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Original subtitles

Sie prägen den Lauf der Welt.

In ihren Metropolen leben zig Millionen Menschen.

Sie verfügen über riesige Ressourcen.

Eine große Handelsmacht.

Und Vorsprung durch Technik.

Sie haben die stärksten Waffen weltweit und die größten Armeen.

Die Supermächte gestern und heute.

Was geschieht, wenn sie zu Rivalen werden?

Und die Welt-Ordnung ins Wanken gerät?

Verlieren die USA ihre Führungsrolle?

Gewinnt Russland frühere Weltgeltung zurück?

Ist China bald die Nummer eins?

* Musik *

China auf dem Sprung nach vorne.

Fast 70 Jahre Kommunismus chinesischer Prägung.

Ihnen geht es um Weltgeltung, auch militärisch.

Chinas Präsident Xi Jinping.

Über zwei Millionen Soldaten hören auf sein Kommando.

Ihm untersteht die größte Armee der Welt.

China soll militärisch unangreifbar werden.

Wenn es um Weltmacht geht, dann kommt ein radikaler Wandel

in den weltpolitischen Machtverhältnissen auf uns zu.

Und dieser Wandel soll strikt nach Plan verlaufen.

So will es die chinesische Führung.

Allen voran Präsident Xi Jinping.

Er will sein Land an die Weltspitze führen.

Wirtschaftlich, technologisch, sozial und ökologisch.

Auf dem 19. Parteitag verkündet er den Stufenplan.

Bis 2020 wollen wir die chinesische Gesellschaft so umbauen,

dass bescheidener Wohlstand für alle herrscht.

Bis 2050 soll China dann soweit modernisiert sein,

dass es ein reiches und starkes Land wird.

Demokratisch-sozialistisch, zivilisiert und harmonisch,

modern und schön.

China müsse aufholen und überholen im internationalen Wettbewerb,

fordert Präsident Xi.

Wir nähern uns mit immer mehr Selbstbewusstsein und Kraft

dem Ziel des großen Wiederaufstiegs der chinesischen Nation.

Es ist der chinesische Traum.

Der Traum vom "großen Wiederaufstieg".

Von einer "starken Nation" und vom Wohlstand für alle.

Eine Kampfansage an den Westen?

Unser Ziel ist nicht, Nummer eins zu werden.

Wir wollen unser Bruttoinlandsprodukt

auf Ihr Niveau bringen.

Oder ein wenig darunter wenigstens.

Auf jeden Fall wollen wir unseren Lebensstandard verbessern.

Noch steht jedem Chinesen

nur ein Fünftel des Wohlstands westlicher Industrieländer zu.

Doch längst ist China nach den USA

die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

China ist die aufsteigende neue Großmacht.

Wir wissen noch nicht, wann China Amerika überholt.

Aber dass China Amerika überholen wird, ist ziemlich klar.

Das Erfolgsrezept:

Weltweit führende Spitzentechnologie kopieren oder einkaufen.

Auch in Deutschland. Und dann selbst günstiger produzieren.

Früher hieß "Made in China" ja Billigarbeit.

Heute ist es eher technischer Fortschritt, Innovation.

Aber das braucht natürlich Zeit.

Deshalb erwerben wir ja westliche Firmen.

Wir wollen in Ihren Markt.

Sie bekommen ja dadurch auch Zugang zum chinesischen Markt.

Das ist doch eine win-win-Situation.

Viele Firmen befürchten, dass das Know-how am Ende abfließt.

Und die eigene Produktion mit der aus China nicht mehr konkurrieren kann.

Beispiel wäre die deutsche Solarzellen-Industrie.

Die ja komplett gegen die Konkurrenz aus Fernost dann chancenlos war.

Weil China westliche Technologie billiger produziert.

Fürs eigene Land und den Weltmarkt.

Die größten Solarfelder liegen heute in China.

Transfer von Know-how auch im Fußball.

Bayerns Kicker unterstützen eine Fußballschule in Shenzhen.

Das fußballbegeisterte China will mitmachen beim ganz großen Spiel.

Präsident Xi gibt auch hier den Anstoß.

Er erklärte dem Vorsitzenden der FIFA, er habe drei Wünsche:

China solle einmal an einer Weltmeisterschaft teilnehmen.

Einmal eine Weltmeisterschaft austragen und eine gewinnen.

50.000 Fußballschulen und 60.000 neue Plätze

sollen die Träume des Präsidenten wahrmachen.

Chinesische Maßstäbe.

Das Reich der Mitte ist vom Rand der Weltbühne ins Zentrum gerückt.

Auch mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking,

den ersten Spielen in China überhaupt.

In einem Land, das durch seine Gegensätze fasziniert:

Tradition und Moderne.

Rückständigkeit und technischer Fortschritt.

Mit seinen unendlichen Möglichkeiten.

Und der schieren Größe seiner Bevölkerung.

In keinem Staat der Welt leben mehr Menschen: fast 1,4 Milliarden.

Mehr als in Europa, den USA und Russland zusammen.

40 Jahre dauert bereits der wirtschaftliche Aufstieg,

von dem auch Deutschland profitiert hat.

In dem sozialistischen Land gibt es, nach den USA,

die meisten Milliardäre.

China ist bereits heute die stärkste Exportnation der Welt.

Das Land investiert auch in Zukunftstechnologien.

China ist größter Produzent alternativer Energien

und Elektroautos.

Schon bald könnte es

den internationalen Fahrzeugmarkt dominieren.

Was man sicher sagen kann, ist, dass China eine so große Rolle

in der Welt spielen wird, wie wir es uns jetzt nicht vorstellen können.

Das ist schon eine sehr ungewöhnliche historische Situation.

Weil es zum ersten Mal seit vielen 100 Jahren eine Macht ist,

die nicht aus dem Westen kommt.

Ein weiter Weg für ein Volk,

das vor 150 Jahren noch in tiefster Armut steckt.

Mitte des 19. Jahrhunderts ist China ein Bauernland.

Millionen Menschen leben von Almosen.

Hunger-Aufstände erschüttern das Reich.

Die Industrialisierung hat das Land verschlafen.

Die langen Zöpfe der chinesischen Männer

sind ein Symbol der Unterwerfung und Fügsamkeit gegenüber ihrem Kaiser.

In der Verbotenen Stadt folgt das Leben jahrhundertealten Traditionen.

Hier hinein kommen nur Eunuchen, Konkubinen

und die Mitglieder der kaiserlichen Familie.

Für das gesamte Volk ist der Kaiser das Zentrum des Universums.

Herrscher des Himmels auf Erden.

Verschlossen wie sein Palast ist das ganze Land.

Damals haben die Chinesen gesagt:

"Unser Land ist groß, wir müssen uns nicht um andere Länder kümmern."

Der chinesische Kaiser brauche keine Waren aus dem Westen, sagt er.

Nur England verschafft sich einen Zugang.

Die Engländer haben schon länger Handel in China getrieben.

Sehr streng regulierten Handel, der nur über einen Hafen in Südchina,

über Kanton laufen durfte, der wenig profitabel war für England.

Sie haben einerseits sehr viel importiert,

vor allen Dingen Tee und Seide und solche Sachen.

Hatten aber wenig Waren, die sie in China absetzen konnten.

Und dann entdeckte man das Opium.

Die Droge aus British-Indien treibt 15 Millionen Chinesen in die Sucht.

Arbeiter und Bauern, Beamte und Soldaten ergeben sich dem Rausch.

Der Staat ist wie gelähmt.

Das ist ein ganz abgefeimtes Verbrechen. Das war Drogenhandel.

Hilflos versucht der Kaiserhof, den Opiumhandel einzudämmen.

Beamte beschlagnahmen große Mengen der Droge

und verbrennen sie öffentlich.

Doch England ist nicht bereit,

die Vernichtung seiner Handelsware hinzunehmen.

1839 kommt es zum "Opiumkrieg".

Die Seemacht England kämpft um ihr Recht auf freien Handel.

Ein paar Kanonenboote reichen aus, um China zu bezwingen.

China muss westlichen Mächten

Häfen als Umschlagplatz für ihre Waren öffnen.

Hongkong fällt als "ewiges Besitzrecht" an England.

China wird zwischen den Kolonialmächten des 19. Jahrhunderts

aufgeteilt wie eine Torte.

Die Ausländer sind jetzt die eigentlichen Herrscher.

Führen sich auf wie Herrenmenschen.

Mit eigener Gerichtsbarkeit, abgegrenzten Wohngebieten.

Und Chinesen als Dienstpersonal.

In der Verbotenen Stadt sieht man diese Entwicklung mit Sorge.

Ende des 19. Jahrhunderts will Kaiserin-Witwe Cixi

die Beziehung zu den Ausländern verbessern.

Und lädt ein paar Damen des diplomatischen Corps

zur Teestunde in ihren Palast.

Ein Skandal.

Das Bild symbolisiert den Untergang der alten Ordnung.

Man muss sich vorstellen:

Der Kaiser war für Normalsterbliche völlig unsichtbar.

Es ist schon schlimm genug, dass eine Frau auf dem Thron saß.

Und diese Frau zeigt sich noch öffentlich

angesichts von ausländischen Frauen.

Für traditionelle Denker

muss das der Untergang des Morgenlandes gewesen sein.

Kaiserin-Witwe Cixi kann den Untergang ihres Reichs

nicht aufhalten.

1900 kämpfen Aufständische gegen die Fremden. Ohne Erfolg.

Cixi muss fliehen.

China hat den Ausländern militärisch nichts entgegenzusetzen.

Unter dem deutschen General Alfred von Waldersee

zieht um die Jahrhundertwende eine westliche Armee

in die Verbotene Stadt ein.

1911 kollabiert das Reich endgültig.

Damit geht in China eine Epoche zu Ende.

Und diese Zeit ist in dem kulturellen Gedächtnis

durchaus noch vorhanden.

Und auch die Überheblichkeit, die dazu geführt hat,

dass man dann in die Knie gegangen ist.

Denn damals endet auch Chinas glorreiche Zeit,

das 2000-jährige Kaiserreich, das 221 v. Chr. gegründet wurde.

Mit dem ersten Kaiser aus der Dynastie der "Qin",

die dem Land seinen Namen gab: "Chin-a".

Das Qin-Reich ist der Anfang.

Noch heute leben hier 90 % der Bevölkerung.

Hier entsteht das zentralistische China.

Die Qin haben den Staat erfunden, große Bürokratien.

Die Qin haben ein sagenhaftes System von Straßen gebaut.

Sie haben tausende Kilometer Kanäle gebaut,

die das Reich integriert haben.

Sie hatten Massenheere,

konnten für einzelne Kriegszüge bis zu 500.000 Soldaten aufbieten.

Schwergepanzert mit ungeheuer durchschlagskräftigen

Armbrüsten bewaffnet.

Die Qin haben eine riesige Nekropole gebaut, das Grab des ersten Kaisers,

acht Quadratkilometer groß.

Die weltberühmte Terrakotta-Armee ist ja nur ein kleiner Teil davon.

Es gibt tatsächlich nur einen Vergleich in der Zeit

für das Reich der Qin: Das Römische Reich.

Unter Qins Nachfolgern erlebt das Reich eine wechselvolle Geschichte.

Die Dynastien kommen und gehen.

Aber die Idee von der Großmacht China bleibt bestehen.

Die Ming-Zeit ist Chinas goldenes Zeitalter.

Buchdruck, Papiergeld, Kompass

und Schießpulver sind längst erfunden.

Und im 15. Jahrhundert entsteht auch die Verbotene Stadt.

Noch heute die größte Palastanlage der Welt.

Von hier aus unterwirft der Kaiser die Anrainerländer.

Für ihn ist China die führende Macht auf Erden.

Er lässt eine Flotte bauen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Über 300 Schiffe, riesige Dschunken, für fast 30.000 Mann.

Beladen mit erlesenen Kostbarkeiten

sollen sie der Welt von der Herrlichkeit Chinas künden.

Die "Schatzflotte" der Chinesen hat im 15. Jahrhundert,

noch bevor die Europäer Amerika entdeckt hatten,

wirklich große Teile der Weltmeere befahren.

Die war schon sehr beeindruckend,

wenn man sich die Ausmaße ansieht.

Damals wurden zum Beispiel auch Giraffen

von Ostafrika nach China gebracht.

Es entstanden neue Beziehungen, Tributbeziehungen

zwischen dem chinesischen Hof und Königreichen in Südostasien.

Korea, Vietnam und Burma gehören damals mit zum Machtbereich der Ming.

China ist eine Weltmacht.

Doch eine Generation später wird die Flotte abgewrackt,

Seekarten und Logbücher verbrannt.

Rückzug auf ganzer Linie.

Warum?

Grundsätzlich gibt es schon immer wieder

in der chinesischen Geschichte Tendenzen, zu sagen:

China ist das Zentrum der zivilisierten Welt.

Alles, was draußen herum noch vorhanden ist,

ist weniger fortschrittlich.

In manchen Fällen hat das dazu geführt,

dass die chinesische Führung der Meinung war:

Dass China sich selbst genug ist.

Abschottung. Die chinesische Mauer ist das Symbol dafür.

Ende des 15. Jahrhunderts entsteht sie. Über 7000 Kilometer lang.

Hinter dem steinernen Wall

versinkt China über Jahrhunderte in Selbstbeschränkung.

Eine Zeit des Stillstands.

Dann kamen die Europäer im 19. Jahrhundert, die Imperialisten,

die technisch weit überlegen waren und militärisch.

China überfallen haben

und in halbkoloniale Unterwerfung geschickt haben.

Heute beeindruckt die chinesische Mauer Besucher aus aller Welt.

Xi Jinping hat einen sehr eingängigen Plot

der chinesischen Geschichte entwickelt.

China ist eine große Kulturnation.

Hat unbeugsam gegen die imperialistischen Mächte,

so heißt das, gekämpft.

Natürlich unter Führung der kommunistischen Partei.

Das ist der Wiederaufstieg Chinas.

Das ist ein mächtiges Schlagwort für Xi Jinping.

Im Nationalmuseum am Tiananmen-Platz in Peking

wird dieser Wiederaufstieg in Szene gesetzt.

Kernstück der Ausstellung ist der Raum mit Mao Zedong.

Hier steht das Original-Mikrofon,

durch das er damals die Gründung der Volksrepublik China verkündet hat.

Nach mehr als zehn Jahren Krieg, auch Bürgerkrieg.

Die Gründung der VR China 1949 ist natürlich ein zentrales Ereignis

auf diesem Weg des Wiederaufstiegs.

Der beginnt mit den Opiumkriegen und kulminiert dann in Xi Jinping.

Zum Gründungsmythos Chinas gehört auch "der lange Marsch".

Maos Flucht vor den Gegnern, den Truppen der Nationalen Volkspartei,

die Zeit im Versteck in den Bergen von Yan'an.

Wo Mao sich zum Führer der Kommunisten stilisiert.

Nach einem Weg voller Opfer.

Denn den "langen Marsch", angetreten mit 80.000 Parteimitgliedern,

überlebt nur jeder Zehnte.

Für die Partei sind sie Märtyrer.

Die Erinnerung an ihre Leistung wird bis heute hochgehalten.

* Musik *

Ein Helden-Epos als Ansporn für die Gegenwart.

Der "lange Marsch" steht für die Widerstandskraft der Chinesen.

Für den Willen, nie aufzugeben, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Vor allen Dingen für die Führungsrolle der KP Chinas.

Die steht vor einer schwierigen Aufgabe.

Denn über ein Jahrzehnt der Kriege hat das Land ruiniert.

Als die Volksrepublik gegründet wurde, als Mao übernommen hat,

war im Grunde China am Ende.

Russland, die Sowjetunion war viel weiter.

Und Mao musste nach Moskau reisen und um Hilfe bitten.

Bei Stalin, dem großen Bruder.

Der russische Diktator hilft mit Geld und sendet Berater.

Es soll ein Umbau nach dem Vorbild der Sowjetunion werden.

Enteignung der Großgrundbesitzer und Volkstribunale

zählen zu den kommunistischen Zwangsmaßnahmen.

Etwa fünf Millionen Menschen sterben.

Mao überzieht das Land mit Kampagnen.

Der "Große Sprung nach vorne"

soll aus dem Bauernland eine Industrienation machen.

Aus Bauern Stahlkocher.

Doch die Qualität des Metalls ist minderwertig.

Und die Bauern vernachlässigen die Felder.

Die größte Hungersnot der Geschichte

kostet ca. 40 Millionen Menschenleben.

Während der Kulturrevolution jagen Maos Rote Garden

vermeintliche "Feinde der Partei".

Kinder denunzieren ihre Eltern, Schüler ihre Lehrer.

Wieder gibt es über eine Million Opfer.

Die Revolution frisst ihre Kinder.

Auch Präsident Xis Vater, Propagandaminister unter Mao,

wird degradiert.

Er selbst zum Arbeitsdienst aufs Land geschickt.

Und zwar genau in die Region, wo damals der "lange Marsch" endete.

Nämlich in die Nähe von Yan'an, das ist heiliges Land.

Es heißt, er habe viel gelesen.

Genau das Gleiche hat Mao Zedong auch gemacht,

als er in Yan'an saß.

Er habe mit den Bauern gearbeitet, er habe gelernt, dem Volk zu dienen.

Auch das wieder eine Parole Mao Zedongs.

Und habe sehr viel Gutes getan in der Zeit.

Die Zeit unter Mao hat das Land geprägt.

Doch was bleibt vom Bild des Staatsgründers

in den kommenden Generationen?

Noch immer blickt er herab vom Eingang zu der Verbotenen Stadt.

Die Chinesen wissen natürlich viel über die Verbrechen von Mao.

Die Mitte 50-Jährigen haben sie noch erlebt.

Die offizielle Regelung lautet:

Zwei Drittel waren gut, ein Drittel war schlecht.

Aber die Chinesen haben auch nicht vergessen,

dass er China wieder geeint hat.

Das war ja in den 40er Jahren, in den 30er Jahren

nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches nicht klar,

ob China noch als Einheit existieren würde.

Und das hat er hingekriegt.

Und das ist der Grund dafür,

warum er heute noch am Platz des Himmlischen Friedens hängt.

Mao stirbt 1976 mit 82 Jahren.

Die Trauer um den Gewaltherrscher ist auch staatlich angeordnet.

Maos China ist weitgehend isoliert und verarmt.

Wenn man sich die statistischen Daten von damals anschaut,

dann lebten nach Maos Tod 770 Mio. Chinesen auf dem Land

weit unter der Armutsgrenze.

770 von damals rund 930 Millionen Chinesen.

Das ist das Erbe Maos.

Nach Maos Tod übernimmt Deng Xiaoping das Ruder.

Und reist nicht in die Sowjetunion, sondern nach Amerika.

Er kritisiert die Abkapselung seines Landes.

Es habe die Entwicklung Chinas verhindert, so sagt er.

"Reich werden ist glorreich" lautet das neue Motto.

Diese Sprache verstehen die Amerikaner.

Deng öffnet Chinas Wirtschaft für den Welthandel.

Den Kommunismus für den Kapitalismus.

Entlang der Küste weist er Sonderwirtschaftszonen

für ausländische Investoren aus.

Abgegrenzte Gebiete.

Hier gilt das Leistungsprinzip.

Die Wirtschaft darf sich am Markt orientieren.

Das schafft Arbeitsplätze.

Bald produziert die ganze Welt hier.

Noch sind private Pkw verboten.

Dies sind Dienstfahrzeuge für KP-Funktionäre.

Deng Xiaoping hat gesagt, es ist egal, ob eine Katze schwarz ist

oder gelb, Hauptsache sie fängt Mäuse.

Das war der Inbegriff des Pragmatismus.

Das ist viel zitiert.

Billige Ware "Made in China" überschwemmt die Märkte der Welt.

Noch ahnt niemand, welche Konkurrenz da heranwächst.

Schnell hatten wir eine Wachstumsrate, die bei 9,6 % lag.

Und das fast 40 Jahre lang.

Fast 10 Prozent Wachstum jährlich.

Das chinesische Wirtschaftswunder hat seinen Preis.

Wie in anderen Industriestaaten auch.

Dem atemberaubenden Aufschwung fällt die Umwelt zum Opfer.

Noch heute stehen viele Städte kurz vor dem Infarkt.

Auch wenn erste Gegenmaßnahmen eingeleitet wurden.

Wir sind ja schnell dabei,

wenn wir die Umweltverschmutzung in China kritisieren.

Ich bekomme oft zu hören:

"Wie kannst du nur in China leben? Die Luft ist so schlecht."

Ich frage dann zurück: "Warum ist die Luft so schlecht?"

Weil China die Fabrik der Welt ist.

Die Chinesen sind diesen Deal eingegangen,

weil sie wieder aufsteigen wollten.

Der wirtschaftliche Fortschritt hat Priorität.

Eine Öffnung der Gesellschaft hingegen steht nicht zur Debatte.

Im Frühjahr 1989 fordern Pekings Studenten Reformen.

Bessere Studienbedingungen, ein Ende der Korruption.

Und mehr gesellschaftliche Teilhabe. Viele Bürger schließen sich an.

Im Mai 89 kommt Michael Gorbatschow nach Peking.

Er steht für Reformen und Dialog.

Gorbatschow hat gesagt:

Die chinesische Führung hat die Kontrolle über ihr Land verloren.

Deng Xiaoping schickt die Armee.

Ob Hunderte oder Tausende starben ist umstritten.

Die Erinnerung an das Geschehen ein Tabu.

Die Mütter dieser toten Studenten haben immer noch Probleme,

sich öffentlich zu äußern.

Man könnte denen doch viel mehr Spielraum lassen.

Und ihnen die Möglichkeit geben, auch öffentlich zu trauern.

Es wäre durchaus möglich, auch für einen Politiker öffentlich

sein Bedauern zu äußern, aber das passiert nicht.

Diese Souveränität hat die Führung nicht.

Nicht China, die Sowjetunion ist zerfallen.

Doch der Zusammenbruch des kommunistischen Nachbarn

ist auch für Peking eine Zäsur.

Nach dem Untergang der Sowjetunion

ist das in China als großes Problem gesehen worden.

Wieso ist dieser Staat gescheitert?

Könnte das womöglich auch Chinas Schicksal sein?

Es gibt zahlreiche Analysen, Schriften, Bücher zu diesem Thema.

Und das ist eine der wichtigsten Zielsetzungen

der kommunistischen Partei Chinas:

Dieses Schicksal unbedingt zu vermeiden.

Die KP Chinas bleibt unantastbar.

Das ist die Lehre aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Ein starker Präsident soll jedem Machtverfall vorbeugen.

Im März 2018 lässt Xi die Beschränkung seiner Amtszeit

auf zehn Jahre durch die Partei aufheben.

Jetzt kann er unbegrenzt regieren.

Wie Mao Zedong und Deng Xiaoping

zählt Xi nun zu den großen Führern des Volkes.

Personenkult um den unangefochtenen Präsidenten Chinas.

Sie kennen die Redewendung im Westen:

Was ist ein Politiker? – Einer für die nächste Wahl.

Was ist ein Staatsmann? - Einer für die nächste Generation.

In China ist es noch anders:

Die Führung arbeitet für die nächsten Generationen.

Die Führung in Peking will der Bevölkerung vor Augen führen,

dass das eigene System besser funktioniert als andere.

Wir haben einen Wettstreit zwischen der Demokratie und dem anderen.

Das Andere meint Autorität, auch Unterdrückung, auch Wahlen,

die nicht ganz so frei sind.

Das Ende der Pressefreiheit,

geringe Wertschätzung für Menschenrechte.

Und was wir nicht unterschätzen dürfen im Westen, ist die Tatsache,

dass dieses Andere attraktiv für viele Menschen ist.

Weil in China so viele Leute aus der Armut herausgeholt wurden.

Weil Patriotismus entfacht wird.

Der Staat gibt sich selbstbewusst.

Und doch will er sich absichern,

das Leben des Milliardenvolkes kontrollieren.

Das moderne China nutzt die Mittel des digitalen Zeitalters

als Herrschaftsinstrument.

Kein Land sammelt so viele Daten,

kontrolliert so umfassend seine Bürger.

In den sozialen Medien hat die Zensur

geradezu absurde Dimensionen angenommen in letzter Zeit.

Liu Xiaobo ist letztes Jahr gestorben,

der Friedensnobelpreisträger.

Daraufhin wurde sein Name blockiert.

Aber auch Emojis von Kerzen,

mit denen man seine Trauer ausdrücken konnte.

In jüngster Zeit darf man nicht mehr Winnie Pooh schreiben im Internet.

Weil der so aussehen soll wie Xi Jinping.

Das mag alles noch ganz witzig sein.

Und die Chinesen nehmen es auch mit Humor.

Aber für viele hat der Spaß schon aufgehört.

Das sind vor allen Dingen Künstler und Intellektuelle,

die jetzt mit erheblichen Repressionen zu kämpfen haben.

In der chinesischen Küstenstadt Rongcheng

hat die totale Überwachung schon begonnen.

Mit Hilfe eines "Sozialkreditsystems".

Es belohnt vorbildliches Verhalten mit Punkten.

Etwa Besuche bei den Eltern oder politische Linientreue.

Strafpunkte gibt es für Verkehrsdelikte, zu viele Schulden

und Kritik am System.

Die Punkte können darüber entscheiden,

ob man bessere Jobs oder höhere Sozialleistungen erhält.

Die chinesische Gesellschaft ist auf Unterdrückung aufgebaut,

auf nichtdemokratischen Werten.

Wie lange hält ein System der Unterdrückung?

Wie lange hält ein System, das Menschenrechte nicht achtet?

Das Systemgegner inhaftiert?

Normalerweise kollabieren solche Systeme irgendwann.

Wenn Sie mich aber heute fragen, welches System ist das stabilere.

Im Moment sieht es so aus, als würde die westliche Demokratie leiden.

Weil sie Ergebnisse wie den Brexit hervorbringt.

Oder Präsidenten wie Donald Trump an die Macht bringt.

Während China robust, stabil, sehr schlagkräftig

in die einmal vorgegebene Richtung marschiert.

Und das weit über die eigenen Grenzen hinaus.

Das Tor zur "neuen Seidenstraße".

In Khorgos an der Grenze zwischen China und Kasachstan.

Der neue Handelsweg hat ein großes Vorbild:

Die legendäre historische Seidenstraße,

die einst Abend- und Morgenland verband.

Es ist das Großprojekt für das 21. Jahrhundert.

Die neue Seidenstraße bedeutet mehr als nur Handel.

Es geht um Investitionen, ums Internet, Energie, Infrastruktur,

Wirtschaftskorridore, alles mögliche:

Hauptsache, die Wirtschaft boomt.

Möglichst viele Staaten sollen sich anschließen,

der chinesischen Vision folgen.

2017 lädt Präsident Xi ein

zum Startgipfel seines Seidenstraßenprojekts.

Vertreter aus über 60 Ländern sind gekommen.

Es geht um ein gigantisches Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekt

zwischen Asien und Europa.

11.000 km Transportwege und Handelsrouten.

Kosten etwa 1000 Milliarden Euro.

Endpunkt in Deutschland soll Duisburg sein.

Deutschland spielt eine sehr wichtige Rolle

im neuen Seidenstraßen-Konzept.

Ein Drittel der Güter, die in Hamburg gelöscht

oder verschifft werden, kommen aus China oder gehen dorthin.

Diese Verbindung über Land und Meer ist sehr wichtig.

Wir werden dadurch Nachbarn.

Manchen geht das zu schnell, sie befürchten,

dass Peking die Bedingungen des Handels diktieren werde.

Noch hat China mehr Möglichkeiten, im Ausland zu investieren als umgekehrt.

Ganbei!

Das steht in der Kritik.

Frankreichs Präsident Macron ist Anfang 2018 zu Gast.

Die EU tut sich schwer mit einer gemeinsamen Haltung gegenüber China.

Frankreichs Präsident warnt vor einer Einbahnstraße.

Es ist wichtig, dass die neue Seidenstraße

im Geiste von Kooperation und Gleichgewicht aufgebaut wird.

De facto gibt es ja schon chinesische Investitionen

in EU-Ländern, wie zum Beispiel Griechenland.

Die sind so wichtig für das jeweilige Land,

dass das politische Verhalten der Regierung davon beeinflusst wird.

Wenn die EU versucht, eine gemeinsame Position zu erarbeiten,

um China für Menschenrechts- verletzung zu kritisieren.

Dann kommt es vor, dass Länder, in denen China stark investiert hat,

nicht bereit sind, diese Haltung mitzutragen.

Dass dann eine gemeinsame EU-Position daran scheitert.

Die Angst, von der wirtschaftlichen Macht der Chinesen

überrollt zu werden, bewegt auch Weltmacht Nr. eins: die USA.

Präsident Trump beschwert sich.

Im Moment sind unsere Handelsbeziehungen

leider einseitig und unfair.

Aber ich werfe das China nicht vor.

* Applaus *

Man kann einem Land ja nicht vorwerfen, wenn es Vorteile

gegenüber einem anderen Land in Anspruch nimmt.

Ich gratuliere China dazu.

Aber wir müssen das ändern.

Es funktioniert nicht

für unsere großartigen amerikanischen Firmen und Arbeiter.

Trump fordert China heraus.

Die Zusammenarbeit zwischen China und Amerika

ist ein Segen für die Welt, ein Konflikt wäre eine Katastrophe.

Natürlich ist das momentan nur ein Handelskrieg.

Eins ist klar:

China wird den unter Deng Xiaoping eingeschlagenen Weg

der Marktöffnung weiter verfolgen.

Je weiter wir die Tore öffnen, umso besser.

Warum? Weil China selbst der größte Profiteur der Öffnung ist.

Und längst betreibt das Reich der Mitte auch eigene Weltpolitik.

In Dschibouti am Horn von Afrika verfügt China seit Kurzem

über einen militärischen Stützpunkt.

Wie andere Mächte auch.

Mehr als 250.000 Chinesen arbeiten derzeit in Afrika, bauen Straßen,

Eisenbahnnetze, Häfen.

Entwicklungshilfe, die politischen Einfluss

und den Zugriff auf Ressourcen sichert.

Es ist klar, dass mit China ein völlig neuer Akteur

mit einem großen Gewicht agiert.

Mit Blick auf Landkäufe, auf Ressourcensicherung,

das in den Schatten stellt, was die Europäer seit Jahren betrieben.

Das verändert die Lage vor Ort massiv.

Da werden politische Beziehungen neu aufgestellt.

Der Kampf um Afrika hat jetzt erst begonnen.

Mehr als Nachbarschaftspflege bedeutet das Verhältnis zu Russland.

Die Präsidenten der beiden Großmächte nennen sich öffentlich "Freunde",

hofieren sich gegenseitig.

2017 erhält Präsident Xi von Präsident Putin den höchsten

und ältesten Orden, den Russland für Ausländer zu vergeben hat.

Für "Vertrauen und Ehrlichkeit".

Der so Umgarnte fühlt sich geehrt.

Ich schätze diese Medaille als Ausdruck der chinesisch-russischen

Völkerfreundschaft und strategischen Kooperation.

Gehen wir auf diesem Weg gemeinsam weiter voran.

Ich danke Ihnen.

Eine Freundschaft, die auch Militärübungen mit einschließt.

Im Juli 2017 zeigt sich die chinesische Flotte

erstmals in der Ostsee vor Kaliningrad.

China und Russland, gemeinsam im Manöver.

Dabei gibt es keinen Bündnisvertrag zwischen den beiden Mächten.

Es gibt eine gemeinsame Interessenlage.

Und auch so etwas wie eine gemeinsame Sicht auf die Welt.

Seit der Ukraine-Krise ist Russland international ja ziemlich isoliert.

Gegen China gibt es bereits seit 1989 ein Waffenembargo

der westlichen Welt.

Diese neue Situation hat dazu geführt,

dass die beiden Staaten jeweils im Gegenüber einen Partner erkennen.

Längst übertreffen die Militärausgaben Chinas

die von Russland um ein Vielfaches.

Die Gegenmacht zum Westbündnis wächst.

Vor den Toren Chinas wird diese Aufrüstung mit Sorge gesehen.

Die Spratly Islands. Eine Inselkette im südchinesischen Meer.

Völkerrechtlich umstritten schafft China hier Fakten.

Baut militärische Stützpunkte.

Taipeh, Hauptstadt von Taiwan.

Die Republik China.

Auf die Insel zogen sich vor 70 Jahren

Maos unterlegene Gegner zurück.

Bauten hier nach dem Bürgerkrieg ihren eigenen Staat auf.

Westlich orientiert.

23 Millionen Chinesen leben hier.

Peking will die Wiedervereinigung, sieht Taiwan als abtrünnige Provinz.

Der Status Taiwans ist umstritten.

Doch Washington gewährt militärischen Schutz.

Das Taiwan-Szenario, die Frage, unter welchen Bedingungen wir

in einen Konflikt zwischen der Volksrepublik und Taiwan kommen,

ist von immenser Bedeutung.

Die Führung Xi Jinping hat klargemacht,

dass hier der Status quo in den letzten Jahrzehnten

nicht mehr toleriert wird.

Entsprechend ist ganz klar die Ansage,

dass es eine Veränderung im Verhältnis geben muss.

Ob das mit kriegerischen Mitteln geschieht, wage ich zu bezweifeln.

Aber es ist klar, dass die Einflussnahme und der Druck

auf Taiwan in den nächsten Jahren massiv wachsen wird.

Dann auch die Frage sich stellt, ob der große Bruder,

der Partner Washington dann noch bereitsteht.

Die Nachkriegsordnung steht auf dem Prüfstand.

America first! Notfalls ohne Europa.

Xi Jinping sieht darin Chancen, wirbt um Partner.

In einer Zeit, in der viele ihren neuen Standort suchen.

Europas Zukunft hängt nicht nur an atlantischen Beziehungen zu Amerika,

sondern auch an See- und Landverbindung zu China.

Integrieren Sie Eurasien, wie Sie es mit Europa getan haben.

Auf dem Weg zu neuen Ufern.

Hunderte Millionen seiner Bürger hat China aus der Armut geholt.

So gewinnt das Regime sein Volk.

Das ist keine Entwarnung.

Das heißt nicht, dass jetzt die schöne neue Welt in China anbricht.

Wir kriegen jetzt eine technisch hochgerüstete Diktatur,

wie die Welt sie noch nie gesehen hat.

Zwischen Mao und Chinas Führung heute liegen Welten.

Doch der Machtanspruch bleibt.

Peking will der Welt vor Augen führen,

dass der eingeschlagene Weg der richtige ist.

Es geht nicht darum, dass wir zu allem ja und Amen sagen müssen,

was die Chinesen vorhaben.

Aber wir müssen vielleicht ein bisschen mehr lernen,

uns aus dieser postkolonialen Phase zu verabschieden.

Und die Chinesen wirklich als Partner zu sehen,

die eigene Vorstellungen haben.

Und die natürlich die Weltordnung mitgestalten wollen.

Auf Augenhöhe mit den anderen Weltmächten.

Und womöglich auch darüber hinaus.

Untertitel im Auftrag des ZDF, 2018

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