestehenden Verhältnisse.
Sein Vaterland ist noch in einzelne Staaten und Städte zerstückelt.
Dominiert von Preußen und der Vormacht Österreich.
Sie sind nur lose zusammengefügt im Deutschen Bund.
Der hat seinen Sitz in Frankfurt.
Der ist sich einig in der Verfolgung jeglicher Opposition.
Von der Oder bis zum Rhein.
"Wie heißt das Land, wo zwar noch Land und Ströme gleich, -
- die Zeiten nimmermehr?"
"Wo zwar der Geist die Schwingen regt?"
"Doch ach, durch Fesseln, die er trägt, gedrückt am Boden klebt?"
So dichtete Robert Blum.
Der alte Goethe sagte:
Ein kleines Kind kann nicht einmal über die Straße laufen, -
- ohne von einem Polizeidiener aufgegriffen zu werden.
Das Gefühl der Überwachung.
Das vor dem Hintergrund, dass man nach Belgien schaute.
Dort war ein freieres Leben möglich.
Besonders beargwöhnt werden fortschrittlich gesinnte Deutsche.
Robert Blum hat seine Stelle als Sekretär am Leipziger Theater -
- gegen die unsichere Existenz eines politischen Publizisten eingetauscht.
Eine Fülle von Artikeln, Buchtexten, Dramen und Reden sind die Frucht.
Darin macht er öffentlich Druck gegen -
- die erstarrte Herrschaftsordnung in den deutschen Ländern.
Als Autor und Herausgeber einer Zeitung führt er einen Kampf.
Alle aktuellen Druckerzeugnisse werden vorab geprüft.
Von einem staatlichen Zensor.
Der kann streichen und verbieten.
Der Überwachungsstaat war auch in Leipzig sehr präsent.
Blum wusste, dass er Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen wird.
Er hat das geradezu als Marketinginstrument verwendet.
Die Tatsache, dass er verfolgt wird.
Einmal hat er sogar den Überwachungsbehörden gedankt.
Sie hatten ein Jahrbuch von ihm verboten.
Dadurch wird die Aufmerksamkeit darauf gelenkt.
Wo stecken sie dich als nächstes hin für ein freies Wort?
Ich will keinen Witwenschleier.
Hörst du?
Es ist kein Spiel, aus dem man sich einfach zurückziehen kann.
Hätte es je eine Reformation gegeben, wenn jeder denken würde:
Ich ändere ja doch nichts?
Du änderst dich jedenfalls nicht.
Bist immer noch der alte Brausekopf.
Die Welt der Worte hat Robert Blum von klein auf angezogen.
Bildungshungrig hat er sich aus der Armut seiner Kindheit hochgearbeitet.
Bis in das liberale Bürgertum der Bücherstadt Leipzig.
Robert Blum war unter den Liberalen derjenige, -
- der am stärksten den Kontakt zur Bevölkerung gesucht hat.
Er hat die Verarmungskrise der 40er Jahre persönlich registriert.
Er hat sich informieren lassen über die Zustände im Erzgebirge.
Wo die Menschen nur noch von irgendeinem Brei gelebt haben.
Ganz grausige Verhältnisse.
Für die Schufterei gibt es selten mehr als eine Handvoll Kartoffeln.
Hunger, Aufstände und Tod sind die Folge.
Nur die Hälfte der Kinder erreicht das 5. Lebensjahr.
Heinrich Heine dichtet:
"Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht."
"Wir weben emsig Tag und Nacht."
"Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch."
"Wir weben hinein den dreifachen Fluch."
Beschleunigt wird die Misere durch die rasante Industrialisierung.
Maschinell gefertigte Waren aus dem Ausland zerstören die Preise.
Und damit das traditionelle Handwerk.
Neue Technik wälzt althergebrachte Lebensformen um.
Mit Dampfkraft. Die Lage wird immer explosiver.
Ein Ventil ist die Flucht.
740.000 Auswanderer in der ersten Jahrhunderthälfte.
Sie ziehen zu den Überseehäfen.
Zwei Drittel der 37 Mio. Deutschen leben damals auf dem Land.
Knapper Boden, schlechte Ernten und der Drang nach Freiheit -
- treiben ganze Dörfer nach Amerika.
Für Blum ist das kein Ausweg.
"Nein, liebe Jenny, nach Amerika gehen wir nicht."
"Wenigstens nicht, solange noch etwas Hoffnung vorhanden ist."
"Für die Freiheit und einen besseren Zustand wirken zu können."
Über die Wege zu diesem Ziel sind die Meinungen indes geteilt.
Das gemeinsame Ziel war übergreifend:
Die politische Reform, Parlamente, Presse-, Versammlungsfreiheit.
Dann gab es diejenigen, die meinten, das ist möglich mit den Fürsten.
Das waren die gemäßigten Liberalen.
Dann gab es die entschiedenen Demokraten, die sagten:
Wir müssen eine stärkere Opposition machen.
Und es gab eine kleine Gruppe, die entschiedenen Republikaner.
Die sagten: Mit den Fürsten geht gar nichts.
Von den Höfen und den Feinden der Freiheit erfuhren wir -
- schnöden Undank und grobe Täuschung.
Der Gedanke, das Wort wurde gefesselt.
Volksredner finden zunehmend Gehör.
Auch Robert Blum in Leipzig.
Um derentwillen Hunderte in den Kerkern schmachteten.
Es erschallt aus allen Gauen, aus jedem Herzen, aus jedem Mund:
Ein einiges, festes deutsches Vaterland.
Die Idee ist Fleisch und Blut geworden.
Trotz aller Unterdrückung wird sie sich verwirklichen.
Die Revolution ...
Die Revolution hat in Paris gesiegt!
In rasendem Tempo verbreitet sich die Kunde.
Vom Sturz des französischen Königs im Februar 1848.
Sie erneuert den Mythos der französischen Revolution in Europa.
Auch in Deutschland erwacht Hoffnung auf einen Völkerfrühling.
Bürger in Baden verstoßen gegen Pressezensur und Versammlungsverbot.
Vielfältig, oft gegensätzlich, bricht aus, was lange angestaut war:
Bürger fordern Mitsprache.
Handwerker begehren gegen die Zunftordnung auf.
Bauern verbrennen Grundbücher ihrer Gutsherren.
Die halten sie in Abhängigkeit.
Mitunter mischen sich demagogische, -
- auch antisemitische Tendenzen in die landesweite März-Revolution.
In den Städten rebellieren Kleinbürger, Tagelöhner, Studenten -
- gegen die Militärmacht der Fürsten.
Aus Angst vor drohender Gewalt berufen die Landesherren -
- liberale "März-Minister".
Von Westen aus fegt ein heftiger Sturm durch die deutschen Lande.
In einer Residenz nach der anderen weichen Monarchen dem Aufstand.
Im Vielvölkerstaat Österreich muss Staatskanzler Metternich fliehen.
Ein unerwarteter Durchbruch.
Jetzt hört mir zu! Jetzt ist die Zeit reif! Auch bei uns!
Auf Drängen der Liberalen ist auch der sächsische König bereit, -
- sein Kabinett auszutauschen und Freiheitsrechte zu gewähren.
Alle Blicke richten sich nun auf Berlin, eine aufstrebende Metropole.
Scheinbar ungerührt vom europaweiten Aufruhr.
In Preußens Hauptstadt sorgt die gefürchtete Militärmacht für Ruhe.
Auch König Friedrich Wilhelm IV. entschließt sich, -
- vom Balkon seines Stadtschlosses aus Reformen zu verkünden.
Da fallen auf dem Vorplatz Schüsse.
Keiner weiß genau, woher.
Doch das ist der Zündfunke, der die Wut über die Soldaten entlädt.
Die Volksstimmung, bisher königstreu, wendet sich gegen das Militär.
Die Unruhen eskalieren in einem erbitterten Straßenkampf.
Im Zeichen von schwarz-rot-gold erheben Anwohner ihre Waffen.
Gegen Soldaten, die für den Feldkrieg gedrillt sind.
Kaum haben die Truppen eine Barriere erobert, ist die nächste errichtet.
Eine Schlacht in der Häuserschlucht.
Ohne Sieger.
Frauen und Kinder eilen den Barrikadenkämpfern zu Hilfe.
Mit allem, was sich zu Munition machen lässt.
Ein adliger Leutnant berichtet:
"Die Aufrührer schossen mit allen Arten Gewehren."
"Aus Kellern und Dachfenstern mit Projektilen der verschiedensten Art."
"Sowie der Befehl zur Wegnahme der Barrikade erfolgte, -
- waren die Truppen losgelassen, und ihre Wut machte sich Luft."
Ein pensionierter Diplomat:
"Zehn, zwölf junge Leute, entschlossen und todbereit."
"Sie haben Barrikaden verteidigt gegen Kanonen, Reiter und Fußvolk."
Nach zweitägigem Gefecht ziehen sich die Soldaten aus Berlin zurück.
Die schlagkräftigste Armee des Kontinents.
Vertrieben von aufmüpfigen Untertanen.
Zurück bleiben mehr als 300 Tote.
Zur Mahnung sind ihre Särge vor dem Deutschen Dom aufgebahrt.
Die Berliner verehren ihre "Märzgefallenen" wie Märtyrer.
Im Kampf um die Freiheit.
Im Angesicht der Todesopfer neigt König Friedrich Wilhelm sein Haupt.
Seine Botschaft wird als Unterwerfungsgeste verstanden.
"Ich habe mich und mein Volk unter das Banner des Reiches gestellt."
"Preußen geht fortan in Deutschland auf."
Das war geheuchelt.
Der König war eine auch psychologisch merkwürdige Gestalt.
Einerseits modern.
Dann den Eindruck der Öffentlichkeit gegenüber erwecken:
Ich bin national, ich mache diese Bewegung mit.
Andererseits die monarchische Gewalt unerbittlich zu halten.
Im Herzen teilt der Taktiker die Meinung seiner Offiziere:
"Gegen Demokraten helfen nur Soldaten."
Doch die Demokraten sind jetzt in Aufbruchstimmung.
Ein politisches Frühjahrserwachen.
Die scheue Biedermeierzeit scheint überwunden.
Lebt wohl, Kinder.
Hört auf das, was Mama sagt.
Abgesandte der Bürgerbewegung machen sich auf den Weg.
Aus allen Teilstaaten.
Komm her.
Sie wollen die Demokratie mit Leben erfüllen.
Die haben sie den Fürsten abgetrotzt.
Ziel der Reise ist Frankfurt.
"Dort muss die Staatsgewalt gesammelt, -
- die Republik ausgerufen und eine Regierung eingesetzt werden."
"Leid sollte mir die Zeit tun, wenn man dazu den Mut nicht hätte."
(Musik)
Frankfurt am Main.
Bis heute Wirtschafts- und Bankenmetropole im Herzen des Landes.
In der freien Reichsstadt tagt nun der Bund der Fürsten.
Sie ist Ende März 1848 Schauplatz für ein einzigartiges Experiment.
In der zentral gelegenen Paulskirche treffen die Delegierten zusammen.
Um den deutschen Bund demokratisch umzugestalten -
- und die ersten freien Wahlen vorzubereiten.
Dieses "Vorparlament" wählt Robert Blum zu einem seiner Vizepräsidenten.
Es vereint die führenden Köpfe der liberalen Bewegung.
An ihnen liegt es, dem Volk Mitsprache zu erstreiten.
Und zugleich die deutschen Länder zu einer Nation zu einen.
Unter den nun amtlichen Farben schwarz-rot-gold.
Inspiriert durch die Uniformen aus dem Kampf gegen Napoleon.
Sie stehen für einen langersehnten Traum.
Schon 16 Jahre zuvor, auf dem Hambacher Schloss, -
- hatten 30.000 Freiheitssinnige öffentlich Reformen verlangt.
In Hambach ist die Forderung nach Freiheit und Einheit unüberhörbar.
Und im Zeichen der schwarz-rot- goldenen Fahnen eingebracht worden.
Dieses Thema war nicht mehr von der Tagesordnung zu bringen.
Darin liegt die große Bedeutung des Hambacher Festes.
Manche Reden, die dort gehalten wurden, -
- klangen gemäßigten Liberalen viel zu militant.
So offenbarten sich seit der Großkundgebung -
- auch Gegensätze innerhalb der liberalen Bürgerbewegung.
Die war danach in den Untergrund verbannt.
Einmal im Jahr trafen sich die treibenden Kräfte der Opposition.
Ganz geheim in Hallgarten am Rhein.
Auf dem Weingut des Liberalen Johann Adam von Itzstein.
Unter ihnen auch Landtagsabgeordnete.
Der badische Anwalt Friedrich Hecker.
Ein radikaler Verfechter der demokratischen Republik.
In der Paulskirche scheint das langersehnte Ziel zum Greifen nah.
Über den Weg dorthin scheiden sich die Geister.
Friedrich Hecker und Gesinnungsfreunde -
- wollen die Republik mit dem Druck der Straße erzwingen
Gemäßigte wie Robert Blum setzen auf Recht und Reform.
Es kommt zum Streit.
Wir sind noch nicht gewählt.
Wenn Sie sich schon als Anwalt des Volkes sehen, -
- dann geben Sie dem Volk doch wenigstens eine Wahl.
Wir besitzen doch ein Mandat als Treuhänder der Revolution.
Wir müssen jetzt die Republik schaffen.
Sonst wird sie blutig erkämpft.
Sie können unsere Überzeugung der Mehrheit doch nicht aufzwingen.
Hecker bricht mit dem Vorparlament.
Er ruft mit seinem Gefährten Gustav von Struve in Baden die Republik aus.
Mit einer Schar Unzufriedener ziehen sie in Richtung Frankfurt.
Doch der erhoffte Zulauf bleibt aus.
Im Schwarzwald werden die Rebellen von Bundestruppen niedergerungen.
Für Blum war Heckers Weg ein Irrweg.
"Sie haben das Volk verraten durch ihre Erhebung."
"Das ist ein entsetzliches Verbrechen."
Hecker flieht in die neue Welt.
Gleichwohl wird er im Volk weiter als Held verehrt.
Die gemäßigten Liberalen empfinden das, was Hecker und Struve machen, -
- als Anschlag auf die Ziele von Einheit und Freiheit.
Als eine Art Verrat an der Sache des Fortschritts.
Die gemäßigten Liberalen wollen das -
- durch Vereinbarungen mit den Fürsten verwirklichen.
Und zunächst einmal durch freie Wahlen.
Erstmals dürfen die Deutschen als Nation an die Urnen treten.
Jedenfalls die 80 Prozent der Männer, die beruflich selbstständig sind.
Von der Ostsee bis zum Schwarzwald -
- geben sie in allen deutschen Ländern ihre Stimmen ab.
In Städten wie in Dörfern wollen sie mitbestimmen, -
- wer die Deutschen künftig im Parlament vertritt
Auch wenn viele damals weder lesen noch schreiben können.
Einige nehmen dafür meilenweite Fußmärsche in Kauf.
Die Wahl-Beteiligung schwankt zwischen 20 und 70 Prozent.
Je nach Region.
Am 18. Mai 1848 schlägt die Geburtsstunde der Demokratie.
In der Paulskirche versammeln sich die zuerst eingetroffenen 330 -
- von insgesamt knapp 600 gewählten Abgeordneten.
Eine Sternstunde der Geschichte.
Die Eröffnung der ersten frei gewählten Nationalversammlung.
Für alle Deutschen.
In ihrer Mitte auch Robert Blum, Volksvertreter aus Leipzig.
Gerade für ihn eine Stunde besonderer Genugtuung.
Der Einzug Blums in die Paulskirche war für ihn eine grandiose Sache.
Das war ja immer noch nicht richtig zu fassen im Grunde.
Er war ein Jahr vorher noch als Sekretär am Theater beschäftigt.
Nun steht er sozusagen in der ersten Reihe der Nation.
Das war für ihn in vieler Hinsicht die Krönung seiner Biografie.
Die Wähler haben angesehene Bürger in die Paulskirche entsandt.
Darunter auffallend viele Akademiker und Staatsdiener.
Sie sollen eine Verfassung schaffen.
Die garantiert allen Deutschen Grundrechte und Mitbestimmung.
Unter den Verfassungsvätern sind renommierte Geister:
Der Dichter Ludwig Uhland, Turnvater Jahn, der Märchensammler Jakob Grimm.
Es ist ein nie dagewesenes, gleichwohl riskantes Vorhaben.
Alles liegt nun in den Händen der Volksvertreter.
Das ist exakt die Abgeordnetenschärpe.
Mit der betrat Robert Blum 1848 die Paulskirche.
Als demokratisch gewählter Abgeordneter -
- muss er die "Einheit und Freiheit" des Landes mit realisieren.
Bald muss Blum erkennen, -
- dass er mit seiner Vision von der Republik wenig Aussichten hat.
Die konservative Mehrheit sucht die Verständigung -
- mit den monarchischen Mächten.
"Unser Kampf ist eine Sache der Überzeugung, aber völlig fruchtlos."
"Alles, was vorkommt, ist im voraus entschieden."
"Die Mehrheit verwirft, was wir geben."
"Oder lehnt ab, nur weil wir's beantragen."
So überträgt die Mehrheit dem habsburgischen Erzherzog Johann -
- die Regierungsgewalt der Märzrevolution.
Kein gelungener Einstand aus Sicht der überstimmten Minderheit.
In der Paulskirche gruppieren sich erstmals verschiedene Fraktionen.
Vom Podium aus gesehen werden sie als rechts, links oder Mitte benannt.
Die hier vorgeprägte Parteienlandschaft -
- spiegelt sich noch heute im deutschen Bundestag.
Wir leben in einer Bundesrepublik, wie Blum sie gewollt hat.
Aber die Parlamentsmehrheit -
- wollte die Fürsten in die Verfassung einbeziehen.
Der preußische König hat Hoffnungen erweckt.
Die Frage war: Konnte man ihm trauen?
Sind die alten Mächte bereit, die neue Demokratie mitzutragen?
Das ist die Kernfrage, auch für Robert Blum.
Wo ist denn der Mittelpunkt in Deutschland?
Ob da, wo er von der Volkssouveränität geschaffen wurde?
Oder da, wo man ihn sich anmaßt?
Geht Preußen in Deutschland auf, oder wird Deutschland preußisch?
Die Nagelprobe naht im hohen Norden.
Das Königreich Dänemark besetzt das Herzogtum Schleswig.
Preußische Truppen unterstützen den patriotischen Sturm dagegen.
Doch europäische Mächte wie England und Russland -
- misstrauen dem neuen deutschen Zentralstaat.
Sie drohen mit Krieg um die Küste.
Daraufhin zieht sich Preußen zurück.
Es gibt die Region um Flensburg militärisch preis.
Friedrich Wilhelm IV. schließt einen Waffenstillstand mit Dänemark.
Ohne Rücksprache mit der Frankfurter Paulskirche.
Der preußische Monarch hat dem neuen Souverän, dem Volk, -
- repräsentiert in der Frankfurter Parlamentsversammlung, gezeigt:
Ihr könnt da beschließen, was ihr wollt. Ich führe es nicht aus.
Das hat die Revolutionsbewegung auch so verstanden.
Man hat im Parlament gesehen:
Das ist nicht nur eine internationale Entscheidung.
Sie ist auch innenpolitisch.
Wer hat denn nun das Sagen in dieser Revolution?
Die Frankfurter Volksvertretung offenbart ihre eigene Machtlosigkeit.
Sie billigt nachträglich den Waffenstillstand.
Das treibt die einfachen Volksschichten erneut auf die Straße.
Sie fühlen sich von der Paulskirche nicht mehr vertreten.
Die Revolutionsregierung antwortet mit dem Einsatz von Bundestruppen.
Reichsinnenminister Schmerling, was machen die Soldaten da draußen?
Die sind auch zu Ihrem Schutz da.
Hier auf unbewaffnete Bürger schießen.
Das können sie, die Preußen.
Ich verbürge mich dafür, dass die Barrikaden wegkommen.
Sie haben eine halbe Stunde, keine Minute länger.
Blum stand in dieser Phase zwischen zwei Stühlen.
Es gab ja eine zweite Revolutionswelle.
Gegen die Kräfte und Institutionen der ersten Revolution.
Gegen die Paulskirche, gegen die Reichsregierung.
Das allein war für Blum schon fatal.
Er wollte ja alle revolutionären Kräfte in einem Boot sehen.
Und beide Seiten wollten nun Gewalt anwenden.
Feine Vertreter des Volkes seid ihr!
Ich bin doch auf eurer Seite.
Dann komm rüber zu uns.
In der Paulskirche muss gekämpft werden, mit Worten.
Nicht mit Blut und Tod.
Von euren Worten kriegen wir nichts zu fressen.
Ihr grabt euer eigenes Grab.
Dann braucht ihr euch eure Finger nicht schmutzig zu machen.
Ihr macht einen großen Fehler!
Jenny.
Ich war noch nie so lebens- und wirkungsmüde.
Dafür hast du doch überhaupt keinen Grund.
Ihr habt so viel erreicht.
Was denn? Die haben alle unsere Vorhaben niedergestimmt.
Wir sind von der Republik genauso weit entfernt wie von Amerika.
Ihr habt zum ersten Mal Grundrechte für alle Deutschen deklariert.
Das interessiert bloß keinen.
Hauptsache, es herrscht Ruhe im Land.
Vielleicht sollten wir auch auswandern.
Was willst du denn in Amerika?
Naja.
Vielleicht ist sie ja auch ausgewandert, die Freiheit.
Blum musste den Eindruck haben, dass die Paulskirche -
- ihre zentrale Position verloren hat.
Die kommt ihr zu bei der Gestaltung des neuen Deutschland.
Sie hat mit der Reichsregierung -
- zurückgegriffen auf das Militär der Einzelstaaten.
Sie begab sich indirekt in die Hände der alten Gewalt.
"In der Nationalversammlung verfolgt aus Bosheit."
"Vom Volke in die traurigste Stellung gebracht aus Dummheit."
"Wir stehen isolierter als jemals."
"Wäre es nicht eine Schande, sich im Unglück von den Genossen zu trennen?"
"Ich würde nie wieder in die Welt zurückkehren."
"Nicht weil ich mutlos bin, sondern müde, völlig abgerungen."
"Das Schicksal unsres Volkes ist ein trauriges."
"Als ob es zum Tode verurteilt sei."
"Nicht die Kraft zu einer Auferstehung habe."
Abschied.
Und neuer Aufbruch.
In Österreich ist die Revolution wieder aufgeflammt.
Teile der Armee sind übergelaufen.
Das Habsburger Herrscherhaus ist vor den Kämpfen aus Wien geflohen.
Als Abgesandter seiner Fraktion eilt Blum zum Ort der Kaiserdämmerung.
"Liebe Jenny, Wien ist prächtig, herrlich."
"Dabei revolutionär in Fleisch und Blut."
"In Wien entscheidet sich das Schicksal Deutschlands."
Wien war für ihn eine große Chance.
Er glaubte, durch eine erfolgreiche Revolution in Wien -
könnte man das Kräftegleichgewicht zurückschrauben.
Das hatte sich zu ungunsten der Revolution verschoben.
"Siegt die Revolution hier, beginnt sie von neuem ihren Kreislauf."
"Erliegt sie, dann ist eine Zeitlang Kirchhofsruhe in Deutschland."
"Wenn Wien nicht siegt, bleibt nur ein Schutt- und Leichenhaufen übrig."
"Unter dem würde ich mich mit Stolz begraben lassen."
Blum ringt sich zu einem Schritt durch, den er stets abgelehnt hatte.
Mit einer Waffe stellt er sich dem Kampf gegen die Habsburger Truppen.
Die wollen die aufständische Metropole zurückerobern.
(Dramatische Musik)
36 Stunden lang harrt der neue Kommandeur im Kugelhagel aus.
Er erhält selbst einen Streifschuss.
Dann muss er den aussichtslosen Kampf aufgeben.
Nach ihrem Sieg unterwerfen die kaiserlichen Soldaten -
- die letzte Bastion der Revolution.
Mit der Rückeroberung der Wiener Hofburg -
- ist auch der Stab über die Frankfurter Paulskirche gebrochen.
Die Habsburger Monarchie mit ihrer Militärmacht will verhindern, -
- dass ihr Vielvölkerreich durch eine Republik zersprengt wird.
Der reaktionären Macht ist nun auch Robert Blum ausgeliefert.
Er genießt Immunität als Abgeordneter.
Trotzdem wird er in einem Wiener Militärgefängnis inhaftiert.
Widerrechtlich.
Die neue Habsburger Regierung ist im mährischen Exil.
Unter Ministerpräsident Felix Fürst zu Schwarzenberg -
- hat sie sein Schicksal in der Hand.
Da wäre noch die Sache mit diesem Blum aus Frankfurt.
Der Feldmarschall lässt fragen, wie er mit ihm verfahren soll.
Bekommen wir da nicht Ärger mit unseren Bundesbrüdern in Frankfurt?
Durch ein klares Urteil werden seine Genossen begreifen, -
- dass wir uns nicht vor ihnen fürchten.
Feldmarschall Windischgraetz ist Militärkommandant in Wien.
Nowacek, bestellen Sie bitte Major Cordier herein.
Er muss eine Standsrechtskommission einberufen.
Das Urteil ist bereits vorherbestimmt.
Auch wenn es mit geltendem Recht und bestehenden Vereinbarungen bricht.
Offensichtlich soll der Schuldspruch gegen Blum -
- Lektion für alle deutschen Demokraten sein.
Jetzt hört mir zu! Jetzt ist die Zeit reif! Auch bei uns!
"Urteil vom 8. November 1848."
"Robert Blum soll mit dem Tode bestraft werden."
"Weil er überwiesen ist, am 26. Oktober an dem bewaffneten Aufruhr -
- in Wien thätigen Antheil genommen zu haben."
Es gibt einen Zeitzeugen.
Fröbel war ja mit ihm gefangen genommen worden.
Blum soll mitunter geistesabwesend aus dem Fenster gestarrt haben.
Ihm sind Tränen über die Wangen gelaufen.
Er hat sein Leben offensichtlich zerrinnen sehen.
"Mein teures, gutes, liebes Weib."
"Lebe wohl für die Zeit, die man ewig nennt."
"Erziehe unsre, jetzt deine Kinder zu edlen Menschen."
"Dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen."
(Traurige Musik)
Hübner, es gibt da eine neue Lage.
Wir müssen unsere Empfehlung wegen dieser Abgeordneten zurückziehen.
Sie meinen, die Aufrührer und diesen Blum?
Hübner.
Schreiben Sie ...
"Alles, was ich empfinde, rinnt in Tränen dahin."
Ihr grabt euer eigenes Grab.
Ihr macht einen großen Fehler!
"Leb wohl, teures Weib!"
"Betrachte unsre Kinder als teures Vermächtnis."
"Und ehre so deinen treuen Gatten."
Die Abgeordneten sind nicht standrechtlich zu behandeln.
Wenn sie nicht in flagranti ergriffen werden.
Sie sind auf freien Fuß zu setzen.
Nowacek.
Weisen Sie an, die Vollstreckung erst mal auszusetzen.
Ich fürchte, dafür ist es etwas zu spät.
Die Revision des Todesurteils erreicht den Richtplatz nicht.
Nicht zur rechten Zeit.
Am 9. November 1848 wird Robert Blum erschossen.
Auf dem Militärübungsplatz Brigittenau bei Wien.
Einen Tag vor seinem 41. Geburtstag.
"Ich sterbe für die Freiheit."
Das sind seine letzten Worte, überliefert.
"Möge das Vaterland meiner eingedenk sein."
"Leb wohl, leb wohl!"
"Tausend, die letzten Küsse von deinem Robert."
"Es haben die Büchsen der Jäger, der Freiheit Fahnenträger -
- den Robert Blum gefällt."
So heißt es in einem zeitgenössischen Lied.
"0h du Deutschland, für das ich gestritten."
"Für das ich im Leben gelitten."
"Verlass die Freiheit nicht."
"Um 6 Uhr habe ich vollendet."
"Ich drücke dir den letzten Kuss auf den Trauring."
"Man kommt! Leb wohl!"
Robert Blum hat in seinem Abschiedsbrief auch signalisiert:
Er stirbt für einen größeren Zweck.
Dass es nicht nur ein persönliches Scheitern ist.
Es ist auch eine nationale Botschaft.
Es wurde begriffen als ein Anschlag auf die demokratische Bewegung.
Die tödlichen Schüsse machen Blum zu einem Märtyrer.
Zu einer Leitfigur der Demokraten in Deutschland.
Nach dem Wiedererstarken der Mächte werden ihre Vorstöße zurückgedrängt.
Die Verfassung der Paulskirche schreibt die Grundrechte fest.
Für alle Deutschen.
Sie tritt nicht mehr in Kraft.
Im Jahr nach der Revolution wird das Parlament aufgelöst.
Mit ihm der Traum von der deutschen Einheit in Freiheit.
Und doch haben Männer wie Blum ein bleibendes Erbe hinterlassen.
"Ideen können nicht erschossen werden."
Das sagt sein Mitstreiter Franz Jellinek nach seinem Tod.
Die Visionen von 1848 blieben Vorbild für jeden Kampf um Demokratie.
In Deutschland bis in die Gegenwart.
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