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(sanfte Klaviermusik)
(Erzählerin) Es heißt, Bücher finden ihre Leser.
Aber manchmal brauchen sie jemanden, der ihnen den Weg weist.
Dies ist die Geschichte von einem Mann,
der schon seit vielen Jahren nur noch in einer Welt aus Büchern lebte.
Die Buchhandlung am Stadttor
war für ihn das Herz dieser Welt.
Er hatte alle Bücher darin gelesen,
und so fand er immer genau das,
was seine Kunden lesen wollten.
Carl Kollhoffs Routine begann jeden Tag
im Hinterzimmer der Buchhandlung
und war sein ganzer Lebensinhalt.
(unbeschwerte Musik)
WIR HABEN GEÖFFNET
WIR HABEN GESCHLOSSEN
Sein Weg durch die Altstadt
war so unterschiedlich wie die Menschen, die er besuchte.
Und doch verband sie eine Gemeinsamkeit.
- (leise) Guten Tag. - Die Liebe zum Lesen.
Carl lebte daher nicht in einer Stadt mit Tausenden Einwohnern,
sondern in einem Dorf, dem Dorf der Lesenden,
dessen Bewohner oft nah beieinander wohnten
und doch nichts voneinander wussten.
Einer dieser Bewohner war Herr von Hohenesch,
der ganz allein im größten Haus der Stadt lebte.
Guten Tag.
Für Carl war er jedoch Mr Darcy aus Stolz und Vorurteil.
Überhaupt waren für Carl alle Menschen Figuren aus Geschichten.
Wie Captain Ahab.
Nur war Moby Dick kein Wal.
Er kannte das doppelte Lottchen,
das immer noch unzertrennlich war.
Und die Königin aus Schneewittchen.
Die hoffentlich davon absah, ihre Äpfel zu vergiften.
Und Herkules, für den keine Verpackung ein Hindernis war
und der jedes Mal die gleiche Frage stellte:
Wollen Sie reinkommen, was übers Buch erzählen?
(stockend) Nein, danke. Die Bücher müssen zu ihren Menschen.
Diese Grenze überschritt Carl nie.
Carl kannte keinen seiner Kunden wirklich,
denn alle Menschen blieben für Carl Kollhoff
nur Gestalten aus Büchern.
Carl lebte mit seinen Büchern wie mit einer Familie aus Papier.
Er konnte sich gar nicht mehr an eine Zeit erinnern,
in der er sein Leben mit anderen Menschen geteilt hat.
Vielleicht hatte Carl aber auch
die Tür zu dieser Erinnerung zugeschlagen.
Und obwohl Carl es liebte, alleine mit seinen Büchern zu sein,
hatte sich nach und nach etwas eingeschlichen:
Einsamkeit.
Und langsam war diese Einsamkeit immer größer geworden.
- Wie ein Gewitter... - (Donner)
...das aus der Ferne heranzieht.
(Regen prasselt)
Dies ist die Geschichte von einem Mann,
der frische Luft in sein Leben lassen musste.
Doch wer hätte ahnen können, dass aus etwas frischer Luft
gleich ein Wirbelwind wird?
(beschwingte Klaviermusik)
So. Alle mal herhören.
(streng) Ben, Ennis, Handy weg. Hört mal zu.
Unsere Atlanten sind angekommen.
Wer möchte mit zur Buchhandlung und sie holen?
Ich brauche drei Leute.
Schascha. Danke, sehr schön.
- Immer die Neue, ist klar. - Ich schleppe doch keine Bücher.
Also, wer möchte Schascha begleiten?
(heitere Musik)
- (Frau) Ich weiß nichts von Atlanten. - Die müssten gestern angekommen sein.
- Hat Frau Degkwitz gesagt. - Wer ist Frau Degkwitz?
Sie spielt Farm Slotter 77.
Hm, Kind. Heute ist hier Kick-off.
Unser erster Tag. Welcome Orange Books, Entertainment hooks.
Tja, von daher: Atlanten.
Alles, was gestern war, da müsst ihr Herrn,
weiß nicht, wie er heißt, fragen, er gehört zum Inventar.
(Die Ladenglocke läutet)
Ah, Tom Sawyer und Huckleberry Finn.
Ihr seid bestimmt hier, um die Atlanten zu holen, hm?
(sanfte Musik)
(Er summt leise vor sich hin)
So, meine Freunde.
Einmal und zweimal.
Atlasse braucht kein Mensch mehr. Google Maps, Alter.
Man entdeckt keine neuen Erdteile
ohne den Mut, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.
- Hä? - André Gide.
Nobelpreis Literatur, 1947. Und wie ich finde, vollkommen zu Recht.
(Ben) Was labert der?
Hallo, Mama. Wir waren heute in der Buchhandlung.
Der Mann hat das gemacht wie du, als er die Bücher genommen hat.
Und zwar...
(flüsternd) Und dann hat er es genommen.
(melancholische Musik)
So, und die Jungs sind wirklich zu blöd.
Aber Frau Degkwitz ist eigentlich ganz nett.
(Klappern)
Papa?
(verträumte Musik)
(Der Fernseher läuft gedämpft)
(Er stöhnt)
(lustige geheimnisvolle Musik)
Ich bin Schascha. Ich bin neun Jahre alt.
Du darfst sicher nicht mit einem Unbekannten gehen.
Du... bist kein Unbekannter. Ich kenne dich aus der Buchhandlung.
Und ich sehe dich immer aus dem Fenster unserer neuen Wohnung.
Du bist der Buchspazierer.
Wenn du mich kennst, weißt du auch, dass ich immer alleine gehe.
Gut, dann gehst du alleine, und ich gehe allein daneben.
"Niemals bin ich allein.
Viele, die vor mir lebten und fort von mir strebten,
webten, webten an meinem Sein."
Rainer Maria Rilke.
(lustige Musik)
Selbsterforschung. Was?
Ha! "Selbsterfroschung". (lacht)
- (Klopfen) - Ah.
Guten Tag, Herr Kollhoff.
Ich habe wieder was für Sie.
"Selbsterfroschung".
(Er lacht unsicher)
(zögernd) Selbsterfroschung bezeichnet den Weg zu der Erkenntnis,
was den inneren Kern des Selbst ausmacht.
Hinter der Selbsterfroschung steht die These,
dass jeder Mensch in sich einen...
Frosch hat, den er nur durch Liebe,
im Märchen einen Kuss, zum Leben erwecken kann.
Der Begriff tauchte erstmals 1923
in Sigmund Freuds Das Ich, das Es und... der Frosch auf.
Bravo.
- Himbeere. - Oh, Himbeere.
Ah, bitte.
Es spielt in der Provence, und jedes einzelne Wort
duftet nach Lavendelblüte, warmer Erde
und süßem Holz.
Ich hoffe, da sind Fehler drin, dann habe ich wieder ein Wort für Sie.
Ganz sicher.
(tapsige Musik)
(Carl seufzt)
Was sagen eigentlich deine Eltern dazu?
Mein Papa ist auf der Arbeit, Mama würde es erlauben.
- Hast du gar keine Angst vor mir? - Nö.
Ich könnte gefährlich sein.
- Du gehst nicht gefährlich. - Ich gehe nicht gefährlich?
- Aber ich könnte Kinder fangen. - Das schaffst du nicht.
Früher vielleicht, aber jetzt nicht mehr.
(lustige Musik)
(Carl ächzt)
Also, du kommst nicht mit.
Mein letztes Wort.
Und wie hat Ihnen das letzte gefallen?
Ah, fantastisch.
Wie ich hörte, steht das hier den anderen Büchern in der Reihe
in nichts nach.
Ich habe von einem Roman gehört.
Da ist es die ganze Zeit Nacht, weil es in Grönland spielt.
Und die Hauptfigur hat gerade ihr... Kind verloren.
- Tod unterm Eiszapfen. - Ja.
Ich finde, das klingt... richtig gut.
- (beschwingte Musik) - (Mann) Tschüss.
Hallo. Ich suche den Buchspazierer.
- Den was? - Den Mann.
Der mit den Büchern.
- Sie meint Herrn Kollhoff. - Ach, den.
- Der Herr Karlhoff ist nicht hier. - Kollhoff.
Whatsoever.
- Ähm, wo wohnt er? - Das weiß ich nicht.
- Das dürfte ich nicht kommunizieren. - Sie möchte es dir nicht sagen.
- Wieso nicht? - Datenschutz.
Das wäre Frau Bruckner-Siebenstädt in Hamburg nicht recht.
Also tue ich es auch nicht.
Nope.
(beschwingte Musik)
Warte! Komm, ich zeige dir, wo der Buchspazierer wohnt.
(Türklingel)
Ha... Hallo?
- (stürmisches Klingeln) - Wer...
(Carl seufzt)
An Hartnäckigkeit scheint es dir ja nicht zu mangeln.
- Was ist Hartnäckigkeit? - Du.
Äh... (murmelnd) Auch das noch.
- Boah. - Schlecht erzogen bist du auch noch.
- Hast du die alle gelesen? - Ja. Und nicht nur einmal.
So, und jetzt geh wieder nach Hause.
Ähm...
Warum hast du es hier so dunkel?
So liest es sich besser. Also, unter einer Lampe.
Und weniger Geräusche, weil die Vorhä... Hey.
- ...hänge dafür sorgen... - Ah, ich habe ein Geschenk für dich.
Das ist aus dem Apfel, den du heute verloren hast.
- Ja, deinetwegen. - Ja, ich weiß.
Aber wenn du ihn einpflanzt, musst du nie wieder Äpfel kaufen.
- Also, du musst Wasser rein... - (lautes Rauschen)
...reinfüllen, dann bekommt er Wurzeln.
Das habe ich mit Mama früher gemacht. Wir hatten einen großen Garten.
Aber Papa hat es da nicht ausgehalten.
Aha.
- Ah, und... Wasser. - Ja.
Schön, danke. Dann geh jetzt aber auch wieder.
(heitere spannende Musik)
(Die Tür fällt zu)
(Carl grummelt vor sich hin)
(Er seufzt)
(Mann) So.
Runter.
(Carl) Was...
- Wie rum? - Egal.
- Vorsicht. Vorsicht. - (Carl) Danke.
(Die Ladenglocke läutet)
Herr Carl?
Sie haben heute eine etwas kleinere Runde.
Aha.
Einige Kunden möchten ihre Bücher selber abholen.
Dafür gibt es von uns dann einen Voucher.
Es ist ja besser, wenn sie herkommen.
Dann nehmen sie auch unsere Non-Books mit.
- Non... - Tja, also...
Gute Nachrichten, kleinere Runde.
(stockend) Ja. Ja, gut. Vielen Dank.
Gut.
(langsame schwere Musik)
(Knurren, Bellen)
(Erzählerin) Carl beeilte sich, nach Hause zu kommen.
Egal, was da draußen passierte,
hier existierte weder Zukunft noch Vergangenheit.
Hier hatte Carl seine Ruhe.
(weiter schwere Musik)
Und Carl brauchte diese Ruhe.
Damit seine Erinnerung schlafen konnte.
(gemächliche lustige Musik)
Hast du keine Schule?
Hm, wir haben heute nur drei Stunden.
(weiter gemächliche lustige Musik)
Du ärgerst keine Kunden und machst keinen Unsinn.
- Es sind nur noch so wenige. - Okay.
- Du läufst auch nicht in Wohnungen. - Okay. Aber wenn ich frage, darf ich?
Nein, auch dann nicht.
Okay, also nicht ohne zu fragen.
(Carl seufzt)
Mr Darcy. Ihm bringe ich jeden Tag ein Buch.
(staunend) Wow, der liest aber viel. Muss der nicht zur Arbeit?
Er ist ein wichtiger Kunde, also sei brav.
(seufzend) Dann muss das Haus ja voller Bücher sein.
Ich wünsche Ihnen einen schönen guten Tag.
Äh... Mr Dar... Äh, Herr von Hohenesch?
Ich bin es, Carl Kollhoff, von der Buchhandlung am Stadttor.
Also, äh... Wir heißen ja jetzt... Äh, Books... Book...
- Books irgendwas. - (flüsternd) Orange Books.
Ist doch lächerlich.
- Was soll das Kind? - Es begleitet mich.
Es ist sehr... brav.
- Wie viele Bücher haben Sie? - Sch!
Ähm, darf ich mal nachsehen?
Nicht! Nein, nein.
(heitere Musik)
Herr Kollhoff, tun Sie was. Stehen bleiben.
Kind?
Herr Kollhoff?
Stehen bleiben.
Drei Bücher? Nur drei?
Es... Es tut mir leid. Bitte entschuldigen Sie.
Es...
Los.
- Drei Bücher? - Ich bitte um Entschuldigung.
Mit diesem ungebührlichen Verhalten war nicht zu rechnen.
Los jetzt.
Ich verstehe nicht, warum er drei Bücher hat, obwohl du täglich kommst.
Oh Gott.
(düsterer Klang)
Vielleicht verbrennt er die Bücher ja im Kamin.
Ich weiß, ich hätte da nicht reinlaufen dürfen.
- Obwohl ich selbst gefragt habe. - Richtig.
Und du willst mir sagen, dass ich nie, nie wiederkommen soll?
Ich muss weiter. Die Bücher müssen zu ihren Menschen.
Und ich? Ich weiß nicht, wie ich von hier aus nach Hause kommen soll.
Wieso nennst du die Leute anders als auf ihren Klingelschildern?
Menschen, die gerne lesen, haben einen Namen aus einem Roman verdient.
Hast du denn schon einen Namen für mich?
Schon drüber nachgedacht, aber keinen gefunden.
Ich will aber unbedingt einen.
- Und wie heißt sie jetzt? - Effi Briest, Fontane.
Effi Briest von Tane.
Nein, nur Effi Briest.
Traurig im Herzen und viel zu früh verheiratet.
- Hm. - Fontane ist nur der Name...
Oh. W... Wie schön.
- Sind Sie mit Ihrer Enkelin... - Nein, ich helfe ihm.
Es heißt ja, man soll alten Leuten helfen.
Ich mag Kinder sehr.
- Hast du denn welche? - Äh, ja... Nein.
- Es ist, ähm... kompliziert. - Äh, ja, bitte.
- Danke. - (Schascha) Pack es aus.
- Jetzt? - Eigentlich...
Ich packe Geschenke immer sofort aus.
- Es ist ja kein Geschenk. - Pack du es aus.
Mein Handgelenk ist, äh...
äh, geprellt.
Tod unterm Kürbis.
Die Erlebnisse der Gärtnerin,
die in diesem grausamen Waisenhaus aufwächst.
Schon auf den ersten Seiten stürzt sich jemand in den Tod.
- Das ist ja klasse. - Das hört sich traurig an.
Ja, das ist es auch, traurig, aber auch...
sehr wahr.
Mhm.
(gemächliche lustige Musik)
Die Frau ist nett, aber irgendwas ist da komisch.
- Ja, die Bücher. - Sie hat es komisch durchgeblättert.
- Sie musste es ja mit links machen. - Das meine ich nicht.
Da links.
Ich dachte, du weißt nicht, wie du alleine nach Hause kommst.
Gut, ich mache dir einen Vorschlag.
Ich darf weiter mit dir gehen und werde mich benehmen,
weil ich dann aus meinen Fehlern gelernt habe.
Hallo, Mama.
Ich muss dir was erzählen. Ich und der Buchspazierer...
Hey, magst du auch mal mit mir sprechen?
Wie war es denn in der Schule?
Die sind alle blöd, aber Frau Degkwitz ist ganz okay.
Das sagst du seit zwei Wochen. Kannst du was anderes sagen?
Was wird das hier?
Ich mache endlich dein Bett wieder ganz.
Aber das muss ich auf Arbeit reparieren.
- Papa? - Ja?
Redest du auch manchmal mit Mama?
Mein Schatz, wir machen hier einen Neuanfang.
- Hast du Hausaufgaben auf? - Nein.
(Carl seufzt)
(sanfte verträumte Musik)
Ich habe es repariert. Hier ist nicht mehr.
Da ist wieder alles gut und... hier.
Hm? Ja, stimmt, eine Kuh. Wie macht die Kuh?
Komm schon, das weißt du.
Muh macht die Kuh, stimmt's?
Richtig.
- Meinst du, er ist noch sauer? - Ich weiß nicht, vielleicht.
(unsicher) Vielleicht sollte ich einfach... weggehen.
Du kannst dich einfach entschuldigen.
Gut, dass Sie da sind. Das verkürzt mein schlechtes Gewissen.
- Ihr schlechtes Gewissen? - Ja.
Ich möchte mich nämlich aufrichtig entschuldigen.
Ich habe mich bei unserer letzten Begegnung etwas merkwürdig verhalten.
(Schascha) Ich mich auch.
Mir sind wohl die Worte für Einladungen abhandengekommen.
(unsicher) Man sagt... "Kommt doch herein".
- (leise) Schascha, bitte. - Kommt doch herein.
- Verbrennen Sie Ihre Bücher? - Was? Nein. Nein, nein.
Aber wo sind Ihre ganzen Bücher?
Weißt du, die Menschen vergessen immer mehr zu lesen.
In jedem Buch ist ein Herz, das zu pochen beginnt,
weil es sich mit dem eigenen Herzen verbindet.
Schön gesagt.
Ich bin wie ein Oldtimer, und das bin ich gern.
Was ist ein Oldtimer?
Ein Oldtimer ist etwas, das sich in der falschen Zeit befindet.
Wenn nichts mehr funktioniert: Auf Oldtimer kann man sich verlassen.
- Wie auf einen Freund? - Ja. Wie auf einen Freund.
Und der Oldtimer, der möchte, dass die Menschen lesen.
Alles, was ich lese, kommt danach in die Stadtbücherei.
(verstehend) Na klar. Du behältst die Bücher ja im Kopf.
Sie haben da eine sehr schlaue Begleiterin.
Er ist der reichste Mann hier weit und breit.
Wirklich?
(lustige Musik)
Aber dann wohnt der ja ganz alleine in diesem Riesenhaus!
Mhm, er hat die Firma seiner Eltern verkauft.
Die halbe Stadt hatte da gearbeitet. Das hat ihn wohl sehr einsam gemacht.
(Schascha) Warte.
Dann hat er also keine Freunde mehr?
- Wieso nennst du ihn Herkules? - Hm, das wirst du gleich sehen.
- Lebt deine Mama noch? - Meine? Nein.
Redest du manchmal mit ihr? Ich meine...
(Türsummer)
Du kannst Fragen stellen.
(Ächzen)
(Getränk wird eingegossen)
Arbeitest du als Gewichtheber?
Ähm, nein.
Also, manchmal als Türsteher.
- Dafür bekommt man Geld? - Na ja.
- Ich schreibe Bewerbungen. - Oh.
Das klappt sicher gut, so stark wie du bist. Zum Beispiel als Baumfäller.
Oder... Elefantenpfleger.
Die Leiden des jungen Werther. Kennen Sie das?
Nein, aber das ist ein sehr wichtiges Buch.
Das haben Sie ja gesagt. Nur die wichtigen Bücher.
- Hat der einen Nobelpreis? - Nein.
Aber er hätte sicher einen bekommen.
Klasse.
- Worum geht's? - Ich möchte nicht zu viel verraten.
Doch, bitte. Bis zum Ende. Ich möchte alles wissen.
Na schön. Es...
Es handelt sich um einen Briefroman,
in dem es um den Rechtspraktikanten Werther geht,
der unglücklich in Lotte verliebt ist,
die bereits mit einem anderen Mann verheiratet ist.
- Albert. - Und am Ende? Kriegt Werther Lotte?
Leider nein. Als er sie küsst, flüchtet Lotte in ein Nebenzimmer.
Und um ihre Ehre nicht zu gefährden, beschließt Werther, sich...
sich umzubringen.
Wow!
(begeistert) Oh!
(lachend) Boah. Hammer-Ende.
Danke, dass Sie reingekommen sind.
Das haben wir gern gemacht. Danke für den Kakao.
Nächstes Mal was von einem Nobelpreisträger.
Du brauchst mir nicht zu sagen, dass hier was merkwürdig ist.
Ich weiß nur noch nicht, was.
- Hast ja schon neue Freunde gefunden. - Mhm. Den Buchspazierer.
- Ist ja ein witziger Name. - Den habe ich mir für ihn überlegt.
Das wissen die doch alles. Wer soll sich das alles durchlesen?
- Geht der in deine Klasse? - Nein. Der geht durch die Stadt.
Ist ja lustig.
Die Jungs in der Parallelklasse sind sowieso viel spannender.
(langsame schwere Musik)
(Carl seufzt)
Wieso werden unsere Runden eigentlich immer kleiner?
- (Klingeln) - Hallo!
Na, egal. Dann haben wir eben mehr Zeit für die Leute.
"Das Feuer moderte".
In Panama gibt es Flammen, die durch Gase in Steinen entstehen.
Das stinkt dann, weil das Gas so alt ist. Richtig verfault.
Wenn Sie dann im Feuer sind, heißt es nicht loderte, sondern moderte.
Bravo, mein Schätzchen.
Toll. Ach, ich vermisse meine Schüler so sehr.
Großartig. Hier, Himbeere.
- Danke, Frau Langstrumpf. - Hillesheim.
Gute Freunde dürfen mich auch Langstrumpf nennen.
- Trostpreis. - Zitrone.
Danke, Frau Langstrumpf.
(beschwingte Streichmusik)
Du bringst die falschen Bücher, Buchspazierer.
Äh, ich bringe genau die Bücher, die meine Kundschaft lesen will.
Eben. Das sind die falschen.
Zum Beispiel... die Frau Langstrumpf.
Die ist so ängstlich. Die sitzt den ganzen Tag zu Hause.
Ja, weil sie mal beinahe von einem Eisklotz erschlagen wurde.
- Ein Eisklotz? - Ein Eisklotz. Bei strahlender Sonne.
Vermutlich von einem Flugzeug.
- Die Arme. - Tja.
Jetzt ist sie in Rente und hockt zu Hause.
Als sie noch unterrichtete, habe ich sie nie im Bademantel gesehen.
- Warum bringst du ihr nur Liebeskram? - Weil sie es will.
Die bräuchte ein Abenteuerbuch. Oder die Effi.
Die ist so traurig, die bräuchte was Lustiges.
Nein. Also, ja.
- Nein. - Jetzt renn doch nicht so schnell.
Warum sagen einem Leute immer, was man zu tun hat?
Beim Bücherkaufen ist man frei. Da kann man tun, was man will.
Warte.
- Herzenstanz in der Provence. - Mhm.
- Da sind bestimmt Fehler drin. - Oh, sicher. Jede Menge.
Ich habe auch noch was für Sie.
(Carl) Aber...
- Ja, aber... - Freibeuter der Meere.
Die sind ganz mutig. Die sind nie in der Wohnung.
Das wilde Meer ist ihr Zuhause.
Toll. Ja, danke.
- Du machst mir ja Konkurrenz. - Ich verkaufe sie ja nicht.
Ich verschenke sie ja nur.
- Und was hat er bekommen? - Schminktipps für Männer.
- Aber er ist doch gut geschminkt. - Ja, aber immer gleich.
Und was kriegt Mr Darcy?
(Hohenesch) "Holzwirtschaft im Sauerland".
Interessant.
Da machen die viel mit den Händen. Da sitzt keiner rum.
Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr geschenkt bekommen.
Danke.
Wer zuerst bei Effi ist!
Nur Spaß. Du hättest sowieso keine Chance.
Das stimmt. Leider.
Leider.
(lustige Musik)
(Schascha kreischt)
(Mann) Hey!
- (Carl) Warte! - Ich warte oben!
- Langsam, langsam, junge Dame. - (Carl) Guten Tag.
- Ja! - (Carl keucht)
Nächstes Mal. (Er lacht keuchend)
- Was hast du für Effi? - Ein Witzebuch.
- Die soll mal mehr lachen. - (Carl lacht)
- Dann komm. - Warte.
- Hast du einen Beruf? - Du siehst doch, was ich mache.
Ja, aber ich meine, hast du mal was Richtiges gemacht?
Das ist doch was Richtiges.
Na ja... Was die anderen Leute so machen.
- So wie... Busfahrer. - Busfahrer? Hm.
- Oder... Pferdezüchter. - Pferdezüchter?
Ha, niemals.
Aber warst du schon immer der Buchspazierer?
Ich meine, früher.
Früher ist lange vorbei. Davon will niemand mehr was wissen.
Das sagt Papa auch immer.
- Aber ich will was davon wissen. - Wir sind unterwegs.
Nur das zählt. Und die Bücher in unseren Rucksäcken.
Nur das zählt.
Nur das zählt.
(sanfte Streichmusik)
(Carl pustet Staub weg und hustet)
(Schascha) Ähm, wie hat dir das Buch gefallen?
Ähm, Die Leiden des jungen Werther ist ein Briefroman.
Darin geht es um den Rechtspraktikanten Werther,
der unglücklich in Lotte verliebt ist.
Die bereits verheiratet ist.
Okay.
- Ich habe ein Geschenk für dich. - Für mich?
Jeder bekommt eins. Ein Lexikon über Bücher.
Da braucht Herr Kollhoff dir nicht zu erzählen, was drinsteht.
Da stehen zu jedem Buch knackige Kurzbeschreibungen.
Dann brauchen Sie mich nicht mehr. Dadrin erledigen das echte Experten.
Danke, aber...
Herr Kollhoff, Sie müssen mir trotzdem weiterhin erzählen,
was in den Büchern passiert, bitte, Herr Kollhoff.
Das ist super, aber wenn Sie erzählen,
dann werden die Bücher so lebendig.
Ja, wenn Sie das wünschen, mache ich das natürlich gerne weiter für Sie.
- Der kann gar nicht lesen. - (mitfühlend) Der Arme.
Dann kann man keine Bewerbungen schreiben.
- Der Arme. - Wir müssen was unternehmen.
Aber was? Wenn man nicht lesen kann, kann einem ein Buch nicht helfen.
(gedämpfte aufgebrachte Männerstimme)
Hör mir einmal zu, hör doch einmal zu.
Ach, die schon wieder.
(weiter gedämpfter Streit)
Am besten gar nicht drum kümmern.
- (Effi) Fass mich nicht an! - (Mann) Wag es nicht.
- Du bleibst jetzt hier! Komm her. - (Effi) Geh weg!
- Fass mich nicht an! - (Klirren)
Tja, manchmal reicht ein Buch nicht aus.
- Wir müssen eine Telefonzelle suchen. - Wen rufen wir an?
Woher kamen die lauten Geräusche?
- Ich habe nichts gehört. - Eventuell vom Fernseher, oder?
- (Polizistin) Keine Streitigkeiten? - (Effi) Nein. Wir? Nein.
- Mist, das hatte ich befürchtet. - Was denn?
(ungläubig) Sie liebt ihn?
Deshalb tut sie Dinge, die nicht gut für sie sind, ja.
- Das verstehe ich nicht. - Ich auch nicht.
Und sie ganz bestimmt auch nicht.
- (Klingeln) - Guten Tag.
Liebe ist was Doofes. So was wird mir nicht passieren.
Oh.
Jetzt bekommst du mal ein Geschenk.
- Ich? - Tada!
- (Carl lacht) - Danke.
(traurige Musik)
Oh.
Heidi.
Was?
Es ist nur, es...
ist halt das letzte Buch, das mir meine Mama vorgelesen hat.
Oh, da freue ich mich, dass deine Mama so belesen ist.
Heidi ist nämlich... Heidi ist phänomenal.
Sie... taut den bockigen Großvater auf,
sie lernt lesen und schreiben,
sie gibt dem Ziegenpeter eine Zukunft,
eine Zukunft durch Bildung, sie...
Was... Was hast du denn? Weinst du etwa?
- I... Ich will das Buch nicht. - Warum nicht?
- Ich habe das schon von meiner Mama. - Ach so.
Dann musst du ja nicht gleich...
Ich kann dir ja ein anderes Buch schenken.
(kleinlaut) Es muss ja nicht Heidi sein.
Dann sag deiner Mama bitte einen lieben Gruß, ja?
Sie hat wirklich alles richtig gemacht.
Wirklich?
- (gerührt) Findest du? - Ja.
Absolut.
(gefühlvolle Streichmusik)
(Er schnarcht)
(zarte Musik)
(gefühlvolle Streichmusik)
Junge Frau, fertig werden, frühstücken.
So, dein Kakao.
So, die Ränder an der kurzen Seite abschneiden?
Warum hast du eigentlich Mamas Bild und meine Sachen weggetan?
- Weil da eine neue Kommode hinkommt. - Aber ich finde die alte schön.
Ja, die kommt ja nicht weg. Die kommt in den Keller.
Wenn die neue Kommode da ist, kannst du die Sachen wieder aufbauen.
Aber die alte ist ja noch da.
(seufzend) Äh, die... Die Randstreifen mit Frischkäse?
Äh, ja. An der glatten Seite. Aber nur eine Hälfte beschmieren.
An der glatten Seite, nur eine Hälfte beschmieren.
Hm, haben wir eine Wurst?
- Wurst? - Ja, Wurst.
Jeden zweiten Dienstag esse ich jetzt Wurst.
Jeden zweiten Dienstag isst du jetzt Wurst?
(Hundebellen)
(unbeschwerte Klaviermusik)
Ähm... Bitte.
Danke.
(beide) Guten Tag.
Bitte.
(weiter unbeschwerte Musik)
(Erzählerin) Und so zogen sie nun gemeinsam
durch das Dorf der Lesenden.
Carls Mut, Schascha in sein Leben zu lassen, wurde belohnt.
Mit der Erkenntnis, dass es etwas noch Schöneres gab,
als alleine Bücher auszutragen.
Nämlich diese Aufgabe mit jemandem zu teilen.
(weiter fröhliche Musik)
- Herr Karlhoff? - Kollhoff.
- Carl Kollhoff. - Kollhoff, sicher. Entschuldigung.
Herr Carl, wie letzte Woche angekündigt,
habe ich mir eine Übersicht verschafft.
Es werden zu wenig Bücher für Ihre Runde bestellt.
Und leider less and less. Wir brauchen aber more.
(Leon) Immer more and more.
Ich nehme ja gar nicht viel fürs Austragen.
Ja, viel Zeit. Für wenig Bücher.
Die Leute freuen sich aber noch genauso.
Die Leute würden sich mehr freuen, wenn sie die few Steps laufen würden.
Bewegung ist gesund. Da würden Sie mir zustimmen, oder?
Ähm, Sie sind die neue Chefin.
Ähm, jedenfalls, mir fällt heute die schwere Aufgabe zu,
Ihnen zu kommunizieren, dass wir Sie von Ihren Verpflichtungen entbinden.
Frau Bruckner-Siebenstädt
hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht.
Dann... Dann haben Sie auch endlich mehr Zeit für sich.
Das können Sie nicht machen. Herr Kollhoff hat uns alle angelernt.
- Der ist länger als alle dabei. - Lass gut sein, Leon.
Gut. Dann... Dann machen wir mal weiter.
(stockend) Ab...
wann habe ich dann endlich mehr Zeit für mich?
Zum nächsten Ersten.
Das ist ja in... in 14 Tagen.
Abzüglich zwölf Tage Resturlaub, bleiben noch zwei Tage.
- Aber ich mache nie Urlaub. - Jetzt schon.
Es tut mir leid.
Sagen Sie es bitte Ihren Kunden?
- Du siehst anders aus. - Ich bin aber derselbe.
Du hast andere Augen.
- Hast du geweint? - Nein.
Vielleicht hast du ja innendrin geweint.
So wie Papa.
Ich weiß, was da hilft.
Pinguin-Eis. (lacht)
Interessant.
- Mmh! - Hm?
Das... Das hilft aber wirklich.
Habe ich doch gesagt. Hm, ich kann morgen nicht.
- Was machst du? - Bücher verkaufen.
Auf dem Markt. Mit der Schule. Wie früher bei Mama.
(Eine Tür geht auf)
(Vater) Du warst wohl ein Eis essen, hm?
- Wer war der Kerl? - Der Buchspazierer.
- Er ist nett. - Er ist nett? Du kennst ihn nicht.
Doch. Wir sind schon lange zusammen unterwegs.
- Schwänzt du die Schule? - Nein, es ist immer nach der Schule.
Das würde der Buchspazierer nicht erlauben.
Das würde der Buchspazierer nicht erlauben? Der hat nichts zu melden.
Ich will nicht, dass du mit diesem... Mann!
Ich will nicht, dass du mit diesem alten Mann rumläufst. Aus, basta!
Lieber Herr Carl.
Heute zu Ihrem letzten Tag,
im Namen von Orange Books, Entertainment hooks,
im Namen von Frau Bruckner-Siebenstädt
bedanken wir mich... uns.
- Ich mich natürlich auch. - Danke.
Äh...
Orange-Books-Leseschlappen.
Hamburg denkt, man sollte beim Lesen warme Füße haben.
Da bitte nichts draufstellen. Gut.
Leben Sie wohl.
(leise traurige Musik)
Oh, Herr Kollhoff. Heute so früh?
Ich muss heute noch zu vielen Menschen.
Oh, das ist aber heute besonders ansprechend eingepackt.
(gepresst) Ähm, ja... Mir war danach.
- Sie weinen ja. - Tatsächlich?
Äh, das...
müssen die Tränendrüsen sein, die sind entzündet.
Und dann dieser Wind.
Wo ist denn Ihre kleine Begleiterin?
Sie ist auf einer Schulveranstaltung.
Und das ist mir ehrlicherweise auch ganz recht heute.
Weil ich muss Ihnen...
Ich muss Ihnen etwas sagen.
Ihr sage ich es dann... später.
Ja, bitte. Nur frei heraus.
Die... Dieses Buch, das...
Das... Also, in Zukunft werde ich...
Und das ist heute, also die... Heute.
Das ist die Buchhandlung hier im... (Er stottert)
Bis morgen.
(verträumte Musik)
- Tschüss. - Tschau.
- Ähm... Willst du was kaputt machen? - Nein, ich lese auch manchmal.
Wirklich?
- Wie viel kostet das? - Das? Das schenke ich dir.
- Wirklich? Was steht denn dadrin? - Ähm... Komm her.
Dann weißt du, was drinsteht.
(hoffnungsvolle Musik)
"Ein Mann hatte sieben Söhne."
Und das hier?
Nein. Äh, das ist eine Abhandlung über Descartes. Die ist selten.
- 4,23 Euro. - (lachend) 4,23 Euro.
Dafür habe ich 65 Mark bezahlt in Westberlin.
Berlin ist doch im Osten.
Und das hier?
Nein, das auf keinen Fall. Das ist vom Flohmarkt in Paris.
Von einem ganz beson... einem ganz besonderen Menschen.
Das ist auf Deutsch. Sprechen die in Paris nicht Französisch?
Das ist... Edgar Allan Poe.
(flüsternd) Die Werkausgabe.
Das ist die deutsche Übersetzung eines englischen Buches in Paris.
Das war so... so schön. Europäisch.
Herr Kollhoff? So kommen wir nicht weiter.
Wir haben gerade mal ein Buch. Sie brauchen doch das Geld.
Ja, aber was schlägst du vor?
Ganz ehrlich? Sie setzen sich hin und bleiben da, bis ich fertig bin.
Vertrauen Sie mir.
Gut.
124,80 Euro.
- (Vater) Augen sind noch zu? - Mhm.
Warte.
Umdrehen und Augen auf.
"Abenteuerpark Mega..." "Abenteuerpark Megafun"! Ja!
Wasserrutsche, Achterbahn und Übernachtung.
(lachend) Ja!
- Wann fahren wir, wann fahren wir? - Wir fahren jetzt gleich.
Ich habe gestern Nacht schon gepackt.
- Oh, aber... das geht jetzt nicht. - Wie, das geht nicht?
Na ja, ich muss noch buchspazieren.
- Wir müssen zu Effi, Herkules... - Du wirst nicht buchspazieren.
Ich habe dir verboten, diesen Mann zu sehen.
- Ich will jetzt nicht in diesen Park. - Doch, du willst.
Du wirst jetzt ganz normale Sachen machen
und vergisst diesen Bücherquatsch.
- Papa, versteh doch. Die Effi... - Es reicht jetzt!
Entschuldige, mein Schatz. Ich, äh...
(Er seufzt)
Ein bisschen Lachen und ein bisschen Spaß.
Komm, das wird uns beiden guttun.
Du wirst sehen, es wird bestimmt ganz toll.
- (Mädchen) Sollen wir ein Eis essen? - Klar, können wir.
(beschwingte Musik)
Star Trek haben wir zweimal. Bandit dreimal.
- Wollen wir was essen gehen? - Nein.
- (aufgeregt) Papa, guck. Da vorne. - Lass uns lieber was...
- Ähm, haben Sie Pinguin-Eis? - Nein, leider nicht.
- Ein anderes vielleicht? - Nein, danke.
Ähm, zweimal Schoko und einmal Vanille.
- (Verkäufer) Bitte schön. - Danke.
(sanfte Musik)
(Vater) "Der Junge nahm die Seilentasche..."
Seilen... Ach, Seiden. (seufzt)
"Der Junge nahm die Seidentasche in die Hand
Komma nahm sein Fahrrad..."
- Du musst das Komma nicht mitlesen. - Ach ja, stimmt.
"Der Sommerwind strich sanft durch dein... seine Haare,
während er die Straßen entlangfuhr."
- Soll ich lieber lesen? - (müde) Ja. Ja.
- Wenn du willst. - Mhm.
"Denn der Junge hatte einen besonderen Ort,
an dem er seine Schätze voller Stolz präsentieren wollte.
Die Sonne stand hoch am Himmel
und tauchte die Landschaft in ein warmes goldenes Licht.
Der Junge spürte Energie und Freiheit."
(Er schnarcht leise)
(zarte Musik)
(flüsternd) Ich liebe dich, Papa.
(flüsternd) Ich vermisse Mama auch ganz doll.
- (Leon) Tja, dann. - Danke.
- Home, sweet home, mein Kind. - Wann ist die neue Kommode da?
- Ich muss Mama echt viel erzählen. - Die ist bald da.
- Musst du heute noch arbeiten? - Ja, leider.
- Ich habe noch ein bisschen Zeit. - Okay.
- Ich muss los. - Wie, du musst los?
Du bist neun Jahre alt. Du hast noch keine Termi... Termine.
Doch, buchspazieren.
Mir geht... Für wen mache ich denn das hier alles?
- Was denn? - (ungläubig) Was denn?
Na... Na, das hier alles.
Papa, die Bücher müssen zu ihren Menschen.
Die Bücher müssen zu ihren Menschen?
Ich mache das alles für dich. Für dich mache ich das hier alles!
Mama hätte mich gelassen.
Ab auf dein Zimmer. Zwei Tage Stubenarrest, aber sofort.
Ist ja die Krönung. "Mama hätte dich gelassen." Es hackt!
"Mama hätte mich ge..."
(Die Tür fällt zu)
(Effi) Sie brauchen mir diese Bücher nicht zu bringen.
Da ist ein ganz falscher Eindruck entstanden.
Ich wollte nur wissen, wie es Ihnen geht.
E... Es geht mir sehr gut. Natürlich.
Ich komme wieder.
(Effi) Bitte nicht.
(nachdenkliche Musik)
Na warte.
Hey, du. Bücherfritze.
- Du Buchspazierer. - Ja? Wa...
Was zum Teufel treibst du dich mit meiner Tochter rum?
- Ah, Schascha. - Ja, genau, Schascha.
Wo soll denn das hinführen? Was willst du von ihr?
(unsicher) Wir bringen nur die Bücher zu ihren Menschen.
Jetzt ist Schluss mit diesem Geschwätz. Ein für alle Mal.
- Tut mir leid, wenn ich Ihre Gefüh... - Ja, hast du.
Ich habe meine Frau verloren, und du nimmst mir mein Kind weg?
- Ihre... Ihre Frau verloren? - Ja.
Verloren. Schnipp, und weg war sie.
Du machst dich jetzt besser vom Acker und siehst zu, dass du Land gewinnst.
Ah!
(Carl stöhnt schmerzerfüllt)
(Mann) Können Sie nicht aufpassen?
Stellen Sie sich...
Stellen Sie sich vor, ihre Mutter ist gestorben.
Deswegen hat sie mich besucht.
- Ich hätte etwas merken müssen. - Was ist passiert?
Ich bringe Sie ins Krankenhaus.
(kraftvolle melancholische Streichmusik)
(Er stöhnt)
Hallo. War der Buchspazierer heute schon da?
Herr Karlhoff arbeitet hier nicht mehr.
(entsetzt) Was?
- Und was macht er jetzt? - Sitzt daheim und liest wohl.
Ja, der hat mehr gekostet, als er gebracht hat.
- Was hat er gebracht? - Nichts.
Und was hat er gekostet?
Nerven.
Aber die Bücher müssen doch zu ihren Menschen.
Siehst du hier noch irgendwelche Bücher?
(lautes Klopfen)
- Wer ist denn da? - Schascha.
- Geh nach Hause. - Ich will buchspazieren.
Es gibt keinen Buchspazierer mehr. Ich bin entlassen.
Wir können trotzdem buchspazieren.
Nein, ich habe keine Bücher mehr. Geh zu deinem Vater.
Aber Mr Darcy und Effi und alle anderen können uns Geld geben.
Dann kaufen wir die Bücher und bringen sie ihnen.
Das bringt doch nichts. Geh nach Hause.
- Aber wir... - Geh nach Hause!
(Schritte entfernen sich)
(sanfte Musik)
(Erzählerin) Manchmal wiegt ein Verlust so schwer,
dass wir die Augen davor verschließen müssen.
Und manchmal fehlt uns der Mut, unsere Augen wieder zu öffnen.
Weil wir Menschen sind.
(Mann) Letzte Chance. Sonst räumen wir.
(Musik wird trauriger)
(kraftvolle traurige Musik)
(Musik wird ruhiger)
(sanfte hoffnungsvolle Musik)
Carl spürte einen Schmerz, den er schon vergessen hatte.
Die Sehnsucht nach anderen, lebendigen Menschen.
Und damit war Carl, so seltsam das auch klingen mag,
zum ersten Mal seit Langem
nicht mehr alleine.
(schnelle Schritte)
(Türklingel)
Ich brauche einen Oldtimer.
(beschwingte Musik)
(Türklingel)
(erneutes Klingeln)
(Klopfen)
(Klingeln, Klopfen)
Mr Dar... Herr...
Ich hörte, Sie wurden entlassen.
War Schascha bei Ihnen?
Ja, Ihre kleine Begleiterin hat mich aufgesucht und mir alles erzählt.
(Carl) Ich habe total versagt.
In jeder Beziehung.
In jeder Beziehung.
(zarte Streichmusik)
(Hohenesch) Die Kleine macht sich Sorgen.
Sie hat mich hergebracht.
- Sie soll ihr Leben leben. - Möglicherweise gehören Sie ja dazu.
Nicht mehr.
Nun denn...
Edgar Allan Poe.
Die Werkausgabe. Eine... exzellente Übersetzung.
"Der Tod einer schönen Frau
ist fraglos der dichterischste Gegenstand auf Erden.
Und ebenso zweifellos
ist der geeignetste Mund dafür der eines Liebenden."
...Liebenden.
(beide) "Der die Geliebte durch den Tod verlor."
Edgar Allan Poe.
(ruhige Klaviermusik)
Mein Freund, bis bald.
(melancholische Streichmusik)
(Musik verklingt)
(gefühlvolle Streichmusik)
(verträumte Harfenklänge)
(sanftes Klavierspiel)
(Er schluchzt leise)
(unbeschwerte Musik)
Ey, Opa. Runter vom Dach.
Lass gut sein, Tommy. Ich kenne den Mann.
- Der hört sowieso nicht auf dich. - Danke für das Kompliment.
Sag mal, wie irre kann man eigentlich sein, hm? Und jetzt?
Hm? Wollen Sie mir eine reinhauen?
Da würde ich mir bloß die Hand brechen. Nein, ich...
Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen.
- Sie wollen sich entschuldigen? - Ich habe mich falsch verhalten.
Ich habe nicht verstanden, dass Sie in Trauer sind.
Ich war egoistisch und habe Sie für grob gehalten.
- Ich bin grob. - Ich war nur mit mir beschäftigt.
Ich habe weder Schaschas noch Ihre Trauer gesehen, dafür...
Ja, dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen.
- Ist in Ordnung. - Danke.
Und ich habe noch was für Sie.
Ein...
- Ein Buch. - Ein Buch?
"Verlust von Angehörigen: Lieben, Trauern, Loslassen".
- Hat Schascha Ihnen das gesagt? - Nein, da...
Da bin ich ganz von alleine draufgekommen.
Was mischen Sie sich da ein, hm?
Sie haben ja überhaupt keine Ahnung, wie das ist.
Ha. Glauben Sie mir.
Ich weiß genau, wie das ist.
(hoffnungsvolle Klaviermusik)
- Du siehst müde aus, Papa. - Ich habe auch nicht geschlafen.
Superbowl?
Nein.
Ich habe gelesen.
- Die ganze Nacht? - Ja. Stell dir vor.
Was denn?
Schascha, mein Schatz, ich...
Ich wollte mich noch bei dir entschuldigen.
Ich habe das nicht kapiert, ich habe das nicht verstanden.
Wie viel dir dieses... Bücherherumlaufen...
- Buchspazieren. - Dieses Buchspazieren.
Wie viel dir das wirklich bedeutet.
Und es war doof von mir,
dass ich dich dabei nicht unterstützt habe.
Und es war fies und gemein, dass ich dich angeschrien habe.
Dafür schäme ich mich, dafür möchte ich mich entschuldigen.
Stattdessen hätte ich dir zuhören sollen.
Und dieser Buchspazierer...
ist ein netter Mann.
- Du hast ihn kennengelernt? - Ja.
Also, er mich. Oder ich... Wir haben uns getroffen.
Und ich muss dir noch was sagen.
Was denn?
- Ich... Tja, wie sage ich es? - Was denn?
Ich... vermisse Mama auch schrecklich.
Schrecklich dolle sogar.
Warum hast du das nie gesagt?
(gepresst) Ich... Weil ich doch stark sein muss für dich.
Ich wollte lustig sein für dich und nicht traurig.
Weil ich dein Papa bin. Weil... Ich muss doch stark sein.
- Ich darf nicht traurig sein. - Papa.
Stattdessen schreie ich dich an und...
- (weinend) Papa. - Ich vermisse sie so doll.
(hoffnungsvolle Streichmusik)
Carl? Carl!
- Hier! - Schascha?
(Carl lacht)
Ich habe dich so vermisst, weißt du das?
- Ich dich auch. - Ich dich noch mehr.
- Du bist ja komisch. - Lass uns ein bisschen gehen.
Dann entweicht das Komische durch die Füße.
- Kannst ja richtig witzig sein. - Na, nur heute.
Wer hat dir gesagt, dass ich entlassen bin?
- Die bescheuerte Alte. - Welche bescheuerte Alte?
- Die Buchhändlerin. - Ach, die bescheuerte Alte.
- Petunia Dursley. - Mhm.
Wir zwei haben noch eine Menge zu erledigen.
- Ich weiß. Hast du einen Plan? - Oh ja.
"Der Wille lockt die Taten nicht herbei."
- Goethe. - Woher weißt du das?
Jedes dritte Mal kommt Goethe.
- Wirklich? - Mhm.
- Bedenklich. - Also: Was machen wir zuerst?
"Scheißwütige mexikanische Banditen".
Könnten wir für einen kleinen Augenblick reinkommen?
Bitte.
Es sind 114 Fehler bei 23 Büchern.
Also, ich finde das viel. Was sagen Sie?
Und es geht ja nicht nur um diese ganzen technischen Fehler.
Buchstabenverdreher oder so was, nein.
Es geht auch um falsche morphologische Assimilationen.
- Und da... Ja? - Frau, äh...
Langstrumpf?
Ähm, könnten Sie sich vorstellen, wieder zu unterrichten?
Oh.
Also...
Gäbe es denn eine Möglichkeit? Ich meine... hier bei mir?
Alles sicher. Nur Mut.
(beschwingte Musik)
(Carl) Ja, wir... wir sind hier, weil wir Ihre Hilfe brauchen.
- Ähm... - (Mann) Vorsicht mal bitte.
In der neuen Wohnung damit aber ganz, ganz vorsichtig sein, ja?
Tja, ich ziehe um.
In eine... hellere Wohnung. Ähm, vorerst komme ich woanders unter.
Provisorisch. Aber was...
Ja, also, ähm... Ich bin Grundschullehrerin.
Ich habe einen Schüler, der weder lesen noch schreiben kann.
Hm. Gut, da weiß ich jetzt nicht, wie ich Ihnen da helfen soll.
Ich habe in einer Gärtnerei gearbeitet.
Oh, Gärtnern finde ich toll.
Ich habe eine Methode, wie der Junge Lesen und Schreiben lernen könnte.
- Aber er respektiert mich nicht. - Ist klar.
Deshalb brauche ich jemanden, vor dem er Respekt hat.
Jemand wie Sie: groß, stark,
mit Muskeln und Fantasie.
Ich habe Herrn Kollhoff davon erzählt, und er kam auf die Idee,
dass ich Sie frage.
(stockend) Ja, also...
Es ist mühsam. Da will ich gar nicht drum herumreden.
Wir müssen jeden Buchstaben einzeln durchgehen.
Das kommt natürlich überraschend, und ich verstehe völlig,
wenn Sie ablehnen, Sie haben sicher auch andere Dinge zu tun.
Ich muss Ihnen was sagen. Das ist eine super Idee.
Ich wäre ein Idiot, wenn ich da nicht dabei wäre.
Toll. Danke.
Sie müssen mir alles beibringen. Buchstabe für Buchstabe.
Bringen Sie es mir bei, als ob ich dieser Junge wäre.
- Dann kann ich dem Jungen helfen. - Natürlich. Genau so funktioniert es.
(Mann, gedämpft) Das ist doch auch egal... Andrea.
Komm.
Es ist Zeit.
(zarte Musik)
(Mann) Stopp. Stopp, stopp, stopp! Ihr Spinner. Andrea, was...
(Andrea lacht und schnieft)
Mein Gott. Wo soll ich wohnen?
(Carl) Lieber Herr von Hohenesch.
Entschuldigen Sie bitte vielmals die Störung, aber...
Die beiden sind total nett. Und wissen nicht, wohin.
Und du hast ganz viele Zimmer. Die müssen jetzt bei dir wohnen.
Wie... Wie sagt man so schön? Kommt doch herein.
(harmonische Musik)
(lustige Musik)
Oh ja.
Was wirst du machen, Buchspazierer? Wo du nicht mehr buchspazierst.
Pinguin-Eis essen.
(lacht) Ich weiß es nicht, vielleicht...
- Vielleicht verreise ich noch mal. - Du und verreisen?
Hm, warum nicht? Ich bin früher viel gereist.
- Reisen möchte ich auch einmal. - Das wirst du auch, mein Kind.
Ganz sicher.
Hm, hast du schon einen Namen für mich gefunden?
So jemanden wie dich gibt es nicht. Nicht in allen Büchern der Welt.
Man müsste ein Buch über uns schreiben. Dann gibt es mich auch.
Vielleicht schreibst du ja mal dieses Buch.
Ja. (nachdrücklich) Ja.
Ich... Ich werde Buchschreiberin.
Ich werde Buchschreiberin! Ich werde Buchschreiberin!
Ich werde Buchschreiberin! Ich werde Buchschreiberin!
Ich werde Buchschreiberin! Ich werde Buchschreiberin!
Ich werde Buchschreiberin!
(verheißungsvolle Musik)
(lachend) Ja! Ja!
(Erzählerin) Erst jetzt lebten alle gemeinsam im Dorf der Lesenden.
Die Bewohner dieses Dorfes lebten zwei, manche hundert,
manche sogar tausend Schritte voneinander entfernt.
Aber das machte keinen Unterschied mehr.
Ich vermisse dich.
Denn Carl und Schascha hatten nicht nur Bücher zu den Menschen gebracht,
sondern auch die Menschen zueinander.
(streng) So. Runter von den Tischen!
Ben, Ennis, Schascha. Hinsetzen!
Und wie aus einem winzigen Samen
ein Baum werden kann, der Früchte trägt...
- (Andrea) Herkules? Kommst du? - Ich komme!
...kann auch aus der Begegnung von zwei Menschen
etwas ganz Besonderes entstehen.
(verträumte Musik)
Es ist die Liebe zu den Büchern, die die Menschen verbindet.
Aber es ist die Freundschaft, die dieser Liebe einen Sinn gibt.
"Weißt du, Buchspazierer, es stört mich nicht,
dass wir nicht mehr buchspazieren.", sagte Schascha,
als sie später in ihre Straße einbogen.
"Wieso das denn nicht?", fragte Carl. "Bist du denn gar nicht traurig?"
"Nein."
"Weil vielleicht einmal ein anderer den Büchern ihren Weg weisen wird?"
"Nein, ich meine was anderes. Weil du mein Freund bist, Buchspazierer.
Deshalb."
Danke.
(Jubel)
(sanfte Klaviermusik)
- Okay, fertig. - Fertig.
Ich habe geschrieben, dass sie sich keine Sorgen machen soll.
Und dass es mir gut geht.
Und dass Papa ganz doll auf mich aufpasst. Und du auch.
Hm. Das habe ich auch geschrieben.
- Was? - Na, dass du auf mich aufpasst.
Okay.
- Und los. - Los.
Untertitel-Werkstatt Münster Untertitel: Vanessa Groß
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