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EINE UNANSTÄNDIGE FRAU
Lieber Charles,
ich weiß, dass du über das, was geschehen ist, nicht mit mir reden willst.
Daher schreibe ich dir diesen Brief.
Vielleicht kann ich es auf diesem Weg auch besser erklären.
Nicht, weil ich mich rechtfertigen möchte,
sondern um das Geschehene selbst besser zu verstehen.
Erinnerst du dich noch an den Tag,
an dem wir bei dir im Gefängnis unser Konzert gaben?
An jenem Tag habe ich Leon kennengelernt.
Es war sehr heiß.
Bitte glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich es nicht darauf abgesehen hatte,
ihn oder irgendeinen anderen Mann kennenzulernen.
Es kam einfach über mich.
Steht Ihnen ausgezeichnet.
Vielleicht ein bisschen zu eng, aber nicht schlecht.
Wie kommen Sie hier rein?
Durch den Makler.
Sie wollten sich das Haus ansehen?
Ja, das könnte man wohl sagen.
Also das ist eines der Schlafzimmer.
- Ihr Zimmer? - Waschbecken.
Hier sind noch drei weitere Schlafzimmer.
Und ein zweites Bad mit Dusche.
Ist sehr praktisch, wenn Sie eine große Familie haben.
Die Sachen kommen selbstverständlich noch weg.
Dann gehen wir mal nach unten.
Dort habe ich mich schon umgesehen.
Gut. Und was denken Sie?
Was ich denke? Ich denke... Ich sag's besser nicht.
Zu diesem Haus hier gehört noch ein kleines Gartenhaus.
Und hinten im Garten...
Ich möchte Sie jetzt bitten zu gehen.
Du bist schön.
Entschuldigung.
Mir zitterten die Knie, Charles.
Kannst du dir vorstellen, dass man einem wildfremden Mann begegnet
und sich nichts sehnlicher wünscht, als von ihm berührt zu werden?
Ich habe mich vor mir selbst erschrocken.
Vor meinem eigenen Verlangen.
Und, wie war's?
Was sagtest du?
Ich fragte, wie es war.
Sie wollen noch darüber nachdenken.
Dann wird es bestimmt wieder nichts.
Ich bringe euch beiden was zu trinken.
Danke!
Nur noch einen Augenblick.
Jetzt hast du mich aber ganz schön reingelegt.
Kleines Biest.
Also rein oder raus?
Oder wollen Sie vielleicht mit runterkommen?
Was soll der Unsinn? Haben Sie zuhause keine Dusche?
Das ist mein Zuhause.
Das eine oder andere werde ich wohl noch umbauen lassen,
aber die Farbe hier gefällt mir gut.
Dieses Grün finde ich sehr schön.
Bestimmt kennst du dieses Gefühl.
Du stehst irgendwo, du bist in Gedanken versunken...
...und plötzlich merkst du, dass hinter dir jemand steht.
Du siehst dich nicht um.
Und du weißt nicht, wer es ist.
Und auf einmal fühlst du, wie seine Hände unter deinen Rock gleiten.
Du willst dich umdrehen, aber irgendetwas hindert dich daran.
Diese Hände streicheln deinen ganzen Körper.
Über deine Brüste.
Du fühlst, wie deine Brustwarzen hart werden.
Dann spürst du, wie sich ein Körper von hinten an dich presst.
Du weißt nicht, wer es ist.
Aber du willst dich auch nicht umdrehen.
Wenn du dich zu ihm umdrehst, wäre alles vorbei.
Würdest du dich umdrehen?
- Machst du so was öfter? - Ja, das tue ich.
Ich kenne Frauen, denen gefällt das.
Wenn du das Haus kaufen willst, regelst du das am besten mit meinem Makler.
Hat dich das vielleicht nicht angemacht?
Der hat den Kaufvertrag. Den kannst du unterschreiben.
Und wenn nicht, dann lässt du es eben.
Du schreckst davor zurück.
Und deshalb bist du sauer auf mich.
Kann ich davon ausgehen, dass der Makler den Schlüssel zurückbekommt?
Willst du das wirklich?
Natürlich war ich sauer.
Auf der einen Seite fand ich ihn einfach arrogant und aufdringlich,
aber auf der anderen Seite war mir, als würde er meine geheimsten Wünsche,
meine tiefsten Sehnsüchte kennen.
- Du bist schon da? - Schon?
Ich bin doch spät dran.
Hier, ich bitte um Entschuldigung.
- Entschuldigung wofür? - Dass ich so spät komme.
Ich gehe jetzt schnell duschen und dann komme ich dir helfen. Gut?
So ein Stapel.
Alles Akten, die ich in den nächsten Tagen durchgehen muss,
um darüber einen Bericht zu schreiben.
Es ist unglaublich, was man da zu lesen bekommt.
Was sich zum Beispiel Leute nach jahrelangem Eheleben einfallen lassen,
um aus ihrem Alltagstrott auszubrechen.
Es sind alles ganz gewöhnliche Menschen in ihren Reihenhäusern
und Eigentumswohnungen. Du wärst platt, wenn du das lesen würdest.
Unglaubliche Geschichten.
Nehmt euch bitte noch.
Ja, gerne.
Also meine Schwester hat mir vor kurzem etwas erzählt,
das gut zu diesem Thema passt.
Ihr Mann sitzt an einem schönen Nachmittag im Garten,
und da hörte er auf einmal eine Frau rufen.
Hilfe! Hilfe!
Er steht auf, horcht, und wieder.
Hilfe! Hilfe!
Die Rufe kommen aus dem Haus. Gleich hinter ihrem Grundstück.
Er sofort über den Zaun, rennt zu dem Haus
und hört immer noch die Hilferufe.
Er will also dort rein, schmeißt sich gegen die Hintertür,
der Mann ist so groß wie ein Schrank, versteht ihr,
und läuft rein. In das Haus seiner hochanständigen Nachbarn.
Und wie er im Flur steht, hört er die Frau wieder rufen.
Hilfe!
Es kommt von oben, er also hoch und steht vor einer fest verschlossenen Tür.
Hilfe!
Er wirft sich dagegen.
Und vor ihm liegt die Ehefrau des Nachbarn,
auf dem Bett,
nackt.
Hände und Füße ans Bettgestell gefesselt.
Und direkt vor ihr am Boden liegt ihr eigener Mann.
In schwarzen Lederklamotten.
Mit so einer kleinen Maske vor seinem Gesicht.
Und krümmt sich vor Schmerzen.
Er hat sich nämlich das Bein gebrochen, als er vom Schrank gesprungen ist.
Schon verrückt, was sich die Leute so alles ausdenken.
Nun das Schärfste aber kommt ja noch.
Das Ende der Geschichte war, dass sie ein paar Monate später weggezogen sind.
Der Mann konnte sich nirgends mehr blicken lassen.
Überall rief man: "Hey, Zorro!"
Wo wir gerade bei dieser Art von Geschichte sind,
erzähle doch mal die Story von dieser Frau. - Welche?
Als Überraschung für ihren Mann ließ sie sich für 450 Mark
ohne Mehrwertsteuer auf ihre Beine eine super Tätowierung verpassen.
Mit abwaschbarer Tinte.
Als ihr Göttergatte abends abgearbeitet nach Hause kommt
und zu seiner Frau ins Bett steigt,
sieht er sie vor sich liegen, nackt.
Mit lauter feuerspeienden Drachen auf den Oberschenkeln.
- Du Schwein! - Er fährt völlig darauf ab und sein Johnny steht wie eine Eins.
Du mieser Dreckskerl!
Hey, was ist denn? Willst du es etwa erzählen?
Eine Gemeinheit ist das!
Na hör mal, ich erzähle nur die Geschichte von einem Mann und seiner Frau.
Du bist das Letzte! Verschwinde!
Na jedenfalls, um diese Geschichte zum Abschluss zu bringen,
die Frau musste den ganzen Sommer mit langen Hosen rumlaufen,
weil die Farbe nicht mehr abzukriegen war.
Entschuldigt, ich werde mal nach ihr sehen, okay?
Wunderbar!
Jetzt brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen, dass das Essen nicht reicht.
Ich höre sie nicht wegfahren.
Hoffentlich kommen die zwei erst wieder, wenn alles aufgegessen ist.
Das ist doch kindisch gleich wegzurennen!
Ist es gar nicht! Musstest du ausgerechnet mit dieser Geschichte kommen?
- Schrei nicht so! - Du weißt, wie peinlich mir das ist!
Geh doch mal nachsehen.
Schatz, du kennst sie. Es ist ganz normal bei ihnen.
Bis zum Nachtisch haben sie es doch noch nie ausgehalten.
Immer verdirbst du alles!
- Habe ich gesagt, dass wir gemeint waren? - Hör doch auf!
- Du hast dich doch verraten! - Das stimmt doch gar nicht!
Du bist so ein hinterhältiger und verlogener Kerl!
- Immer wieder dasselbe! - Sei ruhig jetzt!
- Scheiße! - Aber Spatz,
du weißt doch, dass du mein Ein und Alles auf dieser Welt bist.
Lass uns die Sache bitte vergessen.
Emmi!
Komm mal her.
Das ist für die beiden so eine Art Vorspiel.
Charles?
- Ja? - Könntest du dir das auch vorstellen?
Na ja, einfach so, irgendwo in einem Auto?
Auf so eine Idee würde ich niemals kommen.
Könntest du mit jemandem, den du zufällig triffst
und von dem du nicht einmal den Namen weißt,
einfach so Sex haben?
Nun, mit einem Mann jedenfalls nicht.
Und mit einer Frau auch nicht. Du meinst einfach so?
Nein. Ich glaube, das könnte ich nicht. Kann das hier weg?
Aber du hättest doch sicher Verständnis dafür?
Liebling, ich habe so etwas noch nie getan.
Ich habe auch noch keine Sekunde daran gedacht,
dich jemals mit einer anderen zu betrügen.
Wo gehst du hin?
Spiel ruhig weiter. Ich gehe nur mal kurz ans Telefon.
Ich bin gleich wieder da.
Emilia Stahl.
Hier ist Leon.
Leon? Welcher Leon?
Erinnerst du dich denn nicht mehr?
Ich bin der, der dein Haus gekauft hat.
Woher hast du meine Nummer?
Die habe ich mir von deinem Makler geben lassen.
Ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber ich musste unbedingt deine Stimme hören.
Ich muss dich sehen. Ich denke die ganze Zeit an dich.
Ich habe sehr viel zu tun.
Und ich wüsste nicht, warum ich mich mit dir einlassen sollte.
Ich weiß auch nicht. Vielleicht, weil du es willst?
Ich kann nur für mich selbst sprechen.
Ich verspreche dir, ich werde dir nicht zu nahe treten.
Ich werde dich nicht einmal berühren.
Es ist nur ein Spiel.
Mama?
Mama!
Du konntest also nicht kommen?
Nein, ich will nur kurz etwas holen.
Ich verstehe. Du bleibst also nicht lange?
- Nein. - Na dann ist ja alles in Ordnung.
Ich erwarte nämlich jemanden.
Du empfängst hier schon Besucher, obwohl du den Kaufvertrag
noch gar nicht unterzeichnet hast?
Na ja, Besuch eigentlich nicht.
Es ist viel mehr eine Frau, mit der ich ein Spiel spielen will.
Und weil das hier immer noch Ihr Haus ist, kann ich Sie ja schlecht vor die Tür setzen.
Du meinst, du könntest mit ihr ein Spiel spielen?
Ein Spiel, bei dem nur geschieht, was sie selbst möchte.
Und es gibt dabei nur zwei Spielregeln.
Spielregel eins: wenn einer von den beiden Stopp sagt,
dann ist das Spiel vorbei.
Spielregel zwei: sie darf alles sagen, alles fragen
und alles tun.
Ganz nach ihrer Fantasie.
Gibt es viele Frauen, die darauf eingehen?
Fast alle.
Aber was soll ich denn tun?
Ich will, dass du zuhörst.
Und ich will dir erzählen, was sich heute Nacht in meiner Fantasie abgespielt hat.
Du brauchst wirklich keine Angst zu haben.
Ich werde dich nicht berühren.
Ich bin bereit.
Ich sehe die Sonne scheinen.
Und du liegst am Strand.
Er ist voller Menschen.
Es riecht nach Sonnenöl.
Man hört Musik aus Kofferradios.
Versuche es dir vorzustellen.
Das Sonnenlicht blendet deine Augen.
Du spürst den Geruch des Meeres.
Du liegst auf einem weichen Badetuch.
Feiner Sand überall.
Es ist warm.
Und du trägst nichts als einen winzigen Slip.
Und plötzlich merkst du, dass da jemand vor dir steht.
Schon eine ganze Weile.
Und dann tropft Wasser auf deine Füße.
Aber es ist gar kein Wasser.
Es ist Eis, das in seiner Hand schmilzt.
Es tropft auf deinen Hals,
auf deine Lippen,
auf deine Brust,
auf den Bauch
und in den Nabel.
Plötzlich merkst du, dass du mit einem Mal völlig nackt bist.
Was macht er mit dir?
Los, erzähl.
Er ist weg.
Er ist weg.
Macht nichts.
Hast du eine Fantasie, die noch weitergeht?
Ich weiß nicht.
Denk drüber nach,
bis wir uns wiedersehen.
Emilia?
Emilia?
Hey, was ist los mit dir?
Was soll sein?
Ich habe schon dreimal gefragt, ob du das mit den Theaterkarten erledigt hast.
Nein, ich kann nicht.
Aber Liebling, wir haben drei freie Abende zur Auswahl.
Gib es zu, du hast nicht angerufen.
Ich habe es einfach vergessen.
Verdammt noch mal!
Entschuldige.
Von vorn.
Was ist los, Emilia?
Ich bin doch nicht blind.
Und taub auch nicht, aber ich werde es noch, wenn du so weiterspielst.
Du bist ganz woanders, Emilia.
Ich glaube, du bist bei einem Mann?
Stimmt, ja.
Es ist doch nicht Marcel, oder? Dann will ich es gar nicht wissen.
Nein. Du kennst den Mann nicht.
Bist du verknallt in ihn?
Oder ist es nur reine Geilheit?
Oder möchtest du Charles eifersüchtig machen?
Tja.
Wie soll ich sagen...
Er macht etwas mit mir.
Vögeln, nehme ich doch wohl stark an?
Es geht noch weiter.
Noch weiter?
Es geht nicht um ihn, es geht um mich.
Um mein...
Verlangen. - Verlangen? Wonach?
Was willst du denn mehr? Du hast doch alles, was du willst.
Es ist...
ein Verlangen nach...
der Erfüllung.
Ohne das gäbe es nichts, Simone. Keine Musik. Nichts.
Charles?
Ich gehe Tennis spielen. Wir haben bis zehn einen Platz bekommen.
Bis nachher!
Sie sagte, sie hätte ein Platz von acht bis zehn.
Und ist sie vielleicht bei Rot-Weiß?
Auch nicht?
Warten Sie. Und Gelhoff? Simone Gelhoff?
Oh, gut. Ich bedanke mich. Wiederhören!
Erzähl mir davon.
Es ist ein voller Saal.
Ein Saal voller Silhouetten.
Männer? Frauen?
Nur Männer.
Sie haben ihre Frauen zuhause gelassen,
weil sie mit mir schreckliche Dinge machen wollen.
Dieses Gefühl habe ich oft, wenn ich auftrete.
Ist sonst noch jemand auf der Bühne?
Ich bin allein.
- Und was spielst du? - Schubert.
Ich habe einen Minirock an, aus sehr elastischem Stoff.
Es ist unruhig im Saal.
Ich schaue hinunter in die Dunkelheit
und höre sie flüstern.
Ich denke, es gefällt ihnen nicht und versuche noch besser zu spielen.
Und dann merke ich, dass mir mein Rock nach oben gerutscht ist.
Ich kann nichts dagegen tun.
Ich muss weiterspielen.
Immer weiter. Voller Konzentration und voller Gefühl, um sie abzulenken.
Doch die Unruhe im Saal wird stärker.
Mein Rock sitzt jetzt wie ein sehr enger Gürtel um meine Taille.
Ich kann mich nicht bewegen, denn sonst würde ich mich verspielen.
Ich fühle, wie sie mich alle anstarren.
Ich gerate in Panik.
Kalter Angstschweiß bricht mir aus.
Es ist, als würden die Saallichter immer heller werden.
Der Scheinwerfer...
sucht langsam meinen Schoß.
Es wird warm.
Warm.
Heiß.
Heiß.
Ich fühle, wie mich alle anstarren.
Alle schauen mich an!
Und ich...
zeige mich ihnen.
Schaut her!
Schaut!
Schaut doch! Schaut!
Schaut!
Das sollten wir nicht tun.
Aber du willst es doch auch.
Es ist nur ein Spiel.
Du bist noch wach? Warum bist du nicht schon schlafen gegangen?
Anna hat sich heute Abend nicht wohlgefühlt, und da habe ich mich zu ihr gesetzt.
War's schön beim Tennis?
Was ist mit Anna?
Hat sie was Schlechtes geträumt?
Oder denkst du, dass es was Ernstes ist?
Nein, nein, nicht geträumt, sie hat Temperatur.
Fieber?
Weiß ich nicht. Ich habe nicht gemessen.
Ich denke nicht.
Nein, ich war nicht beim Tennis.
Ich meine, ich bin zwar da gewesen, aber ich hatte mich in der Woche geirrt.
Warst du allein unterwegs?
- Oder mit Simone? - Nein, sie war nicht da.
Und woher kommst du gerade?
Von Mutters Haus.
Und was hast du da getan?
Ich habe den Boden aufgeräumt.
War schon komisch da oben im Haus.
Man sieht und hört dort überhaupt nichts.
Und dann noch völlig allein.
Nicht ganz.
Der neue Besitzer hat kurz mal vorbeigeschaut.
Er kam zum Abmessen.
Er will Parkett auslegen lassen.
Wollen wir nicht schlafen gehen?
Ich weiß, Charles, ich bin nicht ehrlich zu dir gewesen,
doch ich wusste nicht, wie ich es dir erklären sollte.
Ich wollte dich auf keinen Fall verletzen,
denn es hatte nicht das Geringste mit meinen Gefühlen zu dir zu tun.
Das Einzige, was Leon und mich verband, war Lust.
Und nicht Liebe.
Etwas Flüchtiges, das wieder vorbeigehen würde.
Doch je mehr ich ihn aus meinen Gedanken zu verdrängen suchte,
desto stärker nahm er von mir Besitz.
- Weißt du, wer das gemacht hat? - Nein.
Deine Oma.
Hallo, ich bin's. Augenblick Zeit?
Ich sollte dir doch eine von meinen Fantasien erzählen.
Guck mal, Mami.
Ich komme gleich.
Hast du den Mut, sie zu hören?
Ja. Los, fang an.
Ich stelle mir vor, dass du an einem so sonnigen Tag wie heute
allein in die Stadt gehst, mit einem Regenmantel an.
Und du läufst an den Pornokinos vorbei,
an den Sexshops, Peepshows.
Dann suchst du dir ein Geschäft, in dem Dessous verkauft werden.
Keine eleganten, sondern Reizwäsche für Nutten.
Was er mir vorschlug, fand ich einfach absurd.
Aber auch irgendwie aufregend und prickelnd.
So widersprüchlich können Fantasien sein.
Doch als ich dann einige Zeit darüber nachdachte,
fragte ich mich, will ich es nicht oder traue ich mich nur nicht?
Weil ich die Antwort nicht wusste, bin ich an jenem Nachmittag zu dir gekommen.
Doch offenbar gab es nichts mehr,
was den Lauf der Ereignisse hätte aufhalten können.
Erst jetzt wird mir klar,
dass ich an jenem Nachmittag eine Grenze überschritten habe.
- Emmi! - Hallo!
Liebling!
- Was machst du denn hier? - Nur eine kleine Überraschung.
Wollen wir zusammen Mittag essen gehen?
Jetzt?
- Ich habe gleich eine Sitzung. - Geh doch einfach heimlich weg.
Das hier ist nun wirklich nicht der geeignete Ort, um auszureißen.
Die Jungs versuchen das hier fast täglich.
Ich könnte aber heute eine halbe Stunde früher zu Hause sein.
Das ginge schon. Und dann gehen wir beide was Feines essen. Gut?
Ja, wir werden sehen.
Tut mir leid.
In einer halben Stunde bei den Markthallen.
Was hast du an?
Das wirst du schon sehen.
Wie viel?
Fünfzig.
In Ordnung, steig ein.
Wohin fährst du?
Nach Hause.
Bist du verrückt? Ohne mich.
Also dann hier um die Ecke, auf den Parkplatz.
Wir wollten uns doch nicht anfassen.
Eine Nutte, die man nicht anfassen darf?
Ich bezahle dich doch.
Danke.
Okay.
Sag mir, was ich machen soll.
Zieh deinen Slip aus.
Ich will dich jeden Tag.
Aber ich brauche dein Geld nicht jeden Tag.
Weißt du, dein Geld ist genauso beschissen wie die Kröten von
einem x-beliebigen Freier von nebenan.
Können wir fahren?
Ich habe noch was zu erledigen.
Wie viel Uhr ist es?
Gleich drei.
Drei Uhr? Mein Gott! Anna!
Bitte fahr los. Schnell!
- Soll ich dich irgendwo hinbringen? - Ja.
Nein! Zu meinem Wagen.
Oh, es tut mir leid, Schatz!
Sei mir bitte nicht böse, aber mir ist etwas dazwischen gekommen.
Ich verspreche dir, so etwas passiert nie wieder.
- Mama, ich habe Hunger. - Warte einen Moment.
Ich werde dir gleich etwas zu essen machen.
- Da bist du ja. - Hallo, Charles.
- Du bist schon da? - Ja. Ich konnte keine Gefangenen mehr sehen.
Warum hast du bei diesem Wetter einen Mantel an?
Ich muss wieder weg.
Ach, komm! Eine Tasse Tee, er ist auch schon fertig.
Was ist mit dir? Du hast doch irgendwas.
Nichts.
Ich will einfach etwas anderes anziehen. Darf ich?
Die Mutter von Esther hat angerufen.
Ach ja, entschuldige, ich bin zu spät gekommen.
Das passiert nicht wieder.
- Die Probe hat zu lange gedauert. - Aber heute ist Freitag.
Deine Gruppe probt doch gar nicht freitags.
Also gut. Ich war in der Stadt.
Ich wollte dich überraschen.
Was sagst du dazu?
Habe ich für dich gekauft.
Gefällt es dir?
Ja.
Wollen wir nach oben gehen?
Jetzt?
Jetzt.
Erst bezahlen.
Hab nur einen Zehner.
Geizhals!
- Da musst du noch was zulegen. - Ach ja?
Wie viel denn?
Ich will erst hören, was du willst.
Ich glaube, dass ich das nicht will!
Dann nicht.
Wirklich jammerschade.
Ich habe irgendwie die Vermutung, dass etwas nicht stimmt.
Ich meine, ich kann nichts beweisen, aber...
Wie lange geht das schon so?
Wie lange denkst du, dass es schon so geht?
Eine Woche.
Ein paar Wochen.
Oder auch ein paar Jahre.
Hast du Emilia selbst schon einmal gefragt?
Sag bloß, dir ist nichts bei ihr aufgefallen?
Lieber Charles, ich habe schon alle Hände voll zu tun,
Marcel einigermaßen unter Kontrolle zu halten.
Was willst du damit sagen?
Nichts.
Bloß, dass du dieser Sache selbst nachgehen musst,
wenn du etwas vermutest. Sprich mit Emilia.
Ja, das kann weg. Nach dem Bett, die Matratze und die Bilder.
Und die kleinen Tische hier könnten auch gleich mit. Vielen Dank!
Hallo?
Ich habe deine Fantasie wahrgemacht.
Jetzt will ich, dass du meine ausführst.
Ich will, dass du es mit jemand anderem tust.
Mit einer anderen Frau.
Und ich schaue zu.
Wo? Hier?
Nicht einfach zuhause. Nein.
In einer Toilette.
Wo man jederzeit überrascht werden könnte.
Eine...
Eine öffentliche Toilette?
In der Toilette eines besonders schicken und teuren Restaurants.
Okay.
In Ordnung.
Hast du schon eine entdeckt, mit der du es tun willst?
Ich habe mich noch nicht festgelegt.
Ist es die Rothaarige?
Vielleicht.
Doch nicht wohl etwa die Ältere hinter mir?
Das würde sicher interessant werden.
Und die da drüben?
Geh doch schon mal vor.
Wo ist sie?
Schau mal in den Spiegel.
Schau mal in den Spiegel.
Nicht.
Und wenn jemand reinkommt?
Das wolltest du doch so.
Nun mach schon, Anna!
Wie sollst du denn groß und stark werden, wenn du nichts isst?
Ich will gar nicht groß und stark werden.
Na komm, einen Happs für Punuckl.
Mit "m"!
Papa darf ruhig Punuckl sagen.
Und nun einen Happs für dein Mäuschen.
Einen Happs für Papa.
Einen Happs für Mama.
Nein.
Kriege ich nichts?
Nein.
Dann eben nicht.
- Hast du deine Mama nicht lieb, Anna? - Nein!
Hier.
- So, jetzt reicht es mir aber! - Emilia! Bist du verrückt?
Komm, mein Schatz.
- Schläft sie? - Ja.
Emilia.
Was ist mir dir los?
Ich weiß auch nicht, Charles.
Wenn ich es nur selbst wüsste.
Du hast Anna noch nie geschlagen, und das wirst du auch nie wieder tun!
Ich weiß, dass das nicht geht. Dass man das nicht darf!
Dass es unvernünftig ist!
Aber man kann sich doch auch mal vergessen, oder nicht?
Wie kannst du so was sagen?
Bei uns im Gefängnis hören wir jeden Tag solche Geschichten.
- Hat dich je deine Mutter geschlagen? - Nein!
Und du siehst ja, was aus mir geworden ist!
Wir müssen uns noch was Schönes für Annas Feier überlegen.
Von welcher Feier redest du denn?
Sie hat Geburtstag.
Deine Tochter.
Oh Gott.
Hattest du es vergessen?
Nein.
Aber das ist doch erst in einem Monat.
In zwei Wochen.
Emmi, gibt's einen anderen?
Ja.
Wir können uns nicht mehr sehen.
Was ist das Problem?
Alles!
Anna.
- Wer ist Anna? - Mein Kind. Meine kleine Tochter.
Oh.
Verstehe. Aber was ist denn mit Anna?
Was ist los mit ihr?
Ich habe sie geschlagen! Zum ersten Mal! Mitten ins Gesicht!
Das Leben kann manchmal sehr hart sein.
- Wir sind gestern zu weit gegangen. - Für wen zu weit?
- Für dich? - Für Charles.
- Hast du es ihm erzählt? - Nein.
Na ja, dann.
Wir sollten damit Schluss machen, bevor...
Komm, ich bitte dich.
Ich bitte dich.
Mich musst du nicht anflehen.
Du musst dich entscheiden.
Du hast übrigens auch noch nicht Stopp gesagt.
Sag mal, Marcel, hast du deinen Job in Dubai angenommen?
Marcel hat die Stelle abgelehnt.
Simone wollte nicht mitkommen.
Und Marcel liebt mich so sehr, dass er nicht allein dorthin wollte.
Und als ihm klar wurde, dass die Frauen dort mit Schleier rumlaufen
und unantastbar sind, wollte er erst recht nicht nach Dubai.
Hör mal, Spatz, das stimmt doch überhaupt nicht.
Je mehr Schleier, desto spannender das Auspacken.
Ist euch eigentlich klar, dass ihr seit Menschengedenken
das allererste Mal bis zum Nachtisch bei uns durchgehalten habt?
In einer Ehe braucht man halt Abwechslung.
Sonst seid ihr doch immer streitend davongelaufen.
Ihr habt euch dann in euren Wagen gesetzt
und wir dachten, warum können wir nicht wie sie losfahren?
Also schauten wir nach und sahen euch beide zanken,
und nach 5 Minuten... - Ihr habt uns also nachspioniert.
Habe ich richtig gehört, Simone, die beiden sind Spione?
So sollte es doch normalerweise auch sein.
Und die meisten können ihre Probleme untereinander klären.
Doch es gibt auch Menschen, die brauchen dazu einen anderen.
Mama!
Mama!
Mama!
Mama!
Mama!
Mama!
Was ist denn, Schatz? Was hast du?
Hey, was ist denn los, Anna?
Da am Fenster!
Schatz, das ist nur dein Mobile.
Die Schmetterlinge.
- War's das? - Hm.
Anna, wir müssen noch über deinen Geburtstag sprechen.
Wollen wir nicht ein großes Fest geben?
Ich glaube, die Geschenke werden dir schon gefallen.
Hast du einen besonderen Wunsch?
Ja, heute will ich Mama sein.
Bitte nicht, Anna, lieber ein anderes Mal.
Ich bin heute nicht in der richtigen Stimmung.
- Dann bin ich Papa. - Nicht heute, Schatz.
Wie wäre es mit vorgestern? Da fühlte ich mich besser.
- Geht gestern auch? - Ja.
Dann möchte ich der Mann von gestern sein.
Welcher Mann?
Der Mann, der mich angerufen hat, als Mama im Badezimmer war.
- Weißt du seinen Namen? - Den habe ich vergessen.
- Und was wollte er? - Du sollst bei ihm anrufen.
Du hast recht.
Womit?
Du hast recht, ich hab darüber nachgedacht.
Wir müssen damit aufhören.
- Aufhören? - Ja, aufhören.
- Jetzt? - Jetzt.
Das verstehe ich nicht, wieso?
Stopp!
Sag nichts! Nicht jetzt!
Was ist mit dir?
Hey, sag mir, was ich tun soll.
Es ist vorbei, Emilia.
Ich werde alles für dich tun.
Was du auch willst.
Alles?
Alles!
Und wenn ich dich nun fesseln will?
Und wenn ich dich schlagen will?
Wenn du es willst.
Okay.
Was ich will...
Sag, dass du mich liebst!
Stopp!
Stopp!
Liebe? Von Liebe ist niemals die Rede gewesen, Charles.
Du musst mir glauben, wenn ich das sage.
Dieses Wort ist mir zu kostbar.
Es war auch immer nur für dich bestimmt.
Ich habe gedacht, dass mit meinem Stopp alles vorbei sein würde.
Aber ich hatte mich geirrt. Nur ein paar Tage später ist mir bewusst geworden,
dass einer der Mitspieler falsch gespielt hatte.
Habe ich dich darum gebeten, mich anzufassen?
Was hast du vor? Gehst du weg?
Ich muss hier raus! Du widerst mich an.
Und wenn du mich aufhältst, dann werde ich dich wegstoßen! Schlagen!
- So kenne ich dich gar nicht! - So kennst du mich nicht, nein.
So kennst du mich nicht!
Charles, ich liebe dich doch!
Das ist leicht gesagt. Das ist auch viel leichter,
als sich als Hure zu verkleiden und sich auf dem Rücksitz
eines Autos mit gespreizten Beinen ficken zu lassen.
Woher weißt du das?
Ich bekomme im Gefängnis fast täglich ein paar Anrufe.
- Nein! - Aber ich höre mir das nie sehr lange an.
- Charles, glaub mir bitte... - Meine Frau ist eine erstklassige Hure.
"Wir haben gerade auf dem Rücksitz in meinem Wagen gevögelt.
Wissen Sie, Sie kennen Ihre eigene Frau nicht!"
Charles, wo willst du hin?
Zu einer Nutte, was sonst?
Ich bin froh, dass du gekommen bist.
Willst du was trinken?
Es ist aus und vorbei. Stopp! Verstehst du mich?
Ab jetzt lässt du mich in Ruhe. Du lässt meine Tochter in Ruhe
und du lässt meinen Mann in Ruhe.
Wir spielen doch längst ein anderes Spiel, Emilia.
Das gibt es nur noch eine Spielregel: Alles ist echt.
Und es ist nicht mehr aufzuhalten.
- Du bist verrückt! - Nein.
Lass mich sofort los!
Du hast mir wahnsinnig gefehlt.
Weiß dein Mann schon, dass das Spiel zu Ende ist?
Hallo?
Hey, rate mal, wer hier dran ist.
Falls du deine Frau suchst, sie ist hier und wird sobald nicht zurückkommen.
- Sie bleibt lieber bei mir. - Hör auf!
Aber du weißt doch, dass ich dich nie wieder freigeben werde.
Dich erregt doch so was, oder?
Rühr mich nie wieder an! Ich meine das ernst.
Ja, das weiß ich. Du spielst ausgezeichnet.
Du darfst mich jetzt nicht missverstehen.
Ich kann ohne dich nicht mehr leben.
Emilia, mach bitte die Tür auf.
Das macht keinen Spaß mehr. Solche Fantasien gehen mir jetzt zu weit.
Du willst mich also nicht. Und warum nicht?
Ich liebe dich nicht!
Und all die Stunden, die wir zusammen verbracht haben, bedeuten dir nichts?
Du bist nur ein Körper für mich, eine Fantasie.
- Weiter nichts! - Und wie soll es mit uns weitergehen?
Du willst mich nicht verstehen. Jeder von uns geht seinen eigenen Weg.
Das geht nicht.
Das geht nicht, Emilia.
Nur der Tod kann uns noch trennen.
Lass mich, du bist ja verrückt!
Ja, vielleicht.
Also gut. Wenn du mich willst, dann los.
Aber ich bin woanders.
Ich bin bei einem anderen.
Ich sah die Panik in deinem Blick.
Ich war an diesem Tag zu Leon gegangen,
um ihm zu sagen, dass er aus unserem Leben verschwinden soll.
Doch da schrie etwas in mir auf.
Eine andere, mir bis dahin unbekannte Stimme.
Ich war nicht fähig zu wählen, und ich gebe auch zu,
dass ich nicht wählen wollte.
Etwas ist geschehen, das mir gezeigt hat, dass ich mehr bin als nur deine Frau.
Nur das Eine kann ich dir mit Sicherheit sagen, lieber Charles.
Ich liebe dich!
Ich umarme dich!
Deine unanständige Frau.
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