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Original subtitles

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* Meeresrauschen *

(Off) Mit dem Kreuzfahrtschiff ins Mare Baltikum,

auf Routen, die seit alters her die Kulturen des Ostseeraums verbinden.

Entdeckungsreisen zum einzigartigen Licht

eines kurzen nordischen Sommers.

* Schiffshorn *

* Intromusik *

(Off) Die vierte Etappe besucht einen traditionellen Holzbootbauer,

Spezialisten für Hightechroboter,

Menschen, die der Natur ihre Schätze abringen und

andere, die sich am kulturellen Erbe ihrer Vorfahren erfreuen.

Einmal rund um die Ostsee führt die Reise von Schweden über Finnland und

Sankt Petersburg bis ins Baltikum.

Heute macht das Kreuzfahrtschiff in Tallinn fest.

Von dort gehen Abstecher ins Sumpfgebiet bei Soomaa,

hinüber auf die Inseln Saaremaa und Hiiumaa und

wieder zurück aufs Festland nach Tallinn.

* Möwen kreischen. *

Mit 15 Knoten und 28 Stundenkilometern

nähert sich der Ozeanriese der Küste Estlands.

* Verspielte Musik *

* Funksignale *

(Off) An Bord: fast 400 Besatzungs- mitglieder und 1200 Passagiere.

* Stimmengewirr *

* Erhabene Musik *

(Off) Vorbereitungen für das Anlegemanöver.

Zu Deck vier, der "mooring station", haben Reisende keinen Zutritt.

Nur Bootsleute und Matrosen,

die im Umgang mit Ankerketten und schweren Seilen geschult sind.

Dort stehen die Motorwinden,

die die dicken Haltetaue zwischen Schiff und Landpollern stramm ziehen.

(Denis) Eine sehr riskante Situation.

Wenn die Jungs in diesen Bereich kommen,

tragen sie Helme,

Handschuhe und

Sicherheitsschuhe.

Sie müssen genau wissen, was sie hier machen.

(Off) Sobald sich der Kreuzfahrer der Kaimauer nähert,

geht alles ganz schnell.

Besonders gefährlich wird es,

wenn die Hand zwischen Tau und Poller gerät.

Dann wird sie abgeschnitten.

Oder wenn die Trossen reißen.

Das fegt dich weg.

Ein Glück, wenn dir nur die Knochen brechen -

Schlimmeres will ich mir gar nicht vorstellen.

* Knarren *

(Off) Der kritische Punkt ist erreicht,

wenn der Pott mit Tausenden Tonnen Gewicht

an den festgezurrten Tauen zieht:

Reißen sie, erschlagen sie jeden, der in Reichweite steht.

(Off) Auch deshalb lässt die Crew keinen Passagier auf den Kai,

bevor das Schiff nicht fest vertäut ist.

Tallinn ist berühmt

wegen seiner langen Geschichte als Handelsmetropole.

Bekannt dank seiner mittelalterlichen Altstadt

mit verwinkelten Gassen.

Und gleichzeitig präsentiert sich die ehemalige Hanseniederlassung

jung und dynamisch.

Ganz offen gegenüber allem, was fortschrittlich und modern ist.

* Klingeln *

(Off) Und so werden die ersten Kreuzfahrt-Touristen

für eine Exkursion der anderen Art in Empfang genommen.

Mit speziell programmierten Tablets sollen sie in einer Art Rallye

Rätsel um das historische Zentrum lösen.

Hightech trifft Tradition.

Gegenwart und Vergangenheit liegen hier ganz nah beieinander:

Vom modernen Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts am Kai

sind es nur wenige Schritte bis ins historische Herz von Tallinn.

Mit elektronischer Hilfe, einem Geo Tracker,

führt die Tour in die Stadtgeschichte.

Das Tablet erkennt den Standort der Teilnehmer und lotst sie dorthin,

wo es etwas zu entdecken gibt.

Und stellt Aufgaben:

Die Besucher sollen Antworten finden, Hintergründe recherchieren,

Fotos machen.

Erste Frage: Welche Kommunikationsmittel

haben früher die Wachsoldaten auf der Stadtmauer genutzt?

Schreien,

Hörner,

und ...

Flaggen.

* Klingelton *

* Lachen *

(Off) Nach und nach entdecken die Reisenden so die Unterstadt

mit dem weitgehend erhaltenen Befestigungswall.

Und erfahren einiges über die Handelsmetropole,

die früher Reval hieß, über die Hanse und deren Reichtum.

Der Tag ist windig, nicht selten für die Hafenstadt Tallinn,

und das Wetter wechselt schnell.

Das gilt für Sonnenschein ebenso wie für plötzliche Regenschauer.

* Verträumte Musik *

(Off) Zwischen alten Speichern,

Gebäuden der ehemaligen Gilden und Zünfte,

stehen die "drei Schwestern" -

Häuser, die ein reicher Kaufmann vor mehr als 500 Jahren

für seine drei Töchter bauen ließ.

Am Ende der Pikk, einer Straße,

die im Mittelalter bis an den Hafen reichte,

befindet sich die Dicke Margarete -

ein Kanonenturm, der die vorbei- fahrenden Schiffe beeindrucken und

von der Macht dieser Metropole überzeugen sollte.

* Klingelton *

(Off) Im Zentrum der Unterstadt,

direkt vor dem Rathaus

wartet die nächste Aufgabe für die Kreuzfahrer.

* Unverständlicher Ruf *

(Off) Die "Olde Hansa" bewirtet

ihre Kunden mit Gerichten aus dem Mittelalter.

Es gibt Hirsebrei.

Und, eher ein Produkt des späten Mittelalters, gebrannte Mandeln.

Der Marktplatz war früher ein Ort

für festliche Veranstaltungen der Kaufmannsbrüderschaften.

Seit dem 14. Jahrhundert ist hier der Sitz der Regierung.

Und oben im Rathausturm hängt eine der ältesten Glocken des Baltikums -

wenn sie anschlug, bedeutete das nichts Gutes:

Sie läutete, wenn es in der Stadt brannte.

Gleich gegenüber vom Rathaus

steht die wohl älteste Apotheke Nordeuropas,

die bis heute in Betrieb ist.

Auf unsere Kandidaten wartet die nächste Frage,

nämlich, wo das Marzipan erfunden wurde.

(Mann) In Tallinn oder in Lübeck? Ich würde sagen: Lübeck!

(Frau) Würde ich auch sagen.

(Off) Leider falsch, es hätte natürlich "Tallinn" heißen müssen.

Andere Quellen geben auch Venedig als Ursprung an oder den arabischen Raum,

aber in dieser Apotheke wurde jedenfalls schon vor 500 Jahren

die Süßspeise als Medikament verkauft.

Zurück an die Küste.

Tallinn war früher ein wichtiger Umschlagplatz für Waren,

die aus dem Westen nach Russland sollten und umgekehrt.

Zu Zeiten der Hanse wurde die Ladung ankommender Segler

am Ufer zwischengelagert.

Von dem alten Hafen ist allerdings nicht mehr viel übrig geblieben.

Neben hochmodernen Anlagen,

wo vor allem die Fähren ins 80 Kilometer entfernte Helsinki ablegen,

befindet sich nur noch ein kleiner und entsprechend ruhiger Bereich

mit Kähnen aus dem letzten Jahrhundert.

Hierhin ist der Ingenieur Asko Ristolainen gekommen,

um zusammen mit Studenten von der Technischen Universität

einen neu entwickelten Tauchroboter zu testen: das U-CAT.

Das kleine Estland, und vor allem die Hauptstadt Tallinn,

hat sich in den vergangenen Jahren

zu einem der führenden Technologiezentren entwickelt.

Manche nennen es schon das Silicon Valley Europas.

(Asko) Die Idee zum U-CAT kam,

als Archäologen bei uns anfragten und einen Roboter wollten,

mit dem es möglich wäre,

sich unter besonders engen Bedingungen

in versunkenen Schiffen und Schiffswracks zu bewegen.

(Off) Bei der Entwicklung haben sich die Forscher

an Vorbildern aus der Natur orientiert.

Das U-CAT ist von der Schildkröte inspiriert.

Wir sind ein Roboterlabor, das sich von der Biologie anregen lässt,

deshalb wollten wir ein Tier imi- tieren und nahmen die Schildkröte.

* Futuristische Klänge *

(Off) Flossen anstelle von Propellern machen den Roboter besonders wendig.

So soll er auch Orte erreichen können,

die für Taucher gar nicht oder nur unter Gefahr zugänglich sind.

Es gibt viele kreative Zentren für Start-ups,

die sich mit der Entwicklung von Software beschäftigen -

zum Beispiel wurde Skype in dieser Stadt erfunden.

Auch privat profitiert der Ingenieur Asko

von der digitalen Aufbruchsstimmung.

In Estland haben neue Technologien

ziemlich verbreitet Nutzung gefunden und wir haben etwas,

was wir einen elektronischen Staat nennen, einen "e-State".

Viele unserer alltäglichen Aufgaben -

zur Bank gehen, Verträge unterschreiben -

sind heutzutage bei uns nur ein paar Tastendrucke entfernt.

Wir können digitale Unterschriften geben,

unsere Dinge in der Bank leicht elektronisch erledigen,

unsere Steuererklärung in nur fünf Minuten einreichen.

So, dass ich denke, dass Estland sehr weit ist

im Sinne des elektronischen Fortschritts, des "e"-Gedankens.

* Schwungvolle Musik *

* Rattern des Zuges *

(Off) Während die Passagiere die Stadt erkunden,

wird von der Crew die Liegezeit am Kai genutzt,

um das Schiff instand zu halten.

Es gibt Stellen, an die kommt man während der Fahrt gar nicht ran.

* Verspielte Musik *

(Off) Denis Sias ist Bootsmann - und damit Chef nicht nur der Matrosen,

sondern ebenfalls derer, die dafür sorgen,

dass auch nach 15 Jahren Betrieb alles funktionstüchtig bleibt.

Hauptproblem: das Salzwasser.

Das ist unsere tägliche Aufgabe: Wir stellen uns dem Rost.

Wir müssen verhindern, dass er unser Schiff auffrisst.

Ständig müssen wir entrosten, streichen, alles erhalten.

(Off) Vom Finnischen Meerbusen kommend

ging es zunächst in die Bucht von Tallinn.

Neben der Stadterkundung

empfehlen sich von hier aus Exkursionen aufs Land -

für Reisende, die sich etwas mehr Zeit nehmen können,

für Ausflüge nach Süden in ein Feuchtgebiet bei Soomaa und

anschließend an den Fluss Keila.

Knapp zwei Autostunden von Tallinn entfernt -

weit weg von Technologieparks und jungem Großstadtleben -

entdeckt man ein ganz anderes Estland:

Den Nationalpark Soomaa, ein riesiges Moorareal.

* Vogelzwitschern *

(Off) In dieser Sumpflandschaft empfiehlt es sich,

auf den Stegen zu bleiben.

Die feuchte Erde sei hungrig,

sagen die Einheimischen und abseits der Wege

verliere man schnell die Orientierung.

Es kursieren Horrorgeschichten von Wanderern,

die sich aus dem Morast nicht mehr befreien konnten und

vom nassen Erdboden verschlungen worden sind.

Und deren Geister nun herumspuken.

* Unheimliche Musik *

(Off) Noch unzugänglicher wird es hier,

wenn nach dem Winter Eis und Schnee schmelzen.

Dann schwellen manche Bäche zu breiten Flüssen an und

überschwemmen Straßen, Wälder und Pfade.

Und es kommt nur vorwärts,

wer über ein Haabja, ein Holzboot, verfügt.

Seit Hunderten von Jahren

werden solche Einbäume in Handarbeit hergestellt.

* Klopfen, ruhige Musik *

(Aivar) Es dauert fast einen Monat, wenn wir zu zweit daran arbeiten.

Minimum acht Stunden am Tag.

Es beginnt damit, dass du einen Baum aussuchst und

ihn nach Hause bringst.

Dabei muss man sich Zeit lassen, um den richtigen Stamm zu finden.

Und dann der Bau der Außenform, von innen aushöhlen mit der Hacke,

zum Schluss dehnen, auseinander treiben.

Alles zusammen immerhin einen Monat Arbeit für zwei Mann.

In jedem Baum ist eine Seele, nicht in dem Material,

aber in dem Holz, als es noch wuchs.

Immerhin hatte er ja 70 oder 80 Jahre lang sein eigenes Leben.

Wir haben ihn gefällt und jetzt wird aus ihm ein Boot.

Und die Seele des Baumes lebt dann vielleicht weiter - in diesem Boot.

Noch hat das ja eine Breite von einem halben Meter -

denn der Stamm hatte einen Durchmesser von 50 Zentimetern -

aber das Haabja soll einen Meter breit werden.

Diese äußeren Wände werden dann gedehnt,

damit es tatsächlich eine Bootsform kriegt.

* Schnaufen *

(Off) Aivar Ruukel erzählt,

wie jedes Jahr plötzlich über Nacht das Hochwasser kommt.

Wie sich Sumpfflächen eröffnen, die sonst nicht zugänglich sind.

Und wie man mit dem Einbaum durch unberührte,

urige Wälder gleiten kann und Tiere zu Gesicht bekommt,

die sich sonst im Dickicht verbergen.

Die Natur, schwärmt Aivar, bekomme plötzlich eine eigene Stimme.

Es sei so, als könnten die Bäume reden.

Gemeinsam mit Freunden lässt Aivar sein Haabja zu Wasser.

Und horcht auf die Stimme der Wildnis.

* Entspannungsmusik *

(Off) Mit dabei ist Anna Liskmaa.

Diese junge Frau wird als Wissende verehrt,

die darüber entscheiden darf,

wo die Texte der alten Volksweisen beibehalten und

wo sie verändert werden können.

Es ist ein altes estnisches Volkslied,

das sie gemeinsam anstimmen.

* Sie singen. *

(Off) Ein Gesang, in dem es um den Fluss geht und den Lebensbaum.

Die Menschen bilden den Stamm, die Götter sind die Zweige.

In die Kirche gehe ich eher selten,

und ich bin auch kein Aktivist des Landglaubens, des Animismus.

Aber ich denke, dass es irgendwie eine tiefere Verbindung

zwischen der Natur, der Welt um uns herum, und uns Menschen gibt -

so wie wir sind.

Und dass wir Teil dieser Natur sind, erschaffen von der Natur.

(Off) Viele Pflanzen haben in der Vorstellung der Esten eine Seele.

Die christliche Religion spielt in Estland keine Rolle.

Nur etwa 32 Prozent der Bevölkerung

gehören einer Glaubensgemeinschaft an.

Viele empfinden das Christentum als etwas,

das ihnen vor Jahrhunderten aufgezwungen wurde,

gewaltsam von Ordensrittern mit dem Schwert.

Allerdings glauben etliche Esten an überirdische Kräfte:

an Geister, an die Natur.

Bäume gelten ihnen als heilig,

genauso wie Steine, Findlinge, Seen, Flüsse.

Das kleine Estland ist überwiegend flach.

Nur wenige bescheidene Berge, eher Geröllhügel,

haben die Gletscher der letzten Eiszeit hinterlassen.

Nach langen Wintern mit viel Schnee fließt das Tauwasser nur langsam ab.

Estland ist ausgesprochen feucht.

Auf vielen Flüssen werden Boots- fahrten und Kajakausflüge angeboten,

in der Regel stromabwärts -

solange das geht.

Denn manchmal setzt dann doch das Gefälle jeder Kanutour

natürliche Grenzen.

Der Wasserfall auf der Keila -

nur wenige Meter hoch, doch ziemlich breit.

Hier ist Hightechexperte Asko Ristolainen unterwegs,

um ein neues elektronisches Gerät

zur Messung von Wassertiefe und Fließgeschwindigkeit zu testen.

Estland ist ein ziemlich flaches Land,

mit vielen Flüssen und Seen und ziemlich vielen Sümpfen,

ziemlich süßwasserreich.

Hier testen wir einen Sensor, mit dem wir die Tiefe des Flusses und

die Schnelligkeit der Wasserströmung messen können.

Wir machen diese Außenversuche in der Natur, um zu sehen,

wie gut das Gerät den realen Bedingungen tatsächlich standhält.

* Erhabene Musik *

(Off) Strömungsverhalten und Gewässergüte

sind in einer feuchten Region wie Estland ein existenzielles Thema.

Von Tallinn führte der Landausflug zunächst

ins Moor- und Naturschutzgebiet Soomaa,

jetzt geht es weiter auf die Insel Saaremaa,

nach Orissaare und Kaali -

und anschließend auf die Nachbarinsel Hiiumaa.

* Möwen kreischen. *

(Off) Saaremaa erreicht man mit Fähren,

die regelmäßig hin- und herpendeln.

Im Winter allerdings ist die Ostsee oft zugefroren,

sodass der Fährbetrieb ruht.

Dann rollt man mit dem Auto übers Eis.

Saaremaa bedeutet "Land der Inseln".

Die zahlreichen vorgelagerten kleinen Eilande

sind über lange Dämme miteinander verbunden.

* Vogelzwitschern *

(Off) Im Inneren der Hauptinsel, in einem Wäldchen bei Kaali,

befindet sich ein kreisrunder Tümpel.

Nicht sehr groß, aber sagenumwoben, wie so vieles in Estland.

Eine Überlieferung erzählt von einer Heirat unter Geschwistern.

Ein Skandal, anlässlich dessen sich hier die Erde auftat vor Entsetzen.

Andere Sagen berichten von einem Gutsherren,

der ein Lotterleben führte und die Erde sei explodiert,

als er, wieder einmal, eine Orgie feierte.

Die Wahrheit liegt angeblich tief verborgen auf dem Grund des Sees.

* Mystische Musik *

(Off) Nachweisbar ist ein ganz natürlicher Grund

für die Entstehung dieses Gewässers:

Vor 4000 Jahren explodierte

in 10.000 Metern Höhe ein tonnenschwerer Meteorit.

Ein Teil davon stürzte zu Boden und hinterließ diesen Krater.

* Geheimnisvolle Musik *

(Off) Ganz in der Nähe:

Angla Tuulikumägi - der Mühlenberg von Angla.

Früher gab es einmal 800 Windmühlen auf der Insel.

Und immer wieder Findlinge, ein Erbe der Eiszeit.

Riesige, von ihrer Reise mit dem Eispanzer abgerundete Felsbrocken.

Oft liegen sie dort seit Jahrtausenden.

Heute noch "wachsen" kleinere mit dem Frost aus dem Boden,

kommen neue zum Vorschein.

Solche Findlinge, so glauben viele Esten, dürfen nicht versetzt werden.

Das bringe Unglück.

Also bleiben sie oft mitten auf dem Acker liegen -

und um sie herum wachsen Büsche und Bäume,

die dann manchmal auch als "heilig" gelten.

* Stimmengewirr, ruhige Musik *

(Off) Auf dem Fußballplatz von Orissaare -

ein Dorf mit 900 Einwohnern.

Früher, während der Sowjetzeit,

war dieser Ort militärisches Sperrgebiet -

um zu verhindern,

dass Menschen von hier aus über die Ostsee

ins rund 100 Kilometer entfernte Finnland flohen.

Im Ort gibt es nicht genug fußballinteressierte Jungen,

weshalb eine Mädchenmannschaft auf dem Gelände trainiert.

* Verspielte Musik *

* Unverständliche Rufe *

(Off) Bei dem Baum mitten auf dem Spielfeld

handelt es sich um eine große "heilige" Eiche

mit einer besonderen Geschichte.

Als während der sowjetischen Besatzung hier

ein Stadion gebaut werden sollte,

schafften es große Traktoren und Baugeräte nicht,

den inzwischen 150 Jahre

aus dem Erdreich zu ziehen.

So blieb er stehen und schon längst stört sich niemand mehr

an dem "zusätzlichen Spieler" nahe der Strafraumgrenze.

Ein sorgsamer Umgang mit Wald hat in Estland Tradition.

Vor allem Laubgewächse wurden

nicht als Bauholz oder Heizmaterial genutzt,

sondern bildeten "heilige Haine".

Dort, so der Volksglaube,

versammelten sich Feen und Gnome und verliehen übernatürliche Kräfte.

* Mystische Klänge *

(Off) Und auch dem, was sich aus Bäumen gewinnen lässt,

wird magische Kraft zugeschrieben.

Bei Anne-Liis Theisen und ihrem Bruder Ardon ist das Birkensaft.

Dafür zapfen sie die Birken an.

Jetzt ist es schon ziemlich spät im Jahr.

Viel besser war die Ausbeute direkt nach der Schneeschmelze,

bevor die ersten Blätter kamen.

Ardon bohrt sehr vorsichtig.

In den Löchern vom Frühling findet er nur etwas Feuchtigkeit, keinen Saft.

* Sanfte Musik, Stimmengewirr *

(Ardon) Es kommt jetzt überhaupt kein Saft mehr heraus,

weil der Baum vollständig belaubt ist und

das Wasser schon in die Baumkrone gelangt ist.

Der Baum ist jetzt einfach zart feucht wie ein frischer Baum,

aber es ist nicht mehr der Wachstumssaft,

weil alles schon in den Blättern steckt.

Und jetzt setzen wir einfach wieder diesen Pfropfen ein,

damit keine Bakterien in den Baum gelangen und

er nicht zu faulen beginnt.

Großmutter sagte immer:

Wenn du mit Birkensaft deine Haare wäschst,

dann fallen sie dir niemals aus.

(Anne-Liis) Und die werden immer länger, das sieht man.

Und wenn du den Saft auf dein Gesicht aufträgst,

dann kommst du bestimmt unter die Haube,

weil du dann immer schöner wirst.

(Off) Auf dem Grundstück ihrer Großmutter,

bei der sie aufgewachsen sind,

stehen viele Birken - wie überall auf Saaremaa.

Allerdings müssen sie eine bestimmte Größe und ein bestimmtes Alter haben,

bevor sie zur Ader gelassen werden.

* Ruhige Musik *

(Off) Anne-Liis Theisen hat sich umgehört.

Aus der Flüssigkeit in den Birken

lässt sich Seife und Limonade herstellen.

Und wenn der Pflanzensaft genug gegoren ist,

sogar Wein und Birkensekt.

(Anne-Liis) So, ein bisschen muss er noch säuern.

Ja, kann sogar noch deutlich säuerlicher werden.

Eine stärkere Trübung kommt bestimmt dann auch noch dazu.

* Friedvolle Musik *

(Off) Anne-Liis' Großmutter lebt bis heute auf dem Hof.

(Oma) Sagen wir, so etwas zu trinken, ist gesund.

(Anne-Liis) Ein Heilmittel?

(Oma) Wir hatten hier einen Mann namens Toidu,

der kam aus Russland und hatte Magengeschwüre.

Und der trank Birkensaft und wurde wieder gesund.

(Off) Überhaupt: Wenn man die Alten hört,

ist Birkenwasser gut gegen viele Krankheiten.

Gegen Allergien, entzündungshemmend, gut für Haarwuchs und Fingernägel.

Eben ein wahres Geschenk der Natur.

Der größte Ort der Insel hat eine bewegte Geschichte:

Kuressaare oder auch Arensburg.

Erobert vom Schwertbrüderorden im Jahre 1227,

vom Deutschen Orden, dann von Dänen, Schweden, Russen.

Es ging um Handel und wirtschaftliche Macht,

um Religion und politischen Einfluss.

Wenige Kilometer vor Kuressare:

Über alle Machtwechsel hinweg,

trotz aller Missionierungen und kulturellen Kolonialisierungen,

bewahrte sich der Volksglaube an die Kraft der Natur.

Zum Beispiel,

wenn es um einen besonders zähen und anspruchslosen Busch geht,

der sich, wenn nötig, mit Dornen schützt: den Wacholder.

Die alten Esten sagen, dass man Wacholderzweige

nicht ohne guten Grund abbrechen oder abschneiden darf.

* Idyllische Musik *

(Liisi) In der Volksmedizin gilt Wacholder als säubernd.

Er reinigt den Organismus,

dann entwässert er und ist gut gegen Zellulitis.

Und man sagt auch, dass er Choleste- rin senkt und pilzhemmend ist,

also, dass Wacholder dem menschlichen Organismus ausgesprochen guttut.

* Ruhige Musik *

* Schnattern der Schwäne *

(Off) Das Zypressengewächs gedeiht hier wild in der Landschaft,

vor allem am Meer.

Wenn man zu bestimmten Zeiten des Jahres, während der Blüte,

an die Küste kommt, ist der Duft der Büsche Teil der Seeluft.

(Liisi) Wenn wir ans Meer gehen zum Sammeln,

dann sehen wir bald aus wie grüne Männchen.

Weil der Wacholder so staubt.

Das ist ein männlicher Wacholder und der staubt, schau.

Dieser Wacholderstaub ist sehr gesund.

Und das bleibt alles im Wacholdertee und im Sirup.

Das muss man einatmen, das ist gut für die Gesundheit.

(Off) Liisi Kulvjögi erzählt, dass nach dem alten Glauben

der Wacholderbusch ein Ort zwischen zwei Welten sei:

Dort ruhen sich die Seelen der Verstorbenen aus,

bevor sie auf die andere Seite schreiten.

Und auch darum seien dessen Erzeugnisse

irgendwie etwas ganz Besonderes.

In der Küche kocht der Sirup schon -

Sprossen und Beeren in heißem Quellwasser.

Später kommt noch Rübenzucker hinein.

Dann bereitet Liisi auch etwas anderes

aus den frisch geernteten Trieben zu.

Sie wählt nur die zartesten Spitzen aus,

hackt sie zusammen mit anderen Kräutern

wie Petersilie und Bärlauch ganz fein,

und gibt sie in Butter.

* Verspielte Musik *

(Off) Etwas Salz -

Wacholdersalz.

Dazu das frische, gerade von der Mutter gebackene Hausbrot.

(Liisi) Ich gebe sie dir dann zum Probieren, du musst abschmecken.

(Off) Estnische Kräuterbutter, wahrscheinlich besonders gesund.

* Sie sprechen Estnisch. *

* Sanfte Klänge *

(Off) Weiter nordöstlich, direkt hinter den Klippen von Panga,

liegt die Nachbarinsel Hiiumaa.

In der letzten Eiszeit hat auch hier ein dicker Eispanzer

auf der Insel gelegen und alles so platt gedrückt,

dass sich die Erdkruste immer noch davon erholen muss.

Die Erde atmet auf, zwei Millimeter pro Jahr.

Estland wächst, das Land erhebt sich aus dem Meer.

Auf dem größten Berg der Insel, 67 Meter hoch,

steht einer der ältesten in Betrieb befindlichen Leuchttürme der Welt.

500 Jahre alt,

aus der Blütezeit der Hanse.

Das Gebäude selbst ist 36 Meter hoch,

zusammen also 103 Meter über dem Meeresspiegel,

das höchste Leuchtturmlicht in der Ostseeregion.

Über 36 Kilometer weit zu sehen.

Zurück ans Festland.

Die Ostsee, als ehemaliges Binnenmeer

ohnehin nicht sehr tief und salzig,

hat oft auch im Sommer nicht mehr als zwölf Grad Wassertemperatur.

Umso kostbarer und beliebter sind deshalb flache Küstenabschnitte,

wo sich das Wasser in der Sonne schnell erwärmt.

* Idyllische Musik *

(Off) In der Hauptstadt Tallin sind die Teilnehmer der Großstadtrallye

inzwischen am Ende angekommen.

Ihre letzte Aufgabe:

(Mann) Berechnen Sie:

Wie viele Jahre liegen zwischen Estlands erstem Erscheinen

auf einer Weltkarte und Estlands Feier zum 500-jährigen Jubiläum?

(Off) Bei der Antwort hilft den beiden ein Zeitstrahl,

der mit weiteren Ereignissen aus der Geschichte Estlands

in den Boden eingelassen ist.

1991 zum Beispiel wurde Estland nach dem Zusammenbruch der UdSSR

wieder unabhängig.

Und im Jahr 2418 wird der Staat sein 500. Jubiläum feiern -

also 1264 Jahre nach seiner ersten Erwähnung auf einer Weltkarte.

Am Ende sammelt der Spielleiter seine Kandidaten in der Stadt wieder ein.

Er hat ja auf dem Tablet nicht nur alle Stationen mitverfolgen können,

er wusste auch stets, wo die Ausflügler waren.

Feierabend für den Elektronik-Experten Asko Ristolainen.

In einer Turnhalle trifft er sich mit Gleichgesinnten.

* Heitere Musik *

(Off) Volkstanz wird in Estland auch von der digitalen Generation,

den "digital natives", lebendig gehalten.

Mit unseren Traditionen, mit denen gehen wir mit.

Sie sind ein Teil unseres Lebens: Volkstanz und Volkslied.

Traditionen sind uns wichtig, sie gehören zu unserem Alltag,

zu unseren Bräuchen und unserer Kultur.

(Off) Das Gürten haben schon immer die Männer übernommen.

Eine gute Entspannung,

gerade nach einem langen, von Technik geprägten Arbeitstag.

* Stimmengewirr *

* Heiter-schwungvolle Musik *

* Jubelrufe *

* Musik wird spannungsvoller. *

(Off) Draußen vor der Stadt am Pier: Alle Mann an Bord.

Klar zum Auslaufen.

Die Passagiere warten nach ihren Ausflügen in Estland

auf das gleiche Spektakel wie an jedem Abend: Leinen los.

Der Dampfer nimmt schnell Fahrt auf.

Der Seegang hält sich in Grenzen, die Dünung bleibt bescheiden.

Kein Rollen, kein Schlingern, nicht einmal ein Stampfen,

das die Fahrgäste irritieren könnte.

Während die Reisenden den Tag ausklingen lassen,

beginnt für die Bordcrew der nächste "Törn", die nächste Schicht.

* Ruhige Musik *

(Off) Feierabend ist noch lange nicht in Sicht.

Putzkolonnen rücken aus, wie jede Nacht.

Am Achterdeck: Alle Klüsen dicht.

Schlafenszeit.

Während in der Kombüse schon der nächste Tag beginnt:

Der "Backmann" bereitet Brötchen und Croissants für das Frühstück vor.

An der Reling ist es still geworden.

Am Ruder müssen trotzdem alle Mann rund um die Uhr hellwach sein.

Auf der Brücke wechseln sich drei Mannschaften

im Vier-Stunden-Rhythmus ab.

bis vier Uhr morgens

gilt als anstrengendste Schicht und heißt "Schweinewache".

* Erhabene Musik *

(Off) Aber dann wird es, gerade im nordischen Sommer,

früh hell und das Schiff steuert auf das nächste Ziel zu,

nimmt Kurs auf Lettland.

* Abspannmusik *

Untertitel: OMNIMAGO GmbH 2019

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