All language subtitles for Karl.Marx.-.der.deutsche.Prophet

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Original subtitles

(Marx) "Mein teures Kind,

es gibt nichts Zauberhafteres als Algier um diese Zeit.

Wie in 1001 Nacht wäre mir zumute, hätte ich, Gesundheit vorausgesetzt,

euch, alle meine Lieben, hier um mich.

Nicht zu vergessen die Enkelsöhne.

Wie würden meine kleinen Lieblinge staunen,

wenn sie all das hier sehen könnten, die Mauren, Araber, Berber, Türken,

mit einem Wort: dieses Babel und die bunten Kostüme.

Gelegentlich mischen sich in diese orientalische Welt

auch zivilisierte Franzosen und langweilige Briten.

Wenn ich diese Zeilen schreibe, liebstes Kind,

ist mein Herz bei euch, meinen Töchtern und den Kindern.

Nach ihnen sehn ich mich besonders."

(Husten) Einen Moment noch.

Nur noch ein Foto, bitte. Nehmen Sie noch kurz Platz.

Also gut. Was tut man nicht alles für die Familie.

Darf ich Sie um ein kleines Lächeln bitten?

Vielleicht denken Sie einfach an Ihre Kinder?

Ja.

(melancholische Musik)

"Ich bin nach über zwei Monaten nicht geneigt,

meinen Aufenthalt hier länger auszudehnen,

als es der Doktor für absolut notwendig hält.

Das Wetter ist jetzt teilweise heiß,

aber der Orkan hat die ganze Woche fortgedauert.

Inzwischen geht die Besserung meines Gesundheitszustands

einigermaßen voran.

Wenn auch langsam für jemanden, der begierig ist, aktiv zu sein

und dieses stupide Dasein eines Invaliden aufzugeben.

Das Einzige, was ich jetzt brauche, ist Ruhe.

Hoffe, bald wieder ein besserer Mensch zu sein.

Ich habe mich für euch fotografieren lassen.

Und ich habe ein Haaropfer erbracht,

auf dem Altar eines algerischen Barbiers."

Auch der Bart? - Ja, alles weg.

Alles.

(Eleanor) "Mit seiner Prophetenmähne wirkt er jedem irgendwie vertraut.

Als Weltgeist, Wegweiser, Schreckgespenst.

Je nachdem.

Aber kaum jemand kennt den Menschen dahinter so,

wie ich ihn erlebt habe.

Mit all seinen Widersprüchen."

Hier ist noch Platz, Lenchen.

"Den Aufbruchsgeist und ewigen Zweifler,

der selber von sich sagte: 'Ich bin kein Marxist'."

Will Monsieur auch wirklich den Bart opfern?

Ja, den Bart auch. Opfern, ja, sonst wär's ja kein Opfer.

(Eleanor) "Ein egomanischer Sturkopf,

der doch die Menschheit liebte.

Künder einer besseren Zukunft,

der den Seinen Not und Opfer abverlangte.

Meinen Vater. Karl Marx."

(spannende Musik)

(Nachrichtenfetzen)

(Sie skandieren Parolen.)

(Sirenen)

Für mich ist es so perfekt.

Ein Mann ohne Bart ist doch kein Mann.

Vielleicht haben Sie recht.

Ich will ja auch niemanden erschrecken.

Und bitte sehr.

(Eleanor) "Im Frühjahr 1882 besuchte ich meine älteste Schwester Jenny.

Sie lebte mit ihrer Familie in Argenteuil.

Einem Vorort von Paris.

Ich wollte, ich musste bei ihr sein, denn sie war nicht nur schwanger,

sondern auch schwer krank."

(Mann) Madame!

Madame.

Ich habe Post für Madame Marx-Longuet.

Das ist meine Schwester. - Ah! Ja.

Aus Französisch-Nordafrika. - Oh!

Danke. - Bitte.

"Lenchen, die ich schon seit meinen Kindertagen kannte,

war aus London mitgekommen."

Tante Eleanor! - Johnnylein!

Was bist du groß geworden.

Kennst du Lenchen noch, unsere Haushälterin?

Guten Tag.

(Lenchen) Jenny! Wir sind da.

Pst. Mama schläft und Papa ist auf Reisen.

Ja, dann mach ich uns jetzt erst mal was zu essen.

Johnny?

Schau mal. Post von Opa aus Afrika.

Wird er dann auch so schwarz wie ein Afrikaner?

Ja, wie ein Mohr eben. Mach's auf.

Hier steht: "Meinem lieben Jennychen, Old Nick."

Wer ist denn "Old Nick"?

Weißt du doch. Ein Schreckgespenst. Der Teufel.

So nennt sich der Opa aus Spaß.

Ich finde, Opa sieht eher aus wie der liebe Gott.

Schau mal, Lenchen.

Sagen wir, wie ein Prophet?

Was ist ein Prophet?

Propheten sind kluge Männer, die vorhersagen können,

was die Zukunft bringt. - Hm.

"Nicht nur wir, seine Familie,

jeder hat sich sein Bild von meinem Vater gemacht.

Für die einen ein Weltendeuter,

für andere ein verbitterter Sonnengott.

An ihm, den wir alle liebevoll 'Mohr' nannten,

schieden sich eben die Geister.

Er selbst hat ja mit sich gerungen.

Und mit seiner Mission."

Eleanor hatte als jüngste Tochter von Karl Marx

ein besonders enges Verhältnis zu ihrem Vater.

Sie fühlte sich in der Hauptsache und in ihrer Hauptlebensaufgabe

dazu berufen,

für das Werk ihres Vaters zu streiten und zu kämpfen

und es der Nachwelt bekannt zu machen.

Das war ihr wichtiger als alle persönlichen Ziele,

die sie auch gehabt haben mochte.

Zum Beispiel, Schauspielerin zu werden.

Es war absolut dominant, ihre Positionierung als Vatertochter

und das Werk in der ganzen Welt, möglichst auch noch in Amerika

bekannt zu machen.

(Eleanor) "Nichts Geringeres hat mein Vater sich vorgenommen,

als die Welt zu erklären.

Und nichts hat er dafür so gründlich studiert

wie die weltweiten Ströme von Waren und Geld.

Über 1500 Bücher gewälzt.

Über zehn quälerische Jahre am Schreibtisch verbracht.

Für ihn war Kapital der Treibstoff des globalen Räderwerks.

Das Futter für unersättliche Goldesel,

die immer mehr Reichtum anhäufen.

Den ersten Band seines Werkes nannte er deshalb

'Das Kapital'.

Und ihm sollten weitere folgen.

Doch die ließen nach 15 Jahren immer noch auf sich warten.

Mohr, der in Algier seine Atemnot kurieren musste,

lief die Zeit davon, seine Lebensaufgabe zu vollenden."

(Arzt) Einatmen, bitte. Und ausatmen.

Einmal husten, bitte.

(Marx hustet schwach.)

Danke. Sie können sich wieder anziehen.

Davon bitte einen kleinen Löffel voll.

Und diese Kodein-Tabletten für die Hustenanfälle nachts.

Ich nehm jedes Gift, wenn es nur Wirkung zeigt.

Das wird schon.

Meine Frau ist ... vor Kurzem ...

Mein aufrichtiges Beileid, Monsieur Marx.

Danke, sehr aufmerksam.

Sehen Sie, da entflieht man in den entferntesten Winkel,

aber sich selbst entkommt man nirgendwo.

Die trüben Gedanken reisen immer mit.

(Arzt) Das ist der richtige Ort, um zur Ruhe zu kommen.

Drum keine Aufregung, keine Anstrengung.

Auch nicht gedanklich.

Dann sterbe ich ja den geistigen Hungertod.

Meine Zeit ist endlich.

Ich hab noch ... sehr viel vor.

Ah? Ein neues Werk?

"Das Kapital" war ja nur der erste Band.

Wie soll ich den zweiten schreiben, wenn Sie mich nicht lassen?

(Arzt) Apropos, hier, in unserem Blättchen ...

da geht's um Bauarbeiter, die für die neue Eisenbahn schuften.

Und da heißt es: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde."

Das könnte doch von Ihnen sein. - Spotten Sie ruhig, Doktor.

Aber die Arbeiter werden hier geknechtet, das sieht man überall.

Geknechtete haben nur ihrer Hände Arbeit und nichts zu verlieren.

Und sie werden sich von ihren Fesseln befreien.

Ich befreie Sie erst mal von jeglicher Arbeit.

Ruhe ... - ... ist erste Bürgerpflicht, ja.

Aber das Briefeschreiben wird mir Ihre Medizin erlauben?

Aber nicht rauchen.

Vielen Dank für Ihre Mühe, Doktor. - Gern geschehen.

Ach ja, Monsieur le Révolutionnaire, die Rechnung wie immer

an Friedrich Engels in London? - Natürlich.

Du bekommst Post aus Algier?

Aus Algier, ja.

Gute Neuigkeiten? - Marx ist dort zur Kur.

Hörte davon.

Offenbar geht es ihm etwas besser.

Zumindest sollte es das.

Friedrich Engels war ein Fabrikantensohn,

der lange Jahre selbst als Fabrikant tätig war.

Und über seine eigentliche berufliche Aufgabe hinaus aber

war er mit Karl Marx und dessen Familie,

und vor allen Dingen mit dem Werk von Karl Marx

aufs Allerengste verwoben.

Und von daher war ihm der Gedanke unerträglich,

dass Karl Marx seiner Bronchialerkrankung erliegen würde,

bevor er nicht noch große Teile seines Werkes vollendet hätte.

Nicht schlecht, "ein Gespenst geht um in Europa".

Das Gespenst des Kommunismus. - Ja.

(Eleanor) "Seit frühen Jahren glaubte Engels an meinen Vater.

Als Vordenker der entstehenden Arbeiterbewegung,

als wissenschaftlichen Deuter der Geschichte, wie er sie sah.

Einer Geschichte der Klassenkämpfe.

Und diesen Kampf prophezeiten die beiden

nun auch den Herrschern über Fabriken und Kapital."

... darüber streiten wir seit Tagen!

(Marx) "Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten."

Sie haben eine Welt zu gewinnen.

Vater, ich ... - Ja, was denn?

Ich glaube, Mama ...

also Lenchen, ist wieder knapp bei Kasse

und lässt überall anschreiben.

Schau mal.

Der alte Mohr hat sich da unten fotografieren lassen.

Ja.

(murmelt) ... "einen Abzug" ...

"Ihr werdet sehen, ich habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht,

beste Grüße an alle, Dein Old Mohr."

(Räuspern)

Ähm ...

'tschuldige, Frederick.

Here you are.

Thank you very much, Sir.

Ich bitte ja nicht für mich. Ich gebe ihn ihr.

Ich weiß.

Bist 'n guter Junge.

Und äh ... Lenchen, die ...

führt ja jetzt allein das Kommando im Haus Marx.

Ja, ich weiß.

Sie ist sogar mit nach Frankreich und wartet dort auf ihn.

Jenny, du solltest die Beine hochlegen.

Außerdem musst du mehr trinken, ich hab dir Tee gemacht.

Laura, hilf ihr mal.

Danke, Lenchen. - (Eleanor) "Inzwischen war auch

meine Schwester Laura in Paris eingetroffen.

Wir halfen Jenny, so gut es ging.

Dass sie ihre Krankheit tapfer überspielte

und nicht verriet, woran sie wirklich litt -

in der Familie Marx nichts Ungewöhnliches."

Das Schiff fährt bis nach Afrika, zum Mohren.

(belustigt) Jawohl, Kapitän!

Aber jetzt geht's erst mal ab in die Koje, ihr zwei!

(Eleanor) "Vieles blieb unausgesprochen.

Auch was den Tod unserer Mutter betraf."

(Jenny) Jetzt, wo ich euch bald alle um mich hab, wird's schon wieder.

Hätte ich fast vergessen.

Post von Papa.

Er hat das Bild ausdrücklich dir gewidmet.

"Meinem lieben Jennchen."

Ist da vielleicht jemand eifersüchtig?

Immerhin, er lächelt wieder.

Zeig.

Wie auch immer man das nennen mag.

Lies doch mal vor, Tussychen.

(melancholische Klaviermusik)

"Es wäre eine Lüge, wollte ich nicht gestehen,

dass mein Denken beherrscht wird von Erinnerungen an diese Frau.

Diesen Teil der besten Jahre meines Lebens."

Ich werde nie vergessen, wie er sich wieder stark genug gefühlt hatte,

an Mütterchens Sterbebett zu gehen.

Zusammen waren sie wieder jung.

Aber sie dahinsiechen zu sehen, hat er nicht verkraftet.

Ich muss jetzt schlafen.

(Eleanor) "Ich hatte gehofft,

wir Schwestern würden nun enger zusammenrücken.

Um unserem Vater nach der Rückkehr eine Stütze sein zu können.

Gemeinsam. Nicht nur ich allein."

War das jetzt nötig?

Eleanor!

Du hast aber auch nicht für eine Unze Feingefühl.

Tod, Krankheit, so was ist ja jetzt

genau die richtige Medizin für unsere Jenny.

Natürlich, in dieser Familie herrscht nur eitel Sonnenschein.

Wo's wehtut, schaut man lieber weg.

(tränenerstickt) Eleanor, das Musterkind.

Papas treuste Seele, immer noch.

Pass nur auf, dass du vor lauter Selbstaufgabe

nicht noch als alte Jungfer endest.

(Schritte)

Wann kommt denn der Opa?

Bald, Johnnylein, bald.

(Eleanor) "Welch ein Irrtum.

Denn auf seiner Rückreise von Algier nach Paris

konnte mein Vater sich einen Abstecher doch nicht verkneifen.

'Welche Kinderei', schrieb mein Vater mir aus Monte Carlo,

ist eine solche Spielbank doch, verglichen mit der Börse.'"

(Mann) Faites vos jeux! Rien ne va plus!

(Marx) "Da gewinnt zum Beispiel eine russische Dame 100 Francs

und verliert dahingegen 6000 Francs.

Andere verspielen ganze Familienvermögen.

Von Verstand, Berechnung etc. kann nicht die Rede sein.

Man wähnt sich in einem Narrenhaus."

(Eleanor) "Niemand zuvor hat wie er in seinem Werk Reiche beschrieben.

Die Besitzer der Produktionsmittel, die Spekulanten.

Er nannte sie 'Kapitalisten'.

Wie sie ihr Geld vermehren,

indem sie diejenigen zu Lohnsklaven herabwürdigen,

die abhängig von ihnen sind.

Weil die nichts besitzen außer ihrer Arbeitskraft.

Und jene Ausbeuter, die Kapitalisten,

beschreibt mein Vater wie süchtige Spieler,

die immer weitermachen müssen, um im Spiel zu bleiben.

Er beschrieb das immer nüchtern, wissenschaftlich, analytisch.

Denn persönlich hatte er nichts gegen Kapitalisten."

(Croupier) Rien ne va plus!

Das ist die Kraft des Geldes, die Menschen auch antreibt

unter dem Stichwort "Gier".

Die Gier hat einen Lohn.

Wenn man gierig ist, kann man sein Geld vermehren.

Marx sagt: "Durch das Geld wird der Hässliche schön.

Jedes Versagen wird plötzlich in Erfolg ummünzbar."

Wir erleben das in der heutigen Welt mehr als Karl Marx in der seinigen.

Man kann sich Wahlen kaufen,

man kann sich freikaufen von Umweltverschmutzung.

Mit Geld, also dem eingesetzten Haufen Geld, der da ist,

kann man ziemlich viel erreichen.

(Zughorn)

(Eleanor) "Mein Vater war ein Getriebener und Vertriebener.

Ein politischer Vagabund.

Stets auf der Flucht vor Bespitzelung und Verfolgung.

Heimat für ihn, das waren wir, seine Familie."

(Türklopfen)

(Mann) Polizei! Öffnen Sie die Tür!

(Eleanor) "Zeitlebens blieb er Flüchtling.

Ein Exil folgte dem anderen.

Wo immer er auch Zuflucht fand,

musste er stets damit rechnen, verhaftet und verhört zu werden."

(Türklopfen)

(Frau) Sie können doch nicht einfach ...

Was ist hier los?

Monsieur Marx, darf ich bitten?

Zwei Mann in jedes Zimmer, wir nehmen alles mit!

(Marx) Meine Papiere! - Leisten Sie keinen Widerstand!

Meine Papiere sind in Ordnung, das wissen Sie genau!

Darf ich Sie bitten, mich auf die Präfektur zu begleiten?

Machen Sie keine Schwierigkeiten!

(Frau Marx) Sie nehmen ihn mit? Die Preußen haben Sie geschickt.

Wir haben eine Aufenthaltsgenehmigung und Kinder!

(Ein Kind weint.)

Macht euch keine Sorgen, Papa ist bald wieder da.

Ihr müsst jetzt ganz brav sein.

(Marx) Ich liebe dich!

Ich bin kein Putschist.

Ich bin Philosoph.

Was soll das heißen?

Die Revolution kommt auch ohne mein Zutun.

Das ist wie ein Naturgesetz.

Mit diesen Ideen machen Sie sich in Ihrer Heimat keine Freunde.

Marx hatte, was Deutschland anbetrifft,

immer das große nationale Layout im Auge.

Also eine Revolution,

die einen deutschen Vereinigungsprozess einleitet.

Die gleichzeitig demokratische Verhältnisse herstellt

und die Aussicht auf eine sozia- listische Revolution beinhaltet.

(Eleanor) "Als Mohr endlich ankam, hoffte ich so sehr,

dass die Kur ihm seine Tatkraft zurückgegeben hätte."

(Johnny) Opa! Opa!

Ha! Mein Johnnychen!

Dich hab ich ganz besonders vermisst.

Haben sie dir etwa deinen Bart gestutzt?

Manche Opfer müssen sein.

Mein Kakadu. - Gut siehst du aus.

Doch, Laura hat recht.

Warte, ich nehm das. - Nein, lass das doch!

Chauffeur!

Na, wo ist denn die Madame Maman?

(schwermütige Musik)

Ich hatte gehofft, es ginge ihr besser.

Mh-mh.

(Husten)

(Johnny) Opa!

Opa, spielst du mit mir?

Gleich.

Er hat dich vermisst, Mohr.

Ich ihn auch.

Weiter geht's. Immer weiter!

Weiter! Noch eine Runde!

Schneller, Opa! Los!

(Eleanor) "An Kindern, seinen wie anderen,

hatte mein Vater einen Narren gefressen."

Als Lastenesel bist du immer noch unübertroffen.

Nein, Opa ist doch viel zu schlau für einen Esel!

Schneller!

Weiter so! Opa ist mein Kamel!

Aha, ein Kamel also?

(Eleanor) "'Wir können dem Christentum viel verzeihen',

pflegte er zu sagen, 'denn es lehrt, die Kleinen zu lieben.'"

(Husten)

Wirklich ein Prachtjunge. (Ächzen)

Aufgeweckt und äh ...

schon so gescheit.

Er erinnert dich an den kleinen Musch, nicht wahr?

Glaub mir, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke.

(Eleanor) "Mein Bruder Musch war acht, als ich auf die Welt kam.

Der Stammhalter, den mein Vater sich sehnlichst gewünscht hat."

(Musch singt) "Heller Ton ..."

Musch. Hm.

"Die neue Rebellion

Die ganze Rebellion

Marsch, Marsch Marsch, Marsch"

(Eleanor) "Meine Eltern waren in bitterer Not,

seit sie 1849 in London Zuflucht gefunden hatten.

Doch selbst bis hierher

reichte der lange Arm der preußischen Obrigkeit."

Where can I find Mr. Marx?

No English, sorry.

Wo wohnt Herr Marx?

Nö.

Noch nie hier gesehen. Bestimmt schon wieder so ein Schnüffler.

Hier wohnt doch der Herr Marx. - Nein.

Miss Jenny Marx? - Ja?

Ich soll das hier Ihrem Mann ausrichten.

Er ist gerade sehr beschäftigt. Ich geb's ihm, Mister ...?

Bangya mein Name.

(Bangya) "Marx lebte in einem der schlechtesten Quartiere Londons.

In der ganzen Wohnung ist nicht ein reines

und gutes Stück Möbel zu finden.

Alles ist zerbrochen, zerfetzt, zerlumpt."

"Überall die größte Unordnung.

Manuskripte, Bücher, Zeitungen, daneben einige Teetassen

mit abgebrochenen Rändern.

Schmutziges Besteck, Leuchter, Tintenfass,

Trinkgläser und so weiter."

Es handelt sich hier um den Bericht eines preußischen Spitzels,

der offensichtlich Zugang zur Wohnung von Marx hatte,

die sich damals in Soho in der Dean Street befand.

Soho war eines der schlechtesten Elendsquartiere von London.

Marx lebte dort mit seiner Familie.

und seiner Haushälterin Lenchen Demuth

in einer Zweizimmerwohnung in sehr beengten Verhältnissen.

Mit natürlich problematischen sanitären Voraussetzungen,

ständigem Smog in London und permanenten finanziellen Sorgen.

(Türklopfen)

Mr. Marx! Open the door!

Heute ist Zahltag!

(Eleanor) "Für meine Mutter, aristokratischer Herkunft,

war diese Not besonders bitter."

(Mann) Sie können nicht immer nur anschreiben lassen!

(Eleanor) "'Wahrlich, Karl',

hat Mutter in einem Brief meinem Vater geklagt.

'Ich weiß keinen Rat mehr.

Sie wollen nicht länger warten,

Bäcker, Gouverness, Teeverkäufer, Händler.

Der Schreckensmann von Metzger.

Bei all den Leuten steh ich rein als Lügnerin da.

Karl. Ich kann mich nicht mehr hier halten.'"

(lautes Türklopfen)

Die Schuldeneintreiber saßen uns dauernd im Nacken.

Aber da hättest du den kleinen Musch mal sehen sollen.

Mit seinen sechs Jahren.

(Klopfen) Mein Vater ist nicht zuhause!

Hier ist niemand!

Wer ist das denn jetzt? - Gehen Sie weg!

(Mann) Wer ist denn da? - Gehen Sie weg!

Jetzt schieben sie schon Kinder vor. - Gehen Sie weg!

(forderndes Türklopfen)

Sie sollten sich schämen! - Gehen Sie endlich weg.

Die Cholera ging dort von Haus zu Haus wie ein Meuchelmörder.

Wäre dieses Elend nicht gewesen, vielleicht wäre er gesund geblieben.

Herrgott, wir haben uns diesen kleinbürgerlichen Dreck

nicht ausgesucht, im schäbigsten Loch von Soho.

Wir waren verbannt, wir waren Flüchtlinge.

Und am Ende büßen die Schwächsten für alles.

(seufzend) Ja.

Was können Kinder eigentlich dafür?

(bedrohliche Musik)

(Musch hustet.)

(Frau Marx) Lenchen, hol schnell den Arzt!

(Husten)

(Husten)

(ruhige Musik)

(leise) Nein.

(Die Frauen weinen.)

(Frau Marx) Nein!

(Eleanor) "'Ich habe schon allerlei Pech durchgemacht',

schrieb er damals an Engels.

'Erst jetzt weiß ich, was ein wirkliches Unglück ist.'

Ich glaube, diesen Schicksalsschlag

hat mein Vater als persönliche Niederlage empfunden,

für die er sich selbst die Schuld gab.

Und nach der er sich nie mehr erholt hat.

Er, der nach den Sternen griff,

fand sich wieder auf dem harten Boden der Realität."

Ich werde es nie mehr aus meinem verdammten Schädel kriegen.

Du hast alles deinem Kampf geopfert.

Deine Zeit, deine Kraft.

Alles, um die Menschheit vom Elend zu befreien.

Weiß nicht, ob die Menschheit das verdient.

Und doch

bereue ich es nicht.

(Eleanor) "Nein, sich zu fügen,

das war meines Vaters Sache sicher nicht.

Nie.

Er pflegte alles bis zum Ende auszutragen.

Schon als junger Student soll er sich duelliert haben,

wenn es ihm um die Ehre ging."

Wer siegen will, darf die Waffe nicht verlieren.

(Sekundant) Meine Herren, Achtung, auf mein Kommando!

Kreuzt die Klingen!

(Eleanor) "Wie ein Mitstudent ihm nachgedichtet hat:

'Er geht nicht, er springt auf den Hacken.

Er raset voller Wut, als wollt er packen das weite Himmelszelt

und zu der Erde ziehen.'"

Halt!

"Als Student stand meinem Vater der Sinn nach Romantik,

Lyrik und Lebensfreude,

im Kreise seiner demokratisch gesinnten Verbindungsbrüder."

(Sie singen.) "Gar glücklich ist fürwahr der Staat

Der solche Bürger hat Der solche Bürger hat"

Lamberg.

Ausgerechnet du und Bürger.

Du bewegst dich doch jetzt auf Adelsschwingen.

Psst, behalt's für dich.

Und sei unbesorgt. Das Einzige, was uns wirklich adelt,

ist doch die Bildung.

Oder die Einbildung, mein Freund. - Psst.

(Eleanor) "Die Liebschaft meiner Eltern

sorgte in ihrer katholischen Heimat Trier für Aufsehen.

Vater konnte als Student noch keine Familie ernähren,

war vier Jahre jünger als seine Braut.

Und: Sie war adliger Herkunft.

Jenny von Westphalen."

Karl Marx stammte aus einem jüdischen Elternhaus.

Außerdem gab's den Altersunterschied.

Die Umwelt hätte es sicher passender gefunden,

wenn Jenny von Westphalen, was sie auch ursprünglich mal vorhatte,

einen preußischen, protestantischen Offizier geheiratet hätte.

Sie war eine außerordentlich gut aussehende Frau

eine beeindruckende, kultivierte Frau,

die mehrere Sprachen sprach.

Und Karl Marx war auch ein sehr gut aussehender, feuriger Jüngling.

Neben aller geistigen Symbiose war da einfach

eine große erotische Anziehungskraft.

Und sie liebten sich halt. Gegen alle Hindernisse.

(Eleanor) "Statt, wie sein Vater wollte,

die Juristenlaufbahn einzuschlagen,

hat Mohr sich in Berlin lieber mit Philosophie beschäftigt.

Nicht, um die Welt zu interpretieren,

das war sein Leitspruch, sondern um sie zu verändern.

Allerdings war mit einer kritischen Weltsicht

damals in Preußen kein Staat zu machen.

Die 40er-Jahre waren eine sehr problematische Zeit.

Sie sind bekannt geworden als die sogenannten "Hungry Forties".

Es gab große Hungerkatastrophen. Es gab großes Elend.

Es war aber auch die Zeit

der einsetzenden industriellen Revolution.

Die ersten Eisenbahnen wurden gebaut.

Also es war ein Umbruch mit großen Widersprüchen.

Viel Elend, aber auch viel Hoffnung in eine bessere Zukunft.

Es gab Debatten zum Beispiel über die Pressefreiheit.

Getragen in erster Linie

von süddeutschen und rheinischen bürgerlichen Kreisen.

Und in diesem Zusammenhang ist auch

die erste Einstellung von Karl Marx zu sehen,

als er 1843 Redakteur der "Rheinischen Zeitung" geworden ist.

Das war ein Unternehmen,

was vom rheinischen Bürgertum finanziert worden ist.

(Eleanor) "Als Chefredakteur in Köln musste er sich

tagtäglich herumschlagen mit Adel und Obrigkeit

und deren strenger Zensur."

Rein optisch ein Blutbad. Es tut mir leid.

Also da hätt ja auch mal ein Satz so bleiben können,

wie er gesetzt ist.

Den wahren Zündstoff hat der brave Herr Geheimrat

in seinem Diensteifer völlig übersehen.

Auf das preußische Zensurbeamtentum! - Prost.

Was mischst du dich in die Politik ein, Karlchen?

Das ist doch halsbrecherisch. Das geht nicht gut.

Ich bin's doch auch leid.

Das ewige Schmiegen und Biegen, die Wortklauberei.

Der Fortschritt ist ein störrischer Esel.

Du aber auch.

(Eleanor) "Nach nicht einmal einem Jahr wurde das Blatt verboten.

Mein Vater war arbeitslos und ging mit seiner jungen Frau ins Exil.

Nach Paris."

Für Marx war Paris ein Ort der Geistesfreiheit,

wo er frei schreiben, Französisch sprechen

und ungehindert arbeiten konnte. Ohne Zensur wie in Deutschland.

So gewann er den Eindruck, dass hier in Paris

die Welthauptstadt des Sozialismus im Entstehen begriffen war.

Das Wort "Sozialismus"

kam hier in den Salons und Cafés erstmals auf,

als Idee einer utopischen Gesellschaft,

in der die Produktionsmittel denen gehören, die sie benutzen.

Paris war in dieser Hinsicht damals die wichtigste Stadt der Welt.

Viele Denker entwickelten Ideen

über den Sozialismus oder andere Utopien.

(ruhige Musik)

(Eleanor) "Paris war für meinen Vater das Zentrum der neuen Welt.

Hier an der Seine hat er sich mit meiner Mutter frei gefühlt

wie nirgends sonst.

Hier hat er die ersten Kommunisten kennengelernt.

Damals eine von vielen radikalen Sekten."

(Musik wird dynamischer.)

"Und hier begann die ungewöhnliche Freundschaft

zweier ungleicher Gefährten."

Kann ich helfen? - Ich suche Monsieur Marx.

Folgen Sie mir bitte. - Gern.

Der Herr am Billardtisch mit Vollbart.

Dr. Marx? - Herr Engels?

Genau. Guten Tag.

Wir kennen uns doch, zumindest flüchtig.

Von der "Rheinischen Zeitung", für die war ich auch tätig.

(Eleanor) "Mit Engels, den wir später nur 'General' nannten,

begegnete mein Vater von Beginn an, wie er sagte,

einem vollkommen Gleichgesinnten."

Garcon, deux Cognac, s'il vous plaît.

Es war im August 1844.

Engels ist auf der Durchreise in Paris.

Er ist Erbe einer Industriellenfamilie in Wuppertal.

Sie treffen sich und auf Anhieb gibt es eine Art Seelenverwandtschaft

zwischen den beiden.

Sie verbringen viel Zeit miteinander,

um zu reden, sie trinken viel und tauschen Ideen aus.

Es ist wirklich das Zusammentreffen eines reinen Intellektuellen

mit jemandem, der die Realität der Arbeiter kennt.

Als Fabrikantensohn hatte Engels eine Werkshalle

auch schon mal von innen gesehen.

Marx dagegen kannte die industrielle Realität nur aus den Büchern,

nicht aus eigener Anschauung.

Den Einblick in diese Welt lieferte Engels ihm.

Wenn die Gesellschaft Hunderte Proletarier

vorzeitig ins Grab bringt, wissentlich.

Wenn sie Tausenden die nötigen Lebensbedingungen entzieht,

so ist das Mord und nichts anderes.

Sozialer Mord. Gegen den man sich nicht wehren kann,

weil man den Mörder nicht sieht.

Sogar Kinder geraten in diese Maschinerie.

Wer sich von klein auf jeden Tag zwölf Stunden in der Fabrik abplagt,

kaum mal in der Schulbank statt an der Werkbank sitzt,

wie viele menschliche Gefühle und Fähigkeiten

soll der noch in sein 30. Jahr hinüberretten?

Sieht das denn keiner?

Ein Kind mehr verkommen zu lassen

bringt einen Pietisten nicht in die Hölle.

Wie meinen Herrn, der geht täglich zweimal in die Kirche.

Genau, und die Arbeiter, die seinen Reichtum vermehren,

schmieden ihre eigenen Ketten und zahlen für ihre eigene Ausbeutung

die Rechnung. - So ist es.

Das System ist als Ganzes zu erfassen.

(Engels) Das sehe ich genauso.

Die berühmte Freundschaft zwischen Marx und Engels

ist in meinen Augen eine Symbiose, wo sich zwei Teile ergänzen.

Engels, der flott Schreibende, der Wirtschafter,

der Kapitalist, wenn man so will,

der das von der Pike auf gelernt hat.

Der hat gesehen, wie das abläuft.

Marx dagegen der bedächtige Theoretiker.

Die haben sich aber prima ergänzt.

Engels hatte die philosophische Tiefe nicht, die Marx besaß.

Es ist ganz klar.

Die Aufgabenteilung zwischen den beiden ist:

Du machst das Jahrhundertwerk und ich unterstütze dich.

(Er murmelt.)

Schreibst du an den General? - Ja.

Worum geht's? - Um Geld.

Sein Geld?

Das schon.

Aber sieh mal, der Engels und ich,

wir haben so eine Art Pakt.

Ich liefere das wissenschaftliche Fundament

und er stiftet dafür seine Ausbeuterdukaten.

Ein echter Mäzen.

Was glaubst du denn, wer deine Schauspielerei finanziert?

Diese Schauspielerei, das ist mein Leben.

Du kannst doch schreiben.

Wäre Shakespeare

der kleine, nicht überaus begabte Schauspieler geblieben,

der er war, man hätte ihn längst vergessen.

Das Schreiben erst

hat ihn zum größten Dramatiker der Neuzeit gemacht.

Ach, Mohr, du schreibst und schreibst.

Bist du Shakespeare?

Nein.

Die Bühne ist der einzige Ort,

an dem ich wirklich ganz ich selbst sein kann.

Nicht nur Reisebegleiterin,

Privatsekretärin, Empfangsdame.

(Sie seufzt.)

Versteh mich nicht falsch.

Ich mach das alles gerne. Weil ich richtig finde, was du tust.

Ich weiß nur nicht genau,

ob du überhaupt bemerkst, was ich da alles tue.

Aber Tussychen,

du bist doch das Wertvollste, was mir noch bleibt im Leben.

Und was ist mit meinem Leben?

Ich darf ja noch nicht mal frei wählen, mit wem ich es teilen will.

Wir wollten dich doch nur vor einer Enttäuschung bewahren.

Ich hab ihn geliebt.

Du bist doch so zauberhaft und noch so jung.

Da finden sich

genügend Kavaliere, die nicht so viel älter sind wie du.

Und wohlhabend, wolltest du sagen?

Damit ich nicht anderen auf der Tasche liegen muss.

Also so stimmt das nicht.

Außerdem hat sich der General noch nie darüber beklagt.

Ach, Mohr.

Ich glaube, du siehst auch immer nur das, was du sehen willst.

Es gab ein schweres Zerwürfnis zwischen Marx und Engels,

und zwar im Jahr 1863,

als die Lebensgefährtin von Friedrich Engels, Mary Burns,

ganz plötzlich mit erst Anfang 40 starb.

Und auf ihren Tod reagierte Marx

für heutige Begriffe entsetzlich unemotional und unbetroffen.

Er schrieb: "Sie war sehr gutmütig,

sie war sehr witzig und hing fest an dir."

Das könnte man eigentlich auch

über den Tod einer Katze oder eines Wellensittichs schreiben.

Hinzu kam, dass Marx in dem Brief,

als er Mary Burns als witzig und gutmütig bezeichnet,

sofort im nächsten Satz

wieder auf seine eigenen katastrophalen Finanznöte

zu sprechen kommt.

Dass er hier Geld braucht, da Geld braucht,

Jenny ihm mit ihrer Aufregung das Leben zur Hölle macht.

Und dann kam es tatsächlich dazu, dass Engels mal seine Geldzahlungen

für eine ganze Weile eingestellt hat.

(Eleanor) "Damals in London durchlebten meine Eltern

die Erfahrungen mittelloser Einwanderer.

Das liberale Königreich nahm zwar jeden Schutzsuchenden auf.

Aber für ihr Überleben mussten die Emigranten selbst sorgen.

Nach und nach wanderte unser Hab und Gut ins Pfandhaus."

Das müsste 200 Pfund bringen. Und sag dem Pfandleiher bitte noch,

dass wir alles wieder auslösen werden,

sobald wir wieder flüssig sind.

Aber, aber ... Ach nein! Nicht meinen Degen. Nicht den.

Das ist eine Reliquie.

Lieber verzichte ich auf ...

Ja, du! Du! Du hast leicht reden!

Die Mädchen trauen sich nicht raus,

weil sie keine richtigen Schuhe haben.

Lenchen kann zusehen, was sie kocht.

Überall lassen wir anschreiben und ich muss mich tagtäglich verstellen

und den Vermieter belügen, damit er uns nicht hinauswirft!

Mach doch ein einziges Mal die Augen auf!

(Ein Baby schreit.)

Komm her, mein Schatz!

Ist ja gut!

(Eleanor) "Sie wünsche, klagte sie damals meinem Vater,

'mit den Kindern im Grab zu liegen', und er meinte nur:

'Ich kann es ihr wahrlich nicht verdenken.'"

Er hat zwar für die größte Tageszeitung der Welt damals,

die "New York Tribune", als Europa-Korrespondent gearbeitet,

aber es hat nie gereicht.

Also diese Tragik, dass er seine Familie

eigentlich niemals alleine ernähren konnte,

sondern immer am Tropf seines Mäzens Friedrich Engels hing,

ist für ihn natürlich auch drückend gewesen.

Immer wieder zum Pfandleiher gehen zu müssen,

am Ende sogar seinen eigenen Mantel versetzen zu müssen

für 'n bisschen Geld für Brot

und ohne den Mantel konnte er aber nicht mehr aus dem Haus.

Dann schreibt er: "Ich hab kein Schreibpapier mehr."

So weit unten war's dann schon.

Andererseits, es gibt immer das Andererseits,

hat er keinen Tag seines Lebens ohne Bedienstete,

also seines Erwachsenenlebens, gelebt.

(Eleanor) "Nur in Paris

ist es meinen Eltern als Flüchtlingen einst gut ergangen."

Ist das nicht Marx? - Ja, in der Tat.

"Und noch immer war Mohrs altes Stammcafé,

jenes Café, in dem er einst Engels begegnet war,

Anlaufstelle für deutsche Emigranten.

Im neuvereinten Deutschen Kaiserreich

regierte jetzt Kanzler Bismarck. Mit Zuckerbrot und Peitsche."

Danke.

"Seine Sozialgesetze linderten zwar die Not der Arbeiter,

ihre 'sozialdemokratische Partei' aber

ließ er drangsalieren und verfolgen."

Cognac, Billard, Musik ...

So lässt sich's aushalten in der Verbannung, nicht?

Sie müssten es eigentlich besser wissen, Genosse Marx.

Ja, das stimmt.

Vor fast schon 40 Jahren stand ich auch hier. Wie ihr, genau hier.

Mit leeren Händen und einem Haufen radikaler Vorstellungen im Kopf.

Ja, und ohne diese Vorstellungen

stünden wir Sozialdemokraten heute auch nicht hier.

Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage

und zur Wiedergutmachung spendiere ich eine Runde. Jacques!

Eine Partie? Spielen Sie? - Nein, nein, ich ...

Im Ernst, Herr Marx:

Ihr Manifest hat uns die Augen geöffnet.

"Das Bedürfnis nach stets ausge- dehnterem Absatz für ihre Produkte

jagt die Bourgeoisie über die Erdkugel."

Schön, dass ihr mein Werk so gut kennt.

Wenn ihr's auch notorisch links liegen lasst.

Marx und Engels

haben ein gespaltenes Verhältnis zur Sozialdemokratie.

Zuerst einmal, weil sie in England gelebt haben

und in Deutschland ging der Zug ab.

In Deutschland bildete sich die Partei,

die sie eigentlich immer glaubten, zu sein.

In Deutschland haben die Arbeiter sich zusammengetan,

haben eine Bewegung geschaffen.

Die beiden "Alten", so wurden sie genannt,

in London haben von Ferne zugeguckt

und ziemlich garstig dann auch darüber geschrieben,

weil eben nicht ihre reine Lehre umgesetzt wurde

in einem Parteiprogramm, sondern es wurde dann,

heute würde man sagen, realpolitischer vorgegangen.

Das hat natürlich der Bismarck'schen Regierung nicht gereicht

als mäßigend - die SPD wurde verboten und so weiter -

aber Marx hat dann noch viel mehr die reine Lehre vertreten.

Es ist ja gut und lobenswert,

dass ihr für ein allgemeines Wahlrecht streitet.

Aber ihr vergesst dabei eines:

Eine demokratische Republik

gibt es nicht im Bittgang zum Hof des Kaisers.

Keine Umwälzung der Eigentumsverhältnisse

und der Produktionsverhältnisse!

"Die Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen", ich weiß.

Und unsere Geschichte ist:

Seit diesem Jahr haben wir zwölf Genossen im Reichstag.

Ein Drittel mehr als zuvor. Und das trotz Verbot.

Ohne unsere Bittgänge, wie Sie sagen,

hätte Bismarck niemals die Sozialversicherungen erlassen.

Und seine Sozialisten-Gesetze wohl auch nicht?

Der eiserne Kanzler. Ihr kungelt mit eurem Feind.

Und er jagt euch aus dem Land - zum Dank.

Die Bourgeoisie hat nichts gegen eure Reformen.

Die stopft sich nur weiter die Taschen voll.

Aber eine Gesellschaft, gerade die kapitalistische, ist kein Räderwerk.

Sie reagiert und ändert sich.

Und das auch durch uns.

Die Welt dreht sich nicht, wie's im Buche steht.

Nicht mal im "Kapital" - mit Verlaub.

Ihr werdet sehen: Ich bin noch lange nicht fertig!

Du bist ein Goldkind! Jenny, die Dritte. Wie schön.

Wenn nur Mutter sie noch gesehen hätte.

Wir kommen wieder, sobald es geht. Ich versprech's.

(Eleanor) "Die Geburt der kleinen Jenny

hatte meine Schwester arg geschwächt.

Mohr aber trieb es zurück an seinen Schreibtisch."

Sie ist sehr tapfer. Aber ich sage dir:

Das ist mehr als nur eine Blasenentzündung.

Es tut mir in der Seele weh, sie hier zurückzulassen.

Ich möchte Tag und Nacht bei ihr bleiben.

Aber ich muss endlich wieder an die Arbeit.

Selbst der General wird langsam ungeduldig.

Macht euch um mich keine Sorgen. Es geht schon besser.

Ganz bestimmt, mein tapferes Mädchen!

Wir kommen wieder. Gute Besserung!

Johnny!

(Jenny) Johnny.

Das ist doch ganz formidabel,

du darfst mit Opa und Tante Eleanor nach London.

(Marx) Johnny! En marche!

(singt) "Marchons, les citoyens

Formez vos bataillons!

Marchons, marchons ..."

(Eleanor) "Wieder machten wir uns auf die Reise,

diesmal in unser Heim nach London, die 'Hauptstadt der Welt'."

(Zughorn)

London war in der Zeit sowohl wirtschaftlich als auch politisch

ein innovativer Ort.

Die Bevölkerung war riesig und die technische Entwicklung beachtlich:

Moderne Züge, die Anbindung der Vororte,

der anwachsende Pendelverkehr, all das war ziemlich neu.

Politisch war das Klima sehr liberal.

Flüchtlinge konnten hierher kommen

und sich ohne Furcht vor der Polizei treffen.

Es war eine Metropole, die auch kulturell sehr attraktiv war.

Das Theater war sehr beliebt, die Oper, die Bühne überhaupt,

auf hohem Niveau.

Die Stadt zog Menschen an,

nicht nur aus ganz Großbritannien, sondern aus der ganzen Welt.

Daher war London vermutlich die wichtigste Stadt

seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

(Applaus, "Bravo"-Rufe)

(Eleanor) "Ich liebte Shakespeare und seinen rauen Scherz.

Sein Werk war bei uns daheim die Hausbibel.

Schon als Kind hatte ich mit meinen Schwestern und unserem Vater

die Dramen gelesen.

Er konnte ganze Absätze auswendig

und wir haben sie auf langen Spaziergängen

mit verteilten Rollen rezitiert.

In Cordelia, die jüngste Tochter von Shakespeares König Lear,

konnte ich mich gut hineinversetzen.

Vielleicht, weil sie ebenfalls

um Gunst und Verständnis ihres Vaters werben musste.

Auch wenn er oft genug störrisch war und sehr dominant:

Ich hing an meinem Vater.

Und ich fühlte seinen Zwiespalt mit

zwischen seiner Vision und der Wirklichkeit.

Du opferst also einen Bauern für den König?

Das ist aber nicht in unserem Sinne.

Schach!

Remis!

Remis, mein Lieber.

Dem Himmel sei Dank!

Wenn du verlierst, wird's für gewöhnlich ungemütlich.

Wenn du mich so drängelst. - Inwiefern?

Das weißt du genau.

Ich erinnere dich nur daran, was du selbst versprochen hast.

Der zweite Band sollte längst fertig sein.

Du bist ja strenger wie Lenchen mit der Haushaltskasse!

Das braucht Zeit, Fritz!

Die Welt ist nun mal so furchtbar vielverzweigt

und ändert sich rasend.

Eben. Und sie wartet nicht.

Ich weiß: Sie dreht sich immer schneller.

Manchmal weiß ich nicht, ob ich noch schritthalten kann.

Schreib ihm das! Jetzt ein Bier!

Ich komme gleich wieder.

Guten Abend, Sir. Mr. Marx.

Freundschaft, Genosse.

Vater, ich ... - Nicht jetzt, Frederick!

Die Herren.

Ich hätt mir 'nen lauen Lebensabend machen können

und die Aktien arbeiten für mich.

Aber ich hab mir geschworen,

niemals so zu werden wie mein alter Herr, Gott hab ihn selig.

Ach, Fritz! Der war doch auch nichts weiter wie eine Schachfigur

in dem großen Spiel.

In dem sich alle gegenseitig verdrängen,

bis nur noch wenige am Zug sind. - Irgendwann. Am Ende. Schachmatt.

Und zwar vorhersehbar.

Niemand hat das so genial analysiert wie du.

Wir! - Ja, schön, wie wir.

Aber Mensch, Mohr! Schreib endlich diesen verdammten Band fertig!

Nach all dem, was du da schon reingesteckt hast.

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Ja, das ist sehr gut! Das setzen wir ans Ende.

Jetzt noch eine Parole für den Einstieg.

(Eleanor) "Lange vor dem 'Kapital' hat mein Vater,

inspiriert von Engels,

ihr gemeinsames Bekenntnis in eine Streitschrift gefasst."

... eigenen Totengräber. - Das ist gut!

"Unterdrücker und Unterdrückte,

heißt es in ihrem 'Kommunistischen Manifest',

führten stets einen Kampf gegeneinander,

der jedes Mal in einer revolutionären Umgestaltung

der ganzen Gesellschaft endet."

Wenn man's zuspitzt, kann man sagen,

im "Kommunistischen Manifest" steht schon der ganze Marx.

Der Marx, der den Kapitalismus beschreibt wie ein mächtiges Wesen,

was sich verselbstständigt hat.

Ein Wesen, was die Menschen geschaffen haben.

Er spricht ja vom Hexenmeister, er feiert die Bourgeoisie.

Er sagt, dieser Kapitalismus, so würden wir das heute übersetzten,

der Kapitalismus setzt Kräfte frei, die es vorher nie gegeben hat.

Das ist ein sehr dialektischer Prozess.

Wenn er einerseits sagt, das ist das Größte,

was die Menschen geschaffen haben,

aber es ist ihnen aus der Hand geglitten,

oder es gleitet ihnen aus der Hand.

"Hier beherrscht euch etwas,

das ihr eigentlich beherrschen müsstet."

Und für mich verbindet sich damit,

auch schon beginnend im "Kommunistischen Manifest",

der Auftrag an die Zukunft, die bis heute reicht.

"Versucht, dieses System so gut zu verstehen,

dass ihr es wieder beherrscht."

Das steckt eigentlich da drin.

(Eleanor) "Mein Vater war überzeugt:

Nur die Revolution schafft eine Welt

ohne Eigentum, Ausbeutung, Entfremdung."

Erst dort findet der Mensch zu seinem wahren Wesen.

Er kann morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht betreiben,

nach dem Essen kritisieren, wie er Lust hat.

Ja, aber ohne jemals im Leben ein richtiger Jäger, Viehhirte,

Fischer oder Kritiker gewesen zu sein.

Einer wie du eben.

(Stimmengewirr, bedrohliche Klänge)

(Eleanor) "Im Frühjahr 1848 schien das Tor in eine neue Zeit

plötzlich weit offen zu stehen.

In vielen Städten Europas gingen die Bürger gegen Fürsten und Könige

auf die Barrikaden, forderten Freiheit und Mitsprache.

Ihren Ursprung hatte die Welle des Umsturzes

wieder einmal in Frankreich."

Das erste Ergebnis dieser Revolution in Paris

und der Ausrufung der Republik waren Revolutionen in Wien,

in Berlin und in den deutschen Kleinstaaten.

Es gab überall liberale Regierungen in ganz Deutschland im März 1848.

Also eine Bewegung,

die dann zu der Konstituierung des Frankfurter Nationalparlaments,

des ersten gesamtdeutschen Parlaments

in der Paulskirche geführt hat.

Zur Verabschiedung der Grundrechte

und zur Formulierung einer ersten deutschen demokratischen Verfassung.

Also in diese Welt kam Marx zurück,

als er dann im Frühjahr 1848 wieder nach Köln kam

und dort eine Neuauflage der "Rheinischen Zeitung"

unter dem Titel "Neue Rheinische Zeitung" ins Auge fasste.

(Eleanor) "Für seine 'proletarische Revolution' allerdings

sah mein Vater die Zeit noch nicht reif.

So stand es auch in seiner Zeitung zu lesen."

(Marx) Dann zeig mal her! Aha.

Sieht doch ganz manierlich aus.

Hier! Was sagt unser Zensor?

Brillantester Antikommunismus, würde ich sagen.

Das muss die Bourgeoisie ja in große Freude versetzen.

Man kann sich seine Bundesgenossen nicht aussuchen.

Kommunismus, das ist doch noch das Schreckwort für die Bürger.

Würde einer offen als Kommunist auftreten,

ich glaube, der würde gesteinigt werden.

Es ist noch nicht die Zeit.

(Eleanor) "Mein Vater war überzeugt:

Erst muss das Bürgertum die Monarchie stürzen,

um dann seinerseits dem Proletariat zu weichen -

wenn die Zeit reif dafür ist.

Und daher stellte er sich jenen entgegen,

die jetzt schon eine proletarische Revolution verlangten."

Nehmt doch endlich Vernunft an!

Genossen! Man muss das doch bitte mal dialektisch sehen:

Wenn ihr jetzt einen Aufstand anzettelt,

erreicht ihr nicht die Emanzipation der Arbeiterklasse,

sondern allenfalls ihren Niedergang.

(Gebrüll)

Was soll dieses Geschwafel?

Jetzt ist Schluss mit dem Dialektkram und dem Theoriegelaber.

Jetzt ist die Chance, jetzt, jetzt!

(Jubel)

Bürger, jetzt hört doch mal zu! Bürger!

Wenn nicht das gesamte Volk durch große Fragen

in den Kampf gedrängt wird, ist ein Aufstand sinnlos!

Komm, Jenny, wir gehen. Es ist alles gesagt.

So ein Unsinn! Wenn die Revolution vorbei ist,

brauchen wir nicht mehr auf die Barrikaden!

(Eleanor) "Selbst in rebellischen Zeiten

blieb mein Vater ein Mann des Wortes:

Als die Revolution 1849 um ihr Überleben rang,

prangerte er die Unfähigkeit des Bürgertums an,

die alten Mächte zu bezwingen.

Sein Gefährte Engels

wollte sich keineswegs kampflos mit dem Scheitern abfinden.

Nicht umsonst nannten wir ihn 'General'."

Er hat sich aktiv am Überlebenskampf

für die Freiheit beteiligt.

Ebenso tapfer wie vergeblich.

Auch mein Vater verlor trotz aller Rückschläge

nie den Glauben an die Revolution,

die er als 'Lokomotive der Geschichte' ansah."

(Wiehern, Schüsse)

"Nach der Niederlage floh unser 'General'

über die Schweiz nach England, wo später mein Vater Zuflucht fand.

Die siegreichen Preußen

ließen 27 gefangene Freiheitskämpfer hinrichten.

Engels hat ihre Haltung gerühmt: 'Kein Einziger hat gebettelt',

schrieb er später, 'kein Einziger hat gezittert.

Das deutsche Volk wird die Füsilierten nicht vergessen.'

Ebenso gewaltsam wie die erste deutsche Demokratie

wurde auch das Sprachrohr meines Vaters niedergezwungen.

Mit der ihm verbliebenen Barschaft zahlte er seine Leute aus.

Die letzte Ausgabe ließ er, ungebeugt, in roter Farbe drucken."

(Marx) "Und so lieg ich da in meiner Kraft, eine stolze Rebellenleiche!"

"Auf der Lippe den Trotz und den zuckenden Hohn.

In der Hand den blitzenden Degen.

Noch im Sterben rufend" - da hörst du's, Karl -

"Noch im Sterben rufend: 'Die Rebellion!'"

So bin ich mit Ehren erlegen.

Liebe Genossen, wem ist das schon vergönnt,

sein eigenes Begräbnis feiern zu können?

Und der Zensor hat auch nichts mehr zu tun. So viel ist sicher.

Darauf erst mal Prost! - (beide) Prost!

Matt.

Das tut mir aber aufrichtig leid.

Den darf man einfach nicht übersehen.

Lass uns aufhören!

Wird denn das Früchte tragen, was wir tun, Fritz?

Das zu befinden, überlass mal lieber der Geschichte, Mohr.

Und wenn die Geschichte sich 'nen Scheißdreck um uns kümmert

und einfach weiterrauscht?

An uns Säulenheiligen der Bewegung vorbei?

Hör auf. Wir haben den Arbeitern

das wissenschaftliche Rüstzeug mitgegeben.

Das kaum jemand zur Kenntnis nimmt.

Das schon überall Wirkung zeigt.

Du hast die Bewegung über Grenzen hinweg international verknüpft.

Mit großen Löchern.

Was ein Netzwerk so an sich hat.

Es wird sich enger zusammenfügen. Sogar ohne uns.

Ohne uns? Und was bleibt von uns? Eine Fußnote der Geschichte?

Unsinn! Wir sind erst am Anfang.

Frisch auf ans Werk, Prophet!

Ohne uns würden die Arbeiter

doch immer noch schwärmerischen Wanderpredigern nachlaufen.

Wie damals diesem tapferen Schneiderlein.

Der, wie hast du immer gesagt?

Ein Rezept zur Verwirklichung des Himmels auf Erden

fertig in der Tasche trägt. - Genau.

Wilhelm Weitling.

Wir werden nicht umhinkommen, eine eigene Armee aufzustellen.

(Eleanor) "Wer von den Kampfgenossen nicht bereit war,

den Ideen meines Vaters bedingungslos zu folgen,

das muss man sagen: Der hatte einen schweren Stand.

Seine eigene Weltsicht war für Karl Marx Gesetz."

"Alle Menschen werden Brüder", Weitling!

Es gibt Menschen, deren Bruder ich nie sein will.

Wir müssen den Arbeitern doch nur die Augen öffnen.

Sie werden sich selbst befreien.

Mit Hoffnungen führen Sie Menschen in den Untergang!

Das Volk aufwiegeln

ohne wissenschaftliche Erkenntnis ist Betrug!

Ich habe im Kerker gesessen

und mehr Brüder um unsere Fahne geschart,

als mancher der hier am Tisch versammelten Stubengelehrten.

Mit Wissenschaft erreicht ihr die Herzen nicht!

Niemals!

Niemals hat Unwissenheit irgendjemandem genutzt!

(Eleanor) "Viel Zeit seines Lebens hat mein Vater damit verbracht,

abweichende Meinungen - bevorzugt von Seiten politischer Gefährten -

zu bekämpfen, mit geradezu inbrünstiger Streitsucht."

Der mit Marx befreundete Russe Pawel Annenkow,

der bei dieser Auseinandersetzung dabei war,

schrieb dann anschließend:

"Er war fest überzeugt von seiner Mission, die Geister zu beherrschen,

ihnen seinen Willen aufzuzwingen und sie mitzureißen.

Vor mir stand die Verkörperung des demokratischen Diktators."

Tatsächlich hat Marx nichts neben sich gelten lassen,

sozusagen, an Meinungen.

Der war fest davon überzeugt.

Er ist derjenige,

der den Schlüssel zum Rätsel der Geschichte tatsächlich gefunden hat.

Davon war er schon sehr früh überzeugt.

Er hat das auch immer in einer sehr unnachgiebigen,

teilweise sehr harschen Art und Weise

anderen gegenüber zum Ausdruck gebracht.

(Eleanor) "Mein Vater konnte despotisch sein.

So sah er es gar nicht gerne, dass ich Theater spielte.

Vielleicht, weil ihn mehr mit dem geschriebenen

als mit dem gesprochenen Wort verband.

Vielleicht aber auch,

weil er auf dieser Bühne nicht mehr über mich verfügen konnte.

Ich hasste ihn manchmal dafür,

denn eigentlich waren wir doch Seelenverwandte:

Ich selbst rang damals um jede Anerkennung.

Und auch bei meinem Vater spürte ich die Angst,

dass ohne Bedeutung bleiben könnte,

was er sich unter Opfern abgerungen hatte."

Ich wär schon mal da. Sonst noch niemand?

Oh, ich habe noch gar nicht mit dir gerechnet.

Warum machst du kein Licht an, Lenchen?

Wir haben schon die zweite Mahnung fürs Gas!

Die Schatulle ist leer, ich lass überall anschreiben.

Ich hab einen Mordshunger. - Mohr, warte.

Ach so, wir haben Besuch.

Wir hatten doch vereinbart ... - Ich weiß.

Ich dachte, ich meine, ich hab ihn schon so lange nicht gesehen.

Er hat mir auch Geld mitgebracht, der gute Junge.

Schon klar, ich bin hier unerwünscht.

Schönen Abend, allerseits.

Tut mir leid.

Guten Abend.

Mohr?

Mohr?

(Eleanor) Mohr?

Die Aufführung war wundervoll!

Das Publikum hat stehend applaudiert.

(Marx) Wie schön für dich, meine Cordelia.

Wer war das gerade?

Besuch für Lenchen.

Und was ist mit dir?

Warum stehst du hier im Dunkeln?

Tut manchmal ganz gut.

(Eleanor) "Lenchen gehörte zur Familie,

so weit ich zurückdenken konnte.

Was es mit ihrem unbekannten Besucher auf sich hatte,

blieb mir lange Zeit ein Rätsel."

"Auch wenn mein Vater mit Geld nicht gut umgehen konnte:

Mit der undurchsichtigen Macht des Kapitals

kannte er sich aus wie kaum jemand sonst.

Und mit dem Unwesen,

das es in einer rasant sich verändernden Welt anrichtete."

(Marx) Guten Tag. - Schönen guten Tag.

Könnten Sie mir einen Kredit über, sagen wir, 15 Pfund gewähren?

Ich erwarte jederzeit eine Zahlung, die schon längst aussteht.

Mr. Marx, nicht wahr?

Sie habe ich lange nicht gesehen.

Keine Aktiengeschäfte mehr?

Na ja, das war damals ja kein großer Erfolg.

Außerdem bedarf es für dieses Spiel eines gewissen Eintrittsgeldes.

Nun ja. Warten Sie einen kleinen Augenblick, bitte. Ich kümmere mich.

Danke, ich warte.

Was ist? - Ich glaube es ja nicht.

Du hast mit Aktien spekuliert?

Gerade ich! Man muss schon was riskieren,

um seinen Feinden das Geld abzunehmen.

Mit Aktien? Wie denn das?

Du gerätst doch in Hochstimmung, wenn die Kurse fallen!

Ich kann den Widerspruch nicht sehen.

So, schon organisiert. Bitte.

Sie müssen nur noch hier unterschreiben, bitte.

Danke. - (Marx) Danke.

Auf Wiedersehen.

Du geißelst das ungerechte System, ziehst aber selbst Gewinn daraus!

So viel Gewinn war das damals nicht.

Es ist Blutgeld, Papa.

Aber mein Tussychen. Geld ist niemals gut oder böse.

Es ist nur völlig ungleich verteilt.

Und dieses Missverhältnis wird immer noch größer.

Irgendwann wird dann der Gegensatz zwischen Arm und Reich,

zwischen den Lohnsklaven, den Arbeitern und ihren Ausbeutern

so unerträglich, dass das ganze System zusammenbricht.

Der Kapitalismus

wird an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen.

(Eleanor) "Typisch Mohr.

Die Widersprüche des Kapitalismus konnte er erklären,

seine eigenen aber konnte oder wollte er nicht sehen."

Karl Marx hat ja angenommen,

dass das Wirtschaftssystem zusammenbrechen wird

und dass dann die Revolution des Proletariats

zwangsläufig und unausweichlich ist.

Das ist natürlich totaler Quatsch.

Zu sagen, dass Geschichte ein Ziel hat

oder überhaupt nur anzunehmen, dass Geschichte ein Ziel hat

und dass es irgendwie fest gefügte Verhältnisse gibt,

die nur dann irgendwie weggesprengt werden können.

Das hat man im 19. Jahrhundert gerne so angenommen.

Aber da muss man einfach sagen,

da waren auch andere im 19. Jahrhundert ein bisschen weiter.

Eben zu sagen, dass Systeme weich sind,

dass sie veränderlich sind, dass sie dynamisch sind,

dass sie anpassungsfähig sind.

Das hat Karl Marx total unterschätzt.

Natürlich haben wir Krisen,

aber Krisen sind eben notwendiger Teil des Kapitalismus

und nicht das Ende des Kapitalismus.

Ich hab mal irgendwo ein Zitat gelesen,

das Problem mit der Marx'schen Lehre sei,

dass jeder Proletarier eigentlich gern ein Bourgeois wäre.

Und vielleicht ist es diese, sagen wir mal, psychologische Bipolarität,

in der wir da leben, die Schizophrenie, die dazu führt,

dass diese Aufstände, die sich ja eigentlich

mechanisch zwingend aus dem, was Marx sagt, ergeben müssten,

nicht passiert sind.

(Eleanor) "In seinem Werk hat mein Vater beschrieben,

wie Geld die Menschen erniedrigt,

weil Geld alles in eine Ware verwandelt."

'Das Geld ist der neue Gott und der Kapitalismus die neue Religion.'

'Das Kapital sucht und findet ständig neue Märkte,

bis in die hinterste Ecke der Erde.'

'Es wird investiert, um neues, immer mehr Kapital zu ernten.'

'Eine alles verschlingende Verwertungsmaschine,

die keine Grenzen kennt, ungebremst, weltweit.'

Die Wissenschaft meines Vaters war es,

diese Entwicklung umfassend zu beschreiben und vorherzusehen:

'Der Markt', schreibt er, 'muss beständig ausgedehnt werden,

sodass seine Zusammenhänge und Bedingungen

immer unkontrollierbarer werden.'

'Bis das System am Ende zusammenbricht.'

So steht es im 'Kapital', Band eins."

Marx sagt schon sehr früh, und das führt er dann sehr genau aus,

dass ein Markt, ein nationaler, nie ausreichen kann.

Also, es muss sich internationalisieren,

es muss die Erde umspannen, wie er sagt,

es muss in jeden Winkel vordringen.

Und das bedeutet, dass alles Mögliche,

alles, was wir uns vorstellen können, nicht nur Bodenschätze,

sondern eben Land, Betreuung, Pflegedienste -

alles, alles, alles wird zu einer Ware,

die dann in einem riesigen großen Warenkorb sich ansammelt.

Und dieses System nimmt erst mal keine Rücksicht darauf,

dass es vielleicht Umweltschäden verursacht,

das haben wir in der Geschichte erlebt,

sondern es muss wachsen.

Es ist wirklich wie ein Krebswachstum.

Nur das Schlimme ist bei dem Krebs:

Er zerstört den Körper, in dem er lebt.

Also der kluge Krebs würde sagen: "Ich stell mal mein Wachstum ein."

Das kann, nach Marx, der Kapitalismus nicht.

(Möwengeschrei)

(Marx) "Hier, mein Kind, lebe ich als Einsiedler,

gehe mit niemandem um, ausgenommen die Visiten des Doktor Williamson.

Also, Kind, sobald deine Verpflichtungen es erlauben:

Komm zu mir und wohn hier mit mir!"

(Schiffshorn)

(Eleanor) "Anfang 1883 reiste ich auf die Isle of Wight,

wo mein Vater seinen anhaltenden Husten zu kurieren versuchte.

Ich kam jedoch nicht, um ihm Gesellschaft zu leisten.

In meinem Leben habe ich viele traurige Stunden gehabt,

keine aber war so traurig wie diese.

Ich hatte eine entsetzliche Nachricht erhalten.

Auf dem langen Weg rang ich mit mir,

wie ich sie ihm beibringen sollte.

Doch er ahnte bereits, was ich ihm zu sagen hatte."

Unser Jennychen ist tot.

Du fährst jetzt sofort nach Paris, zu den Kindern.

Jetzt tu endlich, was ich dir sage.

Ich komme hier schon zurecht.

(Eleanor) "'Der Tod ist kein Unglück für den, der stirbt',

hat er mal gesagt, 'sondern für den, der überlebt.'

Schon nach dem Tod meiner Mutter hat Engels geargwöhnt:

'Der Mohr ist mit ihr gestorben.'

Doch mein Vater war ein Kämpfer geblieben.

Nun schien er ernsthaft gebrochen.

Vier seiner geliebten Kinder und seine Frau fürs Leben

waren ihm in den Tod vorausgegangen.

Wie ein Sinnbild für das Scheitern

nach so viel Drangsal in seinem Leben."

Marx ist ja nie fertig geworden.

Er hätte noch 200 Jahre leben können und wäre nicht fertig geworden.

Er hat es erkannt, aber auch darunter gelitten.

Man muss sich vorstellen, ein Schriftsteller,

dessen Werk zum Kulturerbe der Menschheit erklärt worden ist,

hat diesen Ruhm, dieses Ganze nie miterlebt.

Er ist also eher, nicht im Verborgenen,

aber nicht in dem Maße gewürdigt worden zu Lebzeiten,

die er auch verdient hätte.

Und ich glaube, das hat ihn am meisten gekränkt,

dass die Fachwelt so wenig Kenntnis von seinen Schriften genommen hat.

Daraus kann man umgekehrt schließen, und ich glaube,

das wusste er auch ein bisschen, dass er seiner Zeit weit voraus war.

(Glockengeläut)

(Engels) Bald genug wird sich die Lücke fühlbar machen,

die der Tod dieses Gewaltigen gerissen hat.

Marx war der bestgehasste und bestverleumdete Mann seiner Zeit.

Regierungen, absolute wie republikanische, wiesen ihn aus,

Bourgeois, konservative wie extrem-demokratische,

logen ihm um die Wette Verlästerungen nach.

Er schob das alles beiseite wie Spinnweben,

achtete dessen nicht,

und antwortete nur, wenn äußerster Zwang da war.

Und er ist gestorben,

verehrt,

geliebt,

betrauert von Millionen revolutionärer Mitarbeiter,

die von den sibirischen Bergwerken an

über ganz Europa und Amerika bis Kalifornien hin wohnen.

Und ich kann es kühn sagen:

Er mochte noch manchen Gegner haben,

aber kaum noch einen persönlichen Feind.

Karl Marx.

Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben,

und so auch sein Werk!

(Eleanor) "Der gute treue Engels mühte sich redlich,

seinem Freund bereits am Grab

das Monument eines bedeutenden Weltgeistes zu errichten.

Doch schon die kleine Schar der Trauergäste belegte,

wie wenig Notiz die Welt vom Tod des Karl Marx damals nahm.

Sein Tod riss eine unersetzbare Lücke in mein Leben.

Und er brachte mir auch eine Erkenntnis,

die mir fast den Boden unter den Füßen hinweg zog.

Denn nach und nach erfuhr ich, wer dieser Frederick wirklich war:

Er war der Sohn von Lenchen.

Und nicht Engels war sein Vater, wie sie nach außen vortäuschten,

sondern Mohr.

Doch so seltsam es klingt,

schon bald wurde diese Entdeckung zum Geschenk.

Frederick zu meinem engsten Vertrauten

und auch politisch zum Gleichgesinnten -

ganz im Sinne unseres gemeinsamen Vaters.

Was sicher nicht für alle selbsternannten Erben galt."

(Die Menge skandiert Parolen.)

(Lenin spricht Russisch.)

Alles, was nach 1917, nach der Oktoberrevolution kommt,

sehe ich wenig, was Marx unterschreiben könnte.

So müssen wir es ja sehen. Er lebte ja nicht mehr.

aber im 20. Jahrhundert sind Systeme entstanden,

die freiheitswidrig waren.

(trommelnde Musik)

Marx war ein Philosoph der Freiheit, wenn man das mal vorne anstellt.

Die Pressefreiheit war ihm so wichtig,

dass er ins Exil gegangen ist.

Dass er irgendwas getragen oder befürwortet hätte,

was diese Freiheiten einschränkt, gilt als sehr unwahrscheinlich.

(trommelnde Musik)

Man kann, man muss Marx nutzen, um zu verstehen.

Mir hilft Marx zum Verständnis.

Marx liefert kein Werkzeug, um ein politisches System zu errichten.

Da er nicht in den Kategorien eines Landes dachte.

Er dachte in globalen Maßstäben, und so weit sind wir noch nicht.

Ich ziehe also den Analytiker Marx dem Politiker Marx vor.

Und ihr sollt mit Stolz diese Namen tragen.

Wir hatten im 20. Jahrhundert das eine oder andere politische System,

was eben das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft hat.

Was gesagt hat: "Das brauchen wir nicht."

Wir haben gesehen, dass diese Volkswirtschaften

nicht effizient waren, nicht gut funktioniert haben.

Was der Kapitalismus dann hervorgebracht hat,

war die erfolgreichere und auch die überlebende Wirtschaftsordnung.

(Hundegebell, Krähenkrächzen)

Ich würde behaupten,

dass wir in der Abenddämmerung des Kapitalismus leben.

Ob das noch 20 oder 30 oder 40 Jahre gut geht, mag sein. Ja.

Aber ich glaube,

dass das gegenwärtige Auseinander- driften zwischen Arm und Reich

so nicht tragbar ist.

(Eleanor) "Zu seinen Lebzeiten habe ich oft mit meinem Vater gehadert.

Nach seinem Tod fand ich meinen Frieden mit ihm.

Während sich jeder ein Bild von ihm formte, in Überlebensgröße zumeist,

gewann mein Übervater für mich nun ein höchst menschliches Format.

'He was a man', wie Shakespeares Hamlet sagt.

Er war ein Mensch.

Ein Mensch, der die Menschheit liebte.

Ich habe ihn sehr lieb gehabt."

Untertitelung in Auftrag des ZDF, 2018

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