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Hallo liebe Zuschauer, ich bin Friedrich, willkommen zurück bei
Friedrichs Zeitmaschine. Heute reisen wir ins Nürnberg des Jahres 1500.
Schließt kurz die Augen und wenn ihr sie wieder öffnet, stehen wir mitten auf dem
Hauptmarkt, einem der lebendigsten Plätze des gesamten Heiligen Römischen
Reiches. Es ist ein Dienstagmorgen im April des Jahres 1500.
Nürnberg ist eine freie Reichsstadt. Das bedeutet kein Herzog, kein Bischof.
Kein Fürst regiert hier. Nur der Kaiser steht über ihr und der Kaiser ist weit
weg. Etwa 25.000 Menschen leben innerhalb der Stadtmauern. Mit den
Vorstädten sind es mehr.
Nürnberg ist eine der wohlhabendsten Städte nördlich der All. Zum Vergleich,
Hamburg zählt zu dieser Zeit vielleicht 12.000 Einwohner, Augsburg etwa 20.000,
Frankfurt knapp 10.000.
Größer, reicher und vernetzter als fast jede andere deutsche Stadt.
Doch was Nürnberg wirklich antreibt, sind seine Werkstätten, seine Erfinder,
die Waren, die es in alle Himmelsrichtungen schickt.
Mithilfe von Kains gestützter Rekonstruktion, basierend auf erhaltenen
Ratsprotokollen des Stadtarchivs Nürnberg, zeitgenössischen Handels- und
Zunftregistern sowie archäologischen Befunden mittelalterlicher Bürgerhäuser,
rekonstruieren wir einen typischen Tag in einer Stadt, die gerade dabei ist,
die Welt zu verändern.
Unser Weg führt durch sieben Stationen, vom ersten Licht in den Werkstattgarten
bis zur Nacht, wenn die Tore fallen und die Wächter ihre Runden machen.
Wir stehen in einer Gasse östlich des Lorenzplatzes, im Herzen des
Handwerkerviertels. Das erste, was du wahrnimmst, ist der Klang. Schon vor
Sonnenaufgang hämmern ein gleichmäßiges, rhythmisches Schlagen aus mindestens
drei Richtungen gleichzeitig.
Nürnberg schläft nicht lang.
Die Häuser sind aus Sandstein und Fachwerk errichtet, gedrungen, breit,
massiv im Erdgeschoss. Hier liegt die Werkstatt, hier ist das Lager, hier
beginnt der Tag.
Die Obergeschosse kragen vor, die Gasse wird enger, je höher du schaust.
Im vierten Stockwerk könntest du fast die Hand zum Gegenüber reichen.
Im Erdgeschoss eines Schlossermeisters beginnt der Tag.
Der Lehrling, 14 Jahre alt, aus einem Dorf im Frankenland hierher gefickt,
zieht die Esse in Gang, langsam, mit Methode.
Einen Fehler beim Anheizen sieht der Meister sofort.
Der Schlossermeister hat einen Ruf, der weit über Nürnbergs Mauern reicht.
Seine Schlösser gehen nach Venedig, nach Krakau, nach Sevilla.
Käufer aus ganz Europa bestellen hier, weil nirgendwo sonst die Qualität so
verlässlich ist.
Die Stadt hat das garantiert.
Strenge Vorschriften, Meisterstücke, Qualitätsprüfungen.
Wer in Nürnberg das Meisterzeichen trägt, hat es verdient.
Die Meisterin kennt jeden Abnehmer, jede Zahlungsfrist, jeden Preis.
Wenn ihr Mann auf der Messe in Frankfurt ist, läuft der Betrieb unter ihrer Hand
ohne Unterbrechung.
Im Handwerk haben Frauen in Nürnberg eine vergleichsweise eigenständige
Stellung. In der Werkstatt, in den Büchern, im täglichen Wirtschaften. Im
Rat sitzen sie nicht, auf den Märkten aber verhandeln sie.
Während die Essen glühen und erste Schritte die Gassen füllen, zieht uns
der Weg zum Herz der Stadt.
Der Hauptmarkt ist größer als du erwartest und weit und fast theatralisch
offen nach einer engen Gasse.
Um ihn herum Bürgerhäuser, Zunfthäuser, Kramhuden.
An der Nordseite das Portal der Frauenkirche und in der Mitte der schöne
Brunnen.
Achteckig, fast 20 Meter hoch, bekrönt von einem goldenen Turmhelm, umgeben von
Figuren, Kaiser, Kurfürsten, Propheten.
Seit 1396 steht er hier. Er versammelt die Macht des Reiches auf einem einzigen
Brunnenbecken. Hinter ihm die Frauenkirche.
Kaiser Karl IV.
ließ sie in der Mitte des 14.
Jahrhunderts errichten, auf dem Grund der ehemaligen jüdischen Synagoge,
nachdem die jüdische Gemeinde Nürnberg 1349 im großen Pogrom ausgelöscht wurde.
Das ist die Geschichte, die der Stein nicht erzählt.
Nur wer es weiß, hört sie.
Der Markt selbst ist ein Gewimmel.
Gemüse, Tuch, Gewürze, Leder, Eisenwaren, Lebkuchen, Glatwaren.
Händler aus Augsburg stehen neben Krämern aus Böhmen. Ein venezianischer
Kaufmann verhandelt mit einem Leinenweber aus dem Allgäu. Die Sprachen
mischen sich.
Mittelhochdeutsch, Latein, Venezianisch, etwas Polnisch an einem Tisch in der
Ecke.
Ein Ratsherr geht über den Markt, Pelzbesatz am Kragen, teures Tuch,
gemessener Schritt.
Er nickt niemandem zu, hinter ihm ein Diener mit einem Korb.
Der Ratsherr kauft nicht selbst, das ist unter seiner Würde.
Eine Lebkuchenbäckerin hat einen Stand mit Waren, die schon seit dem Vorjahr
vorbereitet wurden.
Honig, Gewürze, gebacken nach einem Rezept, das die Familie seit drei
Generationen hütet.
Nürnberger Lebkuchen gehen nach Polen, nach England, in die Niederlande, die
Waldart. Sie verhandelt die Preise selbst.
Nürnberger Waren, Messer, Schlösser, Zirkel, Spielzeug, winzige
Metallarbeiten jeder Art, nennt man in ganz Europa schlicht Nürnberger Tant.
Das klingt abwertend, ist es aber nicht. Es ist Anerkennung.
Wenn etwas aus Nürnberg kommt, weiß man, Es funktioniert.
Heute ist Nürnberg vor allem wegen eines anderen Marktes bekannt.
Der Christkindlesmarkt zählt jedes Jahr über zwei Millionen Besucher. Der
berühmteste Weihnachtsmarkt der Welt.
Was hier 1500 als gewöhnlicher Alltagsmarkt beginnt, ist der Vorläufer
von allem.
Während Händler feilschen und Münzen den Besitzer wechseln, führt uns der Weg
hinauf. Zum Ort, der über allem thront.
Von der Burg aus sieht man die ganze Stadt.
Rote Dächer, Kirchturmspitzen, die Pegnitz, die sich als silbernes Band
durch das Häusermeer schlängelt.
Und die Stadtmauer, die das alles umschließt. Über fünf Kilometer lang,
mit Türmen, Zwingern, Toren, an den Haupteinfallswegen doppelt geführt.
Die Burg wirkt von außen nüchtern, fast karg.
Der Prunk ist woanders, die Macht ist hier.
Seit 1424 lagern in diesen Mauern die Reichskleinodien, die Reichskrone,
das Reichsschwert, die Heilige Lanze, das Reichszepter, die Insignien des
Heiligen Römischen Reiches.
König Sigismund übertrug sie damals nach Nürnberg, weil die Stadt als
verlässlichster Ort des gesamten Reiches galt.
Das war ein Vertrauensbeweis und ein enormer wirtschaftlicher Vorteil
zugleich. Einmal im Jahr, zur Heiltumsweisung, werden die Reliquien
dem Volk gezeigt.
Tausende kommen, aus Bayern, aus Böhmen, aus den Niederlanden.
Pilger, die wochenlang gereist sind, um für wenige Minuten auf die Krone zu
blicken, unter der alle Kaiser des Reiches gekrönt wurden.
Jeder Pilger braucht Unterkunft.
Jeder Pilger kauft etwas.
Nürnberg hat früh verstanden, Heiligkeit ist auch Wirtschaft.
Maximilian I., König und späterer Kaiser, schätzt Nürnberg.
Er hält hier Hoftag, Reichsverhandlungen werden in diesen Mauern geführt. Das
sagt alles über den Rang dieser Stadt.
Die Kaiserburg steht heute noch.
Jedes Jahr besuchen sie über 400.000 Menschen.
Das meistbesuchte historische Bauwerk Bayerns.
Die Reichskleinodien sind längst weg, 1796 nach Wien verbracht, als Napoleon
das Reich zertrümmerte.
Sie liegen heute in der Wiener Schatzkammer.
Nürnberg beherbergt nur die Kopien.
Während die Turmwächter den Horizont absuchen und unten auf dem Markt der
Lärm anschwillt, führt uns der Weg in das, was Nürnberg wirklich ausmacht.
Wir sind zurück in den Garten, diesmal nahe der Burgstraße. Über einem
Werkstatttor hängt ein Schild, ein Name, Albrecht Dürer.
Er ist 29 Jahre alt in diesem Jahr, gerade aus Venedig zurückgekehrt. Dort
hat er gesehen, wie Künstler behandelt werden, wie Herren.
In Venedig trägt ein Maler Samtmantel und sitzt neben Gelehrten zu Tisch.
In Nürnberg ist er ein Zunftangehöriger unter vielen.
Er denkt darüber nach.
Und in diesem Jahr, 1500, malt Dürer sein berühmtestes Selbstporträt.
Frontal, symmetrisch, ein Blick, der den Betrachter nicht loslässt. Er malt den
Künstler als Ebenbild Gottes, einen Gedanken, den vor ihm niemand auf diese
Weise auf Holz gebracht hat.
Es ist eine stille Revolution, festgehalten auf einer Holztafel.
Heute hängt dieses Bild in der alten Pinakothek in München und zählt zu den
bekanntesten Gemälden der Welt.
Nicht weit entfernt liegt eine andere Werkstatt. Dort fertigt ein
Instrumentenmacher Astrolabien, Kompasse, Quadranten.
Objekte, mit denen Schiffer auf hoher See die Sterne ablesen.
Objekte, die den Weg in unbekannte Gewässer weisen werden.
Erst acht Jahre ist es her, dass Martin Beheim, Nürndager Kaufmann und
Kosmograph, den ersten Globus der Welt fertiggestellt hat, den Erdapfel.
Er zeigt die Kontinente, die Handelswege, die bekannte Welt.
Amerika fehlt.
Kolumbus ist sieben Jahre zuvor zurückgekehrt, aber in Nürnberg weiß man
noch nicht, was er wirklich gefunden hat.
Die Karte ist veraltet, bevor die Tinte getrocknet ist.
Und dann ist da noch die Druckerei, drei Häuser weiter.
Anton Koberger, der reichste Verleger Deutschlands, sitzt in Nürnberg.
24 Druckerpressen, über 100 Beschäftigte.
Vor sieben Jahren erschien hier die »Vedelsche Weltchronik«, 1809
Holzschnitte, auf Latein und auf Deutsch, die Geschichte der Welt von der
Schöpfung bis zur Gegenkunft. Das teuerste Buchprojekt seiner Zeit.
Was diese Stadt ausmacht, geht weit über Handel und Handwerk hinaus.
Hier wird gedacht, gemessen, erfunden.
Während Pfeilen, Klingen und Entwürfe auf Papier entstehen, führt uns der Weg
zum Ort, an dem die Stadt über sich selbst entscheidet.
Das Rathaus am Hauptmarkt ist der Sitz des Rates der Stadt Nürnberg. Und dieser
Rat ist anders als fast jeder andere in deutschen Städten dieser Zeit.
Hier sitzt ausschließlich das Patriziat.
Alte Familien, die Tücher, die Stromer, die Holzschuher, die Pirkeimer.
Namen, die seit Generationen dieselben Bänke besetzen.
In anderen Städten haben Handwerker gekämpft, manchmal erfolgreich um einen
Platz im Rat.
In Nürnberg hatte das 1348 kurz funktioniert.
Die Handwerkerzünfte versuchten, Mitsprache zu erkämpfen. Der Rat schlug
zurück. Die Rädelsführer wurden verbannt, die Zünfte aufgelöhnt.
Nürnbergs Handwerker haben bis heute keine Zünfte im eigentlichen Sinne. Sie
haben Bruderschaften und Genossenschaften, die der Rat
kontrolliert. Die Handwerker erschaffen den Reichtum, der Rat verwaltet ihn.
Daran hat sich seitdem nichts geändert.
Trotzdem ist das Stadtrecht erstaunlich präzise.
Gerichtsverfahren sind geregelt, Urteile schriftlich festgehalten.
Kein Bürger kann ohne Verfahren inhaftiert werden.
Kaiser und Reichsfürsten bitten den Nürnberger Rat um Rat, im wörtlichsten
Sinn. An einem der Ratstiffe sitzt heute Willibald Pirkheimer, Humanist,
Jurist, Patrizier, Freund von Albrecht Dürer.
Er hat in Padua und Pavia studiert, kennt die griechische Antike, übersetzt
Lukian ins Deutsche.
Das, was man heute einen öffentlichen Intellektuellen nennen würde, regiert
gemeinsam mit seinen Standesgenossen eine freie Reichsstadt von 25.000
Menschen. Macht und Bildung unter einem Dach. In Nürnberg um 1500 passt das
zusammen.
Während Tintenfässer geleert und Wiegel in heißes Wachs gedrückt werden, neigt
sich der Arbeitstag seinem Ende zu.
Die Werkstätten fließen, die Marktstände werden abgebaut und in den Wirtsstuben
füllen sich die Tische.
Nürnberg trinkt Frankenwein, herb, trocken, aus den Weinbergen westlich der
Stadt. Dazu gibt es Fleisch, Bratwürste, kurz und dünn.
Schon 1497 hat der Rat ihre Zubereitung geregelt. Größe, Gewicht,
Zusammensetzung. Nirgendwo sonst im Reich schreibt ein Stadtrat vor, wie
eine Wurst auszusehen hat. Das ist typisch Nürnberg.
Ein Becher Wein kostet drei Pfennige, eine Schüssel Brei mit Speck vier
Pfennige. Ein Handwerksgeselle verdient an einem guten Arbeitstag acht bis zwölf
Pfennige, genug zum Essen und Trinken, knapp für alles andere.
An einem langen Tisch sitzen ein Kirschnergeselle, ein Buchdrucker aus
Kobergers Werkstatt und ein reisender Händler aus Leipzig.
Der Buchdrucker spricht am meisten. Er hat gerade 500 Exemplare einer
lateinischen Schrift fertiggestellt, in drei Tagen gedruckt.
Vor 60 Jahren hätte dasselbe einen Mönch ein Jahr Abschreibarbeit gekostet. Er
weiß das. Er ist stolz darauf.
In der Ecke singt ein Benkelsänger eine Ballade über die Entdeckungsfahrten nach
Westen. Genaue Einzelheiten kennt er nicht, niemand hier kennt sie.
Aber die Melodie ist eingängig und die Zuhörer nicken zum Rhythmus.
Frauen, die allein in der Wirtsstube sitten, gelten als verdächtig, so wie in
jeder anderen deutschen Stadt dieser Zeit.
Während Stimmen lauter werden und Kerzen niederbrennen, schließt die Stadt ihr
Gesicht zur Nacht.
Die zwölf Tore Nürnbergs schließen bei Einbruch der Dunkelheit.
Wächter legen Walden vor, Schlösser werden gedreht.
Nürnberger Schlösser eigener Produktion.
Wer draußen ist, bleibt draußen.
Die Stadtmauer läuft über fünf Kilometer, doppelt an den
Haupteinfallswegen. Erst der Zwinger, dann der innere Mauerring.
Die Nachtwache läuft ihre Runden mit helle Barden und Laternen.
Brandwache ist Pflicht. In einer Stadt aus Holzfachwerk genügt ein umgeworfener
Leuchter für eine Katastrophe, die ganze Straßenzüge vernichtet.
Die Pegnitz fließt schwarz und still durch die Mitte der Stadt.
Südlich das Lorenzviertel, nördlich das Sebaldviertel. Der Fluss teilt Nürnberg
in zwei Hälften, die seit Jahrhunderten miteinander konkurrieren.
Welche Kirche ist mächtiger?
Welches Viertel reicher? Welcher Brunnen schöner?
Die Nürnberger nehmen solche Fragen ernst.
Das Heilig-Geist-Spital steht halb im Wasser, auf Brückenpfeilern über der
Pegnitz.
Seit dem frühen 14.
Jahrhundert versorgt es kranke, alte Weiden. Es ist eines der größten
Hospitäler im deutschen Sprachraum.
Wer keinen Platz bekommt, und viele bekommen keinen, schläft in Torbögen
oder unter den Brücken am Fluss.
Im April sind die Nächte noch kalt. In einer Werkstatt nahe der Burgstraße
brennt noch Licht.
Ein 29-jähriger Maler arbeitet nachts.
Er schläft wenig, er denkt viel.
Draußen vor den Toren rollt die Straße nach Frankfurt, nach Venedig, nach
Brügge. Morgen früh stehen die ersten Händler schon vor den Toren, wenn die
Wächter die Balten wiederheben.
Nürnberg schläft, aber nicht lange.
Das war Nürnberg um das Jahr 1500.
Eine Stadt auf dem Höhepunkt ihrer Macht, ihrer Kreativität und ihrer
Widersprüche. Ich hoffe, die Reise hat euch gefallen.
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Und wenn ihr keine Zeitreise mehr verpassen wollt, abonniert Friedrichs
Zeitmaschine. Bis zur nächsten Reise.
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