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Mutter sagt, dass ich immer am Wasser zu finden war. Definitiv!
Ich hatte Fernweh. Deshalb wollte ich zur See fahren.
Das war Abenteuerlust in erster Linie.
Ich ahnte gar nicht, was Seefahrt bedeutet! Man ist wochenlang weg!
Ich wollte weg vom Kleinstadtmief. Das Leben gefiel mir dort nicht.
Ich wollte etwas von der Welt sehen und auch Geld verdienen.
Es gab eine DEFA-Wochenschau. Sie zeigte einen Bericht über Dampfer.
Über einen Dampfer aus Rostock, der ins Mittelmeer fuhr.
Das faszinierte mich. Ich dachte: "Das ist toll!"
Es war einmal ein Land.
Es besaß am Anfang kein Schiff, um aufs Meer hinauszufahren.
Seine Hafenstädte Rostock, Stralsund und Wismar waren vom Krieg zerstört.
Nichts sprach dafür, dass aus dem Land eine Seefahrernation wird.
Es gab nur Hunger, Verzweiflung und Träume!
In dieser Zeit waren die Eltern und auch wir als ältere Kinder ...
Wir waren damit beschäftigt, etwas Essbares zu bekommen!
So war es ganz natürlich, dass man sich sagte:
"Wir haben Ressourcen vor Ort. Man muss die Fischerei wieder aufbauen!"
Sassnitz auf Rügen! Hier beginnt die Geschichte der DDR-Seefahrt.
Ohne Abenteurertum, ohne Sehnsucht nach Ferne! Es geht ums Überleben.
Ostdeutschland wird nach dem Krieg von der Sowjetunion verwaltet.
Im Januar 1946 ordnet sie den Beginn des Fischfangs auf der Ostsee an.
Mit notdürftig hergerichteten Booten fahren Fischer zu den Fangplätzen.
Nicht nur Fisch geht in die Netze.
Entdecken die Fischer Leichenteile, muss der Fang verworfen werden.
Auch unsichtbare Spuren des Krieges machen das Fischen lebensgefährlich.
Kapitän! Mine im Netz!
Netz weg!
Finger weg! Finger weg!
Für die Schiffe wurden Zwangswege festgelegt.
Die Ursache war, dass man nach dem Krieg Munition in die See warf.
Dass es alte Minenfelder gab.
Sogar Geschütze warf man in die See, ohne sich die Folgen zu überlegen.
7. Oktober 1949: Aus der sowjeti- schen Besatzungszone wird die DDR.
Die BRD gibt es bereits, wie auch das Westgeld und die NATO.
Der Wettkampf der Systeme läuft.
Er schürt auf beiden Seiten Ängste und Aggressionen.
Die DDR-Führung befürchtet, dass Fisch zum Druckmittel werden kann.
Er wird überwiegend aus Skandinavien und der BRD importiert.
Die DDR will sich davon unabhängig machen, um nicht erpressbar zu sein.
Durch die Teilung waren wir von der Fischindustrie völlig abgeschnitten.
Küsten-und Seenfischer konnten den DDR-Bedarf nicht decken.
Wir mussten eine Hochsee- flotte aufbauen.
Noch gibt es nur eine Werft an der Küste.
Neue Heringslogger baut man auf Binnenwerften wie in Boizenburg.
Ein Großteil der Schiffe geht in die Sowjetunion.
Russische Werften bauen Kriegs- schiffe für eine Weltmacht-Flotte.
Zivilschiffe sollen aus der Besatzungszone kommen.
Als Reparationsleistungen!
Schiffbau auf Befehl!
Großwerften entstehen in Wolgast, Wismar, Stralsund.
Später wird aus dem Schiffbau ein Markenzeichen der DDR-Wirtschaft.
Das ist keine herkömmliche Werft. Das ist ein Produktionsbetrieb.
Hier werden Schiffe am Band gebaut.
Neu ist: Die einzelnen Sektionen werden zusammengeschweißt.
Sie werden nicht mehr genietet.
Ohne neue Methoden ist die Serien- fertigung der Logger undenkbar.
1950 stechen die ersten Logger in See.
Jetzt fischt man auch in küstenfernen Gebieten.
In Rostock wird ein Fisch- kombinat gegründet.
Noch fehlt das nötige Wissen für die Hochseefischerei.
Erfahrene Seeleute sind in Hamburg, Bremen oder Cuxhaven beheimatet.
Man umwirbt sie mit lukrativen Verträgen.
30 West-Kapitäne nehmen das Angebot an und fahren für die DDR zur See.
Unter einem von ihnen fährt der 15-jährige Lehrling Horst Seffner.
Er lernt von ihnen und belächelt ihren Aberglauben.
Sie waren ein bisschen eigentümlich.
Es durfte keine Möwe auf dem Mast sitzen.
Freitags durfte man manche Dinge nicht tun. Und so weiter!
Sie waren sehr abergläubisch.
Aber der Kapitän, bei dem ich fuhr, war Fischersmann durch und durch.
Wir machten richtig fette Reisen!
Einige der Kapitäne bleiben bis zum Lebensende in Rostock.
Die Arbeit auf See ist hart: Kälte, Nässe und kaum Schlaf.
Mein Vater sagte immer:
Wer zur Hochseefischerei geht, der hat Vater und Mutter erschlagen!
Er meinte, dass es ein sehr hartes, ungesundes Leben ist.
Den Achtstundentag gibt es da nicht.
Man arbeitet manchmal tagelang durch. Das schlimmste waren drei Tage!
Da wollten nur wenige hin, zumindest von hier oben.
Die Werbetrommeln wurden gerührt in Sachsen und in Thüringen.
Es kamen viele junge Leute, die sich hier versuchten. Einige blieben.
Sie lockte das Abenteuer und das Geld.
Hochseefischer wird Ausbildungsberuf in der DDR. Das gab es vorher nicht.
Von der Ostsee geht es nun bis ins Nordpolarmeer.
Das "Lied von der Barentsee" wird ein DDR-Schlager der 50er-Jahre.
"Unser Kurs geht nach Norden in die Barentsee."
"Unsre Netze bringen morgen reichen Fang!"
"Liebes Kind, sei nicht traurig, wenn ich von dir geh!"
"Unsre Trennung, Mädel, dauert ja nicht lang!"
"Bei der Arbeit an der Winsch, auf der Wache nachts denk ich dein!"
"Denn nur für dich ging ich fort!"
"Eines Tages stehst du fröhlich winkend auf dem Kai!"
"Denn dann komme ich zurück aus der Barentsee!"
In Hamburg hieß es: "Seeleute und Zigeuner in den letzten Waggon!"
Ein Seemann hatte keinen übermäßig guten Ruf.
Das änderte sich in der DDR ein bisschen.
John Paetke kam 1956 nach Rostock.
Der 16-Jährige hatte in Hamburg keine Lehrstelle bekommen.
Nun sucht er sein Glück im Osten mit einer Lehre in der Warnow-Werft.
Dass ich das machte, lag wohl daran:
Meine Eltern hatten auch ein bisschen die DDR mitbeobachtet.
Sie hatten ein wenig gehofft, dass da ein Arbeiterparadies entwickelt wird.
Mal sehen, was daraus wird!
Ich bekam den Tipp, dass da etwas losgeht.
Das war ein guter Grund, mich dort zu bewerben.
Eigentlich verläuft der Grenzverkehr in den 50ern von Ost nach West.
Bevor Paetke die Ausbildung beginnen kann, wird er gründlich überprüft.
Ich kam zunächst in ein Auffanglager in Bützow.
Dort herrschten grausame Zustände. Der erste Eindruck war schlimm.
Da waren sehr viele Rückkehrer, die ihr Heil in der BRD gesucht hatten.
Sie waren gescheitert. Es waren meist nicht die besten Typen.
10 Tage überprüfte man, was ich für einer bin! Ob alles in Ordnung ist!
Jahre später wird aus John Paetke ein Kapitän der DDR-Handelsflotte.
In der Schiffbauerlehre baute er mit an den Frachtern.
Sie sollen auf allen Meeren für die DDR fahren.
1957 wird die "Frieden" als erstes Typ-IV-Schiff in Dienst gestellt.
Dieser Schiffstyp hat einen 10-Masten-Zirkus.
Typ IV ist Symbol für den Aufstieg zum bedeutenden Seefahrerland.
Nach der Hochseefischerei folgt die Handelsflotte.
Der DDR-Außenhandel vervierfacht sich den 50er-Jahren.
Die DDR entdeckt die Weltmeere als Wirtschaftsfaktor.
Seit 1952 gibt es die Deutsche Seereederei Rostock.
Gegründet wurde sie mit nur zwei uralten Schiffen.
Nach nur fünf Jahren fahren erstmals 10.000-Tonnen-Frachter nach Übersee.
Das war das erste schöne Schiff. Darauf waren wir alle stolz.
Wir hatten Zwei-Mann-Kammern. Das war vorher viel schlechter.
Das Soziale war da schon besser!
Die schlechte Maschine sah man nicht, sondern merkte es nur.
Die Schiffe waren im Prinzip nur aus DDR-Erzeugnissen zusammengebaut.
Die Hauptmaschinen baute BMR, die Hilfsdiesel kamen aus Magdeburg.
Die Pumpen kamen irgendwoher. Es war ein Sammelsurium. Nichts war erprobt.
Wir waren quasi die Erprobungs- ingenieure des Schiffs.
Maschinenassistent Hans-Jürgen Draeger ist mit dabei:
Es geht mit einem Typ-IV-Schiff zum ersten Mal nach Fernost.
Am 30.12.1957 fährt die MS Freund- schaft von Wismar nach Shanghai.
Nicht nur die Chinesen sind beeindruckt.
Das Schiff macht auf der Rückreise an der Schleuse Kiel-Holtenau fest.
Da erhält Hans-Jürgen Draeger auch Reaktionen von westdeutscher Seite.
Wir fuhren von der ersten Ostasien- reise zurück durch den Kielkanal.
Es war Ostern. Leute standen da und guckten zu uns und sagten:
"Die Schiffe habt ihr bei uns gekauft!"
Sie dachten nicht, dass wir solche Schiffe bauen.
Die Seefahrtschule in Wustrow an der Ostsee!
In den 50er- und 60er-Jahren werden hier 4000 Studenten ausgebildet.
Zu Nautikern, Funkern, Kapitänen - zur Seefahrerelite der DDR.
Zu meiner Zeit konnte man sehr jung schnell Karriere machen.
Die Reederei legte ein riesiges Schiffbau- und Ankaufprogramm auf.
Es wurden unwahrscheinlich viele Offiziere und Mannschaften gebraucht.
Wolfgang Schneider studiert an der Seefahrtsschule in Wustrow.
Mit 26 Jahren ist er Kapitän der Handelsflotte.
Kein Kapitän in der Welt ist so jung!
Ich fuhr nach Indien und Pakistan mit meinem Schiff.
Das konnte kaum jemand in den Häfen, auch in Westeuropa, begreifen:
Dass man mit 26 Jahren ein neues Schiff als Kapitän fahren konnte!
Im Westen, gerade in der BRD, war es anders üblich.
Da konnte man vielleicht mit 55, 60 einen Kapitänsposten kriegen.
Junge Kapitäne, neue Schiffe, aber ein alter Stadthafen in Rostock.
Für die Handelsflotte reicht er längst nicht mehr.
Das kleine Land will auf große Fahrt.
"Die großen Frachter werden fahren mit Erz, mit Seide und Teak!"
Warnemünde, Sommer 1958.
Aus der ganzen DDR kommen Helfer zum Aufbau des Rostocker Überseehafens.
Wir bauen unser Tor zur Welt!
Ein begeistertes Echo ohnegleichen fand der Ruf der Partei.
Im Ostseebezirk und in der ganzen Republik!
Von Dierkow aus zogen wir oft zu Fuß in Gruppen dahin los.
Mit einem Lied auf der Zunge oder wie man das sagt.
Wir halfen dort mit. Das war alles freiwillig. Wir bekamen nichts dafür.
Dafür konnte man die DDR- Bevölkerung begeistern.
Weil da etwas passierte! Da wurde Geld nicht in Denkmälern verbaut.
Sondern in ganz wichtigen Dingen für die wirtschaftliche Entwicklung!
Damals ging alles vorwärts. Das ist vielen heute nicht klar.
Es kamen immer wieder Verbesserungen, die auch sichtbar waren.
Es gab keine Stagnation. Sie kam erst viel später.
Durch den Arbeiteraufstand von 1953 wusste die SED-Führung:
Sozialismus ist allein mit Normen und Parolen nicht zu machen.
Walter Ulbricht erklärte auf dem SED-Parteitag 1958:
Der SED-Führungsanspruch muss sich durch Wohlstand für alle beweisen.
Als Clou verkündet ein Werftarbeiter:
Das Urlauberschiff "Fritz Heckert" für Arbeiter und Bauern wird gebaut.
Hoch!
Vor Stapellauf des Schiffs kauft man ein schwedisches Passagierschiff.
Die "Stockholm" ist damals das größte Kreuzfahrtschiff der Welt.
1960 sticht es als „Völkerfreund- schaft" für den FDGB in See.
Man lebt in einer schwimmenden Stadt.
Ladenstraßen, Schwimmbad, Kino, Bars, Lese-, Schreib- und Musiksalons.
Und eine kleine Klinik gehören zum Inventar des Ozeanriesen.
Ein Arbeiter-und-Bauern- Paradies auf See.
Die DDR präsentiert sich von ihrer schönsten Seite.
Bis zur Mitte der 60er-Jahre sind vier Urlauberschiffe geplant.
Doch es bleibt beim Plan!
Bereits nach der ersten Reise fragen Ökonomen besorgt:
Wie lange kann sich der Staat diesen Luxus leisten?
DDR-Kreuzfahrtschiffe sind ein Zuschussgeschäft. Das wusste man.
Denn sie waren für schlichte Werk- tätige wie Meister, Facharbeiter da.
Sie sollten damit Seereisen machen. Das war das strategische Ziel.
Wie hoch die Zuschüsse werden würden, war anfangs nicht klar.
Aufbau, Aufbruch, Fortschritt!
Die DDR wollte wie besessen das bessere Deutschland werden.
Aber zugleich ringt sie um ihre Existenz!
Ende der 50er Jahre verlassen täg- lich Hunderte die DDR gen Westen.
Welche Zukunft hat der Osten Deutschlands?
Das soll sich auch auf den Weltmeeren entscheiden.
1960 ist dafür ein wichtiges Jahr.
Die "Bertolt Brecht" ist das erste Fang- und Verarbeitungsschiff.
Als Produktionsleiter ist Günther Kröger an Bord.
Der eigentliche Fortschritt war:
Auf den Seitenschleppern war die Arbeit körperlich sehr schwer.
Durch die Technik auf den neuen Schiffen wurde sie sehr vermindert.
Da wurde alles per Winde an Deck gezogen.
Für die Hochseefischerei der DDR beginnt damit eine neue Ära.
Aus dem Stert, dem Fangnetz, fließt der Fisch direkt zur Verarbeitung.
Der Bauch des Schiffes ist eine Fabrik.
Hier werden die Fische geköpft, filetiert und tiefgefrostet.
Und zum ersten Mal sind auch Frauen an Bord.
Das war eine kleine Revolution. Alle rissen erst mal die Hände hoch.
Viele dachten: Mit Frauen an Bord geht ein ganz anderes Leben los!
Weg mit den Bildern im Spind! Jetzt sind die Originale da!
Auch bei der Handelsflotte sieht man nun Frauen an Deck.
Damit sollen die Personalprobleme im Wirtschaftsbereich gelöst werden.
Doch es gilt die Seemannsweisheit:
"Weiberrock an Bord bringt Streit und Mord".
Es gab Probleme, als Frauen kamen.
Zwar erlebte ich nie eine Frau als Kapitän.
Es heißt: Der Kapitän verlässt als letzter das Schiff!
Was macht man, wenn eine Frau Kapitän ist? Lässt man ihr den Vortritt?
An sich war das eine gewaltige Bereicherung des Bordlebens.
Ich muss sagen, dass das ganze Niveau sich zum Positiven wendete.
Manche Frauen wurden immer schöner, je länger die Reise ging.
An Bord ging jede Frau weg. Wirklich jede bekam einen ab.
Ich bekam manche Nacht Besuch, unaufgefordert und ungewollt!
Ich machte aber nur gute Erfahrungen. Aber man musste seine Grenzen zeigen!
Die Männer an Bord waschen, kämmen und rasieren sich nun öfter.
Dennoch verliert der Seemanns-Mythos im Alltag schnell an Ausstrahlung.
Zu Bounty-Zeiten waren Schiffe aus Holz, Männer aus Stahl!
Es war umgekehrt! Sie benahmen sich kindisch beim Bestellen des Essens.
Einer wollte Kartoffeln mit wenig Soße! Einer nur das Randstück!
Es war unglaublich! Schlimmer als ein Kindergarten!
Sie brachten Hemden ganz ohne Knöpfe! Entweder man machte es oder nicht!
Knöpfe annähen - eine Flasche Bier! Haare schneiden - eine Flasche Bier!
Bier war die Bordwährung.
Man hatte als Frau keine Mutterrolle. Aber irgendwie eben eine Frauenrolle.
Zu Spitzenzeiten gehören über 1000 Frauen zur Handelsflotte.
Doch meist in der klassischen Rolle: Kittelschürze statt Seemannsuniform.
Kapitän bleibt auch in der DDR ein Männerberuf.
In der Hochseefischerei ist bald keine Frau mehr in der Produktion.
Nur eine bleibt: Regina Schmidt!
Sie schafft es als einzige von der Arbeiterin zur Produktionsleiterin.
Damit steigt sie in den Rang eines Offiziers auf.
Gleichberichtigung: gut und schön! Da stand auch viel auf dem Papier.
Ich wurde auch unterstützt, das will ich nicht abstreiten.
Aber es war eine harte Schule!
Ich erinnere mich an eine Übergabe. Da wurde gefrostete Ware übergeben.
Da wurden Protokolle geschrieben, und ich verwechselte ein Datum.
Dann hieß es ein Jahr: "Die Alte ist blöd! Sie weiß nicht mal das Datum!"
Man darf nicht verzagen.
Egal, wo man als Frau Karriere macht: Die Bilder gleichen sich immer!
Egal, ob da oder da oder da! Das war zu DDR-Zeiten nicht anders!
Unter ihrem Kommando werden meist 20 Prozent mehr Fisch verarbeitet.
Die Männer unter ihrer Ägide nennen sie Sklaventreiberin.
Man will gut sein!
Wir waren fast zwei Jahre das beste Schiff der Flotte im Fanggebiet.
Der Ehrgeiz halt!
Wenn sich die Früchte einstellen, dann hat man ein schönes Gefühl.
Was wollten die Männer machen? Sie konnten sowieso nicht weg!
1960: Der Überseehafen Rostock geht in Betrieb.
In diesem Jahr werden Güter im Wert von 1,4 Millionen Mark umgeschlagen.
Der Hafen soll das Tor zur Welt sein.
Aber bei der feierlichen Einweihung ahnt niemand:
Nur ein Jahr später ist er eins der Schlupflöcher zum Verlassen der DDR.
Am 13. August 1961 werden die Grenzen dichtgemacht.
Der 20jährige Matrose Horst Schure ist an diesem Tag auf Landurlaub.
Bei Tanzveranstaltung macht er eine Bemerkung mit gravierenden Folgen.
Am Abend des 13. August wusste jeder, dass nun doch etwas passiert war.
Man sprach darüber. Ich stand dabei und sagte irgendetwas wie:
"Jetzt bauen wir mit Stacheldraht und Panzern den Sozialismus auf!"
Für Horst Schure ist damit die See- mannslaufbahn scheinbar beendet.
Am nächsten Morgen steht die Krimi- nalpolizei vor seiner Wohnungstür.
Zwei Stunden später die Verhandlung: Ein Schnellgericht von zwei Stunden!
Begründung: Staatsverleumdung und Vorbereitung des Dritten Weltkrieges.
Ich wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.
Die Völkerfreundschaft ist zu diesem Zeitpunkt unterwegs im Mittelmeer.
Trotz des Mauerbaus legt sie plan- mäßig am 16. August in Piräus an.
Von der Stadtrundfahrt kehren zwei Passagiere nicht an Bord zurück.
Auf der Heimreise werden neue Routen für künftige Reisen festgelegt.
Ab jetzt sind Mittelmeerhäfen tabu.
Das war nach dem Mauerbau nicht mehr möglich.
Das Schiff wäre dann eine Art Fluchtfähre gewesen.
Die DDR hatte nicht Geld ausgegeben, um einen Negativ-Erfolg zu haben.
Das gilt eigentlich auch für die neue Fritz Heckert.
Doch am 3. Januar 1962 wird sie noch ein Mal in die Tropen geschickt.
Nach Guinea! Das westafrikanische Land schwankt zwischen Ost und West.
Deshalb soll mit der Fritz Heckert für den Sozialismus geworben werden.
Als Geschenk bringt sie 10.000 Schulhefte mit.
An Bord sind vor allem Ärzte, Ingenieure und Wissenschaftler.
Und Karl-Heinz Scholz, Journalist der Leipziger Volkszeitung.
Man fühlte sich als auserwählt.
350 von 16 Millionen durften diese Chance wahrnehmen.
Sie durften dieses neue Schiff in Besitz nehmen.
Zum Reiseplan gehört auch ein Zwischenstopp in Casablanca.
20 Passagiere und ein Ingenieur setzen sich dort in den Westen ab.
Deshalb sagt man die Weiterreise nach Guinea ab.
Die Passagiere protestieren.
Wir wollten nicht, dass man uns dafür bestraft. Und zum anderen:
Wir hatten den vollen Preis bezahlt und wollten auch die volle Leistung.
Und wir forderten den Kapitän auf, nach Rostock zu funken:
"Wir sind anderer Meinung!"
Erstaunlicherweise hatten wir Erfolg, und uns wurde mitgeteilt:
"Es ist eine Mittelmeerkreuzfahrt geplant, mit Landgang in Tunis."
In Tunis verabschieden sich zwei Passagiere und die Schiffsärztin.
Rostock will die sofortige Rückkehr, trotz Sturmwarnungen in der Biskaya.
Das Schiff fährt in eine tobende See.
Die Fritz Heckert trieb auf die französische Küste zu.
Ihre Motoren konnten den Kurs nicht stabilisieren.
Der erste Offizier sagte später Folgendes zu mir:
"Hätte dieser Sturm länger gedauert, wären wir an der Küste zerschellt."
Massenflucht und eine Beinahe-Katastrophe:
Das ist die Bilanz dieser Reise.
Sie sollte die Überlegenheit der DDR bekunden.
Aber sie offenbart ihr tragisches Dilemma.
Einen Sozialismus mit Stacheldraht hatte Horst Schure vorausgesagt.
Nach acht Monaten Haft hat er nur ein Ziel: Er will wieder zur See.
Nach zwei Jahren bekam ich Bescheid und durfte wieder auf ein Schiff.
Man hatte vermutlich angenommen, ich würde bei dieser Reise fliehen.
Aber das habe ich nicht gemacht.
Gelegenheiten zur Flucht gibt es auf den Weltreisen genug.
Am meisten fürchten die Funktionäre den Weg durch den Nord-Ostsee-Kanal.
An den Schleusen der BRD halten zuverlässige Genossen Wache.
Sie sollen die Flucht in den Westen verhindern.
Viele Fluchtwillige strebten die Einstellung bei der Reederei an.
Sie machten ihre erste Reise und nutzten gleich die Gelegenheit.
Im ersten westlichen Hafen gingen sie und kamen nicht wieder.
Für die Verantwortlichen an Land war es schlimm, wenn jemand abhaute.
Aber wie viele Leute waren das im Verhältnis zu der großen Masse?
Das waren wenige, auch wenn immer mal jemand abhaute.
Man war nur enttäuscht, wenn ein Flüchtling eine Familie zurückließ.
Von so jemandem war man enttäuscht.
Ich traf in Mombasa einen anderen Deutschen aus Lauchhammer.
Er verließ die DDR nach dem 17. Juni 1953.
Er warf damals einen Stein zu viel, wie er sagte.
Er fuhr auch zur See, und zwar für eine amerikanische Reederei.
Er fuhr auf der "Afrika" oder der "Asien" als Reiniger.
Das war 1968. Er war schon seit 15 Jahren im Westen.
Er sagte: "Als Mann aus dem Osten werde ich als Erster gefeuert."
"Überleg dir genau, was du machst!"
Ich sprach mit westdeutschen Hafenarbeitern. Sie sagten:
"Du hast einige Vorteile in der DDR. Vergiss das nicht!"
Ich sagte: "Aber hier fährt jeder ein schönes Auto."
Sie sagten: "Sie sind nicht bezahlt."
"Wir arbeiten 14 Stunden am Tag, um unsere Autos abzubezahlen."
Und solche Vergleiche hat man gezogen.
Ein Kollege fragte mich kürzlich, warum ich nie abgehauen bin.
Ich sagte: "Stell dir vor, dir wird viel Geld und ein Haus geschenkt."
"Aber du dürftest deine Familie nie wieder sehen. Was würdest du tun?"
Für mich kam das nie in Frage. Ich war gelernter DDR-Bürger.
Was das heißt? Ich wollte mit dem leben, was da ist. Weiter nichts!
Hafenrundfahrten anstelle von Reisefreiheit.
Leben mit dem, was ist. Der Hafen ist eine Touristenattraktion.
Aus Matrosen werden Kinohelden.
Mit Sänger Frank Schöbel führt die Reise in den Hafen der Ehe.
Seemänner sind tatsächlich begehrt. Sie verdienen gut, auch Westgeld.
Ihre Ehefrauen dürfen manchmal mitreisen.
Wir hatten einen Storekeeper, der frisch geheiratet hatte.
Eine ganz große Hochzeit! Aber in Hamburg ging seine Frau von Bord.
Alles zu Ende! Dann war klar, warum sie einen Seemann geheiratet hatte.
So etwas kam auch vor.
(Lied) "Ahoi! Ahoi!"
"Schönes Kind, geh nicht vorbei!"
Es gab Eifersucht bei den Männern. Bei den Frauen natürlich genauso!
Auch verheiratete Männer gingen in bestimmten Häfen schnell von Bord.
Es kam vor, dass Frauen in fremden Häfen mit ihren Kindern warteten.
"Ahoi! Ahoi! Eine Nacht bleib ich dir ..."
"Eine Nacht bleib ich dir treu!"
Seemannsehen waren starken Belastungen ausgesetzt.
Auch meine Ehe! Meine Frau hat die Kinder allein aufziehen müssen.
Ich war froh, wenn die Kinder mich nach so langer Zeit noch erkannten.
Nach einer langen Trennung ist man sich zuerst ganz fremd.
Man muss sich wieder aneinander annähern.
Die Frau hatte ihr Leben hier mit den Kindern. Er hatte sein Leben an Bord.
Die Stewardess Doris Müller lernt auf See ihre große Liebe kennen.
Einige Jahre lang fährt sie gemeinsam mit ihrem Mann.
Als er zum Kapitän aufsteigt, bleibt sie zu Hause.
Sie führt das klassische Leben einer Seemannsfrau.
Die Männer kamen nach Hause und wollten ihre Position einnehmen.
Das war schwierig. Die Frauen hatten monatelang alles selbst organisiert.
Sie hatten über alles entschieden.
Die Männer kamen meistens nur kurz und gingen dann wieder.
Deshalb gab es diese Redensart:
"Wenn Papa weg ist, machen wir es uns wieder gemütlich."
Die Handelsflotte steuert immer mehr Häfen an.
Die Fischer jagen auf immer entfernteren Fangplätzen.
Die Reisen werden immer länger.
Kaum ein Seemann bleibt dabei von einem Sturm verschont.
Bei langen Touren erlebt man immer einen Sturm.
Das ist vielleicht nicht immer lebensgefährlich.
Aber es macht Angst, wenn sich das Schiff stark zur Seite neigt.
Wenn das Schiff lange nicht wieder hochkommt, ist einem seltsam zumute.
Denn man weiß: Wenn noch so eine Welle kommt, wird es gefährlich.
Wenn das Schiff stampft und man steht vorn, ist das wie Fahrstuhl fahren.
Man denkt, die Schiffe sind groß.
Im Sturm sieht man, wie klein Schiffe sind. Obwohl sie uns groß vorkommen!
In 40 Jahren gehen 14 Schiffe verloren. 52 Menschen sterben.
Das schwerste Unglück ist der Untergang der "Fiete Schulze".
Es geschah in der Nacht zum 21. September 1967.
Das Schiff ist mit 8000 Tonnen Eisen beladen unterwegs nach Japan.
Die Ausläufer eines Orkans zwingen den Kapitän zur Kursänderung.
Das Schiff kämpft gegen meterhohe Wellen an.
Gegen 23.30 Uhr hört die Besatzung ein Poltern. Die Ladung verrutscht.
Das Schiff neigt sich. Wasser dringt ein.
Zur 42-köpfigen Besatzung gehört auch der Matrose Rainer Knopf.
Das Schiff krängte mit fast achtzig Grad und kam nicht wieder hoch.
Da war klar: Es wird lebensgefährlich.
Meine Kammer stand unter Wasser. Meine Uhr musste dort bleiben.
Ich hatte eine gute Schweizer Uhr.
Unser Schiffskoch Olaf Trautmann wollte seinen Ledermantel retten.
Er hatte ihn vor kurzem für 800 DM in Rotterdam gekauft.
Das hätte er lieber nicht machen sollen. Er kam nicht mehr raus.
Um 1.35 Uhr sinkt das Schiff.
Vierzehn Besatzungs- mitglieder ertrinken.
Ein US-Tanker rettet achtzehn Seeleute. Auch Rainer Knopf.
Sie werden später vom Urlauberschiff "Völkerfreundschaft" übernommen.
Zwei Männer und eine Frau treiben 48 Stunden auf einem Rettungsfloß.
Das Hapag-Lloyd-Schiff "Borussia" rettet sie.
Trotz ihres Zustandes soll sie die "Völkerfreundschaft" übernehmen.
Der Kapitän nahm die drei Seeleute mit nach Hamburg.
Ihr Zustand war sehr bedrohlich.
Das war für ihn ein Grund, nicht länger abzuwarten.
Dieser Kapitän wurde von DDR-Medien des Menschenraubes bezichtigt.
Der Kapitän verweigerte die Übergabe an unser Schiff "Völkerfreundschaft".
Es ist schlimm, wenn man ein Unglück zur Propaganda nutzt.
Die Borussia trifft in Hamburg ein.
Die geretteten Seeleute werden schon von den Medien erwartet.
Woher kommen Sie? - Aus Karl-Marx-Stadt.
Waren Sie alle auf dem Rettungsfloß? - Ja.
Wie lange trieben Sie im Wasser? - Vierzehn Stunden.
Vierzehn Stunden! Das war ein schlimmes Erlebnis.
Sprachen Sie Ihre übrigen Kameraden? - Nein.
Ein Vertreter der Rostocker Seereederei kam nach Hamburg.
Von ihm hört man keine Vorwürfe.
Er bedankt sich mit einem Gemälde für die Rettung.
Die Reederei entschuldigte sich bei Hapag Lloyd wegen der Vorwürfe.
In der Schifffahrt kann man solche Forderungen nicht stellen.
Sonst hätte beim nächsten Unglück keiner mehr unsere Leute gerettet.
In der Schifffahrt hilft man sich. Egal, welcher Nation man angehört!
20 Jahre sind vergangen, seit nach dem Krieg wieder Kutter rausfuhren.
Ihre Besatzungen gelten als Repräsentanten des Sozialismus.
Aber sie sind Weltbürger, die den Strapazen daheim legal entfliehen.
Ihr Zuhause ist das Schiff, und die Welt ein Abenteuer.
Das Leben in der DDR ist nur eine Unterbrechung zwischen den Reisen.
Ich stand nicht Schlange und musste keine Wohnung suchen.
Ich war auf meinem Schiff, und im Urlaub war ich bei meiner Mutter.
Man bekam in der kurzen Zeit an Land die Probleme dort nicht richtig mit.
Mir war es egal, wenn ich etwas nicht bekam. Andere erlebten das ständig.
Während ich zur See gefahren bin, habe ich nicht in der DDR gelebt.
Untertitel: zeile 21 / Frank H. Richter
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