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Sie müssen schon mit mir reden, Fräulein Keller.
Herrgott noch mal, jetzt reden Sie endlich!
Was ist dort oben im Wald passiert?
Soll das ein Witz sein? Der ist doch offensichtlich schuldig.
Nehmen Sie's nicht persönlich, Herr Kollege.
Muss noch jemand zu Schaden kommen, bis man den endlich wegsperrt?
Haben Sie den Glauben an das Gute im Menschen verloren?
Herr Staatsanwalt.
Herr Janggen.
Es scheint schon länger her,
doch der heftige Regen hat nun die Dreckdecke weggespült.
Was ist los?
Erst hat man nur etwas vom Hut gesehen und einen Schuh.
Beim genauen Betrachten ist die Kinderleiche aufgetaucht.
Den hatte er um den Hals.
Was für ein Hudelwetter, und das mitten im Juni!
Habt ihr vom Kind im Wald gehört?
"Gestern Abend wurde im Hagenbuchwald die verscharrte Leiche
eines etwa fünfjährigen Knaben entdeckt,
die sich mutmasslich schon längere Zeit dort befand."
Was für ein Unmensch macht so was?
"Nachdem in den Fahndungsblättern
kein Verschwinden eines solchen Kindes zu finden ist,
wird die Bevölkerung um Mithilfe zur Klärung der Identität gebeten."
"Er trug ein graues, blusenartiges Kittelchen,
dito Hosen mit Kniebund, weisses Hemd,
schwarze Schnürschuhe, weisse Kappe ..."
Sind Sie sicher? - Ja, die Kleider gehören Ernstli Keller.
Danke, Schwester. Das reicht.
Ausgerechnet Ernstli.
Wir haben ihn so lange durchgefüttert.
Er wurde erst vor vier Wochen abgeholt.
Es ist sogar noch eine Rechnung fürs Kostgeld offen.
Die Mutter hat nicht immer pünktlich bezahlt.
Dafür ist die Staatsanwaltschaft nicht zuständig.
Hast du Heiri mal geschrieben?
Oh Friedeli.
Du isst ja gar nichts mehr.
Du bist schon ganz bleich.
Andere Mütter haben auch schöne Söhne.
Solche, die nicht einfach nach Zürich verschwinden.
Frieda Keller? - Nein.
Ich bin die Schwester. Worum geht's?
Das würden wir Ihrer Schwester gerne persönlich sagen.
Ist sie hier?
Ich bin Frieda Keller.
Wir müssen Ihnen leider eine traurige ... - Ich war's.
Wir könnten doch ein Huhn schlachten.
Das passt zu diesen aufgeblasenen Gockeln.
Einfach keinen neumodischen Firlefanz.
Der Abend ist zu wichtig für Experimente.
Warum bist du denn so aufgeregt?
Sie sollen selbst auf die Idee kommen, mich als Grossrat vorzuschlagen.
Schach.
Vielleicht müsstest du mal deinen Stolz runterschlucken.
Sag einfach direkt, was du von ihnen willst.
Ich mache keinen Kniefall.
Auf die Intelligenz dieser Herren würde ich nicht vertrauen.
Wenn wir ehrlich sind, hältst du sie auch für blasierte Affen.
Allenfalls Conrad.
Wie der dich immer anstarrt! Merkst du das nicht?
Also, Walti.
Der hat eine schöne Frau und fünf Kinder.
Ja, eben.
Entschuldigung, Herr Schönenberger ist hier.
Der tote Bub im Wald ...
Es war die Mutter. - Was?
Sie hat es zugegeben. - Gut. Darum kümmern wir uns morgen.
Schon wieder Brei!
Hier riecht's nach Fotze. Lass mich daran reiben!
Weisst du, so "ah-ah-ah". - Ruhe!
Die habe ich mir anders vorgestellt.
Wölfe tarnen sich gerne im Schafspelz.
Essen.
He!
Aufmachen!
Die hat ein wehrloses Kind umgebracht.
Dann passen Sie eben auf.
Du musst etwas essen.
Das braucht eine Schliessnaht.
Die Schulter.
Ist viel zu eng so.
Lesen Sie mehr zum toten Kind im Hagenbuchwald!
Mehr über die Kindsmörderin vom Hagenbuchwald!
Lesen Sie!
Eine Zeitung bitte.
Danke.
Was ist bloss mit dir passiert, Mädchen?
Frieda.
Ich heisse Frieda.
Ich möchte keine Läuse.
Ich auch nicht.
Wieso arbeiten Sie an solch einem Ort?
Das haben Sie doch gar nicht nötig.
Untätigkeit schadet dem Verstand.
Das wirst du noch früh genug merken.
Kennen Sie den?
Fräulein Keller?
Ich frage nochmals: Kennen Sie den?
Ja.
Ihr Bub trug den, als Sie ihn abholten in der Kinderbewahranstalt Tempelacker.
Korrekt?
Was haben Sie mit dem Bub gemacht im Hagenbuchwald?
Ich war's.
Das reicht doch, oder? - Nein, das reicht nicht.
Ich muss wissen, was passiert ist.
Fräulein Keller?
Zwickelförmiges Ohrläppchen.
5,7.
Aufstehen und umdrehen.
Hier rauf und an der Wand abstützen.
Das rechte Bein nach hinten strecken.
Still halten!
Das ist eine Frau, keine Kuh.
Das ist keine Frau, das ist eine Mörderin.
29. - Raus!
Beide.
Komm runter.
Arm hoch.
Wenn ich das mache, dann gibt es am Schluss ein schönes neues Kleid.
Hier nicht.
Wo ist Ernstli jetzt?
Zumindest nicht mehr im Wald verscharrt.
Es besteht nur der Mensch.
Alles Übrige ist das Werk seiner Hände
und seines Gehirns.
Der Mensch.
Das ist gross. Das klingt ...
... stolz.
Der Mensch.
Stört es Sie nicht, dass Ihre Verlobte weiterhin arbeitet?
Kann man die Tätigkeit der Schauspielerei denn Arbeit nennen?
Au! Pass auf, die Nadeln!
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Ich bin ein Mitbringsel, aus seiner Studienzeit in Berlin.
Er sah mich in einem Theaterstück und war mir sofort verfallen.
Seine Heimat für einen Mann aufzugeben, will wohlüberlegt sein.
Sie können sich schon bewegen. - Ja, ja.
Am Ende habe ich Nadeln im Hals.
Die Nadeln sollten Sie nicht stechen. Sie könnten so sogar zum Tanz.
Lieber nicht.
In Wahrheit ist der Herr Anwalt ein grosser Angsthase.
Haarklammern, verziert.
Nadelkistchen.
Taschenmesser.
Ein Stück Holz.
Weidenrinde.
Seife.
Wie geht es ihr? - Wir dürfen keine Auskunft geben.
Postkarten. - Darf ich zu ihr?
Treten Sie bitte einen Schritt zurück.
Was ist das? - Das sind Muster!
Die gehört mir.
Können Sie ihr den geben?
Wenn sie Angst hat, isst sie nichts.
Einen Apfelschnitz nimmt sie vielleicht.
Alles in Ordnung, es gibt nichts zu glotzen.
Schon gut.
Was können Sie mir zum Tathintergrund erzählen?
Ich wusste nichts, bis die beiden Landjäger auftauchten.
Meine Schwägerin wohnt bei uns. - Und das Kind?
Das war im Tempelacker, in der Bewahranstalt.
Und wieso nicht bei Ihnen?
Wir konnten ja nicht wissen, dass es so kommt.
Haben Sie irgendwelche Zweifel, dass sich Fräulein ...
Keller. Frieda Keller.
Dass Fräulein Keller schuldig ist?
Sie wissen nicht, was Frieda alles durchgemacht hat.
Sie ist ganz anders, als die Zeitungen über sie schreiben.
Was hat sie denn durchgemacht?
Ich hoffe, das reicht.
Mehr haben wir nicht.
Sie müssten mir schon sagen, was Sie wissen.
Je mehr ich weiss, umso besser kann ich Ihrer Schwester helfen.
Frieda ist eine Gute. Eine Fleissige.
Sie hat auch immer gern gekocht und ... - Was passiert jetzt mit ihr?
Es wird einen Prozess geben.
Die Todesstrafe?
Nur dann, wenn die Anklage beweisen kann,
dass Ihre Schwester vorsätzlich gehandelt hat
und das Urteil auf Mord lautet.
Was können Sie mir über den Kindsvater sagen?
Es gibt keinen. - Bei allem Respekt,
den gibt es ganz sicher.
Kommt er als Mittäter infrage? - Nein.
Es ist doch nichts Neues, dass Frauen ihre unehelichen Kinder loswerden wollen.
Also.
Wir wollen Sie nicht länger aufhalten.
Nimmst du den Fall an? - Natürlich.
Wenn auch eher pro bono, wie es aussieht.
Entweder war sie total verzweifelt oder ein skrupelloses Miststück.
Das ist sie nicht. Sie ist eine Gute.
Hochdeutsch bitte.
Sie ist mir die Liebste bei der Arbeit.
Sie ist gescheit und immer höflich.
Ist Ihnen in letzter Zeit etwas an ihr aufgefallen?
Sie war ruhiger.
Ich dachte, wegen dem Kopfweh. Das hat sie häufig.
Ich dachte, sie fehlte deshalb bei der Arbeit.
Hatte sie eine Liebschaft, hat sie sich mit Männern getroffen?
Frieda hat eigentlich nur die Arbeit im Sinn.
Ihr Geld war halt immer knapp.
Ihrer Schwester zahlt sie ja nicht gerade wenig Kostgeld.
Und vom Kind wusstest du nichts?
Sind Sie ... Ist man sich sicher, dass sie ein Kind hat?
Das passt nicht zu Frieda.
Könnte sie jemand unter Druck gesetzt haben?
Einmal kam eine Frau zum Nähsalon.
Die war ... wütend.
Sehr hübsch.
Du kannst Sophie hereinholen.
Du bist die Nächste. - Wie sehe ich aus?
So schickt er dich gleich wieder heim.
Das braucht mehr Farbe.
Wie du das immer machst, aus solchen Fetzen so schöne Kleider!
Am Ende gehst du noch nach Paris in so ein Modehaus.
Das Träumen kann uns niemand verbieten.
So. Los, du bist dran!
Ich habe nicht gehört, worüber sie sprachen.
Und ich habe auch nicht gefragt.
Ich wollte nicht, dass Frieda denkt, ich spioniere ihr hinterher.
Selbst wenn man alle möglichen Umstände berücksichtigt,
die zu einer solch verrotteten Moral führen könnten,
ich kann es nicht begreifen!
Eine Mutter, die das eigene Kind umbringt!
Es gibt doch einen Mutterinstinkt, das eigene Kind zu beschützen.
Sie hat gefragt, wo Ernstli sei.
Ah, plötzlich interessiert sie sich für ihren Jungen.
Das fragt sie ausgerechnet dich.
Ausgerechnet mich, ja.
Schnittmuster, Walti.
Anscheinend für Kinderkleider.
Frau Staatsanwalt. - Grüezi.
Ich habe Ihnen doch gesagt, ohne das Einverständnis des Staatsanwalts
darf ich Sie hier nicht reinlassen. - Ich weiss.
Aber Sie haben auch gesagt, ich dürfe Kleider vorbeibringen.
Kleider, sagte ich.
Das ist nur Weidenrinde, gegen ihr Kopfweh.
Bitte geben Sie ihr das. - Also gut.
Können Sie mir sagen, wie es ihr geht?
Wer kann schon sagen, was in einer Mörderin vor sich geht.
Macht Platz.
Grüezi. - Grüezi.
Eine Mutter, die ihr Kind zu uns bringt, hat von Anfang an Mühe damit.
Aber dass es gleich so weit kommt ...
Was hätte ich machen sollen?
Wir brauchten Platz für die Neugeborenen, die ständig abgegeben werden.
Der Bub musste weg. Er wäre sonst verblödet unter all den Säuglingen.
Und dann hat sie ihn endlich abgeholt.
Nachdem ich ihr eine allerletzte Frist gesetzt hatte.
Und das Geld? Haben Sie es dabei?
Ich musste ihm Kleider kaufen.
Wohin gehen wir?
Also dann, Ernstli.
Komm.
Dann bringen Sie das Geld nächste Woche. Aber diesmal wirklich.
Sie brachte es natürlich nicht. Moment, ich hole es gleich.
Hier, das Kostgeldbuch.
Wenn alle so in Verzug wären wie die Keller,
dann kämen wir hier zu armen Tagen.
Und das ist der Brief.
Ja.
Das hat sie ihm wahrscheinlich mal mitgebracht.
Wir haben es aber erst beim Aufräumen gefunden.
Was wäre passiert, wenn sie ihn nicht abgeholt hätte?
Dann hätten wir ihn ihr vor die Tür gestellt.
Wir können nicht alle behalten.
Darin behauptet sie ja, es ginge Ernstli gut.
In München?
Darf ich Bertha einen Brief schreiben?
Um mich zu bedanken.
Vor lauter Nichtstun fällt es schwer, bei klarem Verstand zu bleiben.
Im Moment darfst du nur mit dem Staatsanwalt reden.
Fräulein Bahon vom Nähsalon
zahlt doch ihren Schneiderinnen einen guten Lohn?
Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben.
Du hättest dich selbstständig machen können.
Träumen kostet nichts, gnädige Frau.
Aber darüber hinaus komme ich nicht.
Das Leben ist lang, wenn man auf die Erlösung durch den Tod wartet.
Wovon hätte Ernstli erlöst werden sollen?
Vom Leben.
Von all den Krankheiten, die der Winter mit sich bringt.
Vom Hunger, der den Magen verkrampft.
Und von all den Blicken.
Voller Verachtung.
Weil er das Kind eines schandhaften Fräuleins ist.
Von mir.
Die Schnittmuster in deiner Kammer,
die waren doch für Ernstli, oder?
Ein Anzug für die Schule.
Ich hatte gehofft, wir könnten mal eine Familie mit jemandem sein.
So wie Sie, nehme ich an.
Das reicht.
Auch in meiner Welt gehen nicht alle Träume in Erfüllung.
Ich mache nochmals eine Füllung.
Aber hier oben müssen Sie aufpassen, dass es sich nicht entzündet.
Ich gebe Ihnen noch ein Pulver mit,
sollte der Schmerz zurückkommen.
Danke.
Lesen Sie mehr über die Kindsmörderin im Hagenbuchwald!
Guten Morgen, Herr Kollege. - Herr Janggen. Alles gut?
Und selber? Haben Sie den Freispruch vom Stickermeister Hägeli schon verdaut?
Das nehme ich schon lange nicht mehr persönlich, das gehört zum Geschäft.
Neunmal gewinnt man und einmal verliert man eben auch.
Das dachte ich mir, dass Sie das zu Ihren Gunsten auslegen.
Apropos Geschäft: Ich möchte gerne zu meiner Mandantin.
Sie vertreten also die Mörderin.
Mhm, und Mandanten-Besuch gehört bei mir zum Geschäft.
Sie wissen genau, dass ich Sie nicht zur ihr lassen muss,
bevor ich nicht selbst mit ihr fertig bin.
Soll ich Ihnen den Unterschied zwischen müssen und wollen erklären?
Ihre Mandantin ist geständig. Der Fall ist klar.
Ja, und zu dieser Überzeugung würde ich gerne selbst gelangen.
Schade um die Zeit.
Fürchten Sie, dass ich etwas rausfinde, das Ihren klaren Fall trüben könnte?
Überschätzen Sie sich nicht, Herr Kollege.
Ich sorge dafür, dass sich das Volk auf unsere Gesetzgebung verlassen kann
und eine Mörderin ihre gerechte Strafe erhält.
Ist der Tod eine gerechte Strafe?
Das ist Sache der Richter. Ich darf mich empfehlen.
Eins, zwei ...
... drei, vier ...
... fünf, sechs, sieben, acht ...
... neun. Ich komme!
Damit dich das Nichtstun nicht in den Wahnsinn treibt.
Kannst du das abändern? Hier sind die Masse.
Das sind Stopfnadeln.
Geht nicht anders.
Brauchst du sonst noch was?
Eine Schere wäre gut.
Oder: Könnte ich noch etwas Weidenrinde haben, gegen das Kopfweh?
Es gibt in der Schweiz jedes Jahr Hunderte von illegitimen Kindern.
Die meisten dieser ledigen Mütter sind mittellos.
Aber wenn jetzt jede ihr Kind im Wald vergräbt ...
Denkst du an nichts anderes mehr?
Sie hätte die Gemeinde um Hilfe bitten können.
Man muss halt den Mund aufmachen! - Das sagt der Richtige!
Du veranstaltest auch lieber eine aufwendige Abendgesellschaft
statt deine Kollegen zu fragen, ob sie dich aufstellen könnten.
Das kann man nicht vergleichen!
Das eine ist Scham, das andere Stolz.
Du willst jetzt aber nicht ein Abendessen mit einem Mord gleichsetzen.
Ich gehe weit für eine Empfehlung, aber nicht über Leichen.
Walti, ich würde mich auch freuen, wenn du Grossrat würdest.
Gesine?
Was machst du denn da? - Wonach sieht es denn aus?
Wenn man dich sieht ...
Dann sieht man, dass ich Fahrradfahren lerne. Halt mal!
Das reicht.
Das ist wirklich praktisch. Warum sollten das nur Männer nutzen?
Weil es unfruchtbar macht.
Man wird dir Unsittlichkeit vorwerfen.
Die Leute sollten über deine Tugenden reden,
nicht deinen Anstand anzweifeln.
Hast ja recht.
Also wirklich, man näht doch kein Gewand für ein Kind, das man dann ...
Die Tatwaffe, wo und wann haben Sie die besorgt?
Eine Schnur? Die hat man einfach.
Sie hatten Sie also von Anfang an dabei?
Sie hatten also schon zu Hause beschlossen, Ihr Kind umzubringen?
Und dieser Heiri Rothenfluh ....
Sie können mir sicher Auskunft geben, wer dieser Heiri ist,
der sich so darauf freut, Sie wiederzusehen.
Ist er der Vater?
Ja, wer ist es dann?
"Sektionsbericht."
"Am 7.6.1904 wurde eine oberflächlich verscharrte Knabenleiche aufgefunden."
"Die Länge der Leiche beträgt 102 Zentimeter."
"Allem Anschein nach ein nicht unter vier und nicht über sechs Jahre alter Bub."
"Die Leiche ist vollständig bekleidet und mit Erde und Laub überdeckt."
"An Stelle des Gesichtes findet sich ein lebendiges Knäuel Fliegenlarven."
"Ebensolche finden sich an den stark mazerierten Händen und Füssen."
"Nach Wegspülen des Madenknäuels entdeckt man,
dass sämtliche Weichteile des Gesichts sowie Teile der Nase fehlen,
auch von den Augen ist keine Spur mehr vorhanden."
Andere Leute wären froh, wenn sie Kinder hätten.
Und Sie ... Lässt Sie das alles kalt?
Kein schlechtes Gewissen, nichts?
Schämen Sie sich eigentlich gar nicht?
Mittwoch. Waschtag.
Komm.
Ich bin inmitten einer Befragung, Erna!
Nimm noch eins.
Das da.
Mit leerem Magen geht bei uns keiner heim.
Erna!
Ich habe dich nur vor dir selbst beschützt.
Das weisst du ganz genau. - Ich weiss.
Ja.
Ist dir das Zahnschmerzpulver zu Kopf gestiegen?
Dieses Frauenzimmer treibt mich einfach in den Wahnsinn.
Bereust du es, dass du mich geheiratet hast?
Walti.
Ich werde immer hinter dir stehen.
Das ist der beste Platz, um mitzuerleben, wie ein sturer Esel wie du Grossrat wird.
"Frieda Keller, geboren am 24.12.1879 in Bischofszell, Thurgau."
"Geschwängert von Zimmerli Carl,
Inhaber der Gastwirtschaft Zur Post in Bischofszell."
Hat sie die Vaterschaft eingeklagt?
Das hätte sie im Thurgau machen müssen.
Was im Thurgau läuft, geht mich nichts an.
Es ist halt peinlich für diese ledigen Weiber,
wenn sie ihre Gören registrieren lassen müssen.
Haben Sie Informationen bezüglich eines Heiri Rothenfluh?
"Rothenfluh Heinrich."
"Angestellter der Schweizerischen Bundesbahn. Verzogen nach Zürich."
Einträge hat er keine, ein unbeschriebenes Blatt.
Alles ruhig. Ich mache Mittag.
Guten Appetit. - Danke.
Frau Staatsanwalt.
Schönes Kleid. - Mein Mann ist nicht hier.
Umso besser.
Adieu.
Sind die von Fräulein Keller?
Was wollen Sie? - Ich möchte mit ihr reden.
Gut, dann kommen Sie später wieder.
Jeder Mensch hat das Recht auf Verteidigung, Frau Staatsanwalt.
Ich bitte Sie, lassen Sie mich zu ihr.
Sie kann doch nicht verurteilt werden,
ohne dass man weiss, was genau passiert ist.
Fräulein Keller?
Mein Name ist Janggen. Ich bin Ihr Verteidiger.
Das ist Arnold Janggen, ein Anwalt.
Mit ihm hat sie einen guten Fang gemacht.
Sieht gut aus, und nicht nur wegen des teuren Jacketts.
Der Länge der Kreuznaht nach zu urteilen, hat er was zu bieten.
Sophie.
Wenn ich nur auch mal so viel Glück hätte!
Du nähst mir dann mein Hochzeitskleid.
Erzählen Sie mir, was passiert ist?
Helfen Sie mir, damit ich Ihnen helfen kann.
Ich brauche keine Hilfe. - Geben Sie die Hoffnung nicht auf.
Meine Hoffnung ist, heute Nacht nicht wieder Ratten auf dem Bett zu haben.
Wurden Sie von jemandem gezwungen, die Schuld auf sich zu nehmen?
Nein.
Ich war's allein.
Der Staatsanwalt möchte beweisen, dass Sie vorsätzlich gehandelt haben.
Fräulein Keller, Sie dürfen nichts sagen,
was darauf hindeuten könnte, dass Sie die Tat im Voraus planten.
Das reicht. Für alles Weitere wenden Sie sich an meinen Mann.
Fräulein Keller? Schreiben Sie alles auf.
Sie können doch schreiben, oder?
Notieren Sie jede Einzelheit aus Ihrem Leben.
Die hellen und die dunklen Stunden.
Versprochen?
Sagen Sie Bertha, sie soll sich nicht sorgen.
Mache ich.
Sie haben sie gerade verpasst. - Wie ärgerlich.
Mir scheint, Ihre Frau will nicht alles erzählen.
Und Ihre Schwägerin sagt gar nichts, obwohl ihr das Wasser bis zum Hals steht.
"Besser man schweigt, besser man vergisst."
Das hat ihnen ihre Mutter immer eingebläut.
Unter uns: Ein schweigsames Frauenzimmer erspart einem so manches.
Wussten Sie von dem Kind? - Bertha sagte, Frieda sei sogar
mal absichtlich die Treppe runtergefallen, damit es weggeht.
Aber es hat nicht genützt.
Frieda hat immer wieder gebettelt, dass wir es aufnehmen.
Aber das wollte Bertha nicht, sie fürchtete das Geschwätz.
Wir haben ja schon Frieda aufgenommen.
Wofür sie Kostgeld bezahlte.
Wir tragen auch kein goldenes Hemd.
Wieso ist Fräulein Keller nach St. Gallen gekommen?
Der Vater hat Frieda davongejagt, als sie geschwängert wurde.
Geschwängert von wem?
Wir wollen kein Geschwätz. - Als Anwalt bin ich verschwiegen.
Es ist wichtig für meinen Mann, dass heute alles perfekt läuft.
Kennst ihn ja. - Natürlich, Frau Staatsanwalt.
Oder nein. Die Herren haben einen konservativen Geschmack.
Hol die andere Garnitur! - Jawohl, Frau Staatsanwalt.
Guten Abend, Herr Gmür. - Guten Abend.
Endlich!
Jetzt musst du dich beeilen.
Jesses, nein!
Entschuldigen Sie. Ah!
Was machen wir jetzt? Die kommen jeden Augenblick.
Jetzt geh dich umziehen.
Mir fällt schon noch was ein.
Nur über meine Leiche.
Hast du eine bessere Idee?
Ist dir klar, wie wichtig der Abend für meine Karriere ist?
Ja, das hast du oft genug betont.
Das kommt nicht infrage!
Gut. Dann serviere halt ich.
Bist du von allen guten Geistern verlassen? Was das zu reden gäbe!
Und wenn sie jemand erkennt? Das kannst du nicht wissen.
Einer Bediensteten schaut doch niemand ins Gesicht.
Die würden nicht mal merken, wenn ihnen die eigene Mutter die Suppe serviert.
Fertig jetzt! Ich diskutiere nicht mehr.
Ja, man sollte jetzt auch nicht übertreiben.
Wer nicht arbeitet, erhält kein Geld. So einfach ist das.
Das sehe ich genauso, Herr Grossratspräsident.
Aber die Sozialdemokraten nicht.
Die wollen den Arbeitnehmerschutz ausbauen.
Muss die Schweiz alles mitmachen, was gerade Mode ist?
Was erwartest du von Politikern mit einem Sozialistenherz?
Bald fordern sie noch das Frauenstimmrecht.
Manchmal ist es gut, wenn die Dinge bleiben wie sie sind.
Wie geht es eigentlich Ihrem Zahn? - Bestens.
Frau Staatsanwalt, es ist wieder mal vorzüglich.
So gut isst man nicht mal im Ambassador in Zürich.
Sie sind ein Schmeichler, Herr Vetsch.
Zum Wohl!
Aber sagen Sie, wie schläft es sich so nah bei einer Kindsmörderin?
Das ist bestimmt eine Belastung für Sie.
Erna hat schon Schlimmeres gesehen.
Wie Sie sehen, hat mein Mann besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen.
An Schutz mangelt's mir nicht.
Eine Mutter, die ihr Kind eiskalt umbringt ...
Man weiss nicht, ob sie es eiskalt gemacht hat oder unter Seelenqualen.
So etwas kommt einem doch nicht auf einem Waldspaziergang in den Sinn!
Ob sich ein Verbrecher beim Ausüben seiner Tat gut oder schlecht fühlt,
ist eine Frage für die Romanschreiberlinge.
Mord ist ein Kapitaldelikt, und dafür wird sie zur Rechenschaft gezogen.
Da muss Arnold tief in die Trickkiste greifen,
wenn er die gegen Sie verteidigen will.
Soll er's probieren.
Todesstrafe. Etwas anderes kommt nicht infrage.
Aber dafür sorgen Sie ja, Herr Staatsanwalt.
Wie man hört, sass ihre Mutter auch wegen Mordes an einem Säugling.
Es sei auch kein eheliches gewesen.
Hört man oder weiss man?
Das Geschwätz von der Strasse lassen wir draussen.
Jedenfalls ist Herr Gmür jetzt ein prominenter Mann.
Der Fall wird schweizweit in den Zeitungen verhandelt.
Umso wichtiger, dass Sie gewinnen.
Das wäre sonst eine öffentliche Demütigung.
Und das will niemand. - Gott bewahre!
Ihr Kopf wird rollen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Ein Walter Gmür hat genug Erfahrung, um allen zu zeigen,
wo der Barthel den Most holt.
Herr Conrad ...
Wenn mein Mann den Fall gewinnt, hätte er es doch sicher verdient,
Grossrat zu werden. - Ja ...
Wäre das auch in Ihrem Sinne?
Oder nur im Sinn Ihrer Frau?
Also ...
Das müsste ich mir zuerst noch überlegen.
So feine Leute haben wir selten in Bischofszell. Aus St. Gallen?
Janggen Arnold, Rechtsanwalt.
Zimmerli Carl, Wirt Zur Post.
Auch ohne Kärtchen.
Freut mich. Sie können mir bestimmt weiterhelfen.
Ich hole Erkundigungen ein über Frieda Keller.
Kennen Sie sie? - Ja, wer kennt die Kellers nicht?
Vater Keller selig war ein alter Freund von mir. Ein rechter Mann, ja.
Aber äh, die Mutter Keller, seine Frau ...
Was ist mit ihr?
Man soll ja nichts Schlechtes über die Toten sagen, aber ...
... mit Gesetz und Moral hatte sie's nicht so.
Sie sass eine Weile lang im Zucht- und Arbeitshaus in Tobel.
Was hatte sie denn verbrochen? - Das müssen Sie woanders nachfragen.
Ich verbreite keine Gerüchte.
Haben Sie noch Kontakt zu Frieda?
Nein, das ist lange her.
Aber warum interessieren Sie sich so für die?
Friedas Bub, der ist doch von Ihnen.
Geschwätz!
Nur weil sie mal hier serviert hat?
"Mutter aus dem Thurgau gesteht Mord an ihrem Knaben."
Was ... die Frieda?
War die das? - Mhm.
Und das tote Kind, das war Ihr Sohn.
Herr Zimmerli.
Sie hat allen Männern schöne Augen gemacht.
Was soll man von so einer auch erwarten?
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Das geht aufs Haus.
Ich habe ihr einmal 30 und einmal 50 Franken gegeben.
Ja, sie hat mir schon leidgetan.
Bei 5 Franken Kostgeld pro Woche in fünf Jahren -
Sie können sich ja ausrechnen, wie lange das gereicht hat.
Danke, Frieda.
Auch im Namen meines Mannes.
Ich wusste nur nicht, dass er meinen Tod fordert.
Wo fängt man an, wenn man sein ganzes Leben aufschreiben soll?
Ich dachte, wenn ich einmal sterbe, dann wegen dem quälenden Kopfweh.
Als Kind erkrankte ich an einer Hirnhautentzündung.
Der Doktor hatte die Hoffnung schon aufgegeben
und meine liebe Mama war so verzweifelt.
Wir hatten kein Geld für richtige Medizin, aber sie hat sich gut um mich gekümmert.
Als ich sie verloren habe, brach ich fast zusammen an ihrem Grab.
Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, so sehr hat mich das Kopfweh geplagt.
Was wird das denn?
Verteidigungsstrategie.
Der Gmür wird schon noch sehen, dieser selbstgefällige Schnösel.
Ist das Fräulein verrückt? - Ich würde es ihr fast wünschen.
Wo finde ich Heiri Rothenfluh?
Dort vorne irgendwo.
Wir haben uns an einer Kirmes kennengelernt.
Sie ist mir sofort aufgefallen. Sie hat ausgerechnet mit mir geredet.
Warum? Hat sie sich auch noch mit anderen Männern amüsiert?
Nein, nein. Nicht, was Sie denken.
Die Frieda ist ... umgänglich, aber nicht frech oder so.
Nie unanständig. Überhaupt nicht!
Haben Sie denn ihr Umfeld kennengelernt?
Was hat sie denn verbrochen? - Ich stelle hier die Fragen!
Ihre Eltern sind beide gestorben.
Sie wohnt bei ihrer Schwester. Die habe ich nie gesehen.
Freunde hat sie, glaube ich, nicht so viele.
Hat sie Ihnen auch Postkarten geschrieben?
Nein, nur einmal einen Brief.
Und was stand darin?
Mein Gewissen ist sauber, ich habe niemanden etwas zuleide getan.
Wie würden Sie Ihre Beziehung beschreiben?
Es hätte etwas daraus werden können.
Aber?
Ich habe dir etwas mitgebracht.
Ein Freund vom Fräulein Bahon kam zu uns in den Salon.
Ein Fotograf.
Er hat uns alle fotografiert. Im Sonntagskleid. Gratis.
Schön.
Das ist wunderschön.
Aber in echt gefällst du mir noch besser.
Frieda, hör mal. Da ist noch etwas.
Man hat mir eine neue Stelle angeboten.
Bei der SBB.
In Zürich.
In Zürich?
Aber ich komme dich dennoch besuchen.
In meiner Freizeit, wenn ich kann.
Und sonst habe ich ja jetzt ein schönes Bild von dir.
Vielleicht holst du mich ja einfach nach?
Weil du Sehnsucht hast.
Würde dir das denn gefallen?
Und das war das Ende Ihrer Bekanntschaft?
Hm?
Die Versetzung nach Zürich?
Sie hat mir nie zurückgeschrieben.
Haben Sie das Bild noch? - Die Fotografie?
Zu Hause. - Und den Brief?
Ja.
Hat Fräulein Keller je einen Sohn erwähnt?
Was für einen Sohn?
Eins, zwei, drei!
Herr Kollege. - Herr Grossratspräsident.
Keine Einladung erhalten?
Dass der überhaupt Zeit hat für so was!
Die Herren.
Gratulation. - Danke.
Schlaues Mädchen.
Sie haben sich einen klugen Burschen geangelt,
er hat eine vielversprechende Karriere vor sich.
Vielleicht war auch er schlau, sich eine kluge Frau zu angeln.
Gesine, komm mal! - Nehmen Sie noch ein Gläschen?
Ah, auch Sie, Herr Staatsanwalt.
Dass der sich nur nichts verbaut.
Seit er diesen Wildfang hat, sind seine Ansichten etwas vernebelt.
Plötzlich setzt er sich für so neumodischen Firlefanz ein.
Er hat sogar gesagt, Frauen könnten trotz ihres Wesens
genauso gut als Anwalt arbeiten wie Männer.
Das ist ja lächerlich! - Ich weiss.
Hat der in Deutschland überhaupt studiert oder nur herumpoussiert?
"Aufgrund ihres Wesens" war mein genauer Wortlaut.
Die Herren.
Und ist es nicht im Haus Gmür, wo bekanntlich die Frau die Hosen anhat?
Was erlauben Sie sich!
Zum Wohl!
Sie entschuldigen mich, meine Frau wartet.
Alles Gute! Bravo!
Es gab einige, die ihn wollten.
Die neue Frau Anwalt werden.
Die Deutsche hat das Rennen gemacht.
War das bei Ihnen auch so?
Das waren damals ganz andere Zeiten.
Hast du wieder Kopfweh?
Heute wäre Ernstlis Geburtstag gewesen.
Einmal habe ich ihm einen Kuchen gebracht.
Mit einer Kerze drauf.
Er hatte solche Freude, er wollte sie nicht ausblasen.
Ich dachte, ich spüre sie nicht.
Die Trauer einer Mutter, die ihr Kind verliert.
Aber sie ist immer da.
Überall.
Warum habe ich vorher nichts gespürt?
Hätte ich etwa lauter schreien sollen?
Mich mehr wehren?
Es sind zu viele Gedanken in meinem Kopf, ich ...
Ich kann sie nicht alle verstehen.
Man hat mich nie eine Mutter sein lassen.
Aber ich höre ihn.
Ohne meine Ohren,
und ich sehe ihn,
ohne meine Augen, sein Gesicht.
Wie er mich anschaut.
Wie er seine Hand in meine legt.
So warm und so fein wie ...
... Samt.
Niemand sollte von der Schande erfahren, die auf mir lastet.
Aber jetzt, wo ich dem Tod ins Auge sehe, stelle ich mich meiner dunkelsten Stunde.
Vielleicht verstehen Sie, Herr Janggen, vielleicht versteht irgendjemand,
wie ich zu dem Unmenschen wurde, der ich heute bin.
Es war an einem Sonntagabend, als er mich ins Elend stürzte.
Hier.
Warum?
Wir zünden jetzt Ernstli eine Kerze an.
Jetzt geben Sie es doch endlich zu!
Sie wollten lieber heimlich am See schmusen.
Das Kind stand Ihnen nur im Weg.
Sie wollten einfach nicht Mutter sein, Sie wollten frei sein.
Frei sein? Ich wollte eine richtige Mutter sein.
Eine richtige Mutter bringt ihr Kind nicht um und verscharrt es im Wald!
Was hätte er für eine Zukunft gehabt?
Das Leben kann grausam sein, grausamer als der Tod.
Sie stehen für das Gesetz?
Sie haben keine Ahnung!
Die Menschen essen nicht alle mit silbrigem Besteck!
Und ist der Teller leer, nützt eine polierte Gabel nichts!
Ihr Selbstmitleid hängt mir zum Hals raus!
Ich möchte Herrn Janggen sprechen. - Der schläft gerade seinen Rausch aus.
Moment!
Woher kennen Sie ihn?
Jetzt hör doch zu! - Weisst du, was das ist?
Verrat!
Von dir hätte ich das zuletzt erwartet! Verdammt noch mal!
Jeder Mensch hat das Recht auf Verteidigung,
auch wenn er etwas Unmenschliches getan hat.
Leitest du jetzt die Untersuchungshaft?
Herrgott noch mal! Hinter meinem Rücken mit Janggen zusammenspannen?
Das ist das Hinterletzte! - Er ist immerhin ihr Verteidiger.
Ja, und dank dir hat er nun alle Informationen.
Jetzt komm mal runter! - Das ist eine Mörderin, Erna!
Nicht deine Freundin und nicht dein Kinderersatz!
Sie zog den Strick zusammen, ohne mit der Wimper zu zucken.
Und das weisst du?
Hier. Dann lies du es.
Daher, hohes Gericht, handelte die Täterin in einer nach den Umständen
entschuldbaren Gemütsbewegung.
Eine Freiheitsstrafe von einem Jahr bis hin zu zehn Jahren ist festzulegen.
Grosse Worte, Herr Anwalt.
Aber es wäre doch gar nicht so weit gekommen,
wenn der Kindsvater sie unterstützt hätte.
Wieso verlierst du kein Wort darüber
und dichtest der armen Frau irgendeinen Hirnschaden an?
"Eine Weibsperson, die sich mit einem verheirateten Mann einlässt,
verdient keine Gunst des Gesetzes."
"Sie trägt die Folgen ihrer Unsittlichkeit selber."
So steht's im Thurgauer Gesetz.
Illegitime Kinder entstehen aber nicht immer
durch unsittliches Verhalten von Frauen.
Für Notzucht gibt es keine Beweise.
Es gibt auch keine Beweise, dass es nicht so war.
Aber selbst wenn, sie hätte im Thurgau klagen müssen.
Aber weil dort verheiratete Männer nicht belangt werden können ...
Sie wollte sich doch offensichtlich der Ächtung entziehen.
Dabei gehören zu einer Schwangerschaft immer zwei!
Du hast recht. Moralisch.
Aber vor Gericht kann ich nur mit dem arbeiten, was die Gesetze hergeben.
Es interessiert nicht, wie das Kind im Thurgau entstanden,
sondern nur, wie es hier in St. Gallen gestorben ist.
Es geht hier aber wesentlich um eine Moralfrage.
Und Frauen, die aus der Not heraus handeln, als verrückt zu erklären,
das ist genauso unmoralisch!
Wie soll sich denn was ändern, wenn niemand den ersten Schritt macht?
Erst muss sich das Denken ändern, dann die Gesetze.
Ich bin nicht auf dich sauer, Arnold,
sondern auf die Männer, die die Gesetze machen.
Eins, zwei, drei ...
Passen sie nicht?
Die sind nicht für mich.
Ich gehe hier nicht raus!
Dann wissen alle, was ich getan habe! - Das wissen sowieso schon alle!
Warum haben Sie Ihr Kind umgebracht?
Fahr zur Hölle, du Hexe!
Herr Staatsanwalt.
Herr Gmür, nur eine Minute fürs "Tagblatt." Nur kurz.
Angeklagte Frieda Keller.
Wir eröffnen das Verfahren
der Staatsanwaltschaft St. Gallen gegen Frieda Keller.
Wegen dem Interesse der Öffentlichkeit und der Presse
findet die Verhandlung im Saal des Grossen Rates statt.
Ich begrüsse auch die anwesenden Herren des Grossrates, meine Herren.
Ich bitte nun Herrn Staatsanwalt Gmür, die Anklage vorzutragen.
Danke, hohes Gericht.
Ich werde beweisen, dass die angeklagte Schneiderin,
die Thurgauerin Frieda Keller, ihr Kind umgebracht
und dabei mit Vorsatz gehandelt hat.
Das Kind war das unerwünschte Ergebnis während Gelegenheitsarbeiten
in der Wirtschaft Zur Post in Bischofszell,
wo das Fräulein Keller den Zudringlichkeiten des Wirts
nicht standzuhalten vermochte.
Vergewaltigung!
Ruhe bitte!
Bei der anthropometrischen Messung nach Bertillon
stellten wir ein zwickelförmiges Ohrläppchen fest,
was eindeutig den Hang zu Diebstahl und Lügen beweist.
Letzteres lässt sich mehrfach belegen.
Lügnerin! - Ruhe im Saal!
Schwester Wyss, treten Sie bitte vor.
Wie würden Sie den Charakter von Fräulein Keller beschreiben?
Nachlässig.
Sie ist nur dann aufgetaucht, wenn wir sie gemahnt haben.
Hatten Sie den Eindruck, dass Fräulein Keller ihrem Kind zugeneigt war?
Sie hat den Bub gar nicht richtig gekannt.
Nachdem sie ihren Sohn aus der Bewahranstalt nehmen musste,
hat Fräulein Keller Ihnen Folgendes geschrieben:
"Ich teile Ihnen mit, dass die Reise ruhig verlaufen ist,
Ernstli hat sich in München gut eingelebt."
Korrekt.
Der Brief ist datiert vom 1. Juni 1904.
Da war Ernstli längst tot.
Bitte Ruhe! Keine Zwischenrufe! Danke.
Danke, keine weiteren Fragen.
Wir haben einfach zu wenig Platz für diese vielen illegitimen Kinder.
Wir können nicht alle durchfüttern, das Geld ist viel zu knapp.
Danke, Sie dürfen sich jetzt setzen.
Ja, aber wo kann ich das Kostgeld abholen, das sie mir noch schuldet?
Bitte setzen Sie sich oder verlassen Sie den Saal!
Verehrtes Gericht, dass die Angeklagte ihre Tat verdunkelt hat,
deutet auf einen vorgängig ausgedachten Plan hin.
Ich möchte diesbezüglich eine weitere Befragung durchführen.
Antrag stattgegeben.
Heiri Rothenfluh.
Deposition Heinrich Rothenfluh, Bahnangestellter in Zürich,
hat nach Mahnung zur Wahrheit Folgendes gesagt:
"Vor zwei Jahren, im Herbst 1902, lernte ich Frieda Keller kennen."
"Von da an begann zwischen ihr und mir ein trauliches Verhältnis."
Haben Sie im Laufe dieses Verhältnisses
mit der Beschuldigten Briefe oder Postkarten ausgetauscht?
Von Zeit zu Zeit.
Zum Beispiel diesen Brief hier.
Hat Frieda Keller Ihnen den geschrieben?
Ja. - Lesen Sie ihn bitte dem Gericht vor.
"Lieber Heiri, erst gestern habe ich dich gesehen
und schon heute packt mich die Sehnsucht."
"Ich hatte die ganze Nacht keine Ablenkung für meine Gedanken
und war nur am Zeit totschlagen."
"Wie soll das erst sein, wenn du fort bist?"
"Es würde mir grosse Freude machen, dich zu begleiten."
"Gäbe dir dann auch jeden Tag einhundert Küsse."
So eine Hure!
Wie viel lüsterne Unsittlichkeit auf so wenig Papier passt!
Um da Lüsternheit rauszulesen, muss man schon sehr anspruchslos sein!
Herr Rothenfluh, wann hat Sie die Beschuldigte
über ihre Unzucht aufgeklärt und darüber,
dass sie mit einem Kind in den Stand der Ehe treten würde?
Frieda war immer anständig! - Beantworten Sie bitte meine Frage!
Von einem Kind hat sie Ihnen nie etwas gesagt.
Nein.
So ein Luder! - Ruhe bitte!
Sie hat Sie getäuscht.
Danke, Herr Rothenfluh.
Die Beschuldigte wollte sich ihrer Last entledigen,
weil sie ein freies, sorgloses Leben führen wollte.
Sie ist mit Kind und Strick in den Wald gegangen,
in dem festen Vorhaben, es dort zu töten! Und das ist Mord!
Ruhe im Saal!
Herr Janggen, bitte Ihr Plädoyer.
Sehr verehrter Herr Gerichtspräsident,
geschätzte Herren Richter.
Wenn eine Mutter ihr Kind umbringt, dann hat dies tiefliegende Gründe.
Gründe, die aufzeigen,
dass in unserer Gesellschaft etwas falsch läuft.
Nicht nur bei den betroffenen Frauen.
Wir schenken ihnen kein Gehör, wir ignorieren ihre Hilferufe.
Die Angeklagte, vom Charakter her nicht im Mindesten schlecht,
wähnte sich in einem für sie unlösbaren Dilemma.
Eine einfache Schneiderin aus bescheidenen Verhältnissen
steht ganz auf sich alleine gestellt vor den Herausforderungen des Lebens,
während die wachsende Kostgeldschuld sie erdrückt.
Das ist zu viel für den ohnehin schon geplagten Verstand des Fräulein Keller.
Von einer frühkindlichen Krankheit hirngeschädigt,
beeinträchtigt in ihren Fähigkeiten zu denken und zu fühlen,
wähnte sie sich in einer Notsituation.
Der Ausweg, wurde der Angeklagten von der eigenen Mutter vorgelebt.
Auch sie hatte als junges Frauenzimmer ihr illegitimes Kind getötet,
um sich des Problems zu entledigen.
Ruhe!
Jahre später wählt die Tochter ebendiesen Weg.
Ja, die juristischen Folgen wiegen hier schwerer,
denn bei dem Opfer der Mutter handelte es sich um ein Neugeborenes.
Aber dennoch, wie erklären wir uns das?
Schändliches Erbgut.
Die Tat muss unter diesem Gesichtspunkt beurteilt werden,
denn sie steht im klaren Gegensatz zum Vorleben der Angeklagten.
Die totale Verzweiflung brachte Frieda Keller um ihren Verstand
und in eine Situation, in der sie sich nicht anders zu helfen wusste,
als ihr Kind zu töten.
Sie ist eine Mörderin!
Ruhe im Saal!
In ihrer Not war sie allein, ohne Unterstützung.
Ohne Geld.
"Besser man schweigt, besser man vergisst."
Das war der einzige Rat, den man ihr mit auf ihren Lebensweg gegeben hat.
Und das zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Leben.
So verwehrte ihr der Staatsanwalt einen gerechten Prozess,
indem er sich weigerte,
die Verteidigung vor Prozessbeginn zu ihr zu lassen.
Das gibt's doch nicht!
Und das, obwohl es für die Angeklagte um Leben oder Tod geht.
Denn hier steht ein äusserst fragwürdiges Strafmass im Raum.
Er hat recht! - Todesstrafe abschaffen!
Ruhe bitte!
Doch wenigstens erweist seine Frau einen Sinn für Gerechtigkeit.
Nehmen Sie sich ein Beispiel an ihr, Herr Staatsanwalt.
Frieda Keller ist durchaus eine warmherzige Mutter.
Das Kind hatte einen Strick um den Hals!
Herr Gmür! - Schnittmuster für einen Schulanzug,
den die Staatsanwaltschaft in ihrer Kammer fand, beweisen ...
Die Leiche hatte kein Gesicht mehr! - Herr Gmür, bitte!
Diese Schnittmuster für einen Schulanzug,
die das Opfer erst in Zukunft benötigt hätte, beweisen,
dass Frieda Keller durchaus gewillt war, ihren Sohn wieder zu sich zu nehmen,
sobald es ihr unter ehrbaren Umständen möglich gewesen wäre.
Aber das Schicksal will es anders.
Verehrter Herr Gerichtspräsident, geschätzte Herren Richter.
Ja, meine Mandantin ist schuldig.
Frieda Keller hat ihr Kind umgebracht.
Aber die Schuld, von der wir hier sprechen, ist umfassender
und liegt, zumindest in Teilen, ganz woanders.
Frieda Keller ist auch kein Einzelfall.
Viele Mütter müssen ihre Kinder verbergen.
Verbergen, nicht vergraben!
Und was machen wir? - Herr Gmür, bitte!
Was macht die Gesellschaft mit einem hilfsbedürftigen Menschen?
Wir kehren ihm den Rücken zu.
Was machen die Schwestern aus der Kinderbewahranstalt Tempelacker?
Sie werfen das Kind aus dem Heim.
Und was macht die eigene Familie?
Sie verwehrt dem Kind ein Zuhause, aus Angst vor dem Geschwätz der Nachbarn.
Und der Zeuge, der laut Staatsanwalt von der Angeklagten getäuscht worden sei -
was macht er?
Er lässt sich von ihr herzige Brieflein schreiben und das Küssen zeigen,
um sie dann bei der erstbesten Gelegenheit sitzen zu lassen.
Unerheblich!
Das entspricht nicht der Wahrheit! - Herr Staatsanwalt, bitte!
Unser werter Herr Staatsanwalt hält das alles für irrelevant.
Entschuldigen Sie, aber da stellt sich mir die Frage:
Irrelevant für wen?
Für Sie persönlich, Herr Gmür.
Sie vertreten hier eine Gesellschaft mit ihrer Doppelmoral.
Ich frage Sie, Herr Gmür,
hätten Sie das schandbehaftete Kind bei sich aufgenommen?
Rechtsverdreher!
Hohes Gericht,
die Verteidigung erachtet es als erwiesen, dass diese abscheuliche Tat
nicht mit klarem Verstand geplant war.
Die Verteidigung bittet um milde Beurteilung
mit einer zeitlichen Freiheitsstrafe, gegebenenfalls auf Anordnung
einer psychiatrischen Expertise. Vielen Dank.
Danke, Herr Verteidiger. Hat die Angeklagte noch etwas vorzubringen?
Nein, Herr Gerichtspräsident.
Die Gerichtsverhandlung ist geschlossen.
Die Richter ziehen sich zur Beratung zurück.
Das Gericht hat entschieden.
Die Angeklagte, Fräulein Frieda Keller,
wird gemäss Artikel 133 des Strafgesetzbuches
des Mordes für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt.
Mit dem Urteil sind nicht alle einverstanden.
Dieses Urteil ist heftig umstritten, nicht nur im Gerichtssaal,
sondern auch in der Gesellschaft.
... vergeblich um das Leben der Kindsmörderin.
Verteidiger blitzt mit Antrag ab und fragt sich ...
Widerstand zeichnet sich in der Zivilbevölkerung ab.
Die Tatsache, dass die Bevölkerung mit so grosser Anteilnahme
die Begnadigung von Frieda Keller fordert, zeigt,
dass ein allgemeiner Gesinnungswandel längst überfällig ist.
Aber nur, weil wir nicht schreien, heisst das noch lange nicht,
dass das Urteil kein schreiendes Unrecht ist.
Der Prozess hat ein weiteres Mal gezeigt,
dass Recht, Moral und Gerechtigkeit nicht miteinander korrespondieren.
Es liegt in der Hand von ein paar wenigen Männern,
ob unser Gesetz im Sinne der Gerechtigkeit ausgelegt wird.
Herr Staatsanwalt.
Gratulation zum Sieg.
Wie ich höre, werden Sie schon bald als Grossrat nominiert.
Hier.
Mein Antrag auf Begnadigung.
Sie wissen, dass das nicht reicht.
Die Verurteilte muss auch ein Gesuch stellen.
Sie weigert sich, spricht nicht mehr mit mir.
Ich bitte Sie um Hilfe. - Ha, was haben Sie erwartet?
Sie führten sie als Wahnsinnige vor.
Sie haben mir den Zutritt zu ihr verweigert, zu Ihrem eigenen Vorteil.
Jetzt haben Sie doch den Sieg und die Hochachtung aller.
Helfen Sie mir, dass die geplagte Frau am Leben bleiben kann.
Herr Gmür, uns läuft die Zeit davon.
Das Gesuch muss innert zwei Tagen beim Grossrat sein.
Wieso soll ausgerechnet ich Ihnen helfen?
War das wirklich nötig?
Dass es unserem Haus nie vergönnt war,
Kinderlachen durch seine Räume zu tragen, ist unser Unglück.
Es wird nicht kleiner, wenn du dich an einem fremden Leid abreagierst.
Niemand sollte von der Schande erfahren, die auf mir lastet.
Aber jetzt, wo ich dem Tod ins Auge sehe, stelle ich mich meiner dunkelsten Stunde.
Es war an einem Sonntagabend, als er mich ins Elend stürzte.
Es ist schon richtig, wie es jetzt ist.
Es ist nur ...
Ich hätte es halt gern probiert.
Ihm eine Mutter zu sein.
Ich dachte wirklich, dass das mit Heiri etwas werden könnte.
Ich habe dir einen Brief geschrieben.
Du darfst ihn aber noch nicht lesen.
Erst später im Zug.
Ein Abschiedsbrief?
Ich hoffe es nicht.
Ich komme dich bald besuchen.
Und wenn wir zusammenleben würden? In Zürich.
Aber du arbeitest doch gerne hier bei Fräulein Bahon.
In Zürich brauchen sie sicher auch Schneiderinnen.
Ich glaube, Frauen sind gar nicht erlaubt in den Baracken.
Wir könnten auf eine Wohnung sparen. Wir brauchen nicht viel Platz.
Eine Küche, ein Schlafzimmer, vielleicht ein Kinderzi...
Ja, lauf dich frei.
Genau, genau, genau.
Du spielst ja wie ein richtiger Fussballer.
Komm in unsere Mannschaft! - Nein, in unsere!
Schuss. Treffer!
Guter Schuss! Danke.
Du spielst ja richtig gut. - Na ja.
Sie sind ja auch kleiner als ich.
Was wäre, wenn ich schon ein Kind hätte?
Ein Kind? Du?
Nein. So eine bist du nicht.
Das passiert nur billigen Mädchen.
Begleitest du mich noch zum Bahnhof?
Mhm, ja.
Ich mochte ihn sehr.
Wenn er mich doch nur geheiratet hätte.
Oder Ernstli etwas länger im Tempelacker hätte bleiben können, dann ...
... dann hätte ich das niemals gemacht.
Das müssen Sie mir glauben, gnädige Frau.
"Als meine Schwester da nicht mehr hinwollte,
schickte Vater mich zur Wirtschaft Zur Post,
denn das Geld durfte uns nicht fehlen."
"Zimmerli forderte mich auf, im Keller Wein zu holen,
dann kam er mir nach, und ich war verloren."
So hat's Ihre Schwester aufgeschrieben.
Sie hat bei Zimmerli serviert,
weil Sie dort nicht mehr weiterarbeiten wollten.
Sie wussten ganz genau, dass sich Zimmerli an Frieda vergreift.
Weil er's auch bei Ihnen tat.
Ist Ihnen klar, dass Sie es in der Hand gehabt hätten,
das alles zu verhindern, wenn Sie damit rausgerückt wären?
Wenn wenigstens einmal jemand etwas gesagt hätte!
Raus!
Ich wollte Sie nur höflich darum bitten ...
Man hat sie zum Tod verurteilt! Sie haben das gemacht!
Sie allein sind schuld, dass es überhaupt so weit gekommen ist.
Stimmt das, was er sagte?
Du hattest recht.
Ich war ein Idiot, dass ich dir das Leben so schwer gemacht habe.
Es tut mir leid.
Setz dich.
Nimm einen Schluck.
Mund auf.
Ich vergesse hier drinnen, dass das Leben draussen weitergeht.
Du darfst jetzt nicht aufgeben.
Du musst das Gesuch schreiben.
Die dürfen dich nicht einfach umbringen.
Lieber sterbe ich,
als ein Leben lang hier drinnen zu vermodern.
Eingesperrt wie ein Tier.
Angespuckt.
Für geisteskrank erklärt.
Oh ja,
vielleicht haben sie recht. - Die kennen dich gar nicht!
Sie verurteilen mich dennoch.
Ich wollte das nicht.
Nichts von all dem. Du musst mir glauben.
Ist schon gut. - Nein,
das ist es nicht.
Ich bin schuld.
An allem, was dir passiert ist.
Ich wusste genau, was Zimmerli mit dir macht.
Friedi, es tut mir so leid, ich hielt es einfach nicht mehr aus.
Ich habe mich so geschämt.
Das ist nicht wahr.
Wie hätte ich dir helfen sollen?
Ich konnte kein Kind aufnehmen, das mich mit seinen Augen anschaut.
Geh!
Bitte vollstrecken Sie das Urteil schnellstmöglich.
Ich vollstrecke keine Urteile.
Dieses Geschwätz ist unangenehm für mich und meine Familie.
Wir stehen am Pranger. Dabei haben wir nichts damit zu tun.
Dafür müssen Sie doch Verständnis haben. - Ich habe zu tun!
Was will der hier? - Herr Zimmerli wollte gerade gehen.
Der Teufel soll dich holen!
Der konnte seine Hose nie lange zulassen.
Ständig hat er einen begrapscht.
Männer wie der denken, sich an uns Frauen einfach bedienen zu können.
Wie ein Möbel, wo man draufsitzt, wenn man grad will.
Frieda hatte das feinere Polster als du.
Manchmal machen die Leute schlimme Dinge,
um sich vor ihrem eigenen Schmerz zu schützen.
Ich bin Staatsanwalt.
Ich konnte nicht anders.
Ich auch nicht.
Das glaube ich Ihnen sogar.
Dass Sie den Tod dem Leben vorziehen,
haben Sie schon mal bewiesen.
Und jetzt tun Sie es wieder.
Ich habe kein Verständnis für Ihre Tat.
Aber den Tod haben Sie nicht verdient.
Nie haben Sie den Mund aufgemacht.
Verdammt noch mal, jetzt brauchen Sie endlich Ihre Stimme
und bitten Sie um Gnade!
Ihre Geschichte ...
Sie müssen am Leben bleiben, sonst ändert sich nie etwas.
Kämpfen Sie um Ihr Leben, Frieda!
Wie sieht es aus?
Ich habe alle Entbehrungen und Sorgen
fünf Jahre lang mutig ertragen,
das schwere Leid verschwiegen und es still in meinem Herzen verwahrt.
Als meine Mutter starb, verlor ich den Halt.
Ohne ihr Mitgefühl und ihre helfende Hand reichte meine Kraft nicht mehr aus.
Herr Gmür!
Ich beging die Tat nicht aus Hass oder Abneigung gegen mein Kind.
Aber die Furcht vor der Verachtung und der öffentlichen Schande
brachten mich in so grosse Verzweiflung, dass ich nicht mehr klar denken konnte.
Es war, als ob ein böser Geist mich getrieben hätte.
Die Grösse meiner Schuld konnte ich nicht mehr überblicken.
Gott weiss, wie es in meinem Innern aussah.
Es ist entsetzlich, was ich gemacht habe.
Mein Kummer wird mich mein Leben lang begleiten.
Aber ich flehe Ihre Barmherzigkeit an, mir die Gnade des Lebens zu schenken,
damit ich mich durch aufrichtige und tiefe Reue bessern
und die verlorene Ruhe und den Frieden meiner Seele wiederfinden kann.
Und mir, wenn ich mich durch Fleiss, Gehorsam
und gutem Betragen als würdig erwiesen habe,
vielleicht ein Funken Hoffnung bleibt, dereinst eine Zeit der Freiheit zu erleben
und die Rückkehr zu guten Menschen.
Gnade ist Ihr Vorrecht.
Ich flehe Sie an, erachten Sie mich ihrer für würdig.
Gott und Sie mögen mir armem, schwachem Mädchen gnädig sein.
Die Unglückliche, Frieda Keller.
Wir eröffnen die Abstimmung
über das Begnadigungsgesuch von Frieda Keller.
Die Grossräte werden gebeten, ihre Stimme abzugeben.
Die Ballotage-Urne bitte.
Es ist der Wille des Grossen Rates,
dass die zum Tode verurteilte Frieda Keller begnadigt werde.
Das Todesurteil wird aufgehoben
und in eine lebenslange Zuchthausstrafe mit Schweigegebot
in Einzelhaft umgewandelt.
Als verurteilte Verbrecherin gibt es für Sie keinerlei Vergünstigung.
Sie haben kein Anrecht auf Briefe oder Besuch.
Ihr Recht, einen Namen zu tragen
oder jemals wieder mit anderen Menschen zu sprechen,
haben Sie mit dem heutigen Tage verwirkt.
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