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Zulu
.
(Leise Musik, Bellen)
(Dunkle Musik)
(Melancholische Klaviermusik)
(Sie atmet unruhig.)
(Tragische Musik)
(junge Frauenstimme:) Ich tat, was er mir beigebracht hat.
Doch mit einem Mal konnte ich es nicht mehr.
(Entfernte Sirene)
(Reifen quietschen.)
Kommen Sie. Kommen Sie mit.
(Sie schreit laut.)
Alles ist gut. Alles ist gut. Kommen Sie.
(Sie schreit und schluchzt.)
Schhh!
(Lautes Schluchzen)
(Melancholische Musik)
"Ist alles okay?"
Das ist 'ne sehr gute Kollegin von der Sitte.
"Magst du mir vielleicht mal deinen Namen sagen?"
"Ich bin Professor Turner."
Das ist jetzt der Leiter der Psychiatrie.
Der ist leider auch nicht an sie rangekommen.
"Dir passiert hier nichts ..." - (kreischt:) "Nein! Nein!"
"Raus! Sorka! Sorka! Raus!"
Die Identität des Mädchens, das ihr gesehen habt, ist nicht geklärt.
Sie hat wohl längere Zeit bei dem Toten, Olaf Reuter, 43, gelebt.
Wir gehen davon aus, dass sie bei ihm gefangen war
und mindestens seit der Geschlechtsreife missbraucht wurde.
Reuter war Mitbegründer eines Architekturbüros in Überlingen.
Vor zweieinhalb Jahren ließ er sich auszahlen
und arbeitete seitdem freiberuflich.
Reuter galt als höflich, aber zurückhaltend.
Besuch bekam er anscheinend selten. Eine Nachbarin gab an,
öfters fremde Autos vor seiner Tür gesehen zu haben.
Ist die junge Frau immer noch in der Geschlossenen?
Nicht gerade förderlich für ihren Zustand.
Da für den Fall ausreichend Gelder vorhanden sind,
prüft die Klinik die Möglichkeit einer abgeschiedenen Unterbringung.
Da können wir jede Befragung vergessen.
Wäre auch wenig erfolgversprechend.
Laut Psychiater wirkt sie mehr wie ein Wolfskind
als ein Entführungsopfer. - Sie ist auch Opfer.
Opferschutz geht vor.
Wir hoffen, dass wir bald mit ihr sprechen können.
Wissen wir, ob sie's getan hat?
Die Fingerabdrücke auf Streichholz- schachtel und Brandbeschleuniger
sind von ihr. Wir sollten rausfinden, was vorher passierte.
Morgen. - Morgen.
Morgen. Für einen genauen Bewegungsplan ist es noch zu früh.
Fest steht, dass sie sich im Haus relativ frei bewegen konnte.
Nahe den Vorderfenstern sind weniger Spuren, hier im Garten 'ne Menge.
Vielleicht der einzige Ort, wo sie unter freiem Himmel war.
Hier hätte sie sich doch bemerkbar machen können.
Schwer vorstellbar, wie einem die Welt erscheint,
wenn sie hier aufhört. - Schauen Sie drinnen in die Kisten.
Hauptsächlich Regeln, die er ihr aufgeschrieben hat.
Irgendwas über Tod und Geister. Und so was hier.
'N Kochbuch ohne Einband.
Vorwörter und Bibliografie fehlen. Sie sollte den Autor nicht wissen.
Aber sie durfte kochen. - Das Einzige, was von außen kommt.
Im Arbeitszimmer stehen Computer und Bücher, aber das war abgeschlossen.
Wir fanden darin keine Spuren von ihr.
Wie kam sie an Brennspiritus, an Streichhölzer?
Und warum hat sie sie erst jetzt benutzt?
"Ein gutes Mädchen wird jeden Morgen mit der Sonne aufstehen."
"Dann wird sie zu ihrem Erzieher beten, ob er da ist oder nicht."
(murmelt:) Mit der Sonne aufstehen ... Zum Erzieher beten ...
Irgendwas stört mich.
Au!
Die hat doch hier allein geschlafen, oder?
Und Fenster und Tür gehen nach hinten raus.
Sag mal, war das Fenster verschlossen?
Am Fenster haben wir nichts gemacht. - Und an der Tür?
Auch noch nicht.
Dann hätte sie jederzeit gehen können.
"Auch das Ausbleiben einer Idee, ihrem Erzieher zu gefallen,
kann zur Strafe führen." - Sind das die Scans aus der KTU?
Die ersten 50 Seiten. - Und?
Was fällt dir an der Schrift auf?
Größe 12, Fettdruck, Arial. - Hm.
Das ist Handschrift. - Was?
Mhm. Jede Seite perfekt.
Sie musste wohl die Regeln ihres Erziehers immer wieder aufschreiben.
In der Klinik haben sie schon versucht,
sie mit Befehlen zum Reden zu bringen.
Auf andere Leute als ihren Erzieher reagiert die Kleine wohl nicht.
Das ist Reis mit 'n bisschen Gemüse. So was kennst du doch.
(Leises Wimmern)
Hm?
(Leise, düstere Musik)
(Lautlos)
(Leise, spannungsvolle Musik)
(Angespanntes Atmen)
(leise:) Rebecca Fischer ...
Ich will zu meiner Tochter! - Frau Fischer?
Ja. - (leise:) Ist gut.
Hauptkommissar Perlmann, wir haben telefoniert. Bitte kommen Sie.
Sie hatte die ganze Nacht geschrien.
Und weil sie so krank war,
konnte ich sie nicht zur Tagesmutter bringen und ging auf den Spielplatz.
Und da sind Sie kurz eingeschlafen.
In unseren Akten steht was von einem Drogenproblem.
Ihr Ex-Lebensgefährte hatte eine Vorstrafe wegen Körperverletzung.
Ja, aber uns hat er nie was getan.
Und wo finden wir den?
Auf dem Friedhof ... finden Sie den.
Wir hatten einen Motorradunfall. Er war sofort tot.
Und ich kam dann ins Krankenhaus.
Und seitdem bin ich clean.
Sie können mich testen. Testen sie mich!
Ich hab feste Arbeit in einem Hotel. Ich hab einen festen Freund.
Ich hab feste Freunde ... - Wir glauben Ihnen.
Gut.
Dann will ich sie sehen jetzt!
Nur zwei Minuten! Bitte!
Das liegt leider nicht in unserer Hand.
Aber ich hab sie nicht mehr gesehen, seit sie ...
... seit sie zwei ist!
Sie ist meine Familie!
Rebecca weiß wohl nicht mal, was das Wort Familie bedeutet.
Was heißt das denn?
Das heißt doch nicht, dass sie mich nicht mehr braucht!
(Klopfen)
(Tür wird geöffnet.)
Hallo.
Guck mal.
Es gibt was zu essen.
Wenn du was anderes willst, kannst du mir das ruhig sagen.
(Sie atmet hektisch.)
Ah, Glückwunsch zur SOKO-Leitung!
Lass mal, ich würde lieber nur ermitteln.
Aber Wagner wollte Vernehmungs- spezialisten an der Front, hm?
Todesursache für das Brandopfer? - Das war ganz schön knifflig.
Seht ihr die Rötung am Ohr? Hier.
Ein Hinweis auf eine nicht behandelte Ohrenentzündung.
Klingt erst mal nicht so dramatisch.
Aber auf den Röntgenbildern hab ich entdeckt,
dass sich ein Abszess am Innenohr gebildet hat,
der zum Temporallappen gewandert ist.
Er hatte Kopfschmerzen, plötzliche grauenhafte Kopfschmerzen.
Stark genug, dass man sofort zum Arzt will.
Aber der Abszess drückte so aufs Hirn, dass er ohnmächtig wurde.
Er wäre wieder erwacht. - Todesursache also Verbrennen.
Finden Sie nicht, dass die Kollegen den alten Reuter
schon ausgiebig genug befragt haben? Ich mein ja nur ...
Für meinen Sohn hatte ich immer Zeit!
Haben Sie auch ein Bild von Ihrer Frau?
(Er lacht bitter.)
Der Frau, die mich mit einem Zehnjährigen alleine gelassen hat?
Das war sicher nicht einfach.
Außerdem hatte ich ein Kindermädchen eingestellt.
Unsere Kollegen haben schon mit ihr gesprochen.
Sie hat Auffälligkeiten an Ihrem Sohn bemerkt.
Er hat mit Fliegen gespielt und ihnen die Flügel ausgerissen.
Ja, so was tun Jungs nun mal.
Ja, aber Sie haben ihn dafür verprügelt.
Das Kindermädchen sagt, Sie haben Ihren Sohn sehr streng erzogen.
Anscheinend nicht streng genug! - Das ist Ihre Interpretation.
Können Sie mir jetzt endlich mal sagen, was passiert ist?
Unseren Kollegen erzählten Sie, dass Sie sich nicht erinnern können,
je eine andere Person bei Ihrem Sohn gesehen zu haben.
Doch, einen hab ich gesehen.
Diesen, diesen ...
Diesen Geschäftspartner. - Den Herrn Kolb?
Ich hab ihm 'n paar Mal die Hände geschüttelt, mehr nicht.
Olaf hatte nun mal keinen großen Freundeskreis.
Hatten Sie in den letzten Jahren noch Kontakt zu Ihrem Sohn?
M-m.
Vor acht Jahren hatte ich einen Hirntumor.
Damals hat er mich oft besucht, ja.
Olaf ist ein guter Junge.
Egal, was er gemacht hat.
Das hier ist heute Morgen aus der KTU gekommen.
"Erst wenn du ganz sicher bist,
dass dein Erzieher auf eine andere Sphäre gegangen ist,
verbrenne seinen Körper mit allen Schriften und Zeichnungen."
"Am Ende dann verbrenne dich selbst,
denn nie soll ein Mädchen ohne Erzieher sein."
Reuter wollte sicher sein,
dass nach seinem Tod alle Beweise vernichtet werden.
Erstaunlich sind diese Kalender. Ungewöhnlich aufgebaut.
Jede Linie ist ein Ilek und besteht aus 19 Tagen.
19 Ileks und vier Werttage ergeben zusammen ein Forton.
Das ist ein Jahr.
Was soll das? - Das hab ich mich auch gefragt.
Reuter wollte Rebecca kontrollieren.
Bis hin zu ihren innersten Gedanken, ihrem Weltbild.
Und bis in den Tod.
Er hat sie zu einer pseudoreligiösen Extremistin erzogen,
einer fanatischen Anhängerin seiner Fantasien.
Aber hier ist noch was Wichtiges.
Immer wieder erscheint "Brut". Hier.
Hier.
Anscheinend Reuters Name für Rebecca.
Und E, das steht für Erzieher.
Also Reuter selbst.
Aber da ist noch was Wichtigeres.
Eine Bleistiftzeichnung, die hat sich durchgedrückt.
Die KTU konnte das sichtbar machen.
Diese Zeichnung stammt von einem deutlich jüngeren Kind.
Und auf diesem Kalender wird plötzlich "Lik" erwähnt.
Hier ... Lik.
Und das ist möglicherweise ein weiteres Mädchen.
Was? Wir haben keine Spuren von 'nem anderen Kind entdeckt.
Vielleicht 'n Rollenspiel? - Glaub ich nicht.
An manchen Tagen stehen alle drei zusammen da.
Hier ... hier.
(Düstere Musik)
Glauben Sie, diese Lik könnte noch leben?
Wir müssen davon ausgehen, dass sie noch lebt!
(Beklemmende Musik)
Guten Tag. - Hallo.
(von drinnen:) Ja?
Guten Tag. - Guten Tag!
Schattenberg. - Blum.
Perlmann. - Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.
Und Sie wollen also mit ihr reden, ja?
Ja. - Wir müssen mit ihr reden.
Mhm ...
Ich kann leider nur einen von Ihnen mit zu ihr nehmen.
Offen gesagt wäre mir eine Frau lieber.
Ich warte draußen. - Okay.
Wir bringen Rebecca ihr Essen, dann ergibt sich eine schöne Situation.
Danke!
Also noch mal: Das Wichtigste ist, dass sie etwas isst.
Ich stell Sie vor, und dann können Sie ihr bis zu drei Fragen stellen.
Bitte insistieren Sie nicht, falls keine verwertbare Antwort kommt.
Es kann hier, wenn überhaupt, nur um eine erste Annäherung gehen.
Rebecca? Hallo.
Das ist Frau Blum.
Die möchte dir helfen.
Rebecca?
Dafür muss sie mit dir reden. Hm?
(Heftiges Atmen)
Hallo, Brut.
(Sie summt nervös eine leise Melodie.)
Du hast deinem Erzieher viele Fortons lang treu gedient.
Kannst du uns davon erzählen?
(Leises Wimmern)
Du hast auch viel gekocht, stimmt's?
Es wär schön, wenn du auch mal für uns kochen würdest.
Hast du denn schon mal für mehr als zwei Personen gekocht?
(Leise, ruhige Musik)
Rebecca!
(Leise Musik)
(Schritte)
Bist du mein neuer Erzieher?
Ja.
Komm.
Komm, lass uns reingehen.
(leise:) Geben Sie ihr das.
Kannst du bitte wieder aufstehen?
Steh auf!
Setz dich auf den Stuhl.
Setz dich.
Stell deinen Teller auf den Tisch und iss was.
Okay ...
Ich möchte von dir erfahren,
ob da bei dir im Keller noch eine andere Person war.
Ein kleines Mädchen namens Lik.
Es tut mir leid, aber wir müssen das wissen. Setz dich!
Gut.
Ich befehle dir, mir zu antworten.
War da noch ein anderes Mädchen?
(Uhr tickt.)
(schreit:) Verdammte Scheiße, antworte!
Wenn ein neuer Erzieher da ist, tut ein gutes Mädchen immer noch,
was der alte gesagt hat.
Und was hat der alte gesagt?
(Leise Musik)
Ich möchte, dass du ab jetzt alles machst, was Frau Schattenberg sagt.
Das ist ein Befehl! - Sorka!
Stopp!
(Leise, beklemmende Musik)
Geh auf dein Zimmer.
(Entferntes Kinderlachen)
(Ruhige Musik)
Was war denn das eben?
Das geht zu weit.
Es tut mir leid.
Das Positive: Herr Perlmann konnte Rebecca vermitteln,
dass er ihr Erzieher ist.
Wenn einer meiner Kollegen einen besseren Zugang
zu einem Patienten hat, hab ich nichts dagegen.
Wenn aber ein Polizeibeamter in dieser Schärfe versucht,
Informationen aus einem Gewaltopfer herauszupressen ...
Das kann ich nicht zulassen.
Immerhin redet Rebecca überhaupt mit jemandem.
Ja, aber wenn's ihr schadet!
Das Leben eines anderen Mädchens könnte davon abhängen!
Tut mir leid, ich kann das nicht verantworten.
Willst du nicht was essen?
(Leises Wimmern)
Guck mal.
Ich hab dir was gekocht.
Wissen Sie schon was Neues von meiner Tochter?
Nee, leider nicht.
Wir melden uns bei Ihnen, Frau Fischer.
Ich kann nicht schlafen, wissen Sie!
Wie ist das, wenn man sein ganzes Leben in 'nem Keller eingesperrt ist?
Ich glaube, manchmal ist das Gefäng- nis im Kopf das größere Problem.
Hoffentlich kann sie sich daraus auch befreien.
(Leise, beklemmende Musik)
Was ist mit dem Geschäftspartner, diesem Kolb?
Wird heute wieder in Deutschland erwartet.
Konntet ihr nicht früher an den ran? Der kommt als Mittäter in Frage!
Falls es einen gibt. - Warum erzählt Reuter Rebecca,
was sie mit ihrem neuen Erzieher tun soll?
Ich hab mit Frau Professor Schattenberg telefoniert.
Rebecca sagt gar nix mehr.
Die will, dass du mit ihr zusammenarbeitest.
Ich? - Eine Woche.
Das hat sie gesagt. - Das kommt nicht infrage!
Was ist denn mit der Mutter?
Darf auch nicht zu Rebecca.
Angeblich nur eine weitere Fremde, die auch psychisch instabil ist.
Ach, aber du - du kannst da helfen?
Ich weiß auch nicht, warum das Mädchen so auf mich reagiert.
Ist auch nicht meine Aufgabe.
Aber du kannst rausfinden, ob Lik ermordet wurde!
Das ist deine Aufgabe!
Glaub mir, ich hätte dich auch lieber hier.
Na gut ...
(Leise, dynamische Musik)
Am Anfang werden Sie streng sein müssen.
Befehlen Sie ihr, alles zu vergessen, was sie gelernt hat.
Einschließlich ihres Namens.
Sie geben ihr einen neuen Namen.
Ihren eigenen, Rebecca.
Aber es gibt Grenzen, die Sie nicht überschreiten dürfen.
Vergessen Sie nicht: Sie sind kein Therapeut.
Sie hören hier nur auf mich!
Ist das klar?
Egal, welche Fortschritte Rebecca zu machen scheint,
das muss alles nichts bedeuten, Herr Perlmann.
Baum. - Gut.
Was ist das? - Haus.
Und das? - Das Nichts.
Fehler. Der Himmel.
(Ruhige Klaviermusik)
Was soll denn das?
Du weißt das nicht.
Was? - Dass du mir wehtun musst.
Und dann würdest du mir alles erzählen?
Rebecca, komm rein.
(Klopfen)
Beim nächsten Mal sind Sie gewarnt.
Das wird ihr nicht noch mal gelingen.
Tut mir leid, aber auf so was wurde ich nicht vorbereitet
auf der Polizeischule.
Wenn es Sie beruhigt: Wir in der Therapieausbildung auch nicht.
(Leise, schwermütige Musik)
Und jetzt?
Fernsehen.
"Dieses Schmelzwasser fließt dann unter dem Gletschereis zur Küste."
Darf ich bitte was fragen?
Ja, frag.
Warum ist dir wichtig, ob bei meinem Erzieher ein anderes Mädchen war?
Weil ich wissen möchte,
ob das andere Mädchen auch einen neuen Erzieher hat.
Dein sind wir im Leben und im Tod.
Wir bitten dich: Segne dieses Grab
und führe Olaf Reuter, den wir hier bestatten,
zur Auferstehung und zum Leben mit dir.
(alle:) Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme, dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Jedenfalls macht Ihre Tochter Fortschritte.
Der Aufenthalt auf dem Bauernhof scheint ihr gutzutun.
Es ist furchtbar zu wissen, dass sie da ist,
und gleichzeitig ... ist sie nicht hier.
"Sie hat übernächste Woche Geburtstag."
Wäre es möglich ... (Klopfen)
Augenblick, bitte!
Ja?
"Was ist das?"
(Ruhige Musik)
Einige von euch haben's vielleicht schon mitbekommen.
Wir haben die DNA von dem Haar, das Rebecca Perlmann gegeben hat,
mit unseren Daten abgeglichen und wurden fündig.
Das Haar gehört der damals dreijährigen Aylin Karrer,
die vor sieben Jahren aus dem Haus ihrer Eltern entführt wurde.
Wir prüfen noch mal alle Spuren. Dafür müssen wir Sie befragen.
Vielleicht sollten wir mit Ihrer Frau sprechen.
Meine Frau hat mich verlassen, vor zwei Jahren.
Sie haben ja keine Ahnung von dem Schmerz.
(leise:) Doch, das hab ich.
Herr Karrer, vielleicht besteht gar kein Grund für Schmerz.
Unsere Hundertschaft hat die Gegend abgesucht,
wo Ihre Tochter sich befunden hat. Sie haben keine Leiche gefunden.
Es besteht noch Anlass zur Hoffnung.
Hoffnung ...
Glauben Sie mir, wir hatten genug Hoffnung.
Und jetzt, wo ich endlich gelernt hab, keine mehr zu haben,
kommen Sie und geben mir neue Hoffnung?
Lassen Sie mich einfach in Ruhe mit Ihrer Hoffnung.
(Leise, rhythmische Musik)
(Türklingel)
Ich hab meine Familie bei der Arbeit gern um mich.
Im Büro bin ich ja sowieso oft genug. Bitte!
Für jemanden in Ihrem Beruf sind Sie nicht leicht zu erreichen.
Ja, mir wurde auf Teneriffa mein Handy geklaut.
Ich hab erst fünf Tage später bei einem Kontrollanruf in der Firma
von Olafs Tod erfahren. Schrecklich!
Sie haben nicht mal Ihre E-Mails gecheckt?
Beneidenswert, wenn man als Chef so abspannen kann.
Warum sind Sie zu Ihrem Kollegen nicht bis ans Grab gegangen?
Ich wollte erst richtig ankommen, bevor ich stundenlang befragt werde.
Sie sind bewusst vor der Polizei weggelaufen.
Mich würde mal interessieren: Was ist denn überhaupt passiert?
Haben Sie eine Vermutung?
Bei einem simplen Mord würden Sie nicht so ein Geheimnis draus machen.
Was wollen Sie von mir? Olaf und ich waren nicht eng befreundet.
Nachdem er aus der Firma ausge- schieden war, sahen wir uns kaum.
Haben Sie sich gestritten? - Nein, gar nicht!
Er wollte eine Ausrichtung mit der Firma, die kaum machbar war.
Wir haben uns aber einvernehmlich getrennt.
Was glauben Sie sonst, warum wir so ein Interesse an Ihnen haben?
Puh, äh ... Weil ich bei Olaf war?
Weil ich Olaf zu Hause besucht hab?
Interessant, dass Sie auf diese Idee kommen.
Ja, Olaf hatte nie gern Besuch.
Hat immer betont, dass ich der Einzige war, den er reingelassen hat.
So was merkt man sich.
Hat er vielleicht jemanden entführt?
Sie sind wirklich gut im Raten.
Es wär ja 'ne Möglichkeit.
Laut Mitarbeitern waren Sie rund ein Dutzend Mal in Reuters Haus.
Und obwohl Sie so schlau sind, haben Sie nie irgendwas bemerkt?
Nein.
Noch mal!
(Sie schreit laut.)
Geht doch. Sehr schön.
(Ruhige Musik)
Darf ich eine Frage stellen, bitte?
Ja, natürlich!
Wie viele Mädchen hattest du schon?
Also so wie du das meinst, keines.
Aber jeder Erzieher braucht ein Mädchen.
In meiner Welt müsste ich erst mal 'ne Frau finden, um Kinder zu haben.
(Eine Taube gurrt.)
Vogel.
Das ist 'ne Taube.
Ich glaub, die hat sich verletzt.
Ja.
Wir können sie gerne mitnehmen, wenn du willst.
Ich will, dass das du entscheidest.
Ja, dann nimm.
Ganz vorsichtig. Ja ... gut.
Ja. Komm.
Kolb kommt als Einziger infrage, das sagt mir mein Gefühl!
Würden Durchsuchungsbeschlüsse nach dem Gefühl von Polizisten erteilt,
könnte ich mir den Weg sparen. - Klara?
Ich fahr morgen ins lange Wochenende. - Was?
Perlmann ist weg, ich hab die SOKO am Hals, das geht nicht!
Das ist ewig beantragt! Dir würde das auch mal guttun!
Wie wollen Sie der Presse erklären, dass wir der Spur nicht nachgingen?
Der Flügel ist nur verstaucht, nicht gebrochen.
(Leises Gurren)
Sie hatten recht. Sie wurde offener, als wir zu zweit waren.
Trauen Sie sich das weiter zu? - Mhm.
Das wird wieder.
Was ist jetzt mit dem Gespräch,
dass Frau Blum und ich mit Rebecca führen wollten?
Wird schon kommen.
Zwingen Sie sie nicht, Fragen zu beantworten,
die sie nicht beantworten kann.
Sonst fällt sie wieder in ihr altes Muster zurück.
(Leises Gurren)
Frau Blum? - Okay, jetzt seh ich dich.
Irgendwelche neuen Vorkommnisse bei Ihnen?
Ein Kompetenz-Gerangel. Betteln nach Durchsuchungsbeschlüssen.
Alle zehn Minuten 'ne neue Nachfrage. Und bei dir?
Na ja, den Umständen entsprechend.
Ich hol mal Rebecca. - Ich vermisse dich.
Ja, ich Sie auch, Frau Blum.
Den Bildschirm mach ich weg. Keine Sorka bei der Befragung.
Setz dich.
Was ich von dir wissen möchte:
Was hast du allein im Keller gemacht,
wenn dein Erzieher nicht da war?
Geschlafen. Gebetet.
Gewartet. Was er befohlen hat.
War da noch jemand anderes?
Du bist nicht mein Erzieher, oder? - Doch.
Auf 'ne Art und ... - Sorka!
Es gibt dich gar nicht. Du bist nur da, damit ich alles falsch mache.
(sanft:) Hey!
Und warum sollte ich das wollen?
Du warst einem anderen Mädchen ein schlechter Erzieher.
Deshalb willst du, dass ich auch Sorka werde!
Rebecca, ich bin kein Sorka!
Das gibt's alles gar nicht.
Hast du bei deinem alten Erzieher auch mal 'nen Sorka gesehen?
(flüstert:) Manchmal.
Die haben Geräusche gemacht.
Ich bin dann ganz schnell weg, nur einmal hat mich einer gesehen.
Hat er was gesagt?
Ich hab mich versteckt.
Aber jetzt sind es viele.
Beschützt du mich? - Ja.
Ja.
Rebecca, ich versteh, dass dir das alles schwerfällt,
aber ich muss wiss ...
Gut. Du kapierst nicht, was dieser Typ euch angetan hat.
Ich muss wissen, was in diesem Keller stattgefunden hat!
Was soll das? - (Rebecca schreit:) Nein!
Rebecca! - Nein! Nein!
Perlmann? Perlmann!
(Dumpfe Musik)
(Sie seufzt.)
"Ein gutes Mädchen wird tun, was immer ihr Erzieher will."
"Ob er es ausgesprochen hat oder nicht."
(Lachen)
(Düstere Musik)
Frau Schattenberg?
(Vogelzwitschern, Gebell)
Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.
Dafür, dass Sie direktive Fragen stellten, gegen unsere Absprache?
Und ihr dieses Bild zeigen wollten?
Und dafür, dass ich nicht verhindern konnte, dass sie Sie umstößt.
Ein Fortschritt. Sie hat ihre Aggressionen nach außen gelassen.
Es war meine Schuld.
Ich hätte nicht um Ihre Hilfe bitten dürfen.
Ich hab aber schon den Eindruck, dass Rebecca Fortschritte macht.
Vielleicht sagt sie nur, was Sie hören möchten.
Mir scheint, dass sie sich von ihrem Erzieher immer mehr distanziert.
Dafür bindet sie sich immer mehr an Sie.
Das wird ihr vielleicht große Probleme machen.
(Gurren)
Weißt du, was heute für ein Tag ist?
Wenn ich deinen Kalender richtig verstehe, ist heute 'n Werttag.
Am Werttag waren wir wie gleich.
Wir haben zusammen gekocht und am selben Tisch gegessen.
Und du hast nur die Sachen gemacht, die ich auch wollte.
Hast du schon mal 'nen Ausflug gemacht?
Ausflug.
(Ruhige Klaviermusik)
Du fragst gar nichts.
(Stimmengewirr)
Rebecca!
Für deine Ohren.
Kannst du hier reinstecken.
Wo sind die Gletscher?
Es gibt hier keine Gletscher.
Das sind viele.
Und die Mädchen sind alle ohne Erzieher.
Es gibt Frauen, die haben 'nen Partner.
Manche leben allein. Ist ganz unterschiedlich.
Wie viele davon sind wie ich?
Niemand.
Niemand ist wie du.
Kein Mensch ist genau wie der andere.
Aber es sind alles Menschen, genau wie du.
Äh, wart mal ...
Ist das okay?
(Ruhige Klaviermusik)
Werttage sind schön.
Davon erzählst du niemandem!
Rebecca, ich möchte dir eine sehr liebe Freundin vorstellen.
Das ist Katja.
(leise:) Hallo.
Komm doch 'n bisschen näher.
Willst du vielleicht was trinken? Kaffee oder Tee oder ...
... Cola? Die haben hier auch frisch gepressten Orangensaft.
Ich will keinen Ausflug mehr.
Ich möchte, dass du bleibst.
Es ist aber Werttag.
(Leise, schwermütige Musik)
Möchtest du vielleicht einen Kakao?
Ich hab das auch immer gemacht.
Aber ich durfte das nie trinken, nur riechen.
Und hast du dich immer daran gehalten?
(leise:) Gut.
Ja.
(Spannungsvolle Musik)
(Türklingel)
Nichts Auffälliges.
Hey, hey, hey! Den brauch ich noch für meine Arbeit!
Und?
Hier deutet nichts auf 'n entführtes Mädchen hin. Nichts.
Das kleine Mädchen vorhin ... - Fragst du wieder.
Lik war auch so klein, oder?
Mein Erzieher will nicht, dass ich über sie spreche.
Ich dachte, ich bin dein Erzieher.
Ich war nicht fleißig genug.
Deshalb musste er sie holen.
Aber sie hat nur Arbeit gemacht und immer geschrien: "Mama, Mama!"
Mama?
Sie hat ihre Mama vermisst.
So, wie ich meinen alten Erzieher vermisse?
Nein. Ganz anders.
So, wie man jemanden vermisst, den man liebt!
Den man sehr gerne mag!
Weißt du, woher die Kinder kommen?
Sie werden geholt.
Nein. Sie kommen aus ihrer Mama.
So wie du früher auch.
Und wie gehen sie wieder weg?
Wie ist Lik denn weggegangen?
Mein Erzieher hat sie weggebracht.
Hat sie da noch gelebt?
Nein!
Aber ich will das. - Aber ich nicht!
Rebecca, du darfst für dich entscheiden,
und ich darf für mich entscheiden.
Hast du Streichhölzer?
Auch wenn wir bei Kolb keine Spur von Aylin gefunden haben,
war die Aktion kein Reinfall.
Auf seinen Computern konnten wir Fotos rekonstruieren,
auf denen die damals etwa zwölfjährige Rebecca
in sexuell provokanten Posen zu sehen ist.
Ich steh nicht auf so was! Ich bin glücklich verheiratet.
Mir fiel erst bei der Beerdigung wieder ein, dass ich diese Fotos hab.
Da wollten Sie sie schnell löschen, bevor wir danach suchen.
Als Olaf mich endlich mal zu sich eingeladen hat,
hat er mir sein Haus gezeigt. Aber in den Keller wollte er nicht.
Dort stünde alles voll.
An einem anderen Abend bin ich an der Kellertür vorbei
und hinunter gegangen. Plötzlich stand dieses Mädchen vor mir.
Halbnackt. Ich bin sofort rauf, hab gesagt: Was soll das?
Er sagte: Irgendeine 16-Jährige aus der Nachbarschaft,
die braucht Geld, er bekommt dafür Streicheleinheiten.
Das kam Ihnen nicht komisch vor? - Ja, natürlich.
Aber es hat Ihnen auch gefallen. - Nein, Gott behüte!
Ich hab Fotos von der verlangt,
weil ich für mich einen Beweis haben wollte, dass er mit der rummacht.
Ich wusste ja nicht, dass sie bei ihm lebt.
Warum sind sie nicht zur Polizei gegangen?
Ich hab's nicht fertiggebracht.
Wir hatten zusammen die Firma.
Er sagte immer wieder, ich sei sein einziger Freund.
Aber ich hab ihm dann so die Leviten gelesen hat, bis er mir versprach,
das Mädchen nicht mehr zu kontaktieren.
Und dafür wollen Sie 'nen Orden?
Im Moment würde mir ein faires Verhör genügen.
Dann sagen Sie die Wahrheit! Mann!
Wir haben die Kontenbewegungen zwischen Ihnen und Reuter geprüft.
Wirkte erst ganz unauffällig.
Aber dann fragten wir einen Experten,
was ein angemessener Preis gewesen wäre,
Reuter aus Ihrer Firma rauszukaufen.
Stellt sich raus: Sie haben 'n wahres Schnäppchen gemacht.
Ein guter Preis - ist das strafbar?
Das kann das Gericht entscheiden.
Sie haben keine Beweise. Wollen Sie meinen Ruf schädigen?
Sie denken nicht an meine Mitarbeiter, die haben alle Familie.
Oder meine Familie. Was soll ich denen sagen?
Ich denke an das Mädchen, dessen fortgesetzten Missbrauch Sie
aus purer Geldgier jahrelang zugelassen haben.
Jahrelang? Das wusste ich nicht!
Glauben Sie, ich mach mir nicht schon Vorwürfe genug?
Ich hätte nicht gedacht,
dass mich irgendjemand mehr ankotzt als der Täter. Sie schaffen das.
"Ein gutes Mädchen lernt an der Verehrung ihres Erziehers
auf dieser Sphäre immer weiter hinzu, um ..."
(Schluchzen)
(Beklemmende Musik)
Sie haben was?
Ich weiß, ich sollte sie während der Fahrt nicht befragen.
Aber sie sucht Streichhölzer. Sie will sich immer noch verbrennen!
Sie sind kein Therapeut. - Auch nicht Ihre Marionette!
Sie spielen mit Rebeccas Leben!
Von meinem guten Ruf mal ganz abgesehen.
Der scheint Ihnen das Wichtigste zu sein.
Sie können so oder so zufrieden sein.
Läuft die Sache gut, war's Ihr Therapieerfolg.
Läuft's schief, dann hat's der Bulle versaut.
Also gut.
Wollen wir mal annehmen, es geht Ihnen nicht nur um Informationen,
sondern Sie wollen Rebecca wirklich helfen.
Ja, natürlich! - Das wollen wir beide.
Ihr helfen.
Aber über eines sollten Sie sich im Klaren sein.
Ihr Gefühl macht Sie nicht zu einem Therapeuten.
Wenn Ihr Gefühl Rebecca nicht hilft, zerstört es sie womöglich.
So.
Und dann fahren wir zu dem Haus, wo sie gefangen war.
Wenn Rebecca über Lik redet, dann dort.
Und dann hoffen wir, dass Ihr Zögling sich von Ihnen verabschieden kann,
ohne den Hof abzufackeln.
Herr Karrer wartet drinnen. Er ist von sich aus gekommen.
Seine Aussage bestätigt, was wir wussten.
Ein heißer Tag, Aylin schlief bei offenem Fenster,
schnarchend, wegen ihrer Polypen. Die Mutter war weg.
Der Vater telefonierte im Neben- zimmer. Als er auflegte - Stille.
(leise:) Furchtbar.
Ich kann seit letzter Woche an nichts anderes mehr denken.
Was, wenn Aylin doch noch lebt?
Was, wenn ich sie durch meine Sturheit gefährde?
Sie müssen mir eines versprechen, ja?
Sie werden sie finden.
So ein Versprechen kann ich Ihnen nicht geben.
Bitte!
Ich ... Ich verspreche Ihnen, dass wir alles tun.
Ich versprech Ihnen, ich tu alles, was ich kann!
(leise:) Bitte!
Ich versprech's Ihnen, okay?
Ich zeig dir jetzt mal was.
(Tür wird geöffnet.)
Rebecca?
Ist das ein Papa?
Ja, ein sehr trauriger Papa.
Er möchte wissen, wo seine Lik sich befindet.
Was machen Sie denn da?
Wir wollten uns hier besprechen. - Ja, wir zwei!
Rebecca, geh bitte nach draußen.
Sofort!
Sie können nicht einfach alleine mit Rebecca reden!
Unsere Aufgabe ist es, so schnell wie möglich Aylin zu finden!
Und ich muss Rebecca helfen! - Indem du das Profis überlässt!
(Gebell)
Haben Sie Rebecca gesehen? - Da hinten.
Warum laufen Sie nicht mit?
Rebecca?
Rebecca!
Ach, da bist du.
(Muhen)
Hey, du brauchst keine Angst haben! Das ist 'n Kalb.
Das kannst du anfassen, da.
Schau!
Komm her!
Trau dich! (Muhen)
(Perlmann lacht.)
Rebecca?
Es tut mir leid.
Ich weiß, ich hab dir gesagt,
dass du deine eigenen Entscheidungen treffen sollst.
Aber manchmal musst du doch auf mich hören.
Und wann?
Vielleicht kannst du das aufschreiben in der makellosen Schrift.
So, wie du schreibst? - Ich bin nur ein Mädchen.
Aber mein alter Erzieher hat ohne Makel geschrieben.
Ähm ...
So?
Deswegen hast du alles geglaubt, was er dir gesagt hat?
Solche Buchstaben können nicht lügen.
Komm mal mit, ich muss dir was zeigen.
(Drucker surrt.)
Hier.
Dein Erzieher hat gelogen.
Und jetzt probierst du das mal.
(Leise, melancholische Musik)
Aber er wusste alles vorher.
Er hat gewusst, dass meine Zähne ausfallen.
Und er hat gewusst, dass ich ... schmutze.
Das sind Erfahrungen, Rebecca,
die macht jede junge Frau.
(Schwermütige Klaviermusik)
Das ist nicht richtig.
"Meine Erzieher"?
Gab's etwa zwei?
Antworte, Rebecca, bitte!
(Düstere Musik)
(Sie wimmert leise.)
(Teller klappern.)
Vielleicht hat sie sich ja nur vertippt.
Oder es gab wirklich zwei Erzieher. - Du bist der zweite.
Das riecht wahnsinnig gut.
(leise:) Draußen ist eine Frau, die will zu Rebecca.
Zu Rebecca?
Was machen Sie denn hier? - Darf ich zu meiner Tochter, bitte?
Das geht nicht, tut mir leid. - Wieso geht das nicht?
Im Café hat das gut geklappt. - Was für 'n Café?
Bitte gehen Sie jetzt. - Ich bin ihre Mutter!
Geh rein! - Rebecca!
Ich bin deine Mutter.
(Leise Musik)
Eine Mutter muss aufpassen, dass ihr Kind nicht weggenommen wird, oder?
Ich hab ... - Aber das ist nicht schlimm.
Mein neuer Erzieher passt jetzt auf mich auf.
Bitte nimm sie!
Ich mach es kurz: Mein Vertrauen in Sie war nicht gerechtfertigt!
Für Ihre heimlichen Befragungen hatte ich noch Verständnis.
Aber die Mutter hinzuzuziehen ist ein absoluter Vertrauensbruch,
der desaströse Folgen für Rebecca haben kann.
Das Experiment ist gescheitert.
Entschuldigung. - "'Tschuldigung"!
Sie werden Rebecca morgen an mich übergeben.
Ja.
(Tür wird geschlossen.)
Sie sagten meinem Kollegen, wenn Rebecca redet, dann in Reuters Haus.
Dafür sind wir nicht weit genug gekommen.
Wir haben nur noch diese Möglichkeit, Aylin zu finden.
Frau Blum, ich versteh Sie ja.
Aber ... Aylin ...
Rebecca lebt. - Ein Versuch, bitte!
(Stimme aus dem TV)
Was machst du denn da?
Du darfst so was nicht alleine gucken.
Wo ist denn diese Wachfrau?
Rebecca, hör mal zu.
Ich muss morgen leider fort.
(Ruhige Klaviermusik)
Kein Erzieher kann ohne sein Mädchen sein.
Ich will nicht, dass du gehst.
Bitte.
Bitte.
(Ruhige Klaviermusik)
Frau Blum, bitte lassen Sie mich in Ruhe!
Ich wollte nur 'nen Augenblick für sie da sein.
Das hab ich gesehen. Für wen hältst du dich?
Ich bin für Rebecca verantwortlich! Sie hat mich ausgewählt.
Nicht die Schattenberg, nicht Sie, nein: mich!
Du warst der erste mittelalte Mann, den sie gesehen hat.
Dieses Mädchen braucht mich!
Unsere Besprechung hab ich mir anders vorgestellt.
Ja, ich ...
(leise:) Entschuldige.
Ist schon gut.
Dieser Fall nimmt mich ganz schön mit.
Ja, mich auch.
(Ruhige Musik)
Ich weiß, du hast große Angst, Rebecca.
Ich habe keine Angst.
Komm.
(Leise, ruhige Musik)
Er hat nach mir gegriffen.
Geht das?
Er hat gesagt, wenn man tot ist, dann geht das nicht mehr.
Vielleicht hat nur das Feuer seinen Arm bewegt.
Ich wollte auch brennen.
Wirklich.
Aber ...
Dann hat sich das angefühlt wie ...
... falsch.
Das hast du gut erkannt.
(Leise Klaviermusik)
Hier habe ich gelegen.
Und wo lag ... Lik?
Sie hat immer nur geschrien: "Mamama!"
(Lautlos)
"Mama."
(Lachen)
(Rebecca:) "Mama."
Frau Blum ...
Rebecca, wie ist Lik fortgegangen?
Zu akzeptieren, dass alles, wofür man gelebt hat, Lüge war,
das ist sehr schwer.
(Melancholische Klaviermusik)
Rebecca, antworte bitte.
Hast du wirklich noch Angst?
Glaubst du wirklich, wir sind Sorka, die dir was Böses wollen?
Ich pack noch kurz meine Sachen, bin gleich wieder da.
Für wen bist du da?
Für wen ich da bin? Für die Menschen.
Und ich hab eine Familie, aus der ich komme.
Und für meine Freunde.
Ich hab immer nur Erzieher. - Das stimmt so nicht, Rebecca.
Doch. Dich, den alten und den davor.
Den davor?
Was war denn das für 'n Typ, der Erzieher davor?
Kannst du den beschreiben?
Er sah aus wie ein Erzieher.
Also ein Mann, ähnlich angezogen wie ich. Und was noch?
Du musst mit aufs Präsidium. Wir zeigen dir ein paar Bilder.
Rebecca geht auf kein Präsidium!
Sie werden ihr auch keine Fotos zeigen oder Ähnliches.
Es reicht jetzt!
(Klopfen)
Na, du?
Ich muss dann mal gehen.
(leise:) Für dich. - Danke!
Vielleicht kannst du ja noch bis zu meinem Geburtstag hierbleiben.
Rebecca, das geht nicht.
Ich muss dann auch wieder mal arbeiten. Ich bin Polizist.
(Leise, ruhige Musik)
(Tür wird geschlossen.)
Kann die denn Gesichter unterscheiden?
Ich denke schon.
Gesichter zeichnen kann sie auf alle Fälle ziemlich gut.
Zumindest das von Olaf Reuter. Da!
Die hat das nie gelernt.
Was is'n das für ein Turban da? - 'N Kopfverband vielleicht.
(Leise, spannungsvolle Musik)
(murmelt:) Hirntumor ...
Das ist nicht Olaf Reuter!
(Dramatische Musik)
Da!
Herr Reuter? Ich verhafte Sie wegen Verdachts auf Entführung
und Freiheitsberaubung in zwei Fällen.
Ja, los jetzt!
Also so was ...
Es würde Ihnen vor Gericht helfen, wenn Sie uns sagen, wo Aylin ist.
Was ändert's?
Sie werden mich so oder so für den Rest meines Lebens wegsperren.
Lassen Sie mich sprechen!
Erleichtern Sie wenigstens Ihr Gewissen! Helfen Sie uns!
Ich soll Ihnen helfen, Aylin zu finden?
Dann will ich aber 'ne Gegenleistung. - Was für 'ne Gegenleistung?
Wir ziehen uns jetzt zur Beratung zurück.
Ich möchte noch einmal mit Rebecca sprechen.
Das geht auf keinen Fall.
Sie haben sich die Behandlung, die Sie im Knast bekommen werden,
wirklich verdient!
Möchten Sie Aylin finden?
Ich werde dafür sorgen, dass Sie reden!
Keine Drohungen! Wenn Sie wollen, dass ich mein Mandat niederlege ...
Das möchte ich, sofort! Glauben Sie wirklich, Sie könnten mir helfen?
Ja, Sie auch!
Darf ich bitten?
Ich möchte alleine mit Ihrer Kollegin sprechen.
(Leise, düstere Musik)
Was gibt's da zu grinsen?
Glauben Sie wirklich, ich hätte diesen Fall gewinnen wollen?
'N halbes Jahr hab ich sie beobachtet.
Rebecca mit ihrer Mutter.
Bis sich die richtige Gelegenheit ergab.
Das war nach Ihrer Frühpensionierung?
Beide Eltern waren drogensüchtig, der Vater zudem ein Schläger.
Wäre sie bei ihnen geblieben, sie wäre längst tot.
Wie Aylin? - Es war Arbeit.
Die ersten Jahre ... Es war nur Arbeit.
Ja, ich hatte gehofft, irgendwann bekäme ich etwas zurück
von dieser Mühe, die ich in dieses kleine Wesen hineingesteckt ...
Von dieser Arbeit! Sie wissen, Arbeit befreit ja.
Und ... ich habe etwas investiert.
(Angespannte Musik)
Und Ihr Sohn, der war eingeweiht?
Das hab ich selber gemacht, bis ...
zu diesem Tumor.
Ach, Olaf. Olaf hat immer nur gejammert.
"Die Mädchen, die Frauen interessieren sich nicht für mich."
Wissen Sie,
eine richtige Frau ...
kann man sich wirklich nur alleine schaffen.
Heranziehen, heranbilden.
Bald ging Olaf raffinierter mit Rebecca um als ich.
Am Abend vor meiner Operation haben wir sie betäubt
und sie ihm rübergeschafft.
Jetzt, wo sie langsam reif war, ging bei mir hier gar nichts mehr.
Reif? Das Mädchen war elf!
Sie werden jetzt aber bitte nicht Ihre Beherrschung verlieren.
(Aufgewühlte Musik)
Und? - Er legt ein Geständnis ab.
Rebecca akzeptierte ihr neues Leben, und er hat es genossen,
sich ein zweites Mädchen geholt zu haben.
Aber leider war sie zu alt. Aylin war zu alt.
Was haben Sie mit Aylin gemacht?
Wir fürchteten, dass sie mit ihrem Gejammer Rebecca Flöhe ins Ohr setzt.
Wo ist Aylin?
Ich hatte Rebecca überzeugt,
kein Wort zu sagen.
Zu niemandem.
Ich war der Meinung, Olaf wird Blödsinn machen und entdeckt werden.
Aber er hat ja seine Sache wirklich besser gemacht als erwartet.
Finden Sie nicht?
Ihre Situation ist hier eigentlich besser ...
... besser als Sie denken.
Die Entführung liegt mehr als 15 Jahre zurück.
Sie haben gesagt,
Sie haben das Mädchen nie vergewaltigt.
Danach haben Sie sich nichts mehr zuschulden kommen lassen.
Dazu kommen Ihr Alter und Ihr Geständnis.
Wenn Sie mir sagen, wo Aylin ist, dann ...
... kann ich Ihnen bestimmt behilflich sein.
Müsste unser Abendessen nicht bald da sein?
(Düstere Musik)
Es kann doch nicht sein, dass die Finanzierung für Rebeccas Therapie
auf dem Hof nicht verlängert wird! - Sie wird woanders fortgesetzt.
Das wird wohl kein Problem sein.
Hat sich in Bezug auf den Täter etwas Neues ergeben?
Helmut Reuter will nur eine Aussage machen,
wenn er vorher Rebecca treffen kann.
Das ist unmöglich.
Lassen Sie uns darüber sprechen. - Ich wüsste nicht, wieso.
Mir ist klar, was wir da verlangen.
Wir werden natürlich jedes Risiko für Rebecca ausschließen.
Unsinn. Eine Re-Traumatisierung können Sie nicht ausschließen.
Gibt es überhaupt eine Chance, dass dieses Mädchen noch lebt?
Es ist nicht auszuschließen!
Andernfalls können wir Reuter wegen Mordes anklagen, und ...
Und Aylins Vater hätte endlich Gewissheit.
Sie wissen nicht mal, ob er weiß, wo Aylin sich befindet.
Geschweige denn, ob er sein Wort hält.
Reuter ist ein kaputter alter Mann.
Vielleicht ist es für Rebecca nicht schlecht, wenn sie ihn so sieht.
Tut mir leid, aber da geb ich Frau Schattenberg recht.
Ich halte es für unverantwortlich,
wenn Rebecca jetzt den alten Reuter treffen muss.
Rebecca!
Ich bring dich ins Bett. - M-m, ist gut.
Ihr redet doch über mich.
Ich will, dass Lik wieder bei ihrem Papa sein kann.
Und deshalb befehle ich, dass ich meinen alten Erzieher wieder treffe.
Das kannst du nicht entscheiden. - Doch.
Du hast gesagt, ich werde morgen volljährig.
Ja, das habe ich.
Trotzdem, so einfach ist das nicht.
Und es gibt noch etwas, das ich will.
Alles Gute zum Geburtstag.
Das ist für dich. Musst du auspacken.
Ich wusste nicht so genau mit der Größe ...
Und ich hoffe, die Wolle ist nicht so kratzig.
Ich hätte gerne einen Espresso. - Das Gleiche.
Das ist auch noch für dich.
(leise:) Die hab ich für dich aufgehoben.
Warum hast du mich nicht so aufgehoben?
(Leise Musik)
(leise:) Ist gut ...
Ist gut.
(Tür wird geöffnet.)
(Klopfen)
Ich hab noch was für dich.
(Melancholische Klaviermusik)
Und jetzt versuch zu schlafen, ja?
Und wenn morgen irgendwas ist, ich bin für dich da. Okay?
"Die wichtigste aller Regeln ist der unbedingte Gehorsam bis zum Tod."
"Und über den Tod hinaus."
"Nur durch ihn kann ein Mädchen sich seinen Platz verdienen
in der Sphäre neben ihrem Erzieher."
Wenn das hier vorbei ist, werden Sie mir sagen, was mit Aylin ist.
Ich hab mein Leben lang zu meinem Wort gestanden.
Sie werden nichts Unabgesprochenes tun.
Ich halte das nach wie vor für problematisch.
Aber wenn es überhaupt helfen soll,
dann nur, wenn wir Rebecca die Situation überlassen.
So weit es geht.
(leise:) Helmut Reuter ist ein böser Mann.
Er wurde eingesperrt, damit er keinem mehr wehtun kann.
Helmut Reuter ist ein böser Mann.
Er wurde eingesperrt, damit er keinem mehr wehtun kann.
Rebecca, wenn es irgendetwas gibt, was du nicht hören willst
von dem, was er sagt, dann halt dir einfach die Ohren zu.
Sie kennen die Regeln. Sie haben fünf Minuten.
(Leise, angespannte Musik)
Stopp, das reicht.
Wie ... Wie schön du aussiehst.
Mein armes Kind.
Mein armes, armes Kind, was haben sie nur mit dir gemacht!
Sie haben mir beigebracht, dass du gelogen hast.
Du hast nicht begriffen, wie raffiniert sie sind, nicht?
Warst du wirklich so naiv?
Glaubst du ihnen?
Willst du deine Herkunft verleugnen?
Und wofür?
Haben sie dir irgendetwas anderes gegeben, woran du glauben kannst?
Oder sollst du dein ewiges Leben
für dieses bisschen schönen Schein opfern?
Willst du Sorka werden?
Willst du Lügner werden?
Im Nichts enden?
Du hast deinen Erzieher verbrannt!
Hast du vergessen, was danach zu tun ist?
Das reicht jetzt!
Glaubst du, diese Sorka verstehen, was du mit Lik gemacht hast?
(Dunkle Musik)
Du hast doch gesehen, was mit einem Mädchen passiert,
das seine Pflichten nicht erfüllt.
(Sie schreit.)
Sei still! Sei still!
Rebecca! Komm! Komm!
Komm! Komm! Komm!
(Leise, düstere Musik)
Weißt du, was für Obst? Äpfel.
Äpfel ...
(Schwermütige Klaviermusik)
(Fotoapparat klickt.)
(Tragische Musik)
(Lautlos)
Wollten Sie nicht Rebecca zu mir schicken?
Das hab ich. Schon vor zehn Minuten.
Rebecca?
Rebecca?
(Leise, unheimliche Musik)
Rebecca!
Rebecca!
Rebecca!
In meiner Welt kann ich mich so belohnen und in eurer bestrafen.
Weißt du jetzt, wie Lik gestorben ist?
Ja.
Dass ich sie umgebracht hab.
Das hast du nicht.
Wir wissen, dass als Täter nur ein ausgewachsener Mann infrage kommt.
Er hat gesagt,
ich soll ihr alles beibringen.
Und ich soll sie bestrafen, wenn sie was falsch macht.
(Leise Klaviermusik)
Und wenn ich es nicht tue, bin ich schuld, wenn er sie bestraft.
Ich wollte das wirklich.
Aber ich konnte nicht.
Das war gut.
Das war richtig!
Rebecca!
Diese Typen haben alles, die haben alles getan,
damit du so wirst wie sie.
Das ist ihnen aber nicht gelungen.
(Leise Klaviermusik)
Mir ist kalt. Komm, lass uns gehen.
Weißt du jetzt eigentlich schon, was aus dir wird?
Ich krieg eine Wohnung in dem Haus von meiner Mama.
Was, allein? - Sie ist ja da.
Und dreimal die Woche erzieht mich Frau Schattenberg.
Ist doch viel zu früh!
Ich wäre lieber bei dir.
Ich bin kein Erzieher.
Ich weiß.
Du bist Polizist.
Vor allem bin ich 'n guter Freund.
Und als Freund rate ich dir: Leb nicht allein.
Ich vermiss dich, Perlmann.
(Melancholische Klaviermusik)
SWR 2016
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