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LUDWIG II. VON BAYERN DER VERTRÄUMTE KÖNIG
Er schlendert einsam umher, melancholisch,
in einem noch längeren Spiegelsaal als dem
im Schloss von Versailles, von 2000 Kerzen umgeben.
Er liebt nur die Opern von Wagner,
die ihn vergessen lassen, dass in der Nähe seines Schlosses
die Menschen sich in Münchens Kneipen mit Bier trösten.
Ihn dürstet nach Vollkommenheit. Er ist ein Märchenprinz,
ein Albtraum für Psychoanalytiker, kurzum,
es ist Ludwig Il. von Bayern.
Wie das beeindruckende Neuschwanstein
hat Ludwig Il. seine Schlösser selbst entworfen,
mitten im 19. Jahrhundert,
um seiner verträumten Nostalgie ein Denkmal zu setzen.
Bei solchen Persönlichkeiten
neigt man leicht dazu, vorschnell zu urteilen.
Er sei verrückt, unberechenbar,
misstrauisch, ein Misanthrop.
Aufgrund seiner Ausgaben und seines Faibels für Bauwerke
Wird er verspottet, ausgegrenzt, seiner Macht enthoben,
eingesperrt,
bis er schließlich
wie ein romantischer Held an einem schwarzen See stirbt.
Sie werden jedoch
anhand seiner Tätigkeit als Bauherr feststellen,
denn seine Werke ziehen heute Millionen Besucher an,
dass Ludwig Il. von Bayern kein Psychopath war.
Elisabeth von Österreich, bekannt als Sissi,
sowie zahlreiche Künstler
suchten seine Gesellschaft und seinen Rat,
weil sie begriffen, dass dieser viel zu junge Herrscher,
der von kurzsichtigen Politikern umgeben war, edie Träume verfolgte.
Es gelingt ihm, die Souveränität seines Reiches gegenüber Preußen
Zu verteidigen.
Doch was zählen seine politischen Erfolge
bei seinen machthungrigen Gegnern,
die ihn ohne Prozess verurteilen?
Als Ludwig Il. mit 18 Jahren den Thron von Bayern besteigt,
ist er kaum vorbereitet. Doch sein Charme und Charisma
machen ihn zum schönsten Monarchen Europas.
So sehen die Bayern über seine Jugend und Unerfahrenheit hinweg.
Er ist ein absoluter Romantiker.
Er besitzt, was man Anmut nennt.
Er liebt Harmonie
und flieht vor der Vulgarität seiner Zeit.
Während seiner Regierungszeit
baut er sich immer mehr Märchenkulissen,
in die er sich gern zurückzieht.
Er möchte um jeden Preis
in der Fiktion, in einer Legende leben.
Auch mithilfe der Musik von Richard Wagner
flieht Ludwig II. vor der harten Realität.
Wagners Musik
war wie ein Rauschmittel, das Ludwig Il.
auf einen Trip schickte.
Er unterhält den Komponisten wie eine Geliebte.
Neben Wagner
schwärmt der König auch für seine Cousine Sissi,
mit der er seine größten Geheimnisse
und intimsten Gedanken teilt, da sie sich gleichen.
Er liebte sie,
weil er in ihr
eine Gleichgesinnte sah.
Sie verstehen sich
ohne Worte. Es sind Seelenverwandte.
Da er keine fremden Blicke erträgt,
lebt der König nachts, von imaginären Gästen umgeben,
wie Ludwig XVI. und Marie-Antoinette.
Er führt endlose Gespräche mit der Königin von Frankreich.
Er spricht mit ihr, als wäre sie seine Gemahlin.
Mit Dienern, die nach Versailler Mode gekleidet sind,
hält Ludwig Il. Zeremonien ab,
die sein Vorbild erfreut hätten:
Ludwig XIV., der Sonnenkönig.
Ihm widmet er ein riesiges und prachtvolles Schloss.
Der Bau dieses Palastes im Jahr 1878 Wird zunächst geheim gehalten
unter dem Decknamen Meicost-Ettal. Es ist das Anagramm
des Wahlspruchs Ludwigs XIV.: "L'Etat, c'est moi."
Der Staat und politische Angelegenheiten widern Ludwig Il. an.
Er beteiligt sich an 2 Kriegen,
wobei er die Unabhängigkeit Bayerns
gegenüber Preußens Eroberungsdrang
und dessen Eisernem Kanzler verteidigt.
Bismarck macht Angst.
Seine exzentrischen Neigungen
und seine unbedachten Ausgaben
kosten ihn am Ende die Krone.
Ein belastender Bericht führt zu seiner Entmündigung
und seinem tragischen Tod,
der bis heute eins der größten Rätsel der Geschichte ist.
"Die Erinnerung an Frankreich
und mein geliebtes Versailles, das ich dort besuchte,
kommt mir vor wie
ein wunderbarer Traum."
Diesen wunderbaren Traum kann Ludwig II.
nur während seiner seltenen Besuche in Frankreich leben.
Hier will er weiterträumen,
auf der zauberhaften Insel im Herrenchiemsee,
südöstlich von München.
Weder die Kosten noch die Bauzeit schrecken ihn ab.
16 Jahre hat es gedauert.
Der Monarch ist fest entschlossen, sein eigenes Versailles
nachzubauen.
Eine Hommage
an die Bourbonen, die seinen Vornamen tragen
und die für ihn große Vorbilder sind.
Angesichts dieser Fassade, die 200 Jahre später erbaut wurde,
hätte sich Ludwig XIV. in Bayern
fast wie bei sich daheim gefühlt.
Doch Ludwig Il. will hier nicht einfach nur eine Kopie errichten.
Sein Motto ist klar: nur anspielen
und dem Stil des Sonnenkönigs treu bleiben.
Es handelt sich also um eine Neuinterpretation,
eine Sichtweise des französischen Absolutismus,
aber nach Geschmack von Ludwig II.
Die ganze Pracht dieses Schlosses kommt in dieser Treppe zum Ausdruck,
eine Kopie der Escalier des Ambassadeurs in Versailles.
Da das Original im 18. Jahrhundert zerstört wurde,
ließ Ludwig Il. diesen magischen Ort
anhand von alten Gravuren rekonstruieren.
Der einzige Anachronismus, den er erlaubte:
dieses Glasdach im Stile des 19. Jhs.
Es heißt, wenn der König von Bayern sich hier aufhielt,
wurde diese Treppe mit Rosen und Lilien geschmückt.
Die Rose war seine Lieblingsblume
und die Lilie das Symbol der französischen Monarchie.
Ludwig Il.
sieht im Sonnenkönig die Verkörperung der höchsten Königswürde.
Er ist überall präsent in diesem Schloss, das ihn würdigen soll,
auch als Bronzefigur auf einem feurigen Ross,
die an die Reiterstatue am Eingang von Versailles erinnert.
Doch auf diese Königswürde, die er stets glorifiziert,
obwohl der Absolutismus nicht mehr zeitgemäß ist,
ist der Monarch kaum vorbereitet,
als er am 12. März 1864 den Thron besteigt.
Im Alter von gerade mal 18 Jahren
schreibt er in sein Tagebuch: "Ich bin zu früh König geworden."
Es ist ein großer Tag für Bayern.
Ein Freudentag. Im Herzen von München,
in der Residenz, dem Königspalast,
versammeln sich europäische Botschafter, gekrönte Häupter,
hohe Geistliche und wichtige Würdenträger
des Deutschen Bundes.
Ludwig Il. bereitet sich auf seine Krönung vor.
Wir schreiben also
den 12. März 1864.
König Maximilian, der Vater von Ludwig Il.,
ist zwei Tage zuvor gestorben.
Plötzlich wird dieser Junge Prinz, der gerade mal 18 ist, zum König.
Er wird im großen Thronsaal gekrönt.
Es ist sein erster offizieller Auftritt.
Er ist eingeschüchtert.
Er hat die Angewohnheit, ein wenig über die Leute drüber zu schauen.
Man stelle ihn sich im Königsmantel vor,
in schwarzen Lackstiefeln,
im Offiziersrock, der die schmale Taille betont.
Er hat etwas Männliches und Weibliches zugleich.
Ein schöner Mann.
Er sieht toll aus. Er gilt zu Recht als einer der schönsten Prinzen
Europas, wenn nicht gar der schönste.
Den Tod seines Vaters,
König Maximilian Il., erlebt der charismatische junge Mann
als eine Befreiung.
In seinem Tagebuch findet sich nicht der Eintrag:
"Mein armer Vater ist tot",
oder etwas Ähnliches. Stattdessen
schreibt er auf einer ganzen Seite: "König."
Der stolze Jüngling
stammt aus einem der ältesten Herrscherhäuser:
dem Haus Wittelsbach.
Ludwig Il. kommt im August im Schloss Nymphenburg,
in der Nähe von München,
zur Welt.
Er ist der erste, lang ersehnte männliche Erbe.
Man informierte natürlich umgehend König Ludwig,
den Großvater des Kindes, und fragte,
wie er heißen solle. Ludwig?
Seine Mutter will ihn Otto nennen, aber der König setzt sich durch.
Das Kind, das am Tag des Heiligen Ludwigs, am 25. August, zur Welt kam,
sollte den Vornamen seines Großvaters tragen.
Am frühen Morgen hörten die Münchner
die 101 Kanonenschüsse, die der ganzen Welt
die gute Nachricht verkündeten:
der Kronprinz und seine Frau haben einen Sohn bekommen.
3 Jahre später kommt ein zweiter Junge zur Welt: Otto.
Maximilian Il. und Marie von Hohenzollern
sind jedoch keine besonders fürsorglichen Eltern.
Sein Vater, Maximilian, wird "Philosophenkönig" genannt.
Er ist sehr pflichtbewusst.
Seine Aufgaben erledigt er mit größter Sorgfalt.
Er wäre gern Universitätsprofessor geworden.
Er ist ein wenig bieder und spießig.
Seine aus Preußen stammende Frau ist ganz anders als er
und vor allem eine begeisterte Sportlerin.
Seine Mutter ist eine Hohenzollern.
Sie ist das Gegenteil ihres Mannes.
Sie ist 20 Jahre jünger als er,
sieht sehr schön aus, hat feine Züge.
Büchern kann sie nichts abgewinnen.
Sie mag keine Literatur.
Sie sagt ihm: "Ich habe noch nie ein Buch gelesen.
Ihr solltet wie ich
Berge besteigen, das ist sehr viel gesünder."
Sie liebt Natur und Alpinismus über alles.
Ludwig Il. empfand nie große Zuneigung zu ihr.
Er nannte sie oft "die Frau meines Vorgängers",
sehr distanziert, oder "preußische Oberst".
Er warf ihr stets ihre preußische Strenge vor,
die er hasste und die der bayrischen Seele widersprach.
Trotz des distanzierten Verhältnisses
zu seinen Eltern erbt der zukünftige Monarch
einige Charakterzüge von ihnen, die ihm stets erhalten bleiben.
Von seiner Mutter erbt er die Liebe zur Natur,
die Begeisterung für große Weiten, für die Freiheit
und die Begeisterung für die Höhe.
Von seinem Vater erbt er die Gelehrsamkeit
und den durchdringenden Blick.
Die eigentliche Bezugsperson seiner Kindheit
ist sein Großvater, der König Ludwig I.
Da er zum Zeitpunkt seiner Geburt
auf dem Thron saß, fühlt sich das Kind mit ihm verbunden.
Ludwig I., König von Bayern,
galt seinerzeit als eine originelle Persönlichkeit.
Er wurde 1786 in Straßburg geboren.
Seine Pateneltern waren Ludwig XVI. und Marie-Antoinette.
Er liebt das Schöne, die Kunst.
1804 macht er eine Reise nach Rom,
die ihn für immer prägt.
Danach will Ludwig I. München
Zu einem neuen Florenz, einem neuen Athen und Rom machen.
Ludwig I. schätzt die Kunst,
doch Frauen, vor allem sehr hübsche Frauen,
sind seine Leidenschaft.
Davon zeugt diese Schönheitengalerie
im Schloss Nymphenburg,
eine Sammlung von 36 Portraits der schönsten Damen Europas,
für die er schwärmt.
Unter diesen 36 Frauen findet man sowohl
die Tochter eines Schusters als auch die Mutter von Franz Joseph,
die Erzherzogin Sophie und die Mutter seines Enkels, Marie.
Außerdem noch 5 seiner Mätressen,
darunter die berühmte Lola Montez.
Türkisblaue Augen, ebenholzschwarzes Haar -
die schottisch-irischstämmige Lola Montez,
gelegentliche Tänzerin,
bringt die Herzen der Mächtigen und Reichen in Wallung.
Ihre besondere Schönheit
entgeht nicht dem bayrischen König.
Er ist schon alt.
Lola Montez ist eine Granate. Sie ist sehr schön.
Sie ist Tänzerin,
Schauspielerin...
Sie tanzt sehr schlecht, ist aber entzückend.
Er macht ihr Geschenke,
erhebt sie zur Gräfin.
Er schenkt ihr ein Palais in München,
Personal, eine Leibgarde...
Die Münchner protestieren natürlich
gegen diese Verschwendung.
Als die Schöne anfängt, sich in die Politik einzumischen,
beschließt Ludwig unter Zwang, sich von seiner Geliebten zu trennen.
Daraufhin entschließt er sich, abzudanken.
Diese Abdankung prägt den jungen Ludwig Il.
Sein geliebter Großvater bleibt ihm für immer in Erinnerung.
Doch seine ersten Lebensjahre verbringt der Junge
fern von ihm und seinem Vater, Maximilian Il.
Seine Ausbildung entspricht der eines Prinzen,
doch trotz der schönen Umgebung von Hohenschwangau
ist sie nicht gerade romantisch.
Als er 9 war,
wurde seine Gouvernante vom Reichsgrafen von La Rosee ersetzt,
der den Feind verkörperte. Ein Militärangehöriger, der Ludwig
streng erziehen wollte.
Im Sommer um 5 Uhr aufstehen,
im Winter um 6 Uhr, ein Lehrer nach dem anderen.
Es waren überwiegend sehr alte Herren,
extrem autoritär, alle schwarz gekleidet.
Ich denke dabei besonders an Herrn Liebig,
den Erfinder des Chloroforms.
Das sagt einiges darüber, wie dieser Mann
den 10-jährigen Jungen unterrichtet hat.
Er wird von alten Leuten unterrichtet,
von pensionierten Militärs.
Er hat keine Freunde.
Otto, sein Bruder und einziger Vertrauter,
begleitet den Älteren auf langen Ausflügen in die Natur.
Wenn die Prinzen in seltenen Momenten bei ihrer Mutter sind,
ist das Verhältnis zu ihr sehr kühl.
Ein Foto zeigt die Königin am Tisch
mit ihren beiden Söhnen, Otto und Ludwig.
Das sieht beschissen aus. Entschuldigen Sie den Ausdruck.
Sie wohnen in den schönsten Palästen,
besitzen prachtvolle Schlösser in sagenhaften Landschaften,
aber hier sitzen sie an einem Tisch, der von Ikea sein könnte,
mit einer albernen Tischdecke. Die Königin trägt eine Haube,
mit der sie wie eine Nonne aussieht,
zwischen ihren Söhnen.
Ich glaube, Ludwig II. und sein Bruder
hatten eine extrem langweilige Kindheit.
Gegen die Langeweile kann Ludwig Il. nichts ausrichten.
Er flüchtet sich in die Literatur und liest Werke
von Schiller und Victor Hugo.
Das Träumen wird zu seiner Lieblingsbeschäftigung.
In Hohenschwangau begeistert er sich
für die Fresken, die germanische Legenden darstellen.
Ludwig braucht diese Flucht in die Welt der Fabeln, der Legenden.
Er sucht eine spirituelle Familie. Seine Eltern verstehen ihn nicht.
Er sucht einen Ersatz für sie.
Die Ritter der Tafelrunde, die Sage von Wilhelm Tell,
er liebte große Heldenepen.
Das hat seine Kindheit geprägt.
Er hat all diese Figuren verinnerlicht
und sie sind gewissermaßen zu einem Teil von ihm geworden.
Er hatte Schwierigkeiten, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Er braucht diese Welt,
Literatur, Legenden,
um die Realität ertragen zu können, die ihn enttäuscht.
In dieser Welt der Legenden sticht ein Held besonders hervor:
der Ritter Lohengrin,
oft mit einem Schwan dargestellt.
Dieser Vogel wird daher zum Lieblingstier des jungen Träumers.
Dieser Schwar war ein Spielzeug des Königs.
Solch einen Schwan zu besitzen,
war natürlich etwas Fabelhaftes für ihn.
Damals hatte er kleine Räder.
Ludwig Il. konnte also den Ritter Lohengrin spielen,
indem er den kleinen Schwan hinter sich herzog.
Dieser Schwan machte ihn sehr glücklich.
Man sieht dem Schwan an, dass er mit ihm gespielt hat.
Als er 13 ist, . verändert ein Buch über Ästhetik
von einem gewissen Richard Wagner,
das ihm sein Vater gibt, seine Welt.
Er ist bereits von Komponisten fasziniert,
und das Buch beweist ihm,
dass Kunst und Träumen einem Leben Sinn geben können.
3 Jahre später
besucht er die Oper von München,
Wo er die emotionalste Erfahrung seiner gesamten Jugend macht.
Ludwig ist 16 Jahre alt,
als er zum ersten Mal in seinem Leben eine Oper sieht,
Lohengrin, sein Lieblingsheld.
Es ist buchstäblich ein elektrischer Schock.
Er ist in Extase,
er schaut gebannt zur Bühne, ist ganz blass,
er schwitzt fast.
Er hat 5 Stunden lang nicht aufgehört zu zittern.
Seine Augen sind starr
auf den Sänger fixiert.
Er ist fasziniert
von der Kulisse und vor allem von der Materialisierung
seiner Fantasiewelt. Plötzlich ist alles da,
auf der Bühne, vor seinen Augen,
für ihn allein.
In Wagners Musik spürt Ludwig die Seele Deutschlands,
alles, wovon er träumt,
all die Legenden.
Das Leben von Ludwig Il. nimmt in dieser Oper eine neue Wendung.
Er wird an diesem Tag geboren.
Hypersensibel, in Legenden versunken,
von heldenhaften Abenteuern träumend
ahnt Ludwig Il. nicht, dass seine Jugend
schon bald abrupt zu Ende gehen wird.
Sein Vater stirbt. Auf ihn wartet
eine Welt der Pflichterfüllung
und Verantwortung.
Jetzt bist du der König.
Als der Vater
von Ludwig Il., König Maximilian Il.,
im Jahr 1864 stirbt,
ist Ludwig Il. erst 18 Jahre alt.
War er auf den Thron vorbereitet? Sicher nicht.
Sein Vater hat ihn nie an den Regierungsgeschäften beteiligt.
Er blieb stets außen vor.
Als Ludwig Il. König wurde,
war er daher völlig ahnungslos.
Er hasst die Etikette, er hasst große Galadiners.
Er tut es, weil es sein muss, weil er guten Willens ist,
aber er hasst es.
Ludwig Il. beschließt,
an der Politik seines Vaters nichts zu ändern.
Er behält die alte Regierung.
Wie Maximilian Il.
möchte er die Unabhängigkeit seines Königreichs aufrechterhalten,
das zum Deutschen Bund gehört.
Dieser besteht aus 35 Staaten,
darunter Preußen und Österreich, die um die Vorherrschaft streiten.
Diese Machtspielchen interessieren ihn nicht. Der romantische
Junge König will vor allem die Bayern glücklich machen.
Die Bayern, die sympathische, fröhliche Leute sind,
sehen Ludwig Il.,
der jung, schön und groß ist, und denken:
"Wir bekommen einen König, bald eine Hochzeit und eine Königin,
ein Junges Königspaar, Feste, und die Stimmung...
wird fröhlicher sein als in den letzten 20 Jahren."
Als er den Thron
von Bayern besteigt,
hat er weder politische noch militärische Pläne,
sondern künstlerische,
wie es ihm sein Großvater Ludwig I. eingeimpft hatte.
Sein Vater, König Maximilian Il., ist ihm gegenüber zwar distanziert
und übt keinen großen Einfluss auf den jungen Prinzen aus,
aber er schenkt seinem Sohn mit dem Erwerb
des Schlosses Hohenschwangau
eine zauberhafte Kulisse
für seine Kindheit.
Das mit Zinnen versehene Gebäude mit dem seltsamen Schwan ganz oben
könnte einem Gedicht von Walter Scott entsprungen sein.
Nur die Löwen am Springbrunnen und die blau-weiße Fahne
erinnern daran, dass wir in Bayern sind.
Das sind Bayerns Symbole.
Genau wie sein Sohn
begeistert sich Maximilian Il.
für Inneneinrichtung und wählt einen neugotischen Stil,
der Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode war.
Jedes Möbelstück wurde extra für diesen Ort geschaffen.
Sehen Sie sich zum Beispiel diesen Lesesessel an,
der nicht gerade auf Minimalismus setzt.
Der junge Ludwig war sicher entzückt. Er ist aus libanesischem Zedernholz
und diente der Lektüre.
Hier befindet sich ein ausfahrbares Pult.
Und wenn ich die Fußstütze herausziehe,
sehen Sie die Farbenpracht der ursprünglichen Stickerei.
Auch das Schlafzimmer ist erstaunlich.
Maximilian Il. ließ es in Azurblau streichen.
Als Ludwig Il. König wurde, der die Nacht liebte,
ließ er es neu bemalen. Die neue Decke
bietet eine Überraschung: sie leuchtet.
Die meisten dieser Sterne leuchten
dank eines genialen Systems
aus Spiegeln und Kerzen, die sich darüber befinden.
Diese Technik ermöglicht es dem Romantiker,
von seinem Bett aus seine eigenen Illusionen zu erzeugen.
Schauen Sie. Der König spielte auch
mit unterschiedlichen Mondphasen.
Ja, er war ein König der Nacht.
Aber ganz im Vertrauen:
Ludwig Il. fürchtete sich wie ein Kind vor absoluter Dunkelheit.
Ich zeige Ihnen, was sich hinter dieser Kulisse verbirgt.
Hinter dieser Tür liegt das Badezimmer des Königs.
Hinter der anderen Tür befindet sich eine geheime Treppe,
die es seinem Vater, Maximilian Il., ermöglichte,
seine Gemahlin, Königin Marie aufzusuchen.
In diesem Esszimmer, das Lohengrin gewidmet ist,
kann der König dank dieses Dekors jeden Tag
die Legende dieses Ritters nachspielen, dessen Boot
von einem Schwan gezogen wird. Ein Ritter,
wie Sie auf dieser Wand sehen,
der nie müde wird, im Namen der Reinheit
das Böse in Gestalt dieses schwarzen Ritters zu bekämpfen.
Dieses Thema ist tief in dem jungen König verankert,
der gegen sich selbst kämpft.
Aber Lohengrin ist auch in eine Herzogin
mit langen blonden Haaren verliebt, Elsa,
die er heiratet, bevor er sie unfreiwillig verlassen muss.
Eine erstaunliche Parallele zu Ludwigs eigener Geschichte
und der seiner entzückenden Cousine, Sophie in Bayern.
So traurig und düster Ludwigs Kindheit ist,
so fröhlich und glücklich erscheinen
seine Besuche auf Schloss Possenhofen im Vergleich dazu.
Wir stehen vor Schloss Possenhofen. Possenhofen
wurde auch liebevoll "Possi" genannt.
Possi war ein glücklicher Ort.
In dieser Sommerresidenz
am Starnberger See
wohnen sein Großonkel und seine Großtante, Max und Ludovika,
aber auch viele Cousins und Cousinen.
Eine Schar Kinder,
die Spiele organisieren, Cremetorten essen,
auf Pferden reiten, in Seen baden.
Es ist ein bürgerliches Familienleben,
es wird musiziert und viel gelacht.
Wenn Ludwig und sein Bruder Otto zu Besuch kommen,
fühlen sie sich frei.
Eine schöne Abwechslung zu Ihren strengen Eltern.
Ludwig Il. von Bayern liebt diese Familie sehr,
vor allem seine geliebte Cousine,
Elisabeth, die wir fortan
Sissi nennen.
Er sieht Sissi auf seinem Lipizzaner reiten und ist glücklich.
Er sieht Possenhofen als das Paradies seiner Kindheit.
Als sie mit 16 den österreichischen Kaiser heiratet,
verlässt Sissi dieses unbekümmerte Paradies.
Sie wird dieses Paradies niemals vergessen.
Ihre Schwester Sophie Charlotte wird nach ihr zur Vertrauten
und Lieblingscousine des jungen Ludwig Il.
Sophie Charlotte
ist Sissis Jüngere Schwester. Sie ähnelt ihr am meisten.
Sie ist wie Sissi sehr groß
und sehr schlank.
Wenn man die Fotos sieht, könnte man sie fast verwechseln.
Sie ist entzückend mit ihren kastanienbraunen Haaren.
Schlanke Taille, 1,70 Meter groß.
Eine hübsche junge Frau,
eine Idealistin, die Wagner liebt.
Dieser Punkt bringt Ludwig und Sophie einander näher.
Sie kann gut singen und Klavier spielen.
Sie verliebt sich in ihren Cousin, weil er schön ist.
Diese Neigung gefällt Ludwigs Eltern
und den Eltern von Sissis kleiner Schwester.
Ludovica,
die ihre Kinder unbedingt verheiraten will, denkt:
"Nun, wenn meine Tochter
Königin von Bayern würde, wäre das nicht schlecht.
Ich habe schon eine Kaiserin, warum nicht auch eine Königin?"
Eines Morgens eilt der Prinz zum Bett seiner Mutter
und sagt ihr: "Freuen Sie sich, ich habe vor, Sophie zu heiraten."
Das ist ein großer Moment für die Zukunft der Dynastie
der Wittelsbacher.
Ludovica ist absolut entzückt.
Das Volk von München ist überglücklich.
Die Bayern trinken Bier und Champagner.
Man bereitet sich darauf vor, eine königliche Hochzeit zu feiern.
Kaum verlobt, erweist sich der Hof, den Ludwig II.
seiner sensiblen Cousine macht, als wirr und theatralisch,
genau wie sein Charakter.
Ludwig schreibt seiner Verlobten leidenschaftliche Briefe,
die vor Liebe triefen. Sie sei unvergleichlich,
eine wunderbare Freundin, entzückend,
intelligent, gebildet, sie liebe Wagner.
"Ah, liebe Sophie! Wie wunderbar, dass Sie Wagner lieben.
Wir können von morgens bis abends Wagner spielen.
Wir können Wagner singen.
Wie süß und wunderschön das Leben ist."
Nachts besucht er sie im Schloss
und bringt ihr Blumen mit. Er weckt sie auf.
1000 Rosen! Sie haben richtig gehört. 1000!
Sie muss ihm sofort
einen Dankesbrief schreiben, sonst ist er beleidigt.
Er ist im Hochzeitsfieber
und hebt völlig ab. Das überfordert Sophies Familie.
Der 22-jährige König zeigt eine verdächtige Besessenheit.
Ludwig Il. lässt eine Wohnung in der Residenz für Sophie
umdekorieren, bestellt Porzellan mit ihrem Konterfei
und lässt eine der prächtigsten Kutschen, die er besitzt,
für sie restaurieren.
Ludwig Il. liebte diese Kutsche,
eine der schönsten der Königsfamilie.
Er beschloss, sie am Tag seiner Hochzeit
mit Prinzessin Sophie zu benutzen.
Ich Öffne die Tür, damit Sie das Innere sehen können.
Das ist noch der Originalstoff aus dem 18. Jahrhundert.
Er hat auf der Seite
das bayerische Wappen hinzufügen lassen
und die Malereien verändert,
damit sie sein Königreich
besser repräsentieren.
Ludwig Il. wollte die Wirkung der restaurierten Kutsche sehen
ließ sie ohne Insassen durch ganz München fahren.
Das war für ihn eine Art Probe seines Hochzeitstags.
Sie wurde von 8 Pferden gezogen, ein Privileg
des Königs. Andere Adlige oder Würdenträger durften
nur 2 oder 4 Pferde anspannen.
Der König wählte Schimmel
als Symbol für seine Macht.
Nachdem die Kutsche bereit war,
widmete sich Ludwig Il.
einer der schönsten Kostbarkeiten der Königsfamilie:
die Krone der Königin.
Wir sind in der Schatzkammer des Residenzmuseums
in München.
Hinter mir
können Sie die Machtsymbole der Königsfamilie sehen,
der Wittelsbacher, wie diese prächtige Krone
aus dem Jahr 1806.
Die kleinere Krone der Königin ließ Ludwig Il.
anlässlich der Hochzeit mit Prinzessin Sophie umarbeiten.
Er wollte, dass sie sich stärker von der Krone des Königs abhob,
und ließ sie mit Perlen und Diamanten besetzen.
Das entsprach der französischen Mode
zu Zeiten Ludwigs XVI.
Der König hegte nämlich eine Leidenschaft für die Königin
Marie-Antoinette, und wünschte, dass Sophie-Charlotte
ihr ähnelte.
Nach all diesen Änderungsmaßnahmen
wurde auch eine offizielle Fotografie in Auftrag gegeben,
wie bei allen königlichen Hochzeiten.
Die kleine Sophie sieht so brav aus, so niedlich,
ganz eingeschnürt in ihr Kleid.
Sie ist der Glückspilz der Nation.
Sie wird schließlich Königin von Bayern.
Doch neben ihr
steht dieser lange junge Mann.
Ludwigs Blick ist komplett abwesend.
Ludwig wirkt nicht sehr verliebt.
Er blickt nicht in dieselbe Richtung wie seine Verlobte.
Schon da denkt man, dass es keine glückliche Ehe wird,
wenn sie heiraten.
Sophie-Charlotte glaubt weiter
an ihr Glück und ignoriert
die seltsamen Anwandlungen ihres Cousins,
selbst die verrücktesten.
Wie schön deine Augen sind, Elsa!
Seit der Verkündung
ihrer Verlobung spricht Ludwig Il. sie nur noch mit Elsa an.
Ludwig sieht in Sophie eine Wagner-Heldin.
Sie ist Elsa, sie ist die Walküre,
sie ist in seinen Augen keine normale Frau
aus Fleisch und Blut.
Nein. Sie ist ein reines Wesen.
Sophie klingt zu real, Sophie ist eine normale Frau,
die ihm Angst mach.
Sophie möchte nicht, dass er sie zu einem Ideal erhebt.
Aber das kann er nicht.
Er küsst sie nicht. Er küsst ihre Hände, aber nur,
wenn sie Handschuhe trägt.
Sie versuchte, Zärtlichkeiten auszutauschen.
Wenigstens einen Kuss.
Sie spürte, dass er sie jedes Mal abwies.
Er benutzt Sophie, um der Held seiner Träume zu sein.
Doch Sophie leidet darunter,
dass er sie so sieht.
Sie liebt ihren schönen Cousin, aber er liebt nicht sie.
Je mehr Zeit vergeht,
desto weniger ist Ludwig Il. geneigt, eine echte Frau zu heiraten,
die er nicht so liebt, wie man es erwartet.
Der König
löst schließlich die Verlobung und schreibt einen bewegenden Brief
an seine schöne Cousine.
Ich erinnere mich
an ein paar Zeilen dieses Briefs:
"Meine liebe Elsa, lass uns für immer
Bruder und Schwester bleiben, die einander zugetan sind.
Gerade weil mein Herz
so voller Liebe für Euch ist,
kann ich Euch nicht heiraten.
Wärt Ihr bereit, meine reine, göttliche, geliebte Elsa zu bleiben?"
Er vertraut seinem Sekretär an,
dass er nun, da die Hochzeit abgesagt ist,
endlich aufatmen könne.
Er war erleichtert, dass der Albtraum vorbei war.
Diese Annäherung an eine Frau
war ein Albtraum für ihn. Er ertrug den Gedanken nicht.
Er ist verliebt in sein Ebenbild.
Er ist in Männer verliebt. Er ist homosexuell.
Es sind die ausgeprägten Muskeln der fleißigen Holzarbeiter,
die Ludwig seit seiner Jugend erregen,
wenn er im Gebirge spaziert.
Mit 17 Jahren beginnt er sogar eine Liebschaft mit seinem Cousin
Paul von Thurn und Taxis.
Doch seine homosexuelle Neigung empfindet der König
als eine endlose Qual.
Damals war Homosexualität in jenen Kreisen
das Entsetzlichste, was man sich vorstellen konnte.
Die Leute waren an Bigotterie nicht zu übertreffen,
das war furchtbar. Man zwängte die Leute ein,
zwang sie dazu, sich ständig als Sünder zu fühlen
und mit Schuldgefühlen zu leben.
Homosexualität war die schlimmste Sünde.
Der Typ ist König, Staatsoberhaupt, führt ein öffentliches Leben
und ist von der widerlichsten Sache betroffen,
die damals alle Welt verurteilte.
Denken Sie an Oscar Wilde.
Er wurde seiner Rechte als Vater enthoben, man nahm ihm
seine Güter, er musste Zwangsarbeit leisten.
Homosexualität wurde als ein Verbrechen angesehen.
England hatte sehr strenge Gesetze.
Frankreich war sehr liberal.
Was war der Grund dafür? Weil der Code civil
von Napoleon I. verfasst wurde. Er mochte keine Homosexuellen,
aber sein Kanzler, Cambaceres, war total homosexuel.
Cambaceres ließ alle Artikel streichen,
die Homosexuelle unterdrücken könnten.
Daher gab es in Frankreich diese liberale Gesetzgebung,
was nicht heißt, dass es in der Gesellschaft angesehen war.
Jeden Tag, Seite für Seite,
schildert Ludwig Il., seitdem er 13 ist, in seinem Tagebuch
den Kampf, der in ihm tobt und den er nicht loswerden kann.
In seinem Tagebuch schreibt er So gut wie nie über Politik.
Er schreibt nichts über die Kriege.
Er erwähnt weder die Finanzen noch die Diplomatie.
Es geht um das Verhältnis zu seinem Körper.
Manchmal schrieb er auf Französisch.
Das ist Französisch. Manchmal auf Deutsch.
Mal unterschreibt er mit "der König", mal mit "Ludwig" oder "Louis".
Er verbietet sich alles, wonach ein Körper manchmal verlangt.
Masturbieren,
mit seinen Liebhabern schlafen,
er darf sie nicht küssen, sie nicht streicheln.
Der Ärmste will eine übermenschliche Reinheit bewahren.
Es ist ein Kampf, den er immer wieder verliert.
Immer wieder.
Wenn er sich zur Keuschheit ermahnt, wendet er sich an Marie-Antoinette
und Ludwig XVI., die natürlich nichts tun können.
Er hatte Zauberformeln, um sich nicht zu beschmutzen.
Sich zu beschmutzen, bedeutete für ihn,
die Königswürde zu beschmutzen,
das Königreich Bayern zu beschmutzen.
Für ihn ist ein König der Auserwählte Gottes.
Dieser Mann ist seinem Volk und seiner Dynastie verpflichtet.
Ein König, der Männer liebt,
ist für Ludwig der schlimmste Albtraum.
Von großen Schuldgefühlen geplagt,
trifft Ludwig zum Zeitpunkt seiner Verlobung
mit Sophie-Charlotte denjenigen,
der seinen Traumritter verkörpert. Einen Lohengrin mit blauen Augen
und blonden Haaren, den er zu seinem Lieblingsgefährten macht:
Richard Hornig.
Richard ist nicht nur ein Liebhaber unter Vielen.
Er ist ein Mann, auf den sich der König komplett verlassen kann.
Er ist nicht nur sein Stallmeister.
Er ist auch sein Sekretär, sein Vertrauter.
Er ist letztendlich derjenige,
der ihn vor der Welt und ihrer Vulgarität schützt.
Mit diesem Mann,
anstatt mit der Frau, die hätte Königin werden sollen,
fährt er nach Paris, das er schon immer sehen wollte.
Ludwig macht eine Reise mit Richard Hornig.
Er besucht die Universalausstellung unter einem Pseudonym,
er besichtigt Versailles,
danach Compiegne, wo er von Napoleon Ill. eingeladen wird.
Er besucht auch Pierrefonds.
Pierrefonds wurde von Viollet-le-Duc restauriert,
eine ehemalige Festung aus dem 13. Jahrhundert,
die wiederhergerichtet wurde,
die Türme, die Pecherker...
Eine Festung wie aus dem Bilderbuch. Ludwig ist wirklich
völlig fasziniert von Pierrefonds.
Das ist für ihn das ideale Schloss. Es inspiriert ihn
zu seinem Schloss Neuschwanstein.
Als er sich entschließt, Neuschwanstein zu bauen,
hat er nur eins im Kopf:
etwas Außergewöhnliches,
das alle Vorstellungen übertrifft.
Es ist kein Zufall,
dass er dafür den Bühnenbildner
der Münchner Oper auswählt.
Diesen Bühnenbildner, der Theaterkulissen entwirft,
beauftragt er mit den Plänen
für dieses Schloss, das nichts anderes ist
als eine Vision, als ein Traum.
Weniger ein Traum von Architektur
als von Ästhetik, die von germanischen Mythen inspiriert ist,
von denen er so ergriffen ist.
Das Schloss Neuschwanstein ist zweifellos
einer der verrücktesten Träume des Königs.
Es ist eine Hommage an alle Helden der Opern von Richard Wagner.
Dieser Hof ist vom 2. Akt der Oper Lohengrin inspiriert,
die Ludwig II.
in seiner Jugend tief berührte.
Es dauerte 17 Jahre, dieses Märchenschloss zu errichten.
Aufgrund seiner Lage
auf einem nahezu unzugänglichen Felsen
war modernste Bautechnik nötig.
Für die Bauarbeiter, die alle in der Umgebung wohnten,
wurde die erste Sozialversicherung Bayerns gegründet.
Von dem Gebäude gegenüber von mir,
das ganz vorne steht,
beobachtete Ludwig den Fortschritt der Bauarbeiten.
Der Ärmste hat sein Schloss
leider nie im fertigen Zustand gesehen.
Es blieb unvollendet.
Diese Festung,
die an das Schloss der Ritter der Tafelrunde erinnert,
ist nicht dazu gedacht, einen Hofstaat zu empfangen,
sondern vielmehr um die Träume
des Bauherren zu nähren.
Dieser Raum ist eine Ode an die Legende von Parsifal.
Um diesen Raum zu kreieren,
dachte sich Ludwig das mittelalterliche Schoss aus,
das ihm als Schatulle dient.
Wie Lohengrin ist Parsifal
ein mutiger Mann, der das Böse bekämpft,
einen gewissen Roten Ritter.
Wie Lohengrin geht er als Sieger hervor.
Nach vielen Prüfungen wird er der neue Gralskönig.
Vorbilder für Ludwig Il., der es ihnen gleichtun will:
den Roten Ritter und seine Triebe besiegen,
um den Heiligen Gral zu erwerben:
Keuschheit und absolute Reinheit.
Ludwig Il. verbringt nur 172 Tage auf diesem Schloss.
Er hat nur einen Wunsch: seinen Gott und spirituellen Führer
in diesem heiligen Gebirge empfangen,
denjenigen, der für ihn unverzichtbar ist:
den Komponisten Richard Wagner.
Ihm offenbarte er noch vor ihrem 1. Treffen:
"Ich liebte Sie, noch bevor ich Sie sah."
Kaum sitzt er auf dem Thron,
hat Ludwig Il. nur eins im Kopf: den Mann treffen,
der seine Jugend bereichert hat, den Komponisten Richard Wagner.
Er befiehlt seinem Sekretär: "Holen Sie mir Wagner."
Der Sekretär fragt: "Wen meint Ihr, Hoheit?"
Der König ist empört: "Na, Richard Wagner,
der größte lebende Komponist unserer Zeit.
Wagner. Finden Sie ihn."
Der Sekretär weiß nicht, wer Wagner ist,
weil der Komponist wenig Anerkennung erhält.
Die europäischen Höfe
und Theater missbilligen seine Werke.
Sie sind ihnen zu modern und zu teuer.
Mit 51 Jahren ist der Mann am Ende seiner Kräfte.
Richard Wagner ist hoch verschuldet.
Er zieht von Stadt zu Stadt, ohne irgendwo anzukommen.
In Paris litt er Elend, das waren düstere Zeiten.
Seine Zukunft sah schlecht aus.
Er war suizidgefährdet. Er verfasste
eine Grabschrift, in der er sich als Nichts bezeichnete.
Nach wochenlanger Suche quer durch Europa
findet der Sekretär endlich den Komponisten.
Wagner wird unverzüglich an den Hof von München bestellt,
Wo der König sehnsüchtig den Künstler erwartet,
der 30 Jahre älter ist als er.
Es ist der 4. Mai.
Auf dieses Treffen haben Wagner
und Ludwig Il. lange gewartet. Beide träumen voneinander.
Wagner, in seiner stürmischen Art,
eilt sofort zum König. Die beiden werden allein gelassen.
Sie reden 1,5 Stunden lang.
Ludwig erzählt ihm, wie sehr er ihn liebe.
"Ich kenne Sie mein ganzes Leben. Ich bewundere Sie.
Ich vergöttere Sie. Sie sind wundervoll. Ich liebe Sie.
Sie sind der größte Komponist aller Zeiten."
Er ist geradezu hypnotisiert
von Richard Wagner.
Es ist
ein historisches Treffen. 2 große Männer begegnen sich.
Ein ergriffener König
trifft den Gott seiner Kindheit,
der seine Jugend mit Mythen und Legenden bereicherte.
Und Wagner trifft seinen Retter,
seinen Schutzengel, seinen Beschützer.
Majestät,
vor 2 Wochen stand ich am Rande des Abgrunds.
Ich wollte diese Welt verlassen.
Ihr seid göttlich.
Mein König.
Da wird
Wagner bewusst, dass er von diesem jungen Mann,
der mächtig ist und seine Musik bestens kennt,
alles bekommen kann.
Der junge Monarch hat nur einen Wunsch:
dem Meister die besten Bedingungen zum Komponieren zu bieten.
Dabei legt er grenzenlose Großzügigkeit an den Tag.
Ludwig Il. tut für Richard Wagner,
was kein Anderer für seine Günstlinge getan hat, nicht mal Ludwig XIV.
Zunächst einmal verleiht er ihm die bayerische Staatsbürgerschaft.
Der König
ließ ihm eine monatliche Rente auszahlen.
Sie entsprach dem Gehalt eines Ministers.
Das ist schon beachtlich für einen Künstler.
Er bezahlt all seine Schulden und geht noch weiter.
Er stellt ihm ein schönes Haus zur Verfügung,
in einem der vornehmsten und elegantesten
Viertel von Münschen.
In den Augen von Ludwig II. ist Wagner ein großes Musikgenie.
Er wünscht sich, dass seine Werke allgemeine Anerkennung finden.
Für ihn gibt es keine größere Freude als eine Oper
seines persönlichen Gottes zu sehen.
Er wusste, dass er am Ende des Tages,
gegen 19, 20 Uhr, in der Münchner Oper
für 2, 3, 4 oder 5 Stunden
dem Alltag entfliehen würde
und von Wagners Musik in eine andere Welt
entführt werden würde.
Er ist gefesselt, wie gebannt.
Er ist die Musik, er wird
zu Tristan und Parsifal.
Er wird zu Lohengrin.
Wagners Musik war wie eine Droge,
die Ludwig II.
auf einen Trip schickte.
Natürlich war er verrückt danach. Aber nicht nach dem Mann,
sondern nach der Droge, die seine Musik für ihn war.
Eine Droge, ein Rauschmittel.
Das geht auch aus ihren Briefen hervor.
Die beiden Männer schreiben sich über 600 Briefe,
die ihre außergewöhnliche Leidenschaft bezeugen.
Ludwig Il. nimmt die Rolle
einer fast schon verliebten Jugendlichen an,
die für Wagner schwärmt.
Er schreibt hochtrabend:
"Ohne dich würde ich sterben, ich wäre ein Nichts."
Sie reden über Sinnlichkeit, über Lebensgenuss.
Wagner sei "der Einzige", "der Erhabene".
Man hat den Eindruck, dass der König von Bayern
alles Royale ablegt,
wenn es darum geht, mit allen möglichen Worten auszudrücken,
wie sehr er von Wagners Persönlichkeit
hingerissen, verzaubert und fasziniert ist.
Wagner sieht in Ludwig Il. einen entzückenden, charmanten,
fordernden jungen Mann von absoluter Schönheit.
Es scheint fast, dass sich eine Liebesbeziehung entwickelt,
aber dem ist nicht so.
Ludwig Il. war ehrlich, Wagner war gar nicht ehrlich.
Wagner versteht schnell, dass Ludwigs Liebe blind ist.
Er missbraucht seine Ergebenheit,
um den König zu manipulieren und seine Großzügigkeit auszunutzen.
Er will immer mehr und beweist schlechten Geschmack.
Mehr Seidenstoffe,
mehr Schmuck.
Er liebt Morgenröcke
und bestellt gleich Dutzende davon.
Ob Lebensmittel, Kleidung,
Vorhänge, er vergisst jedes Maß.
Ludwig zahlt, zahlt und zahlt.
Die immensen Ausgaben für den Günstling empören die Bevölkerung.
Die Münchner Presse verurteilt diese ungehörige Beziehung.
Ein Skandal!
Die Karikaturisten nehmen sich Wagner zur Brust.
Diese Humorzeitschrift
enthält Karikaturen von Wagner.
Hier sieht man Wagner
beim Betreten der Residenz.
Er will sich nur kurz in der Schatzkammer bedienen.
Was daraus geworden ist, sieht man in dieser Karikatur.
Wagner komponiert Musik für München,
und Tausende Gulden
verschwinden aus der Schatzkammer
und wandern in Wagners Privatbesitz.
Einige Karikaturen brachten die Situation genau auf den Punkt.
Der König nimmt seine Krone vom Kopf
und setzt sie Wagner auf.
Und Wagner setzt seine Baskenmütze auf Ludwigs Kopf.
Immer mehr Münchner hassten Wagner.
Doch im traditionellen und erzkatholischen Bayern
bringt eine andere Facette Wagners
das Fass zum Überlaufen.
Wagner kann nicht allein leben.
Er liebt Frauen über alles.
Er lässt seine Geliebte, Cosima von Bülow, nach München kommen.
Cosima ist mit dem Orchesterdirigenten
und besten Freund des Komponisten verheiratet, Hans von Bülow.
So bildet sich unter dem Dach
von Ludwigs Schützling eine unerhörte Dreiecksbeziehung.
Sie wird zum x-ten Mal schwanger, und man weiß,
dass das Kind nicht von Bülow, sondern von Wagner ist.
Das macht nichts. Von Bülow erkennt die Vaterschaft an.
Die Münchner verurteilen Wagners Eskapaden,
doch Ludwig Il. kann sich nicht vorstellen, dass eine Frau
sich zwischen ihn und Wagner drängen könnte.
Er will es nicht verstehen.
Einmal fragt er Wagner: "Ist diese Cosima
Eure Geliebte?" Wagner streitet es mit großen Worten ab,
sie sei nur eine liebe Freundin.
Da Sexualität
für Ludwig II. eine Art Tabu ist,
durchschaut er es nicht. Aber das Volk führt es ihm
vor Augen.
Diese schändliche Liaison ist ein Skandal zu viel
für die konformistische bayerische Gesellschaft.
Sie rebelliert.
Die Münchner und die Minister fordern Wagners Verbannung,
der als eine zweite Lola Montez gesehen wird.
Ludwig Il. muss zwischen seinem Volk
und Wagner wählen. Schweren Herzens
bittet er Wagner im Dezember 1965,
München zu verlassen.
Richard Wagner zieht sich mit Cosima in die Schweiz zurück.
Auch wenn Ludwig Il. den Komponisten weiterhin heimlich unterstützt,
sehen sich die beiden Männer nur noch sehr selten.
Nach 7 langen Jahren
gelingt es Wagner, seine Eskapaden vergessen zu machen.
Er kann darf Bayern zurückkehren.
1872 lässt er sich mit seiner Familie
in der kleinen Stadt Bayreuth nieder, im Norden des Königreichs.
Kurz vor der Vollendung seines Hauptwerks
plant er ein Theater,
das seinen künstlerischen Anforderungen entspricht.
Es ist das Festspielhaus.
Mit dem Festspielhaus von Bayreuth
verfolgt Wagner ein größenwahnsinniges Projekt.
Er will seine eigene Oper haben,
um seine Werke dort aufzuführen. Das teure Projekt
kann er nur umsetzen, wenn ihm Ludwig Il. dabei hilft.
Er erpresst den König.
"Wenn Ihr es nicht finanziert, mein herrlicher König...
mein großes Projekt in Bayreuth, finde ich ein anderes Land dafür.
Ich werde in Amerika erwartet."
Ludwig bekommt Angst und denkt: "Nein. Er muss hierbleiben.
Das ist ein deutscher Traum. Er muss in Bayreuth bleiben."
Dank der Hilfe des Königs
kann dieser Tempel, der Richard Wagner gewidmet ist,
das Tageslicht erblicken.
Am 22. Mai 1872
findet in Bayreuth die Grundsteinlegung statt,
zu der Ludwig Il. eingeladen ist, aber er kann nicht kommen.
Er schreibt einen Brief,
und Wagner, der von dem Ereignis gerührt ist,
beschließt, seine Rede und den Brief von Ludwig II.
in einen der ersten Steine zu legen.
Nach 4 Jahren Bauzeit wird die erste Aufführung
im Festspielhaus angekündigt.
Das möchte Ludwig Il. auf keinen Fall verpassen.
Er beschließt, seine Alpen zu verlassen
und nach Bayreuth zu reisen.
Genau wie Sissi fand Ludwig II. eine diskrete Art zu reisen.
Er hatte einen persönlichen Zug.
Als der Zug in Bayreuth eintraf,
wollte er nicht im Zentrum aussteigen. Er wollte
keinen offiziellen Empfang,
all die Dinge, die ihm so unangenehm sind.
Daher hält der Zug an der Eremitage,
einem Schloss ein wenig abseits der Stadt.
Dieses Schloss, das im 18. Jh.
von der Schwester von Friedrich Il. eingerichtet wurde,
Wilhelmine von Bayreuth,
begeistert Ludwig.
An diesem Ort, fernab des städtischen Trubels,
kann sich Ludwig Il. ganz diskret
vor der großen Einweihung des neuen Opernhauses
mit seinem Idol treffen.
Die ganze Welt ist gekommen,
einige der größten Komponisten Europas,
der Deutsche Kaiser ist gekommen,
der Kaiser von Brasilien, namhafte deutsche Schriftsteller,
Vertreter der Romantik etc., und Ludwig Il. von Bayern,
aber inkognito. Er will nicht gesehen werden,
und das wird er auch nicht. Er versteckt sich.
Aber er erlebt die Geburtsstunde
der Tetralogie mit.
Er ist gewissermaßen
die zweite Hälfte davon.
Es ist das letzte Mal, dass Ludwig Bayreuth besucht.
Wagners Gesundheit verschlechtert sich allmählich.
1883 beschließt der Komponist, nach Venedig zu reisen,
um sich dort zu erholen.
Dort stirbt der Komponist
einige Monate später im Alter von 69 Jahren.
Ludwig Il.,
der nach Hohenschwangau flüchtete,
erfährt die furchtbare Nachricht.
Er ist völlig verzweifelt.
Wie ein trauriges Kind, das seinen Vater verloren hat.
Die wenigen Diener, die im Schloss präsent sind,
sehen einen Mann, der sich in seinem Zimmer einsperrt,
seinen Kopf unter Kissen vergräbt und vor Verzweiflung brüllt.
Es ist die Trauer eines Mannes,
der sich nun noch einsamer fühlt als er es ohnehin schon war.
Er lässt die Klaviere wie dieses hier
mit schwarzen Tüchern verhüllen.
Er neigt zur Verherrlichung.
Wagners Hände haben dieses Klavier berührt.
Jetzt, da Wagner tot ist,
darf es niemand mehr berühren.
Der König stellt seinen Privatzug zur Verfügung,
um den Leichnam seines Freundes nach Bayreuth zurückzuholen.
Der Komponist erhält wieder einmal ein königliches Privileg:
Er wird in seinem eigenen Garten bestattet.
Stark mitgenommen beschließt
der 36-jährige Ludwig, der Bestattung nicht beizuwohnen.
Solange Wagner komponierte, in Ludwigs Nähe war
und dieser an seinem Schaffen teilnahm,
verleihte es seinem Leben etwas Märchenhaftes.
Plötzlich befindet er sich im Dunkeln, es hat sich ausgeträumt.
Mit Wagners Tod geht auch ein Teil seines Lebens zu Bruch.
Nach Richard Wagners Tod ist Ludwig Il. nicht mehr derselbe.
So widmet er sich mit noch größerem Eifer
der Inneneinrichtung
des Schlosses Herrenchiemsee, seines bayerischen Versailles.
Sehen Sie sich zum Beispiel
dieses erstaunliche Stück an,
das er vielleicht im Gedenken an Wagner bestellt. Es befindet sich
im ersten Vorzimmer und scheint der Musik
gewidmet zu sein.
Dieser 4 Meter hohe Schrank
ist in der Boulle-Technik ausgeführt,
bei der Schildpatt eingearbeitet wird.
Er diente vermutlich zur Aufbewahrung von Musikinstrumenten,
daher diese ungewöhnliche Größe.
Wie bei einigen anderen Stücken auch sind einige Flächen
beige geblieben, die bemalt hätten werden sollen.
Das beweist, dass der Schrank leider unvollendet blieb.
Das trifft nicht auf eins der prächtigsten Zimmer zu,
das Prunkgemach.
Es liegt in der Mitte des Schlosses.
Ludwig Il. bestand darauf, es als Erstes fertigzustellen.
7 Jahre harter Arbeit waren notwendig,
um allein den Stoff für den Baldachin herzustellen.
Wie der König so schön sagte:
Dieser Palast ist nicht dafür gedacht, bewohnt zu werden,
sondern bewundert zu werden.
Er hat es selbst nie gewagt,
in diesem Museumsbett zu schlafen.
Dieser Spiegelsaal, eine Kopie des Versailler Saals,
betrachtet er bei Mondschein.
Es ist eine Kopie, aber mit einigen Unterschieden.
Der König wollte einen längeren, reicher verzierten Saal.
Stellen Sie sich vor, wie er hier allein umherwandelt,
mitten in der Nacht, und Gedichte rezitiert.
Um ihn herum 220 Wandleuchter und Kandelaber
mit insgesamt 2000 von Hand entzündeten Kerzen.
In diesem besonderen Saal
werden weder Bälle noch Empfänge abgehalten,
er dient nur dazu, den König zu erfreuen,
auch wenn alles hier nur Imitation
und Trompe-/l'ceil-Malerei ist.
Wie ein neuer Sonnenkönig träumt Ludwig Il. in diesem Saal
von zwei Ikonen,
zwei Frauen, die er verehrt und über alles andere stellt:
Marie-Antoinette und Sissi,
die schöne Kaiserin Elisabeth von Österreich,
seine Cousine, Vertraute und Seelenverwandte.
Während Herrenchiemsee eine Hommage an Ludwig XIV. ist,
ist das barocke Schloss Linderhof, im bayerischen Voralpenland,
vom Kleinen Trianon inspiriert
und Marie-Antoinette gewidmet.
Für Ludwig Il. ist sie eine Ikone.
Die Büste dieser Märtyrer-Königin, wie er sie nennt,
thront im Garten.
Ludwig ist nie an dieser Büste vorbeigegangen,
ohne sie respektvoll zu grüßen.
Er ging rückwärts weiter,
um der Büste der Königin nicht den Rücken zu kehren.
Die Königin von Frankreich verkörpert für ihn Anmut,
Schönheit, Eleganz und Poesie.
Sie ist diese idealisierte Frauenfigur,
nach der er sich sehnt.
Auch wenn er die Frauen nicht körperlich liebt,
liebt er sie, wenn er sie auf ein Podest erhebt.
Auf diesem Podest steht eine weitere Frau.
Eine, die sehr wohl am Leben ist.
Die Kaiserin von Österreich, seine Cousine Sissi,
die Ludwig Il. ohne Zweifel über alle anderen Frauen stellt.
Man glaubte, er sei in sie verliebt.
Ganz und gar nicht. Er war vielleicht
in die Seelenverwandte, die er in ihr sah, verliebt.
Sie sind beide Idealisten und finden,
dass die Realität nicht so schön ist wie der Traum.
Sie verstehen sich ohne Worte. Das sind Seelenverwandte.
Da sie die Frau eines Kaisers und er König war,
war sie vielleicht die Einzige, die verstehen konnte, wie hart
es für ihn war, in dieser ewigen Lüge zu leben,
der Verurteilung, Versagung, Einsamkeit, den Zwängen...
Genau wie ihr Cousin ist Sissi eine unkonventionelle Kaiserin,
die sehr an ihrer Freiheit hängt,
sich gegen das Protokoll widersetzt,
die Pedanterie des Hofs verabscheut,
in der sie sich gefangen fühlt.
Sie hassen beide
die Etikette, und es ist bekannt,
wie furchtbar die der Hofburg und von Schönbrunn ist.
Sissi sorgt für Entsetzen am österreichischen Hof.
Sie missachtet Konventionen, trinkt Bier,
zieht keine Handschuhe
am Tisch an, geht allein spazieren, raucht.
Sie provoziert bewusst.
Sie sind beide unfähig,
in einer Realität zu leben, Zu der sie verurteilt sind.
Als es der Kaiserin gelingt, aus Wien zu flüchten,
ist es ihr eine große Freude, ihren Cousin wiederzusehen,
dem sie ihr Leid klagen kann.
Sie treffen sich vor einer poetischen Kulisse
auf einer Insel im Starnberger See, im Casino auf der Roseninsel.
Es ist einer der intimsten und geheimsten
Orte des Königs.
Vom höchsten Turm
dieser Villa hält er nach ihr Ausschau,
er sieht sie kommen.
Da kommt der Dampfer,
der Tristan heißt.
Er erwartet sie voller Ungeduld.
Er kostet den Moment ihrer Ankunft bis zum Schluss aus,
das weiß sie.
Es ist ein Spiel zwischen ihnen.
Ein Einvernehmen, eine platonische Liebe,
die dennoch sehr poetisch ist.
Es ist fast ein Rendezvous, sogar ein romantisches Rendezvous.
Die Liebe zwischen den beiden besteht darin,
ihre Träume und ihre Liebe zu Kunst und Poesie zu teilen.
Man könnte sagen, es ist ihr Ort der Vertraulichkeit.
Es ist der einzige Ort,
an dem Sissi und Ludwig II. sich über Dinge
austauschen können, die sonst ein Tabu sind,
sowohl am Wiener Hof
als auch in Bayern.
Sie haben Spaß. Er bringt sie zum Lachen. Sie sagt:
"In welche Welt bist du da hineingeraten, mein armer Ludwig!
Wir haben kein Glück.
Es wird überall behauptet, Könige seien frei,
doch wir sind gefangen und der Niedrigste unserer Untertanen
ist freier als wir."
Vergiss deine Träume.
Könige hinterlassen kaum Spuren in der Geschichte.
Wir sitzen in einer Vitrine.
Die Geschichte wird uns vergessen.
Es sei denn, ein Verrückter macht uns wichtig, indem er uns umbringt.
Es kommt vor, dass einer der beiden
nicht zum Treffen erscheint.
Wie zwei Kinder hinterlassen Sissi oder Ludwig Il.
in diesem Sekretär einen Zettel,
der für denjenigen bestimmt ist, der zum Treffen erscheint.
Die Briefe sind mit "Adler" oder "Möwe" signiert,
ihre Lieblingsvornamen.
Sie liebt das Meer, daher "die Möwe".
Und er steigt immer höher in die Berggipfel auf.
Beide sind auf der Flucht.
Alle beide befinden sich ständig im Aufbruch.
Sie sind zu jedem Zeitpunkt im Begriff, abzureisen.
Die Kaiserin bevorzugt das Mittelmeer.
Sie liebt Griechenland, Madeira, Korfu.
An diesen Orten lässt sie entzückende Villen bauen.
Ludwigs Flucht besteht darin, Schlösser zu bauen.
Er ist in seinem Leben nicht viel gereist.
Beide fliehen in eine Traumwelt,
die sie sich selbst kreiert haben,
um der harten Realität zu entkommen.
Um seine Träume zu leben,
entfernt sich Ludwig II. so weit wie möglich von München
und der Residenz.
Weitab der musternden Blicke,
die er schon als Kind hasste, kann er den Alltag ertragen.
Er war immer
ein schüchternes, mürrisches, schweigsames Kind,
und mit der Zeit hat sich diese Schüchternheit,
diese Angst, gesehen zu werden, noch verstärkt.
Er duldet nur noch einige wenige vertraute Diener,
deren Gesichter er kennt.
Es sind alles sehr hübsche Jungen.
Man darf den König nicht ansehen.
Er will nicht mehr von Anderen gesehen werden.
Die Blicke der Anderen sind ihm unerträglich geworden.
Er sieht im Blick der Anderen nur noch Verurteilung.
Ein Grund dafür ist,
dass der einst so schöne König
im Alter von 36 Jahren ein 120 kg schwerer Koloss ist,
der sich seine Zähne mit zu viel Süßem verdorben hat.
Essen ist für ihn eine Zuflucht,
genau wie seine unzugänglichen, abgeschiedenen Schlösser.
Er glaubt, die anderen sähen seine Homosexualität, wenn sie ihn ansehen,
und er schämt sich. Er flieht vor den Menschen,
die er als immer bedrohlicher empfindet.
Um vor den Anderen zu fliehen, meidet Ludwig Il. nicht nur München,
sondern macht auch die Nacht zum Tage.
Er steht um 18 Uhr auf und nimmt ein üppiges Frühstück zu sich,
bevor er seinen Traum lebt.
Die Nacht säubert das Königreich und die Welt
von der abscheulichen Menschenmenge.
Nachts gehört die Landschaft ihm allein.
Es ist das Reich der Fantasie. Nachts ist alles erlaubt.
Ludwig verspürt das herrliche Gefühl
der vollkommenen Freiheit.
Er kann seinen Geliebten an der Hand nehmen, ihn lieben,
ohne verurteilt zu werden,
wenn die jungen Diener sich abgewendet haben.
In schönen Winternächten macht er es sich zur Gewohnheit,
mit seinem Schlitten spazieren zu fahren.
Ein Schlitten im Rokoko-Stil.
Dieser Schlitten war sehr modern für jene Zeit, denn er wurde
mit elektrischen Laternen.
versehen.
Das war sicher eins der ersten Fahrzeuge
in München.
Dank der Laternen konnte der König auch nachts damit fahren.
Die Batterie war unter der Sitzbank,
auf der der König in seinen Hermelinmantel gehüllt saß,
den ihm der Zar geschenkt hatte.
So gleitete er durch die Nacht.
Obwohl diese Spazierfahrten fernab jeglicher Blicke stattfanden,
war es dem König sehr wichtig,
das Hofzeremoniell einzuhalten.
So trugen seine Diener Galakleidung
nach der Mode Ludwigs XV.
Um indiskrete Blicke zu vermeiden,
ritt ein Späher voraus, um Ausschau zu halten.
Ludwig Il. lässt seine Diener Livreen
nach der Mode von Ludwig XV. tragen,
weil er sich für Geschichte begeistert.
Sie ist in seinem Alltag unverzichtbar.
Geschichte ermöglicht ihm,
der Realität und seiner Epoche zu entkommen
und sich in die Glanzzeit der französischen Könige zu flüchten,
die er für die ideale Epoche hält.
Er wäre gern Ludwig XIV. gewesen,
er wäre auch gern Ludwig XV. gewesen.
Ludwig Il. spielt sich als König auf.
Er stellt strenge Regeln auf.
Seine Diener müssen den Blick senken, wenn er sie anspricht,
sie müssen sich hinknien, wenn er etwas von ihnen verlangt.
Psychiater wissen, dass ein Gehörnter einen Eifersuchtsanfall kriegen kann.
Ludwig Il. ist seine Königswürde zu Kopf gestiegen.
Er wäre gern alles außer ein König im 19. Jahrhundert gewesen,
das er als extrem vulgär empfindet.
Ludwigs Flucht vor der Realität ist außergewöhnlich.
Er greift sich Figuren heraus und taucht
in ihre Welt ein, indem er sie in seinen Alltag integriert.
Er schafft ein Dekor, das ihnen entspricht.
Dieses Dekor ermöglicht es ihm, in fremde Rollen zu schlüpfen.
Es werden immer mehr Kulissen.
Neben seinen Schlössern zu Ehren der Gralsiegende
oder der französischen Könige
lässt sich Ludwig rund um eine majestätische Esche
eine Hütte bauen, die den alten Germanen würdig gewesen wäre.
Ein wahre Theaterkulisse
mitten in der Natur, in der er sich nachts damit vergnügt,
mit Jungen Männern zu feiern und Honigwein zu trinken.
Man könnte sagen, er verantstaltete Themenabende.
Er bat die Jungen,
Kostüme anzuziehen,
griechische oder römische Togas zu tragen,
oder die Bracae der alten Germanen.
Das artete natürlich immer mehr aus.
Diese Jungen schliefen vor ihm miteinander.
Im Park von Schloss Linderhof lässt er einen Nachbau
eines maurischen Pavillons errichten, wie ein Märchen aus 1001 Nacht.
Dieses Bauwerk hat ihn
auf der Pariser Weltausstellung fasziniert.
Er ließ es in 300 Einzelteile zerlegt mit dem Zug hierher transportieren,
um es wie ein Puzzle
hier wiederaufzubauen.
Wenn man dieses orientalische Bauwerk hier sieht,
wirkt es völlig surrealistisch,
total verrückt.
Hier betritt man einen Traum von Ludwig Il.,
mit diesem orientalischen Springbrunnen,
der an die Alhambra erinnert.
Die Hausdiener
mussten arabische Kostüme tragen,
damit er, wenn er von seinem Buch aufblickte,
sich in Arabien wähnte.
Er brauchte eine Kulisse
um sich herum, um sich vorstellen Zu können, er sei jemand anderes.
Damit alles perfekt ist, achtet Ludwig auf jedes Detail,
wenn er Möbel für seine Kulissen bestellt.
Er liebt das 18. Jahrhundert,
möchte diesen Stil aber nicht einfach nur kopieren.
Ludwig Il. will nicht einfach nur Kopien anfertigen,
auch wenn er sich vom Stil Ludwig XV. inspirieren ließ.
Er wollte seine persönliche Note hinzufügen, seine Signatur.
Auch wenn diese Möbel vom Rokoko-Stil inspiriert sind,
sind sie noch extravaganter und reicher verziert
als die Originale.
Das macht sie zu Unikaten, von Ludwig Il. kreiert.
Sehr gefragte Unikate,
wie diese Kommode, die auf einer Auktion in Wien
für über 120.000 Euro verkauft wurde.
Der König liebt nicht nur Kunststile, sondern auch raffinierte Mechanismen.
Ludwig Il. hat notiert,
dass Marie-Antoinette einen Mechanismus im Kleinen Trianon
installieren ließ, mit dem der Esstisch ins Untergeschoss
befördert werden konnte, um ihn festlich gedeckt heraufzuholen.
Ludwig Il. ließ sich denselben Mechanismus
im Esszimmer auf Schloss Linderhof installieren.
Der Tisch verschwand
im Untergeschoss,
und kam wieder hoch,
mit Speisen gedeckt.
Er macht alles wie am Hof von Versailles.
Er lädt Ludwig XVI. und Marie-Antoinette zum Essen ein.
Er führt endlose Gespräche.
Er lacht mit der Königin.
Er spricht mit ihr, als wäre sie seine Gemahlin.
Eine fiktive Gemahlin.
Man könnte meinen, er sei verrückt geworden, aber nein.
Er sagt: "Mir gefällt an diesen royalen Gästen,
dass sie verschwinden, wenn ich mit dem Finger schnipse."
Der König träumt in seinen Kulissen, aber auch im Theater.
Er liebt historische Stücke und romantische Dramen
und bestellt 450 Texte über die Könige und Helden,
die er bewundert.
Ob in seinen königlichen Residenzen
oder manchmal auch in der Münchner Oper,
die Schauspieler und Sänger treten alle
nur für einen Zuschauer auf: den König von Bayern.
Nach der Vorführung
dürfen sich die Schauspieler nicht verabschieden,
denn das würde die Illusion zerstören.
Sie sollen sich auf Zehenspitzen entfernen.
Ludwig träumte seinen Traum weiter, er verinnerlichte die Geschichte.
Um die Illusion zu verlängern, zögert Ludwig nicht,
einige der Schauspieler auf seine Schlösser einzuladen.
Darunter auch Josef Kainz, einen hübschen 23-Jährigen.
Er wird nach Linderhof
in die magische Grotte bestellt, die Wagners Tannhäuser gewidmet ist.
Dort erwartet ihn der König
in seinem muschelförmigen Boot.
Er treibt auf dem Wasser
vor dem verdutzten Josef Kainz,
der keine Ahnung hat, was er sagen soll.
Er verheddert sich in Höflichkeitsfloskeln,
die total gekünstelt wirken. und verbeugt sich
mehrere Male hintereinander.
Der König sieht ihn voller Verachtung an,
steigt wieder in sein Boot und verschwindet.
Wenn Ludwig sich in einen Schauspieler verguckt,
interessiert ihn nicht der Mensch,
sondern die Persönlichkeit, die er verkörpert.
Josef begreift, dass er einen großen Fehler begangen hat.
Am nächsten Tag tritt er vor dem König auf,
der völlig gebannt ist
und immer tiefer in Trance verfällt,
immer tiefer!
Der Schauspieler, in den sich Ludwig Il. vernarrt,
macht ganz schön was mit.
Er darf nicht schlafen,
er darf nicht essen,
weil er eine Theaterfigur ist, kein echter Mensch.
Er darf sein Kostüm nicht ausziehen,
muss Gedichte vortragen
und sogar nachts singen, manchmal auch die ganze Nacht.
Ludwig hat sich von allem Lebendigen verabschiedet.
Um vor ihm zu bestehen, darf man kein Mann,
keine Frau aus Fleisch und Blut sein. Man muss mit der Zeit
zu einer bloßen Verkörperung werden,
zur Verkörperung einer Idee.
Er ist extravagant
und vermischt Traum und Wirklichkeit, bis er sich darin verliert.
Ludwig ist besessen von Schönheit, gefällt sich jedoch nicht.
Auf Schloss Herrenchiemsee findet man tausende Darstellungen
seines Vorbilds Ludwig XIV.,
aber kaum eine Büste oder ein Portrait von ihm selbst
im gesamten Schloss, bis auf eine Ausnahme.
Aber dafür braucht man gute Augen. Folgen Sie mir.
In dieser kostbaren Kammer ganz aus Meissener Porzellan,
das ihn ein Vermögen gekostet haben muss,
findet man nämlich
dieses kleine Porträt des Monarchen im Profil
und in Sepia-Farben.
Noch so eine Laune des Königs? Keineswegs.
Dieses Medaillon und einziges Portrait des Königs,
das es hier gibt, ist dem Ungehorsam des Künstlers zu verdanken.
Der König kam nicht mehr dazu, diesen Ungehorsam zu bestrafen,
weil diese Tür mit dem Medaillon darauf
erst nach Ludwigs Tod geliefert wurde.
Für sein Schlafzimmer wählt Ludwig Il. die Farbe Blau,
seine Lieblingsfarbe, aber auch die Farbe Bayerns.
An seinem Bett ließ er dieses erstaunliche Nachtlicht
anbringen, um seine Nächte bunt zu machen,
oder vielmehr seine Tage. Er schläft nämlich tagsüber.
Er beauftragt sogar
einen Lichttechniker damit,
die richtigen Farben mit ihm zusammen auszusuchen.
Er braucht fast 2 Jahre
und unzählige Versuche,
um endlich die gewünschte Farbe für den Mond zu finden.
Das große Bürozimmer in Herrenchiemsee
wird vom imposanten Portrait des Mannes beherrscht,
den Ludwig Il. zutiefst bewundert
und der in all seinen Schlössern präsent ist: der Sonnenkönig.
Der Bau dieses Schlosses im Jahr 1878 wurde zunächst
unter einem Decknamen geheim gehalten:
Meicost-Ettal, das nichts anderes ist als das Anagramm
des Wahlspruchs Ludwigs XIV.: "L'Etat, c'est moi".
Doch Sie irren sich, wenn Sie glauben,
der König habe hier Audienzen abgehalten oder sein Reich regiert.
Er flüchtet unentwegt vor der Politik,
die er für trivial und schäbig hält.
Seine Minister bezeichnet er
als korrupte Geschäftemacher.
Dieses Urteil wird durch das Ende seiner Herrschaft
leider auf dramatische Weise bestätigt.
In dieser konstitutionellen Monarchie
muss Ludwig Il. seine Macht mit dem Parlament und den Ministern teilen.
Ein politisches System,
dessen Pflichten den König langweilen.
Ludwig Il. interessiert sich nicht für Politik.
Sein Vater hat ihn von allen Angelegenheiten ferngehalten.
Er nimmt seine Aufgabe ernst,
aber er ist nicht darauf vorbereitet.
Er bezeichnete die Politik als "Belanglosigkeiten des Staates".
Für ihn ist das abscheulich.
Es ist trivial.
Er hat den Oberbefehl über die Armee.
Politik machen heißt, Todesurteile unterschreiben.
Alles Militärische langweilt ihn zu Tode,
er hasst es.
All das zieht er ins Lächerliche.
Manchmal inspiziert er seine Truppen mit einem Schirm in der Hand,
was deutlich macht,
dass er alles Militärische hasst
und es bevorzugt, wie er sagt,
in seine Träume und sein poetisches Ideal zu flüchten.
Doch der verträumte König Wird von der Realität eingeholt.
Damals war Bayern ein unabhängiges Königreich,
einer von 35 Staaten im Deutschen Bund.
Innerhalb dieses Bundes schmiedet ein Mann große Pläne
für sein Königreich.
Es ist der preußische Kanzler Otto von Bismarck.
Bismarck macht Angst. Bismarck hat nur ein Ziel.
"Der Eiserne Kanzler", wie er genannt wird,
will Deutschland unter der Führung Preußens vereinen.
Er findet
alle möglichen Vorwände, um die Ziele Preußens
voranzutreiben.
So kommt es, dass im Jahr 1866
Preußen Österreich den Krieg erklärt.
Ludwig Il. ist gezwungen, sich am Konflikt zu beteiligen.
Ludwig! Bayern muss an der Seite Österreichs
gegen die Preußen kämpfen.
Das ist die Realität, ob Ihr es wollt oder nicht.
Der 20-Jährige muss sich in diesem Bruderkrieg
für eine Seite entscheiden.
Durch seine Mutter hat er eine Verbindung zu Preußen,
durch Kaiserin Sissi zu Österreich.
Er hat keine Lust, sich einzumischen.
Er findet, Bayern habe nichts damit zu tun.
Am liebsten würde er sie sich die Köpfe einschlagen lassen.
Er unterschreibt widerwillig
den Mobilmachungsbefehl zu Beginn des Kriegs von 1866
und verbündet sich mit Österreich.
In Deutschland bricht ein regelrechter Bürgerkrieg aus.
Ludwig Il. bleibt vorsichtig.
Er schickt nur wenige Männer auf das Schlachtfeld.
Nach 7 Wochen streckt Preußen Österreich
in der Schlacht bei Königgrätz nieder.
Ein wahres Blutbad für die österreichischen Soldaten.
Ludwigs Zurückhaltung hat seine Truppen geschont.
Doch er kann den Aufstieg Preußens im Deutschen Bund nicht verhindern.
Für den Eisernen Kanzler ist es damit aber noch lange nicht getan.
Bismarck gelingt es,
eine Militärallianz mit Bayern zu schmieden.
Bayern wird verpflichtet, sich mit seinen Truppen
in zukünftigen Konflikten für Preußen einzusetzen.
Der nächste Konflikt steht schon vor der Tür.
1870 muss Ludwig II. an der Seite Preußens
in den Krieg gegen Frankreich eintreten.
Diese Mobilmachung widerstrebt dem jungen König
in besonderem Maße.
Ludwig Il. unterschreibt widerwillig.
Es zerreißt ihn.
Er hat Frankreich immer geliebt, das absolutistische Frankreich
von Ludwig XIV., Ludwig XVI., der der Pate seines Großvaters war.
Er bedauert es in seinem tiefsten Inneren,
gegen Frankreich zu kämpfen.
Doch die politische Realität zwingt ihn dazu.
Er schickte
schweren Herzens seine 150.000 Mann.
Er hatte den Eindruck, einen Verrat zu begehen.
Dieser Krieg, den Ludwig II. nicht akzeptiert, läuft ohne ihn ab.
Er weigert sich, seine Armee anzuführen,
die an die Front ziehen muss.
Ludwig Il. verfolgt die Ereignisse des Krieges recht gleichgültig.
Er zieht sich auf Schloss Berg zurück.
Seine Parole lautet: weg von allem, weg von allen.
Diese militärischen Angelegenheiten widern ihn an,
er ist erschöpft.
Weit weg von Schloss Berg wird am 2. September 1870
Napoleon Ill. in Sedan von den Deutschen gefangengenommen.
Frankreich ist besiegt.
Als Ludwig Il. erfuhr, dass der Krieg gegen Frankreich gewonnen war,
war er traurig.
Mein armes, geliebtes Frankreich...
Er war wirklich traurig,
dass Frankreich, dessen Volk er so liebte,
den Krieg verloren hat.
Bismarck kann seinen Traum verwirklichen:
ein großes deutsches Kaiserreich mit Preußen an der Spitze.
Um Bismarcks Traum zu vollenden,
musste der alte König Wilhelm,
der das Ungestüm seines Kanzlers schlecht im Griff hatte,
Kaiser werden.
Bismarck will, dass ein bestimmter König im Namen
aller deutschen Könige
dem König von Preußen die Kaiserwürde anbietet.
Bismarck entscheidet sich für Ludwig II.
Bismarck bittet den König von Bayern,
einen offiziellen Brief an seinen Onkel Wilhelm I. zu verfassen,
in dem er ihn bittet, die Kaiserkrone anzunehmen.
An diesem
Schreibtisch hat sich Ludwig entschlossen,
den Brief zu unterschreiben, den er nicht verfassen wollte,
weil er sich als ein König
von Gottes Gnaden betrachtete.
Einen Teil seiner Königswürde
an den neuen deutschen Kaiser abzutreten,
war in seinen Augen ein Frevel.
Am 18. Januar 1871
wird das deutsche Kaiserreich ausgerufen.
Die Zeremonie wird im Versailler Spiegelsaal
abgehalten.
Fast alle deutschen Landesfürsten sind dabei anwesend.
Ludwig Il. glänzt durch Abwesenheit.
Für ihn ist es eine Entweihung, als würde die Schönheit Versailles
vom preußischen Militarismus entweiht werden.
Ludwig Il. empfindet diesen Akt
als eine Demütigung für Frankreich. Er will nicht daran teilnehmen.
Aber Bayern muss vertreten sein, also schickt er
seinen Bruder Otto.
Otto schreibt ihm verzweifelte Briefe.
Das Spektakel all dieser deutschen Uniformen
beschmutze den Spiegelsaal und sei ihm unerträglich.
Ludwig Il. ist betrübt. Er weiß, dass trotz all der Garantien,
die er gefordert hat, damit sein geliebtes Bayern unabhängig bleibt,
Bayern nur noch einer von vielen Staaten
in einem großen Deutschland ist.
Eines großen Teils seiner Macht enthoben, tröstet sich der 33-Jährige
mit dem Bau seines bayerischen Versailles.
Herrenchiemsee,
eine Ode an eine besiegte Nation, Frankreich,
und seine Art des Widerstands gegen Preußens Vorherrschaft.
Bei diesem letzten prachtvollen Projekt
setzt sich der König keine Grenzen mehr,
weder finanzielle noch künstlerische.
Ein derart maßloser Luxus, dass Sissi,
die heimlich gekommen ist, um es zu bewundern,
sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen kann.
Doch dieses Traumschloss
ruiniert die Finanzen des Königs.
8 Jahre nach der Grundsteinlegung
wird der Bau eingestellt.
Es gab so viele
unbezahlte Rechnungen,
dass ihm gesagt wurde: "Majestät, Eure Kassen sind leer.
Es reicht jetzt. Ihr müsst mit dem Bau aufhören."
Das nimmt der König sehr übel.
"Ich bin der König. Ich brauche Geld. Gebt mir Geld."
Die Minister weigern sich.
Ludwig Il. erpresst sie,
droht damit, die Minister durch Friseure und Diener zu ersetzen.
Na und? Ich könnte das gesamte Kabinett auflösen.
Alle Minister. Alle!
Die Minister sehen das als Beweis, dass Ludwig Il. verrückt ist.
Ludwig Il. wird abgesetzt.
Das ist die einzige Möglichkeit,
das Königreich Bayern zu retten.
Eine finstere Persönlichkeit greift ein, sein Onkel Luitpold,
der eigene Pläne verfolgt und den Ministern sagt:
"Ihr könnt den König nicht absetzen. Er ist populär.
Das führt zu einem Bürgerkrieg. Das geht nicht.
Ich habe eine andere Idee. Wir erklären ihn für geisteskrank."
Den König für geisteskrank zu erklären,
ist die einzige Möglichkeit, den König legal abzusetzen.
Wenn der König länger als 1 Jahr krank ist,
muss unverzüglich ein Regent eingesetzt werden.
Premierminister Lutz bittet seinen Freund,
Professor von Gudden, Münchens Koryphäe für Psychiatrie,
ein Gutachten zu verfassen, welches besagt,
dass Ludwig Il. geisteskrank und nicht regierungsfähig sel.
Dr. Gudden hat den König nie untersucht.
Er stützt sich nicht auf Fakten, sondern auf Zeugenaussagen
über Ludwigs Verschrobenheiten, der die Nacht zum Tage machte,
über seine Mitteilungen an seine Diener.
Einer behauptete,
der König habe ihn geschlagen.
Er bekomme Tobsuchtsanfälle und schlage alles kurz und klein.
Dass er Diener ins Verlies werfe
und andere brandmarke,
dass er sie mit seinem Gürtel blutig schlage,
dass sie nackt vor ihm tanzen und ringen müssten
und so weiter.
Die Untersuchung geht weiter.
Die Ärzte benutzen die Anamnese seiner Angehörigen.
Auf Seiten der Wittelsbacher
wurde Ludwigs Bruder Otto interniert.
Er hielt sich für einen Hund.
Er biss und bellte.
Er kniete sich zum Beispiel
mitten in der Kirche vor dem Erzbischof hin
und fing an zu brüllen
vor dem Publikum,
dass er eine sodomitische Beziehung mit Christus führe.
Auf Seiten der Hohenzollern,
der Linie seiner Mutter,
wurde eine seiner Tanten wegen Verrücktheit interniert.
Es gab also auf beiden Seiten ernsthafte geistige Störungen.
Die Diagnose der Ärzte
wird heute im Geheimarchiv der Wittelsbacher aufbewahrt.
Das ist das von Dr. von Gudden und dreien seiner Kollegen
verfasste Gutachten.
Aufgrund ihrer Feststellungen ziehen sie den Schluss,
dass der König an einer geistigen Störung leide:
Paranoia.
Heute würde man eher
Schizophrenie diagnostizieren.
Die entscheidende Passage dieses Berichts besagt,
dass die Krankheit des Königs unheilbar sei und er folglich
regierungsunfähig sel.
2 Tage nach Veröffentlichung des Berichts
Wird Luitpold von Bayern, Ludwigs Onkel,
zum Prinzregenten erklärt.
Er ergreift die Macht.
Doch es bleibt ein letztes wichtiges Detail zu klären:
Der König muss informiert werden.
Die Minister stellen sich die Frage: "Wo ist der König?"
Sie müssen ihn finden. Sie wollen ihn festnehmen,
ihn absetzen, aber dafür müssen sie ihn finden.
Nach einer langen Suche
finden sie endlich den König:
Er hält sich im Schloss Neuschwanstein auf.
Am 9. Juni 1886, mitten in der Nacht, informiert eine Delegation,
die aus Ministern und Psychiatern besteht,
den König darüber, dass sein Onkel die Regentschaft übernehme.
Im Namen seiner Majestät, Prinzregent Luitpold von Bayern,
Öffnet diese Tür!
Der König wurde von seinen Freunden von diesem Komplott informiert.
In dem Moment,
als die Minister beschließen, die Tür aufzubrechen,
werden sie auf der anderen Seite von bewaffneten Soldaten erwartet.
Die Minister werden ins Gefängnis geworfen.
Lässt er sie hinrichten?
So langsam fürchten sie um ihr Leben.
Ludwig überlegt.
Soll er handeln oder lieber nicht? Was soll er tun?
Ludwig ist zu gutmütig und denkt: "Die Armen.
Das sind alte Herren. Ich schicke sie zurück nach München."
Er lässt die Minister frei. Diese lassen nichts anbrennen
und nutzen die Zeit,
um Telegramme zu verschicken,
um die Ausgänge zu blockieren.
Bismarck, der davon erfahren hat,
hat Mitleid mit diesem unpolitischen König.
Er telegrafiert Ludwig Il. einen einzigen Rat:
"Zeigt Euch unverzüglich in München Eurem Volk."
Er sagt: "Es gab
einen Komplott gegen mich. Seht, dass ich nicht verrückt bin,
dass ich regierungsfähig bin, dass mein Volk mich liebt."
Doch er zieht sich weiterhin
in seine Einsamkeit zurück.
Dieser Fehler kommt ihn sehr teuer zu stehen.
Die Schlinge zieht sich immer weiter zu.
Der König flieht ins Schloss Neuschwanstein.
Er weigert sich, über die Grenze zu fliehen,
um Hilfe anzufordern, oder um seinen Thron zu kämpfen.
Er zieht es vor, die meisten Diener wegzuschicken,
und Trübsal blasend durch das düstere Schloss zu wandeln.
Er bittet den Diener Mayer um den Schlüssel für den höchsten Turm.
Man sagt ihm jedoch, der Schlüssel sei unauffindbar.
Zu einem anderen Diener namens Weber sagt er:
"Sollen sie mich entthronen,
aber dass sie mich für verrückt erklären, ertrage ich nicht."
Die Situation scheint sich immer weiter zuzuspitzen.
Um 1 Uhr nachts
kommt Dr. von Gudden erneut zum Schloss
in Begleitung von Pflegepersonal
und Gendarmen. Ludwig weigert sich, sie zu empfangen.
Der Psychiater lässt sich eine List einfallen:
Er lässt dem König ausrichten, dass der Turm zugänglich sei
und dass der Schlüssel gefunden wurde.
Eine listige Falle.
Kaum eilt der König zum Turm, von dem er sich hinunterstürzen will,
wird er von den Gendarmen festgenommen.
Eine große Müdigkeit
erfasst ihn. Dabei handelt es sich um den König von Bayern,
einen 120 kg schweren Koloss,
der nicht einmal mehr versucht, sich zu wehren.
Nach dieser traurigen Festnahme
spielt sich in diesem Büro eine surrealistische Szene ab.
Ludwig Il. stellt den Arzt scharfsinnig zur Rede.
"Wie könnt Ihr mich für geisteskrank erachten?
Ihr habt mich nie untersucht."
Von Gudden antwortet wohlüberlegt und schlagfertig:
"Das war nicht nötig. Die Dokumente belegen das
hinreichend. Wir werden Euch angemessen therapieren,
ein ganzes Jahr lang."
Ludwigs Antwort jagt einem einen Schauer über den Rücken,
vor allem im Nachhinein: "Das geht sicher schneller.
Es ist leicht, jemanden aus dem Weg zu räumen."
Am 12. Juni 1886,
um 4 Uhr morgens, verlässt der abgesetzte König
schweren Herzens das Schloss Neuschwanstein.
Er wird in seine Sommerresidenz
Schloss Berg gebracht,
am Ufer des Starnberger Sees.
Dieser abgeschiedene Ort ist ideal,
um einen königlichen Patienten einzusperren.
Wir befinden uns vor Schloss Berg. Es ist eher eine Villa.
An diesem Ort hat sich Ludwig II. sein Leben lang wohlgefühlt.
Das Wetter war schlecht, als er in seinem Schloss ankam.
Er war verdutzt, als er die Gitter vor den Fenstern sah,
die Türgriffe abgeschraubt.
Für den König war das schrecklich,
von nun an als Gefangener an diesem Ort leben zu müssen.
Es war ein Albtraum für ihn.
Der König richtet sich in seinem Zimmer ein.
Am Bett sind Gurte angebracht.
Der Ort ist bereits für die Internierung vorbereitet.
In die Tür wurde ein Spion gebohrt,
um ihn Tag und Nacht überwachen zu können.
Er hatte nicht die geringste Bewegungsfreiheit.
Ludwig Il. protestierte: "Ihr könnt mich nicht einsperren!
Ich ertrage das nicht."
Es ist streng verboten, seine Majestät anzuschauen!
Sie erinnern sich,
dass Ludwig Il. keine Diener in seiner Nähe ertrug.
Zwei Pfleger, die ständig
bei ihm waren, war für ihn die reinste Qual.
Die erste Nacht, die er auf Schloss Berg verbringt,
bleibt er ruhig, was Dr. von Gudden
natürlich beruhigt. Er denkt: "Mein Patient..."
Das telegrafiert er nach München:
"Mein Patient ist ruhig. Es besteht keine Gefahr mehr."
Am nächsten Morgen wird es Zeit für Dr. von Gudden,
mit der Therapie zu beginnen.
Als Erstes muss er sich die Beschwerden des Königs anhören.
Dieser verlangt, einen Spaziergang machen zu dürfen.
Die Psychiater warnten von Gudden:
"Er sollte nicht rausgehen. Das wäre sehr unvorsichtig."
Der Arzt sieht keine Gefahr.
Ludwig ist nicht aggressiv.
Er will ein Vertrauensverhältnis Zu Ludwig aufbauen.
Er findet, er dürfe sich nicht überwacht fühlen.
Das erträgt er nicht. Also gibt er zwei Pflegern
ein Zeichen, um ihnen zu verstehen zu geben,
sie mögen sich entfernen.
Ich brauche Euch nicht. Es ist alles unter Kontrolle.
Die Psychiater
sind besorgt, aber dennoch gehorchen sie von Gudden.
Sie gehen also zum See.
Die Zeit vergeht.
Weder der König
noch der Arzt tauchen wieder auf.
Einer der Kollegen des Arztes, der weiß, wie pünktlich der Arzt
sonst immer ist, denkt:
"Es muss etwas vorgefallen sein."
Vielleicht ist ein Unglück geschehen.
Es wird sofort beschlossen,
im Park nach ihnen zu suchen.
Die Wächter durchkämmen mit Fackeln
das gesamte Grundstück.
Die Nacht ist angebrochen. Nach 2 Stunden
haben sie noch immer keine Spur gefunden.
Sie befürchten das Schlimmste
und suchen auch den See ab.
Mit einem Boot suchten sie den See ab.
Plötzlich entdeckten sie hier den König,
im Wasser, und neben ihm den Arzt.
Alle beide waren im Starnberger See ertrunken.
Der König und sein Arzt sind tot.
Ein Drama ohne Zeugen.
Dennoch wird sehr schnell eine erste Hypothese aufgestellt.
Der König und sein Arzt spazieren
am Ufer des Sees entlang. Plötzlich
bricht der König aus
und läuft
in Richtung des eiskalten Sees.
Der überraschte Arzt läuft ihm hinterher,
will ihn aufhalten,
schnappt den Kragen seines Mantels.
Der Mantel fällt herunter.
Ludwig nutzt diese wenigen Sekunden Vorsprung.
Zwischen dem Arzt
und dem König kommt es
Zu einem Gerangel.
Ludwig Il. war 1,90 Meter groß, er war ein Koloss.
Er war gewaltig zu jener Zeit. Das war schon ein Schrank.
Ein ungleicher Kampf.
Man fand Spuren von Strangulation
und Blutergüsse. Ein Fingernagel der Arztes war umgeknickt.
Nachdem Ludwig seinen Arzt getötet hat,
läuft er ins Wasser hinein.
Vor diesem Spaziergang hatte er sehr üppig gegessen.
Er erlitt einen Kälteschock,
als er eintauchte.
Er starb an einem Hirnschlag.
Laut offiziellem Bericht.
Diese Theorie wurde am Tag darauf von allen Zeitungen
übernommen.
Aber schon zu jener Zeit
glaubten die meisten Bayern nicht daran.
Ihrem König sehr zugeneigt,
weigern sich die Bayern, das zu akzeptieren.
Sie stellen daher Theorien auf, die dem König
besser entsprechen.
Diese Hypothesen spalten noch heute die Historiker.
Am wahrscheinlichsten ist, dass Ludwig Il.,
der von dieser Internierung vollkommen entsetzt war,
sich in gewisser Weise in der Falle fühlte
und in den See lief,
mit der Absicht, sich umzubringen.
Warum sollte er sich umbringen? Er hatte keine Selbstmordgedanken.
Er war gläubig, ein katholischer König.
Viele Katholiken begehen
Selbstmord. Er hatte die Wahl zwischen 2 Todsünden.
Es gab ohnehin keinen Ausweg für ihn.
Zweite Hypothese: Ludwig Il. wollte fliehen.
Diese romantische Version
stellt Ludwigs Cousine Elisabeth in den Fokus.
Sissi war geschockt darüber, dass ihr Cousin interniert wurde.
Sie sagte, er würde diese Internierung niemals aushalten.
Sie hielt sich in einem kleinen Hotel
am Ufer des Starnberger Sees auf.
Ludwig wollte den See überqueren, um zu Sissi zu gelangen,
die ihm ihre Anwesenheit mitgeteilt haben muss,
indem sie seinen treuen Dienern eine Nachricht geschickt hatte.
Er habe versucht zu schwimmen.
Ein Fischer sollte ihn abholen
und am Ufer habe Sissi mit einer Kutsche auf ihn gewartet,
um ihm die Flucht zu ermöglichen.
Es gibt ein Telegramm
im Wiener Archiv,
in dem der Kaiser seiner Frau mitteilt,
sie solle sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen.
Elisabeth hat angeblich die folgende Antwort geschickt:
"Das sind keine fremden Angelegenheiten,
sondern Familienangelegenheiten."
Der König soll also versucht haben, zu seiner Cousine zu gelangen.
Sissis Anwesenheit am Ort des Geschehens
könnte ein seltsamer Besuch
am nächsten Tag auf Schloss Berg bestätigen.
Man sah eine schwarz verhüllte Frau
zum Schloss Berg gehen. Man nahm an,
dass es Sissi sel.
Wenige Zeugen sehen
eine große Gestalt, die einen schwarzen Schleier trug,
am Todesbett des Königs
beten.
Dieser Reliquienschrein
enthält ein Stück vom Jasminstrauß,
den Elisabeth auf die Brust
des Königs legte, als er auf Schloss Berg aufgebahrt war.
Ludwig Il. liebte Jasmin.
Aus diesem Grund hat sie im Garten von Possenhofen
Jasminblüten gepflückt,
in Gedenken an die schöne Zeit, die sie zusammen verbracht hatten.
In München zirkuliert derweil ein schlimmeres Gerücht.
Der neue Prinzregent, Luitpold, Ludwigs Onkel,
soll an diesem Drama direkt beteiligt sein.
Es war möglich, dass Ludwig Il. wieder König würde,
wenn unparteiische Ärzte versuchen würden zu beweisen,
dass der König seine geistige Gesundheit zurückerlangt habe.
Er musste verschwinden, damit Luitpold
an der Macht bliebe.
Der König Wurde vielleicht hingerichtet.
Angesichts dieser Vorwürfe
muss die Regierung beispiellose Maßnahmen ergreifen.
Es wird ein Sonderkomitee aus 14 Ärzten gebildet,
die eine Autopsie durchführen sollen.
Das ist der Autopsiebericht von Ludwig Il.
Dieser Text lässt nur einen Rückschluss
bezüglich der Todesursache zu:
Er ist nicht gewaltsam zu Tode gekommen.
Man kann also alle Gerüchte ausschließen,
die damals kursierten.
Er wurde nicht ertränkt.
Außerdem kann man feststellen, dass er nicht erschossen wurde.
Eine Schussverletzung wäre sofort
von allen Rechtsmedizinern bemerkt worden.
Wenn der König erschossen worden wäre
und man seine Verletzungen hätte verstecken wollen,
hätte man nicht solch eine Kommission
mit der Autopsie beauftragt. Je mehr Zeugen es gibt,
desto schwieriger ist es, Beweise für einen Komplott
Zu verheimlichen.
Mithilfe von 14 Zeugen versucht man,
den Verdacht auszuräumen.
Vergebliche Mühe, der Zweifel bleibt. Daher versuchen die Minister,
diesen Bericht dafür zu verwenden, die Entmündigung Ludwigs
Zu rechtfertigen.
Sie finden tatsächlich einen gewichtigen Beweis.
Sein Gehirn hatte ein unterdurchschnittliches Gewicht.
Das reicht ihnen als Beweis für Ludwigs Geisteskrankheit aus.
Das Gehirn zu wiegen bringt überhaupt nichts.
Eine Geisteskrankheit hängt nicht mit dem Gewicht des Gehirns zusammen.
Am 19. Juni 1886
wird eine prachtvolle Trauerfeier in München abgehalten.
Das gesamte bayerische Volk erweist dem König,
der so anders war und den sie so geliebt haben, die letzte Ehre.
Die Bayern
brechen in Tränen aus, als der Sarg vorbeizieht.
Entlang des Trauerzugs sieht man nur traurige Gesichter.
Dieser König stand für sie für Freiheit.
Bei ihm war alles möglich.
Sie nannten ihn "Mondscheinliebhaber".
Er war die Verkörperung der Romantik.
Es zogen sehr dunkle Wolken über München auf.
Man fürchtete den ganzen Nachmittag,
dass ein Sturm ausbrechen würde, aber das geschah nicht.
In dem Moment, als der Sarg in die Kirche
getragen wurde, schlug ein Blitz in das Kreuz
auf dem Glockenturm ein,
es donnerte gewaltig.
Ein letzter Blitzschlag,
wie ein Abschiedsgruß des Königs an sein geliebtes Volk.
In der Krypta der Michaelskirche findet der König
seine letzte Ruhestätte.
Alle Münchener Künstler wollten
ihm die letzte Ehre erweisen und schenkten ihm diesen Sarg,
eine letzte Kulisse für den König, der stets in Theaterkulissen
gelebt hatte.
In der Vorstellung der Leute blieb er für immer
dieser hübsche Junge, der alle Herzen verbünden konnte
und die der Jungen Mädchen brach, die nichts von seinen
Vorlieben wussten.
Er verkörpert den freien Reiter. Er schafft Dinge,
baut Schlösser, und er verkörpert
den niedergestreckten Erzengel.
Tragische Schicksal: 12 Jahre später wird auch seine Cousine Sissi
niedergestreckt,
die immer sein Alter Ego war, seine Seelenverwandte.
Die Kaiserin wird in Genf mit einem Dolch erstochen.
Als ihr Korsett aufgemacht wird,
stellt man fest, dass sie ihren geistigen Bruder nie vergessen hat.
Man sieht seltsamen Schmuck an ihr.
Ein kristallener Schwan
an einer Goldkette.
Und ein Medaillon. Das enthält kein Portrait von Franz Joseph,
sondern ein Portrait des toten Ludwigs Il.
Sie hat sich weder von dem Medaillon noch von der Kette
jemals getrennt.
Es ist gewissermaßen eine letzte Hommage der Möwe
an ihren Adler, die nun im Jenseits für immer vereint sind.
Es ist eine mystische, mythische Vereinigung,
die ins Reich der Legenden gehört,
solche, die Wagner auf majestätische Weise musikalisch verarbeitet hat,
wie die Götterdämmerung.
Ludwig II hatte ein tragisches Leben.
Eine ständige Flucht nach vorne.
Auch sein Tod war tragisch und stellt noch heute ein Rätsel dar.
Glücklich war er nur in seinen Träumen, die alles für ihn waren,
ihn am Ende jedoch sein Krone gekostet haben.
Der legendäre, romantische König
vermachte uns glücklicherweise das Streben nach dem Besonderen,
das in seinen Schlössern zum Ausdruck kommt.
Sie gehören zu den schönsten und meistbesuchten Europas
und haben die Schulden des Königs hundertfach beglichen.
Wie Verlaine so schön sagte,
der von diesem König und Künstler beeindruckt war:
"Ihr wart Poet, Soldat, der einzige König des Jahrhunderts,
in dem die Könige sich rar machten.
Möge Eure Seele in einem stolzen Zug aus Gold und Eisen
zu einer herrlichen Arie von Wagner emporsteigen."
Ich danke Ihnen für Ihre Treue.
Wir sehen uns bald wieder
zu einer neuen Ausgabe von Secrets d'histoire.
Untertitel: Eclair Media
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