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Original subtitles

700 Meilen von Köln entfernt,

wo Keith Jarrett 1975 ein Konzert gab,

steht die Sixtinische Kapelle.

400 Jahre bevor Keith die Bühne betrat,

stand Michelangelo dort auf einem Gerüst und bemalte die Decke.

Heute kann jeder die Kapelle besuchen.

Aber stellen Sie sich vor, Sie hätten Michelangelo auf dem Gerüst gesehen.

Das ist etwas völlig anderes, nicht wahr?

Das hier ist kein Film über The Köln Concert.

Er handelt nicht vom Wandgemälde, der Decke oder von Michelangelo.

Er handelt vom Gerüst.

INSPIRIERT VON EINER WAHREN GESCHICHTE

ERZÄHLT VON VERA BRANDES SELBST

Warum fange ich hier an?

Rede!

Nein, nein, nein!

Bitte eine Rede!

Noch mal von vorn!

Im Musikgeschäft nennt man es "False Start",

wenn eine Aufnahme mittendrin gestoppt wird,

wenn jemand was verpatzt oder es sich nicht richtig anfühlt.

Mein persönlicher Favorit ist eindeutig der von The Cramps.

Was machst du da? -Nichts...

Nein! Wir nehmen ein Scheißalbum auf! Verpiss dich oder setz dich hin!

Niemand stoppt das verdammte Band, wenn The Cramps im Studio sind.

Sicher ganz reizende Leute.

Wie sie eine Aufnahme unterbrechen, sagt viel über die Musiker aus.

Dylan lacht es beim missglückten Versuch zu Highway 61 ganz einfach weg.

Okay, versuchen wir's noch mal.

Stan Getz entschuldigt sich, Fleetwood Mac streiten sich.

Lee Hazlewood hört man spucken.

Aber Bird und Miles

pfeifen einfach.

Versuchen wir's noch mal. Jünger.

Ich bin Ronnie Scott und wir machen eine Pause, bevor ich zerfließe.

Was für ein Eis möchten Sie?

Ein kaltes?

Kann ich den reizenden Damen was ausgeben?

Ich frage, weil es an der Bar angeblich Seniorenrabatt gibt.

Sollen wir?

Klar.

Wie alt bist du?

25.

Ich weiß noch, als ich 25 war.

Sehr lange her, oder?

Magst du Jazz? -Wenn er gut ist.

Wen magst du?

Coltrane.

War's das? Die Liste beginnt und endet mit Coltrane?

Miles... Mingus, Gordon...

Sonny... Monk...

Und mein Jazz?

Du...

brauchst einen besseren Drummer.

Das kränkt mich jetzt. -Gut.

Bist du mit allen so?

Oder nur mit den Gutaussehenden?

Du bist ein alter Mann, der in einer Eisdiele spielt...

Wie möchtest du, dass ich mit dir rede?

Freundlich. -Wie mit Großeltern?

Ich ließe mein Enkelkind nie an einen solchen Ort.

Und warum? -Na ja, zu viel Sax.

Mit einem A. Was hast du denn gedacht?

Der war schlecht.

Ah, da wären wir. Mein Hotel.

Dein Hotel? -Ja.

Darf ich dich was fragen? -Nicht, ob du mich küssen darfst, oder?

Buchst du eine Tournee für mich?

Eine Tournee? -Ja, in Deutschland.

Warum sollte ich?

Ich bezahle dich. 10% meiner Gage.

Warum ich? Ich hab das noch nie gemacht.

Weil zu dir bestimmt niemand "Nein" sagt.

Gute Nacht, Vera Brandes.

Eine Tournee?

Gute Nacht!

Er ist Zahnarzt.

Das Beste an der Praxis meines Vaters: ein eigener Telefonanschluss.

Na schön. Hallo?

Hi. Ich buche eine Tournee für Ronnie Scott.

Wer ist Ronnie Scott? -Der Jazzmusiker.

Oh, wie schrecklich, ich hasse seine Musik.

Bitte rufen Sie nie wieder an. Danke, tschüss.

Manager.

Ich bin die Konzert...

Chefin... Veranstalterin... Bookerin... die Konzert...

Ich promote.

Promoter.

Ich bin die Konzert-Promoterin von Ronnie Scott.

Sie fragen ernsthaft, ob die Leute Ronnie Scott sehen wollen?

Natürlich wollen sie das.

Ich werde den Saal füllen. Sie werden tanzen.

Wissen Sie, wer ich bin?

Vera Brandes.

Ja, hallo, hier ist Vera Brandes. Ich rufe aus London an.

Kann ich bitte mit Ihrem Booking Manager sprechen?

Am Telefon. -Großartig.

Ich buche eine Tournee für das Ronnie Scott Trio.

Er wird vom 9. bis 13. Oktober in der Stadt sein.

Der 10. wäre frei. -Der 10.

Ja, okay, großartig...

Wie hoch ist Ihr Anteil? -Wie hoch?

Einen Moment bitte...

650.

Ich gebe Ihnen 20% der Ticketverkäufe.

20%, perfekt. Klingt perfekt.

Soundcheck um drei, Einlass um sieben, Show um acht.

Was? Sorry, das habe ich nicht verstanden.

Es ist sehr laut hier im Tourbus.

Soundcheck... -Um sieben, um acht geht's los.

Haben Sie das? -Ja, habe ich, absolut. So sehr.

Ja, Konzert um acht. -Bis dann.

Okay, dann sehen wir uns dann. Danke, danke.

Tschüss.

Hier ist Vera Brandes aus London. Kann ich den Booking Manager sprechen?

Ja, hallo. Ich buche eine Tournee für Ronnie Scott.

Er wird am 15. Oktober in der Stadt sein. Ronnie Scott. Ich bin seine Agentin.

40% der Einnahmen.

Bis dann.

Vera Brandes, ich buche eine Tournee für Ronnie Scott, er kommt...

am 13. Oktober.

Soundcheck um vier.

Bis dann.

Kann ich den Booking Manager sprechen? Es ist wichtig.

Fantastisch.

Wie bitte? Ich hab Sie nicht gehört.

Da ist sie ja!

Mit Jazz lässt sich noch Geld verdienen. Anscheinend.

Anscheinend.

Ich muss los. Tschüss, Ronnie.

Noch einen Dreifachen. Falls sie zurückkommt.

Ich würde sagen, 50% von der Bar und 10% vom Eintritt.

Erforsche Gott in dir, indem du das Tier in dir rauslässt.

Sie spielen Standards.

Danke. Danke.

Schon bald machte ich genug Geld, um ein kleines "Büro" zu mieten.

1974, die Ramones gründen sich in NY, Disco steht kurz vor dem Durchbruch,

aber in Berlin dreht sich alles um Jazz.

Berlin hat das beste Jazzfestival der Welt.

Denkst du, was ich denke?

Ob du dasselbe denkst wie ich?

Ich weiß nicht, was denkst du?

Wenn jemand hier drinnen eine Bombe zündet,

gibt's auf der ganzen Welt keinen Jazz mehr.

Warum sollte jemand eine Bombe zünden? -Vielleicht weil er Jazz hasst?

Ich bin Michael.

Ja. Ich weiß, wonach das aussieht.

Aber glaubt mir,

bald bin ich ein wichtiger Teil dieser Geschichte.

Das ist Miles Davis!

In Berlin habe ich Keith Jarrett zum ersten Mal spielen sehen.

Und an das erste Mal erinnert man sich immer.

Die Kölner Oper wurde ursprünglich 1902 erbaut.

Das Gebäude wurde im Krieg zerbombt

und dann, wie der Rest der Stadt, im Stil der Moderne neu errichtet.

Eins ist klar:

Ein renommiertes Haus wie dieses veranstaltet normalerweise kein...

Woher nahmen Sie Ihre Ideen?

Die Ideen?

Oh, ich habe Millionen von Träumen.

Das ist alles, was ich tue, träumen. Immerzu.

Ich dachte, Sie spielen Piano. -Nein, kein Piano, das ist träumen.

Wir haben uns ein Jahr nicht gesehen.

Ich bin in Lausanne,

um eine Geschichte über Keith Jarrett für das Jazz World Magazin zu schreiben.

Ein ziemlich großer Auftrag.

Jarrett ist eben auf eine Europatournee improvisierter Solokonzerte gestartet.

Was das heißt? Also...

Man kann die Entwicklung des Jazz als Eliminations-Prozess betrachten.

Am Anfang gab es Kompositionen

und Big Bands, die sie spielten.

The Count Basie Big Band, meine Damen und Herren.

Der Band Leader arrangiert und dirigiert die Band.

Solos sind festgelegt.

Ah, schau her, da kommt eins.

Er spielt in einer festgelegten Tonart und improvisiert zu einem Thema.

Er darf nur eine vorgegebene Anzahl von Takten lang spielen.

Dann wurden die Bands kleiner. Quintette, Quartette, Trios.

Sie improvisierten mit fester Akkordfolge.

Das bringt uns zum nächsten Schritt im Prozess...

Der Bandleader wurde abgeschafft, alle sind gleich.

Sie folgen einer Vorlage, man nennt sie "Standard".

SONG DER REGELMÄSSIG ALS GRUNDLAGE FÜR IMPROVISATIONEN DIENT

Diese Musiker bringen Farbe auf ein stabiles Fundament.

Aber damit nicht genug. Denn dann...

entschied jemand, das Fundament abzuschaffen.

Free Jazz, vollständig improvisierte Freiheit.

Niemand weiß, wo es hinführt.

Es ist frei und bedarf doch einer engen Verbindung unter den Musikern.

Einer Virtuosität.

Ganz ehrlich: manches klingt beschissen.

[ABER NICHT ALLES]

Die letzte Elimination löst alles auf.

Keith Jarrett hat niemanden zum Improvisieren, zum Ideenaustausch

und keine fertige Idee, was er spielen wird.

Er ist allein. Sein Kopf ist leer.

Versuch das mal. Ja, du. Steh auf!

Wo auch immer du bist, im Kino, im Bett, auf deiner Couch,

steh auf und sing was.

Aber nichts, was du kennst. Es muss brandneu sein.

Nichts, was du je gehört hast,

woran du je gedacht oder was du je gesummt hast.

Nein? Dachte ich mir.

Stell dir das für eine Stunde jeden zweiten Abend vor,

ohne Wiederholung.

Und, dass du so gut darin wärst, dass aus jedem Konzert, das du gibst,

tatsächlich ein Album werden kann.

Du weißt, wie schwer das ist? Du hast keine Ahnung!

Hier haben wir Ana-Marija Markovina.

Falls dir die Welt des Klaviers fremd ist:

Markovina ist eine weltberühmte, Grammy-nominierte klassische Pianistin.

Hier nimmt sie sich Carl Emanuel Bachs Solfeggietto Nr.1 vor.

Ziemlich beeindruckend, was?

Aber sieh mal her!

Hey, Ana-Marija, können Sie was spielen, das niemand je gehört hat?

Nein? Worauf warten Sie? Legen Sie los!

Lassen Sie sich ruhig Zeit.

Es ist so viel schwerer, als es scheint.

Und doch macht Keith Jarrett genau das.

Jeden Abend.

Er entfernt sich vom Jazz und spielt pure Musik.

Nichts ist vorgegeben, außer dem Musiker, dem Moment und natürlich...

dem Piano.

Wie war es? -Es war gut.

Wo geht's als Nächstes hin?

Nach Köln.

Acht Stunden Fahrt.

Fuck!

Du kannst im Auto schlafen. -Nein, kann ich nicht.

Wir nehmen auf. Martin kommt aus Berlin. -Nein. Nein, nein.

Nein, sag ihm ab.

Im Ernst. Sag ihm ab. Es wird nicht gut.

Die verdammte Husterei.

Wenn das wieder passiert, unterbreche ich.

Heute Abend wird das nichts.

Oh... Aber ich bin extra dafür hergeflogen.

Es tut mir leid.

Bitte, bitte, ich muss dieses Interview führen.

Er kann gerade mit niemandem sprechen.

Okay, wann kann er mit mir sprechen?

Wir können es morgen in Köln versuchen.

Morgen?

Komm schon, hilf mir! Bitte.

Okay, heb ihn hoch, langsam.

Vorsicht! Vorsicht!

Wir haben dich.

Ich versuche, einen Arzt zu finden.

Hey, Keith, freut mich. Ich bin Michael Watts.

Sie haben den Rücken eines 60-jährigen Fabrikarbeiters.

Ich hab mal ein Auto den Hügel hochgeschoben,

da ist eine Bandscheibe verrutscht.

Ihre Art zu spielen hilft da nicht gerade.

Sie wissen, wer ich bin?

Natürlich. Sie haben für Miles Davis gespielt.

Das wird auf meinem Grabstein stehen.

Sie sollten vermutlich aufhören.

Zu spielen?

Sich zu bewegen.

Sie spielen gut genug. Das Gehampel braucht es nicht.

Seit wann hat er Rückenprobleme?

Er ist ein sehr zurückgezogener Mensch.

Du darfst nichts von all dem schreiben. -Natürlich.

Die Huster im Publikum? Beschwert er sich immer darüber?

Du kapierst es einfach nicht.

Dann hilf mir.

Um dieses Niveau zu erreichen,

muss er hyperkonzentriert sein

und gleichzeitig komplett entspannt.

Er ist so im Moment,

dass jedes kleine Ding...

um ihn herum...

die Musik beeinflusst.

Jedes Kameraklicken ist wie ein Knüppel auf den Kopf.

Das ist gut, das ist wirklich gut.

Das kannst du nicht verwenden. -Ja, nein, natürlich nicht.

Es geht schon.

Lass das einfach! -Okay.

Da sind wir.

Oh Gott.

Okay soweit?

Okay.

Danke für deine Hilfe.

Selbstverständlich.

Wenn du möchtest, können wir versuchen, das Interview morgen in Köln zu machen.

Ja.

Ja, Köln. Ich muss bloß einen Weg finden, da hinzukommen.

Also gut.

Mach's gut, Keith. Vielleicht sehen wir uns in Köln.

Wartet!

Wartet! Gott sei Dank.

Hi, tut mir leid. Die Wahrheit ist:

Ich hab kein Auto.

Es ist spät. Würdet ihr mich mitnehmen nach Köln?

Keine Interviews. -Natürlich nicht.

Klasse, danke.

Oh, mein Gott. Danke.

Schön warm hier drin.

Fahren wir zum Bus? -Zum Bus?

Zu eurem Tourbus.

Seid ihr mit dem Auto auf Tournee?

Hör zu, Mann: Stopp!

Ja. Tut mir leid. -Wir haben eine lange Fahrt vor uns.

Und wir werden still sein.

In Ordnung, ja. Ich kann still sein.

Als Keith Jarrett drei war, wusste jeder, dass er ein Wunderkind war.

Wo immer er auch hinkam, fiel er den Leuten auf.

Mit 15 tourte er bereits mit Musikern, die doppelt so alt waren.

Art Blakey, Charles Lloyd, Wayne Shorter, mit seinem eigenen Trio...

Und schließlich...

der verdammte heilige Gral.

Miles hat Keith wohl drei Mal gefragt, bevor er Ja sagte.

Man stelle sich das vor!

Miles zwei Mal abblitzen lassen?

Als würde man eine Einladung zu Andy Warhols Factory ablehnen.

Oder Michael Jordan Nein sagen, wenn er dich bei den '93 Bulls haben will.

Schließlich sagte Keith Ja.

Und jeder dachte: Das ist es, er hat es geschafft.

Aber hier war er nun: abgesprungen von Miles Zug,

ohne Plattenvertrag mit Columbia,

in Europa, mit einem kaputten Rücken.

Ich kann dich denken hören.

Für wen schreibst du noch mal?

Jazz World. Als freier Journalist.

Und, wie gefiel dir das Konzert?

Mir? -Ja.

Du hast es doch gehört, oder? -Ja, hab ich.

Also? -Es war super.

Du kannst es mir sagen.

Ich fand Teile davon einfach brillant. -Und die anderen Teile?

Manche Teile klangen so,

als wärst du an einer Idee kleben geblieben.

Und hast sie ständig wiederholt.

Herrgott noch mal!

Du hast gefragt. -Ich wusste nicht, dass Lester Bangs im Auto sitzt.

Ich möchte was fragen, wo wir schon reden.

Wir reden nicht.

Was?

Ich versuche zu verstehen, warum.

Warum?

Warum du das hier machst.

Was machst? Musik?

Nein, ich meine, du könntest in New York sein.

Weißt du, was Dexter Gordon sagte, warum er nach Kopenhagen gezogen sei?

Wegen dem Wetter.

Sehr lustig.

Ich weiß nicht, ob es meine Frage beantwortet.

Was machen wir am Flughafen?

Ich muss was erledigen.

Holt euch was zu essen. Ich sehe euch später.

Das kann ich nicht essen.

Spielst du je zwischen Konzerten? -Nein, nie.

Warum nicht? -Das wäre ja proben.

Es würde sich einschleichen. -Hörst du darum auch keine Musik im Auto?

Um leer zu werden? -Ich versuche es.

Wie fängst du an? Du gehst auf die Bühne, setzt dich ans Klavier und dann?

Lege ich meine Hand ab.

So einfach ist das? -Es ist nicht einfach.

Aber es ist zufällig. -Nein, nichts daran ist Zufall.

Ist "die Hand ablegen" nicht per Definition zufällig?

Wer soll sich eigentlich für irgendwas davon interessieren?

Die Menschen interessieren sich für dich.

Mein Rücken bringt mich noch um.

Du bist Anhänger des Mystikers Gurdjieff.

Er glaubt, wir laufen schlafend durchs Leben, wie Automaten.

Meine spirituelle Reise geht niemanden etwas an.

Ich will nur verstehen.

Verstehen ist nicht so wichtig, wie du denkst.

Bist du je in dein Auto gestiegen und zur Arbeit gefahren,

ohne eine Ahnung, wie du dort hingekommen bist?

Und Musik kann uns aufwecken? -Vielleicht kann gute Musik das.

Was?

Wenn du spielst, scheinst du verloren zu gehen,

du gehst irgendwohin.

Ist das nicht das Gegenteil von wach sein?

Vielleicht haben wir verschiedene Definitionen von wach sein.

Oh, das ist gut.

Also...

davon kannst du nichts verwenden. -Nein, natürlich nicht.

Ich muss pissen.

Wir sehen uns im Auto.

Das war ein Fehler.

Geht's noch? Sollen wir anhalten?

Nein.

Danke, dass du das machst.

Hey!

Wo sind wir?

Bin mir nicht sicher.

Oh, ist das kalt.

Tu mir einen Gefallen.

Sag nichts.

Hör einfach zu.

Lass das Denken.

Ich habe eine letzte Frage.

Den Satz kenn ich.

Hast du je Angst zu versagen?

Jede Nacht.

Das ist tatsächlich passiert?

Na, nicht ganz.

Keith und Manfred sind von Lausanne nach Köln gefahren, ich...

war nur nicht dabei.

Also nach feiner journalistischer Tradition des Geschichtenerfindens.

Der nächste Teil hat sich wirklich ereignet.

TEIL III THE KÖLN CONCERT

Ich will nicht.

Du musst Soundcheck machen.

Ich will heute Abend nicht spielen.

Du ruhst dich aus, dann fühlst du dich besser.

Da ist sie ja. -Das ist die Veranstalterin?

Wo haben sie die her, von der Oberschule? -Vergiss nicht, wir kommen vom Flughafen.

Hi, tut mir leid, ich bin zu spät.

Hi, ich bin Vera Brandes, willkommen in Köln.

Wie war der Flug? -Wir sollten los. -Ja.

Folgen Sie mir!

Es ist gleich um die Ecke.

Ist der Flügel gestimmt? -Ja, sollte er sein.

Die Oper hat es zugesagt.

Geht schon mal vor.

Ich hole dann auf.

Wunderschön, nicht wahr?

Ich warte unten.

Hey.

Alles in Ordnung?

Wird Keith spielen? -Vielleicht.

Hast du etwas geschlafen? -Vielleicht schlafe ich gerade.

Tun wir das nicht alle?

Du hast ihn gefragt, warum er das macht.

Warum er so tourt.

Weit weg von zu Hause, mit dem kleinen Auto, mit seinem Rücken.

Weißt du, warum wir am Flughafen gehalten haben?

Um die Flugtickets zurückzugeben, die die Veranstalterin geschickt hat,

damit wir Geld für die Tour haben.

Künstler wie Keith tauchen vielleicht

einmal pro Generation auf.

Doch das scheint der Welt egal.

Musik fürs Museum, tot.

Niemand kommt.

Hat Columbia ihn deshalb fallen lassen? -Sie wollen Standards.

Er ist ein Risiko.

In Amerika frisst das Geschäft den Künstler auf.

Oder?

In Europa haben wir noch etwas Respekt für sie.

Du meinst, es ist amerikanische Musik für ein europäisches Publikum?

Es ist Musik für Menschen mit Ohren.

Wer ist da?

Vera Brandes.

Was ist dir denn passiert? -Tut mir leid, ich...

Haben Sie geschlafen?

Ich hab zwei Tage nicht geschlafen.

Hast du ein Klavier gefunden? -Ich lasse das kaputte reparieren.

Das wird nichts helfen. -Warten Sie, wenn Sie nicht spielen...

dann war's das für mich im Musikgeschäft.

Gut, dann tu ich dir einen Gefallen. -Ich flehe Sie an.

Du flehst mich an zu versagen.

Ich bitte Sie, mich zu retten.

Wenn Sie nicht spielen, war's das mit meinem Leben.

Tut mir leid, ich kann nicht.

Was?

Kann ich dich eins fragen?

Seit wann spielst du auf teuren Grand Imperial Konzertflügeln

mit neun extra Tasten?

Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du bist verwöhnt.

Du hast Angst.

Innerlich zweifelst du, ob du es kannst.

Eine Note spielen, ohne genau zu wissen, wie sie klingen wird.

Wirklich zu improvisieren.

Vielleicht solltest du mir danken.

Vielleicht biete ich dir eine Gelegenheit.

Eine Gelegenheit wofür?

Neue Wege zu gehen.

Wie alt bist du?

25. -Du bist keine 25.

20.

Ich bin 18. -Du bist ein 18-jähriges Kind.

Und du läufst durch die Welt, als würden dir die Leute etwas schulden.

Ich habe nur ein Konzert organisiert. -Auf einem kaputten Flügel.

Mit repariertem Pedal. -Ganz schön frech.

Ich hab einige Erfahrung mit narzisstischen Männern.

Kann man in Köln das Leitungswasser trinken?

Ja.

In Ordnung.

Nur für dich, vergiss das nicht.

Für mich?

Wenn das Pedal repariert ist.

Du spielst? -Wenn es gestimmt ist.

Du wirst spielen?

Und wenn du gehst. -Ja.

Du bist noch da.

Es war ein komisches Abendessen.

Wie eine Totenwache für ein Desaster, das sich gleich ereignen würde.

Vera versuchte zu atmen, die Gedanken rasten durch ihren Kopf.

Wird das Piano rechtzeitig repariert sein? Wird überhaupt jemand kommen?

Und Fritz...

Fritz hatte mit diesem neuen Gefühl zu kämpfen.

Etwas, das dem Gefühl von Liebe ähnelte.

Jan musste ständig an den Typen denken, mit dem Vera geschlafen hatte.

Das hielt ihn nachts wach.

Und Oliver hoffte, dass das Klavier-Fiasko es ihm nicht mit Isa verdorben hatte.

Die eifrig so tat, als merke sie es nicht.

Wir sehen uns dort.

Keith unterdessen... -Stopp!

Hier ist es wie in der Sauna.

Es gibt etwas, was ich dir sagen muss.

Nicht sauer werden.

Martin ist mit dem Equipment da.

Ich hab doch gesagt, ich will das nicht. -Er wird das Konzert aufzeichnen.

Das wird kein Konzert, sondern ein Scheiß-Autounfall.

Wir haben ihn schon bezahlt. -Und? Schick ihn nach Hause.

Wir werden es nicht veröffentlichen. Versprochen.

Nein danke. -Unsere berühmten Erdbeeren à l'Amour.

Oh Gott. -Oh Mann.

Was für ein verdammtes Desaster.

Es ist so weit.

Bringen wir es hinter uns.

Wo geht's als Nächstes hin?

Baden.

Wieder in die Schweiz. -Nein.

Oh Gott.

Wie meinst du, lief es?

Heute Abend? -Ja.

Es war gut.

Eine Aufnahme des Köln Concerts wurde 1975 veröffentlicht.

Weithin als Meisterwerk erachtet,

wurde es zur bestverkauften Solo-Jazz-LP der Geschichte.

Vera Brandes gründete ihr eigenes Musiklabel.

Sie veröffentlichte Hunderte von Platten,

organisierte Hunderte von Tourneen und Livekonzerten.

Ich würde sagen, das war ein Desaster.

Henrike Bauer BABELFISCH TRANSLATIONS

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