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(Regen prasselt)
(unbehagliche Musik)
(spannungsvolle Musik)
(Hund bellt)
(Frau) Heute ist Lydias elfter Geburtstag.
Ich hätte gern mit Gerhard und ihr einen schönen Tag erlebt.
Gerhard ist nur 1 km entfernt
und trotzdem unerreichbar.
Aber ich darf die Hoffnung nicht aufgeben, niemals.
Was uns aufrecht hält, ist der Glaube,
dass jeder Tag unseres Loses einem höheren Zweck dient.
Dem Sieg der Revolution, dem Sieg des Kommunismus.
Es wäre einfacher, von seinen Feinden gequält zu werden.
Doch von den eigenen Genossen...
Warum?
(Poltern)
Bist du verrückt?
Hat sie Fieber?
Du musst zurück.
Gerhard, bitte.
Noch zwei Jahre. Das schaffen wir auch noch.
Du musst jetzt gehen.
(düstere Musik)
(Hunde bellen)
(Rufe auf Russisch)
(Schüsse)
(Hunde bellen)
(Männer reden russisch)
(spricht russisch)
(Tür knallt zu)
(Jubel und Applaus im Fernseher)
(Sprecher) Am Brandenburger Tor stehen viele auf der Mauer,
um einen Blick nach drüben zu werfen.
Dort ist von den Grenztruppen der DDR nichts zu sehen.
Man hilft sich beim Aufstieg auf die Mauerkrone.
Man bildet Sprechchöre.
Berliner aus Ost und West sind zusammengeströmt.
Gemeinsam wollen sie diesen denkwürdigen Tag miterleben.
(Türklingel)
(Klopfen)
Hier gingen zuerst die Schranken hoch.
Ostberliner wurden mit Applaus empfangen.
Wo hier auf der Brücke die Grenze verläuft, weiß niemand.
Es interessierte auch niemanden.
Einige brachten Blumen mit, wurden mit Sekt empfangen...
(Frau) Wollen Sie nicht mitkommen?
Fühlen Sie sich nicht wohl?
(Frau) Jetzt komm schon!
(Telefon klingelt)
Berger.
(Fernseher läuft weiter)
Natürlich sehe ich die Bilder.
Ich beneide Irma, dass sie das nicht mehr erleben muss.
Konrad, bitte, ich möchte mich nicht streiten.
Und warum hast du dann angerufen?
Du weißt doch, was das für mich bedeutet.
Willst du hören, dass du recht hattest?
Ach, Konrad.
Die Wahrheit...
Wann hätte ich sie denn sagen sollen?
(Motorenbrunnen, Sägelärm)
(Krachen)
(Motor rattert laut)
(brüllt) Toni!
(Knirschen)
(Baum schlägt krachend auf)
(schluchzt)
(schreit) Bist du verrückt?
Dein Mann ist tot, und du lebst!
Dein Kind lebt! Hast du das vergessen?
(sie weint)
Ich hab an unsere Botschaft in Moskau geschrieben.
Sie können nicht so tun, als... als gäbe es uns nicht mehr.
Ich frag noch mal.
Genosse Pieck, Ihr Sohn wartet schon seit einer halben Stunde.
Ich habe Informationen...
dass du Verbindung...
zu unserer Botschaft in Moskau aufgenommen hast.
Bist du als Chef unserer Interflug nicht ausgelastet?
Der Botschafter rief mich an. Es geht um Genossin Schumann,
deine ehemalige Sekretärin in Moskau.
Du weißt, dass sie unschuldig ist.
Genauso wie Antonia Berger von der Kolonne Links.
-Und Genossin Irma Seibert... -Wie viele denn noch?
Im Gulag sitzen seit Jahren Dutzende unserer Genossen.
Bestraft für Verbrechen, die sie nie begingen.
Wir tun so, als wüssten wir das nicht.
Du weißt, es konnte jeden treffen, auch dich.
Es war Krieg.
Die Sowjets mussten wissen, auf wen sie zählen können.
1938 war kein Krieg, Vater.
Keiner von Lenins Freunden hat das Jahr überlebt.
Waren das plötzlich alles Feinde?
Und jetzt willst du sie herholen?
-Unter meinem Namen? -Es sind unsere Genossen.
Wir waren zusammen im Exil.
Ich liebe die Sowjetunion. Sie ist meine Heimat.
Aber Unrecht bleibt Unrecht.
Tu, was du für richtig hältst.
Aber merke dir:
Unser Gespräch hat es nie gegeben.
(Mann) Schumann, Susanne.
Berger, Antonia.
Seibert, Irma.
(melancholische Musik)
(hustet)
Oh, Gott.
Lydia?
Lydia.
(Zug rattert)
(melancholische Musik läuft weiter)
(Durchsage) Eingefahrener Zug fährt weiter nach Leipzig
mit Halt in Finsterwalde,
Torgau, Eilenburg.
Bitte einsteigen und die Türen schließen.
(Stimmengewirr)
(Frau) Halt dich einfach fest.
Unsere Gäste aus Moskau?
Hanna Sydow von der Kreisleitung der SED.
-Willkommen in der DDR. -Mein Kind braucht einen Arzt.
-Alles der Reihe nach. -Jetzt sofort.
Gut, dann... fahren wir jetzt zuerst in die Poliklinik.
Von da bringst du die beiden Genossinnen ins Gästeheim.
-Zur Kinderklinik? -Zweiter Stock.
-Komm, zweiter Stock. -Gleich haben wir es geschafft.
(hustet)
(Arzt) Versuchs noch mal, ja?
(Lunge pfeift)
(hustet)
Wieso kommen Sie erst jetzt?
-Sie hat Erfrierungen. -(Hanna) Der Ausweis fehlt.
-(Frau) Das geht nicht. -Doch.
(Frau) Ich muss das mit dem Doktor besprechen.
-Was ist denn? -Es gibt keinen Ausweis.
-Wen behandeln wir hier? -Ich bin von der Kreisleitung.
Die Genossin ist eben mit ihrem Kind in der DDR angekommen.
-Aha. -Und was schreib ich...
Nichts. In Kürze ist der Versicherungsausweis da
und dann können Sie alles eintragen.
Ist das Beste, was es gibt. Penicillin.
Sie muss es ganz austrinken.
(redet weiter auf Russisch)
Wenn Ihre Tochter die Nacht überlebt...
ist sie gerettet.
Es ist alles geklärt.
Wenn dich jemand fragt, wo ihr herkommt...
Das geht keinen was an.
Die Schwester sagt, du kannst das Bad benutzen.
Da gibt's auch 'ne Dusche.
Ich komm morgen wieder.
Versuch, zu schlafen.
(melancholische Musik)
Wo ist mein Kind?
-Wie ist denn der Name? -Lydia Berger.
(melancholische Musik läuft weiter)
Da sind wir. Ernst-Thälmann-Straße 12.
Sieh mal.
Ab nächster Woche bekommst du deine Zeitung.
Na, komm.
(sanfte Klaviermusik)
-(Mann) Ich warte unten. -Wir kommen gleich.
Hier sind...
500 Mark drin, für die ersten Einkäufe.
Und die Lebensmittelkarte.
(Klaviermusik läuft weiter)
(schluchzt)
Wir haben eure künftigen Arbeitsstellen
entsprechend der Berufe vor eurer Emigration ausgesucht.
Auch wenn das schon einige Jahre zurückliegt.
Also...
Die Genossin Berger...
wird das Haus des Volkes übernehmen.
Du hast Erfahrung mit Kulturarbeit.
Das wird das Richtige für dich sein.
Genossin Schumann wird im Verlag "Freies Wort" arbeiten.
Der Chefredakteur ist Genosse Michel.
Er erwartet dich in den nächsten Tagen.
Für Genossin Seibert suchen wir einen Platz in Gastronomie.
Da bekomme ich morgen die Rückmeldung.
Wenn ihr noch Fragen habt...
Guten Tag.
Leo Silberstein.
Sekretär für Agitation und Propaganda.
Guten Tag.
Gut angekommen?
Hm. Ich sehe, alles ist in bester Ordnung.
Wohnung, Arbeit, Geld.
Bei Fragen immer sofort an mich wenden oder Genossin Sydow.
Zum Abschluss unterscheibt bitte hier.
Rechts unten.
(Antonia) Hier...
Hier steht dass wir...
Wir haben nicht in Orten der Sowjetunion gearbeitet.
Wir waren in einem Lager.
Unschuldig.
"Hiermit verpflichte ich mich, weder mündlich noch schriftlich
über meinen Aufenthalt in der Sowjetunion...
Auskunft zu geben.
Ich bin darüber belehrt worden,
dass Zuwiderhandlungen nach den Gesetzen
der Deutsche Demokratischen Republik... bestraft werden."
Ich weiß, wir verlangen viel, Genossinnen.
Ich möchte nicht mehr so angesprochen werden.
Ich bin keine Genossin mehr.
Was hinter euch liegt... hat nichts mit Kommunismus zu tun.
Wir gehen auf einem Weg, den keiner kennt.
Irgendwann werden wir über alles reden.
Aber nicht jetzt.
Ihr wart lange weg. Seitdem ist viel passiert.
Im Westen sitzen die Nazis und hassen uns.
Aber hier haben wir die Macht.
Lager, in der Sowjetunion? Unschuldig verhaftete?
Wisst ihr, was das bedeutet?
Was glaubt ihr, mit wem wir es hier zu tun haben?
Das Volk wechselt seine Werte wie Wäsche.
Gestern das braune Hemd, heute das blaue.
Wisst ihr, was passiert, wenn wir denen sagen, wo ihr wart?
Die ziehen sich wieder um, und unsere Chance ist vorbei.
Ihr seid rehabilitiert, noch nicht offiziell, aber...
in meinen Augen.
Das muss fürs Erste genügen.
Was sagen wir, wenn wir gefragt werden,
-wo wir die letzten Jahre... -In der Sowjetunion gearbeitet.
Wie es das steht. Auf diese Formulierung
haben sich die Genossen geeinigt.
Wir müssen uns auf euch verlassen können.
-Wie geht's deiner Tochter? -Dr. Zeidler behandelt sie.
Ah, mein Freund Konrad.
Na, dann ist sie ja in besten Händen.
Bevor sie in die Schule kommt, sprich mit ihr.
Es geht niemanden etwas an, wo sie vorher war.
Na, dann. Willkommen in Fürstenberg.
Lebt wohl.
Wir kommen zurück
und als Erstes verbieten sie uns den Mund.
Als Erstes geben sie uns eine Wohnung
und Arbeit und retten mein Kind.
Entschuldige, wenn ich die Reihenfolge verwechselt habe.
Wisst ihr was deren... größtes Problem mit uns ist?
Das wir leben.
Sie hatten uns fast vergessen und nun sollen wir lügen.
"Wo waren Sie die letzten Jahre?"
Wir waren in einem Lager mit einem roten Stern.
-Hör auf! -Nun soll ich den Mund halten.
Ein Staat mit so einer Mitgift.
Was soll das für ein Sozialismus werden?
-Wir bauen die Zukunft... -Es war nicht alles umsonst.
Es war umsonst, begreif das doch!
Jeder Dieb weiß, warum er verhaftet wird. Und wir?
Vielleicht ist es gut mit der Unterschrift.
Dann hört man auf, darüber nachzudenken.
Wenn alles beschissen war, muss man nicht darüber reden.
Es geht nicht nur um die Unterschrift.
Sie bestimmen, was wir sagen.
Nichts, gar nichts hat sich geändert.
Was willst du sagen, wenn du nach deinem Mann gefragt wirst?
Dass er sich in Sibirien verlaufen hat?
Oder fragst du auch vorher erst die Partei?
Und was ist die nächste Lüge?
Wann sehen wir uns denn wieder?
-Sprung und zwei und drei... -(Arzt) Kommen Sie.
-...und vier und fünf und... -Sie werden staunen.
...sieben, acht, neun...
Zehn. Und Kniebeugen. Die Arme nach vorne.
Fünf Stück. Eins und zwei...
(Arzt) Die erste Sportstunde.
-Drei und vier. -Ihre Tochter ist so tapfer.
Ich will ihr eine Freude machen.
Ich hab gefragt, ob sie einen Wunsch hat.
Sie haben schon genug getan.
Sie ist gerettet, aber noch nicht geheilt.
Klasse, und rückwärts kreisen.
Darf ich Sie vielleicht...
auf eine Tasse Kaffee in unsere Kantine einladen?
Jetzt nach vorne und hinten.
Ich muss los. Ich hab heute meinen ersten Arbeitstag.
-Ach so. -Noch mal die andere Richtung.
-Na, dann. Toi, toi, toi. -Danke.
Schön. Jetzt berühren wir unsere Zehen.
Und jetzt kreisen wir wieder mit den Armen.
Och. Ist noch mal richtig kalt geworden.
-Guten Morgen. -Guten Morgen.
Ich dachte, es ist gut, wenn ich am ersten Tag dabei bin.
Schon ein bisschen eingelebt?
Die Genossin Schumann, hast du was von ihr gehört?
Hätte ja sein können.
So, hereinspaziert.
Na, komm.
Du siehst ja, du wirst erwartet.
-Danke schön. -Bitte.
Na los, komm.
Liebe Freunde.
Das ist Antonia Berger. Eure neue Direktorin.
Wie ihr wisst, große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.
Am 10. April nächsten Jahres findet bei uns
unsere erste Landwirtschaftskonferenz statt.
Es geht um die verstärkte Kollektivierung.
Eine große Ehre.
Das bedeutet in den nächsten Wochen viel harte Arbeit.
Was ich euch jetzt sage... bleibt in diesem Raum.
Der Genosse Ulbricht persönlich wird zur Eröffnung erscheinen.
Ich hoffe, jedem von euch ist klar, was das bedeutet.
Genosse Küppers.
Als ich gehört habe, wer unsere Direktorin wird,
konnte ich es nicht glauben.
Das ist eine Kostbarkeit.
(lachend) Ja.
Die hab ich gehütet wie meinen Augapfel.
Die Schallplatte ist fast 20 Jahre alt.
Die erste Aufnahme der Kolonne Links.
Aufgenommen im Jahre 1932.
Als die finstere Zeit begann...
hab ich es immer wieder gehört. Heimlich und leise.
Nie hätte ich mir vorstellen können,
dass ich einmal die Platte hier hören werde.
Im Haus des Volkes. Und nun sogar mit dir, Genossin Berger.
Mach Brüder, seht, die rote Fahne
Weht uns kühn voran
Um der Freiheit heil'ges Banner
Schart euch, Mann für Mann
Haltet stand Wenn Feinde drohen
Schaut das Morgenrot
Vorwärts ist die große Losung.
Freiheit oder Tod
Vorwärts ist die große Losung
Freiheit oder Tod
(Lied läuft weiter)
(Antonia schluchzt)
(weint)
Ich kenne die Geschichte der Kolonne Links.
(schluchzt)
Wir, wir waren 15 Freunde.
(schluchzt heftig)
Wir fuhren übers Land und sangen Lieder über...
die Zukunft und den Kommunismus.
Vor allen immer das gleiche.
Und dann wurde wir nach Moskau eingeladen.
Was Größeres...
Was Größeres konnten wir uns nicht vorstellen, Moskau.
Erschossen.
Alle.
Ohne Grund.
Und... von unseren eigenen Genossen.
Warum?
Ich bin die Einzige, die überlebt hat.
Wir können die Toten nicht wieder lebendig machen.
Aber wir können die Welt besser machen, als sie ist.
So was wie eben... darf nie wieder vorkommen.
Gibt's nicht vielleicht... eine andere Arbeit für mich?
In der Verwaltung?
Bitte.
Die Revolution ist kein Wunschkonzert.
Entschuldigung.
(Tür wird geschlossen)
Ich heiße Herman Krüger, bin elf Jahre alt
und wenn ich groß bin, werde ich Rennfahrer.
Ich heiße Helga und möchte einmal eine Köchin werden.
Ich heiße Waltraut. Später will ich eine Prinzessin werden.
Ich heiße Friedhelm und...
Ähm, ich weiß noch nicht, was ich werden will.
Ich heiße Johanna und will Schauspielerin werden.
(singen zur Klavierbegleitung) C, d, e, f, g, a, h, c.
(teilweise falsch) C, h, a, g, f, e, d, c.
Und noch einmal mutiger.
C, d, e, f, g, a, h, c.
C, h, a, g, f, e, d, c..
(Antonia) Drei Schritte nach rechts.
Drei Schritte nach links.
Jetzt einmal tippeln.
Und jetzt fasst euch an den Händen.
Über Kreuz. Und überein offenes Kreuz.
So ist das richtig. Und noch einmal, bitte.
(melancholische Musik)
Ist alles eine Inszenierung, um die Vergangenheit auszulöschen?
Alles eine Kulisse.
Die Wohnung, das Kulturhaus, die Stadt.
Dieses ganze, halbe Land.
Eine Kulisse, in der ich mich wie eine Marionette bewege.
Ist das ungerecht?
Oder die Wahrheit?
So, und jetzt einmal... richtig tief einatmen.
(beide atmen ein)
-(nur er atmet aus) -(kichert)
Tut's weh?
Sehr gut.
Die nächsten Tage zu Hause bleiben, viel schlafen.
Und solltest du doch rausgehen...
Dann immer schön warm anziehen.
Mach's auf.
Ist der für mich?
Mhm.
So, dann wollen wir mal.
(sanfte Klaviermusik)
Das Wetter ist Gift für sie. Mein Wagen steht unten.
(Klaviermusik läuft weiter)
Komm.
Wir haben sogar ein Schwimmbad.
Augen zu.
Augen auf.
(heitere Klaviermusik)
(Mann, wienerisch) Hab ich doch richtig gehört.
Unsere neuen Nachbarn.
Ach.
Honecker.
-Alois Hoecker. -Antonia Berger.
(lachend) Antonia. Was für ein schöner Name.
Ich bin der Alois. Wir sind da alle per du.
Ja, das ist wie eine große Familie.
Ja...
Ja, wenn ihr was braucht, dann einfach läuten.
Ach, wie wär's mit einem Begrüßungsglas?
Bei uns heute um acht, hm?
-Das feiern wir. -Ich gehöre nicht dazu.
(lacht) Was soll 'n das heißen? Also um acht bei uns.
Gleich nebenan.
(flotte Tanzmusik)
(Stimmengewirr, Lachen)
Darf ich bitten, kleines Fräulein?
(Radio-Jingle)
-(Radio) Hier ist Rias Berlin. -Die Lügen will keiner hören.
Eine freie Stimme der freien Welt.
Nun verrate uns, liebe Antonia, ich darf doch Du sagen...
wo du herkommst. Mich hat's aus Wien...
Aus Workuta.
Aus der Sowjetunion.
Ist das wahr?
Also, wenn das kein Grund zum Anstoßen ist!
Sowjetunion, das ist ein Traum von mir.
Aber die Sprache...
Wir Österreicher sind da ein bisschen faul.
Wahrscheinlich waren wir zu lang Monarchie. (lacht)
Und, und was hast du dort gearbeitet?
(räuspert sich)
Ich hab mich nützlich gemacht, wo es nur ging.
Besorg Getränke, bevor du ihr Löcher in den Bauch fragst.
Aber selbstverständlich, gnädige Frau.
Bei mir verdurstet niemand.
Liebe Freunde.
Trinken wir...
auf unsere neue Nachbarin.
Trinken wir...
auf diesen wunderbaren Abend,
und auf den Mann,
dem wir das alles zu verdanken haben.
Unser Glück...
und unsere Zukunft.
Trinken wir... auf den Genossen Stalin.
Auf Stalin.
(er lacht)
Gnädigste Antonia.
-Darf ich was fragen? -(Frau) Ich ahne es.
(Mann) Jetzt kommt's.
-Wann darf ich dich malen? -Hab ich gesagt.
-Ich verspreche, kein Akt. -Sie dürfen sich geehrt fühlen.
Mein Mann malt selten Portraits.
Du hast nur den Pieck gemalt und letztes Jahr den Brecht.
-Berthold Brecht? -Ja, da drüben.
Er durfte sich zwei Stunden nicht bewegen, der arme Kerl.
-Und hat geschimpft. -(lacht) Ich hab zu ihm gesagt:
"Jetzt sehen Sie, wie es ist, wenn man im Theater sitzt."
Wenn dich jemand fragt, wo wir herkommen, sagst du:
Aus einem Dorf.
Mehr nicht.
Egal, wer dich fragt.
Das Wort "Workuta" darfst du niemals sagen.
Versprichst du mir das? Niemals.
Ja.
Das Wort gibt's nicht mehr. Hast du das verstanden?
Ja.
Am besten, du vergisst es einfach.
Schlaf gut.
Wenn die Schule wieder beginnt,
ist das dein Klassenzimmer. Die Klasse 4B.
Rat mal, wo dein Platz ist.
Na, schau mal genau hin.
Sie wird sich schnell eingewöhnen.
In dem Alter ist das kein Problem.
Komm, ich will dir noch was zeigen.
-Was ist denn? -Darf ich die mitnehmen?
Natürlich, die gehören jetzt dir.
Und das hier ist der Speisesaal.
Hier bekommt ihr Mittagessen.
Mit dem Teller setzt du dich zu Freunden an einen Tisch.
(spielt "Der Nussknacker" von Peter Tschaikowsky)
Im Takt bleiben.
Sehr schön.
(Lydia murmelt leise)
(Türklingel)
-Dr. Zeidler! -Na?
Wie geht es dir?
-Mein erster Schultag heute. -Wirklich?
-Toll.
-Guck, was ich wieder kann. -Tag.
-Lydia. -(lachend) Oh!
Damit kannst du ja im Zirkus auftreten.
Kennst du denn auch das Arschkarussell?
Dann ist das Karussell schon bereit.
Du musst dich auf meine Unterschenkel setzen.
Die wilde Fahrt geht los.
Eins, zwei, drei.
-Hupsi! Noch 'ne Runde? -Ja.
Eins, zwei, drei. (lacht)
(Türklingel)
Ein Geschenk. Zur Feier des Tages. Darf ich reinkommen?
Grüß dich, Leo.
Ach. Grüß dich.
Na?
Soll ich dir helfen?
Ja, da rein.
Da drauf.
Vorsicht.
Herzlichen Glückwunsch
zu einem der ersten Fernsehgeräte der DDR.
-Was ist ein Fernsehgerät? -Die Zukunft.
Alles, was man braucht, kommt aus dem Gerät.
Nachrichten, Filme, Sport.
Und wie kommt es da rein?
Über den Äther, kleines Fräulein.
Was ist ein... Äther?
Das sind unsichtbare Strahlen.
(Messton)
Zum 73. Geburtstag des Genossen Stalin
nimmt der deutsche Fernsehfunk seinen Sendebetrieb auf.
Im Westen basteln sie noch rum.
Aber hier sind wir die Sieger.
Achtung.
Guten Abend.
Heute wird der beste Freund des deutschen Volkes,
Generalissimus Stalin,
73 Jahre alt.
Mit dem Namen Stalin ist für unser Volk sehr viel verbunden.
Es verging nicht ein Jahr nach 1945,
in dem uns nicht Stalin und mit ihm
das große sowjetische Volk reich beschenkt.
Ja, ich geh dann mal.
Man sieht sich.
Wenn was ist, ich bin in der Klinik.
Wenn man überlegt...
Vor ein paar Jahren war Krieg.
Und wie weit wir schon gekommen sind.
Wo werden wir in zehn, in 20 Jahren sein?
Also, dann...
Gute Nacht.
(Türklingel)
Bei mir hat letzte Woche ein Tanzlokal eröffnet.
(flotte Jazzmusik)
(Applaus)
(ruhige Musik)
(heitere Musik)
Alles aussteigen, bitte.
Nur zu.
Na, was sagst du?
Na, los.
Aufsitzen.
Schön festhalten.
Und los geht's.
(melancholische Musik)
-Achtung! Achtung! -Aaah!
(Lachen)
Noch mal?
-Und, sitzen alle? Los geht's. -Mhm.
Ah!
(Lachen)
Bahn frei, Kartoffelbrei!
(Lachen)
(sanfte Musik)
Können wir einen Umweg fahren?
-Ja. -Erst mal weiter geradeaus.
Halt.
Ich bin gleich wieder da.
(Muhen)
Suchen Sie jemanden?
Wohnen hier nicht die Kesslers?
Waltraut?
-Was ist denn? -Hier.
Antonia?
Mama.
Wo kommst du denn jetzt her?
So viele Jahre, Antonia.
Wir wussten überhaupt nichts von dir.
Gar nichts.
Weißt du, was wir uns für Sorgen gemacht haben?
Vater hat so oft nach dir gefragt.
Bis zum Schluss.
Wenigstens eine Karte hättest du schreiben können.
Kein Brief.
Nicht eine Zeile in all den Jahren.
In Russland wird's doch Briefmarken geben.
Wir wussten gar nicht, ob du noch lebst.
Wo warst du nur die ganze Zeit?
Wann?
Vor drei Jahren.
Sie haben ihn nach dem Krieg zum Bürgermeister gemacht.
Jeden Tag Sitzung.
Immer nur Streit. Alles wegen der Scheißpolitik.
(seufzt)
Du weißt ja, wie stur dein Vater war.
Dazu immer diese Qualmerei.
Immer hier in der Küche, stinkt bis heute.
Hier ist er auch gestorben.
Ich wollte nur mal fragen... wegen Mittagessen.
Schäl ein paar Kartoffeln mehr.
(Antonia) Für mich nicht.
(Mutter) Du wirst doch mit uns Mittag essen.
Hätte ich gewusst, dass du kommst, hätte ich geschlachtet.
Wenn kein Schnee wäre, könnten wir zum Friedhof gehen.
Aber jetzt sind alle Gräber zugeschneit.
Wo warst du nur die ganze Zeit?
(melancholische Musik)
(seufzt)
Warum waren wir jetzt hier?
(schluchzt)
Ich erklär's dir irgendwann.
(melancholische Musik läuft weiter)
Aufwachen.
Komm.
Wann sehen wir uns wieder?
Danke.
Rechts, links, rechts, links.
Klatsch, klatsch, klatsch, klatsch.
Drehen, drehen, drehen, stehen.
Jetzt macht ihr das einmal.
Rechts, links, rechts, links.
Klatsch, klatsch, klatsch, klatsch.
Drehen, drehen, drehen, stehen.
(Klaviermusik aus dem Radio)
Am schlimmsten sind die Abende.
Und die Feiertage.
Und die Wochenenden.
Eigentlich bleibt da nicht mehr viel übrig.
Hier drin ist alles ganz kaputt.
Ganz wund.
Man muss aufpassen, dass man sich nicht verquatscht.
Ich weiß manchmal gar nicht mehr, wer ich bin.
Ich rede doch so gerne.
Aber wenn man sich immer jedes Wort überlegen muss...
Das macht einen ganz verrückt.
Du bist der einzige Mensch, mit dem ich normal reden kann.
Wenn du mal weggehst, dann...
-spring ich aus dem Fenster. -Ach, komm, hör auf.
(seufzt)
Ich hab doch niemanden außer dir.
-Keine Verwandten, Kinder. -Wir haben so viel ausgehalten.
Das schaffen wir auch.
Hast du eigentlich mal was von Susanne gehört?
Verräterin.
(Radio) Mit Robert Schumanns "Träumerei"
verabschieden wir das alte Jahr...
- 1952. -Weißt du was?
Ich gebe dir einen Schlüssel für meine Wohnung.
Und wenn du willst, dann kommst du einfach.
Ab Januar, wenn Lydia in die Schule geht,
dann wäre es schön, wenn du nachmittags da bist.
Oh, danke, Toni.
-Ohne dich... -Hör auf.
(Ratio) „der DDR.
Willkommen, 1953.
Na, dann.
-Prost. 1953. -Auf das neue Jahr.
(Nationalhymne der DDR)
(Türklingel)
Wer ist denn das?
Da ist ein Mann.
Der will bestimmt zu dir. Warum lässt 'n den nicht rein?
Ich bin gleich wieder da, ja?
(Frau) Prosit Neujahr!
(Mann) Schönes neues Jahr!
(Stimmengewirr)
Es gibt einen anderen Mann.
Es gab einen.
Und jetzt ist er wieder aufgetaucht?
Erlebt nicht mehr.
(Mann) Schönes neues Jahr!
Es war ein Unfall.
Er war Ingenieur. Einer der besten.
Er hat das größte Sägewerk der Welt mitaufgebaut. Muchan.
Es sollte vorfristig fertig werden.
Er hat kaum noch geschlafen.
Plötzlich gab es eine Havarie.
Er hat sich sofort ins Auto gesetzt.
Unterwegs ist er kurz eingeschlafen.
Und plötzlich...
Plötzlich war alles vorbei.
(Türklingel)
(Mann) Deine Mutter hat mich darum gebeten, herzukommen.
Das ist das Fräulein Berger.
Willst du einen Kaffee?
Ich frage dich das letzte Mal.
Du kennst meine Antwort doch.
Wieso akzeptierst du nicht, dass meine Zukunft hier ist?
-Mit ihr? -Vater, bitte.
Reden Sie meinem Sohn ins Gewissen.
Auf ihn wartet meine Praxis. In Hamburg.
Er braucht sich nur ins Auto zu setzen.
Ab morgen steht sie zum Verkauf.
Es gibt Wichtigeres als Geld.
Die findest du ausgerechnet hier, in der Zone?
Ja, und nicht nur ich.
Außerdem heißt das nicht "Zone",
sondern Deutsche Demokratische Republik.
Ich finde allein raus.
(spielt "Der Nussknacker" von Peter Tschaikowsky)
(Mann) Schluss! Aus! Aufhören!
Ja, was soll denn das?
Wir kämpfen, dass jeder Bauer begreift,
was Kollektivierung der Landwirtschaft bedeutet.
Mehr Ernte, besser leben.
(brüllt) Das muss hier oben rein!
In zehn, 20 Jahren werden uns die Bauern die Füße küssen.
Aber so lange haben wir keine Zeit.
Wir sitzen nicht im Wartesaal der Geschichte.
Und was macht ihr? Lasst Kinder auf der Bühne rumhampeln.
In ein paar Wochen wird der Genosse Ulbricht hier
die erste Landwirtschaftskonferenz
unserer DDR eröffnen.
Wisst ihr überhaupt, was das bedeutet?
Wer hat sich diesen Quatsch ausgedacht?
Der Kampf um Ernte, Genosse Schuck,
-soll Freude bereiten. -Wer ist verantwortlich?
(Antonia) Ich.
Das ist Genossin Berger, die neue Leiterin.
(Schuck) Unsere Bauarbeiter haben nicht monatelang,
Tag und Nacht, für diesen Palast geschuftet
damit dann so ein Tingeltangel stattfindet.
Was hast du dir dabei gedacht, Genossin?
-Dass wir mit Optimismus... -Ja, das ist...
Darf ich aussprechen, Genosse Schuck?
Wie ich Genosse Ulbricht in Moskau kennengelernt habe...
hat er Sinn für Humor.
Es ist beleidigend gegenüber den sowjetischen Genossen.
Die Musik eines der besten sowjetischen Komponisten
wird benutzt, um diesen Firlefanz hier aufzuführen.
Er war ein russischer Komponist.
Hör mal zu, du.
Ich will ein Festprogramm sehen,
das den Namen auch verdient!
Das kann ich hier allen sagen!
Die Partei lässt sich nicht veralbern!
Haben wir uns verstanden?
Ob wir uns verstanden haben?
Der Alte meint es nicht so. Ich kenne doch Schuck.
Er kann mit Ballett nichts anfangen. Nur Kampflieder.
Das musst du verstehen. Mir hat's gefallen.
Und... warum hast du das nicht gesagt?
Wegen einem Kulturprogramm
muss niemand von uns den Helden spielen.
Leute wie Schuck sind nicht die Zukunft.
Schone deine Kräfte.
Schau, so Leute wie dieser Schuck...
Sie benehmen sich wie... sozialistische Fürsten.
Ach, das geht vorbei.
Aber das alte Nazi-Pack...
in meinem geliebten Wien...
das geht nicht vorbei.
Die sitzen mit ihren Ärschen immer noch...
in den Ämtern...
und nehmen mir die Luft zum Atmen.
Dagegen ist dieser Schuck ein lächerlicher Wichtigtuer.
Schau...
Schau, die DDR...
die ist wie ein kleines Kind.
Gerade mal drei Jahre alt.
Da macht es natürlich viele Dummheiten.
Aber... man muss es lieben, beschützen.
Und irgendwann einmal...
wird ein wunderbarer Mensch aus ihr.
Denn...
es hat ja keine schlechten Eltern, oder?
Das ist doch das Wichtigste.
Schau, die Genossen sind auch nicht immer glücklich mit dem,
wie ich da male.
Sie hätten's gern a bissl zahmer. (lacht)
Aber sie halten den Mund, weil sie froh sind,
dass ich da bin, ja, und nicht in Wien.
(stöhnt angestrengt)
Kauf dir einen Traktor, Bauer.
Dann könntest du viele Rüben ernten.
Ich bin doch nicht reich.
Außerdem ist mein Feld klein. Das geht nur bis zum Zaun.
Frag deinen Nachbarn, ob ihr eure Felder zusammenlegt.
-Ohne Zaun. -(Flüstern)
Dein Nachbar fragt seinen Nachbarn.
Ruhe da hinten!
Ja, was gibt's denn?
Noch mal von vorn. Johanna, denk bitte daran:
Sei nicht schadenfroh, wenn du den Bauern siehst.
Es tut dir leid, wie er versucht, die Rübe zu ernten.
Na, los.
Kauf dir einen Traktor.
Dann könntest du viele Rüben ernten.
Ich bin doch nicht reich.
Außerdem ist mein Feld viel zu klein.
Das geht nur bis zum Zaun.
-Leg eure Felder zusammen. -(flüstert)
Ohne Zaun.
Und dein Nachbar fragt seinen Nachbarn.
(Stille)
(überrascht) Susanne.
(TV) Mitkämpfers und Fortsetzers der Sache Lenins.
(Irma) Da staunste, was?
...der kommunistischen Partei und der Sowjets.
An das Zeug könnte man sich gewöhnen.
Scheiß-Klassenfeind. (lacht)
Ach, endlich.
(Türklingel)
...und den Werktätigen der ganzen Welt verbunden.
Genosse Stalin
hat die mächtige Partei der Kommunisten geschaffen,
sie erzogen und gestählt.
Gemeinsam mit Lenin war Genosse Stalin der Führer
der großen sozialistischen Oktoberrevolution.
Der Begründer
des ersten sozialistischen Staates der Welt.
(Lydia) Warum weinst du, Onkel Konrad?
(Trauermarsch im TV)
Wissen Sie überhaupt, um wen Sie weinen?
Bitte nicht jetzt, Susanne.
Endlich ist er tot. Schade, dass es so lange gedauert hat.
Ein paar könnten noch leben. Tausende! Auf den Tod!
-Hör auf! -(beide) Prost!
-Er weiß nicht, was wir reden. -Sag's ihm!
Lass die alten Geschichten. Das ist vorbei.
Er weiß nicht, um wen er heult. Er weiß von nichts.
Und wir dürfen ihm nichts sagen.
Sag mal, weißt du, was das für ein krankes Leben ist?
Das soll die neue Welt sein? Der Sozialismus?
-Wer ist das? -Ich stelle mich Ihnen vor.
Schumann. Verurteilte Spionin und Trotzkistin.
-15 Jahre Lagerhaft im Gulag. -Hör auf!
Irma Seibert, zwölf Jahre Lagerhaft wegen Spionage.
So, jetzt reicht's!
Weil wir den Wisch unterschrieben haben.
Weiß er, warum dein Mann nicht mehr lebt?
Erschossen!
Weil er sein Kind sehen wollte!
(Trauermarsch im TV läuft weiter)
Wo willst 'n du jetzt hin, Suse?
Du kannst nicht einfach gehen. Wir sind doch Freundinnen.
Ja, dann... dann...
werde ich auch mal.
Also, dann bis morgen.
(Trauermarsch im TV läuft weiter)
Was ist das?
(seufzt)
(seufzt)
(Schritte)
(Tür wird geschlossen)
Was machst du denn hier?
Es ist furchtbar.
-Ich muss mit dir reden. -Fünf Minuten. Nicht länger.
Die Kreisleitung tagt. Sondersitzung.
-Gehen wir in dein Zimmer? -Um was geht's?
Die Genossin Berger war jahrelang in der Sowjetunion.
Ja, das ist bekannt.
In einem Lager.
Unschuldig.
Über zehn Jahre.
Das hat sie gesagt?
Stimmt das?
-Ihr Mann wurde erschossen. -Tst. (lacht)
Du glaubst doch nicht den Unsinn?
Es war richtig, dass du sofort zu mir gekommen bist.
Stalins Tod ist das Beste, was den Feinden passieren konnte.
Nun zeigt sich, ob die Leute reif sind für das Ziel.
Wir sind längst nicht im sicheren Hafen.
Leo...
Sag mir die Wahrheit.
Stimmt das?
Und wenn es so wäre?
Wo gehobelt wird, fallen Späne.
Wir stehen ganz am Anfang.
Vor uns liegt die Zukunft, nicht die Vergangenheit.
(melancholische Musik)
Wenn du Fragen hast, komm her.
Ich bin jederzeit für dich da.
Jetzt entschuldige mich.
(seufzt)
Silberstein. Verbinden Sie mich mit dem Genossen Zimmermann.
Ähm, ja, grüß dich Hans. Ich mach's kurz.
Es geht um Genossin Berger vom Haus des Volkes.
Da gibt's was, um das ihr euch kümmern solltet. Sofort.
(melancholische Musik läuft weiter)
In der Küche ist noch Kaffee, aber wir müssen gleich los.
Lydia muss in die Schule.
Das ist nicht mein Land, Antonia.
Was soll denn das heißen?
Ich geh zurück nach Hamburg.
Komm mit.
Bist du verrückt?
Wir bauen uns gemeinsam ein neues Leben auf.
-Hier ist das neue Leben. -Das stimmt nicht.
Ich geh nicht fort.
Niemals.
Warum?
-Nach allem, was du durchgem... -Genau deshalb.
Weil sonst alles sinnlos war.
Alles.
Verstehst du das nicht?
(Türklingel)
-Wo warst du? -Bei Silberstein.
Ich musste wissen, ob das stimmt.
Du gehst heute nicht zur Schule.
Mir ist gerade eingefallen...
Du kennst deine Oma noch gar nicht.
Du bringst Lydia zu meiner Mutter.
Nach Grünberg. Wir waren schon da.
Du kennst das Haus. Frau Kessler.
Und kein Wort zu ihr über das alles.
Danach kannst du hinfahren, wo du willst.
-Guten Morgen. -Morgen.
,Wollen Sie zu mir? -Frau Berger.
Ich komme.
Dr. Zeidler. Ich bring das Kind aufs Land. Sie war lange krank.
(flüstert) Wir sehen uns bald wieder.
(Antonia seufzt)
Wann hat das angefangen, Konrad...
dass nichts mehr stimmte? Ich weiß es nicht.
Im Sommer 1968.
(draußen Hupkonzert)
Ich seh noch die Schrift auf dem Wenzelsplatz in Prag.
"Lenin, wach auf.
Die Partei ist verrückt geworden."
Aber Lenin wachte nicht auf.
Dein Hamburg war für mich weiter weg als der Mond.
Dabei hatte doch alles gut angefangen.
Oder?
(Tür wird verriegelt)
(Mann) Berger, Antonia?
Geboren am 18.4.1913.
In Grünberg. Volksschule.
Lehre als Stenotypistin.
Eintritt in die kommunistische Agitprop-Gruppe Kolonne Links.
(überrascht) Sehr gut.
1938 Reise in die Sowjetunion.
Tournee durch mehrere Städte.
1940 Verhaftung. Die Anklage lautet auf...
-Spionage. -Bitte.
Würden Sie mich nicht unterbrechen.
Ich kenne das alles.
Erzählen Sie mir den Schwachsinn?
Schwachsinn?
Stalin ist tot.
Können wir nicht offen über alles reden?
Ja, bitte.
Stalins Tod bedeutet aber nicht,
dass Lügen über ihn verbreitet werden.
Oder wollen Sie behaupten,
die sowjetische Justiz hat Unschuldige verurteilt?
Ich hätte nie gedacht, dass Kommunisten
ihre Genossen einsperren und erschießen. Ohne Grund.
Offiziere, Lehrer...
Arbeiter, Ärzte.
Ich habe es gesehen.
-Ich war zehn Jahre im Lager. -Wo waren Sie?
In einem...
Das hier...
Das ist ein Lager!
An einem schönen Ort im Thüringer Wald!
Blauer Himmel, Vöglein und der Scheiß-Goethe war da auch!
Denn der Ort liegt nahe Weimar. Da ist Buchenwald.
Da hat man mir das Bein abgesägt,
um zu erforschen, wie lange ich den Schmerz aushalten kann!
Und der Arzt, der das gemacht hat,
hat jetzt eine Klinik in Stuttgart!
Ich war in einem Lager!
(Tür wird geöffnet)
(Mann) Sitzen und Liegen bis zum Abend verboten.
(Tür wird verriegelt)
(Antonia) In den 30ern kamen von überall
Wissenschaftler, Ingenieure, Künstler in die Sowjetunion,
weil sie begeistert waren vom Aufbau des Kommunismus.
Dann begannen die Säuberungen.
Sollten alle plötzlich Spione sein?
Ich kenne Ihre Prozess-Unterlagen nicht.
Mein Prozess dauerte fünf Minuten.
Die sowjetische Regierung
hat sich nur gegen Spione gewehrt.
Hitlers Überfall sollte Sie davon überzeugt haben,
dass sich die Sowjetunion ständig in Gefahr befand.
Und was ist mit den alten Bolschewiki?
Den Gefährten Lenins, die umgebracht wurden? Trotzki?
Bucharin?
Haben die alle für die Nazis gearbeitet?
Was sie getan haben, weiß ich nicht.
Wollen Sie mir weismachen,
dass in der Sowjetunion Unschuldige umgebracht wurden?
Sagen Sie mir, wer hinter den Lügen und Verleumdungen steckt,
die Sie hier verbreiten. Das stammt nicht von Ihnen.
Ihr Vater war Kommunist.
Bürgermeister.
Eine deutsche Kommunistin hat das Glück,
den schrecklichen Krieg in der Sowjetunion zu überleben
und sie hat nichts im Sinn, als das Land zu verleumden,
dem sie ihr Leben verdankt? Warum?
Mir liegt ein Bericht Ihres Nachbarn vor.
Am Abend des 5. März fand in Ihrer Wohnung
ein fröhlicher Umtrunk statt.
An dem Tag, als die ganze Welt um den Genossen Stalin trauert,
feiern Sie mit einer feindlichen Journalistin?
(Vogelzwitschern)
Ich lass euch dann mal allein.
Du wolltest mich sprechen?
Was muss ich tun, um hier rauszukommen?
Halte dich künftig, an das, was du unterschrieben hast.
Du hast gesagt, irgendwann können wir über alles sprechen.
Aber nicht jetzt.
Wann, wenn nicht jetzt?
Keiner bestreitet, dass du Schlimmes erlebt hast.
Warum bin ich hier?
Weil die Partei den Verdacht hat,
sich nicht auf dich verlassen zu können.
Du tust nichts, um den Verdacht aus der Welt zu schaffen.
Sollen wir zusehen, wie aus Genossen Feinde werden?
Sich der Westen freut und alles wieder losgeht?
Dieser ganze Scheiß-Kapitalismus.
Dass es die DDR gibt, hat uns eine Menge Blut gekostet.
Soll das umsonst gewesen sein?
-Aber die Wahrheit... -Das, was unserer Sache nützt.
Übrigens, Zeidler arbeitet nicht mehr im Krankenhaus.
Jedenfalls nicht hier bei uns.
Hat die Fronten gewechselt.
Hamburg.
(seufzend) Das kommt dabei raus.
Er hat sie wohl nicht verkraftet...
deine Wahrheit.
Es tut mir leid.
Ich werde mit Genosse Schuck reden.
Gibt große Veränderungen.
Die Landwirtschaftskonferenz ist verschoben.
Ulbricht hat entschieden,
dass Fürstenberg Stalinstadt heißen soll.
Das ist natürlich eine große Ehre.
Aber da kommt viel Arbeit auf uns zu.
Wir brauchen jeden. Aber nicht um jeden Preis.
(sanfte Klaviermusik)
(Klaviermusik läuft weiter)
(Klaviermusik läuft weiter)
(Klaviermusik verklingt)
Mama!
(Antonia seufzt)
Jetzt fangen wir ganz neu an.
No Limits Media 2018 Untertitel: C. Hennecke u. a.
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