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Zulu
.
*russisches Kampflied*
Berlin im Mai 1945, der Krieg ist aus.
Wir fühlten uns nicht befreit, wir fühlten uns besiegt.
Die Stadt wird in vier Sektoren geteilt.
Flüchtlingsströme ziehen durch die Trümmer.
Leben in der Nachkriegszeit: Not, Hunger, Kälte.
Ich habe nicht überlegt, ob ich zur Schule gehen kann,
sondern ich habe nur überlegt, wir wollen überleben.
# In den Ruinen von Berlin
Sehnsucht nach Amüsement.
Ganz berühmt die Tuntenbälle, die hatten am meisten Power.
Währungsreform 1948.
Neues Geld, neuer Streit.
Berlin teilt sich in Ost und West.
Berlin-Blockade. Die Stadt als Spielball im Kalten Krieg.
Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt.
* Titelmelodie *
Das Brandenburger Tor:
Wahrzeichen der Stadt und Symbol deutscher Geschichte.
1933 marschieren Nationalsozialisten durch dieses Tor.
Und alle Jahre wieder zum Geburtstag des "Führers", Adolf Hitler.
Nun schickt Hitler sein letztes Aufgebot: den Volkssturm.
Alle waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60.
Der Zweite Weltkrieg endet und kehrt dorthin zurück,
wo er begann: in die Heimatstadt von Peter Leonhard Braun.
Er war zehn, als der Krieg anfing
und 14, als er mit seiner Berliner Schulklasse
zum Bau von Panzergräben nach Osten abkommandiert wurde.
Im Januar 1945 steht er im Dienst der Organisation Todt in Posen,
heute Poznan.
Ich musste für die Organisation Todt,
eine paramilitärische Organisation,
der das gesamte Bauwesen der Wehrmacht unterstand,
Briefträgerdienste leisten.
Das heißt, wir waren zwei Kuriere, sogenannte Geheimkuriere,
die mit dem Kopf dafür haften mussten,
dass sie Pläne und wichtige Briefe persönlich überbringen.
Ende Januar braucht es keine Kuriere mehr.
Er soll sich beim Volkssturm melden.
Posen gegen die Rote Armee verteidigen.
Es war eine Schicksalsstunde für mich als 15-Jähriger.
Ich entschloss mich, zu desertieren.
Und ich setzte mich abends in einen Zug nach Berlin.
Zwischen Posen und Berlin sind 270 Kilometer.
Das dauert ungefähr gut drei Stunden.
Wir fuhren ... zwölf.
Und es war klirrend kalt.
Und als ich in Berlin morgens ankam,
war ich steifgefroren.
Und ich konnte nicht bei meiner Mutter an der Tür klopfen.
Ich schlug mit dem Kopf gegen die Tür.
Und meine Mutter machte was ganz Tolles.
Die nahm mich so wie ich war mit ins Bett
und umschloss mich und wärmte mich.
Sie taute mich sozusagen auf.
Als ich desertiert bin,
war mit mir noch ein Kurier aus meiner Sonderkuriertruppe.
Den hat die Mutter zurückgeschickt.
Die hat sich nicht getraut, ihn da zu behalten. Der kam nicht wieder.
Am 1. Februar wird Berlin zur Festung erklärt.
Die Rote Armee steht an der Oder.
Der Volkssturm besetzt in Berlin Bahnhöfe, Brücken und Gebäude.
Noch kommt die Gefahr von oben.
Jeden Tag gab es Angriffe auf Berlin.
Und die Häuser haben gewackelt.
Was wir immer aufbekommen haben, waren riesengroße Kissen.
Das sah sehr komisch aus, daran erinnere ich mich nur deshalb.
Die haben sich die Kissen auf den Kopf gespannt
mit irgendwelchen Strippen und dann haben sie da gesessen und gewartet.
Und manchmal kam irgendwie ein Stück Stein aus der Mauer
und fiel runter und manchen auf den Kopf,
tat ihnen aber nichts, weil sie die Kissen aufhatten.
Der Krieg mit Kinderaugen.
Am 3. Februar sitzt der 8-Jährige
im Keller seines Freidrichshainer Wohnhauses.
Diesmal fällt mehr als Mauersteine.
Das Haus ist bis zur Hälfte bebombt worden, ist eingestürzt.
Meine Mutter war nicht da, die war arbeiten. Es war um die Mittagszeit.
Ich lief die Petersburger Straße und Warschauer Straße runter,
denn ich wusste, Straßenbahnen fahren nicht,
meine Mutter muss von der Oberbaumbrücke hochgelaufen kommen.
Da traf ich sie dann.
Da kommt dieser Ausspruch her: Mutti, wir haben keine Wohnung mehr.
Die nahm mich an die Hand und ging dahin,
wo wir angeblich keine Wohnung mehr hatten.
Aber wir hatten noch eine, zur Hälfte, da waren noch zwei Zimmer.
Der 12-jährige Lutz Rackow und sein älterer Bruder
leben in Friedrichshagen am Müggelsee.
Ihre kindliche Begeisterung für Führer und Krieg,
ihre Verpflichtung ins "Deutsche Jungvolk" und die Hitlerjugend,
haben sie längst verloren; sie fürchten die Rache der Russen.
Wir haben auch erfahren im Kriege,
dass zum Beispiel die Sowjets,
die ja dann auch 1939 zusammen mit der Wehrmacht
gegen Polen vorgegangen war,
dass die die polnischen Offiziere umgebracht haben bei Katyn.
Das war ja eindeutig nachgewiesen.
Und da haben wir schon gesagt, wenn sie mit den Polen so umgehen
und mit ihren eigenen Leuten nicht gerade zimperlich sind,
da haben wir uns keine besonderen Überlebenschancen ausgerechnet.
Die siebenjährige Regina Schwenke erlebt mit ihrer Familie
das nahende Ende des Krieges in Berlin-Neukölln.
Meine Mutter hat jeden Abend mit uns gebetet.
Und zwar gab es ein Gebet:
Bevor des Tages Licht vergeht, hör, Welterschaffer, dies Gebet.
Der du so milde und so gut, nimm gnädig uns in deine Hut.
Gib, dass kein böser Traum uns weckt,
kein nächtlich Wahnbild uns erschreckt.
Die Macht des Bösen dämme ein, dass unser Leib stets bleibe rein.
Und dann kam von meiner Mutter zum Kriegsende immer der Satz:
Beschütze uns vor den Russen.
Und lass uns alle überleben.
Über der Angst vor den Russen steht für die Mutter
die Hoffnung auf ein Ende des Krieges und des jahrelangen Bangens
um das Leben ihrer Tochter Rita: ein so genanntes "Reichsausschusskind",
"unwertes Leben" für den Nationalsozialismus.
Meine Schwester Rita, 1933 geboren,
war mit Sauerstoffmangel in der Geburt geboren
und entsprechend epileptisch,
hatte Anfälle und war, man würde heute sagen, na ja, geisteskrank.
Oder auf jeden Fall, sie war behindert.
Und immer wieder wollte man sie ja in ein Sanatorium stecken.
Und meine Mutter wusste, dass diese Kinder alle nicht lange überlebten
oder zu Versuchszwecken benutzt wurden.
Da sagte meine Mutter immer wieder: Rita, wir haben es bald geschafft.
Wir warteten auf den Tag, wo dieses Ganze vorbei war.
*russische Kampflieder*
Am 16. April beginnt der Kampf um Berlin
mit der Schlacht um die Seelower Höhen.
Fünf Tage später erreicht die Rote Armee die Stadt.
Anita Stapel, Laborantin bei der AEG, gehört zu den 1.000 Mädchen,
die angeblich vom Führer auserwählt wurden, Berlin zu verteidigen.
Nun wird sie an die Front gerufen.
Wir kamen nicht sehr weit, wir kamen bis Grünau,
und wohlgemerkt auch ohne Verpflegung, ohne alles.
Wir waren nur in unseren BDM-Uniformen.
Und dann kamen die Soldaten und sagten: Wo wollt ihr denn hin?
Und noch dazu in Uniform?
Wir sagten: Wir sollen mit verteidigen, Berlin.
Die Soldaten sagten, um Gottes willen, zieht die Uniform aus,
geht nach Hause um Gottes willen.
Dann versuchten wir uns durchzuschlagen.
Von Grünau nach Neukölln.
Eine Nacht lang ist Anita Stapel unterwegs.
Am Morgen des 20. April kommt sie in ihrer Straße an.
Im Keller trifft sie ihre Eltern wieder und Joachim,
ihren Freund und späteren Mann, der im selben Haus wohnt.
Auch er musst seinen Posten vor der herannahenden Roten Armee aufgeben.
Er will zum Olympiastadion, wo sich das letzte Aufgebot sammeln soll.
Wir wollten beide zum Olympiastadion.
Wir waren nicht bereit, dazubleiben.
Aber unsere Mütter sagten, das ist doch Wahnsinn.
Ihr müsst doch einsehen, ihr könnt doch Berlin nicht mehr verteidigen.
Und so sind wir beide dann dageblieben.
Mein Mann hatte auch seine Uniform, wir zogen sie dann aber beide aus,
und haben sie von innen in den Schornstein gesteckt.
Und mein Mann hatte eine ganz neue Maschinenpistole.
Die hatte er mitbekommen zur Verteidigung. Die war ganz nagelneu.
Das ist ein echt großes Ding und das steckten wir da auch rein.
Die Rote Armee rückt unaufhaltsam vor.
Gleichzeitig durchkämmen SS-Patrouillen und Feldjäger
die Straßen nach Deserteuren und Drückebergern.
Am Renaissance-Theater am Baum, wo ich immer raufstieg,
um in der Knesebeckstr. 1 meine Freundin Gretel zu beobachten,
im 3. Stock, da hingen zwei deutsche Landser: "Ich bin ein Deserteur".
Wir waren gewöhnt, im Keller zu leben.
Und die Keller der Knesebeckstr. 4
hatten einen Durchbruch in die Knesebeckstr. 5.
Die Keller der Knesebeckstr.5 hatten einen Durchbruch in die 6 und 7.
Das war deshalb, wenn du einen Volltreffer bekamst,
dass du unten rauskannst.
Das hatte mich zwei Wochen vorher vor der SS gerettet.
Die SS kämmte durch unsere Keller und schnappte sich jeden Jungen,
der noch laufen konnte und 16 und älter war.
Ältere gab es gar nicht.
30 Jungs haben sie eingesammelt. Einer kam zurück.
Die fuhren sie zur Reichskanzlei,
um Panzerfausteinsätze gegen die T 34 zu machen.
Von allen Seiten drängte die Rote Armee in die Stadt.
Am 22. April ziehen sie durch den Berliner Vorort Friedrichshagen.
Fabriken und Geschäfte sind geschlossen.
Es beginnt die Zeit der Plünderungen.
Am Sonntag, als wir aus den Häusern kamen
und merkten, dass wir nicht attackiert werden
von den durchziehenden Russen, streunten wir aus im Ort
und haben auch geplündert.
Die Läden, Tengelmann und Pommersche Meiereien et cetera
und gerieten dann auf das Gelände der sogenannten Fleischfabrik,
Großschlächterei und sahen, dass die Tore der Garagen offen standen.
Die waren bis unter die Decken mit Speckseiten vollgefüllt.
Die Russen hinderten uns nicht daran,
dass wir da zwei Speckseiten geschultert haben.
Das war unsere Ernährungsgrundlage für die nächsten anderthalb Jahre.
Sowjetische Panzerkolonnen stoßen ins Zentrum von Berlin vor.
Am 30. April beginnt der Angriff auf das Regierungsviertel.
Im Führerbunker nehmen sich Adolf Hitler und Eva Braun das Leben.
Während sein Vater noch irgendwo im Krieg steckt,
erlebt Peter Leonhard Braun in der Knesebeckstraße
die schrecklichste Nacht seines Lebens.
Man musste nur sechs Meter über die Straße gehen,
da war der Seifenhändler Stefan,
die hatten ein Baby gekriegt in den letzten Tagen.
Und meine Mutter brachte abgekochtes Wasser,
damit die das verrühren konnten mit Milchpulver oder sonst was.
Und dort wurde sie gestellt von zwei Russen.
Ich war dicht hinter meiner Mutter im Hausflur.
Die Russen machten sich also frei, um meine Mutter zu vergewaltigen.
Aber meine Mutter war Kneipenwirtin,
die hatte schon viele Besoffene gehandhabt.
Sie stieß den Russen vor die Brust und sprang aus der Tür.
Und ich nahm sie und verschwand im Keller.
Im Keller, ich kannte jeden Meter im Keller,
brachte ich sie zur ...
... zum Seitenhaus rechts.
Das war am entferntesten und da gingen wir hoch bis zum Dach.
Und da deponierte ich meine Mutter hinter einem Schornstein
und ging wieder runter und holte meine Schwester.
Und die holte ich auch hoch.
Und es wurde Nacht, natürlich war es kalt.
Und du kannst hören, wie die Russen im Haus die Etagen hochgingen
und die Frauen vergewaltigten.
Du musst dir das klar machen:
Seitenflügel, eine Treppe ist Familie Sender,
Portierfrau mit einer Tochter.
Türen eintreten, du hörst sie schreien.
Seitenflügel rechts Familie Dressler, mit Schwester.
Du hörst Tür eintreten und schreien.
Die kommen immer höher, die Russen, und ich sitze da oben,
als Junge
mit einer 17-jährigen Schwester und mit einer Mutter.
Ich kannte mich ja genau aus.
Ich wusste, wenn sie bis zum Boden kommen,
müssen sie den Boden durchqueren und müssen die Leiter hoch
durch die Dachluke, um aufs Dach zu kommen.
Und ich probierte, alles in mir zusammenzunehmen,
um mich zu entscheiden:
Stoße ich den Russen, der aufs Dach kommt, runter
oder lasse ich geschehen, was dann geschehen wird.
Grauenhaft.
Sie kamen nicht aufs Dach.
Sie kamen bis vier Treppen und dann guckten sie noch auf den Boden.
Im Boden war Totenstille, da war noch nicht mal eine Maus am Leben.
Also gingen sie nicht höher.
Und dann hatten wir den 1. Mai 1945.
Ja, was hast du denn da nun empfunden?
Es ist vorbei.
Es ist vorbei.
Der Krieg ist aus.
Das war's!
Vorbei.
Und ein anderes Leben begann.
Rotarmisten erstürmen den Reichstag.
Die Schlacht um Berlin ist gewonnen.
Am 2. Mai erklärt Stadtkommandant Helmuth Weidling
die bedingungslose Kapitulation der deutschen Truppen in Berlin.
Sechs Tage später vollzieht Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel
im Sowjet-Hauptquartier Karlshorst den letzten Akt des Krieges.
In der Nacht zum 9. Mai
unterzeichnet er die bedingungslose Kapitulation Deutschlands.
Die Angst der Berliner vor den Russen bleibt.
Regina Schwenke sitzt mit ihrer Familie im Keller ihres Hauses.
Meine Mutter saß mit uns wie eine Schutzmantelmadonna,
hatte uns alle Kinder im Arm.
Wir wären ängstlich
und der einzige, der krähte und lachte,
war der kleine Bruder Michael, der ein Jahr alt war.
Dann kamen die Russen runter, gingen durch den Keller,
kamen zurück zu meiner Mutter und sagten ...
ob die sagten "Frau, komm" oder "dawaj", das weiß ich nicht mehr.
Aber meine Mutter sagte zu uns Kindern ganz ruhig:
Bleibt hier sitzen. Mama ist gleich wieder da.
Stand auf und ging mit den Russen mit.
Die anderen Frauen freuten sich, dass es sie nicht erwischt hatte.
Uns Kinder dünkte das eine endlos lange Zeit
und dann kam meine Mutter zurück, hatte einen 10-Liter Wassereimer,
einen weiß lackierten Wassereimer, voll mit Milch.
Oben drauf schwamm ein Brettchen, damit die Milch nicht ausschwappte,
hatte ein Tütchen Grieß und ein Tütchen mit Zucker.
"Was haben die Russen mit Ihnen gemacht?"
Da sagte sie: gar nichts.
Sie haben uns was gegeben, damit wir uns was kochen können.
Dann haben sie da Feuer gemacht, einen großen Waschzuber genommen,
wo früher die Wäsche drin gewaschen wurde,
etwas ausgewaschen, Wasserleitungen waren ja alle kaputt.
Und dann haben sie Milch und das noch vorhandene Wasser, reingekippt,
haben Grießbrei gemacht, der brannte natürlich fürchterlich von unten an.
Und alle aßen am Tag der Kapitulation
Grießbrei von den Russen.
Und ich glaubte viele Jahre danach noch,
Grießbrei muss so angebrannt schmecken.
*Mann singt auf Russisch "Katjuscha"*
Der Krieg ist vorbei. Die Sieger laufen durchs Brandenburger Tor.
Die Suche nach den Schuldigen beginnt.
Sie führt auch nach Friedrichshagen.
Nach einigen Tagen kamen zwei Offiziere auf der Suche nach Nazis.
Und da grasten sie natürlich die am Wasser gelegenen Häuser ab
und sagten: Na, hier müssen die ja zu finden sein.
Sie fragten meine Eltern und taten, als ob sie Deutsch nicht verstehen,
achteten aber genau darauf, was meine Eltern miteinander sprachen.
Und dann merkte ich, als ich dazukam dass hier irgendwas gefährlich ist.
Ich lief dann rein und brachte mein kleines Heftchen mit,
in dem ich meine Notizen über das im Radio London Gehörte
festgehalten habe.
Da stand eben nun Originaltext "Radio London",
auch mit den Floskeln der Zeit,
also auch mit Roter Armee und den Bezeichnungen,
ich habe da nichts verändert, nur wörtlich das niedergeschrieben.
Die blätterten das durch, gingen, und behelligten uns nie wieder.
Berlin ist ohne Trinkwasser, Strom, Gas.
Es fehlt an allem. Die Einwohner hungern.
Nun geht es ums Überleben, im Frieden.
Ich werde immer gefragt: Was man damals für Pläne hatte.
Wir haben gar nichts geplant.
Man lebte von einem Tag zum anderen.
Die wenigen Männer, die alten, die also nicht mehr Soldat waren,
drei oder vier, mein Schwiegervater auch,
mein Mann half auch mit,
aus Trümmersteinen einen Herd zu basteln, auf dem Hof.
Dann haben die Frauen nacheinander von dem wenigen,
was sie noch hatten oder bekamen, darauf alle auf dem Hof gekocht.
Sie mussten sich dann verabreden, es waren nur zwei Feuerstellen.
Dass jede Frau sagte, ich dann, ich dann.
Also die Solidarität bei Kriegsende war eigentlich relativ groß.
Also dass jeder versucht hat, dem anderen irgendwie zu helfen.
Mit dem Frieden kehrt ein alter Schlager zurück.
Ein Lied über Abschied, Trennung, Heimkehr.
Lale Andersen sang ihn zum ersten Mal.
Propagandaminister Goebbels ließ den Song 1942 verbieten.
Doch aus dem Soldatenlied wurde ein Welthit in vielen Sprachen.
# Vor der Kaserne, vor dem großen Tor
# Steht eine Laterne und steht sie noch davor
# Dort wollen wir uns wiedersehen
# Bei der Laterne wollen wir stehen
# Wie einst Lili Marleen
Auf Englisch sang ihn Marlene Dietrich für die US-Soldiers.
Nun singt sie ihn auf Deutsch.
# Aus dem stillen Raume Aus der Erde Grund
# Hebt sich wie im Träume dein verliebter Mund
# Wenn sich die späten Nebel dreh'n
# Wer wird bei der Laterne steh'n
# Mit dir, Lili Marleen
# Mit dir, Lili Marleen
Man kann sich nicht mehr vorstellen, wie das aussah.
Zum Beispiel die Straße, in der ich gewohnt habe,
wenn ich nicht gewusst hätte, dass es die Panierstraße ist,
ich hätte sie nicht wiedererkannt.
Es gab keine Straßen mehr. Es war alles Trümmer.
Rechts die Häuser waren Trümmer, links.
Man ging auf dem, was früher der Damm war, wo die Autos mal fuhren,
da hatte man einen schmalen Weg, auf dem man seine Wege suchte.
wohin man wollte.
Diese neuen Wochenschauaufnahmen
geben ein Bild vom Umfang der Zerstörung Berlins
und zeigen die Anfänge des Wiederaufbaus.
In der Gegend des Brandenburger Tors sieht es noch böse aus.
Hier schlug der Krieg Berlin seine schwersten Wunden.
Aber in anderen Stadtvierteln gehen die Aufräumarbeiten energisch voran.
Groß und Klein, Mensch und Maschine arbeiten daran,
Berlin wieder bewohnbar zu machen.
Noch im Mai erscheinen wieder Zeitungen, neue Zeitungen.
Sie berichten darüber, was viele nicht wissen oder wahrhaben wollten.
Von den Konzentrationslagern, vom Massenmord an den Juden.
Wir hatten ja jüdische Nachbarn, denen wir oft geholfen hatten.
Wir hatten einen jüdischen Zahnarzt, mit den Kindern haben wir gespielt.
Und dann erklärte sich eben auch, wo die geblieben sind.
Und dass wir nie wieder was von denen gehört haben.
Obwohl die gesagt haben, wir schreiben euch, wir halten Kontakt.
Dann wussten wir natürlich, dass die dort vergast wurden.
*russischer Frauenchor*
Seit Mai 1945 bestimmt die Sowjetmacht über die Stadt.
Die Uhren, zwei Stunden vorgestellt,
ticken nun auf Befehl nach Moskauer Zeit.
Ab Juli rücken die West-Alliierten an.
Die Siegermächte teilen die Stadt in vier Sektoren auf.
Die US-Truppen kommen mit "Fraternisierungsverbot".
Die Deutschen sind der Feind,
Verbrüderungen und Freundlichkeiten nicht erlaubt.
Am 17. Juli treffen sich die "Großen Drei", Stalin, Truman und Churchill,
zur Dreimächtekonferenz von Berlin.
Wegen der Zerstörungen tagen sie im Potsdamer Schloss Cecilienhof.
Noch geht die Anti-Hitler-Koalition
von einer gemeinsamen Deutschland- und Berlin-Politik aus.
"Es ist nicht die Absicht der Alliierten, das deutsche Volk
zu vernichten oder zu versklaven", heißt es im Potsdamer Abkommen.
Sie wollen ihm "die Möglichkeit geben,
sein Leben auf einer demokratischen Grundlage neu wiederaufzubauen."
*Judy Garland mit "Somewhere over the Rainbow"*
Zur gleichen Zeit erlebt die Stadt Prozessionen des Elends.
Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten,
die in Berlin Nahrung und Unterkunft suchen.
Über 500.000 sind es allein im Juli.
In diesem Monat kommt auch die sechsjährige Erika Schallert
mit Familie aus dem westpreußischen Bromberg nach Berlin.
Normalerweise durfte man als Flüchtling nicht bleiben in Berlin.
Einen Tag kriegte man Nahrung und Unterkunft und musste weiterziehen.
Die Stadt war überfüllt und die vielen Ausgebombten,
die hatten ja selber keine Unterkünfte.
Nur, weil eine Tante von mir in Berlin lebte, durften wir bleiben.
Die Familie kommt im Prenzlauer Berg unter.
Also erstmal besaßen wir gar nichts,
weil wir geflüchtet sind und wir hatten praktisch nur das,
was wir anhatten und einen Koffer.
Daraus hatten uns die Russen noch das Letzte weggenommen,
was wir mitgenommen hatten, auch das Fahrrad,
das mein Vater zusammengebastelt hatte.
Meine Mutter, die ging '45 hier in Trümmer, rund um unser Wohnhaus
und suchte nach Dingen, die man noch verwerten konnte.
Da fand sie wohl zwei Puppen, die zerbrochen waren,
und hat sie die zu Hause für meine Schwester und mich
soweit wie es ging mit Stoffarmen und Stoffbeinen wieder hergerichtet.
Das war so das Erste nach '45, wo ich sagen konnte, das ist meins.
Und unter anderem fand sie einen ledernen Schulranzen.
Oh, ich war die einzige in der Klasse, die so was hatte.
Einen Lederschulranzen.
Im Oktober öffnen die Schulen wieder.
Erika Schallert geht in die erste Klasse.
In Osten war man ja sehr streng.
Angeblich, ob es stimmt, weiß ich nicht,
dass man keine ehemaligen Nazilehrer übernehmen wollte.
Das hatte zur Folge, dass es einen riesigen Lehrermangel gab,
dass man pensionierte Lehrer wieder zurückholte in den Schuldienst,
oder Lehrer im Schnellverfahren ausbildete.
Die machten sechs Monate ein Pseudostudium,
ähnlich wie die Quereinsteiger heute.
Die waren dann auf einmal Lehrer. So was gab es auch.
Wenn ich mich zurückerinnere,
der Schulrektor war vielleicht ... na, der wird 50 gewesen sein.
Meine erste Klassenlehrerin, die war sehr alt.
Ich denke, die kam aus der Pension zurück und hatte dann auch,
wir waren in der ersten Klasse 102 Schülerinnen.
102! Und die hat sie natürlich im Schichtunterricht bedient.
Es gab zu wenig Lehrer.
Fast noch wichtiger als der Unterricht ist die Mittagspause.
Schulspeisung, für viele Kinder die einzige richtige Mahlzeit am Tag.
Die Schulspeisung war das wichtigste Ereignis des Tages,
die wurde gelegentlich von amerikanischen Küchen geliefert,
dann war es eine Kekssuppe, das war der Höhepunkt.
Und wenn die Russen geliefert haben, dann war es Trockenkohl.
Aber leben konnte man auch davon.
Wir bekamen die Quäkerspeisung.
Das war also Kakao oder eine Kakaosuppe ...
Und, alle zwei, drei Wochen bekam man eine ganze Tafel Schokolade.
Die musste man noch in der Schule
aufmachen, anbeißen, damit man die nicht verkauft.
Regina Schwenkes Vater kehrte bereits im August '45
aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurück.
Der Automechaniker spricht Russisch. Die Sowjets brauchen ihn in Berlin.
Die Russen haben ihn entlassen mit der Maßgabe:
Du meldest dich sofort bei unserem Hauptquartier in Karlshorst.
Und er hat dann dort bei den Russen angefangen
und hat deren Fahrzeuge repariert.
Und die holten den morgens und brachten ihn abends zurück,
natürlich immer noch mit einem Tütchen Essen dabei.
Eine neue Gefahr bedroht die Berliner:
Durch verschmutztes Wasser und mangelnde Hygiene
kommt es zu Infektionskrankheiten, die zuvor schon besiegt waren.
Im Herbst '45 breitet sich die Ruhr rasant aus.
Auch Reginas Schwester Rita erkrankt.
Mein Vater brachte einen russischen Arzt aus Karlshorst mit.
Der kam tagelang und brachte ihr Medikamente und sagte dann aber:
Das wird die letzte Nacht sein, sie kann es nicht mehr schaffen.
Rita war dann zwölf Jahre und 9 Monate.
Und wir Geschwister waren dann die ganze Nacht bei ihr am Bett.
Wir haben ihr alles vorgesungen.
Sie liebte "Ein Hund kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei".
Ich weiß nicht, wie viel hundert Mal wir das in der Nacht gesungen haben.
Und sie liebte "Lili Marlen".
Und sie hatte '44 eine kleine Box bekommen mit der Spieluhr.
Wenn sie die Melodie hörte, wurde sie ganz ruhig,
selbst bei Anfällen.
Diese Lieder und die ganzen Kirchenlieder,
dann haben wir mit ihr gesungen, gebetet und alles
und am Morgen verstarb sie dann.
Und dann brachten die Russen auf einem großen Jeep,
es gibt scheinbar unterschiedliche Größen,
einen schneeweißen Mädchensarg.
Und schleppten den auch in die dritte Etage.
Rita wurde dann eingesargt und dann zur Christophoruskirche gebracht
und am nächsten Morgen war das Requiem,
da waren die Russen wieder da mit dem Jeep und fuhren dann den Sarg
auf den Alt-Michael-Friedhof Hermannstraße—Leinestraße.
Und wir Geschwister durften auf dem Jeep mit Platz nehmen,
er fuhr und sang so traurige Lieder und zeigte immer zum Himmel
und sagte immer: Rita, Rita. Da, da.
*Spieluhrmusik: Instrumental "Lili Marlen"*
Die Gedächtniskirche thront über der Prachtmeile des Westens,
dem Kurfürstendamm.
# Where troubles melts like lemon drops
# Away above the chimney top
Nach dem Krieg ist die Gedächtniskirche eine Ruine
und der Boulevard kein Boulevard mehr.
Statt Kuchen im Kranzler Kriegsschrott als Spielzeug.
# Somewhere over the rainbow
# Blue birds fly
Kriegsspiele durfte ich nicht machen.
Hat meine Mutter mir verboten. Eisenbahn durfte ich spielen.
Unsere Spielplätze waren die Höfe, die zerbombten Höfe.
Dann machten wir den Schutt beiseite und malten Schienen mit Kreide.
Kreide gab es überall.
Außerdem war eine große Lagerstätte für Schneiderkreide,
der jetzige U-Bahnhof Frankfurter Tor.
Und mit dieser Kreide, die wir geklaut haben,
haben wir uns Schienen aufgemalt
und sind mit unseren Zügen dann da lang gefahren.
Flucht und Vertreibung haben tausende Kinder
von ihren Eltern getrennt.
Das Rote Kreuz hilft bei der Suche, auch über Rundfunk und Wochenschau.
Joachim Gilz, vor einem Jahr in der Berliner Brunnenstraße
in einem Pappkarton gefunden.
Horst Dieter Schulz wurde auf dem Transport von Königsberg gefunden.
Klaus Dieter, zwei Jahre alt.
Man weiß nicht, ob seine Eltern noch leben.
Im November kehrt die 15-jährige Margrit Korge,
die von den Nazis als "Halbjüdin" verfolgt wurde, nach Berlin zurück.
Ich habe es bedauert, zurückgekommen zu sein.
Ich habe es darum bedauert: Ich kam im November.
Es waren keine Bäume, es waren keine Blätter an den Bäumen.
Ich fragte mich: Was hast du gemacht? Warum hast du es gemacht?
Warum bist du zurückgekommen?
Hinter Margit Korge liegt eine Kriegs-Odyssee.
Ihre jüdische Mutter, vom Vater geschieden, floh 1939 in die USA.
Ihre Tochter ließ sie im katholischen Schülerinnenheim
"Maria Regina" in Charlottenburg zurück.
Den Aufenthalt finanzierten die jüdischen Großeltern,
bis sie 1941 deportiert wurden.
Die Nonnen versteckten das Mädchen vor den Nazis.
Doch immer wieder drohte ihre Entdeckung.
Auch als dann die Großeltern väterlicherseits
Margrit zu sich nahmen.
Schließlich kam sie bei einer Bauernfamilie im Vogtland unter,
wo sie hinter großen Schrankwänden versteckt bis zum Kriegsende blieb.
Ihr Vater kam in der Dresdner Bombennacht ums Leben,
ihre Mutter blieb in Amerika.
Meine Mutter hatte inzwischen einen Amerikaner vom Militär,
ich glaube einen Flugkapitän, geheiratet
und der war abgeschossen worden über Europa.
Sie hat damals gesagt, sie lehnt alle Deutschen ab
und unter anderem auch mich.
Ich hatte mir eingebildet, die wäre eine emotionale Frau,
die sich Gedanken gemacht hat, was nun aus mir geworden ist
oder was mit mir sei.
Ich glaube, das hat sie nicht.
Die einzige Verwandte in Berlin ist ihre Großmutter väterlicherseits.
Sie wohnt im Prenzlauer Berg.
Dann bin ich in das Haus gekommen.
Es war zerstört, wo meine Großmutter wohnte,
und die hat mich empfangen:
Was willst du hier? Wir haben nichts zu essen.
Und ich hatte einen Stahlhelm voller Schmalz mit.
Den hatte ich irgendwo bekommen.
Den Stahlhelm habe ich gefunden
und irgendein Bauer gab mir das Schmalz mitgegeben nach Berlin.
Und das habe ich der Oma gezeigt.
Und die sagte: Ja, da müssen wir mal sehen, wie wir das jetzt hinkriegen.
Und ich war zwar 15 Jahre erst alt.
Aber ich dachte in dem Moment, ich muss der Großmutter helfen.
Die war ein armes huscheliges Weibchen, wohnte in Trümmern,
hatte überall Schüsseln aufgestellt, damit der Regen da reinfließt,
weil der Regen durch die Decke kam, es war kein Hausdach.
Es war nichts da drüber.
Drüber war eine Wohnung, die zerstört war, und das war die Oma.
Die Not bleibt ein ständiger Begleiter.
Zum Hunger kommt nun die Kälte, der erste Nachkriegswinter.
Die Großmutter ist in Trümmern rumgelaufen und hat Holz gesammelt,
damit wir den einen einzigen Ofen, den wir hatten, heizen konnten.
Ich habe nicht überlegt, was nun zu machen ist,
ob ich irgendwie zur Schule gehen kann oder so,
sondern ich habe nur überlegt, wir wollen überleben.
Ich ging auf den Schwarzmarkt und habe das, was noch zu verkaufen war,
was die Großmutter noch hatte,
verkaufte ich, beziehungsweise ich versuchte, Lebensmittel zu kriegen.
# Day by day
Wie Margrit Korge geht es vielen Berlinern,
die die seit September 1945 offiziellen Tauschmärkte bevölkern.
Im Januar 1946 muss der Magistrat feststellen,
dass sich die Märkte zu einer Schattenwelt entwickelt haben,
in der kleine Gauner und große Schieber ihr Heil finden.
Die Zeit der Razzien beginnt.
Plötzlich die Polizei. Will die auch tauschen?
Haben Sie ne Ahnung, Razzia! Razzia, sage ich Ihnen.
Leider wird ein Teil der Tauschmärkte
von gewissenlosen Elementen für Schwarzhandel missbraucht.
Na denn wollen wir also mal. Immer mit der Ruhe, Sportsfreunde.
Nicht drängeln, jeder kommt ran.
Nun sehen Sie mal den, der schwindelt ja das Blaue vom Himmel,
um uns weiß zu machen, dass er nicht schwarz gehandelt hat.
Rücken Sie mal raus mit der guten Lucky Strike.
Was die Mutter von Lutz Rackow bietet,
lässt sich nicht auf dem Schwarzmarkt verhökern.
Sie macht ein Tauschgeschäft mit dem Inhaber einer Brotfabrik.
Meine Mutter hatte vom Familienerbe ein Häuschen in Rahnsdorf.
Sie hat in den ersten Hungerjahren bei einem Bäcker in Friedrichshagen,
der eine sehr fragwürdige Rolle spielte als Bäcker und Handelsmann,
eine Hypothek aufs Haus aufgenommen, und zwar über 10.000 Mark.
Das war eine Menge Geld.
Damals verdiente ein Straßenbahnfahrer 350 Mark.
Er ließ sich die in hundert Broten auszahlen.
Und das waren sozusagen 100 Mark pro Brot.
Aber meine Mutter hat uns damit das Leben gerettet.
Und das war entscheidend.
Das Palast-Varieté, der spätere Friedrichstadtpalast,
ist seit August 1945 wieder die erste Unterhaltungs-Adresse.
Auch in den Wintermonaten.
Wegen der zerstörten Bühne treten die Artisten
vor dem eisernen Vorhang auf.
Vormittags dient das Haus als Wärmehalle,
für die Abendvorstellungen kann auch mit Briketts bezahlt werden.
Die legendäre Girlreihe soll wieder entstehen.
Dafür werden Talente gesucht.
Eine kleine Talentprobe bei grimmiger Kälte.
Es geht's schlangenhaft orientalisch zu.
Jetzt ganz modern.
Komm auf die Schaukel, Luise!
# Komm auf die Schaukel, Luise
# Es ist ein schönes Plaisier
# Du fühlst dich im Paradiese
# Zahlst nur nen Groschen dafür
Im Kreuzberger Hebbel-Theater meldet sich UFA-Star Hans Albers
auf die Bühne zurück als "Liliom"
in dem gleichnamigen Stück von Ferenc Molnár.
# Luise, wie gut ich dir bin, holla
Ein bisschen Heiterkeit in der Trümmer-Tristesse.
Dafür sorgt auch der Berliner Rundfunk mit der "Sorgenpause".
# Bella, Bella, Bella Marie
# Bleib mir treu, ich komm zurück morgen früh
Und Rudi Schuricke singt im Studio von Capri und Marie.
Doch der einzige Sender der Stadt
untersteht sowjetischer Besatzungsmacht.
Die Amerikaner gründen als Gegenstimme den RIAS.
Weil es noch keine Sendeanlagen gibt, laufen ab Februar 1946
die ersten Sendungen zunächst über das Telefonnetz,
als "Drahtfunk im Amerikanischen Sektor".
Hier ist Rias auf Draht.
Sie hören uns auf Langwelle 269 Kilohertz
gleich 1115 Meter im Drahtfunknetz der Westsektoren.
In der Sowjetischen Besatzungszone wird eine neue Partei gegründet.
Im Ost-Berliner Admiralspalast
vereinen sich Kommunisten und Sozialdemokraten am 21. April 1946
zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, SED.
Der Sozialdemokrat Otto Grotewohl und der Kommunist Wilhelm Pieck
reichen sich die Hände.
Eine Vereinigung auf Druck der sowjetischen Besatzungsmacht.
Die West-Berliner Sozialdemokraten
existieren weiter im Schutz ihrer Alliierten.
Regisseur Kurt Maetzig dokumentiert die Vereinigung.
Und krönt seinen Film mit einer inszenierten Schlusssequenz.
Am Helsingforser Platz an der Warschauer Brücke
vereinen sich zwei Marschblöcke zu einem symbolischen Einheitsstrom.
# Hell aus dem dunklen Vergangen leuchtet die Zukunft hervor
Über 5.000 Sozialdemokraten im Sowjetsektor
treten der neuen Partei nicht bei.
Der alliierte Status sichert ihnen das Recht
auf eigene Kreisorganisationen zu.
So existiert die SPD auch weiterhin in Ost-Berlin. Bis zum Mauerbau.
Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir mal erzählte,
dass es einige Leute gab, die sie überzeugen wollten,
dass sie Mitglied dieser neuen Partei wird.
Aber die hatten kein Glück. Sie hatte was gegen Kommunisten.
Der Tiergarten "die grüne Lunge" der Berliner.
Nach dem Krieg ist der Landschaftsgarten abgeholzt,
eine baumlose Brache.
Im Frühjahr 1946
wird er zur landwirtschaftlichen Nutzung freigegeben
und verwandelt sich in eine riesige "Kleingartenkolonie".
Auf über 2.500 Parzellen werden Kartoffeln und Gemüse angebaut.
Die Kriegstrümmer sind der Rohstoff für den Wiederaufbau.
Im Juli 1946 erlässt der Alliierte Kontrollrat
ein Gesetz über den Einsatz von Frauen bei der Trümmerbeseitigung.
In Berlin gibt es 60.000 "Hilfsarbeiterinnen im Baugewerbe".
Die Trümmerfrauen.
# Calypso sing and make up rhyme
# Guarantee you one real good fine time
Wer keine Arbeit hatte, wurde zwangsverpflichtet.
Und da konnte sich auch keiner ausschließen.
Da hätten die anderen schon gesagt,
bei uns ist noch eine Frau oder zwei,
die sind hier auch, müssen hier mit arbeiten.
Als Schwerstarbeiterinnen erhalten sie die doppelte Ration Fett
im Vergleich zu Hausfrauen, 400 g pro Monat.
# Native girls all dance and smile
# Help soldier celebrate his leave
# Make every day like New Year's Eve
Außerdem stehen ihnen pro Tag 100 g Fleisch und 500 g Brot zu,
mit dem sie oft genug auch ihre Kinder ernähren müssen.
# Both mother and daughter Working for the Yankee dollar
Meine Tanten waren auch dabei.
Meine Mutter war ausgespart durch die vielen Kinder.
Aber wenn sie konnte, half sie auch mit.
Für uns war das ...
Überall durch die Straßen fuhren diese Loren-Bahnen.
Und wenn die Arbeiter abends weg waren, benutzten wir die Loren.
Viele Unglücke sind passiert.
Kaum ein Berliner Unternehmen ist noch betriebsfähig.
Allein in den Westsektoren hatten sowjetische Spezialkommandos
direkt nach Kriegsende 85 % der Anlagen demontiert.
Auch bei der AEG, wo Anita Stapel als Laborantin arbeitete.
Jetzt geht sie stempeln.
Wir mussten jede Woche einmal zum Arbeitsamt, diesen Stempel holen,
da stand man aber auch eine ganze Weile an, bis man den hatte,
um eventuell vermittelt zu werden.
Und irgendwann nach Monaten bekam ich eine Stelle als Verkäuferin.
Aber wohl vermerkt: "Trauen Sie sich das zu?" Ich traue mir alles zu.
Das war ein kleiner Laden, der hatte aufgemacht, nannte sich Parfürmerie.
Das Geschäft war in Treptow und der hat mich nach Tempelhof geschickt,
den ganzen Weg zu Fuß.
Da waren so Glasflaschen, die hatten so eine Form wie ein Osterei fast.
Ich weiß nicht, wo die herkamen, da war Haarschampoo drin.
Und die musste ich dann tragen.
Also es war schon schwer, ja.
Das Ganze ja auch mit leerem Magen immer.
Und plötzlich war neben mir ein riesengroßer,
ich war ja immer klein, ein riesengroßer Schwarzer
und nahm mir die Tasche aus der Hand.
Ich dachte, der will die wegnehmen.
Dann hat er mir aber bedeutet, er will die nur tragen,
sie sei zu schwer.
Und dann trug er sie mir bis zum U-Bahnhof.
Und mir war das so peinlich, weil ich dachte, jetzt denken alle Leute,
das ist dein Freund.
Also mir war das nur peinlich, ja.
# There'll be a hot time in the town of Berlin
# When the Yanks go marching in
Andere Frauen haben keine Probleme mit den Besatzern aus Amerika,
den Besitzern von Lucky Strike und Schokolade.
Und auch nicht die GI's mit den blonden Fräuleins.
Das Fraternisierungsverbot ist aufgehoben,
dass ihnen anfangs auch das Händeschütteln untersagte.
# When they take old Berlin
# We're going to start a row, show 'em how
In Berlin wird wieder gedreht.
Mitten in den Ruinen entsteht der erste Spielfilm
der gerade gegründeten DEFA: "Die Mörder sind unter uns".
Aus welchem Krieg kommen und in welchen Frieden gehen die Deutschen?
Regie: Wolfgang Staudte.
# Well you can never keep them happy down on the farm
# After they take Berlin
Heimkehrer in Ruinen.
Der eine Arzt, traumatisiert vom Krieg, am Boden zerstört.
Der andere ein aalglatter Geschäftsmann,
ein skrupelloser Nachkriegsgewinnler.
Ob man aus Kochtöpfen Stahlhelme macht,
oder aus Stahlhelmen Kochtöpfe, ist egal.
Nur Zurechtkommen muss man.
Staudte schafft expressionistische Schwarz-Weiß-Bilder.
Stadtlandschaft als Ausdruck der Seelenlandschaft.
Das zertrümmerte Berlin und seine zerstörten Menschen.
Die Ruinen-Realität
wird zur idealen Kulisse für ein Drama über verschwiegene Schuld.
Was sehen Sie mich denn so an? Habe ich Ihnen was getan?
Es ist ein eigenartiges Gefühl, eine Waffe in der Hand zu halten.
Die Mörder sind unter uns.
Die Wiederbegegnung der Männer,
inszeniert wie ein real-surrealer Thriller.
Der lange Schatten der Vergangenheit.
Staudte verdichtet existentielle Fragen und nackte Angst.
Ich fordere Rechenschaft, Herr Hauptmann Brückner.
Wofür Rechenschaft?
36 Männer,
54 Frauen,
31 Kinder.
Munitionsverbrauch 347 Schuss.
Ja was denn, um Gottes willen? Es war Krieg.
Das waren doch ganz andere Verhältnisse.
Was habe ich denn heute damit zu tun? Jetzt ist doch Frieden.
Wir haben doch Friedensweihnachten.
Das war eine Enthüllung.
Du wurdest gepackt und es wurde dir etwas gezeigt.
Es ging nicht darum, mir zu erklären, was da los war,
aber es haben ja große Teile der deutschen Bevölkerung
es einfach nicht wahrhaben wollen.
Es war ein großer, aufrüttelnder Film.
Kurz nach der Premiere des Films im Admiralspalast
dürfen die Berliner am 20. Oktober 1946
erstmals seit 1933 ihre Volksvertreter wählen.
Auf Beschluss und unter Kontrolle der vier Besatzungsmächte.
Das war unsere erste Wahl.
Und wir waren ja gerade so über 18.
Da sagte ich noch zu meinem Mann, wen wählt man denn überhaupt?
Wir haben ja noch nie gewählt, ich zerbrach mir noch nie den Kopf,
welche Partei man jetzt wählt.
Vier Parteien treten an zur Gesamtberliner Wahl:
die SPD; die CDU,
die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands, LDP.
Und die SED, die auf den Wahlsieg hofft.
Wir kannten so was ja gar nicht.
Hitler war halt eine Diktatur
und Demokratie, das Wort, kam gar nicht vor in unserem Wortschatz.
In meinem schon gar nicht, ich wurde mit dem Nationalsozialismus groß.
92 % der Berliner wählen.
Es ist eine Kampfabstimmung über die ideologische Zukunft ihrer Stadt.
Die SED erlebt ein Debakel.
Mit knapp 20 % landet sie auf Platz drei.
Eine Absage an die sowjetische Besatzungsmacht
und ihre im Volksmund geschimpfte "Russenpartei".
Fast die Hälfte der Berliner entscheiden sich für die SPD.
Alle vier Parteien zusammen bilden die Regierung,
den Magistrat von Groß-Berlin.
Anfang Dezember wird der Sozialdemokrat Otto Ostrowski
zum ersten frei gewählten Nachkriegs-Oberbürgermeister.
Er steht vor einer der größten Herausforderungen
der Nachkriegszeit: Winter 1946/47.
Berlin friert.
Es war ganz schlimm,
denn wir hatten vor allen Dingen keine Schuhe.
Wir wechselten ja immer wieder.
Von dem Ältesten wurden die Sachen immer wieder vererbt.
Aber irgendwann war auch Schluss.
Und dann besorgte mein Vater uns Bauarbeiterschuhe.
Richtig unten mit Holzsohle und obendrüber mit Leinen.
Und die rutschten natürlich im Winter auf Eis und Schnee, ne?
Dann hat Opa uns Leder darunter gemacht
und Mutter hat uns dann Lappen als Socken da rein gebaut.
Im Januar 1947 setzt eine extreme Frostperiode ein.
Die Kinder haben max. zwei Stunden Unterricht, schichtweise,
in den wenigen beheizbaren Schulen.
Über 1.000 Menschen erfrieren und verhungern.
Ein Notkomitee des Magistrats stellt Not-Heime
und warme Mahlzeiten für Bedürftige zur Verfügung,
ordnet an, dass Gaststätten zu Wärmhallen werden.
Frühjahr 1947: statt frierender Kinder gefrorenes Eis.
# Bei mir bist du schön
# Bei mir hast du Charme
# 'Bei mir bist du schön' means that you're grand
Der 17-jährige Peter Leonhard Braun zieht mit seiner Familie
in die Charlottenburger Kurfürstenstraße.
Hier richtete der Vater eine Werkstatt für Theater und Film ein.
Und zugleich einen Festsaal. Berlin soll wieder tanzen.
# Even say wunderbar
# Each language only helps me tell you how grand you are
# Again I'll explain
# Bei mir bist du schön
# So kiss me and say that you will understand
Wir waren fast die ersten in Berlin, die nun anfingen, Bälle zu geben.
Ja, wer machte denn Bälle?
Die Innungen, Schneider, Friseure und sonst was, aber zögerlich.
Und vor allen Dingen, ganz berühmt: die Tuntenbälle.
Die hatten am meisten Power drauf.
# Bella, bella, even say wunderbar
# Each language only helps me tell you, how grand you are
Trotzdem,
es blieb immer verhangen
oder besoffen.
Wenn du genug drin hattest, dann konntest du auch mal loslegen.
Aber das Leben, das dich umgab, war ja nach wie vor niederdrückend,
war ja nach wie vor arm.
Regina Schwenke wünscht sich ein schönes Kleid für ihre Kommunion.
Doch dafür fehlen Stoff und Geld.
Einige Tage vor Ostern hat Tante Hertha,
die bei der Caritas arbeitet, eine Überraschung für sie:
eine Spende vom Vatikan.
Ein Crepe-Georgette Kleid, ein Mantel darüber, Strümpfe,
und es gab traumhafte Lackschuhe.
Nur, die Lackschuhe waren zu groß.
Opa versuchte, hinten Riester reinzumachen, vorn Watte,
und überall, an jedem einzelnen Kleidungsstück
hing eine kleine Visitenkarte mit goldener Nadel
mit dem Segen des heiligen Vaters und dessen Wappen.
Ein Porträt im Kleid gibt es nicht, nur ein Foto von der Kommunion.
Die neuen Lackschuhe will sie nicht nur in der Kirche tragen.
Sie nimmt sie mit ins Strandbad.
Ich habe die Schuhe mitgenommen, nicht angezogen,
aber auf die Decke gestellt. Ich ging nicht schwimmen.
Ich guckte sie immer nur an und dachte:
Ihr müsst doch alle sehen, wie toll. Funkelnagelneue Schuhe.
Und dann war man aber so schamhaft, als man nach Hause ging,
man ging in diese Klohäuschen, diese Lochdinger da.
Ich breitete meine Sachen aus, wollte mich dann anziehen
und kam irgendwo an den Schnürsenkel ran.
Und ein Schuh versank in dem Trichter.
Ich habe gebrüllt, dann kam der Bademeister,
und dann sagt er: komm her, Kopf rüber!
Er hielt mich an den Füßen und ich sollte da unten,
aber irgendwo war da von den anderen Klos Bewegung und auf jeden Fall,
der Schuh saugte sich voll
und versank.
Und ich konnte es einfach nicht fassen,
dass ein Schuh, ausgestattet mit dem Segen des Heiligen Vaters,
Pius XII., in der Scheiße versank.
SPD-Oberbürgermeister Otto Ostrowski sieht in der Nachkriegsnot
die Notwendigkeit für "gemeinsames Handeln".
Aber darf man mit der SED und den Sowjets kooperieren?
Seine eigenen Genossen sehen darin Verrat und wollen ihn stürzen.
Nach nur 133 Tagen tritt er zurück.
Im Juni '47 wählt die Stadtverordnetenversammlung
Ernst Reuter zum Oberbürgermeister.
Doch der einstige Anhänger der russischen Revolution
ist nun leidenschaftlicher Anti- kommunist und den Sowjets suspekt.
Sie verweigern ihm das Amt.
So erlebt Berlin eine Premiere:
Eine Frau als "amtierende Oberbürgermeisterin":
Louise Schröder.
Die SPD-Politikerin saß bereits in der Weimarer Republik im Reichstag.
In der Nachkriegszeit kümmerte sich die Sozialpolitikerin
v.a. darum, die Hungersnöte der Berliner zu lindern.
Nun steht sie an der Spitze der Stadt.
In einer schwierigen Zeit.
Es gibt einen Magistraten für ganz Berlin,
der aber der Befehlsgewalt der zerstrittenen Alliierten untersteht.
Der Machtkampf der Weltanschauungen und Systeme spaltet die Stadt.
Der 15-jährige Lutz Rackow geht im Ostteil der Stadtteil zur Schule.
Noch vor drei Jahren in Hitlers Jungvolk zwangsverpflichtet,
erlebt er im Unterrichtsfach "Gegenwartskunde"
eine neue Ideologie.
In der Klasse hatte ich mir dann den Ruf erworben,
dass ich sage, es darf nicht sein, dass man sich wieder kritiklos
und widerstandslos einer aufgezwungenen Ideologie unterwirft.
Man sollte überzeugt werden.
Und diese Überzeugungsarbeit fand nicht statt.
Sondern es war im Grunde genommen eine reine Unterwerfungslehre.
Und dagegen habe ich mich gewehrt.
Der Direktor wirft ihn von der Schule.
Den "blauen Brief" an die Eltern fängt Lutz Rackow ab
und sucht eine neue "Penne".
Köpenick, da war dann inzwischen ein Lehrer Direktor geworden,
der mich hier aus Friedrichshagen schon kannte,
und der wollte mich nicht.
Nach dem Motto, ich werde mir diesen schwierigen Bengel
nicht auf den Hals holen.
Dann bin ich weitergezogen nach Oberschöneweide.
Die Schule wurde gerade erst aufgebaut.
Und die nahmen jeden, der kam.
Und da bin ich dann ohne Kaderakte eingerückt
und hatte dann nach kurzer Zeit den gleichen Ruf wie in Friedrichshagen.
Und immer vor dem Hintergrund eines mangelhaften Kenntnisstandes.
Denn da musste ich aufpassen.
Man kann ja selbstbewusst auftreten, wenn man eine Stärke hat.
Und die fehlte mir auf manchen Strecken.
Und in Russisch fehlte sie mir total.
Und so freundete ich mich mit unserer besten Russischschülerin an
und überwand auf diese Weise dann diese Schwierigkeiten.
# In den Ruinen von Berlin
# Fangen die Blumen wieder an zu blühen
Ein Schlager 1948
Marlene Dietrich singt ihn in Deutsch
und in den drei Sprachen der Berliner Besatzer.
# Dans le ruines de Berlin
# Les avant-fleurs parfumées tant jamais
*sing es auf Russisch*
# Amidst the ruins of Berlin
In die Ruinen von Berlin kommt Hans Hielscher 1948.
Mit seiner Familie musste er kurz vor Kriegsende aus Breslau
vor der herannahenden Roten Armee flüchten.
Wir kamen nach Thüringen.
Dort verbrachten wir einige Zeit,
erlebten zunächst den Einmarsch der Amerikaner
und waren dann ganz entsetzt, als ein paar Wochen später
doch die Russen kamen.
Aber dann waren wir halt in der sowjetischen Besatzungszone
und von da kamen wir über Umwege, durch den Beruf meines Vaters,
nach Berlin.
Mein Vater war Bergmann, Steiger, verstand was von Steinkohle,
und der wurde auf Umwegen
engagiert von der Deutschen Wirtschaftskommission.
Das war der Vorgänger der DDR-Regierung.
Die Familie zieht in den Ost-Berliner Bezirk Weißensee,
der vom Krieg weitgehend verschont blieb.
Die Nachbarn sind sowjetische Offiziersfamilien oder Zugezogene,
die in wichtigen Funktionen arbeiten.
Alteingesessene sprechen deshalb bald vom "Bonzenviertel".
Der 12-jährige Hans freundet sich mit Thomas Langhoff an,
der 500 Meter entfernt in einer Villa wohnt.
Hier lernt er auch dessen Vater kennen, Wolfgang Langhoff,
Schauspieler, Regisseur, Intendant des Deutschen Theaters.
Ich verehrte den Wolfgang Langhoff, den Vater,
als einen Antifaschisten, der gegen die Nazis gekämpft hatte,
als junger Mann, als junger Schauspieler,
der einer der ersten war, der in einem KZ war, Bergamo 1933/34,
der in der Schweiz dann in der Emigration war,
also ganz bescheiden ein schwieriges Leben hatte
und praktisch für seine Überzeugung sich eingesetzt hatte
und dabei ein hochgebildeter, ein musischer Mensch war.
Die Bilder, die da an der Wand hingen,
die Bücher, die da lagen, das hat mich schon fasziniert.
Und ich bin da natürlich gerne hingegangen.
Und ich habe natürlich profitiert davon,
dass ich den Thomas als Freund hatte.
Er hat mich dann auch mit zu Proben genommen
oder Theaterkarten hat er mir besorgt.
Es nicht nur das Theaterinteresse dass die Jungen verbindet,
sondern die Leidenschaft für eine neue Musik: Jazz.
Zum Schulfasching malen sie ihre Gesichter schwarz,
so sehr verehren sie ihre musikalischen Vorbilder.
Uns interessierte diese Musik,
die von den Erwachsenen als Neger-Gedudel oder so abgetan wurde
und darüber hinaus auch von den Behörden eben als dekadent
und amerikanisch-imperialistisch denunziert wurde.
Denn der Jazz war ja im Kalten Krieg auch ein Mittel,
um eben Jugendliche im Osten zu begeistern.
Und wir fanden das natürlich gerade gut.
Die coolen Ami-Orchester spielen im Westteil der Stadt.
Hans Hielscher will sie live erleben.
Ein Ticket kann er sich nicht leisten.
Da waren immer Gruppen von Jungs,
die nicht das Geld hatten und die irgendwo versuchten reinzukommen
einzubrechen.
Und tatsächlich, irgendwie wurde eine Tür eingetreten
und wir kamen rein
und ich rannte rein, setzte mich hin.
Ich erinnere mich auch daran, da kam dann ein Polizist,
der das gesehen hatte und sagte:
Komm mal raus, und wo ich herkäme und so.
Ja, ich komme aus Ost-Berlin.
Dann hat er ein gewisses Mitgefühl gehabt, aber mich drin zu lassen,
das hat er nicht, also ich musste gehen.
Er sagte noch: Pass auf mit solchen Sachen. So was melden wir dem Osten.
Der Funkturm, ein Wahrzeichen der Stadt, im Krieg schwer beschädigt,
wird im Juni 1948 nach umfangreichen Reparaturarbeiten freigegeben.
Jetzt kann es wieder heißen: Jeder Berliner einmal auf den Funkturm!
Der höchste Fahrstuhl Deutschlands, ist wieder in Fahrt.
Die Kriegsbeschädigungen sind beseitigt,
die 135 Meter hohe Eisenkonstruktion wurde neu geschweißt,
vernietet und mit Schutzfarbe versehen.
Anita Stapel und ihr Freund Joachim sind seit anderthalb Jahren verlobt.
Nun erwarten sie ein Kind. Und das hat Konsequenzen.
Ein Mädchen, das ein Kind erwartete und nicht verheiratet war,
das war zu der Zeit noch in höchstem Maße anstößig.
Da sagte mein Mann als allererstes, als ich ihm verkünden musste,
dass ein Kind unterwegs ist, natürlich heiraten wir sofort,
ehe das Kind kommt.
Ich vergesse nie, dass meine Schwiegermutter zu ihm sagte,
was er mir erzählte:
Meine Mutter sagt, du heiratest nur meines Geldes wegen.
Er verdiente genau 215 Reichsmark zu der Zeit, ja.
Wie gesagt, ich möchte mal wissen, ob jemand für 215 Mark
um des Geldes wegen geheiratet hat.
Also das war so absurd.
Aber sie hatte anfangs, das war so ein bisschen problematisch,
sie hatte das Gefühl, ich nehme ihr jetzt ihren Sohn weg.
Nicht nur Anita Stapel und ihre künftige Schwiegermutter
stehen auf Kriegsfuß, auch die Siegermächte.
Die Westalliierten treiben den Zusammenschluss ihrer Zonen
zu einem separaten Staat voran,
die Sowjets fordern die Einheit Deutschlands.
Ein Machtpoker beginnt.
Am 16. Juni beendet die sowjetische Besatzungsmacht ihre Mitarbeit
in der Alliierten Kommandantur,
der gemeinsamen Viermächte-Verwaltung Berlins.
Zwei Tage später kündigen die Westmächte
eine Währungsreform für ihre Zonen an.
Ohne Absprache wird die Deutsche Mark in Westdeutschland eingeführt.
Die Sowjets müssen reagieren,
damit im Westen ungültiges Geld nicht ihre Zone überschwemmt.
Eine Ostmark muss her.
Eilig werden die Reichsmarkscheine mit einem Coupon beklebt.
Sie sollen für ganz Berlin gelten.
Am 23. Juni erteilt die Sowjetische Militärverwaltung den Befehl dafür.
Die Westalliierten aber wollen kein Ostgeld in ihrem Machtbereich
und ordnen die Einführung der D-Mark in ihren Sektoren an.
Wer die Währung hat, hat die Macht!
Und in diesem Kampf wähnen sich die Sowjets am längeren Hebel.
In der Nacht zum 24. Juni
wird die Stromversorgung in den Westen der Stadt gekappt.
Morgens melden die Ost-Berliner Nachrichten "technische Störungen"
auf Eisenbahnstrecken und Wasserstraßen.
Die Autobahn wird wegen "dringender Reparaturarbeiten" gesperrt.
Die West-Berliner Bevölkerung
erfährt erst im Laufe des Tages davon.
Der Beginn der Blockade.
Natürlich lag es in der Luft.
Und natürlich wurde es immer massiver.
Aber dass es dann zuschlug,
irgendwo hast du es dann doch nicht für möglich gehalten.
Und dann war es da.
Und es war ja eine heikle Situation.
Ich meine, du hattest ja englische, französische, amerikanische Truppen
in der Stadt; was passiert nun?
Jenseits des Abgeschnürtwerdens war es diese Kriegslage,
die mit einem Schlag da war.
Am 24. Juni erhalten die Ost-Berliner ihr neues Geld.
Weil es die alten Reichsmarkscheine mit aufgeklebtem Coupon sind,
haben sie auch gleich entsprechende Spottnamen dafür:
"Klebegeld", "Tapetenmark".
Einen Tag später wird in West-Berlin die "Bärenmark" eingeführt.
Jeder der nagelneuen, dem Dollar ähnlichen D-Mark-Scheine,
wird mit "B" gestempelt.
Während die "Bärenmark" im Ostsektor strikt verboten wird,
lassen die Westalliierten das Ost-"Klebegeld"
auch in ihren Sektoren gelten.
In der Hoffnung eine endgültige Währungsspaltung zu verhindern.
Sie ordnen an, dass die Arbeitgeber in den West-Sektoren
Löhne und Gehälter zunächst nur zu einem Teil in D-Mark auszuzahlen.
Anita Stapel lebt nun mit zwei Währungen.
Das war so, dass erstmal jeder von seinem Gehalt
nur zehn Prozent in D-Mark bekam,
den Rest gab es weiter in Klebemarken.
Und die D-Mark war aber das, wofür man plötzlich Dinge bekam,
die in den Geschäften, man sagt, über Nacht, wo vorher nichts war,
standen plötzlich die tollsten Sachen in den Schaufenstern.
Aber dann nur gegen D-Mark.
Und da man nur zehn Prozent ...
Sie können sich das mal ausrechnen, wie viel das war bei 115 Reichsmark,
wie es vorher hieß.
Zehn Prozent davon ist nicht viel.
So konnten wir uns für D-Mark erst mal gar nicht so viel leisten.
Ich weiß noch, dass wir für einen Teil etwas für das Baby,
einen Strampelanzug kauften, den es dann auch plötzlich nur in DM gab.
26. Juni.
West-Berlin am Tag 3 der Blockade,
eine umzingelte, eingeschlossene Stadt,
abgeschnitten von jeglicher Versorgung.
Nur die Luftkorridore können die Sowjets nicht absperren.
Ein kühner Plan, für den es kein Vorbild gibt,
wird in die Tat umgesetzt.
Auf dem Flugplatz Tempelhof
landet eine US-amerikanische Transportmaschine.
Beginn der Operation "Vittles",
die rasch unter dem Namen "Luftbrücke" berühmt wird.
Eine riesige Luftflotte bringt Lebensmittel, Treibstoff und Kohle.
Die größte Luftversorgungsaktion aller Zeiten hat begonnen.
An einem einzigen Tag wurden fast 1.500 Tonnen Güter
auf dem Luftweg nach Berlin gebracht.
In erster Linie Mehl, Trockenmilch, Büchsenfleisch ...
Es war ja leider so, dass es nichts zu essen gab,
das Wenige auf Marken und schon gar nichts, was eine Frau essen müsste.
Weder Obst noch Gemüse. Es gab alles nur im Trockenzustand.
Wir bekamen Trockenkartoffeln, Trockengemüse, Trockenmilch.
Wenn jemand fragte, was kochst du heute?
Dann wie gesagt, Trockenkartoffeln mit Trockengemüse.
Und morgen koche ich Trockengemüse mit Trockenkartoffeln.
Jeden Tag das Gleiche.
Noch rechnen die Sowjets damit,
dass die Drei-Sektoren-Stadt durch die Blockade bald kollabiert.
In ihrer Verunsicherung verbünden sich die Einwohner
zur Schicksalsgemeinschaft.
Bahnen Sie hier in der Mitte zur Straßenecke rüber
eine Gasse für Louise Schröder.
Die beliebte Oberbürgermeisterin Berlins
ermutigt in einer dramatischen Zeit.
Ihnen allen, meine lieben Berlinerinnen und Berliner,
danke ich, dass Sie alles, was in diesen Wochen
über Sie verhängt wird, hinnehmen in dem Bewusstsein,
Berlin kämpft für Deutschland, Deutschland verlässt Berlin nicht
und Berlins und Deutschlands Demokratie kämpft für die Welt.
In diesen Tagen und Wochen entsteht "West-Berlin".
Die eingeschlossenen Bewohner werden zu stolzen Insulanern,
umgeben von einem Roten Meer.
Die West-Alliierten scheuen keine Mühen,
um ihren Vorposten gegen die Macht im Osten zu halten.
Trotz Verlusten.
In Friedenau prallte eine Dakota kurz vor der Landung
gegen ein vierstöckiges Haus.
Der Flugzeugführer, Lieutenant Charles King, und sein Begleiter,
Lieutenant Robert Stuber, waren sofort tot.
Ich erinnere mich noch gut, ich stand aus blanker Neugierde
mal auf dem S-Bahnhof Tempelhof und als sie anfingen,
die Kohle für Kraftwerke West zu bringen, da bemerkte ich doch,
da steckt ein politischer Wille dahinter, der nicht von Pappe ist.
Ausbleibende Rohstofflieferungen und tägliche Stromsperren
treffen die West-Berliner Wirtschaft existenziell.
Bis Mitte Juli stellten über 2.400 Unternehmen die Produktion ein.
Die Stadtverwaltung registriert über 35.000 neue Arbeitslose.
Auch wenn die Flugzeuge der Amerikaner und Briten
alle paar Minuten landen,
bleibt die Versorgung der Westberliner mangelhaft.
Ost-Berlin soll unbedingt besser dastehen.
Dafür schickt die Sowjetunion Getreide.
Ein Versorgungsangebot auch für West-Berliner.
Befehl Nr. 80 der sowjetischen Militäradministration erlaubt ihnen,
im Osten einzukaufen.
So hat seit dem 1. August jede Berliner Hausfrau die Möglichkeit,
egal in welchem Sektor sie wohnt,
ihre Lebensmittelkarten im sowjetischen Sektor anzumelden,
wo sie voll beliefert werden.
Der Osten wollte ja dann die Leute locken, nicht.
Und das war eben das, wo der Westen relativ stark war.
Wir sagten, wir ertragen die Blockade,
aber von den Russen lassen wir uns nicht kassieren.
Aber einige haben das, meine Großmutter z.B. die hat das gemacht.
Da sie ja auch wenig Rente hatte, und für das, was sie denn da bekam,
das waren zumindest frische Sachen.
Dann hat sie uns damit natürlich auch verköstigt.
Dass wir alle was Frisches hatten.
Wir hatten so einen kleinen Bollerwagen,
dann haben wir da eingekauft.
Marmelade, Brot, Margarine.
Und man konnte sogar da Fleisch kaufen.
Also das war problemlos.
Der Potsdamer Platz.
# Gonna taka a sentimental journey
Hier stoßen der amerikanische, britische und sowjetische Sektor
unmittelbar aufeinander.
Am 21. August markieren die Briten den bisher unsichtbaren Grenzverlauf
mit Strichen auf dem Pflaster: neue Feindlinien.
Zur gleichen Zeit konferieren in Moskau
die Botschafter der Westalliierten mit Stalin.
Der sowjetische Führer bietet an, die Blockade aufzuheben,
wenn die Ostmark in ganz Berlin eingeführt wird.
Während die Westmächte verhandeln, improvisieren die West-Berliner.
Alltag im Ausnahmezustand.
Haarwäsche und Wasserwellen
wegen Stromrationierung "heute" nur zwischen 22 und 24 Uhr.
Und die Kinder der Stadt?
Im September 1948 wird die fünfeinhalbjährige Roswitha
in Charlottenburg eingeschult.
Das Kleid dafür hat ihre Mutter gestrickt.
Sie hat immer gestrickt, gestrickt, dachte sich dann selber Muster aus,
ist nachts aufgestanden und machte ihre Kreuzchen,
sie strickte viel Norwegermuster.
Es war halt so.
Ich musste die Sachen eben tragen.
Es gab ja auch noch nicht groß was zu kaufen.
Man hat genäht oder gestrickt für sich selber oder Angehörige.
Die Mutter betreibt einen Marktstand,
an dem sie nicht nur feine Strickwaren anbietet.
Richtige Panzer von Hüfthaltern, Büstenhalter ...
Man hat ja damals gepanzerte Unterwäsche gehabt, die Frauen.
Für Kinder eben Laibchen und Strümpfe und ganz viel Wolle,
also Textilien.
Meine Mutter ging da immer arbeiten,
und ich musste dann also schon für das Mittagessen sorgen.
Sie hat eingekauft natürlich,
aber ich sollte dann das so alles vorbereiten.
Buletten machen, Kartoffel schälen.
Ich habe das halt gemacht, um gehorsam zu sein eben, nicht.
Damals war man noch nicht so sehr am Aufmucken.
Auch in der Schule.
Die erste, zweite Klasse, das war eigentlich noch ganz schön streng,
mit Lineal auf die Finger gehauen ...
Und es gab so alte Lehrerinnen,
und ich weiß noch, einmal hat die mir auch auf die Finger gehauen,
hat gesagt, ein katholisches Kind macht so was nicht.
Da war aber dann meine Mutter am nächsten Tag in der Schule.
Da gab es dann Tacheles. Mein Kind fassen Sie nicht noch mal an.
Da wurde man eben noch geschlagen.
Roswita Wollenberg wächst allein mit ihrer Mutter auf.
Ihr Vater fiel in Russland, Dezember 1942, drei Monate vor ihrer Geburt.
Meine Mutter neigte nicht dazu, sehr zärtlich und liebevoll zu sein,
weil, weiß ich nicht, die Kriegsjahre hatten sie geprägt.
Sie hatte einen Selbstmordversuch unternommen.
Was ich natürlich nicht so mitbekommen habe.
Später dann haben mir das Cousinen erzählt.
Und dann wurde sie wohl, also dann fing sie an, richtig zu kämpfen.
Und dann hat man ihr wohl klar gemacht, so geht es nicht.
Das Leben geht weiter. Und da ist noch ein Kind, das dich braucht.
Und dann war sie eigentlich immer für mich da.
Hat immer an meiner Seite gestanden.
Aber sie war eben nicht so diese zärtliche Mutter.
Keine Zeit der Zärtlichkeit.
Der Kalte Krieg geht weiter.
Die Westmächte lehnten Stalins Angebot
"Ostmark für ganz Berlin statt Blockade", ab.
Im Herbst soll ein neuer Magistrat gewählt werden.
Die SED kann die Wahl nicht gewinnen.
Sie kann sie nur verhindern, ihre demokratischen Rivalen ausschalten.
Am 6. September stürmt eine bestellte
und aufgeheizte Menschenmenge das Neue Stadthaus,
fordert eine einheitliche Währung für Berlin
und die Absetzung des Magistrats. Die Sitzung wird gesprengt.
Die Abgeordneten der SPD, CDU und LDP
wechseln in den britischen Sektor,
tagen nun im Studentenhaus der Technischen Universität.
Die SED-Fraktion boykottiert den "Umzug".
Die Spaltung des Magistrats hat begonnen.
Der 8. September ist ein Hochzeitstag.
Anita Stapel, im 5. Monat schwanger, heiratet Joachim.
Ich glaube, ich bin die einzige, die jemals geheiratet hat,
an deren Hochzeit es keinen Tropfen Alkohol gab.
Den hätte man nur auf dem Schwarzmarkt bekommen
und dafür hatten wir kein Geld.
Und meine Mutter hatte ein Gericht, Szegediner Gulasch.
Sauerkraut mit Schweinefleisch. Das war unser Hochzeitsessen.
Da es so knapp war, waren nur die Trauzeugen eingeladen.
Es war mein Schwiegervater und ein älterer Onkel von mir.
Und meine Mutter und mein Mann und ich.
Meine Schwiegermutter, muss ich dazu sagen,
kam auch nicht zur Hochzeit, weil ich ihr ja den Sohn genommen hatte.
Einen Tag später zieht das Paar zum Platz der Republik am Reichstag.
Es ist der 78. Tag der Blockade.
Die demokratischen Parteien
riefen zum Protest gegen die Spaltung des Magistrats,
gegen die Spaltung ihrer Stadt, auf.
Es war wirklich die einzige Kundgebung,
zu der ich damals noch ging.
Berlin geht an diesem Tag zum Platz der Republik. Ernst Reuter spricht.
Und schon ist meine Mutter mit mir da hingewandert.
Über 300.000 Menschen hören eine der bedeutendsten Reden
der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Ernst Reuter erklärt das Schicksal West-Berlins
zum Schicksal der westlichen Welt.
Dieses Volk von Berlin heute ruft die ganze Welt.
Ihr Völker der Welt,
ihr Völker in Amerika,
in England,
in Frankreich,
in Italien,
schaut auf diese Stadt!
Und erkennt,
dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft,
nicht preisgeben könnt.
Das war wirklich unglaublich.
Es war so eine, ja, es ging durch die Haut, kann man sagen.
Das verursachte Gänsehaut.
Noch kann die Blockade den Durchhaltewillen
der Frontstadtbewohner nicht brechen.
Aber sie zerrt an ihren Kräften. Der Winter naht.
Wieder mal werden Bäume gefällt.
Und je kälter die Tage, desto wagemutiger die Kohlenklauer.
Wir wohnten in der Nähe vom Flughafen Tempelhof.
Also, was heißt in der Nähe.
Da liefen wir auch eine Dreiviertelstunde bis eine Stunde,
aber da war dann an einem Zaun, wo die Flugzeuge landeten,
da konnten wir klauen, da konnten wir Kohlen klauen,
Und wenn die Säcke aufplatzten beim Abschmeißen, und dann sind zwei,
drei Kinder über den Zaun rüber und haben dann immer rübergeschmissen,
bis irgendeiner kam: "Hej"!
Meine Mutter wohnte im russischen Sektor mit mir,
meine Oma wohnte im amerikanischen Sektor.
Ging ich zu Oma, hatte ich immer ein Paket mit Kohlen.
Wir hatten im russischen Sektor Kohlen.
Die hat Mutter mir geschnürt, damit Oma heizen konnte.
Die habe ich vom Friedrichshain getragen,
ich weiß sogar noch den Weg, den ich zu meiner Oma nach Kreuzberg lief.
Ich bin runter auf die Frankfurter Allee,
dort ging ich Richtung Gendarmenmarkt,
dann spielten wir noch im alten Schauspielhaus in den Trümmern
und dann nahm ich meine Kohlen und lief nach Kreuzberg.
Ich hatte auch manchmal frische Schrippen mit für Oma.
Durch Währungsreform und Blockade
ist Berlin wirtschaftlich zweitgeteilt.
Nun wird die politische Teilung vollzogen.
Am 30. November 1948 wird in Ost-Berlin
der bisherige Gesamtberliner Magistrat abgesetzt,
eine neue Stadtregierung für den sowjetischen Sektor gebildet
mit SED-Politiker Friedrich Ebert junior an der Spitze.
Am 5. Dezember wählt West-Berlin seine Stadtregierung.
Ernst Reuter wird endlich Oberbürgermeister.
Die Stadt hat nun zwei Regierungen.
Berlin als Vorbote der deutschen Teilung,
bevor die Bundesrepublik und die DDR gegründet werden.
Ende des Jahres kommt die "Berliner Ballade" ins Kino.
Mit satirischen Episoden und ironischem Off-Kommentar
nimmt der Film das geistige Klima der Nachkriegszeit aufs Korn.
Dreieinviertel Millionen Einwohner hatte Berlin damals.
Keiner kann sich heute erklären, wo die alle wohnten.
Die Mehrzahl der Berliner waren damals sogenannte Normalverbraucher.
Als Jedermann, als Normalverbraucher,
agiert ein Kriegsheimkehrer,
der sich aus der Alltagsmühsal
in eine Tortenmahlzeit mit Sahnehäubchen träumt.
Mit Weichzeichner und süßlicher Heimatmusik karikiert der Film
die Sehnsüchte der kleinen Leute.
Der noch spindeldürre Gert Fröbe
wird so zum Vorbild und sein "Otto Normalverbraucher"
zur Volksvokabel für den typischen deutschen Durchschnittskonsumenten.
Scharf und kontrastreich zeigt die Kamera das Ende des Traums:
die Nachkriegs-Realität.
So bitter wie der Winter 1948 für die West-Berliner.
Während der Stromsperren vermeldet der RIAS
von amerikanischen Lautsprecherwagen die unguten Nachrichten des Tages.
Die Exklave West-Berlin wird zur finanziellen Bürde
der westdeutschen Bundesländer, die viele Güter nach West-Berlin liefern
und die immensen Kosten der Luftbrücke mittragen.
Ein Ende der Blockade ist nicht in Sicht.
Wie lange kann man die Stadt aus der Luft versorgen?
Hamburgs Bürgermeister schlägt vor,
wöchentlich 20.000 Berliner auszufliegen,
um West-Berlin zu leeren.
Du warst nicht sicher.
Du warst bedroht, es blieb eine Auseinandersetzung um die Existenz,
du vertrautest, dass es möglicherweise Ernst Reuter schafft,
dass es die SPD schafft.
Dass der Rest von Deutschland zu uns stehst, da warst du nicht so sicher.
Es blieb eine existentielle Grundangst da.
Und die war nicht vergleichbar mit dem Kriegsende.
Die war anders. War anders.
Beim Kriegsende hast du vielleicht noch gedacht,
du kommst irgendwie durch.
Du kommst raus und wenn der ganze tödliche Scheißdreck vorbei ist,
geht es wieder an.
Aber hier hattest du die Angst, wenn die dich schlucken,
und du wirst die Sowjetunion.
Na, dann gute Nacht, Pate.
Am ersten Weihnachtsabend
präsentieren "Günter Neumann und die Insulaner"
ihr RIAS-Funkkabarett.
Ethel Reschke singt das "Lied vom Insulaner".
Es wird zur Hymne West-Berliner "Frontstadt"-Gelassenheit.
# Der Insulaner
# Verliert die Ruhe nich
# Der Insulaner
# Liebt keen Jetue nich
# Der Insulaner
# Hofft unbeirrt
# Dass seine Insel
# Weder 'n schönes Festland wird
# Ach wär das schön
Untertitel: rbb (2021) Susanne Teichmann
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