All language subtitles for Amour fou (Hausner, Jessica 2014) limited_BDRip.1080p.x264_GERh1

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Original subtitles

♪ Ein Hund bellt. ♪

♪ Der Hund winselt. ♪

♪ Er bellt noch einmal. ♪

(Vogel:) Braver Hund!

Vogel!

Mein Täubchen! Erwarten wir Gäste?

Aber ja! Wir erwarten sogar einen bekannten Dichter.

Schön! Und was dichtet er?

Er schrieb etwas über eine Marquise, die, während sie ohnmächtig ist,

von einem Unbekannten geschwängert wird und dann herausfindet,

dass jener Unbekannte eben genau der Mann ist, den sie glaubte zu lieben,

weshalb sie ihn nun nicht mehr lieben kann.

Das klingt reichlich verworren.

Vorfälle dieser Art sind im Allgemeinen doch eher selten.

Und doch rührt mich das Schicksal der Marquise.

So, als wär ich es, von der hier die Rede ist.

Nun, dann muss es sich hier wahrlich

um einen ganz hervorragenden Dichter handeln,

der dir durch seine Dichtung solche abstrusen Ideen einzugeben vermag.

♪ Klaviermusik ♪

♪ Ein Veilchen auf der Wiese stand,

gebückt in sich und unbekannt.

♪ Es war ein herzig's Veilchen!

♪ Da kam ein' junge Schäferin

mit leichtem Schritt und munter'm Sinn daher, daher,

die Wiese her und sang.

♪ "Ach!", denkt das Veilchen,

"wär ich nur die schönste Blume der Natur."

♪ "Ach, nur ein kleines Weilchen,

bis mich das Liebchen abgepflückt und an dem Busen matt gedrückt!"

♪ "Ach, nur, ach, nur ein Viertelstündchen lang!"

♪ Ach, aber ach!

♪ Das Mädchen kam und nicht in Acht das Veilchen nahm.

♪ Zertrat das arme Veilchen!

♪ Es sank und starb und freut sich noch:

♪ "Und sterb ich denn, so sterb ich doch durch sie, durch sie,

zu ihren Füßen doch."

♪ Das arme Veilchen.

♪ Es war ein herzig's Veilchen!

(Sophie:) Zum Erschießen schön!

Ganz wunderbar diese Stimme! Dieses Timbre war einzigartig!

Einzigartig!

Nicht wahr?

Sie ist eine Verehrerin Ihrer Marquise.

So?

Ach! Nicht Verehrung kann man es nennen.

Welche Frau hat ein solches Schicksal erlitten?

Das ist es, was den Reiz dieser Erzählung für mich erklärt.

Etwas zu lesen, was einem selbst nie widerfahren möchte,

was man aber dennoch umso gieriger sich vorzustellen sucht.

Ich suche zu beschreiben, was man fürchtet

und vielleicht auch eigentlich ersehnt.

Ersehnt? Wohl eher muss man sich eben dreinfügen in sein Schicksal.

Und sei es auch grausam.

Aber Sie sagten es doch selbst: Die Marquise übe einen Reiz aus.

Ja.

So ist das wohl öfter:

Man sagt das eine und fühlt doch auch das andere.

Ja! So ist das öfter.

Man denkt, man möchte leben und möchte doch sterben.

Hm!

Die Arme!

Wer?

Frau Von Krahl.

Sie tut mir leid.

Wieso denn?

Das muss wohl schrecklich sein, solch eine bekannte Sängerin zu sein,

sich so dem Urteil des Publikums auszusetzen.

Was, wenn sie einen Fehler macht? Das wär so peinlich!

Mhm.

Aber alle bewundern Sie doch.

Ja, aber wenn sie einen Fehler macht, wird man sie verachten.

Die Menschen können so grausam sein.

Aber sie ist berühmt, geachtet.

Eine Frau, die es aus eigener Kraft zu etwas gebracht hat.

Trotzdem. Ich hab es im Leben zu nichts anderem gebracht,

als mich um dich und Pauline zu sorgen - und das genügt mir.

So bin ich eben.

Und wie fandest du unseren Dichter?

Ach der!

Ein etwas melancholisches Gemüt scheint ihn zu plagen.

Er deprimiert mich.

Du scheinst ihm aber zu gefallen!

Ach wo!

Meine Seele ist so wund, dass mir,

wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut,

das mir darauf schimmert.

Das wird mancher für Krankheit und überspannt halten.

Nicht aber Sie, die fähig sind,

die Welt auch aus anderen Standpunkten zu betrachten

als aus dem Ihrigen.

Ich bin so empfindlich geworden, dass mich die kleinsten Angriffe,

denen das Gefühl des Menschen im Laufe der Zeit ausgesetzt ist,

doppelt und dreifach schmerzen.

Sie sind heute so melancholisch.

Ist es vielleicht die Galle, die Ihnen auf die Seele drückt?

Liebste Freundin, es ist nicht die Galle, die mich drückt,

sondern die Welt an sich - und jeder einzelne Teil in ihr.

Ich kenne da einen Arzt, der sich auf die Leiden der Seele versteht.

Er heilte eine Frau, die vor Schreck erblindet war. Sie kann wieder sehen.

Mir ist auf Erden nicht zu helfen.

Die gesamte Gegenwart ist mir ohne jeden Reiz.

Und von der Zukunft kenne ich nur das einzige demütigende Datum.

Nämlich, dass sie enden wird.

Wonach ich mich aber doch sehne, ist,

dass Sie, Marie, mich verstehen könnten.

Aber ich verstehe Sie ja, Sie lieber, empfindsamer, guter Mensch!

Dann darf ich Sie um etwas bitten? - Aber ja!

Würden Sie mit mir sterben wollen?

Aber nein!

Aber mit der Pistole geht es schnell.

Erst erschieß ich Sie und dann ich mich.

Sie würden mich damit sehr glücklich machen.

Ich bin Ihnen sehr zugetan, lieber Freund.

Aber jetzt übertreiben Sie doch einigermaßen!

Aber ich liebe Sie, Marie! - Und ich Sie auch, mein Lieber!

Dann bitte überdenken Sie mein Angebot, liebste Marie!

Weil ich Sie liebe!

Und wenn Sie mich auch lieben, dann tun Sie mir diesen Gefallen!

Denn nichts im Leben soll Ihnen dann wichtiger sein als eben diese Liebe.

Nicht einmal das Leben selbst.

(Mann:) Darf ich hier Platz nehmen?

Aber bitte!

♪ Musik ♪

"Leider hat Pauline am Dienstag Klavierstunde."

"Es passt mir daher nicht, mit Ihnen zu spazieren."

"Am Mittwoch hat Vogel seinen Nachmittag frei."

"Wir werden wohl unter uns bleiben."

"Falls Sie aber freitags nicht anderweitig beschäftigt sind,

würde ich mich freuen,

wenn Sie sich zum Musizieren bei uns einfinden mögen, so gegen sieben."

"Was Sie mir unter vier Augen sagen wollten,

lässt sich ja vielleicht doch auch in Gesellschaft vernehmen."

Sagen Sie, lieber Freund! Sie wissen doch sicher Bescheid:

Diese neuen Steuern - müssen wirklich alle die bezahlen?

Ja.

Auch der Adel?

Ja, aber auch der Bürger, der Bauer und der Bettelmann.

Die neue Steuer betrifft jedermann. Das ist das Neue daran!

Und deshalb sollen nun die Bauern befreit werden.

Nur, damit sie steuerfähig werden. Wie ungerecht!

Aber es ist zugleich doch eine schöne Idee:

Die Freiheit und Gleichheit aller vor dem Gesetz!

Ich nehme an, dass die Bauern lieber leibeigen bleiben

und nicht wie ihre Herren frei sein wollen, nur um Steuern zu bezahlen.

Eine unangenehme Freiheit ist das,

die wohl keiner freiwillig auf sich nehmen würde.

Man müsste die Untertanen wohl gewaltsam befreien!

Ja! Woher soll denn der ehemals Leibeigene wissen, was zu tun sei,

wenn's ihm nun keiner mehr anschaffe? Es wird sein Untergang sein!

Ich selbst würde lieber freiwillig untergehen, als leibeigen leben!

Ich nicht! Ich bin doch meines Mannes Eigentum

und würde niemals wagen, die Freiheit einzufordern!

Der hilflose Versuch der derzeitigen Regierung,

diesen Staat nach französischem Vorbilde umzuformen,

spottet unserem Verständnis für Recht und Unrecht.

Denn was sich da Gleichheit nennt, ist eigentlich ungerecht.

Und was sich Freiheit nennt, ist eine List!

Der Feudalstaat hingegen ist in Preußen über Jahrhunderte gewachsen

und stellt so auf natürliche Weise eine harmonische Ordnung dar.

Warum sollten wir diesen Zustand ändern wollen?

Zu Gunsten der kurzsichtigen Ideen einiger ewig Gestriger,

die sich Republikaner oder gar Demokraten nennen,

die jedoch nicht bemerkt haben,

dass die Revolte in Frankreich gescheitert ist!

♪ Klaviermusik ♪

♪ Ein Veilchen auf der Wiese stand,

gebückt in sich und unbekannt.

♪ Es war ein herzig's Veilchen!

♪ Da kam ein' junge Schäferin

mit leichtem Schritt und munter'm Sinn daher, daher,

die Wiese her und sang.

♪ Klaviermusik ♪

♪ "Ach!", denkt das Veilchen,

"wär ich nur die schönste Blume der Natur."

♪ "Ach, nur ein kleines Weilchen,

bis mich das Liebchen abgepflückt und an dem Busen matt gedrückt!"

♪ "Ach, nur, ach, nur ein Viertelstündchen lang!"

♪ Ach, aber ach!

♪ Das Mädchen kam und nicht in Acht das Veilchen nahm.

♪ Zertrat das arme Veilchen!

♪ Es sank und starb und freut sich noch:

♪ "Und sterb ich denn, so sterb ich doch durch sie, durch sie,

zu ihren Füßen doch."

♪ Das arme Veilchen.

♪ Es war ein herzig's Veilchen!

Danke! Danke!

Ich bitte Sie! Ich bin natürlich nicht die Von Krahl.

Ich bin nur...

(Heinrich:) Bravo!

(Mann:) Dann sollten wir uns bald zu einem musikalischen Abend verabreden!

Ja, es bereitet ihr das größte Vergnügen!

So eine Beschäftigung füllt doch die langen Stunden der Winterabende!

Ach, wir haben uns noch immer eine Beschäftigung gefunden.

Meine Frau liebt die Dichtkunst und liest gern vor.

Zunächst, ich will Ihnen nicht verheimlichen:

Ich liebe eine andere.

Sie kennen sie, wie ich glaube.

Eine Dame der besten Gesellschaft und von höchster Gesinnung und Bildung.

Doch diese Liebe stieß bis dato auf keine Gegenseitigkeit.

Und was ist trister, als die Einsamkeit auf diese Weise

noch deutlicher zu spüren als sonst schon sowieso?

Wo keine Gegenliebe, da erstirbt die Liebe daselbst.

Schließlich ersehne ich doch ein gleichgesinntes Geschöpf,

das mich wiederliebt und mir das Glück zu Teil werden lässt,

meinen innigsten Wunsch mit mir zu teilen.

Aber jene geliebte Dame wollte diesem meinem Wunsch eben nicht zustimmen.

Und daher liebe ich sie auch nicht mehr so.

Der Heirat? - Nicht ganz.

Es geht doch eigentlich um etwas anderes.

Und jetzt scheint es mir, als seien Sie vielleicht die Richtigere.

Ich bin dabei, mich in Sie zu verlieben.

Es sei denn, Sie sind doch nicht...

Es mag seltsam klingen, aber ich suche nicht eine Partnerin fürs Leben

Sondern fürs Sterben.

Sind Sie krank?

Wenn man so will, ja.

Meine Seele ist krank vor Überdruss und Einsamkeit.

Es ist mein töricht überspanntes Gemüt, das sich nie an dem, was ist,

sondern nur an dem, was nicht ist, erfreuen kann.

Kurzum, ich tauge nicht zum Leben,

möchte aber nicht allein und ganz ohne Liebe sterben.

Daher suche ich nun das Glück, eine Seelenverwandte zu finden,

die mein Leiden versteht und mir ähnlich ist,

sodass wir gemeinsam sterben wollen.

Und da haben Sie an mich gedacht?

Wieso denn?

Verzeihen Sie, wenn ich ganz direkt bin?

Mir scheint, Sie sind ganz ähnlich wie ich.

Auch nur ein Zaungast in diesem Leben.

Mir scheint, Sie sind auch einsam

und haben keinen Freund und nichts ist Ihnen wirklich wichtig.

Sie lieben nichts.

Und niemand liebt Sie.

Was?

Wie können Sie das sagen?

Ich hab doch mein Kind!

Und meinen Ehemann, der mich sehr wohl sehr liebt!

Aber Sie? Lieben Sie ihn?

Ja!

Und meine kleine Pauline liebt mich doch! Und ich sie!

Tja, dann hab ich mich vielleicht geirrt.

Verzeihen Sie!

Ach, Vogel!

Wie bin ich froh, dich wiederzusehen!

Wie war denn die Reise?

Es bestätigt sich, was ich dauernd dem Kanzler klarzumachen versuchte:

Noch lange nicht ist jedermann in seinem Gewerbe erfasst

und kann somit zur Kasse gebeten werden.

Ich bin bloß für die Ständekassen verantwortlich.

Wie soll ich die allgemeine Steuer einfordern

ohne entsprechende Erfassung sämtlicher Gewerbe?

Ich halte wenig davon, dass die Stände

den indirekten und direkten Zins solange allein entrichten.

Mama?

♪ Poltern ♪

Sagen Sie bitte, was Sie wirklich denken!

Was hat es auf sich mit dieser Entzündung?

Wenn es denn überhaupt eine ist.

Wenn ich es wüsste, würde ich's Ihnen sagen.

Ah.

Es ist doch erstaunlich, wie schnell sich alles ändern kann.

Gerade noch war ich

glücklich und unbeschwert.

Und nun das.

Ach, das geht auch wieder vorbei.

Aber sind Sie denn nicht besorgt oder fürchten um mein Wohl?

Wäre Pauline krank, wäre ich außer mir vor Sorge.

Das würde ihr wenig helfen.

Henriette!

Ich freue mich, Sie zu sehen!

Ja!

Wie geht es Ihnen?

Madame Vogel ist nach wie vor ge-schwächt durch diese Unpässlichkeit.

Sie sollten sie nicht beanspruchen, mein Freund!

Ach so? Was haben Sie denn?

Ach nichts!

Oder zumindest wird behauptet, es sei nichts.

Aber vielleicht weiß man auch nur nicht, was es denn sei.

Das ist schon unheimlich, so ein Leiden, das keiner kennt.

So geht es mir auch!

Ich leide auch an etwas Innerlichem, Unsichtbarem, das keiner kennt.

Wie ähnlich wir uns doch sind!

"Und da der Graf in einer glücklichen Stunde seine Frau einst fragte,

warum sie, da sie auf jeden Lasterhaften gefasst schien,

vor ihm gleich einem Teufel geflohen wäre,

antwortete sie, indem sie ihm um den Hals fiel:"

"Er würde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein,

wenn er ihr nicht bei seiner ersten Erscheinung

wie ein Engel vorgekommen wäre."

♪ Applaus ♪

Das ist ja schon fast druckreif!

Sie sind ein gewitzter Kopf!

Aber nun frage ich Sie:

Hat jener Graf, als er die Frau, die er liebte,

ohne ihr Einverständnis beschlief, recht oder unrecht gehandelt?

Ähm... unrecht.

Eben! Was plagen Sie sich und uns also mit der absurden Anmutung,

er könne dennoch am Ende die Liebe der Marquise gewinnen?!

Welch unnütze Hypochondrie!

Aber, Mutter, wenn es doch so ist,

dass die Marquise diesen Mann nun einmal liebt.

Papperlapapp! So ist die Ärmste in hohem Grade krank und gehört kuriert

von einer ungesunden Art der Liebe,

die nichts ist als falsch erkünstelte Exaltation.

Ich hoffe, Kind, ich hab dich anderes gelehrt!

Mutter!

Da lob ich mir meinen Goethe.

Seltsam ist das schon, eine Krankheit zu haben,

die vielleicht gar keine ist.

Eine Einbildung, die so wirklich ist wie die Wirklichkeit selbst.

Was ist dann der Unterschied?

Hauptsache, es ist nichts Ernstes.

Ich bitte Sie, teilen Sie alles meiner Frau mit!

Ich würde Ihre Worte kaum wiedergeben können.

Es ist... mehr als interessant.

Es ist etwas... ungewöhnlich

und für mich auch eher schwierig zu beschreiben.

Die Medizin steht hier vor einem Rätsel.

Die neuerliche Untersuchung der Madame Vogel mit Harnschau,

auf die ich große Hoffnung setzte,

dass sie in diesem Fall doch einiger-maßen Licht ins Dunkel bringen würde,

ergab... nichts.

Nichts, das in medizinischer Hinsicht Grund zur Sorge geben würde.

Ich werde den Fall noch durch die Ärzteschaft der Charité prüfen lassen

Dann sind wir sicher.

Aber woher kommen dann die Krämpfe und Anfälle?

Wir Mediziner tappen hier noch im Dunkeln.

Es besteht die Möglichkeit, dass es sich um ein Frauenleiden handelt,

das eher seelischer Natur ist denn körperlicher.

Diese Annahme basiert auf einer Theorie,

der zufolge die Seele und der Körper von einem Fluidum durchzogen sind

und somit in Wechselwirkung zueinander stehen.

Wodurch zu erklären sei, dass Stör-ungen des seelischen Gleichgewichts

zu körperlichen Erkrankungen führen. - Papperlapapp!

Gott sei Dank ist es wenigstens nichts Ernstes.

Muss Mamá nun doch nicht sterben?

Und was kann man dagegen tun?

Entspannen Sie sich!

Ich kann nicht.

Etwas drückt mich hinunter und demoliert meine Stimmung,

sodass mir ganz angst und bange wird.

Wollen Sie uns etwas mitteilen?

Ich hab Angst.

Sie haben nichts zu befürchten.

Es sind die Blumen. Sie machen mir Angst!

Die Blumen?

Ja.

Ich kann ihren lieblichen Anblick nicht mehr ertragen.

Denk ich doch mit Schrecken daran, wie sie verwelken werden.

Ihr Duft sticht mir bittersüß in der Nase.

So? Die Blumen?

Ja.

Die Blumen und andere ganz... unbedeutende Dinge.

Sie scheinen mir bedrohlich.

Und eine unbestimmte Angst kriecht an mir herauf,

die mich die Welt

mit einem schrecklichen Zweifel plötzlich neu betrachten lässt.

Was, wenn alles dies ein Irrtum war?

Ich erinnere mich an nichts.

Das gehört anscheinend so, nicht wahr?

Die Patientin kann sich an nichts erinnern,

was sie während der Behandlung sagt oder tut.

Das ist eine Art Schutzfunktion des Organismus.

Denn im "magnetischen Schlaf" äußert die Patientin Dinge,

die sie im wachen Zustand niemals äußern würde.

Was hab ich denn gesagt?

Eigentlich nichts Wichtiges.

Nicht wahr?

Eine solche Behandlung erfordert mehrere Sitzungen,

um schließlich einen Erfolg zu erzielen.

Spricht die Behandlung denn an?

Das dauert oft Monate oder Jahre, bis man auf etwas stößt,

das einem einen Hinweis

auf die seelischen Ursachen der vorliegenden Erkrankung geben mag.

Es ist ein Tappen im Dunkeln.

♪ Klaviermusik ♪

♪ Wo die Berge so blau

aus dem nebligen Grau schauen herein,

wo die Sonne verglüht,

wo die Wolke umzieht,

möchte ich sein!

♪ Möchte ich sein!

♪ Dort im ruhigen Tal

schweigen Schmerzen und Qual.

(Und wenn ich also die Abende bei Vogels verbringe,

denn sonst erlaubt es dieser Dame der Anstand nicht,

(mich allzu oft alleine zu sehen.)

(Sie merken, mein lieber Freund,

wie sehr sie noch in den Konventionen gefangen ist,

(aus denen ich beabsichtige, sie endgültig herauszulösen.)

(Denn dieses engstirnige Dasein entbehrt jeglicher Möglichkeit,

(zu tun und zu lassen, was einem die Seele anschafft.)

(Es entsteht ein Menschenschlag, der sich selbst nicht kennt.)

(Und wie im Marionettentheater

(bewegen sich alle nach einer vorgegebenen Choreographie.)

(Wenn ich also an diesen Abenden jenes Idyll betrachte und so tue,

als wäre ich ein Teil davon,

so berauscht mich innerlich der Gedanke daran,

dass all dieses irdische Glück, das Henriette sich aufgebaut hat,

(dass sie all dies für mich aufgeben würde.)

(Dass ich derjenige sein würde, dem sie alles zu Füßen legt und opfert.)

(Ach, wie wäre das doch himmlisch!)

♪ Klaviermusik ♪

♪ Ewiglich sein.

♪ Applaus ♪

♪ Applaus ♪

Guten Appetit!

Mir scheint, ich warte besser im Salon.

M-m.

Nach neuerlicher Überprüfung der Untersuchung der gnädigen Frau Vogel

durch die Facharztschaft der Preußischen Charité zu Berlin

ist man zu abweichendem Ergebnis gelangt

betreffend Art und Ausmaß ihrer Krankheit.

Die Charité ließ mir folgendes Schreiben zukommen,

das ich mir erlaube, hier vorzulesen:

"Die fachärztliche Überprüfung der Untersuchung der Madame Vogel

im Rahmen der hospitalischen Untersuchungen der Charité zu Berlin

am 7.5.1811 haben folgendes Ergebnis zu Tage gebracht:"

"Die Patientin leidet an einem unheilbaren Geschwür

oder einer Geschwulst der Unterleibsregion mit Ausfluss."

"Das Geschwür oder die Geschwulst befindet sich zur Zeit

in einem Ausmaß von zwei Zoll,

vergleichbar einem unreifen grünen Apfel oder einer Apfelsine."

"Für die Art der Erkrankung ist dies ein fortgeschrittenes Ausmaß."

"Es ist anzunehmen, das Geschwür oder die Geschwulst

befinde sich bereits geraume Zeit im Unterleib derselbigen Person,

vermutlich zwei Jahre."

"Auch ist anzunehmen, dass eben jenes Geschwür oder die Geschwulst

Ursache der Anfälle von Ohnmacht und Krämpfen der Patientin sei."

"Als Therapie wird empfohlen,

sich dem hausärztlichen Urteil zu unterwerfen,

da unsererseits keine Vorschläge im Speziellen von Nöten sind."

"Hochachtungsvoll,

Medicus der Preußischen Charité zu Berlin, Kienast"

Also ist es nun doch was Ernstes.

Muss Mamá jetzt doch sterben?

Alle müssen einmal sterben.

Und was kann man dagegen tun?

Bettruhe, Blutausleerung oder Schröpfen.

Täglich zwei Tassen Kamillentee.

Alle örtlichen Reizungen müssen unterbleiben.

Also auch der Beischlaf.

Die Krankheit ist nicht ansteckend.

Aber Sie brauchen äußerste Schonung und viel frische Luft.

Ich fürchte, sie hat nicht mehr lang.

♪ Klaviermusik ♪

Stellen Sie sich vor, ich werde sterben!

Ach, so ernst ist es?

Ich hab es den Arzt zu Vogel sagen hören.

Ich hab nicht mehr lang zu leben.

Ich schäme mich, dass ich Sie jetzt erst ganz verstehen kann.

Jetzt, da ich selbst dem Tod geweiht bin.

Doch jetzt möchte ich doch mit Ihnen lieber sterben

als durch diese scheußliche Krankheit allein im Krankenbett.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich dem Tod schon so nahe bin.

Gerade noch war ich mitten im Leben - und jetzt das.

Also hatten Sie doch recht mit Ihrer Wahl.

Ich hatte nicht mehr damit gerechnet.

Ich auch nicht.

Aber jetzt bin ich doch überrascht.

Und ich nicht minder.

Lassen Sie mich überlegen!

Bleiben Sie noch!

Es ist so gut, nicht allein zu sein.

Mit jemandem zu sprechen, der mich besser kennt als ich mich selbst.

Und der die Todesnähe mit mir teilt.

Ich weiß nicht so recht.

Sie sagten Dinge über mich, die ich nie zu denken wagte.

Und doch ist mir nun, als sei viel-leicht alles wahr, was Sie sagten.

Als Sie über meine Einsamkeit sprachen oder über...

Dass ich keinen liebe, noch geliebt werde.

Jetzt scheint es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen.

Ich spüre die Nichtigkeit meiner Existenz,

die Sie schon vorher sahen.

Sie sprechen jetzt so, weil Sie krank sind.

Na und? Ich kann Sie jetzt verstehen, Heinrich.

So, wie Sie mich zu verstehen vermeinten.

Weil ich mich jetzt genauso einsam fühle wie Sie.

Ich bin jetzt die, die Sie schon von Anfang an in mir gesehen haben.

Ich bin jetzt die Ihre.

Jetzt weiß ich plötzlich nicht mehr so recht.

Verzeihen Sie, Henriette.

Ich hatte gehofft,

Sie würden sich um meinetwillen zu diesem Schritt entschließen.

Weil Sie mein Leiden als das Ihre wiedererkennen und mich daher lieben.

Und nicht, weil Sie den Tod so fürchten.

Denn ich leide nicht am Tod, sondern am Leben.

♪ Türglocke ♪

Ist Fräulein Marie zu sprechen?

Das Fräulein ist auf Reisen.

Aber die Frau von Massow ist zugegen.

Sie sind doch mit diesem Adam Müller bekannt, nicht wahr?

Er hat uns neulich mitgeteilt,

die Reform sei nun eine beschlossene Sache.

Was sagen Sie nun? Ist das nicht abscheulich?

Auch unsereins soll jetzt Steuern bezahlen.

Das kommt mir sehr ungelegen.

Ich werde meinen Kammerdiener entlassen müssen. Der arme Mann!

Ob das der Sinn der Sache war?

Ma tante!

Ich selbst muss seit diesem Jahr auf die Apanage der Königin verzichten,

die jene mir bis zu ihrem raschen Tod gewährte.

Und selbst meine Schwester verliert den rechten Glauben an mein Talent

und weigert sich, mich auszuzahlen.

So bemühen Sie sich doch endlich um eine vernünftige Anstellung

oder melden sich zumindest zum Freikorps!

Beschützen Sie uns vor diesen neufranzösischen Ideen,

die - wie man sah - in Mord und Totschlag endeten!

Man kann das Volk doch nicht sich selbst überlassen.

Selbst die Königin Luise kleidet sich nach der Pariser Mode.

Ah! Und Marie, Ihre liebste Cousine!

Sie wird nun bald einen Franzosen ehelichen. Stellen Sie sich vor!

Was?!

Ja, sie hat sich verlobt.

In Paris?

Jawohl.

Mit einem Franzosen? - Ja.

Warum nur will mir letzterdings nichts gelingen?

Darf man beizeiten mit meiner Cousine Rückkehr rechnen?

Mein lieber Freund, machen Sie sich da bloß keine Hoffnungen!

Die Sache ist gelaufen.

Man kann's nicht wissen. - In diesem Fall eben doch!

Der Kanzler hat die allgemeine Steuer durchgesetzt.

Wie schade!

Was wirst du tun?

Ich werde wohl mein Bestes tun, um jene Mängel auszugleichen,

die drohen, die geplanten Neuerungen zunichte zu machen.

Die Reformen scheitern womöglich

angesichts der fehlenden Verwaltungsapparate,

die jeweiligen Einkommen und Landschaften zu bemessen,

die eben Grundlage für die allgemeine Steuer sind.

Wir haben zu wenig Beamte. Und die Stände werden uns nicht helfen.

Mag sein.

Lieber Vogel, ich werde morgen wohl eine Fahrt aufs Land unternehmen.

Wie schön! Das wird dir gut tun.

Ich bleib über Nacht.

Ja, gönne dir etwas.

Ich fahre nicht alleine.

So?

Gefällt Ihnen diese Tasse?

Die Tasse ist einiges wert.

Man kann sicher einen anständigen Preis dafür erzielen.

Mit so was kenn ich mich nicht aus.

Ja, dann...

Man muss sie ja nicht veräußern,

sondern sich lediglich ihres lieblichen Anblicks erfreuen.

Jawohl.

(Für alle Liebe und Güte, welche du mir, mein Lieber,

in den zwölf Jahren unserer Verheiratung erwiesen,

(kann ich dir mit Worten nicht genügsam danken.)

(Dagegen bitte ich dich von ganzem Herzen um Verzeihung,

(wenn ich dich irgendworin gekränkt habe.)

(Dort, wo wir uns alle fehlerfrei wiederfinden werden,

(dort wird alles ausgeglichen werden.)

Aber der Arzt hat doch gesagt, du sollst nicht ausgehen!

Sei brav und tu immer, was dein Vater dir sagt!

Ja.

Du wirst sehen:

Bald wirst du erwachsen und deinen Platz im Leben haben.

Ja.

Und du wirst es zufrieden sein.

Ja.

(Mann:) Wie lange denken die Herrschaften zu bleiben?

(Heinrich:) Bis morgen.

Also eine Nacht.

Ach, Heinrich! Ich bin so froh, dass wir uns gefunden haben!

Es kommt doch öfter vor, als man es glaubt,

dass zwei, die eigentlich füreinander bestimmt sind,

eben nicht zueinander finden.

Ja, das kommt vor.

Wie schön dann, dass wir beide nun erleben dürfen, wie es ist,

wahrhaft zu lieben.

Ja, das ist schön.

Wieso zwei?

Falls eine defekt ist.

Ach so.

"Liebste Marie!"

"Ich habe Sie gegen eine andere Freundin vertauscht."

"Aber nicht gegen eine, die mit mir leben, sondern mit mir sterben will."

"Rechnen Sie hinzu, dass ich eine Freundin gefunden habe,

deren Seele schwebt."

"Deren Seele

wie ein junger Adler fliegt."

"Wie ich noch in meinem Leben nichts Ähnliches gefunden habe."

"Die meine Trauer

als eine höhere, festgewurzelte und unheilbare begreift

und deshalb mit mir sterben will."

Ja?

Oh! Entschuldigung!

Sie dürfen ruhig hereinkommen!

Es gibt ein Problem.

Wieso denn?

Wir sind nicht allein.

Adam Müller ist hier. Er sitzt unten in der Wirtsstube.

Ich glaube, er hat mich erkannt.

Madame Vogel ist so freundlich, meine Dichtung zu lesen,

was mir sehr hilfreich für mein Fortkommen mit selbiger ist.

Machen Sie sich keine Mühe, mein Freund! Ich schweige wie ein Grab!

Sie missdeuten den Anschein gänzlich, lieber Freund!

Seien Sie nicht so moralisch! Sie beleidigen ja die Dame!

Diese Dame ist hier, um meine Dichtung zu lesen.

Zu keinem anderen Zweck.

Oder zumindest nicht zu dem Zweck, den Sie vermuten.

Nichts für ungut! Wie Sie wollen!

Ich wusste nicht, dass die Dame zum Lesen begnadet ist.

Und das Trauerspiel? Wie hat man es aufgenommen?

Ich hörte, mit viel Bauchweh und einigen wohlmeinenden Kritiken.

Genug! Ich habe genug von Ihren Beleidigungen!

Ich überlasse Sie lieber Ihren gemeinsamen Unternehmungen

und verabschiede mich.

Es ist spät.

Nein! Ich gehe! Bleiben Sie nur! Ich wollte ohnehin hier fort.

So bleiben Sie doch! - Zu spät!

Ich kann hier nicht länger bleiben.

Was kann ich den Herren bringen?

Ein Bier.

♪ Der Hund bellt. ♪

(Pauline:) Sitz!

Brav!

♪ Musik ♪

♪ Wo die Berge so blau

aus dem nebligen Grau schauen herein,

wo die Sonne verglüht,

wo die Wolke umzieht,

möchte ich sein!

♪ Möchte ich sein!

♪ Dort im ruhigen Tal

schweigen Schmerzen und Qual.

♪ Wo im Gestein still die Primel dort sinnt,

weht so leise...

Fahren wir nächsten Sommer eigentlich wieder nach Freienwalde?

Vielleicht.

Und besuchen wir dann wieder den Hasenstall bei Poggenpohls?

Bestimmt.

Für die Verbesserung der Gesindestuben: 50 Thaler.

Für das Kind warme Kleider, Schuhe, Haarbänder: 11 Thaler.

Und schließlich für tägliche Ausgaben hatten wir 24 Thaler.

Schön! Du warst sparsam.

Es bleiben uns 15 Reichsthaler übrig.

Nimm dir das Geld zu deiner freien Verfügung! Kauf dir was Schönes!

Danke!

Gedenkst du, in nächster Zeit wieder öfter Ausflüge zu unternehmen?

Nein.

Das würde dir bestimmt gut tun. Du weißt...

Ich weiß.

Marie?

Ah!

Sie verweilen in der Stadt?

Ich hatte Ihre Tante doch ersucht, mich darüber zu informieren,

sollten Sie nach Berlin zurückkehren!

Ich hab hier einiges zu erledigen. Aber kommen Sie doch mal zum Tee!

Am liebsten gleich heute, wenn es recht ist?

Gern!

Welche Erledigungen stehen Ihnen denn an in Berlin?

Ich glaube, die Tante hat Ihnen davon berichtet.

Ich gedenke zu heiraten.

Ich hörte davon - und wollte es zugleich nicht glauben.

Bin ich Ihnen, Marie, denn nun ganz gleichgültig?

Die aufrichtige Freundschaft, die ich zu Ihnen empfinde,

wird auch durch meine Ehe nicht enden.

Durch Ihre Ehe vielleicht nicht.

Viel eher durch meinen Entschluss, selbst zu enden.

Ach nein! - Oh doch!

Marie! Erinnern Sie sich noch an unsere Unterredung im Salon,

als ich eine Bitte an Sie richtete?

Ja.

Nun, ich dachte, vielleicht hätten Sie Ihre Meinung inzwischen geändert.

Durch Erfahrungen, die Sie gemacht haben.

Oder die Briefe, die wir ausgetauscht.

Ja, Ihre Briefe.

Ich wollte Ihnen immer antworten, aber es kam so viel dazwischen.

Sie kennen das bestimmt.

Leider nein, bei mir kommt nie was dazwischen.

Ich suche mir selbst mühsam zusammen, was mein täglich Werk anbelangt.

Keiner bringt mir von selbst etwas entgegen.

Aber ich beklage mich nicht.

Marie!

Ich frage Sie: Wollen Sie doch mit mir sterben?

Nein!

Aber, Marie! Mit Ihnen gemeinsam zu sterben,

könnte meinem Leid auf Erden ein endlich glückliches Ende machen!

An Ihrer Seite wäre es ein Leichtes, sich zu verabschieden,

da ich Ihrer Liebe gewiss das Grab dem Bette jeder Königin vorziehe!

Sie täuschen sich in mir. Ich bin nicht die, für die Sie mich halten.

Aber wie sollte ich mich so täuschen können,

dass ich trotz Ihrer ersten Absage es wage, ein zweites Mal zu fragen?

Wenn ich nicht sicher fühlen würde,

dass in Ihrem Kopf verwandte Gedanken wandern.

Wenn ich nicht wüsste,

dass Sie meinen Zustand des Lebensüberdrusses begreifen können,

weil auch Sie die Hohlheit und Vergeblichkeit

aller diesseitigen Bemühungen empfinden.

Ach, warum lassen Sie sich nur so gehen?

Ich habe es immer genossen, mit Ihnen zu philosophieren.

Aber jetzt verderben Sie mir allmählich die Laune!

Ich bin ja d'accord mit Ihnen, dass das Leben sinnlos ist.

Aber davon muss man sich doch nicht so herunterdrücken lassen!

Sie müssen sich eben ein wenig anstrengen

und mit ein bisschen Fantasie und gutem Willen

die Dinge von ihrer angenehmen Seite her betrachten lernen.

Sie lieben mich also nicht?

Nicht so, wie Sie sich das einbilden.

Sie mit Ihren romantischen Ideen!

Sterben muss doch wohl jeder für sich allein.

Daran können auch Sie nichts ändern.

Oh doch! Wir werden sehen.

"Henriette!"

"Mein Wunsch zu sterben und zwar ge-meinsam mit Ihnen, in der Hoffnung,

dass Sie mich lieben könnten und ich Sie ebenfalls,

ist nun stärker als je zuvor."

"Verzeihen Sie mein langes Schweigen."

"Ist es nun zu spät? Oder darf ich noch hoffen?"

"Sind doch Sie tatsächlich diejenige,

für die ich Sie von Anfang an hielt?"

"Geben Sie mir ein Zeichen,

damit meine quälenden Fragen endlich enden!"

Wie ist es Ihnen ergangen?

Ich hörte nichts von Ihnen und vermutete,

Sie hätten mich gänzlich vergessen.

Nie könnte ich Sie, Henriette, je vergessen!

Denk ich doch andauernd an Sie.

Mir geht es ebenso.

Mindestens jeder zweite Gedanke, der mir durch den Kopf wandert,

ist an Sie gerichtet.

Mein Lieber!

Ach, ich war ein Narr!

Verblendet, egoistisch, voller Misstrauen.

Ich konnte nicht fassen, dass mir tatsächlich das Glück widerfährt,

die Eine zu finden,

die den Tod an meiner Seite dem Leben an der Seite eines anderen vorzieht.

Aus Liebe.

Dann ist es also besiegelt?

Wir werden gemeinsam unsterblich?

Erst erschieß ich Sie - und dann mich selbst.

Henriette?

Ich hab dir Interessantes aus Paris zu berichten.

Ja?

Ich traf dort einen Arzt,

der sich mit seelischen Krankheiten beschäftigt.

Ganz im Stile von Mesmer, den man in Berlin ja kennt.

Ich übergab ihm dein Dossier.

Und stell dir vor:

Er würde ein Nervenleiden als Ursache doch nicht ausschließen.

Er würde es einen sehr interessanten Fall finden.

Er würde dich sehr gerne selbst untersuchen.

Wirklich?

Ach, Paris!

Das wär eine schöne Reise.

Und dort ist man recht fortschrittlich,

was diese Dinge betrifft, nicht wahr?

Ja, die sind dort viel weiter als hier.

Auch gerade, was die Krankheiten der Seele betrifft, ließ ich mir sagen.

Aber ich hab doch ein echtes Geschwür und kein eingebildetes.

Das hängt miteinander zusammen, das Eingebildete und das Echte.

Aber die politische Lage...

Gerade jetzt nach Paris zu reisen, das ist doch unklug.

Die Reise war schon gefährlich. Das geb ich zu.

Na eben! Ach, lassen wir's doch lieber!

Nein! Es besteht noch Hoffnung.

Henriette, man darf nichts unversucht lassen.

Ach!

Ich hab Angst.

Was, wenn es doch keine Heilung gibt

und die Hoffnung umsonst war?

Henriette!

Du warst bis jetzt immer treu an meiner Seite.

Jetzt bin ich an der Reihe,

dir mit Treue zur Seite zu stehen.

Ich werde nichts unversucht lassen, dich zu erhalten.

♪ Kirchenglocken läuten. ♪

Sie läuten die Totenglocken!

Zum Gedenken an die Königin Luise.

Ach was, du täuschst dich! Das sind die Glocken des Lebens!

Die Glocken läuten ihrer auferstan-denen Seele, die ewig leben wird.

♪ Stimmengewirr ♪

♪ Man versteht nicht, was sie sagen. ♪

Ein herrliches Kleid!

Entzückend!

Wirklich entzückend!

♪ Stimmengewirr: Man versteht nicht, was sie sagen. ♪

Entzückend!

(Mann:) Mesdames et messieurs! En place pour la valse!

Darf ich bitten?

♪ Stimmengewirr ♪

♪ Musik ♪

♪ Stille ♪

Es ist schon seltsam.

Ich hab den Eindruck, eine fremde Macht leite mein Geschick.

So, als wär ich eine Puppe im Marionettentheater.

Oder anders gesagt: Als hätte mich ein Hypnotiseur hypnotisiert,

und ich kann von selber nicht mehr aufwachen.

Und gleichzeitig ahne ich, dass es gar kein Erwachen gibt.

Es gibt keine anderes Leben als dieses hier.

Man kann nicht wählen.

Nicht wahr, Vogel?

Doch, Liebste.

Ich denke schon, dass manches doch gewählt werden kann.

Aber die Liebe, die kann nicht gewählt werden.

Auf eine Weise doch.

Zum Beispiel, ob du mit mir leben möchtest oder mit einem anderen.

Mit diesem Dichter zum Beispiel.

Nein, mit dem könnte ich nicht leben.

Er denkt nur an sich.

Wenn es aber doch so wäre, dass du ihn mir vorziehst,

möchte ich, dass du weißt, dass ich diese deine Wahl respektieren würde.

Für Pauline wär's anfangs hart, aber Kinder gewöhnen sich rasch.

Es ist so kalt geworden.

Und mir ist auch nicht ganz wohl.

Sollten wir den Ausflug nicht lieber verschieben?

Aber, Täubchen! So ein Ausflug würde dir bestimmt ganz gut tun.

Das ist genau das Richtige bei deiner Verfassung.

Stellen Sie sich vor:

Wir werden bald verreisen. Nach Paris.

Ach.

Ja. Vogel hat einen Arzt gefunden, der eine Therapie kennt.

Gegen das Geschwür.

Oder gegen die Ohnmachtsanfälle zumindest.

Der mich vielleicht heilen kann.

So?

Ja. Es gibt Hoffnung.

Obwohl die Sache doch ernst scheint.

Was tragen Sie denn in diesem Köfferchen?

Pistolen?

Nein.

Ich fange Schmetterlinge.

Das benötigt allerlei Zubehör, welches ich in diesem Köfferchen aufbewahre.

Schmetterlinge? Im November?

Ja.

♪ Klopfen ♪

♪ Jemand sperrt die Tür auf. ♪

Verzeihen Sie!

"Mein Täubchen."

"Mein Leben, mein Lebenslicht."

"Mein Alles, mein Hab und Gut."

"Meine Schlösser, Äcker, Wiesen und Weinberge."

"O Sonne, Mond und Sterne, Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft."

"Meine Braut, meine liebe Freundin."

"Mein Herzblut, meine Eingeweide, mein Augenstern."

"O Liebste, wie nenn ich dich?"

"Mein Goldkind, meine Perle, mein Edelstein, meine Krone,

meine Königin und Kaiserin, mein Höchstes und Teuerstes...

Heinrich!

Ja?

Es tut mir leid! - Es tut mir leid!

Das wollte ich auch gerade sagen.

Mir tut es leid, jemals gezweifelt zu haben.

"Ach, du bist mein zweites besseres Ich."

"Meine Tugenden, meine Verdienste, meine Hoffnung."

♪ Krähen krächzen. ♪

Heinrich! Was ich sagen wollte...

♪ Klacksen ♪

♪ Klacksen ♪

(Für alle Liebe und Güte, welche du mir, mein Lieber,

in den zwölf Jahren unserer Verheiratung erwiesen,

(kann ich dir mit Worten nicht genügsam danken.)

(Dagegen bitte ich dich von ganzem Herzen um Verzeihung,

(wenn ich dich irgendworin gekränkt habe.)

(Dort, wo wir uns alle fehlerfrei wiederfinden werden,

(dort wird alles ausgeglichen werden.)

(Gott segne Paulinchen, mein liebes, teures Kind, und gebe,

dass ihr kleines Herz der Milde und Güte sich ganz öffnen möge,

(damit sie ganz das Ebenbild ihres liebenswürdigen Vaters werde.)

(Unmöglich kann ich meiner lieben Mutter schreiben.)

(Sag ihr das Zärtlichste und Beste in meinem Namen!)

(Leb wohl nochmals!)

♪ Eine Tür wird geöffnet. ♪

(Mann:) Es wurde mit zwei verschiedenen Waffen geschossen.

Die Leichen werden noch heute zur Obduktion gebracht.

Die Verstorbenen haben weder Brief noch Nachricht hinterlassen.

Soweit wir das bis dato feststellen konnten.

Ach, denken Sie doch nur an Schlesien!

Der unkultivierte Landmann war ganz schwindlig gemacht

und zu dem Wahn gebracht, weil er neuerdings Steuern bezahle,

sei er nun völlig frei, zu tun und zu lassen, was er wolle!

Es gab sogar Tote!

Der Mensch ist von Natur aus weder gleich noch frei,

sondern vielmehr in dem, was er nun einmal ist, gebunden.

Um wie viel näher dieser Wahrheit ist also ein Staat,

der nicht jedem die Verantwortung für sich selbst abfordert,

sondern gnädig den Unwissenden mitgetragen weiß durch eben jene,

die die Elemente aus der Nähe betrachtet, nur um zu wissen,

wie schwer es auch dann immer noch ist, das Richtige zu treffen.

Leider ist Preußen nun bald bankrott

und wird wohl nun doch einige Veränderungen in den Bereichen

der ökonomischeren Nutzung von Land, Vieh und Leuten durchführen müssen.

Und im Zuge dessen natürlich auch mehr Freiheit zulassen müssen.

In England hat man ja gesehen, dass der freie Handel der freien Bürger

zu Wohlstand und Prosperity führen.

Soziale Reformen sind gut.

Führen sie jedoch zur Gleichstellung aller Subjekte -

und ich erinnere an die Gewaltexzesse der Jakobiner -

so sind sie verdammungswürdig.

Wenn uns nur die Demokratie erspart bleibt,

in der alle gebildeten Menschen überstimmt würden

durch eine Kohorte von Blinden!

Bitte! Wir haben keine Geheimnisse.

Die Obduktion der Madame Vogel hat ergeben,

dass sämtliche Organe sich in guter Gesundheit befänden.

Es wurde kein Geschwür und auch keine Geschwulst gefunden.

Man vermutet nun,

dass es sich doch um ein reines Nervenleiden gehandelt habe.

Es war wohl doch ein Irrtum.

Es war wohl doch aus Liebe.

♪ Klaviermusik ♪

♪ Wo die Berge so blau

aus dem nebligen Grau schauen herein,

wo die Sonne verglüht,

wo die Wolke umzieht,

möchte ich sein!

♪ Möchte ich sein!

♪ Dort im ruhigen Tal

schweigen Schmerzen und Qual,

wo im Gestein still die Primel dort sinnt,

weht so leise der Wind,

möchte ich sein!

♪ Möchte ich sein!

♪ Hin zum sinnigen Wald

drängt mich Liebesgewalt,

innere Pein, innere Pein.

♪ Ach, mich zög's nicht von hier,

könnt ich, Traute, bei dir

ewiglich sein!

♪ Ewiglich sein!

ORF 2016 untertitel@orf.at

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