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(Krähen krächzen)
Heute, am 5. November, beginne ich mit meinem Bericht.
Ich werde alles so genau aufschreiben, wie es mir möglich ist.
Aber ich weiß nicht einmal, ob heute wirklich der 5. November ist.
lm Lauf des vergangenen Winters sind mir einige Tage abhanden gekommen.
Auch den Wochentag kann ich nicht angeben.
Ich glaube aber, dass dies nicht sehr wichtig ist.
Ich bin angewiesen auf spärliche Notizen.
Spärlich, weil ich ja nie damit rechnete, diesen Bericht zu schreiben,
und ich fürchte, dass in meiner Erinnerung vieles anders ist, als ich es erlebte.
Dieser Mangel haftet wohl allen Berichten an.
Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben.
Es hat sich eben so ergeben, dass ich schreiben muss,
wenn ich nicht den Verstand verlieren will.
Es ist ja keiner da, der für mich denken und sorgen könnte.
Ich bin ganz allein, und ich muss versuchen,
die langen dunklen Wintermonate zu überstehen.
Ich habe diese Aufgabe auf mich genommen, weil sie mich davor bewahren soll,
in die Dämmerung zu starren und mich zu fürchten.
Denn ich fürchte mich. Von allen Seiten kriecht die Angst auf mich zu,
und ich will nicht warten, bis sie mich erreicht und überwältigt.
Ich werde schreiben, bis es dunkel wird.
Und diese neue ungewohnte Arbeit soll meinen Kopf müde machen,
leer und schläfrig.
Den Morgen fürchte ich nicht. Nur die langen dämmrigen Nachmittage.
(Krähen krächzen)
(lautes Krächzen)
Ich schreibe auf der Rückseite alter Kalender
und auf vergilbtem Geschäftspapier.
Das Papier stammt von Hugo Rüttlinger, einem großen Sammler und Hypochonder.
Mit Hugo sollte eigentlich dieser Bericht anfangen,
---- ---- ---- ---- nicht gewesen, säße ich heute nicht hier.
Wahrscheinlich wäre ich überhaupt nicht mehr am Leben.
(heitere Popmusik)
(Frauenstimme singt ''Freedom is a Journey'')
(Frau singt mit)
(sie jodelt fröhlich mit)
(Vogelgezwitscher)
(Musik läuft weiter)
(Frau) Erst gegen drei Uhr erreichten wir das Jagdhaus.
Nach einer Jause, Hugo fing gerade an einzunicken,
schlug Luise ihm vor, mit ihr noch einmal ins Dorf zu gehen.
(Luise) Komm jetzt!
Wir bleiben nicht lang, wir gehen morgen sehr früh zur Jagd.
Der Autoschlüssel steckt, falls du nachkommen willst.
Komm jetzt! - Ja.
(Hugo) Wo ist denn Luchs? Luchs?
(Luise) Der Hund bleibt da! Das blöde Hundsvieh folgt ja nicht.
(Hugo) Luchs? Luchs, komm!
(Bellen)
(Hugo) Geh schön bei Fuß.
(Luise) Komm, Luchs!
Du gehst jetzt bei Fuß! - (Hugo) Sei nicht so streng.
Luchs, wenn du nicht bei Fuß gehen willst, bleibst du eben hier. Geh zurück!
Geh! Geh!
(Vogelrufe)
(sie keucht erschrocken)
(Radiojingle)
(lm Radio Rede von Aung San Suu Kyi auf Birmanisch)
Um neun Uhr beschloss ich, zu Bett zu gehen.
Ich versperrte die Tür und nahm den Schlüssel mit mir in meine Kammer.
(bedrohliches, leises Dröhnen)
(gläserne Klänge)
(bedrohliche Klänge)
(Luchs winselt)
(Luchs hechelt)
Na, Luchs? Was ist los?
(er winselt)
(Vogelgezwitscher)
(Klopfen)
Die beiden mussten im Dorf geblieben sein. Ich wunderte mich sehr darüber.
Hugo verabscheute die kurzen Wirtshausbetten.
Und er wäre nie so rücksichtslos gewesen,
mich allein über Nacht zurückzulassen.
Dann machte ich mit Luchs auf den Weg ins Dorf.
Ich konnte mir nicht erklären, was geschehen war.
Ich merkte kaum, wie kühl und feucht die Schlucht war,
weil ich darüber nachgrübelte, was aus den Rüttlingers geworden war.
Vielleicht hatte Hugo einen Herzanfall erlitten.
Wie es so ist mit Hypochondern, hatten wir seine Zustände nicht mehr ernst genommen.
Ich beschleunigte meine Schritte und schickte Luchs voraus.
Ich hatte nicht an meine Bergschuhe gedacht
und stolperte ungeschickt über die scharfen Steine hinter ihm her.
(lautes Winseln)
(Luchs winselt)
Luchs! Luchs?
Luchs? Luchs, was ist denn?
Was hast du? Hast du dir wehgetan?
Hast du dir auf die Zunge gebissen?
Luchs komm! (er winselt)
Komm!
Luchs, was ist denn?
Komm!
(vibrierender Klang)
(vibrierender Klang)
(vibrierender Klang)
(dumpfes Pochen)
Dann hörte ich lautes Pochen und sah um mich, ehe ich begriff,
dass es mein eigener Herzschlag war, der mir in den Ohren dröhnte.
Mein Herz hatte sich schon gefürchtet, ehe ich es wusste.
Zögernd versuche ich es noch einmal.
Und wieder ruhte meine Hand wie auf der Scheibe eines Fensters.
Plötzlich fiel mir auf, was mich unbewusst schon die ganze Zeit gequält haben mochte,
dass die Strasse völlig leer war.
lrgendjemand musste doch längst Alarm geschlagen haben.
Es wäre natürlich gewesen,
hätten sich die Dorfleute neugierig vor der Wand angesammelt.
Selbst wenn keiner von ihnen die Wand entdeckt hatte,
mussten doch Hugo und Luise auf sie gestoßen sein.
Dass kein einziger Mensch zu sehen war, schien mir noch rätselhafter als die Wand.
Ich stand noch dreimal auf und überzeugte mich davon, dass hier, drei Meter vor mir,
wirklich etwas Unsichtbares, Glattes, Kühles war,
das mich am Weitergehen hinderte.
Ich dachte an eine Sinnestäuschung, aber ich wusste, dass es nichts Derartiges war.
Ich hätte mich leichter mit einer kleinen Verrücktheit abgefunden
als mit dem schrecklichen, unsichtbaren Ding.
Das erste kleine Gehöft, eigentlich nur eine Keusche,
lag gleich um die nächste Biegung.
Endlich konnte ich die Keusche sehen.
Sie lag sehr still im Sonnenlicht. Ein friedliches, vertrautes Bild.
Entschuldigung! Entschuldigung, ich ...
(vibrierender Klang)
(lautloses Klopfen und Rufen)
(lautlos)
(gläserne Stille)
Komm, Luchs. Komm!
Wir waren in eine schlimme Lage geraten, Luchs und ich,
und wir wussten damals gar nicht, wie schlimm sie war.
Aber wir waren nicht ganz verloren, weil wir zu zweit waren.
Es konnte einfach nicht wahr sein, derartige Dinge geschahen einfach nicht.
Und wenn sie doch geschahen, nicht in einem kleinen Dorf im Gebirge,
nicht in Oberösterreich und nicht in Europa.
Ich weiß, wie lächerlich dieser Gedanke war,
aber da ich genau so dachte, will ich es nicht verschweigen.
(getragene Musik für Violine solo von J. S. Bach)
(Musik klingt aus)
(Vogelgezwitscher)
(leiser, vibrierender Ton)
(bedrohliche Klänge)
(vibrierender Klang)
(dumpfes Pochen)
(schriller Schrei)
(sie keucht)
(Luchs winselt)
Ich erwachte gegen sechs Uhr, als die Vögel zu singen anhoben.
Obgleich ich mich kaum bewegt hatte, wusste Luchs, dass ich erwacht war,
und kam an mein Bett, um mich zu begrüßen.
Plötzlich schien es mir ganz unmöglich, diesen strahlenden Maitag zu überleben.
Gleichzeitig wusste ich, dass ich ihn überleben musste
und dass es für mich keinen Fluchtweg gab.
Ich musste mich ganz still verhalten und ihn einfach überstehen.
Es war ja nicht der erste Tag in meinem Leben, den ich so überleben musste.
Je weniger ich mich wehrte, desto erträglicher würde es sein.
Ich erinnere mich nicht mehr, was ich an jenem Vormittag tat.
Vielleicht waren die folgenden Stunden so arg, dass ich sie vergessen musste.
Vielleicht verbrachte ich sie nur in einer Art Betäubung. Ich erinnere mich nicht.
(Krähen krächzen)
Ich tauchte erst wieder gegen zwei Uhr nachmittags auf,
als ich mit Luchs durch die Schlucht ging.
Diesmal war ich besser ausgerüstet. Auch Hugos Fernglas hatte ich dabei.
(vibrierender Klang)
Wenn der Mann am Brunnen tot war, und daran konnte ich nicht mehr zweifeln,
mussten alle Menschen im Tal tot sein, und nicht nur die Menschen.
Alles, was lebend gewesen war.
Wenn das der Tod war, so war er sehr rasch und sanft gekommen,
auf eine fast liebevolle Weise.
Vielleicht wäre es klüger gewesen, mit Hugo und Luise ins Dorf zu gehen.
(er bellt) Luchs!
Was ist denn los? Luchs?
Hierher, Luchs!
Luchs!
(Muhen)
(Luchs bellt)
(lautes Muhen)
Komm.
Ja, komm.
lnzwischen war mir klar geworden,
dass diese Kuh zwar ein Segen, aber auch eine große Last war.
So ein Tier will gefüttert und gemolken werden und fordert einen sesshaften Herrn.
Ich war der Besitzer und der Gefangene einer Kuh.
Natürlich dachte ich auch über die Kuh nach.
Wenn ich besonderes Glück hatte, erwartete sie ein Kalb.
Aber darauf durfte ich mich nicht verlassen.
Ich konnte nur hoffen, meine Kuh werde möglichst lange Milch geben.
lmmer noch dachte ich an meine Lage als einen vorübergehenden Zustand
oder bemühte mich wenigstens, so zu tun.
Ich dachte an einen Namen für meine Kuh und nannte sie Bella.
Eigentlich hätte sie gar keinen Namen gebraucht.
Sie war die einzige Kuh im Wald.
Vielleicht die einzige Kuh im Land.
Bis morgen, Bella.
(bedrohliche, vibrierende Klänge)
(heitere Popmusik)
(lauter Popsong)
(lauter Knall)
(pulsierendes Pochen)
(vibrierender Klang)
(sie keucht erschrocken)
(Knistern)
Zehn Tage waren vergangen, und nichts hatte sich an meiner Lage verändert.
Zehn Tage lang hatte ich mich mit Arbeit betäubt, aber die Wand war noch immer da,
und keiner war gekommen, um mich zu holen.
Es blieb mir nichts übrig, als mich endlich der Wirklichkeit zu stellen.
(sie weint verzweifelt)
Ich konnte mich umbringen oder versuchen, mich unter der Wand durchzugraben,
was wahrscheinlich nur eine mühevollere Art des Selbstmords gewesen wäre.
Und natürlich konnte ich hier bleiben und versuchen, am Leben zu bleiben.
Um ernstlich an Selbstmord zu denken, war ich nicht mehr jung genug.
Hauptsächlich hielt mich auch der Gedanke an Luchs und Bella davon ab.
Dank Hugos Fürsorge besaß ich Vorräte, die den Sommer über reichen mochten,
ein Heim, Holz auf Lebenszeit und eine Kuh.
(sie keucht angestrengt)
(Regen rauscht)
Ich nahm mir auch fest vor, täglich die Uhren aufzuziehen
und einen Tag vom Kalender abzustreichen.
Das schien mir damals sehr wichtig.
Ich klammerte mich geradezu an die spärlichen Reste menschlicher Ordnung.
Ich weiß nicht, warum ich das tue.
Es ist fast ein innerer Zwang, der mich dazu treibt.
Vielleicht fürchte ich, wenn ich anders könnte,
würde ich langsam aufhören, ein Mensch zu sein,
und würde bald schmutzig und stinkend umherkriechen
und unverständliche Laute ausstoßen.
Nicht dass ich fürchtete, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm.
Aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden,
er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund.
Ich will nicht, dass mir dies zustößt.
ln letzter Zeit habe ich gerade davor die größte Angst.
Und diese Angst lässt mich meinen Bericht schreiben.
Am 30. Mai regnete es den ganzen Tag einen warmen, fruchtbaren Regen,
der mich zwang, in der Hütte zu bleiben, wenn ich nicht durchnässt sein wollte.
(Miauen)
(Miauen)
(Miauen)
(sie maunzt kläglich)
An jenem Abend kam die Katze in mein Haus.
Wir waren also zu viert. Die Kuh, die Katze, Luchs und ich.
Luchs stand mir am nächsten.
Er war bald nicht nur mein Hund, sondern mein Freund.
Mein einziger Freund in einer Welt der Mühen und Einsamkeit.
(Knall)
(er fiept)
(Luchs bellt)
lst ja gut, Luchs.
(statisches Rauschen)
(vibrierender Klang)
(laute Popmusik)
(Musik verstummt)
Ich war zwar durch Bella ans Jagdhaus gefesselt,
aber ich wollte doch versuchen, mich ein wenig in der Gegend umzusehen.
Ich erinnerte mich an einen Weg, der zu einer höher gelegenen Jagdhütte führte,
und von dort hinab in das gegenüberliegende Tal.
Dorthin wollte ich gehen.
(Vogelgezwitscher)
(Specht trommelt)
Luchs! Bei Fuß!
(Luchs winselt) - Warte, Luchs!
Jetzt hatte ich die Täler, die ich erreichen konnte,
ohne tagelang wegzubleiben, erforscht.
Ich konnte noch zur Alm aufsteigen und von dort aus das Land überblicken,
aber weiter hinein in den Gebirgsstock konnte ich mich nicht wagen.
Natürlich würde man mich finden, wenn es dort drüben keine Wand gab.
Ja, ich musste mir sagen, dass man mich längst hätte finden müssen.
Ich konnte ruhig daheim sitzen bleiben und warten.
Aber immer wieder fühlte ich mich dazu getrieben,
selber etwas gegen die Ungewissheit zu unternehmen.
(bewegte Musik für Violine solo von J. S. Bach)
(Musik läuft weiter)
(Raubvogelruf)
Gegen ein Uhr mittags ruhte ich mich aus.
Der Wald lag dunstend in der Mittagsonne,
und warme Duftwolken stiegen aus den Latschen zu mir auf.
Es war jetzt viel stiller als in der Mondnacht,
als läge der Wald schlafgelähmt unter der gelben Sonne.
Ein Raubvogel zog hoch im Blauen seine Kreise.
Luchs schlief mit zuckenden Ohren,
und die große Stille senkte sich wie eine Glocke über mich.
(Raubvogelruf)
Ich wünschte, immer hier sitzen zu dürfen,
in der Wärme, im Licht,
den Hund zu Füßen und den kreisenden Vogel zu Häupten.
Als ich weitergehen musste, tat ich es mit tiefem Bedauern,
und ganz langsam verwandelte ich mich unterwegs wieder in das einzige Geschöpf,
das nicht hierhergehörte, in einen Menschen,
der verworrene Gedanken hegte, die Zweige mit seinen plumpen Schuhen knickte
und das blutige Geschäft der Jagd betrieb.
(Schuss)
(beklemmende Klänge)
Es fällt mir auf, dass ich in meinem Kalender nie vermerkt habe,
wann ich ein Stück Wild schoss.
Jetzt erinnere ich mich auch, dass es mir einfach zuwider war, es aufzuschreiben.
Es genügte ja schon, dass ich es tun musste.
(Donner)
(Regen rauscht)
(Donner)
(hohes Fiepen)
(Fiepen)
(Luchs winselt)
Ich nannte die kleine Katze Perle, weil sie so weiß und rosig war.
In wenigen Wochen wurde mir klar, dass Perle, das zausige kleine Ding,
im Begriff war, sich in eine Schönheit zu verwandeln.
Perle war ein kleines Wunder,
aber schon damals wusste ich, dass sie am unrechten Ort geboren war.
Eine langhaarige, weiße Katze mitten im Wald ist zum frühen Tod verurteilt.
Sie hatte gar keine Chance.
Vielleicht hatte ich sie deshalb so gern.
---- ---- ----
ist er vielmehr von der Sorge um meine Tiere überschattet
als von meiner eigenen verzweifelten Lage.
Die Katastrophe hatte mir eine große Verantwortung abgenommen,
und ohne dass ich es sogleich merkte, eine neue Last auferlegt.
Als ich die Lage endlich überblicken konnte,
war ich längst nicht mehr fähig, irgendetwas daran zu ändern.
Ich glaube nicht, dass mein Verhalten Schwäche oder Sentimentalität entsprang.
Ich folgte einfach einem Trieb, der mir eingepflanzt war,
und den ich nicht bekämpfen konnte, wenn ich mich nicht selbst zerstören wollte.
Ich weiß nicht, was daran unehrenhaft sein sollte,
wie jedes Tier die auferlegte Last zu tragen,
und letzten Endes wie jedes Tier zu sterben.
Ich weiß nicht einmal, was Ehre ist.
Geboren werden und sterben ist nicht ehrenhaft.
Es geschieht jeder Kreatur und bedeutet darüber hinaus gar nichts.
(lnsekten summen)
Am 20. Juli fing ich mit der Heuernte an.
(sie atmet schwer)
(sie pustet)
(vibrierender Klang)
(sie keucht)
Ich brauchte drei Wochen, um die Wiese abzuernten.
Daran war nicht nur das veränderliche Wetter schuld,
sondern auch meine Ungeschicklichkeit und körperliche Schwäche.
(sie schluchzt leise)
Ich erlitt einen schweren Anfall von Mutlosigkeit
und erfasste zum ersten Mal ganz klar, welcher Schlag mich getroffen hatte.
Ich weiß nicht, was geschehen wäre, hätte mich die Verantwortung
für meine Tiere nicht dazu gezwungen, die notwendigsten Dinge zu tun.
Ich erinnere mich sehr ungern an diese Zeit.
Es dauerte 1 4 Tage, bis ich mich endlich wieder aufraffen konnte
und wieder zu leben anfing.
(ruhige Musik für Violine solo von J. S. Bach)
(Musik klingt aus)
(bedrohliche Klänge)
(Äste knarren leise)
(Krähen krächzen)
Der Herbst war mir immer die liebste Jahreszeit,
wenn ich mich auch körperlich nie sehr wohl fühlte.
Bei Tag war ich müde und doch überwach.
Nachts lag ich stundenlang in einem unruhigen Halbschlaf
und träumte wirr und lebhafter als sonst.
Die Herbstkrankheit verschonte mich auch im Wald nicht.
Aber da ich sie mir kaum erlauben konnte, trat sie gemildert auf.
Vielleicht hatte ich auch nicht Zeit, sie besonders zu beachten.
Luchs war sehr aufgekratzt und munter,
aber ein Fremder hätte wahrscheinlich keinen Unterschied bemerkt.
Er war ja fast immer munter.
Ich habe ihn nie länger als drei Minuten mürrisch gesehen.
Er konnte einfach der Aufforderung, fröhlich zu sein, nicht widerstehen.
Und das Leben im Wald war eine ständige Verlockung für ihn.
Sonne, Schnee, Wind, Regen,
alles war ein Anlass zur Begeisterung.
Ich konnte neben Luchs nie lange traurig bleiben.
Es war fast beschämend, wie glücklich es ihn machte, mit mir zusammen zu sein.
Vielleicht verdankt der Mensch seinen Größenwahn dem Hund.
Sogar ich bildete mir manchmal ein, es müsste an mir etwas Besonderes sein,
wenn Luchs sich bei meinem Anblick vor Freude fast überschlug.
Natürlich war nie etwas Besonderes an mir.
Luchs war wie alle Hunde einfach menschensüchtig.
Ja, du bist ja mein Luchs. Ja.
Bist ein braver Hund.
(er fiept)
Manchmal , wenn ich jetzt allein unterwegs bin im winterlichen Wald,
rede ich wie früher zu Luchs.
Ich weiß gar nicht, dass ich es tue,
bis mich irgendetwas aufschrecken lässt und ich verstumme.
Ich wende den Kopf und erhasche den Schimmer eines rotbraunen Felles.
Aber der Weg ist leer, kahle Sträucher und nasse Steine.
Es wundert mich nicht, dass ich noch immer die Äste hinter mir knistern höre
unter dem leichten Tritt seiner Sohlen.
Wo anders sollte seine kleine Hundeseele spuken als auf meiner Spur?
Es ist ein freundlicher Spuk, und ich fürchte ihn nicht.
Luchs, schöner, braver Hund, mein Hund.
Wahrscheinlich macht nur mein armer Kopf das Geräusch deiner Tritte,
den Schimmer deines Fells.
Solange es mich gibt, wirst du meine Spur verfolgen, hungrig und sehnsüchtig,
wie ich selbst hungrig und sehnsüchtig unsichtbare Spuren verfolge.
Wir werden beide unser Wild nie stellen.
(Knistern)
Am 27. Oktober fiel der erste Schnee.
Der Wintereinbruch dauerte nur einige Tage.
Nachher kam der Föhn und leckte den jungen Schnee von den Bergen.
Es wurde unangenehm warm,
und der Wind fuhr Tag und Nacht fauchend um das kleine Haus.
Ich schlief schlecht und lauschte dem Röhren der Hirsche,
die in der Brunftzeit von den Höhen stiegen.
Beide Katzen zog es hinaus in den warmen, feuchten Wald.
Ich lag wach und machte mir Sorgen um Perle.
Das Röhren der Hirsche klang traurig, drohend und manchmal fast verzweifelt.
(Wind pfeift)
Ich hoffte nur, der Föhn würde nicht zu lange dauern
und der Winter uns endlich ein wenig Ruhe bringen.
Der Föhn dauerte auch wirklich nur drei Tage,
gerade lange genug, um Perle zu töten.
(düstere Klänge)
Perle war begraben,
und der Föhn erstarb über Nacht, als hätte er seine Aufgabe erfüllt.
Ich habe Perle nicht vergessen.
lhr Tod war der erste Verlust, den ich im Wald erlitt.
Einmal, es muss im ersten Winter gewesen sein,
sah ich einen Fuchs am Bach stehen.
Ich hätte ihn schießen können. Ich trug das Gewehr bei mir.
Aber ich tat es nicht.
Perle starb, weil einer ihrer Vorfahren eine überzüchtete Angorakatze war.
Sie war von Anfang an als Opfer bestimmt.
Sollte ich dafür den schönen lebendigen Fuchs bestrafen?
Perle war ein Unrecht widerfahren.
Aber dieses Unrecht war auch ihren Opfern geschehen.
Sollte ich es an den Fuchs weitergeben?
Das einzige Wesen im Wald, das wirklich Recht oder Unrecht tun kann, bin ich.
Und nur ich kann Gnade üben.
Manchmal wünsche ich, diese Last der Entscheidung läge nicht auf mir.
Aber ich bin ein Mensch. Und ich kann nur denken und handeln wie ein Mensch.
Davon wird mich erst der Tod befreien.
Wenn ich Winter denke, sehe ich immer den weiß bereiften Fuchs am Bach stehen.
Ein einsames, erwachsenes Tier, das seinen vorgezeichneten Weg geht.
Es ist mir dann, als bedeute dieses Bild etwas Wichtiges für mich.
Als stehe es nur als Zeichen für etwas anderes.
Aber ich kann seinen Sinn nicht erkennen.
So.
Ja, meine Bella.
Ja, schön bist du.
Bella war wieder rundlicher geworden,
aber ich konnte noch immer nicht wissen, ob sie ein Kalb erwartete.
Nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben,
ist Bella mehr als meine Kuh geworden,
eine arme, geduldige Schwester, die ihr Los mit mehr Würde trägt als ich.
(getragene Musik für Violine solo von J. S. Bach)
(Musik klingt aus)
(Knistern)
ln der Nacht hörte ich die Kälte im Holz knacken.
Ich hatte kräftig nachgelegt, aber ich fröstelte und konnte nicht einschlafen.
Manchmal prasselte ein Scheit auf und erlosch wieder,
und ich fühlte mich krank.
Ich wusste, es kam davon, dass ich immer wieder töten musste.
Ich stellte mir vor, was ein Mensch empfinden mag, dem Töten Freude macht.
Es gelang mir nicht.
Die Härchen sträubten sich auf meinen Armen,
und mein Mund wurde trocken vor Abscheu.
Man musste wohl dazu geboren sein.
Ich konnte mich dahin bringen, es möglichst rasch und geschickt zu tun,
aber ich würde mich nie daran gewöhnen.
Lange lag ich wach in der knisternden Dunkelheit
und dachte an das kleine Herz,
das über mir in der Kammer zu einem Eisklumpen gefror.
Nach der großen Kälte brach eine Welle feuchter, wärmerer Luft herein.
Bella wurde unruhig, und ich musste zehnmal am Tag nach ihr sehen.
Am 1 1 . Jänner blutete Bella ein wenig.
Es war nach der Abendfütterung,
und ich beschloss, mich für die Nacht im Stall einzurichten.
Komm, Bella! Fest! (Muhen)
(keuchend) Fest!
(Muhen)
(sie keucht)
Komm, Bella, komm!
So vieles hatte sich in der letzten Zeit ereignet.
Perle war getötet worden, ein kleiner Stier war zur Welt gekommen,
Rehe waren erfroren, und das Raubzeug hatte einen fetten Winter gehabt.
Ich selbst hatte viele Aufregungen hinter mir, und jetzt war ich müde.
Und wenn ich die Augen schloss, sah ich Schneegebirge am Horizont,
weiße Flocken, die sich auf mein Gesicht senkten,
in einer großen, hellen Stille.
Es gab keine Gedanken, keine Erinnerungen,
nur das große, stille Schneelicht.
Ich wusste, dass diese Vorstellung für einen einsamen Menschen gefährlich war,
aber ich brachte nicht die Kraft auf, mich dagegen zu wehren.
(Wind pfeift)
(Luchs winselt)
Luchs ließ mich nicht lange in Ruhe.
Immer wieder kam er und stieß mich mit der Nase an.
Seufzend stand ich auf und ging meiner täglichen Arbeit nach.
Jetzt ist Luchs nicht mehr, mein Freund und Wächter.
Und das Verlangen, in die weiße, schmerzlose Stille einzugehen,
ist manchmal sehr groß.
Ich muss selber auf mich achten und strenger sein, als ich es früher war.
Luchs war mein sechster Sinn.
Seit er tot ist, fühle ich mich wie ein Amputierter.
Etwas fehlt mir und wird mir immer fehlen.
Es ist nicht nur, dass ich ihn bei der Jagd und beim Spurensuchen vermisse
und stundenlang einem getroffenen Wild nachklettern muss.
Das allein ist es nicht.
Das Schlimmste ist, dass ich mich ohne Luchs wirklich alleine fühle.
Die Frage einer Übersiedlung auf die Alm beschäftigte mich von Tag zu Tag mehr.
Das Unternehmen schien mir schrecklich mühsam,
selbst wenn ich nur das Notwendigste mitnehmen
und ganz primitiv auf der Alm hausen wollte.
Nachdem ich erkannt hatte, dass ich den Umzug längst beschlossen hatte,
als ich die grünen Matten der Alm zum ersten Mal gesehen hatte,
wurde ich ruhiger.
Und am 25. Mai kam der Tag des Abschieds vom Jagdhaus.
(Luchs bellt fröhlich)
Der Weg war ganz gut erhalten, aber es dauerte doch vier Stunden,
bis unsere merkwürdige Prozession die Alm erreichte.
Es war schon gegen Mittag. Ich war völlig erschöpft.
Weniger von der körperlichen Anstrengung als von der Nervenanspannung.
Etwas Neues fing an. Ich wusste nicht, was es mir bringen würde.
Aber mein Heimweh und die Sorge um die Zukunft wichen langsam von mir.
Ich fing an, die Alm schön zu finden, fremd und gefährlich.
Aber wie alles Fremde voll heimlicher Lockungen.
Es war ein seltsames Gefühl, unbehindert von Bergen und Bäumen
eine weite Fläche überblicken zu können.
Und es war nicht sogleich angenehm und befreiend.
Meine Augen mussten sich erst an die Weite gewöhnen,
nach einem Jahr, das ich im engen Talkessel verbracht hatte.
(Luchs bellt)
Solange ich auf der Alm war, machte ich keine Notizen.
Ich strich zwar pflichtschuldig jeden Tag im Kalender ab,
aber ich trug nicht einmal so wichtige Ereignisse wie die Heuernte ein.
Die Erinnerung an diese Zeit ist aber frisch geblieben,
und es fällt mir nicht schwer, darüber zu schreiben.
Den Sommerduft, die Gewitterregen
und die sternenfunkelnden Abende werde ich nie vergessen.
(ruhige Musik für Violine solo von J. S. Bach)
(Musik läuft weiter)
(Musik klingt aus)
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich besänftigt.
Nicht zufrieden oder glücklich, aber besänftigt.
Es war, als hätte eine große Hand die Uhr in meinem Kopf stillstehen lassen.
(Vogelgezwitscher)
Manchmal verwirren sich meine Gedanken,
und es ist, als fange der Wald an in mir Wurzeln zu schlagen
und mit meinem Hirn seine alten, ewigen Gedanken zu denken.
Damals, im zweiten Sommer, war es mit mir noch nicht so weit gekommen.
Die Grenzen waren noch streng gezogen.
Es fällt mir schwer,
beim Schreiben mein früheres und mein neues Ich auseinanderzuhalten.
Mein neues Ich, von dem ich nicht sicher bin,
dass es nicht langsam von einem größeren Wir aufgesogen wird.
Aber schon damals bahnte die Verwandlung sich an.
Die Alm war schuld daran.
Es war fast unmöglich, in der summenden Stille der Wiese
unter dem großen Himmel ein einzelnes, abgesondertes Ich zu bleiben.
Ein kleines, blindes, eigensinniges Leben,
das sich nicht einfügen wollte in die große Gemeinschaft.
Einmal war es mein ganzer Stolz gewesen, ein solches Leben zu sein.
Aber auf der Alm schien es mir plötzlich sehr armselig und lächerlich.
Ein aufgeblasenes Nichts.
(Vogelrufe)
(Krähen krächzen)
Am 1 6. Oktober, seit ich von der Alm zurück war,
machte ich wieder regelmäßig Notizen.
Fast den ganzen Oktober hindurch blieb das Wetter schön.
Ich nutzte nun doch die günstige Zeit und verdoppelte meinen Holzvorrat.
Zu Allerheiligen wurde es plötzlich warm, und ich wusste,
dass dies nur den Winter einleiten konnte.
Am 1 0. Dezember finde ich eine seltsame Notiz:
''Die Zeit vergeht so schnell.''
Ich erinnere mich nicht, sie geschrieben zu haben.
Ich weiß nicht, was sich an jenem 1 0. Dezember ereignete
und mich dazu brachte, unter ''Neuschnee'', ''Heu geholt'' zu schreiben:
''Die Zeit vergeht so schnell''.
Verging damals die Zeit wirklich besonders schnell?
Ich kann mich nicht erinnern und kann darüber nichts berichten.
Es stimmt auch gar nicht. Die Zeit schien nur mir schnell zu vergehen.
Ich glaube, die Zeit steht ganz still, und ich bewege mich in ihr.
Manchmal langsam und manchmal mit rasender Schnelligkeit.
Ich tue etwas, die Dinge treiben voran, und ich vergesse die Zeit.
Und dann, ganz plötzlich, ist sie wieder um mich.
Ich werde mich an sie gewöhnen müssen. An ihre Gleichgültigkeit und Allgegenwart.
Seit Luchs tot ist, empfinde ich das deutlich.
Ich sitze am Tisch, und die Zeit steht still.
Ich kann sie nicht sehen, nicht riechen und nicht hören,
aber sie umgibt mich von allen Seiten.
Ihre Stille und Unbewegtheit ist schrecklich.
Im Grunde sind diese Gedanken ganz ohne Bedeutung.
Ich bedaure die Tiere und die Menschen,
weil sie ungefragt in dieses Leben geworfen werden.
Vielleicht sind die Menschen bedauernswerter,
denn sie besitzen genau so viel Verstand,
um sich gegen den natürlichen Ablauf der Dinge zu wehren.
Das hat sie böse und verzweifelt werden lassen und wenig liebenswert.
Dabei wäre es möglich gewesen, anders zu leben.
Es gibt keine vernünftigere Regung als Liebe.
Sie macht dem Liebenden und dem Geliebten das Leben erträglicher.
Nur, wir hätten rechtzeitig erkennen sollen,
dass dies unsere einzige Möglichkeit war.
Unsere einzige Hoffnung auf ein besseres Leben.
Für ein unendliches Heer von Toten
ist die einzige Möglichkeit des Menschen für immer vertan.
lmmer wieder muss ich daran denken.
Ich kann nicht verstehen, warum wir den falschen Weg einschlagen mussten.
Ich weiß nur, dass es zu spät ist.
(Krähen krächzen)
ln diesem Herbst ist eine weiße Krähe aufgetaucht.
Sie fliegt immer ein Stück hinter den anderen
und lässt sich allein auf einem Baum nieder, den ihre Gefährten meiden.
Ich verstehe nicht, warum die anderen Krähen sie nicht mögen.
Für mich ist sie ein besonders schöner Vogel.
Aber für ihre Artgenossen bleibt sie abscheulich.
Ein trauriges Unding, das es nicht geben dürfte.
Eine weiße Krähe.
Sie bleibt sitzen, bis der große Schwarm abgeflogen ist,
und dann bringe ich ihr ein wenig Futter.
Sie kann nicht wissen, warum sie ausgestoßen ist.
Sie kennt kein anderes Leben.
lmmer wird sie ausgestoßen sein und so allein,
dass sie den Menschen weniger fürchtet als ihre schwarzen Brüder.
(Krächzen)
Jeden Tag warte ich auf die weiße Krähe und locke sie.
Und sie betrachtet mich aufmerksam aus ihren rötlichen Augen.
Ich kann sehr wenig für sie tun.
Meine Abfälle verlängern vielleicht ein Leben, das nicht verlängert werden sollte.
Aber ich will, dass die weiße Krähe lebt, und manchmal träume ich davon,
dass es im Wald noch eine zweite gibt und die beiden einander finden werden.
Ich glaube nicht daran, ich wünsche es mir nur sehr.
Allmählich fing ich an, mich aus meiner Vergangenheit zu lösen
und in eine neue Ordnung hineinzuwachsen.
Bis das Wetter sich wirklich besserte, war es Mai geworden.
Zwei Jahre waren im Wald vergangen, und es fiel mir auf,
dass ich fast nie mehr daran dachte, dass sie mich endlich finden würden.
Ich beschloss, bald zur Alm aufzubrechen.
Anfang Juni war ich endlich so weit, dass ich mich an die Alm gewöhnt hatte.
Aber es wurde nie mehr wie im vergangenen Jahr.
Jener erster Sommer auf der Alm war unwiederbringlich dahin.
Ich wollte keine schwächere Wiederholung und hielt mich absichtlich davor zurück,
dem alten Zauber aufs Neue zu verfallen.
Aber die Alm machte es mir nicht schwer.
Sie hatte sich vor mir verschlossen und zeigte ein fremdes Gesicht.
Oft saß ich wie vor einem Jahr auf der Hausbank und sah über die Wiese hin.
Sie war nicht anders als damals und sie roch ebenso süß,
aber ich geriet nie mehr in das alte Entzücken darüber.
Ich unternahm keine großen Ausflüge mehr,
denn ich hatte schon im letzten Sommer meine Grenzen gezogen.
Es war mir gleichgültig geworden, wo die Wand verlief.
(Regen prasselt)
In jenem Sommer vergaß ich ganz, dass Luchs ein Hund war und ich ein Mensch.
Ich wusste es, aber es hatte jede trennende Bedeutung verloren.
Auch Luchs hatte sich verändert.
Seit ich mich so viel mit ihm befasste,
war er ruhiger und schien nicht dauernd zu befürchten,
ich könnte mich, sobald er fünf Minuten wegging, in Luft auflösen.
Wenn ich heute darüber nachdenke, glaube ich,
dass dies die einzige große Angst seines Hundelebens war:
allein zurückgelassen zu werden.
Ich hatte auch eine Menge dazugelernt
und verstand fast jede seiner Bewegungen und Laute.
Jetzt endlich herrschte zwischen uns ein stillschweigendes Verstehen.
(Vogelgezwitscher)
(bedrohliche Klänge)
(bedrohliches Dröhnen)
(lautlos)
(gedämpftes Knurren)
(melancholische Musik für Violine solo von J. S. Bach)
(Musik läuft weiter)
(lautlos)
(Schuss)
(stumme Szene)
(vibrierender Klang)
Ich trug Luchs zur Hütte
und legte ihn auf die Bank.
Er war plötzlich klein und leicht geworden.
Und dann hörte ich wie aus weiter Ferne Bellas Gebrüll.
Sie war außer sich vor Furcht.
Ich versuchte sie zu beruhigen.
Erst dann fiel mir der Mann wieder ein.
Ich wusste, dass er tot sein musste.
Er war ein so großes Ziel gewesen, ich hätte ihn gar nicht verfehlen können.
Ich war froh, dass er tot war.
Es wäre mir schwer gefallen, einen verletzten Menschen töten zu müssen.
Und am Leben hätte ich ihn doch nicht lassen können.
Oder doch? Ich weiß nicht.
Ich wollte ihn nicht auf der Wiese liegen lassen.
Nicht neben dem totem Stier und im unschuldigen Gras.
So fasste ich ihn an den Beinen und schleifte ihn zum Aussichtsplatz.
Dort, wo der Felsen steil in die Geröllhalde abfällt
und im Juni Alpenrosen blühen, ließ ich ihn hinunterrollen.
Für Luchs hob ich noch am Abend ein Grab aus.
Ich machte die Grube tief, legte Luchs hinein,
bedeckte ihn mit Erde und trat den Rasen darüber fest.
Und dann war ich sehr müde.
So müde wie nie zuvor.
(getragene Musik für Violine solo von J. S. Bach)
(Musik klingt aus)
Dann setzte ich mich auf die Bank und wartete auf die lange Nacht.
Es wurde eine helle Sternennacht,
und der Wind fiel kalt von den Felsen herab.
Aber ich war kälter als der Wind und fror nicht.
Beim ersten Frühlicht stand ich auf und verließ mit Bella die Alm.
Am nächsten Tag nahm ich meine gewohnte Arbeit wieder auf.
Der Oktober kam, und ich erntete Erdäpfel und Obst.
Die Streu musste gemäht werden, aber auch das dauerte nur eine Woche.
Und schließlich gab ich, körperlich geschlagen und gebrochen,
meine sinnlose Flucht auf und stellte mich meinen Gedanken.
Es kam dabei gar nichts heraus.
Ich möchte wissen, warum der fremde Mann meine Tiere getötet hat.
Ich werde es nie erfahren, und vielleicht ist es auch besser so.
Jetzt bin ich ganz ruhig.
Ich sehe ein kleines Stück weiter.
Ich sehe, dass dies noch nicht das Ende ist.
Alles geht weiter.
Stier, Perle und Luchs wird es nie wieder geben.
Aber etwas Neues kommt heran, und ich kann mich ihm nicht entziehen.
Die Erinnerung, die Trauer und die Furcht werden bleiben
und die schwere Arbeit, solange ich lebe.
Heute, am 25. Februar, beende ich meinen Bericht.
Es ist kein Blatt Papier übrig geblieben.
Es ist jetzt gegen fünf Uhr abends und schon so hell,
dass ich ohne Lampe schreiben kann.
Die Krähen haben sich erhoben und kreisen schreiend über dem Wald.
Wenn sie nicht mehr zu sehen sind,
werde ich auf die Lichtung gehen und die weiße Krähe füttern.
Sie wartet schon auf mich.
(Krächzen)
(Wind pfeift)
(Krächzen)
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