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Ich ging, weil das Leben mich erwürgte,
wie ein zu enger Hemdkragen.
Ich ging, weil der Lärm der Welt mich taub machte.
Ich war betäubt davon, keine Zeit mehr zu haben.
Ich wollte ein gemächliches,
einfaches Leben
voller Begeisterung
und nur das Nötige behalten.
Man kann das Nötigste nicht behalten.
Man entdeckt es.
IN DEN WÄLDERN SIBIRIENS
Sie hat dir ein traditionelles, burjatisches Lied vorgesungen.
Okay.
Danke.
Schmeckt gut.
Fisch.
Das Brot des Baikalsees.
Er ist sehr fett.
Aber so muss es sein.
- Wir essen das. - So?
Ja, wir essen das und trinken das.
Er fragt, warum du hier bist.
Sag ihm, dass ich vor sieben Jahren
im Sommer hier war.
Und ich wollte immer wiederkommen und den See
zugefroren sehen.
Was hat er gesagt?
Alle träumen davon, in Europa zu leben,
und du kommst hierher.
Auf dich!
- Auf dein Glück! - Danke.
Ab hier gibt es keinen Strom mehr.
Jeder ist für sich.
Ab hier gibt es kein Dorf und keine Menschen, nichts mehr.
Gefällt es dir?
Wie am Broadway.
Für die Unterkunft war der Kauf des Holzvorrats vereinbart.
Er sagt, wenn du ihm mehr gibst,
gehört die Hütte dir.
Er möchte zurück nach Irkutsk, weil er krank ist.
Venenentzündung.
Er muss zum Arzt.
Wie viel mehr will er?
Er fordert 80 000 Rubel.
In Ordnung.
Sie gehört dir.
Auf mein neues Haus!
Eine sibirische Hütte am Ufer des Baikalsees.
Auf mein neues Haus.
Eine sibirische Hütte am Ufer des Baikalsees.
Richtig.
Hier, dein Gewehr
für die Bärenjagd.
- Er schenkt es dir. - Ich weiß nicht, wie man jagt.
- Für die Bären. - Die Bären?
Ein idealer Ort, um sich umzubringen.
- Was hat er gesagt? - Nichts.
Viel Glück.
Danke.
Ich kam her, um dem näherzukommen was ich nicht kannte,
der Kälte,
der Stille,
der Weite
und der Einsamkeit.
In der Stadt ziehen die Minuten, die Stunden und Jahre an uns vorbei.
Hier kommt die Zeit zum Erliegen.
Ich bin frei,
weil meine Tage frei sind.
- Wie lange hast du gebraucht? - Fünf Stunden. Es war sehr windig.
- Ist es nicht kalt im Norden? - Nein.
- Liegt Schnee? - Nein.
Gab es in den letzten Tagen wichtige Ereignisse in der Welt?
Ereignisse?
Nichts Besonderes.
Ereignisse...
Ein Bär kam zu meiner Hütte
und fraß alle Vorräte.
- Ein Bär mitten im Winter? - Ja!
Er ist sicher krank.
Gibt es denn Jäger in der Nähe des Sees?
Nein. Es ist zu kalt.
Ich habe bei meiner Hütte
eine Falle gefunden.
Das muss eine alte sein.
Vor ein paar Jahren
hat sich ein Mann dort in der Nähe versteckt.
Versteckt? Warum?
Er hat in Irkutsk einen Mann getötet.
Er wartete darauf, dass das Verbrechen verjährt.
Und ist niemand gekommen, um ihn zu verhaften?
- Hierher? - Ja.
Machst du Witze? Nein.
Deshalb machen die Russen so viele Dummheiten.
Sie können sich jederzeit
in den Wäldern verstecken.
Ich denke, du hast eine seiner Fallen gefunden.
Weißt du, was mit ihm passiert ist?
Das ist zehn Jahre her. Er ist sicher weg oder tot.
So lange kann man nicht in der Taiga überleben.
Also sag, wie viel willst du?
700 Rubel für Zucker und die Kartoffeln.
Tee und Honig schenke ich dir.
Wirklich? Danke.
Hier, bitte.
Wie lange bleibst du?
Weiß nicht.
Es ist nun dein Zuhause.
Ja, stimmt.
In diese Richtung ist es sicherer. Dort ist es weniger windig.
Es wird einen Schneesturm geben.
Bleib in der Hütte.
Ich spreche ein wenig Russisch.
Ich bin Franzose.
Franzose?
Ja.
Ich bin ein Wilderer.
Tiere.
Ein Wilderer, alles klar.
Rede mit niemandem über mich.
Nicht über dich reden.
Ich habe nicht das Recht, hier zu sein.
Hast du verstanden?
Verstanden?
Ja.
Das ist Verschwendung.
Ich kann nicht schießen.
Ich kann es nicht.
Gib sie mir.
Dann zeige ich es dir.
Patronen?
Patronen.
Schau zu.
Nein.
Nein...
Nein.
Nicht zappeln.
Verschwende keine mehr.
SIBIRIEN
DIE VERGESSENEN DER TAIGA
Was suchst du?
Dich.
Was willst du?
Ich will mit dir reden.
Ich weiß, wer du bist.
Sie suchen dich nicht.
Sie halten dich für tot.
Vertrau mir.
Ich heiße Teddy.
Der Hirsch ist faul, er bewegt sich nicht weit weg.
Man muss gegen den Wind gehen, damit er nicht wegläuft.
Lebst du schon lange hier?
Bist du schon sehr lange hier?
Woher kommst du?
Ulan-Ude.
In Burjatien.
Auf der anderen Seeseite.
Ich bin zum Arbeiten nach Irkutsk gegangen.
Als Vorarbeiter in einer Holzfabrik.
Und du?
Multimedia-Projektleiter.
Was machst du hier?
Verschnaufen.
Ich möchte etwas Ruhe.
Ruhe!
Das hier ist kein Ort für Menschen.
Teddy!
Alles ok?
Bist du ok? Bist du verletzt?
Sie jagen nicht mich, sondern den Bären.
Sieh dir das Blut an.
Vom Helikopter aus?
Die Neureichen amüsieren sich.
Man sollte Tiere nicht einfach so töten.
Wir müssen ihn wiederfinden.
Es kommt näher.
Wir müssen runter zum See und uns in Sicherheit bringen.
Schlaf auf keinen Fall ein.
Verstehst du?
Nicht einschlafen!
Rede, ich höre dir zu.
Rede.
Erzähl.
Wird nicht lange dauern.
Lange?
Mist, das überleben wir nicht.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes,
zeige uns Barmherzigkeit...
Hab Erbarmen mit uns.
Als ich ihn getötet habe, habe ich nichts gefühlt.
Ich habe es grundlos getan.
Es war ein Leutnant.
Wir haben zusammen im Militär gedient.
Er war mein Befehlshaber.
Zehn Jahre später habe ich in Uni-Nähe getroffen.
Wir haben zwei Flaschen Wodka getrunken und sind zu ihm gegangen.
Und danach eine dritte. Wodka trinkt sich schnell...
Bei ihm war es furchtbar heiß.
Es hat nach Wurst gestunken.
Der Leutnant hörte nicht auf, von seinem Leben zu erzählen,
dem Auto, das er gerade gekauft hatte,
seiner Datsche mit Garten,
von seinen zwei Töchtern,
die an der Universität für Elektromechanik in Omsk studierten,
von seinem Urlaub in Sankt Petersburg.
Ich habe lange geschwiegen.
Ich hatte ihm nichts zu sagen, verstehst du?
Ich ging ziellos durchs Leben, mein Leben war beschissen.
Ich habe meiner Familie das Leben zur Hölle gemacht.
Dreimal kam seine Frau, um mich vor die Tür zu setzen.
Beim vierten Mal habe ich sie beschimpft.
Der Leutnant verpasste mir einen Fausthieb.
Wir haben uns auf dem Boden geprügelt.
Ich habe ein Messer gepackt und ihn aufgeschlitzt wie einen Hecht,
vom Bauch bis zum Plexus.
Verstehst du?
Etwas hat mich förmlich erwürgt.
Vielleicht die trübe Stimmung.
Oder der Neid.
Die Wut.
Ich habe die ganze Welt gehasst.
Und er war da.
Er redete und redete.
Ich ging raus und rannte weg.
Ich wollte nicht ins Gefängnis.
Mir hätte Gefängnis geblüht
und ein Prozess.
Ich hätte Reue zeigen müssen
vor meiner Frau und meinen Kindern.
Du hast einen Mann getötet und einen gerettet.
Du hast mich gerettet.
Ich heiße Aleksei.
Ossipovitch.
Ich bin seit 12 Jahren hier.
In drei Jahren gehe ich zurück.
Akim und Lana.
Meine Kinder.
Hast du auch Kinder?
Nein.
Ich hatte lange Zeit, um glücklich zu sein,
eine Familie zu gründen und meinen Platz zu finden.
Und eines Tages
bin ich aufgewacht.
Mir wurde bewusst, dass mein Leben langweilig und leer war.
Ich habe mir
nichts aufgebaut.
Schall und Rauch!
Ich habe mich verloren.
Also gab ich meine Arbeit auf.
Ich hörte auf, zu glauben, man könne nicht anders leben.
Ich habe alles aufgegeben.
Meinen Komfort,
meine Arbeit,
meine Familie,
meine Freunde.
Ich musste wissen, ob ich ein inneres Leben habe.
Aber ich habe mich noch nie so lebendig und frei
wie hier gefühlt.
Hier
fühle ich mich lebendig.
Du bereitest sie zu.
Sag, wer ist gerade Präsident von Russland?
Putin.
Machst du Witze?
Er hatte zwei Amtszeiten.
Dann kam Medwedew.
Sie mussten sich erst arrangieren.
Wer ist Medwedew?
Ein Handlanger Putins.
Auf Putin!
Gut, dann eben auf Putin.
Und Amerika?
Bush hat diesmal nicht mehr so gut abgeschnitten.
Bush ist nicht mehr da.
Und sein Sohn?
Sein Bruder? Nein?
Sein Enkel auch nicht?
Er stammt nicht aus der Familie Bush.
Er ist schwarz.
Schwarz?
Sie haben einen schwarzen Präsidenten gewählt?
Obama.
Es wird wirklich Zeit, dass ich aus dem Wald herauskomme!
Auf Amerika!
Ach, verdammt!
Und Bin Laden?
Die Amerikaner haben ihn in Pakistan getötet.
Tot!
Auf Pakistan!
Ich gehe dann mal.
Du kannst hier schlafen.
Bleib hier.
Ich gehe!
In der wilden Steppe des Baikalsees...
Heute ist mein Geburtstag.
Bald ist Frühling.
Der Schnee wird schmelzen.
In einem Monat können wir nicht mehr auf den See.
Weder laufen noch fahren.
Wenn du gehen musst, ist jetzt der richtige Moment.
Warum sagst du das?
Ich weiß es.
Du weißt es?
Ich spüre es.
Hallo!
Hast du ein Notsignal abgegeben?
Nein.
Es ist nur eine kleine "Katastrophe".
Er hat zu viel Wodka getrunken, wie ich ihn kenne.
Wir verkaufen die Fische in Sewerobaikalsk.
Man kann nicht mehr angeln.
Das Eis ist zu dünn. Es ist gefährlich.
Wir hören auf damit.
Verstehe.
Sprichst du nun besser Russisch?
Ja!
Ich spreche viel... ganz alleine.
Trinken wir auf die Fahrt!
Auf eine gute Rückkehr nach Hause!
Hör zu,
es gibt einen Kerl,
der deine Hütte kaufen will.
Ich verkaufe sie nicht.
Er besteht darauf.
Willst du wirklich dein Leben ganz alleine verbringen?
Sag deinem Freund,
dass ich mich hier zu Hause fühle
und nicht weg möchte.
Nicht weg!
Gut, wir gehen dann mal.
Tschüss.
Viel Glück.
Willst du wirklich hierbleiben?
Ich weiß es nicht.
Hier hast du nichts zu tun. Dort hast du alles!
Ich habe so davon geträumt, hierherzukommen.
Das hier ist mein Traum.
Das ist kein Ort zum Träumen.
Geh zurück nach Hause!
Ich habe hohes Fieber.
Gib mir
den Hundsrosentee.
Ich habe Vorräte dabei. Lebensmittel und Wodka.
Ich bin schon lange alleine hier.
Du bist nicht alleine.
Es ist lange her, dass sich jemand um mich gekümmert hat.
"Er machte einen müden Eindruck,
"seinen Manieren nach schien er ein Weltmann zu sein,
"nichts hätte den kleinen Jungen mit Kniehose in ihm erahnen lassen,
"vergraben unter dem Sand der Zeit.
"Man zieht Zeichen der Reife
"oft wie einen Kleidungsstil an,
"und das Alter ist in dieser Hinsicht der gewandteste Schneider.
"Ich war 17 geworden und wusste dennoch nichts über mich.
"Ich ahnte noch nicht, dass Menschen ihr Leben leben konnten,
"wichtige Posten bekleiden
"und sterben konnten,
"ohne jemals das Kind loszuwerden,
"das im Dunkeln kauerte,
"sich nach Aufmerksamkeit sehnte
"und auf eine sanfte Hand wartete,
"die seinen Kopf streichelte,
"und eine Stimme, die leise sagte:
"'Ja, mein Schatz,
'"Mama liebt dich noch,
"'wie dich sonst niemand geliebt hat'."
Falls ich sterbe, sammle die Fallen ein.
Und iss das Wild,
damit die Tiere nicht umsonst getötet wurden.
Hör zu,
beerdige mich nicht.
Ich will nicht unter der Erde enden.
Wirf mich in den Baikalsee.
Du wirst dein Leben in der Nähe deiner Frau
und deiner Kinder beenden.
Du musst behandelt werden.
Antibiotika, verstehst du?
Wir müssen nach Irkutsk gehen.
Dort sucht dich keiner mehr.
Hör zu.
Geh zurück nach Hause.
Dort wirst du ein normales Leben führen.
Man sollte sein Leben nicht im Wald versteckt verbringen.
Du versteckst dich mehr als ich!
Geh zu deinen Lieben zurück,
sie brauchen dich.
Ich habe es mir überlegt.
Geh nach Irkutsk und besorg mir Medikamente!
Okay?
Okay.
Bring das zu dieser Adresse.
Wem soll ich es geben?
Sprich mit niemandem über mich.
Denk daran, dass ich eigentlich tot bin.
Ja.
Ich brauche nicht lange.
Zwei Tage, maximal drei.
Ich halte es nun schon zwölf Jahre aus.
Teddy!
Teddy!
Aleksei!
Teddy!
Aleksei!
Teddy!
Aleksei!
Ich kann dich nur bis zur
Seestraße von Olchon bringen.
Ich muss in einer Stunde den Wetterbericht schicken.
Aber dort steht ein Lieferwagen.
Verstehst du?
Danke.
Ich kann nichts verschreiben, ohne den Kranken zu sehen.
Aber er kann nicht herkommen.
Das verstehe ich.
Gesetz ist Gesetz.
Gut.
Ich verschreibe Ihnen ein Antibiotikum
und Stärkungsmittel,
bis er in der Lage ist, selbst herzukommen,
sollte er nicht genesen.
Danke.
Guten Tag.
Verzeihung, sprechen Sie Englisch?
Ein bisschen.
Können Sie mir sagen, ob das hier diese Adresse ist?
Der Bahnhof.
- Sind Sie sicher? - Ja, es ist der Bahnhof.
Okay, danke.
Könnten Sie das bitte für mich übersetzen?
Ja.
Du hast einen Teil des Weges geschafft.
Sei stark.
Geh weiter.
Hab keine Angst.
Du bist frei.
Ja, Sie sind frei!
Weiter kommen wir nicht.
Wo sind wir?
Du musst zu Fuß weiter.
Dort findest du schnell ein Motorrad.
Aber so ist es zu gefährlich.
Okay.
Viel Glück!
Ich habe die Gruft der Städte verlassen
und ein Jahr in der Kirche der Taiga gelebt.
Ein Jahr.
Wie ein Leben.
Für Volodia...
Nach dem Buch IN DEN WÄLDERN SIBIRIENS von SILVAIN TESSON
Untertitelung: Hiventy
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